Hi,
ich habe hier schon ein wenig gestöbert: der Arbeitsplatz ist ja immer wieder einmal Thema und jetzt will ich auch mal ein paar Fragen stellen und Meinungen einholen.
Ich war bislang in der Überzeugung, dass ich keine besonders strenge Erziehung genossen habe, was wohl auch in den 80er/90er Jahren relativ üblich war. Nicht, dass ich schlechtes Benehmen habe, aber bei so manch einem Mitschüler ging es doch deutlich disziplinierter zu.
Nun habe ich unter meinen Kollegen (weitgehend in meinem Alter) das Gefühl, als wäre ich Frau Knigge persönlich.
Mal ein paar Beispiele:
* kürzlich hatten wir Besuch von einem Kollegen aus einer anderen Abteilung, der uns über verwaltungstechnische Änderungen aufklären wollte. Wir saßen zu dritt am Tisch, er kam rein, gab uns reihum die Hand und ich war die einzige, die aufstand.
* beim Essen wird mit vollem Mund gesprochen, ein Kollege benutzt grundsätzlich kein Messer sondern zerteilt alles mit der Gabel, ein anderer hängt regelmässig mit aufgestütztem Ellbogen über dem Tisch, wenn andere noch essen
* meine Kollegin, die mit mir im Büro sitzt, isst und trinkt häufig mit lauten Nebengeräuschen. Neulich hat sie während ich telefonierte mehrmals aus so einer Nuckelflasche (diese Dinger mit "trendigem" Mineralwasser) getrunken, die dabei jeweils laut krachend zusammengesogen wurde und sich dann wieder ausbreitete.
* in Besprechungen wird häufig nicht dem Sprechenden gefolgt, sondern mit dem Mobiltelefon gespielt, in der Luft herumgeguckt oder mit irgendwelchen Gegenständen auf dem Tisch herumgespielt.
Mittlerweile habe ich schon einen gewissen Ruf weg, weil ich auf solche Dinge wert lege. Ändern werde ich das sicherlich nicht, weil ich gleichzeitig auch merke, dass es insbesondere bei älteren Kollegen oder Kunden gut ankommt.
Ich mag nicht glauben, dass das ein Generationsproblem ist, weil es auch in meinem Freundes-/Bekanntenkreis viele Leute habe, die sehr gute Umgangsformen haben. Eher habe ich den Verdacht, dass das so eine Art Gruppenzwang ist, d.h. Leute die neu hinzukommen passen sich an: "Wenn die alle nicht aufstehen muss ich es auch nicht".
Nun meine neugierige Frage: wie sind eure Erfahrungen damit? Wie läuft es bei euch unter den jüngeren Kollegen ab?
Antworten
Ergebnis 1 bis 10 von 55
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20.02.2012, 19:43
Umgangsformen im Alltag mit jungen Kollegen
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20.02.2012, 19:49Inaktiver User
AW: Umgangsformen im Alltag mit jungen Kollegen
Bei mir ist das ganz einfach *g* Ich bin in einem weisen Alter (fast 50) da kann ich alles sagen...
Aber so wie bei dir hab ich das noch nicht erlebt.
Vielleicht hatte ich aber nur Glück...
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20.02.2012, 22:39
AW: Umgangsformen im Alltag mit jungen Kollegen
Also ich glaube nicht, dass das Alter damit zu tun hat. Meine süße, junge Kollegin (Anfang 20) benimmt sich weit aus besser als so manche (einfach gestrickte) Kollegin mit Ende 40. Es ist wohl eher eine Frage des Lebensstils...
Das Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit. (Søren Kierkegaard)
Ein wahrer Freund ist der, der dein Lächeln sieht, aber weiß, dass deine Seele weint.
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21.02.2012, 06:54
AW: Umgangsformen im Alltag mit jungen Kollegen
Ich hab so ähnliche Beobachtungen gemacht, eine junge Kollegin hat auch ziemlich wenig Benehmen bei Tisch, was mich immer wieder wundert.
Einfach gestrickt ist sie ganz bestimmt nicht, keine Ahnung, ob da im Elternhaus nicht drauf geachtet wurde!?Islabonita
Moderation im Freundschaftsforum, Umgangsformen, Familiensache, Mietforum und in Rund um die Bewerbung - ansonsten normale Userin
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21.02.2012, 18:19
AW: Umgangsformen im Alltag mit jungen Kollegen
Wie reagieren denn die jungen Kollegen auf Dein gutes Benehmen?
Sagst Du Deiner Kollegin, dass das laute Gesabbere und Gezutsche stört?
Sagst Du hinterher, dass man aufsteht, um eine neue Mitarbeiterin zu begrüssen?
usw.Körperlich Distanz
Sozial zusammen
You'd have to be here
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It's northerly facing and close to an open fjord
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Calling so slowly from summer's before
Kari Bremnes
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21.02.2012, 21:06
AW: Umgangsformen im Alltag mit jungen Kollegen
Hi,
Danke für eure Antworten. Ich gehe erst mal auf die Fragen ein.
Zunächst einmal muss ich sagen, dass wir grundsätzlich ein gutes Verhältnis untereinander haben. Ich denke auch, dass meine Kollegen in jeglicher Hinsicht sehr tolerant sind und mich voll und ganz so akzeptieren wie ich bin.
Ab und an fällt mal ein neckischer Spruch "Ach, Frau Dunham heute wieder ganz förmlich!" oder ähnliches. Ansonsten gelte ich wohl auch als Anlaufstelle für jegliches "gehobenes" Wissen: "Darf man Hamburger in der Kantine mit den Händen essen?" oder "Wie soll ich Herrn xy in der Mail anreden?".
Mein Grundsatz ist: wenn es mich selbst betrifft, sage ich das auch.Sagst Du Deiner Kollegin, dass das laute Gesabbere und Gezutsche stört?
Sagst Du hinterher, dass man aufsteht, um eine neue Mitarbeiterin zu begrüssen?
usw.
Die lärmenden Kollegin habe ich freundlich darauf hingewiesen, dass die Geräusche sehr laut waren, sie hat es sofort verstanden und sich auch entschuldigt. Einen Langzeiteffekt hat das aber leider nicht. Immerhin habe ich ihr austreiben können, sich im Büro mit Deo-Spray einzusprühen.
Den Messer-Verweigerer (mit dem man problemlos Klartext reden kann) habe ich frei heraus gefragt, ob er nicht in der Lage ist, zwei Besteckteile gleichzeitig zu benutzen. Antwort: "Doch, aber wir sind hier nur in der Kantine, nicht im Restaurant!".
Ansonsten möchte ich aber auch nicht als Erziehungsberechtigter oder gar Moralapostel auftreten. Zum einen sehe ich mich nicht in der Position, gleichaltrige oder sogar ältere Kollegen zu erziehen. Zum anderen würde sich für mich auch die Frage stellen, wo es anfangen und wo es aufhören soll.
Mir ist heute morgen auch noch ein Dialog eingefallen, den ich vor einigen Wochen mit meiner Kollegin geführt habe. Sinngemäss ging das so:
sie: "Boah, der Meier aus der Buchhaltung geht mir so auf die Nerven!"
ich: "Was hat er getan?"
sie: "Der hat mir schon wieder die Tür aufgehalten!"
ich: "Ich glaube ich verstehe das grade nicht. Was nervt denn daran?"
sie: "Der macht das ständig. Neulich wollte er mir helfen, als ich den Monitor über den Flur getragen habe, in der Kantine hat er gefragt ob er mir ein Glas vom Wasserspender mitbringen soll...."
ich: "Ich finde das sehr freundlich."
sie: "Ja, das kann ich mir schon vorstellen. Aber ich bin ein total ungeduldiger Mensch und mich nervt das voll!".
ich: "Hmmm, verstehe ich jetzt nicht. Wofür braucht man denn Geduld, wenn man die Tür aufgehalten bekommt?"
sie: "Mich hält das halt auf."
Ich kapier es nicht.
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22.02.2012, 19:42
AW: Umgangsformen im Alltag mit jungen Kollegen

