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    Ich weiß einfach nicht mehr, was richtig ist

    Hallo ihr Lieben,

    mir gehen gerade tausend Dinge im Kopf herum und ich brauche eure Meinung:

    Ich bin letzten Herbst beim ersten Versuch im ukrainischen Biotexcom-Zentrum schwanger geworden. Leider gab es von Anfang an Komplikationen und nach drei unendlich traurigen und schweren Wochen starb unser Sohn in der 14. SSW an den Folgen einer massiven Megazystis. Ich kam ins Krankenhaus, die Geburt wurde eingeleitet und drei Tage später wurde unser Luca still geboren. Ich habe seine Geschichte ausführlich im Klein-Putz Forum im Sternenkinder-Ordner erzählt.

    Seit Lucas Tod habe ich mir, auch mit Hilfe einer Psychotherapeutin, viele Gedanken gemacht. Mit ansehen zu müssen, wie sich der Körper unseres Kindes durch die Fehlbildung immer mehr deformiert hat, ohne dass wir ihm helfen konnten, war die schrecklichste Erfahrung meines Lebens. Jetzt quält mich auch die Frage, ob ihm sein Schicksal nicht erspart geblieben wäre, wenn wir dieses Leben nicht erzwungen hätten. Immerhin bringen wir als Paar mit eingeschränkter Fruchtbarkeit ein erhöhtes Fehlbildungsrisiko für unser Kind mit. Bei einer IVF kann man zumindest noch halbwegs von einer natürlichen Selektion sprechen, bei einer ICSI ist das ja nicht mehr der Fall. Aber wann beginnt die Verantwortung, die wir als Eltern für das Wohl unserer Kinder tragen - schon mit der Zeugung oder erst mit ihrer Geburt?

    Wir hätten noch einen Kryo-Versuch, aber unter anderem wegen dieser Gedanken, der Belastung der letzten Behandlungen und der großen Angst, vielleicht etwas ähnliches noch einmal zu erleben, hatten wir uns eigentlich vorgenommen, die Behandlung jetzt endgültig abzubrechen. Wir haben uns bereits über ein Dauer-Pflegekind oder auch eine Adoption Gedanken gemacht und können uns das auch gut vorstellen. Und vielleicht, haben wir gedacht, schickt uns die Zeit ja auch irgendwann noch ein kleines Wunder.

    Eigentlich hatte ich das Gefühl, dass es mir mit dieser Entscheidung ganz gut ging, bis gestern abend: Gestern abend wurde ich nur ein paar Monate nach dem Tod unseres Sohnes Patentante. Mein Bruder hat einen gesunden Jungen bekommen (sein 2. Kind) und rief noch aus dem Kreissaal an, um uns zu sagen dass der Kleine jetzt da ist. Er war noch ganz euphorisch, mein Patenkind hat ins Telefon gequäkt - und für mich ist wieder eine Welt zusammengebrochen. Es tut so weh, dass wir unseren Sohn nie in den Armen halten werden; dass wir nie wissen werden, wie er ausgesehen oder wie seine Stimme geklungen hätte. Ich freue mich mit meinem Bruder und gleichzeitig macht die Geburt dieses Kindes uns unseren eigenen Verlust noch einmal so furchtbar deutlich. Und ich habe gemerkt, wie sehr ich mir doch immer noch wünsche, mit meinem Mann das gleiche erleben zu dürfen.

    Kann man sich denn jemals völlig von diesem Wunsch verabschieden? Seit gestern habe ich wieder das Gefühl, ich bin noch nicht so weit und denke darüber nach, vielleicht doch noch die Kryo zu versuchen - aber ich weiß einfach nicht mehr, was richtig ist und ob meine Kraft nach allem dafür noch reicht... Was tut ihr denn, um zu einer Entscheidung zu kommen?
    Traurige Grüße,
    Migahus

  2. Inaktiver User

    AW: Ich weiß einfach nicht mehr, was richtig ist


  3. Moderation
    Registriert seit
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    AW: Ich weiß einfach nicht mehr, was richtig ist

    Liebe Migahus, es tut mir sehr leid, was euch passiert ist!

