Es ist mir hier schon mehrfach aufgefallen: anscheinend bin nicht nur ich als Kind für "zu dünn" befunden und zur Kur geschickt worden.
Nachdem ich mich von den Röteln nur sehr schlecht erholt hatte (ich war ein schmales Kind und damals tatsächlich etwas "durchsichtig"), war ich im Alter von neun Jahren für sechs Wochen im DAK Kinderkurheim Bad Sassendorf. Dort sollte ich aufgepäppelt werden.
Sagen wir so: das hat prima geklappt - bis heute!
Es waren sechs lustige Wochen, denn in diesem Kurheim waren alle möglichen Gestalten vertreten: dicke, dünne, große, kleine, arme, reiche Kinder – und ein paar doofe, wie überall auch.
Die dicken Kinder hatten im Speisesaal einen Extratisch und ihre Portionen waren sehr mickrig. Das hat mich allerdings nicht weiter interessiert, denn ich war in einer Gruppe, in der die Kinder mickrig waren und die Portionen entsprechend üppig. Wir durften so viel Nachschlag haben, wie wir nur wollten und weil wir den ganzen Tag an der frischen Luft herumgescheucht wurden und anstrengende Anwendungen über uns ergehen lassen mussten, hatten wir entsprechend Kohldampf.
Interessant war allerdings, was man uns vorgesetzt hat: ich erinnere mich an Berge von Zwiebackbruch, der esslöffelweise mit Zucker bestreut und mit Eimern heißer Vollmilch übergossen wurde, an kübelweise Milchreis oder Grießbrei (mit ordentlich Butter, Zucker und Zimt), an gezuckertes Kompott und an klebrigen Dosen-Fruchtsalat, an heiße, dickflüssige „Puddingsuppe“, an fingerdick bestrichene Butterbrote und ähnlich kalorienreiche Kohlenhydratbomben. Herrlich!
Im Nachhinein frage ich mich manchmal, ob mir in diesen sechs Wochen das Sättigungsgefühl, das Hungergefühl oder sonst irgendein Gefühl abhanden gekommen ist, das mit vernünftigem Essen zu tun hat - bzw. mit dem Aufhören, wenn man satt ist.
Ob ich mir während dieser Mastkur ein paar zusätzliche und sehr engagierte Fettzellen angelegt habe, die seitdem dafür sorgen, daß ich nicht verhungere? Ich weiß es nicht.
In den Jahren nach dieser Kur begann ich zur Freude meiner Familie, endlich zuzulegen. Und wenn meine vollschlanken Tanten eine Bemerkung darüber machten, wie prachtvoll ich kleines Ex-Gerippe mich jetzt entwickeln würde, war immer die Rede von der „guten Landluft“, in der ich rotwangig und kräftig gedeihen würde.
Wer hat ähnliche Erfahrungen gemacht?
Kann es einen Zusammenhang geben?
(Jaja, ich weiß: das kann man nicht ändern, es ist Jahrzehnte her und längst Geschichte. Es geht mir auch nicht um die ultimative Ausrede für mein Übergewicht. Es interessiert mich einfach.)
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11.08.2015, 09:19Inaktiver User
Wer war als Kind zur "Mastkur"?
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11.08.2015, 09:35
AW: Wer war als Kind zur "Mastkur"?
Das klingt nach einer wunderschönen Wellnesskur für Kinder
. Erfahrungen kann ich nur aus zweiter Hand beisteuern: Mein Ex-Mann wurde als Kind (etwas jünger als du seinerzeit, so ca. mit 6 oder 7 Jahren) ebenfalls zu einer solchen Kur verschickt. Vorher hatte er auch irgendeine hartnäckige Kinderkrankheit und war von schon immer sehr dünn auf "Haut und Knochen" abgemagert. Das erforderliche Gewicht für eine erfolgreiche Kur hat er ganz am Ende des Aufenthalts erreicht, richtige Fettzellen wurden wohl nicht angelegt. Jedenfalls nicht über die genetisch geplanten hinaus, denn er blieb bis ins junge Erwachsenenalter eher schlaksig-schlank und normal schlank ist er bis heute (mittlerweile 46).
Umgekehrt war ich ein seeeeehr dickes Kleinkind, wurde definitiv überfüttert, weil meine Oma (bei der ich tagsüber war) so erfreut war, endlich einen so guten Esser zu haben. Ihre Kinder waren ewig mäklig, ich mochte alles und hab alles aufgegessen - auch den Nachschlag. Also war ich kugelrund bis ich in die Kita kam (mit 3 Jahren). Ich wuchs dann ziemlich schnell in Höhe und zum Glück nicht mehr in die Breite. Habe aber öfter von älteren Verwandten gehört, dass diese in der Kindheit angelegten Fettzellen nochmal mein Verhängnis würden. Kann ich so nicht bestätigen. Habe seit Jahrzehnten einen BMI von 19-21, also komplett im grünen Bereich. Und muss dafür weder Hungern noch exzessiv Sport treiben.
