... schlechtes darüber denkt.
zu meiner verteidigung: ich komme aus einer gegend, in der man/frau mit karneval eigentlich nichts am hut hat. solange man hier in (west-)berlin noch gemütlich hinter bzw. vor bzw. umringt von einer mauer seine ruhe hatte, musste man sich um so etwas nicht kümmern. wer lust hatte, schräg auszusehen, der tat es, und zwar ganz unabhängig davon, ob es der kalender vorgab oder nicht. jedenfalls wurde niemand dazu gezwungen, sich eine pappnase aufzusetzen, pfannenkuchen (nein, sie heißen nicht "berliner"!!) zu essen oder sich bis zum spontanen urinabgang zu besaufen. das war schön. leben und leben lassen. herrlich.
heute ist das anders. erst hat man uns schleichend eine fete namens "halloween" aufgedrückt und nun ist der karneval im anmarsch. warum nur warum?
es ist wirklich nicht so, dass wir keinen witz hätten. wir haben sogar einen ausgezeichneten humor, sehr schnell, sehr schlagfertig, ein bisschen herbe vielleicht.
aber die meisten von uns lachen nun mal nicht gerne über clowns. oder über büttenreden. oder über wörter wie "titten". ich bin mir sogar ziemlich sicher, dass die meisten leute hierzulande eine private versicherung abschließen würden, wenn es sie davor schützen könnte, sich so einen klamauk reinziehen zu müssen. wir sind einfach nicht die kamellen-typen, ich schätze, so einfach ist das.
auch kenne ich keinen hier, der gerne schunkelt. selbst auf der love-parade tanzt jeder für sich alleine (habe ich mir sagen lassen). ich sage ja nicht, dass wir unbedingt ein sympathisches völkchen sind. vielleicht sind wir völlig neben der spur, weil wir uns weigern, narrenkappen aufzusetzen oder uns herzchen auf die wangen zu malen.
aber dennoch nervt mich der rummel um die faschingszeit. klar, ich muss mir das ja nicht antun. einfach radio und fernseher auslassen, die auslagen im supermarkt ignorieren und schon habe ich meine ruhe...
denkste! schon die kinder im kindergarten werden zum rheinischen frohsinn genötigt. und wie es so ist, habe ich anfangs auch gedacht, dass es für kinder vielleicht schön ist, sich zu verkleiden. pädagogisch wertvoll. sich ausprobieren, experimentieren, rollenspiele usw. wir wurden nicht müde, unserem sohn vorschläge zu unterbreiten.
nur fand mein sohn es von anfang an doof, sich zu verkleiden, noch bevor er worte wie "fasching" verstehen konnte. er hat sich schon als baby die mützen vom kopf gerissen. ihn zu einem ganzen kostüm zu ermutigen, war von jeher unmöglich.
in der vorschule bekam er deshalb richtig ärger, als er sich hartnäckig weigerte, sich zu kostümieren und anmalen zu lassen. und als die kinder ein bild von sich im kostüm malen sollten und unser sohn (der kein freund vieler worte ist,) sich selbst einfach ohne kostüm malte, da schrieb die erzieherin mit einem dunklen stift fett unter das bild:
"Fritzchen (Arbeitstitel) feiert nicht mit!"
das ist leider kein witz. das ist wirklich passiert und es gab auch einen riesigen aufstand deswegen.
nur gegen den widerstand der vorschule gelang uns damals die einschulung, denn unser kind wurde wegen seiner weigerung zur maskerade seitens der vorschule per gutachten für "noch nicht schulreif" befunden.
und in der schule war es kaum besser. zwar stellte sich schnell heraus, dass unser kind sehr wohl schulreif war, er fand schnell einen sack voller freunde und hielt leistungsmäßig locker schritt mit allen anderen kindern, aber in punkto fasching....
... es wurde keine tiefenpschologische untersuchung ausgelassen, um die wahren hintergründe in erfahrung zu bringen: warum hat dieses kind keine lust, sich anzumalen und/oder lustige kleider zu tragen? viel wurde über defizite im sozialverhalten spekuliert, am ende meldeten wir ihn regelmäßig für den entsprechenden feiertag krank, um unsere ruhe zu haben.
aber dieses jahr ist alles anders. vor kurzem waren wir auf dem elternsprechtag und lernten die neue klassenlehrerin kennen. am ende des gespräches gab ich mir einen ruck und erklärte ihr, dass unser sohn leider ein absoluter faschingsmuffel sei und fragte vorsichtig, ob es in ordnung wäre, wenn er unkostümiert zur angekündigten party erscheinen würde. da beugte sich die lehrerin vertrauensvoll zu uns rüber und murmelte halblaut: "Na Sie glauben doch wohl nicht im Ernst, dass ICH im Kostüm komme oder?".
einen moment waren wir verblüfft. dann grinsten wir und verabschiedeten uns guter dinge. gerettet. dieses jahr dürfen wir die ganze geschichte endlich mal wieder einfach ausfallen lassen. hurra.
nichtsdestotrotz wünsche ich allen menschen, die den fasching lieben: eine tolle zeit, haut rein und lasst es krachen!
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05.02.2007, 20:31
Karnevall - ein Schelm, wer....
