Liebe Community,
ich weiß, einen ähnlichen Thread gibt es schon von Bobbycar. Aber er hat eine Richtung eingeschlagen, die meine Frage nicht trifft. Außerdem weiß ich, dass hier bereits heftig diskutiert wird, ob Fremdgehen immer Ausdruck einer defekten Hauptbeziehung ist, oder nicht. Auch das soll nicht das Thema sein. Gehen wir von den Seitensprüngen aus, bei denen es zuvor einen Defekt in der Hauptbeziehung gab.
Mir sind in der Vergangenheit im Zusammenhang mit dem Thema Fremdgehen mehrere Dinge hier aufgefallen. Zum einen, dass den sich outenden Fremdgängern sehr oft der (berechtigte!) Vorwurf gemacht wird, sie hätten ihre Unzufriedenheit mit der Beziehung klar äußern müssen, damit der Partner eine Möglichkeit gehabt hätte zu reagieren. Zum anderen: Mir fallen im Gegenzug immer wieder Stränge auf, in welchen der (beinahe) fremdgegangene Partner sich eigentlich deutlich artikuliert hat oder in welchen potenzielle Betrogene darauf aufmerksam gemacht werden, dass das Problem viel tiefer liegt - und die dann lieber abtauchen und das alles furchtbar unfair finden.
Aber welche Chance hat ein sich entfremdender Partner dann eigentlich überhaupt, zu seinem Partner durchzudringen? Diese Kommunikationsmuster entstehen doch nicht über Nacht, das sind eingespielte Verhaltensweisen - desto mehr, je länger die Ehe/Beziehung andauert. Ist es dann aber nicht verständlich, dass es einen konkreten Auslöser für das Artikulieren braucht und vorher die als unangenehm empfundene Grundsatzdiskussion vor sich her geschoben wird, weil kein akuter Handlungsbedarf besteht? Eine Ehe, die gefährdet ist, muss doch nicht unbedingt unlebbar sein. Wie löst man aber so eine Schweigespirale auf, wenn man vor dem konkreten Auslöser gar nicht erkennt, dass sie überhaupt existiert?
Ich denke zudem sehr oft über das Argument nach, die arme, nichts ahnende Ehefrau werde nach 30 Jahren urplötzlich verlassen. Gibt es das wirklich? Oder ist es nicht eigentlich Ausdruck der Entfremdung, wenn Paare nach 30 Jahren die Bedürfnisse des anderen nicht sicher und durch ernsthafte Gespräche bestätigt kennen - sondern diffus annehmen, es sei schon alles okay, solange der andere nichts sagt?
Mir scheint, das alles ist nicht so einfach, wie hier manchmal suggestiert wird. Daher wollte ich gern einen Faden dazu aufmachen. Vielleicht hat der eine oder andere ja Lust, seine Sichtweise dazu kundzutun. Damit es keine Missverständnisse gibt:
1. Ich mache einen Unterschied zwischen "Verhalten erklären" und "Verhalten entschuldigen". Wer ein Verhalten ent-schuldigen will, muss vorher die Schuld eindeutig feststellen.
2. Ich möchte in so einem Zusammenhang auch nicht von "Schuld" des Betrogenen sprechen. Mir sind die Begriffe "Ursache" und "Auslöser" lieber.
3. Ich teile die Haltung der meisten hier: Ein Seitensprung ist objektiv betrachtet keine gute Form, mit einer Krise umzugehen. In dem Moment hat einseitig ein Partner Schuld auf sich geladen. Gleichwohl kommen Seitensprünge vor. Das schlicht wegzuwünschen wäre reineweg naiv.
Beste Grüße
Babette
Antworten
Ergebnis 1 bis 10 von 61
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22.06.2008, 17:59
Warum schauen die (Fast-)Betrogenen so oft nicht auf das Wesentliche?
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22.06.2008, 19:48
AW: Warum schauen die (Fast-)Betrogenen so oft nicht auf das Wesentliche?
Liebe Babette,
ich danke Dir für Deinen Thread. Ich glaube selber auch, dass es gerade beim Thema Treue/Seitensprung/Affäre sehr wichtig ist, alle Perspektiven und Hintergründe zu beleuchten - und das aus der Sicht BEIDER Partner. Im Angesicht der hochkochenden und zunächst völlig verständlichen Reaktionen und Emotionen des Betrogenen - Wut, Enttäuschung, tiefe Verletzung etc. - ist es natürlich unglaublich schwierig für ein Paar, dies zu tun.
