Am Karfreitag stand ich in der Nähe unserer Kirche auf den Gehweg und habe den Prozessionszug zugesehen. Da mein lieber Papa vor kurzem verstorben ist, sind mir die Tränen gekommen und ich habe ziemlich geweint.
Auf einmal kommt von irgendwo her ein Radler angesaust, ich habe ich nicht herankommen sehen und bin also ausnahmweise nicht auf die Seite gegangen. Mal abgesehen davon, dass der Depp auf den Gehweg eh nichts zu suchen gehabt hat.
Er fährt nah an mir vorbei und pöpelt, kannst nicht auf die Seite gehen. Ich schreie hinterher, du Depp, danke für deine Ostergrüße. War nicht in Ordnung, ich weiß, aber ich war einfach zu traurig und wütend. Bin sonst eher ruhig und lasse mir viel gefallen, aber ich konnte in dem Moment nicht anders.
Geht an mir ein Pärchen vorbei, sie schaut mich von oben bis unten an (bin schwarz gekleidet und habe verheult ausgeschaut) und kichert, hi hi hi, so eine Verrückte. Ihr Macker kichert genauso und meint, die Weiber wären doch alle sau dumm. (ORIGINALTON)
Ich habe die beiden mein ganzes Leben noch nicht gesehen, weiß nicht wer die sind, wo die wohnen (wills auch nicht wissen) und sie kannten mich auch nicht.
Bin völlig ausgetickt, habe die beiden beschimpft (habe mich selber nicht mehr erkannt), er hat noch vor seiner Tuss die Haltung wahren wollen, mir eine Ohrfeige angedroht aber als ich ihm gesagt habe, das das Echo ihm vom Boden weghaut, ist er ziemlich schnell weggelaufen
Seine Tuss konnte ihn kaum folgen, so schnell ist er weggeflitzt. Also ein wahrer Gentlemen.
Nun man kann ja sagen, waren zwei Deppen, muss man sich nicht darum kümmern. Aber ich grüble immer wieder nach, warum man nicht mal traurig sein darf, ohne das jemand noch auf einen eintritt. Ich habe nichts falsches gemacht, und trotzdem mussten die mich blöde anmachen.
Ich bin im real Life eher still, normalerweise hätte ich meinen Mund gehalten und wäre still gegangen. Doch diesmal konnte ich einfach nicht, wollte nicht mehr stille sein.
Ich schreibe das nur, weil ich mal andere dazu hören wollten, ich habe es schon im Freundeskreis erzählt und die konnten gar nicht glauben, das ich überhaupt was gesagt habe
Ich verstehe es nicht, wenn einer traurig ist und weint, dann sollte man doch eher fragen was los ist und ihn nicht anmotzen.
Oder sehe ich das so falsch, muss man seine Trauer in sich verschließen?
Antworten
Ergebnis 1 bis 10 von 49
Thema: Menschen im allgemeinen
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16.04.2009, 08:56
Menschen im allgemeinen
Alles Liebe, Nellie
Jetzt auch als Next erhältlich
WEDER HARTZER NOCH ARBEITSLOS. Trotzdem prügel ich nicht auf diese ein
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16.04.2009, 10:14
AW: Menschen im allgemeinen
Ich weiß nicht. Ich glaube, viele Menschen sind damit überfordert, wenn ein Fremder so öffentlich seine Gefühle zeigt. Ob es jetzt Freude oder Trauer ist. Und dann reagieren sie so blöd. Ich weiß noch, meine Mutter starb völlig überraschend drei Tage vor Weihnachten. Am Tag darauf bin ich in die Stadt gegangen, weil ich noch Weihnachtsgeschenke für meine Tochter (damals 4) brauchte. Das war definitiv eine blöde Idee. Denn ich stand da im Spielzeugladen, sah all die fröhlichen Gesichter und mußte nur noch heulen. Nicht einer der Menschen dort hat mich gefragt, was los sei, oder ob er helfen könne. Es hat einfach niemanden interessiert.
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16.04.2009, 10:26
AW: Menschen im allgemeinen
Alles Liebe, Nellie
Jetzt auch als Next erhältlich
WEDER HARTZER NOCH ARBEITSLOS. Trotzdem prügel ich nicht auf diese ein
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16.04.2009, 10:45
AW: Menschen im allgemeinen
Ich denke schon, dass es die Leute interessiert. Aber sie fühlen sich hilflos und beschämt. Wenn sie dann ruppig reagieren, versuchen sie das auf ihre Weise aus der Welt zu schaffen.
Der Radfahrer hat aber vielleicht die Traurigkeit gar nicht bemerkt, wenn er so schnell herangefahren kam. Für ihn stand einfach jemand im Weg und diese heftige Gegenreaktion hat er bestimmt überhaupt nicht erwartet.
Abgesehen davon werden heftige Reaktionen ohne ersichtlichen Grund gern mal in die verrückte Ecke gesteckt.
Du solltest das alles nicht allzu ernst nehmen und unter Missverständnis verbuchen. Es ist einfach dumm gelaufen. Es hat keiner etwas gegen dich persönlich.
