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  1. Registriert seit
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    AW: An die "verheiratet, aber in einen anderen verliebt"Threadersteller der letzten J

    Zitat Zitat von Touha Beitrag anzeigen
    Ich vertrete die Auffassung, dass man sich nur dann fremdverliebt, wenn einem in der Ursprungsbeziehung etwas fehlt. Das mag unbewusst sein, dieser Mangel, aber in meinen Augen ist er da.
    Diese Sichtweise geht davon aus, dass eine Paarbeziehung dazu dient, einen Menschen auszugleichen, glücklich zu machen und Defizite zu beheben. Entsprechend muss also ein "Mangel" diagnostiziert werden, wenn Verliebtheitsgefühle für einen anderen Menschen entstehen.

    Ich sehe das anders.

    Zunächst einmal fände ich wichtig, zwischen Liebe und Verliebtheit deutlich zu differenzieren.

    Verliebtheit ist etwas ganz anderes als Liebe - sie basiert auf einer ganzen Menge faulem Zauber, einem Trick der Natur. Wenn man es genau nimmt, verlieben wir uns eigentlich in uns selbst - in unsere inneren Bilder nämlich, die wir auf einen anderen Menschen projizieren, an dem wir einige Eigenschaften wahrgenommen haben, die zu diesen inneren Bildern passen.

    Klingt komisch - macht aber Sinn, wenn man sich einmal vor Augen führt, wie Verliebtheit entsteht: Sie bildet sich meist in Bezug auf einen Menschen heraus, den wir kaum wirklich kennen, schon gar nicht über einen gemeinsamen, gelebten Alltag. Hinzu kommt ein auf Fortpflanzung ausgerichteter endokriner Cocktail, der es in sich hat und uns die Sinne ganz schön vernebelt.

    Dieses Konstrukt hält eine gewisse Zeit, dann flachen die Hormon/Neurotransmitterspiegel wieder ab. Gemeinsame Erfahrungen, vor allem der Einzug von Alltag, führen dazu, dass wir unserer Projektionen, also die inneren Bilder, die wir dem anderen übergestülpt haben, zurück nehmen. Jeder zeigt sich mehr wie er ist, weil er das Schauspiel des "perfekten Partners" einfach nicht aufrecht erhalten kann.

    Jetzt erst kann in einem längeren Prozess aus Verliebtheit Liebe werden. Das ist ein viel ruhigeres Gefühl, auch wenn es immer wieder Spitzen geben und sich sehr, sehr intensiv anfühlen kann.

    Verliebe ich mich fremd, vergleiche ich also Äpfel mit Birnen: Liebe, in der viel Bekanntes, Vertrautes, Geklärtes wohnt mit Verliebtheit, die eher um die eigenen Wünsche, Träume und Bilder kreist und einem hormonellen Ausnahmezustand gleicht.

    Eine wichtige Rolle spielt dabei, wie eine Paarbeziehung aufgestellt ist. Eine gute Paarbeziehung, in der Konflikte ausgetragen werden können, Veränderung möglich ist, die Partner also nicht an den inneren Bildern des Partners kleben, sondern sich immer wieder dafür interessieren, wie dieser Partner denn nun eigentlich hier, heute, jetzt ist, eine Beziehung, in der jeder Verantwortung für das eigene Wohl und Glück, aber auch für Entwicklung, innere Prozesse selbst übernimmt und nicht vom Partner erwartet, dass der sie gefälligst glücklich zu machen habe, und, last but not least, in der Raum für Individuation ist, bietet eine ganz andere Basis als eine Paarbeziehung, in der einige oder gar viele Aspekte eher defizitär sind.

    Ich finde das Depp Zitat daher zwar charmant, aber auch ein bisschen simpel zusammen getackert. Es missachtet die Komplexität des Ganzen.

    Ich stimme hingegen Salamandra zu:

    Zitat Zitat von Salamandra Beitrag anzeigen
    ich finde es ganz natürlich sich auch innerhalb einer festen, liebevollen und jahrealten Partnerschaft - in jemand anderen zu verlieben. Bin ja nicht blind und taub, bloß weil ich fest gebunden bin.
    Genau so sehe ich das auch. Jeder der Partner ist veränderlich. Kein Mensch der Welt ist in der Lage, ALLE meine inneren Bedürfnisse, Facetten, mein Entwicklungspotenzial voll aufzugreifen und seinerseits abzubilden, zu spiegeln, darauf einzugehen.

    Das muss er auch gar nicht - es ist nämlich meine Aufgabe, diesbezüglich für Räume zu sorgen, in denen diese veränderliche Vielfalt Ausdruck finden kann. In erster Linie bin ich selbst für mein Glück zuständig, nicht mein Partner. Der macht mich glücklich über die Art und Weise, wie er seinerseits für sich und gemeinsam mit mir immer wieder in unserem Paar-Raum für wunderbare Blüten sorgt, so dass wir uns nahe sein und trotzdem immer auch bei uns bleiben können und uns füreinander immer wieder neu interessieren und begeistern.

    Aber gerade weil jeder Mensch so viele Facetten hat und darunter auch immer welche, die vielleicht ein Schattendasein fristen, die (noch) nicht entwickelt werden konnten, passieren Verliebtheiten. Da kommt dann einer daher, der perfekt einen Aspekt anspricht, der sich plötzlich aus den Nichts heraus entwickelt.

