Man sollte Weltanschauungsdiktaturen von klassischen Diktaturen unterscheiden. In letzteren (z.b. das Spanien Francos, das Chile Pinochets) herrscht ein Diktator über ein Volk. Bei Weltanschauungsdiktaturen kommt zur Herrschaft über das Volk noch die Scheinlegitimierung durch das Volk hinzu. Der Diktator will nicht nur die Macht, er will auch, daß das Volk ihn liebt, ihn verehrt, das Leben schön findet und die Unterdrückung gutheißt. Nicht nur die Körper, auch die Seelen der Menschen sollen versklavt werden. Das ist eine höhere Form der Diktatur. Der Kommunismus hat hier schwindelerregende Höhen erreicht.
Heiner Müller: "Der Unterschied zwischen den Juden, die im Konzentrationslager ermordet wurden, und Kommunisten, die im Gulag umkamen, war der Umstand, daß viele Juden nicht begriffen, was ihnen geschehen würde, währenddessen von den Kommunisten auch noch verlangt wurde, sich die Einlieferung ins Todeslager als eine ideologische Notwendigkeit zu erarbeiten."
Hans
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Thema: Ostalgie
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02.11.2012, 11:07
AW: Ostalgie
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"Hören wir einfach auf, uns selbst und unser Land permanent unerträglich zu finden - denn das kam, gemessen an den Realitäten, schon immer einer Undankbarkeit von unappetitlichen Ausmaßen gleich." Juli Zeh.
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02.11.2012, 11:17
AW: Ostalgie
Empfinde ich genauso. Für meine Eltern und ihre Generation. Daher wohl auch der Frust bei einigen Menschen dieses Alters. Zwar könnten sie heute überallhin reisen und sich alles Mögliche kaufen ... aber jetzt fehlt eben das Geld. Und das, obwohl Mann und Frau beide ihr Leben lang Vollzeit gearbeitet haben ...
Ja, Hausbuch war wohl Einstellungssache des Hausbuchführers. Wie gesagt, ich habe auch beide Varianten kennengelernt - vorhanden war es in Mehrfamilienhäusern aber ganz sicher.
@Hans: Danke für den Buch-Tipp. Das Buch werde ich mir ganz sicher holen, klingt interessant. Zwangsläufig lässt mich das Thema nämlich nicht los ... obwohl ich selbst überhaupt keine Ost-West-Probleme habe: Kollegen sind überwiegend ehemals West, aber wir verstehen uns bestens; Freunde sind überwiegend ehemals Ost - wir verstehen uns eh; inzwischen durchmischt es sich auch mit angeheirateten Partnern von der jeweils anderen Seite ... Mein Freund ist Amerikaner, den interessiert das Thema naturgemäß besonders. Seine Ex-Frau war auch deutsch (West), er stellt ziemlich viele Fragen (interessiert ihn u.a. auch beruflich).
In meiner Straße befindet sich die Stasi-Gedenkstätte, der ehemalige Ostberliner-Stasiknast. Heerscharen von Jugendlichen und auch älteren Menschen aus aller Welt besichtigen diese täglich ... man kommt oft ins Gespräch. Einerseits finde ich es gut, nicht alles ins Vergessen geraten zu lassen. Andererseits ist diese Aufarbeitung natürlich auch immer wieder schwierig, weil die Erlebnisse und das Leben in der DDR eben sehr unterschiedlich waren und nicht nur Schwarz und Weiß ...
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03.11.2012, 07:30
AW: Ostalgie
was mich wundert ist das man über die DDR dasselbe sagt wie damals über das 3.reich:es war ja nicht alles schlecht blabla.
scheinbar eine schutzfunktion um nicht über die vergangenheit nachzudenken-oder ist es einfach nur verdrängen?
Zeige den Menschen die Realität und sie werden dich beschimpfen, dich schlagen, dich verachten, dich ignorieren...
Zeige ihnen eine Lüge, an der sie kaputt gehen und du bist ihr Gott...
Am 13.juli 2013 hab ich nach
6 jahren meinen 5000.beitrag geschrieben.viele
Mädels schaffen das bei der BRI an einem Tag
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03.11.2012, 10:42
AW: Ostalgie
Der Körper ist der Übersetzer der Seele ins Sichtbare.
Christian MorgensternIn einer Stunde ruhigen Sitzens verbrennt man 73 Kilokalorien.
- Ich habe meinen Sport gefunden.
Sommer 2021 - mehr als nur nasse Füße... reinklicken und mithelfen!
Moderatorin für:
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03.11.2012, 12:13Inaktiver User
AW: Ostalgie
In meiner Erinnerung und meinem Empfinden war das Leben in der ehem. DDR "sowohl als auch" - das hat nichts mit Verdrängen zu tun, zumindest bei mir nicht.
Meine größte Schwierigkeit bestand nach meiner (unserer) Ausreise eine andere Sprache zu finden, klar/offen ausdrücken zu können, was ich will und was ich meine.
In dem Umfeld in dem ich mich zuvor bewegte war Sprache "konspirativ" - so wie die sog. Insiderwitze.
Von manchen Menschen, Nachbarn, Kollegen, war bekannt, dass sie sehr engagierte rote Socken waren, damit war recht gut umzugehen.
Die gefährlichere Sorte war eher nicht leicht zu erkennen und so war eine Randgruppenbildung, die ihre eindeutig/zweideutige Sprache hatte und pflegte, nicht selten.