Man kam einfach mit deinem ungewöhnlichen Verhalten nicht klar. Nicht jeder ist zum Seelsorger ausgebildet.
Du bist momentan ziemlich zart besaitet. Ich kenne das, mein Papa ist auch erst letztes Jahr verstorben. Da tickt man schon mal unvorhergesehen aus. Dafür können die anderen aber auch nichts und wenn auf ungewöhnliches Benehmen ungewöhnliche Reaktionen kommen - was solls?
Irgendwann geht es auch wieder aufwärts, auch wenn man sich das erst mal so gar nicht vorstellen kann.
Ich habe in den letzten Monaten mein Umfeld auch manches mal ein wenig unangemessen angepampt. Da hat auch der eine oder andere mal ziemlich blöd geguckt / reagiert. Aber ich weiß, dass es nicht ihr Problem war, was alles ausgelöst hatte, sondern eigentlich meins. Man kann nicht anderen ungefragt die eigenen Probleme aufs Auge drücken. Wir wissen ja gar nicht, ob die nicht selbst auch ihr Päckchen zu tragen haben und vielleicht auch nicht gut drauf sind.
Wir sind nicht die einzigen mit verstorbenen Angehörigen und es gibt auch noch andere Probleme, die den Leuten wirklich zu schaffen machen können. Ein toter Vater ist zwar sehr traurig, gehört aber zum Lauf der Welt. Es ist normal, dass Eltern vor ihren Kindern sterben und wir müssen uns keinen Vorwurf machen. Hat sich aber jemand echte Probleme selbst eingehandelt, kommt zur Trauer auch noch das Gefühl, versagt zu haben, zu dusselig gewesen zu sein, vielleicht Schuldgefühle und was weiß ich. Schöner ist das bestimmt auch nicht.
Man sollte immer im Hinterkopf behalten, dass viele Leute, die man so trifft, ganz und gar nicht sorglos sind und auch manchmal unangemessen reagieren können.
Wer weiß, vielleicht hatte der Radfahrer schon x mal Ärger für seine Unpünktlichkeit bekommen und war schon wieder spät dran? Und dann ist da so eine dusselige Prozession und er kommt nicht durch, nimmt das langsamere Fahrrad, weil das Auto blockiert ist und dann stehen da auch noch soviele Leute im Weg....
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16.04.2009, 10:49
AW: Menschen im allgemeinen
Mach Dir keine Vorwürfe.
Ich hätte nach so einem schweren Schicksalsschlag wohl genauso oder zumindest ähnlich reagiert.
Manche Menschen sind einfach nur dumm. Wie Einstein so schön gesagt hat, zwei Dinge seien unendlich. Das Universum und die menschliche Dummheit. Beim Universum sei er sich aber nicht sicher.
Und ich habe manchmal das Gefühl, dass viele Menschen immer dümmer, rücksichtsloser, hedonistischer und egoistischer werden.
Manchmal nerve ich mich selbst, wenn Leute beispielsweise im Supermarkt (fast) in mich reinrennen, die Ellbogen ausfahren oder einen dumm anmachen und nicht bereit sind, Rücksicht auf andere Leute zu nehmen. Aber andererseits: Diese Menschen sind einfach nur dumm und frustriert.
Es lohnt nicht, sich über sie aufzuregen. Sie selbst sind mit ihrem Leben wohl nicht ganz so zufrieden.
Eigentlich können sie einen doch nur leid tun.
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16.04.2009, 12:29Inaktiver User
AW: Menschen im allgemeinen
ich finde nicht unbedingt - aber man sollte sich überlegen, ob man in Trauer unbedingt aus dem Haus muss bzw. wie man sich ggf. verhält.
Ich hatte (und hoffentlich nicht so bald wieder habe) auch öfter depressive Phasen mit Heulschüben; nun gut, dann bleib ich halt so gut es geht zuhause und hab für alle anderen Fälle eine große Sonnenbrille dabei, eben um andere Menschen weder zu verunsichern noch mich zusätzlcih mit den Reaktionen belasten zu müssen.
Dir eine gute Trauer- und Aufarbeitungszeit!
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16.04.2009, 12:37
AW: Menschen im allgemeinen
2 Tage nach Winnenden saß ich in der S-Bahn auf dem Weg ins Büro. Mein Sohn hatte 3 Freundinnen verloren, wir standen unter Schock, ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt noch keine Träne geweint. Hatte nur eine Sch... Wut auf die Presse. Vorallem die Bild (mein Sohn hatte ein sehr fieses Erlebnis mit einem Pressefuzzi - führt jetzt aber zu weit)....
Mir gegenüber schlug ein Mann eben dieses Schmierblatt auf - ich sah nur die reißerischen Schlagzeilen und die sensationsgeilen Bilder. Da brach es aus mir heraus. Ich heulte und heulte und heulte. Keiner der 3 Personen, die mit mir in der Gruppe saßen reagierten in irgendeiner Weise. Schließlich stand der Bildmensch auf und ging. Eine andere Frau setzte sich zu mir und nahm mich in den Arm. Sprach mit mir. Ich konnte mich einigermaßen beruhigen und ging dann zur Arbeit. Dort sahen sie mich nur an und reagierten zunächst nicht. Schließlich sprach mich eine Aushilfe an, ich solle doch nach Hause gehen, solle mit der Personalchefin sprechen. Als ich dann alles von mir aus ansprach, war Verständnis da und ich durfte nach Hause gehen. "es hat uns eh schon gewundert, dass sie in dieser Situation arbeiten können...."
