Meine Erinnerungen sind da anders. Normalerweise brauchte man, um auf die EOS (Gymnasium) zu kommen, einen Notendurchschnitt von etwa 1,5 Mitte der 10. Klasse. Wer sich allerdings als Offiziersbewerber der NVA meldete, konnte auch mit einer 2,8 auf die EOS. Leistung allein war es nicht (immer).
Und es war schon ein Unterschied, ob man Medizin studieren wollte oder LKW-Fahrer. Als ersterer mußte man deutlich mehr "gesellschaftliches Engagement" zeigen (also in den meisten Fällen mehr lügen), natürlich auch bessere Noten haben. Im Gegenteil, wer nichts wollte, hatte in diesem Staat mehr Freiheiten (etwas, was zum Beispiel die Blueser als Randgruppe ausnutzten und sich einen kleinen Freiraum schufen).
Während man in den ersten 25 Jahren der DDR durchaus allein durch 150% Überzeugung Karriere machen konnte (entsprechend viele Holzköpfe saßen dann in den Führungspositionen), hat man nach der Machtübernahme durch Honecker schnell erkannt, daß man vor allem fähige Menschen braucht. Was dazu führte, daß nun Überzeugung und Talent, manchmal sogar nur Talent (vor allem in den Naturwissenschaften und bei den Ingenieuren) reichte.
Hans
Antworten
Ergebnis 101 bis 110 von 216
Thema: Ostalgie
-
19.10.2012, 15:09
AW: Ostalgie
----------------------------------------------------------------
"Hören wir einfach auf, uns selbst und unser Land permanent unerträglich zu finden - denn das kam, gemessen an den Realitäten, schon immer einer Undankbarkeit von unappetitlichen Ausmaßen gleich." Juli Zeh.
-
19.10.2012, 15:11
AW: Ostalgie
Kreativität kommt von der Freiheit zu scheitern. Und die Freiheit zu scheitern kommt vom Experiment. (Peter Gabriel)
-
19.10.2012, 15:16
AW: Ostalgie
Preciosa,
so unterschiedlich sind die Erfahrungen. Ich lebe seit 15 Jahren im Süden Bayerns und mir ist es noch nie passiert, daß mir ein Wessi die DDR erklären wollte oder daß jemand in meiner Gegenwart DDR-Bürger oder Ossis pauschal verunglipmpf hat (und nein, ich sehe nicht aus wie Schwarzenegger). Und auch meine Erfahrungen mit Wessis in den ersten 8 Jahren nach dem Mauerfall im Osten (mein Prof an der Uni, viele Kollegen, manche Freunde) waren durchweg positiv. Ich spüre im Gegenteil heute noch häufig den "Ossi-Bonus", d.h. man interessiert sich für Aspekte aus dem Leben damals und häufig auch für meine Sicht auf die Dinge im Westen, sozusagen für den Blick von außen. In meiner Lebensrealität ist die Wende ein riesengroßes Glück und ich bin dem Schicksal sehr dankbar, daß es so und nicht anders gekommen ist.
Hans----------------------------------------------------------------
"Hören wir einfach auf, uns selbst und unser Land permanent unerträglich zu finden - denn das kam, gemessen an den Realitäten, schon immer einer Undankbarkeit von unappetitlichen Ausmaßen gleich." Juli Zeh.
-
19.10.2012, 15:22Inaktiver User
AW: Ostalgie
@exunhopp,
ich finde, du machst es dir in deiner Verbitterung (so wirkt es auf mich) ein wenig einfach.
Ich habe, als ich in den Altbundesländern zu Arbeiten anfing, das gleiche Gehalt bekommen wie meine Westkollegen. Wieso eigentlich auch nicht, frage ich dich und mich?
Ich bin genauso gut qualifiziert und engagiert wie meine Westkolleginnen, ich bin die Einzige mit sächsischem Migrationshintergrund
in meinem Team und wir kommen gut miteinander aus.
Mein Mann arbeitet hier zu gleichen Konditionen wie sein hier geborener und aufgewachsener Kollege. Mein Mann hat einen sehr guten Studienabschluss, kann was, weiß was und kommt ebenfalls gut mit den Kollegen aus.