Entschuldige, Olivia, jetzt musste ich rasch mal lachen!
Der Dialog hat ja Loriot-Charakter.
Bleib wie Du bist! Du sagst ja selbst, im allgemeinen kommt es gut an bzw. stoert die "legereren" Kollegen nicht.
Ich schliesse mich den uebrigen Schreibern an: Ich habe auch noch nicht herausgefunden, woran sich Manieren festmachen lassen. Weder Alter noch soziale Herkunft lassen eindeutige Schluesse zu. Vielleicht ist es mittlerweile weitgehend eine Geschmacksfrage? Natuerlich spielt die Erziehung eine Rolle. Also vielleicht: "Familiengeschmack"?
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22.02.2012, 19:56
AW: Umgangsformen im Alltag mit jungen Kollegen
Ich glaube eigentlich nicht an ein Generationenproblem, mir sind in letzter Zeit einige Male junge Leute aufgefallen, die sowas von dermassen freundlich und lieb und wohlerzogen waren.... habe mich da eher gefreut und mir gedacht, dass die Jugend heute viel höflicher ist, als wir es damals waren...(bin 45!).
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22.02.2012, 20:17
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22.02.2012, 20:36
AW: Umgangsformen im Alltag mit jungen Kollegen
Die junge Frau bringt es auf den Punkt:
Höflichkeit, Freundlichkeit - das alles kostet Zeit.
Und die nimmt man sich heute nicht mehr so gern, nur damit ein Mitmensch sich besser fühlt.
Mich hat das Buch von Asserate ja so begeistert. "Manieren". Aber das kann man ja nun niemandem auf den Tisch legen. Ich habe so viel gelernt daraus! Unter anderem, dass nicht wichtig ist, wo das Besteck liegt, sondern wie respektvoll und rücksichtsvoll man miteinander umgeht. Das andere ist Getue, was früher bei Hofe üblich und wichtig war. Wirklich, das Buch ist klasse, kann es nur empfehlen. Ich lese ab und an mal was zum Thema Manieren. Weil - diese Dinge wandeln sich ja auch. Und ich will da nicht stehenbleiben.
Ich meine, dass jede Generation meint, die Manieren der nachfolgenden Leutchen wären sehr schräg bis unhaltbar.

Büroleben hat eine besondere Dynamik diesbezüglich.
Büro-Knigge eben.
Jemanden anzusprechen wegen seines Benehmens ist ein ganz heißes Eisen. Ich glaube nicht, dass ich etwas sagen würde, außer derjenige stört massiv oder "schadet" mir (schmutzige Schuhe auf die Stühle legen z.B.). Aber auch dann nur situativ und sicherlich nicht als "Vortrag".
Bei Ödipussi
sieht man doch sehr schön, wie "Manieren" nicht sein sollten: Der feine Herr Loriot hatte ein ausgezeichnetes Verhalten, comme-il-faut, aber wie er den armen Mann am Bahnsteig behandelt hat...herablassend, sehr unfein. Und das sind schlechte Manieren.
Mir ist einer lieber, der meinetwegen die Bananen quer ißt, aber dafür liebevoll und respektvoll mit seinen Mitmenschen umgeht.The original Karla
est. 2006













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