Umso größer und toller finde ich es, dass einige Paare das trotzdem hinbekommen. Ich selber zähle mich und meinen Partner auch dazu. Wir waren über acht Jahre zusammen und dann verliebte ich mich in einen anderen Mann. MEIN Fehler - und das ist wirklich das "Schuld"eingeständnis, das ich mache - war es, nicht bereits in dem Moment, als die "Gefahr" im Anzug war, den Mut zu haben, ganz genau auf mich und meinen Partner und die Muster zu gucken, die uns zu diesem Punkt geführt hatten. Diese Chance hätte ich uns einfach damals schon geben sollen. Tat es aber nicht, sondern entfernte mich stattdessen immer weiter vom Partner, hin zu dem Mann, in den ich mich verliebt hatte.
Der Part meines Partners in dieser Zeit: Auch er schwieg, spürte meine Entfernung, hatte aber selber ebenfalls nicht den Mut, Tacheles zu reden, aus Angst, mich zu verlieren. Aus Angst, seine schlimmen Phantasien bestätigt zu bekommen.
Diese "Schweigespirale" hörte erst auf, als wir zum ersten Mal den Mund aufbekamen und ich ihm völlig schonungslos von meiner (dann bereits) Affäre erzählte - in der Absicht, mich von ihm zu trennen. Was danach folgte, ist in meinem Strang "Unglaublich schwere Situation" nachzulesen.
Fazit: Mein Partner machte nicht dicht. Sondern er hatte den Mut, nach der ersten Verletztheit jenseits aller Schuldvorwürfe auf UNS zu schauen - auf die Muster, die dazu geführt hatten, dass es soweit kam. Und an diesen Mustern sind eben BEIDE beteiligt.
Mein Respekt vor meinem Partner ist riesengroß. Ich glaube, so, durch diese ganz neue Offenheit, kann auch eine neue Chance für uns entstehen. Aber dazu gehört es tatsächlich, diesen ganzen Täter-Opfer-Kram außen vor zu lassen. Es geht nicht um "Schuld". Es geht um das Scheitern eines bisherigen Beziehungsmusters - die Affäre bzw. Verliebtheit ist letztlich "nur" das Symptom dafür.
Beide Partner sollten sich die Frage stellen: Haben wir die Kraft und den Mut und den Willen, unser bisheriges Beziehungs- und Kommunikationsmuster zu hinterfragen, um UNS eine neue Chance zu geben? Und hier ist eben auch der Betrogene gefordert, so schwer das auch für ihn ist. Wenn ER sich nicht traut, hinzuschauen, sondern sich hinter seiner Mauer der Verletzung und der Schuldvorwürfe verkriecht, ist er meiner Meinung nach mindestens genauso verantwortlich für das Scheitern der Beziehung wie der "böse" Fremdgänger.
Liebe Grüße
von Claudia.
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22.06.2008, 20:48
AW: Warum schauen die (Fast-)Betrogenen so oft nicht auf das Wesentliche?
Ich finde Claudias Posting ganz ausgezeichnet. Bis auf den letzten Absatz:
Wenn ER sich nicht traut, hinzuschauen, sondern sich hinter seiner Mauer der Verletzung und der Schuldvorwürfe verkriecht, ist er meiner Meinung nach mindestens genauso verantwortlich für das Scheitern der Beziehung wie der "böse" Fremdgänger.
Erstens ist das auch ein Schuldvorwurf, und zwar ein massiver. Zweitens: Wenn der Betrügende (mutmaßlich noch ohne sehr gravierende emotionale Verletzungen) für sich keinen anderen Ausweg gesehen hat, als eben zu betrügen - warum wird dann dem Betrogenen nicht das Recht zugestanden, eben auch nicht anders zu können? Es IST dann so und es ist für mich in Ordnung.
Richtig ist und bleibt: Wenn es denn einen weiteren gemeinsamen Weg geben soll, dann müssen beide schauen wollen - und wahrscheinlch muss jeder erstmal mehr auf sich schauen als auf den anderen.
PrijonGeändert von Prijon (22.06.2008 um 20:59 Uhr)
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23.06.2008, 11:23
AW: Warum schauen die (Fast-)Betrogenen so oft nicht auf das Wesentliche?
Lieber Prijon,
Du hast Recht. Ich habe mich vielleicht etwas missverständlich ausgedrückt. Von "Schuld" mag ich nicht sprechen, auf beiden Seiten nicht. Aber beim Nachdenken darüber - von Verantwortung vielleicht schon? Verantwortung für die Beziehung bzw. auch für deren mögliches Scheitern haben doch beide Partner, oder?
Der Betrügende trägt die Verantwortung dafür, dass durch seinen Betrug und die damit verursachte Verletzung womöglich die Beziehung in die Brüche geht. Und der Betrogene trägt die Verantwortung dafür, dass durch seine Reaktion darauf - das Einnehmen der Opferrolle ohne genau hinzugucken - womöglich auch die Beziehung scheitern könnte. Ja, vielleicht kann der Betrogene in dem Moment nicht anders, genau wie der Betrügende vorher, deshalb meine ich das eher wertfrei und ohne Zeigefinger.