Die Unsicherheit der Menschen war gewollt, Ängste wurden geschürt, schließlich hing am Wohlverhalten eine Menge: Besuche der erweiterten Oberschulen, Ausbildung, Studium, berufliche Perspektiven.
Ich wurde nach dem Mauerfall von geborenen Bundesbürgern (W) oft gefragt, weshalb die "Revolution" nicht früher stattfand.
Ein Erklärungsversuch meinerseits: Die, die es uns hätten vielleicht zeigen können, waren traumatisiert von 1953, 1961 und 1968 - also musste wohl erst eine Generation heranwachsen und erwachsen werden, die sich informierte (wenn auch verboten).
Die Generation meiner Eltern hatte die Flucht überlebt, die Sowjetmacht war allzeit präsent.
Bei der Aussage "es war nicht alles schlecht", wird vermutlich auch an viele Begebenheiten gedacht, die im privaten Rahmen erlebt wurden incl. des Tauschen und Organisierens.
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05.11.2012, 15:09
AW: Ostalgie
Ich habe noch einmal über die Bemerkung von herbstblatt nachgedacht:
Die Frage, die in der Diskussion über das Ende der DDR zwangsläufig auftaucht, ist die Frage nach dem Warum. Was wollten die DDR-Bürger im Herbst 1989? Was wollten die SED-Mitglieder (die Betonköpfe, die kritischen Parteimitglieder), was wollten die Intellektuellen, die Bürgerrechtler, die engagierten Kirchenmitglieder, was wollten die Arbeiter, die Bauern, die technische Intelligenz. Die Diskussion unter den Ossis war bis Mitte der 90er Jahre ja geprägt vom Unverständnis des Wollens der Anderen.
Leider gibt es nur Indizien. Eines ist die seit Anfang der 80er Jahre anschwellende Ausreisewelle, die sicher nicht für die Loyalität zum Staat DDR spricht. Gerade die technische Intelligenz und die Ärzte waren überproportional vertreten unter den Ausreisewilligen. Gebildete mit einer geringen Affinität für Ideologie, die der DDR-Lebensalltag zermürbt und die die Aussicht auf das Paradies in der Zukunft nicht mehr besänftigen konnte. Glaubt man den Ergebnissen von Untersuchungen des Jugendforschungsinstitut Leipzig in den 80er Jahren, sah es bei den Arbeitern noch verheerender aus. So sank die "Identifikation mit der DDR" bei Lehrlingen auf 18% im Jahre 1985, bei den Abiturienten lag sie immerhin noch bei 30%.
Auch die Wahlniederlage der Bürgerrechtsbewegung im März 1990 spricht dafür, daß die Vorstellungen der Mehrheit der DDR Bürger von den Intellektuellen nicht repräsentiert wurden. Die Idee eines reformierten Sozialismus, einer neuen DDR hatte für fast niemanden im Lande noch Reiz. Und das lag nicht nur an den materiellen Verheißungen Kohls, es war auch eine tiefe Müdigkeit in den Menschen, die gegenüber moralischen Formeln abgestumpft waren.
Aus einem Artikel von Wolf Biermann 1990:
WOLF BIERMANN: Nur wer sich ändert, bleibt sich treu | DIE ZEIT | DIE ZEIT Archiv | Ausgabe 35/1990
Die eingebundenen Schriftsteller und alimentierten Maler, die gelegentlich im Westen grasenden Schauspieler und Verleih-Regisseure, die im Westen wildernden Miet-Musiker mokieren sich nun über die bananengierige Begeisterung des DDR-Pöbels am Grabbeltisch bei Karstadt. Auch diese Ost-West-Existenzen hätten den östlichen Tierversuch noch gut und gern tausend Jahre ertragen. Und mancher ärgert sich über den Fall der Mauer, Kunststück! Sie hatten ja fast alle in den letzten Jahren einen Reisepaß ergattert, den das eingesperrte Volk bitter den Arierpaß nannte. Und das kam ihnen süße hinzu: Sie zahlten auf ihre Westhonorare beneidenswert niedrige Steuern: fünfzehn Prozent. Sie waren alle verstrickt. Und manchem schmeckt ein Menschenrecht eben doppelt, wenn er es als Privilegium genießen kann.
Auch diese Doppelmoral viele Intellektueller trug zum Niedergang der DDR bei.
Noch einmal Biermann:
Der Kalte Krieg ist vorbei, und so sehn die Friedensfeiern aus. Also gut, der Kommunismus hat kapituliert. Aber wer hat eigentlich verloren? Honecker und Mielke? Die grinsen verwirrt und verpissen sich ins Grab. Schalck-Golodkowski? Oder Günter Mittags Mafioso Wolfgang Biermann, der gefürchtete Generaldirektor von Zeiss-Jena? Mein Namensvetter ist längst im Westen und wuchert mit dem Pfund seiner Spezialkenntnisse fürs anlaufende Ostgeschäft. Die VEB-Direktoren? Viele haben längst Betriebe bürgerlichen Rechts gegründet und haben sich für’n Appel und Ei aus der Konkursmasse die besten Stücke rausgerissen. Das Volk? Die Arbeiter vom Fließband? Die Bauern in den LPGs? Quatsch! Die haben nie was davon gehabt und haben nie an nichts geglaubt. Man kann nur Illusionen verlieren, die man hat.
Hans----------------------------------------------------------------
"Hören wir einfach auf, uns selbst und unser Land permanent unerträglich zu finden - denn das kam, gemessen an den Realitäten, schon immer einer Undankbarkeit von unappetitlichen Ausmaßen gleich." Juli Zeh.



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