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    Nichts Schlechtes über Tote sagen?

    Durch die aktuell etwas emotionale Debatte im Fassungslosforum darüber, ob das Opfer der Münchner Bahnhofsschläger evtl. tatsächlich zuerst zugeschlagen hat oder nicht, frage ich mich, was diese Empörung auslöst.

    Es ist unbestritten, daß Herr Brunner das Richtige getan hat - er ist eingeschritten, um anderen zu helfen. Niemand weiß, in wie vielen hundert oder tausend Fällen am Tag dieses Verhalten ohne Schäden gutgeht. In diesem Fall ging es nicht gut, was wohl niemand begrüßt und sicherlich auch niemanden völlig gleichgültig gelassen hat.

    Aber ist es wirklich derartig unvorstellbar, die Frage zu stellen, ob Herr Brunner nicht vielleicht auch etwas falsch gemacht hat? Ist er durch sein Sterben über jeden Zweifel, über jede Mitschuld (an dem Ausbruch an Aggression, nicht an seinem Tod!) erhaben?

    Ich habe gelernt, daß "man über Tote nicht schlecht redet". Damals, als man mir das beigebracht hat, hat sich der Grund "weil sie sich nicht mehr wehren können" in meinem (damals) kindlichen Verstand festgesetzt. Aber ist das wirklich so? Darf man einen Raser, der sich zu Tode gefahren hat, nicht einen Raser nennen? Darf man einen Alkoholiker, der sich totsäuft, nicht Alkoholiker nennen? Ist es falsch, einen prügelnden, mißbrauchenden Vater, der die Entdeckung seiner Taten nicht ertrug und sich erhängte, auch einen ebensolchen zu schimpfen?

    Ich rede nicht von Beschimpfungen oder übler Nachrede. Jemandem nach dem Tod eine Affäre anzuhängen, oder seine Tagebücher in der Klatschpresse auszubreiten oder grundsätzlich schmutzige Wäsche zu waschen - das ist tatsächlich respektlos. Aber wo ist die Grenze zwischen Verunglimpfung und klarer Sicht auf den Toten, zwischen der klaren Sicht auf den Toten und Verklärung?

    Ich schreibe das im Umgangsforum, weil ich mir sicher bin, daß es hierher am besten paßt, denn es geht im Endeffekt ja nicht um den Umgang mit dem Toten, sondern mit den Angehörigen und Freunden, die mit den Reaktionen der Umwelt klarkommen müssen.

  2. Inaktiver User

    AW: Nichts Schlechtes über Tote sagen?

    Ich spreche über Verstorbene so, wie sie eben waren.
    Mit guten und schlechen Seiten. So wie sie jeder hat.

    Tote soll man ruhen lassen..
    Da fällt mir noch was ein zur Energie..die fließt ja dann dahin wo sie eigentlich.. verpufft. Ändern im nachhinein kann man nichts..
    Sie selbst können sich nicht ändern und auch die Anverwandten können den/diejenigen auch nicht ändern.
    Trotzdem sind und waren es Menschen, die durchaus auch was falsch gemacht haben könnten. Ohne Frage..

    Man kann sie natürlich Raser, Vergewaltiger, Mörder nennen.
    Oftmals ist es aber so, daß diejenigen Menschen dann eben in diese "Schublade" gesteckt werden.
    "Der hat gemordet, der ist ein Mörder".
    Was ich vermute:
    Menschen wollen sich vielleicht nicht dem stellen, daß die Anteile in jedem Menschen drin stecken. Damit kann man sich dann gut beruhigen, denn der Mörder, der Vergewaltiger, der Alkoholiker hat diesen Namen nun.
    Aber es sind überall Menschen.. ohne jetzt was gutzureden (!), das steht auf einem anderen Blatt.

  3. Inaktiver User

    AW: Nichts Schlechtes über Tote sagen?