Aber schade für die Beziehung ist es doch in beiden Fällen, weil dadurch eine eventuelle Chance vertan wird...?
Claudia
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23.06.2008, 17:58
AW: Warum schauen die (Fast-)Betrogenen so oft nicht auf das Wesentliche?
AW: Warum schauen die (Fast-)Betrogenen so oft nicht auf das Wesentliche?
Weil das Kind dann schon meist in den Brunnen gefallen ist? Oder weil die verletzte Eitelkeit schlimmer wiegt? Oder weil jemand gekommen ist, der die Besitzrechte am Partner anfechtet? Oder weil vllt. schlichtweg Konkurrenz da ist, die momentan die besseren Chancen hat?
Vermutlich sind das die Antworten auf deine Frage. Die Gedanken auf das Wesentliche kommen oftmals erst viel später, wenn der ehemals Betrogene eine neue Beziehung eingehen will und diesmal auch ganz bestimmt alles viel besser machen will.
Könnte das sein?Lg Mondfisch
Die schöne Dame auf meinem Avatar ist Madame de Montespan und sie war lange Zeit die Mätresse des Sonnenkönigs...
* * * * *
Siehst du einen Riesen, so prüfe den Stand der Sonne und gib Acht, ob es nicht der Schatten eines Zwerges ist.
Friedrich Nietzsche
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23.06.2008, 18:50
AW: Warum schauen die (Fast-)Betrogenen so oft nicht auf das Wesentliche?
Besitzrechte am Partner??
Wenn die Beziehung nach dem Seitensprung beendet ist, klärt die Fragen ja ohnehin jeder für sich selber. Mir geht es um den Knackpunkt, dass das "Hättest Du doch früher mal...." offenbar "früher" ganz schwer umzusetzen ist. Und zwar nicht nur von jenem, der - zu diesem Zeitpunkt noch unwissend - später der Betrügende sein wird.
Insofern: Nein, das hat keine einzige meiner Fragen beantwortet.
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23.06.2008, 19:04Inaktiver User
AW: Warum schauen die (Fast-)Betrogenen so oft nicht auf das Wesentliche?
vielleicht weil deine Ueberschrift nicht nur eine Schuldzuweisung darstellt sondern auch weil du nicht definierst was das wesentliche ist?das hat keine einzige meiner Fragen beantwortet.
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23.06.2008, 21:08Inaktiver User
AW: Warum schauen die (Fast-)Betrogenen so oft nicht auf das Wesentliche?
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Geändert von Inaktiver User (28.06.2008 um 12:40 Uhr)
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23.06.2008, 22:32
AW: Warum schauen die (Fast-)Betrogenen so oft nicht auf das Wesentliche?
Dieclou, kann es sein, dass du dir einfach Gründe vorstellst, die zu einem Treuebruch führen müssen? z. b. Frau will kaum Sex, Mann sucht sich ne Geliebte. Oder Frau ist zu kühl, Mann sucht sich ne mütterliche Affäre. Und die Frau, die sich jetzt noch ganz schnell für ihren Mann ändert, wird auch nicht betrogen? Neee, so einfach ist das nicht.
Es gibt Männer, die bleiben ihr Leben lang der Partnerin treu. Egal, wie sich die Umstände entwickeln. Und es gibt Männer, die rennen nach 30 Jahren Ehe in den Puff, weil sie ihre blonde Gattin leid sind und lieber mal ne dunkelhaarige testen wollen. Liegt jetzt der Fehler bei der Frau? Hätte sie öfter mal die Haarfarben wechseln sollen?
Das würde ja bedeuten, dass man jeden Menschen zum fremdgehen herausfordern könnte? Unabhängig von seiner Religion, seiner Prinzipien und seiner Ideale? Nein, das glaube ich einfach nicht. Es gibt Menschen, die können bis ans Lebensende in einer unerfüllten Beziehung ausharren, ohne abzudriften. Andere widerrum schaffen es noch nicht Mal ein Jahr.
Was ist mit den Partnern, die einfach nur mal neues Fleisch testen wollen?Lg Mondfisch
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Siehst du einen Riesen, so prüfe den Stand der Sonne und gib Acht, ob es nicht der Schatten eines Zwerges ist.
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23.06.2008, 22:38Inaktiver User
AW: Warum schauen die (Fast-)Betrogenen so oft nicht auf das Wesentliche?
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Geändert von Inaktiver User (28.06.2008 um 12:40 Uhr)


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