    Ich kann jetzt natürlich hergehen, vergleichen, in meiner Paarbeziehung einen "Mangel" diagnostizieren und zum Nächsten weiter ziehen. Ist mir bewusst, dass ich den gar nicht kenne und hier gerade einer gewaltigen Tüte aufsitze, die mir in ein paar Wochen durchaus auch einen ordentlichen Kater bescheren kann, kann ich entscheiden, meine Paarbeziehung zu verlassen, klar. Viele werden das allerdings eher aus dem Gedanken heraus tun, dass jetzt endlich die wundersame Wunscherfüllung stattfinden kann, die eigentlich jeder nur sich selbst bieten kann. Und dann geht das Spiel eben in die nächste Runde.

    Ich finde es ganz normal, dass ich mich auch mal Hals über Kopf verlieben kann, obwohl ich meinen Partner liebe und betrachte diese Gefühle eher als Aufruf, bei mir selbst genauer hinzuschauen, mir klar zu machen, was da gerade zum Leben erwacht und Raum einnehmen möchte. Als es mir passierte, konnte ich fest stellen, dass in meiner Paarbeziehung tatsächlich sehr viel Raum für Veränderung ist - und mein "Lieblingsmensch" ein Pfundskerl, der nicht danach fragt, warum ich jetzt plötzlich so ganz anders unterwegs bin und neue Töpfe öffne, sondern der neugierig bleibt, offen und eher fragt, wie wir das, was jeder von uns gerade braucht und wünscht, möglich machen können. In meiner Paarbeziehung kann immer nur das fehlen, das ich nicht hinein trage und dem ich den Raum verweigere.

    Ich kann mit einem Arsch nicht auf zwei Gäulen reiten - das ist mein plakativer Spruch zum Thema. Ich kann mich verlieben und bin dann aufgefordert, ganz genau hinzuschauen. Nur dann kann ich entscheiden, wohin meine Reise geht. Delegiere ich diese Verantwortung aber an prospektive oder leibhaftige Partner, die mich gefälligst glücklich machen sollen - tja nun, jeder ist seines Glückes Schmied.
    Geändert von KlaraKante (31.08.2019 um 08:25 Uhr)

  2. Avatar von Mediterraneee
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    AW: An die "verheiratet, aber in einen anderen verliebt"Threadersteller der letzten J

    editiert, weil Klara das, was ich sagen wollte, viel besser ausgedrückt hat
    Manche Menschen leben so vorsichtig, die sterben wie neu.



    Mein Avatar zeigt ein Gemälde von Ramón Lombarte.


  3. Registriert seit
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    AW: An die "verheiratet, aber in einen anderen verliebt"Threadersteller der letzten J

    Zitat Zitat von KlaraKante Beitrag anzeigen

    Eine wichtige Rolle spielt dabei, wie eine Paarbeziehung aufgestellt ist. Eine gute Paarbeziehung, in der Konflikte ausgetragen werden können, Veränderung möglich ist, die Partner also nicht an den inneren Bildern des Partners kleben, sondern sich immer wieder dafür interessieren, wie dieser Partner denn nun eigentlich hier, heute, jetzt ist, eine Beziehung, in der jeder Verantwortung für das eigene Wohl und Glück, aber auch für Entwicklung, innere Prozesse selbst übernimmt und nicht vom Partner erwartet, dass der sie gefälligst glücklich zu machen habe, und, last but not least, in der Raum für Individuation ist, bietet eine ganz andere Basis als eine Paarbeziehung, in der einige oder gar viele Aspekte eher defizitär sind.
    ...
    Ich kann mit einem Arsch nicht auf zwei Gäulen reiten - das ist mein plakativer Spruch zum Thema. Ich kann mich verlieben und bin dann aufgefordert, ganz genau hinzuschauen. Nur dann kann ich entscheiden, wohin meine Reise geht. Delegiere ich diese Verantwortung aber an prospektive oder leibhaftige Partner, die mich gefälligst glücklich machen sollen - tja nun, jeder ist seines Glückes Schmied.

    wunderschön zusammengefasst.


  4. Registriert seit
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    AW: An die "verheiratet, aber in einen anderen verliebt"Threadersteller der letzten J

    @KlaraKante
    Ich finde es wunderschön und wahr was du hier schreibst!
    Und es ist genau das, was du getan hast, was ich mir von meinem Partner gewünscht hätte.
    Stattdessen hat er mich trotz langjähriger Beziehung und trotz Baby im Bauch sehr zügig aussortiert, denn der Mangel (den er wohl schon länger gespürt aber nicht mit mir geredet hat) liegt aus seiner Sicht wohl in der falschen Frau.
    Ich sehe das wie Klara auch weniger absolut und denke auch, dass man den Partner nicht für das eigene Lebensglück verantwortlich machen kann.
    Bzw. Eine langjährige Beziehung sollte es einem schon wert sein etwas genauer hinzuschauen.
    Traurig und bitter für mich denn ich habe ihn aufrichtig geliebt, ihm vertraut und war trotz der ganzen Jahre auch immer noch ein Stück weit verliebt in ihn. Umso schwerer fällt es mir jetzt auch damit umzugehen, dass es bei ihm wohl doch nicht so war und er es vor mir verborgen hat.
    Ich hoffe wirklich sehr dass ich irgendwann einmal jemanden finde der diese Auffassung mit mir teilt und mit mir dann wirklich durch Dick und Dünn geht.

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