    Zitat Zitat von Tszimisce Beitrag anzeigen
    Aber ist es wirklich derartig unvorstellbar, die Frage zu stellen, ob Herr Brunner nicht vielleicht auch etwas falsch gemacht hat? Ist er durch sein Sterben über jeden Zweifel, über jede Mitschuld (an dem Ausbruch an Aggression, nicht an seinem Tod!) erhaben?

    I
    Die Thematik, die du ansprichst, hat meiner Meinung nach mit dem Grundsatz "Über Tote soll man nicht schlecht reden" nichts zu tun.

    Denn es geht in erster Linie um ein Strafverfahren, in welchem versucht werden muss, die Tat so sorgfältig wie möglich aufzuklären.

    Der von dir angesprochene Grundsatz, dass man über Tote nichts schlechtes reden soll, betrifft eher den privat-gesellschaftlichen Bereich. Man erweist dem Toten einen gewissen Respekt, indem man sich auf die guten Seiten konzentriert und die schlechten nicht weiter ausbreitet.

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    AW: Nichts Schlechtes über Tote sagen?

    Hallo Tszimisce,

    ich für meinen Teil rede so über Tote, wie ich sie wahrgenommen habe, mit allen guten und schlechten Seiten.

    Und ich finde es immer befremdlich, wenn Tote glorifiziert werden. Das tun ja teilweise auch Angehörige, indem sie einen Menschen, an dem sie noch vor kurzem kein gutes Haar finden konnte, nach seinem Tod zum Heiligen stilisieren. Sowas fand ich schon immer seltsam.

    Klar, auch ich würde mir wünschen, dass nach meine Tod die Menschen, die mich kannten, positiv über mich reden und sich an meine Fehler und Macken mit einem nachsichtigen Lächeln erinnern. Und wenn ich mir vorstelle, ich käme durch fahrlässiges Verhalten oder Unvorsichtigkeit ums Leben, dann würde ich nicht erwarten, dass dieser Umstand pietätvoll verschwiegen wird. So lange die Tatsachen nicht völlig verdreht wiedergegeben würden, jetzt hätte ich beinahe geschrieben, könnte ich damit leben .

    Und so wie ich mir vorstelle, dass ich gerne gesehen werden möchte, so versuche ich auch andere Menschen nach ihrem Tod zu sehen: als Menschen. Mit Fehlern, Schwächen, Macken und vielen guten Seiten.

    Im Fall Brunner denke ich auch, dass der Tathergang lückenlos aufgeklärt werden muss. Und wenn sich herausstellt, dass er womöglich einen Anteil daran hat, dass die Sache so eskaliert ist, dann ist das eben so. Das schmälert in meinen Augen nicht die Tragik seines Todes, zeigt aber auch, dass nicht alles ganz schwarz oder weiß ist. Und für mich liegt darin irgendwie auch ein Trost.

    Viele Grüße,

    Malina
    Du hast mein Klagen in Tanzen verwandelt. (Psalm 30)

  5. Inaktiver User

    AW: Nichts Schlechtes über Tote sagen?

    Die Gewissensfrage - Dr. Dr. Rainer Erlinger - Süddeutsche Zeitung Magazin - wie witzig, dass das Thema genau diese Woche diskutiert wurde.
    Ich finde eigentlich, dass er recht hat: wenn das Diskutieren eventueller Fehler heute keine Relevanz mehr hat (was im Ausgangsfall aufgrund des Strafverfahrens grade eben nicht so ist), darf man darüber ruhig schweigen.

  6. Inaktiver User

    AW: Nichts Schlechtes über Tote sagen?

    Schwer zu beschreiben, aber: Bei manchen Dingen habe ich das Gefühl, dass sich manche Menschen ganz gerne draufstürzen, so nach dem Motto: SAG ICH DOCH!

    Und Tote können eben nicht mehr Rede und Antwort stehen. Und ich denke oftmals, dass die "Hochhebung" etwas mit Trauerarbeit zu tun hat - verarbeiten, dass der Mensch nicht mehr da ist.