Ich frage mich immer, wieso es solche ewigen Quertreiber geben muss, die die Stimmung verpesten und andere mies machen, nur um sich selbst besser zu fühlen. Das führt doch zu nichts.
Welche Arbeitsplätze sind eigentlich noch sicher, frage ich dich? (Beamte und sonstige Staatsdiener ausgenommen) Es knarzt und kracht in allen Branchen, und daran ist nicht nur der Ossi schuld

Ich habe niemandem den Job weggenommen, ich habe mich beworben, die haben gesagt, was sie wollen, ich habe gesagt was ich will, wir waren uns einig, hat gepasst.
Ich komme mit deinen Beiträgen irgendwie nicht so richtig klar. Ich verstehe das so, dass du deine für dich unbefriedigende Lebenssituation sehr gut den Ossi vors Loch schieben kannst und für dich damit der Schuldige gefunden ist und du dich beruhigt und grollend zurücklehnen kannst, weil du ja handlungsunfähig dadurch bist.
Gruß, Preciosa
-
19.10.2012, 15:22
-
19.10.2012, 15:24Inaktiver User
AW: Ostalgie
@ HansDampf,
ich habe zuerst einige Jahre in Bayern gelebt und kann von dort ebenfalls nur Positives berichten, beruflich, kollegial und persönlich, direkt in München und auf dem Lande, einschließlich, dass mir meine östliche Berufsausbildung hoch angerechnet wurde, was mich anfangs zwar verwunderte ...
Eine meiner Freundinnen ist seit vielen Jahren Chefsekretärin an einer Uni und sie erzählt manchmal, wie das so läuft mit den Neueinstellungen an der Uni. Bekommt sie ja hautnah mit bzw. ist einbezogen. Mit Leistung hat das nun letztlich nicht sooooo viel zu tun - jedenfalls nicht bei den Naturwissenschaften
Nun ja, ich werde mich mal jetzt wieder dem ... das war doch noch etwas ... Arbeiten
... widmen, was heute dank meiner Anwesenheit ziemlich zu kurz kam ... 
Ich denke auch, wir sitzen alle in einem Boot und wir sollten über vieles sprechen und doch nicht vieles untereinander vorwerfen ...
Ich denke ja, wir bräuchten wieder eine (friedliche und unblutige - die DDR hat's vorgemacht) Revolution. Nur ist es schwierig, weil wir alle Täter und Opfer in demselben System sind, individuell mal mehr mal weniger.
Allen ein schönes Wochenende und pax vobiscum - was immer dies wirklich sein möge ...
Geändert von Inaktiver User (19.10.2012 um 15:33 Uhr)
-
19.10.2012, 15:27
AW: Ostalgie
Ich verstehe besser, als du glaubst ...

Das fatale an deiner Argumentation ist: Menschen etwas anzulasten, nur weil sie nach makro-ökonomischen und politischen Vorgaben handeln, die sie (kurzfristig) nicht beeinflussen können - und daher ist es in keinster Weise okay, davon zu sprechen, die sogenannten Ossis hätten den sogenannten Wessis die Arbeitsplätze weggenommen.
Im Übrigen war es das staatspolitische Ziel Nr. 1 der alten BRD, die Vereinigung der beiden deutschen Staaten zu erreichen - das dies auch wirtschaftliche Schwierigkeiten mit sich bringen kann und das genau dies nicht im Grundgesetz stand, kannst du nicht den ehemaligen Bürgern der DDR anlasten.
Wir wollten sie damals unbedingt haben und sie sind gern gekommen - nun muss die Suppe eben von allen gemeinsam ausgelöffelt werden.
VanDyckEs gibt so viele schöne Momente im Leben; ich sollte mich entspannen,
dann durchfluten sie mich wie Regen ...
American Beauty
Nothing in life is as important as you think it is, while you are thinking about it.
Daniel Kahneman
-
19.10.2012, 15:28
AW: Ostalgie
Weil man auch mal "Danke" sagen müsste und "Ihr habt uns eine Chance gegeben". Das sowas nicht ohne Reibung abgeht ist unbestritten.