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05.02.2007, 21:44Inaktiver User
AW: Karnevall - ein Schelm, wer....
köstlich
und vielen dank dafür!
ich komme aus hamburg und jeglicher aufgesetzer, jahreszeitenbedingter frohsinn (wahnsinn?) geht mir ebenfalls völlig ab. auch erinnere ich mich gruselnd an den kinderfasching von damals. meist musste ich als inderin mit wallenden gewändern und dem aufgemalten punkt gehen, weil meine mutter so gut und günstig an die klamotten rankam. nichts gegen die kostümierung als solche, aber jedes jahr derselbe mist
...und damals, fernab vom bollywood-hype, zudem nicht gerade preisverdächtig.
einmal ging ich als engel, so mit tollen flügeln. hach, war das schön. da war sogar der beknackte pflichttanz, der ententanz *würg*, einigermaßen zu ertragen
ansonsten habe ich es immer gehasst. leider waren meine eltern nie bereit, mich für den tag krank zu melden. ich habe es aber auch nie versucht, sie dazu zu überreden, glaube ich. der mumpitz gehörte leider einfach zum kiga-/schulleben dazu.
wundert mich, dass man (wie du schreibst) in berlin so davon überrannt wird. vll ist das nur im zusammenhang mit kindern so? wenn man hier in hh auch nur leicht andeutet, einem kollegen die krawatte abschneiden zu wollen, wird man fast mit einem fluch belegt
lg
luci
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05.02.2007, 22:11
AW: Karnevall - ein Schelm, wer....
Luci, du GLAUBST gar nicht, wie viele entwurzelte Rheinländer in Berlin ihre Kreise ziehen, seit sie mittels Regierungsumzug in diese Stadt verschleppt wurden. Nur die Hoffnung auf einen schwachen Abglanz dessen, was ihnen in der Heimat entgeht, hält sie Jahr für Jahr am Laufen.
Ich spreche aus (entsetzter) Erfahrung. Wehe, als Frau weigert man sich, in die Spendentüte für den Weiberfasching zu zahlen. Böse Falle!! *seufz* Ich glaube, als Südgewächs bin ich da einfach nicht wirklich infiziert.Lieber Smarties als Smartphones! (von mir)
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06.02.2007, 08:55
AW: Karnevall - ein Schelm, wer....
Vielen Dank.
Zitat von Nathamel
Du sprichst zwar immer von "wir" aber "leider" gibt es viele Deiner direkten Nachbarn, die anders denken.
Würden die ganzen Touristen - und da sind auch viele Berliner bei - so denken, könnten wir Kölner hier nämlich wesentlich entspannter feiern. Und zwar SO, wie es ursprünglich ist und nicht mit Touristen, die mal Karneval feiern wollen, um die Sau rauszulassen
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06.02.2007, 10:20Inaktiver User
AW: Karnevall - ein Schelm, wer....
ich bin inzwischen auch kein freund mehr von der art fasching(hessen), denn 1. ist es seit über 40 jahren immer der gleiche blabla-schrott und 2. von der traditionellen winteraustreibung gaaaanz weit entfernt.
ich mag nur die winteraustreibung nach der tatsächlichen tradition, rottweil oder die schweiz bieten da viele wirklich sehr interessante "rituale".
vielleicht kannst du diesen dingen mehr sinn abgewinnen und deinem nachwuchs dies nahebringen.
gruß von nemesis/dunkle-mondin.de
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06.02.2007, 10:25
AW: Karnevall - ein Schelm, wer....
Zitat von Inaktiver User
Ich war komischerweise
Zitat von Inaktiver User
immer automatisch den Tag krank.
Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.
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06.02.2007, 10:28Inaktiver User
AW: Karnevall - ein Schelm, wer....
Als Preusse kann ich nicht mal ansatzweise nachvollziehen, was an Karneval so voll doll lustig sein soll. Ich hab die Tage mal wieder beim WDR reingeschaut, da gibt es ja die tollen Gag-Erzähler mit "tata...tata...tata". Also gegen diese Witze die die da reißen, sind die von Fips Asmussen noch topaktuell
Und über den kann ich auch nicht lachen.
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06.02.2007, 10:32
AW: Karnevall - ein Schelm, wer....
Ob das unbedingt was mit Preusse oder Nichtpreusse zu tun hat, weiss ich nicht. Ich kenne auch genug Rheinländer, die genau dann Urlaub nehmen, um dem ganzen Trubel zu entkommen.
Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.
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06.02.2007, 10:34Inaktiver User
AW: Karnevall - ein Schelm, wer....
"Fastnacht in Franken" aus Veitshöchheim ist ein Muss. Alle anderen Faschingssendungen ertrag ich nicht.
Das wars dann mit Fasching.
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06.02.2007, 10:39
AW: Karnevall - ein Schelm, wer....
Ich bin Rheinländerin. Und ich konnte dem Karneval und dem saufenden Volk auch noch nie etwas abgewinnen. Auch Büttenreden und diese Verkleiderei finde ich vollkommen uninteressant. Einfach grausam. Dieses "Auf Kommando lustig sein" und danach führen wir wieder unser Spießerleben ging mir schon immer am Ar*** vorbei. Heuchlerisches Getue.
Jetzt lebe ich in Ba-Wü, aber auch hier ist es mit dem Fasching nicht besser, eher schlechter. Die Leute suchen einen Grund, sich zu besaufen und durch die Betten zu hüpfen. Für solche Gemüter ist Karneval / Fasching gemacht. Ich finds schrecklich.


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