    Da bin ich auch im Zwischenmenschlichen so drauf - nicht mehr verbal nachtreten, wenn jemand schon am Boden liegt. Kein öffentliches BloßStellen. Auch mit "Tratsch" bin ich eher vorsichtig.

    Manche Menschen haben selbst diese Basics nicht drauf. DAS finde ich weitaus schlimmer als halt etwas mehr Licht aufs Positive scheinen zu lassen.

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    AW: Nichts Schlechtes über Tote sagen?

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Die Gewissensfrage - Dr. Dr. Rainer Erlinger - Süddeutsche Zeitung Magazin - wie witzig, dass das Thema genau diese Woche diskutiert wurde.
    Ich finde eigentlich, dass er recht hat: wenn das Diskutieren eventueller Fehler heute keine Relevanz mehr hat (was im Ausgangsfall aufgrund des Strafverfahrens grade eben nicht so ist), darf man darüber ruhig schweigen.
    Hach, den lese ich ja auch immer total gerne.

    Und ich denke auch, dass Schweigen eine gute Methode ist, wenn man nichts Gutes sagen mag und kann, zumindest gegenüber Angehörigen. In einem Gespräch mit emotional nicht Beteiligten kann schon auch über negative Seiten des Toten sprechen, finde ich. Zumindest was die eigene Wahrnehmung der Person betrifft. Nur weil der andere tot ist, sind ja nicht meine Empfindungen bezüglich seiner Person mitgestorben (die sterben erst mit mir ).

    Gruß,

    Malina
    Du hast mein Klagen in Tanzen verwandelt. (Psalm 30)

  8. Inaktiver User

    AW: Nichts Schlechtes über Tote sagen?

    Wie der Herr Erlinger schreibt: Es ist oft nicht mehr notwendig, über den Verstorbenen schlecht zu reden.

    Denn warum redet man schlecht über andere? Weil man sich Luft machen muss. Weil man hofft, etwas zu verändern. Weil man vielleicht überlegt, wie man mit jemand umgeht, der einen ärgert.

    All das erledigt sich nach dem Ableben. Deshalb ist es ein Akt der Psychohygiene, sich mit den Toten zu versöhnen.

    Bei der Geschichte in München finde ich das auch zwiespältig. Man kann das ja nicht bringen, ihn zum Helden zu machen, wenn sich herausstellt, dass er das nicht wirklich war. Und dann geht es ja immer um die Frage, wie man sich in so einer Situation verhalten sollte und welche Konsequenzen aus solchen Vorfällen zu ziehen sind. Das hat mit dem persönlichen "Friedenmachen" nichts mehr zu tun.

  9. User Info Menu

    AW: Nichts Schlechtes über Tote sagen?

    Ich halte es so, dass ich schweige, solange keiner etwas Falsches von dem Toten behauptet.

    Sobald jedoch Unwahrheiten ausgebreitet werden, die jeglicher Realität widersprechen, ertrage ich dies nicht (mehr) stillschweigend, sondern ich bringe demjenigen dann die ungeschminkte Wahrheit auf den Tisch.
    Ich schone den Toten nicht mehr, nur um der gesellschaftlichen Erwartungshaltung zu entsprechen.

    Solange ich weiss, dass das, was ich sage, die Tatsachen sind, die halt oft keiner hören, sehen oder wissen wollte, habe ich mittlerweile kein Hemmungen mehr.

  10. User Info Menu

    AW: Nichts Schlechtes über Tote sagen?

    >Bei der Geschichte in München finde ich das auch zwiespältig. Man
    >kann das ja nicht bringen, ihn zum Helden zu machen, wenn sich
    >herausstellt, dass er das nicht wirklich war.

    ich bin entsetzt ueber diesen strang hier.

    immerhin musste ein couragierter mann sein leben lassen. das ist durch nichts, aber auch wirklich gar nichts gerechtfertigt.
    LEBE LIEBER UNGEWÖHNLICH

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