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11.08.2015, 10:00Inaktiver User
AW: Wer war als Kind zur "Mastkur"?
Ich selbst war, obwohl unmittelbares Nachkriegskind, nie in einer Mastkur, kenne aber einige Frauen, bei denen das der Fall war. Im Gegensatz zu mir "kämpfen" sie alle gegen überflüssige Kilos.
Natürlich kann man daraus keinen Zusammenhang ableiten, aber die Versuchung ist da.......
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11.08.2015, 10:20
AW: Wer war als Kind zur "Mastkur"?
Ich war mit 9 auf *Mastkur*. Geplant waren 4 Wochen, die dann nach 3 Wochen beendet wurden, da ich überwiegend *kotzte* wegen des ungewohnten Essens. Die Betreuer waren überfordert.
Ich war bis auf 1 Jahr in meinem Leben schlank. *Dick* (75 kg bei 172cm) war ich wie geschrieben ein Jahr lang. Da hatte ich vorher mit Leistungssport aufgehört und hatte mich an die Großkalorienzufuhr und Essensmengen durch den Leistungssport gewöhnt (da war ich 18, als ich aufhörte zu sporteln). Damals habe ich einfach über meinen Grundbedarf hinaus weiter gegessen. Ist Fakt.
Die natürliche Essbremse kam dann mit FdH über einen Sommer hindurch zurück (ich schwamm jeden Tag 1000m und keinen Meter mehr).
Ich hungere nicht und esse *was ich mag* bis heute.
Liebe Bunte...Schlanksein beginnt im Kopf...wie viele andere Dinge auch.
LG zbNur wer sich ändert, bleibt sich treu! (Wolf Biermann)
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11.08.2015, 10:24
AW: Wer war als Kind zur "Mastkur"?
Hallo,
ich kam Anfang der 60-iger Jahre auch in den "Genuss". Zuerst verwendet meine Mutter es als Druckmittel, nach dem Motto "Wenn du nicht ißt, kommst du in Erholung" (so nannte man das damals). Ich habe normal gegessen und kam trotzdem hin. Das Ergebnis war allerdings, dass ich 4 Wochen solches Heimweh hatte und derart gelitten habe, dass ich in dieser Zeit noch weniger Hunger hatte. Später war mir klar, was der eigentliche Grund meines Aufenthaltes war. Da meine Mutter, zeit ihres Lebens, ganztägig berufstätig war, kam ihr so ein Aufenthalt sehr gelegen, da sie wusste, ich war 4 Wochen (aus ihrer Sicht) gut aufgehoben und versorgt.
Passt zwar nicht ganz zum Thema, hängt aber doch damit zusammen. Ich wurde erst in die Krippe gegeben, (aus der man mich wegen ständigen Schreiens wohl nach einiger Zeit nicht mehr haben wollte) Meine Mutter musste dadurch zwei Jahre notgedrungen ihren Beruf aufgeben. Danach Kindergarten und später Hort. Ich habe es gehasst. Als ich ca. 10 war, konnte ich meine Mutter dazu überreden, alleine zuhause zu bleiben (Schlüsselkind). Das war für mich ok, besser als diese Aufbewahrungsanstalten.
Bei den ganzen Diskussionen Kind schnell in die Kita oder nicht. Vielleicht mal die Kinder fragen und nicht nur über ihren Kopf hinweg entscheiden.
Lizzy
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11.08.2015, 10:30
AW: Wer war als Kind zur "Mastkur"?

Ich sehe die *Erholung* auch so. Meine Mutter hatte keinerlei Verwandte vor Ort und im August war sie Vollzeit und ich in ihrer Denke dort auf *Erholung* sehr gut (in ihrem Sinne) aufgehoben.
...ich habe abgeschlossen mit dem Thema *Mutter*...ist so, war so und wird immer so sein. Das Ganze nennt sich *Radikale Akzeptanz*
Nur wer sich ändert, bleibt sich treu! (Wolf Biermann)
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11.08.2015, 10:37
AW: Wer war als Kind zur "Mastkur"?
Fast OT, sorry. Ich kenne nur die moderne Variante: Magere Kinder, die auch nicht wachsen wollen, mit einem Mix aus Medikamenten und Ernährung auf "Normgröße" zu pushen. Ich finde es so fragwürdig, was ich da gerade im näheren Kreis bei zwei Bekannten aus zweiter Hand erlebe. Der eine Junge 12) war vorher etwas unglücklich über seine Kleinheit (er ist aber in meinen Augen nicht mager, sehr hübsch, nur nicht groß). Inzwischen ist er total deprimiert. Seine dicke Mutter gibt ihren Druck an ihn weiter.
Die andere Mutter, selbst sehr klein, glaubt wohl nicht an Gene und die Aussagen des Kinderarztes. Der Bub (10 und ein mäkliger Esser) muss "groß" werden.