    Mal ein paar Überlegungen. Zum einen hat ein Embryo in der 14. Woche nach menschlichem Ermessen noch kein Schmerzempfinden. Die Reizempfindung beginnt langsam irgendwann bei der Mitte der Schwangerschaft und bildet sich auch dann erst sehr, sehr langsam aus. Darum würde ich den Gedanken, dass euer Kind ein schlimmes Schicksal hatte, loslassen.

    Letztlich geht es also um euch und euer Empfinden. Ich hatte vier Fehlgeburten und habe nach der dritten beschlossen, dass ich erst wieder schwanger werden will, wenn ich mir sicher bin, nicht wieder in so ein Loch zu fallen. Ich habe mich darum mit Resilienztraining befasst. Die vierte FG war dann wirklich nur noch halb so schlimm (allerdings auch früher, in der 7. Woche). Vielleicht kann deine Psychotherapeutin auch in dieser Richtung unterstützen?

    Ich weiß nicht, wie alt ihr seid. Vielleicht brauchst du auch noch ein bisschen Zeit? Wenn ihr diese Zeit habt, lasst sie euch. Besteht irgendeine Chance, dass du auf natürlichem Weg schwanger wirst, oder ist das ausgeschlossen?

    Ich könnte mir vorstellen, dass auch die Behandlung im Ausland mit erhöhtem Stress einhergeht (und damit meine ich nicht, dass das die Chance auf Erfolg beeinflusst, sondern dass es einfach für euch anstrengender und belastender ist).
    Always be a little kinder than necessary. – James M. Barrie

    Moderation in den Foren "Rund um den Job", "Rund ums Eigenheim", "Fehlgeburt" und "Wissenschaft und Umweltschutz"

  4. Avatar von Mailine
    Registriert seit
    18.04.2011
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    AW: Ich weiß einfach nicht mehr, was richtig ist

    Liebe Migahus,
    mir tut sehr Leid, was Euch passiert ist! Deine Zeilen berühren mich, sodass ich mich extra für Dich eingeloggt habe.
    Dass jetzt Deine Wunde wieder aufreißt, ist nur verständlich.

    Du fragst, wann unsere Verantwortung als Eltern beginnt. Wenn man sich bewusst für eine Kinderwunschbehandlung entscheidet, ist einem die Verantwortung von Anfang schon sehr bewusst. Ich denke, ein Stückweit bewusster als wenn man auf natürlichem Weg "einfach so" schwanger geworden wäre. Das hätte etwas Leichteres und ich denke, dass man sich da noch nicht so sehr mit vielen Überlegungen rumschlägt. Wohl auch, doch mit IVF fängt man schon früh an, abzuwägen und hat viele Ängst und Entscheidungen zu treffen. .

    Ich denke, Vieles kann man nicht beeinflussen. Es ist auch viel Schicksal dabei. Über das Schicksal haben wir nur begrenzt Einfluss. Daher kann ich Deine Überlegungen gut nachvollziehen. Man fragt sich, ob man das Schicksal noch einmal herausfordern möchte. Wenn Ihr Euch noch Zeit lassen könnt, dann macht das! Es täte Euch gut und Du wirst spüren, ob Du es nochmal wagen möchtest.

    Versuche Dich von dem Schuldgedanken freizumachen. Ob Ihr durch eine IVF oder ICSI Eurem Kind Leid zugefügt habt. Das habt Ihr nicht. Ihr habt Euch ein Kind gewünscht. Das ist ein existenzieller Wunsch.
    Du schreibst, Ihr hättet sein Leben erzwungen. Ja, in gewisser Weise habt Ihr das. Zusammen mit den Ärzten und Biologen habt Ihr alles medizinisch Mögliche dafür getan.
    Ein Risiko bleibt. Ein Risiko bleibt aber auch ohne IVF oder ICSI.
    Das Risiko lässt sich nicht ausschließen, ob durch IVF oder natürlicher Zeugung.
    Ich wünsche Euch viel Kraft für die nächste Zeit.

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