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Thema: Parallelwelt

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    Parallelwelt

    Vorsicht, lang!
    Ich bin seit Jahren stille Mitleserin und überlege schon sehr lange, ob ich meine Geschichte hier erzählen kann / soll. Ich habe Sorge, erkannt zu werden. Und die Hoffnung, Menschen zu finden, denen es vielleicht ähnlich geht, mich mitteilen und austauschen zu können. Es gibt bisher niemanden, der diese Geschichte kennt… aus verschiedenen Gründen.

    Ich bin einen Teil meiner Kindheit im Ausland groß geworden – in einem Land mit einer völlig anderen Kultur, einer anderen Sprache und anderem Klima.
    Mein Abitur habe ich in Deutschland gemacht. Danach flog ich in das Land meiner Kindheit. Ich lernte einen Mann kennen, verliebte mich und blieb für ein Jahr. Diese Zeit gehört zu den glücklichsten Zeiten meines Lebens. Ich dachte darüber nach, zu bleiben, dort zu studieren… doch am Ende habe ich mich nicht getraut… in einem Land, dessen politische Lage alles andere als einfach ist… so weit weg von meiner Familie, die wieder in Deutschland lebte.
    Die Beziehung endete. Es war uns beiden zu diesem Zeitpunkt klar, dass es keine gemeinsame Zukunft geben würde. Die Gründe dafür waren vielfältig… Es war die Entscheidung gegen mein Leben dort… keine Entscheidung gegen ihn. Ohne Streit, ohne Auseinandersetzung, ohne ein einziges böses Wort. Es war einfach die Entscheidung für ein Leben in Deutschland. Und es war nicht nur der Abschied von ihm, es war auch der Abschied von diesem Land, der mir damals das Herz brach.

    Zurück in Deutschland lernte ich meinen Mann kennen, wir heirateten, ich studierte, wir bekamen unsere Kinder und ich fand beruflich meinen Platz. Doch in all den Jahren lebte ich mit der Erinnerung und der Sehnsucht. Am intensivsten trafen sie mich im Schlaf – in meinen Träumen. Unendlich oft kehrte ich darin zurück.
    Zu dem Mann im Ausland hielt ich sehr sporadisch Kontakt. Damals waren die Telefonate noch unglaublich teuer, Briefe dauerten Wochen. Und irgendwann stimmten die Kontaktdaten einfach nicht mehr. Ich erinnere mich an den Tag, an dem ich mich damit konfrontiert sah, dass ich ihn wahrscheinlich niemals wiedersehen würde.

    Die Sehnsucht blieb. Obwohl ich mir nach über 20 Jahren nicht sicher war, ob unsere damalige Zeit auch bei ihm so tiefe Spuren hinterlassen hatte. Und war es die Erinnerung an ihn oder auch die Sehnsucht nach dem Land… der Kultur, der Sprache, dem Essen, dem Leben dort? Vielleicht war es auch „nur“ die Erinnerung an das Glück und die Freiheit dieser Jahre…
    Nach einem großen Verlust und tiefer Trauer kam dann endlich die Zeit der Heimkehr. Ich hatte meinem Mann und unseren Kindern in all den Jahren viel erzählt, wir waren bis zu diesem Zeitpunkt aufgrund der politischen Situation jedoch nie gemeinsam dort gewesen. Jetzt hatte sich die Situation ein wenig stabilisiert und unsere Kinder waren alt genug…
    Ich zählte die Tage. Manchmal blitzte die Frage auf, ob die Erinnerung in den Jahrzehnten zu so etwas wie einer Flucht vor schweren Schicksalsschlägen und der – teilweise sehr harten – Realität geworden war. Und ob eine Rückkehr tatsächlich so sein würde, wie ich es mir erträumte… Als das Flugzeug landete und ich ausstieg wusste ich es… es war das überwältigende Gefühl, nach Jahrzehnten endlich „nach Hause“ zu kommen.

    Es kam zu beruflichen Veränderungen und ich hatte die Chance, die Liebe zu diesem Land zumindest ein wenig auch in meinen Beruf zu integrieren. Und so wurden mehrere Aufenthalte dort im Jahr – privat, aber auch beruflich – Teil meiner zukünftigen Lebensplanung.
    Eines Tages, während der Planung eines beruflichen Aufenthaltes, googelte ich nach seinen Namen… das tat ich auch nach Jahrzehnten noch ab und zu… und an diesem Vormittag war da plötzlich ein Treffer.
    Ich rief ihn an. Und bei meinem nächsten, beruflichen Aufenthalt sahen wir uns nach 25 Jahren zum ersten Mal wieder.