(ich bin erst seit einem Monat in diesem Unternehmen...)
Auf dem Heimweg las wieder ein Mann mir gegenüber die Bild. Ich konnte nicht anders als ihn anzusprechen, ob ihm eigentlich klar ist, mit welchen Methoden solche "Artikel" zustande kommen. Er meinte lapidar, es gäbe die Zeitung also lese er sie. Ich schrie ihn an (ich konnte nicht anders): nein weil Sie sie lesen gibt es sie. Und hatte wieder einen Heulkrampf. Jetzt sprachen mich einige Leute an, gaben mir recht, eine setzte sich zu mir und sprach mit mir.
...
Nach dieser ganzen Geschichte wird immer wieder gefordert, die Gesellschaft muss sich ändern, man muss gegen Mobbing angehen, man soll sensibler werden... und gerade durch diese Geschichte musste ich lernen WIE kalt, ignorant und intolerant unsere Gesellschaft ist. Gerade solche Situationen wie du sie hier beschrieben hast sind es doch, die die Welt kalt und hart machen. Warum ist es so schwierig Gefühle zu zeigen und warum ist es so schwierig auf Gefühle von anderen einzugehen? Wenn es zu spät ist schauen alle hin - in die Zeitung, in den Fernseher, ins Internet - wollen ALLE Informationen, die sie nur bekommen können....
Warum sprechen wir nicht mit den Menschen, die unglücklich neben uns sitzen/stehen/gehen? Vielleicht würden wir mehr Wahrheiten erfahren und besser verstehen.
LG LFam ende wird alles gut. wenn es nicht gut ist, ist es noch nicht das ende.
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16.04.2009, 13:30
AW: Menschen im allgemeinen
kleinenellie, das tut mir leid, dass Du gleich zweimal an einem Tag an so "Deppen" geraten bist.
Doch, man darf traurig sein. Mein Erlebnis letztes Jahr: Ich fuhr mit dem Auto zu meinem Lieblingsaussichtsplatz und blieb in Gedanken versunken drin sitzen, weil ich ein Problem wälzte. Nach einiger Zeit klopfte eine Frau an meine Autotür. Etwas mürrisch drehte ich die Scheibe herunter und sie fragte mich ganz lieb, ob sie mir helfen könne. So eine Erfahrung tut so gut, ich wünsche Dir ähnliche in nächster Zeit.Gruß dingsda
Die wichtigste Stunde ist immer die Gegenwart.
Der bedeutendste Mensch ist immer der, der Dir gegenübersteht.
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16.04.2009, 13:49
AW: Menschen im allgemeinen
Weil viele Angst davor haben. Sie haben Angst, dass andere Leute auf ihnen "rumtrampeln" wenn sie Schwäche zeigen. Und leider gibt es immer wieder Menschen, die auf anderen, momentan "Schwachen" rumtrampeln, um sich selbst etwas besser zu fühlen, oder ich habe keine Ahnung, warum.Warum ist es so schwierig Gefühle zu zeigen und warum ist es so schwierig auf Gefühle von anderen einzugehen?
Ich war früher sehr schüchtern, bedingt durch schlechte Erfahrungen (Mobbing), mein ehemaliger Chef hat das ausgenutzt und ich war der "Blitzableiter" für seinen Frust, musste für alles den Kopf hinhalten.
Seitdem bin ich selbst auch vorsichtiger geworden.
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16.04.2009, 14:02Inaktiver User
AW: Menschen im allgemeinen
Sehr richtig!
Es sind dumme Menschen Nellie.
Schlimm, dass du gerade jetzt so etwas erleben mußt. Trauer gehört zum Leben dazu aber wir sind ja alle "schön, reich, erfolgreich und gut" da paßt Trauer eben einfach nicht rein.
Aber Leben gibt es nicht ohne den Tod. Das wird jeder einmal erfahren.
Trauere ruhig weiter Nellie - das muß sein. Bei dem Einen dauert es nicht so lange, bei dem Anderen dauert es länger.
Ich gehöre zu den Menschen die sehr lange trauern. Aber auch ich habe mich in der Öffentlichkeit so gut es geht im Griff.
Trauer, Tränen, Krankheit sind einfach Dinge mit denen die meisten Menschen nichts anfangen können, mit denen sie auch nichts zu tun haben wollen. Die Liste ist beliebig erweiterbar.
Jeder für sich sollte sich vornehmen besser damit umgehen zu lernen.
Am schlimmsten finde ich persönlich, dass von Trauernden oft erwartet wird schon nach kurzer Zeit wieder zu "funktionieren" so zu tun als ob nichts wäre. Dabei ist gerade die Verarbeitung von Verlusten so wichtig.
Liebe Nellie - nochmal mein Beileid



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