Das wird doch aber auch so verlangt, was würde da erst für eine Aufregung losgehen, wenn die Ossis so unflexibel wären und nicht dorthin gehen würden, wo es Arbeit gibt?
Vielleicht, weil man auch die Möglichkeit bedenken sollte, dass Ossis sich am Aufbau bzw. Wiederaufbau der neuen Bundesländer selbst beteiligen konnten und nicht bloss warten, was der Westen mit ihnen macht.
Aber sie waren es wohl nicht anders gewohnt.
-
19.10.2012, 15:32Inaktiver User
AW: Ostalgie
Wahrscheinlich kommen meine Posts etwas einseitig rüber. Ich hatte irgendwo schon geschrieben, dass ich gerne hier lebe und mich wohlfühle.
Diese von mir angeführten Beispiele liegen schon ein Weilchen zurück, ca 10 Jahre.
Ich erlebe es zum großen Teil so wie du, dass mir freundliches Interesse bezüglich meiner Herkunft entgegengebracht wird und sich die Leute wirklich interessieren (wie hier zum größten Teil in diesem Strang)
Ich habe es mir selbst anfangs schwer gemacht, ich wollte nämlich gar nicht weg aus meiner alten Heimat, wo ich aufgewachsen bin. Das hat jetzt überhaupt gar nichts mit den konträren Gesellschaftssystemen zu tun, sondern ich bin ein außerordentlich bodenständiger Mensch, der zwar gern reist, aber nicht weg will aus gewohntem Umfeld.
Es fiel mir sehr schwer, meine engen Freunde und die Familie zurück zu lassen und die Beziehungen neu zu definieren. Ich habe mich schwer getan mit dem Einleben, aber im nachhinein habe ich es mir wirklich selbst schwer gemacht.
Aber ich habe hier wirklich nette Menschen kennnen gelernt, es sind Freundschaften entstanden, die ich nicht missen möchte und insgesamt hat das Ganze mein Leben enorm bereichert. So sehe ich das jetzt.
Lieben Gruß, Preciosa
-
19.10.2012, 15:33
AW: Ostalgie
Das ist ein schwieriges Thema. Meiner Meinung nach hatte die Konsumgüterindustrie der alten Bundesrepublik einen Kapazitätsüberschuss von etwa 15%. Der reichte locker aus, um die Konsumwünsche der DDR Bürger zu befriedigen. Man brauchte (wirtschaftlich) die DDR nicht als Produktionsstandort, sondern als Konsumstandort. Die Leute sollten kaufen, nicht arbeiten. Nur daß das natürlich bedeutet, die Menschen zu Almosenempfänger zu degradieren, sie in ihrer Würde zu kränken.
Hinzu kommt, daß viele Industriearten der DDR damals bereits globalisiert waren, d.h. in 3.Welt-Länder verlagert waren. Ein Teil der DDR Textilindustrie, aber auch die gesamte Schwerindustrie war in Europa ein Fremdkörper. Und der Hauptgrund war das Wegbrechen der Exporte in den Osten Europas - dafür konnte der Westen aber nichts. Nur die Verhinderung der Einführung der D-Mark hätte dies verhindert, das wäre aber in der damaligen Zeit politischer Selbstmord gewesen. Dann wären sehr viel mehr DDR Bürger zur D-Mark gegangen und das hätte die alte Bundesrepublik kaum verkraftet.
Es lief nicht gut, aber in Summe lief es z.B. im Saarland ähnlich schlecht. Ich denke, das war nicht in erster Linie eine Form von Kolonialisierung, sondern von schmerzhafter Strukturanpassung. Der politische Fehler war, daß man das den Menschen in Ost und West nicht so gesagt hat sondern ihnen ein ganz andere Bild verkaufen wollte. Die Entmündigung der Bürger ist das Problem gewesen.
Hans----------------------------------------------------------------
"Hören wir einfach auf, uns selbst und unser Land permanent unerträglich zu finden - denn das kam, gemessen an den Realitäten, schon immer einer Undankbarkeit von unappetitlichen Ausmaßen gleich." Juli Zeh.



Zitieren