    Jetzt wird es ziemlich pathetisch…
    Es war vom ersten Augenblick zutiefst vertraut. Das Gefühl, auch bei einem anderen Menschen nach Hause zu kommen. Leider war diese Gefühl vom ersten Moment nicht nur freundschaftlich – auch, aber eben nicht nur… Ich habe bei keinem anderen Mann in meinem Leben so eine intensive und unwiderstehliche körperliche Anziehungskraft erlebt. Es gab an diesem Tag Berührungen, doch es waren weniger die Berührungen als die Intimität, die auf dem Grad der Grenze des „Erlaubten“ entlang balancierte.
    Wir haben uns beide sehr bewusst – und gegen den spürbaren Wunsch - dafür entschieden, nicht weiter zu gehen… Die Sehnsucht schmerzte körperlich und hielt noch tagelang in dieser Intensität an.
    Ein Jahr später haben wir uns wiedergesehen. Bei den privaten Reisen gab es keine Treffen, wir sahen uns nur, wenn ich beruflich unterwegs war.

    Und dann kam Corona. Bei all den Einschränkungen und Katastrophen, die in diesem Jahr uns alle trafen, war für mich die Tatsache, nicht reisen zu dürfen, fast das Schlimmste.
    Ich habe schon seit meiner Kindheit das Gefühl in zwei Welten zu leben. Es ist, als existiere neben meinem Leben in Deutschland noch ein weiteres Leben… Als wäre ein Teil meiner Seele damals – mit 20 – nicht zurückgekehrt und in diesem Land, bei diesem Mann geblieben.
    Mein Partner weiß nichts davon. Natürlich kennt er die Geschichte meiner Kindheit. Er weiß auch, dass ich nach dem Abitur dort lebte und damals sehr glücklich und verliebt dort war. Er kennt meine Sehnsucht nach diesem Land. Vielleicht ahnt er auch, dass ich – nach dem Verlust in meinem Leben und der Rückkehr in meine alte Heimat – Kontakt aufgenommen habe… Aber ich denke, er weiß nicht, dass es nicht nur die Sehnsucht nach diesem Land ist. Er weiß nicht, dass mich die Sehnsucht in Wellen überschwemmt und in diesen Momenten fast mein Herz zerreißt. Dass ich dann, manchmal tagelang, schwer atmen kann. Und die Träume mich wieder einholen.
    Ich will meine Ehe nicht gefährden. Ich liebe meinen Mann. Es gab in meiner Ehe große Höhen und tiefe Tiefen, aber ich habe meinem Partner das Versprechen gegeben, den Weg mit ihm gemeinsam zu gehen und dieses Versprechen möchte ich halten. Was sollte ich ihm auch sagen? „Schatz, ich liebe dich, aber es gibt jemanden, der mich um den Verstand bringt und ich würde diese Sehnsucht gerne leben… aber danach wieder zu dir nach Hause kommen?“. Ich weiß, dass es für mich umgekehrt nicht vorstellbar wäre!

    Und gleichzeitig liebe ich einen anderen Mann. Wir wissen beide, dass wir uns lieben,- dass die Liebe von damals nie aufgehört hat. Diese Liebe ist mein Geheimnis, ein Geheimnis verborgen ganz tief in meinem Inneren… etwas, was nur mir gehört. Diese Liebe war schon vorher da… bevor ich meinen Mann kennenlernte und mein Leben hier aufbaute. Sie ist verbunden mit meiner Kindheit, mit dem endlosen Sternenhimmel und dem Ort, der für mich der schönste dieser Welt ist.
    Zwischen dem Mann im Ausland und mir kommt es – manchmal wöchentlich, manchmal auch sehr viel seltener – zu kurzen WhatsApps, zu Telefonaten und Gesprächen. Manchmal schweigen wir nur, schicken uns Liedtexte, manchmal diskutieren wir über Politik, lassen den anderen für kurze Augenblicke an unserem Leben teilhaben… Und ich weiß, dass ich eigentlich nichts mehr will, als noch einmal mit diesem Mann zusammen zu sein… so als würde ich mir dadurch erhoffen, dass ein Teil von mir endlich wieder „ganz“ ist.
    Himmel, klingt das pathetisch!