Und bei euren Geschichten: Fettzellen kann niemand anlegen, der die Anlagen nicht hat. Ich war auch ein dünnes Kind, hatte Süßigkeiten en masse zur Verfügung, aß und esse nie besonders wenig, wurde und werde aber nicht rund. Gene! - "Rotbäckchen" habe ich allerdings viel bekommen. Dicke rote Backen waren in den 60ern das Kinderideal. Damit konnte ich auch nicht aufwarten.^^*
Der Adler fängt keine Mücken.
'Antisemitismus hat in Deutschland keinen Platz' ist Kindergartenniveau. - Igor Levit
Deutsche Tugenden: „Pünktlich wie die Deutsche Bahn, ehrlich wie die Deutsche Bank und sauber wie VW.“
Arnulf Rating
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11.08.2015, 10:50
AW: Wer war als Kind zur "Mastkur"?
Ich war dort auch!
Ebenfalls in Bad Sassendorf, aber keine Ahnung, wie das Heim hieß bzw. wer der Träger war. Ich war ja erst vier Jahre alt, oder fünf. Dünn war ich immer (Sternzeichen Heuschrecke
). Daran hat auch die Kur nichts geändert, das ist einfach Genetik. Wenn ich mir meine Mutter ansehe -ich habe genau die gleiche Figur, schlank, dünne Arme und Beine, aber mit Bauchansatz.
An die Kur habe ich nur wenige Erinnerungen, und die sind eher nicht gut. Spaziergänge (laangweilig!) mit so einem Seil mit vielen Schlaufen, und jedes Kind fasste eine Schlaufe an. So konnte niemand verlorengehen. Mittagsschläfe (laaaangweilig!!), bei denen ich nicht schlafen konnte, aber ruhig auf dem Bett liegen musste. Eine Qual.
Wir bekamen regelmäßig Milchsuppe. An meinem Tisch saß ein Mädchen, die konnte die Suppe nicht essen. Sie ekelte sich so sehr und weinte heftig. Die Nonnen wollten sie zwingen, aber sie erbrach sich in den Teller. Der Teller wurde fortgenommen und ein neuer Milchsuppenteller hingestellt. Das Mädchen weinte so, aber sie wurde gezwungen. Ich erinnere mich nicht mehr, wie es endete, ich glaube, sie erbrach sich mehrmals. Ich weiß nur noch, wie ich mich fühlte: Schlecht.
Zugenommen hatte ich kein Gramm, als ich nach Hause durfte.
Interessant, was Ihr über die Zusammenhänge bzgl. der Berufstätigkeit der Mütter schreibt. Ich komme aus einem Geschäftshaushalt, meine Mutter war immer im Geschäft, und ich dann ja auch für vier Wochen in der Kur "gut versorgt". Gut möglich, dass diese Tatsache die Entscheidung für eine Kur beeinflusst hat.
Und, @ lizzie2030, ich kam auch in den Kindergarten, als ich eigentlich noch viel zu jung dafür war. Sie nahmen die Kinder erst, wenn sie schon trocken waren. Ich war es noch nicht, aber weil meine Mutter arbeiten musste, nahmen sie mich doch. Ich kriegte halt jeden Tag eine frische Unterhose mit in meine "Buttertasche".
Ach, und was die Zusammenhänge mit der Figur im Erwachsenenalter angeht: ich bin immer noch eher schlank.Gestaltet doch euer Leben, hofft weniger, macht was ihr wollt.
Aber macht!
ausgeborgt von Uli_F-2009
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11.08.2015, 10:55
AW: Wer war als Kind zur "Mastkur"?
Ich wurde als Kind mit Rotbäckchen, Multi- Sanostol und Lebertran versorgt, zur "Kinderkur" geschickt, bei der es ganz ähnliche Speise gab wie von bunte Kuh beschrieben.
Zugenommen habe ich trotzdem nicht wirklich. Es war so, wie es bei mir immer war- mal ein,zwei Kilo rauf, dann wieder runter. Runter geht bei mir definitiv leichter als rauf.
Bei uns zu Hause wird eigentich ständig gegessen, wenn ich es so überlege. Von morgens bis abends und auch ständig nebenher.
Mein Bruder und ich sind schlank, meine Eltern und meine Schwester stark übergewichtig.
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11.08.2015, 11:14
AW: Wer war als Kind zur "Mastkur"?
Ebenso. Ich war noch nicht sauber, aber meine Mutter hatte mir mit 2,5 einen Platz *erkämpft*.
...und sie ist so stolz auf sich: Die ganzen Anfeindungen, die sie 1961 über sich ergehen lassen musste, weil sie mich in die Kita (heißt heute so
) gegeben hat. Mit Fingern wurde auf sie gezeigt usw.
Aber: Radikale Akzeptanz.
Nur wer sich ändert, bleibt sich treu! (Wolf Biermann)



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