    Das Fatale ist, dass ich eigentlich weiß, was ich will. Ich will diese Tage im Jahr, in denen ich – weit weg von meinem Alltag in Deutschland - zuhause sein kann… Und ich will in diesen Tagen endlich, endlich diese Sehnsucht stillen. Vielleicht in der Hoffnung, dass „dann gut“ ist, vielleicht aber auch mit der Option, dass diese Tage zum Bestandteil meines Lebens werden.
    Eigentlich ist es in erster Linie der Wunsch, meine Geschichte endlich einmal zu erzählen. Es aussprechen zu dürfen, ohne, dass es für Menschen in meinem Umfeld Konsequenzen hat. Vielleicht ist da ja auch jemand, der dieses Gefühl kennt oder ähnliches erlebt hat?

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    AW: Parallelwelt

    Liebe Silverlining,

    keine Ahnung, ob man das vergleichen kann, aber das Gefühl der Zerrissenheit von Kindheit an kenne ich auch sehr gut. Bei mir kam es durch die frühe Scheidung meiner Eltern, die kein Wort mehr miteinander sprachen - so dass es keine Überschneidungen gab - und die ganz unterschiedliche Erwartungen an mich hatten. So gab es mich in zwei Versionen, um es kurz zu fassen: bei meiner Mutter war ich die feine, stille Leseratte, bei meinem Vater bin ich laut berlinernd auf Bäume geklettert. Das Gefühl einer inneren Spaltung zieht sich durch mein ganzes Leben.

    Aus dieser Erfahrung heraus (wie gesagt, wie weit sie zu vergleichen ist, weiß ich nicht) vermute ich, dass du dich immer zerrissen fühlen würdest, auch bei dem Mann im Ausland, auch temporär. Du hast gewissermaßen zwei Heimaten, und diese Medaille hat zwei Seiten. Ein Ausweg wäre, sich auf die positive Seite der Medaille zu konzentrieren. Und dir zu sagen, dass eine Sehnsucht im Hintergrund, ein Vertrauter in der Ferne eine tolle Sache ist. Das zu genießen, statt dich zu quälen - könnte das auch gehen? Auflösen lassen wird sich diese Spaltung vermutlich nicht, egal was du tust.

    Kannst du dir vorstellen, mit deinem Mann darüber zu reden?
    Ist der andere Mann auch gebunden?

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    AW: Parallelwelt

    Liebe Lialey! Erst einmal: ich habe mich wirklich über deinen Post gefreut. Allein die Tatsache, darüber sprechen (schreiben) zu können, tut gut!

    Dein Post berührt mich und ja... wahrscheinlich trifft deine Beschreibung es gut.
    Manchmal kann ich es genießen. Und in erster Linie bin ich unglaublich dankbar dafür, dass ich ihn überhaupt wiedersehen durfte.

    Aber nein, ich kann mir nicht vorstellen, mit meinem Mann darüber zu sprechen. Ich weiß, dass ich umgekehrt nicht damit leben könnte und wie sollte ich von ihm erwarten, meinen Zwiespalt zu ertragen. Ich weiß nicht mal, was ich mir bei einem Gespräch überhaupt erhoffen oder erwarten würde.

    Bei unserem ersten Treffen war der Mann auch gebunden. Ob das im Augenblick noch aktuell ist, weiß ich gar nicht. Er lebt auf jeden Fall nicht mit einer Frau zusammen.

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    AW: Parallelwelt

    Zitat Zitat von silverlining Beitrag anzeigen
    Aber nein, ich kann mir nicht vorstellen, mit meinem Mann darüber zu sprechen.
    Bist du sicher? Von außen betrachtet wirken alle Menschen in sich so rund. Wenn man näher hinsieht und -hört, entdeckt man deren Parallelwelten. Und wenn es nur ein Romanheld oder eine Schauspielerin ist, von denen sie mitunter träumen. Vielleicht würde dein Mann dich besser verstehen, als du denkst. Wenn du nicht mit ihm darüber sprichst, kennt er jedenfalls nur einen Teil von dir.

    Zitat Zitat von silverlining Beitrag anzeigen
    Ich weiß nicht mal, was ich mir bei einem Gespräch überhaupt erhoffen oder erwarten würde.
    Verständnis? Wirkliche Nähe? Ich finde es jedenfalls nicht so schwer zu verstehen. Einen handfesten körperlichen Betrug gab es ja noch nicht.

    Zitat Zitat von silverlining Beitrag anzeigen
    Ich weiß, dass ich umgekehrt nicht damit leben könnte und wie sollte ich von ihm erwarten, meinen Zwiespalt zu ertragen.
    Was würdest du denn tun, wenn er dir einen derartigen Zwiespalt offenbaren würde?

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    AW: Parallelwelt

    Hallo silverlining,

    Du hast damals mehr auf Deinen Verstand gehört und Dein Herz hat diese große Liebe trotz allem Nachfolgenden bewahrt und meldet sich immer wieder.

    Deine Zerrissenheit wird in Deinen Zellen sehr deutlich. Einerseits wirst Du diese Gefühle in Deinem Herzen bewahren (vielleicht auch etwas füttern?), andererseits möchtest Du anscheinend den Status quo erhalten (plus wieder Reisen).

    Auch wenn Du alles mit Dir ausmachst (ich an Deiner Stelle würde Deinem Mann auch nichts erzählen, es würde ihn wahrscheinlich verletzen, aber nichts an Deiner Zerrissenheit ändern), wäre es vielleicht auch eine Überlegung wert, ob nicht auch eine kleine Flucht aus dem heimischen Alltag mit all seinen Anforderungen dabei ist.
    Die Leichtigkeit von damals ist mit diesem Mann im Ausland verbunden - und es ist natürlich verführerisch, sich "wegzuträumen".
    Was es alles gibt, das ich nicht brauche!
    (Aristoteles)

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    AW: Parallelwelt

    Zitat Zitat von Lialey Beitrag anzeigen
    Verständnis? Wirkliche Nähe? Ich finde es jedenfalls nicht so schwer zu verstehen. Einen handfesten körperlichen Betrug gab es ja noch nicht.
    Möglicherweise auch Verletztheit, Zweifeln an der Beziehung, Befürchtung potentiellen Fremdgehens?
    Im Gegensatz zu Schauspielern etc. ist der Mann im Ausland real "greifbar" und war schon eine Zeitlang der Partner der TE.
    Was es alles gibt, das ich nicht brauche!
    (Aristoteles)

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    AW: Parallelwelt

    Zitat Zitat von Lialey Beitrag anzeigen
    Was würdest du denn tun, wenn er dir einen derartigen Zwiespalt offenbaren würde?
    Ich wäre zutiefst verletzt... und verzweifelt. Wahrscheinlich würde ich ihn bitten, den Kontakt zu beenden... ich wüßte aber auch, dass das nichts an seinen Gefühlen ändert.

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    AW: Parallelwelt

    Zitat Zitat von Puls Beitrag anzeigen
    Auch wenn Du alles mit Dir ausmachst (ich an Deiner Stelle würde Deinem Mann auch nichts erzählen, es würde ihn wahrscheinlich verletzen, aber nichts an Deiner Zerrissenheit ändern), wäre es vielleicht auch eine Überlegung wert, ob nicht auch eine kleine Flucht aus dem heimischen Alltag mit all seinen Anforderungen dabei ist.
    Die Leichtigkeit von damals ist mit diesem Mann im Ausland verbunden - und es ist natürlich verführerisch, sich "wegzuträumen".
    Absolut! Die Zeit damals war genau das... leicht, glücklich und vollkommen unbeschwert. Das ist auch das Gefühl, das ich mit diesem Land verbinde. Ich bin dort einfach sehr, sehr glücklich.
    Natürlich weiß ich, dass es dort auch einen Alltag gegeben hätte, wenn ich dort geblieben wäre. Mit allen Höhen und Tiefen. Und dass diese Leichtigkeit von damals auch Teil dieser Lebensphase war und auf keinen Fall angehalten hätte...
    Ja, er ist meine Flucht.

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    AW: Parallelwelt

    Bereust Du heute Deine Entscheidung von damals, ihn und das Land verlassen zu haben?
    Was es alles gibt, das ich nicht brauche!
    (Aristoteles)

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    Zitat Zitat von Puls Beitrag anzeigen
    Bereust Du heute Deine Entscheidung von damals, ihn und das Land verlassen zu haben?
    Nein. Damals war keine andere Entscheidung für mich möglich.
    Und selbst heute wäre es für mich aufgrund der komplizierten politischen Lage nur sehr, sehr schwer vorstellbar.

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