ich beschäftige mich ja grundsätzlich gerne mit Dingen, die verzwickter sind, mein Denken herausfordern und an denen ich immer wieder mal meinen eigenen Standpunkt überprüfen kann. Und im Augenblick bin ich gerade mit etwas konfrontiert, das mich einerseits fassungslos macht, andererseits aber auch an meine eigenen Überzeugungen in Frage stellt...
Ich habe einen Freund, zu dem ich inzwischen in erster Linie email Kontakt habe, den ich aber sehr als instellektuellen "Sparring-Partner" schätze. Er ist für mich ein faszinierender Mensch. Sehr intelligent, sehr ehrgeizig und beruflich erfolgreich, was ich tatsächlich bewundere. Daneben habe ich in meinem privaten Umfeld nur wenige Menschen, mit denen ich einfach so locker flockig über so verschiedene Interessen reden kann, wie mit ihm.
Aber da gibt es etwas, womit ich mich sehr schwer tue und worüber wir immer wieder heftigst diskutieren und wo ich einerseits entsetzt bin und mich andererseits frage, ob meine moralischen Vorstellungen "sinnvoll" sind und nicht eher ich es bin, die "schädlichen Überzeugungen" nachhängt?
Oder einfacher ausgedrückt, sind es nicht vielleicht unsere "moralischen Vorstellungen", die uns das Leben schwer machen und ohne die vieles einfacher wäre und so Diskussionen wie im Nachbarstrang "Betrogen in der Schwangerschaft" und unzählige andere überflüssig machen würden und einem auch sonst sehr viel Leid ersparen würde? Und für diese Diskussion finde ich das Beispiel meines "Sparring-Partners" exemplarisch:
Er und seine Frau sind schon seit Teenagerzeiten zusammen. Haben viele Gemeinsamkeiten, lieben sich, haben inzwischen zwei Kinder, Haus, Hund, sind durch Eltern/Schwiegereltern, Freunde etc. eng miteinander verbunden. Er finanziert und unterstützt ihr Hausfrauen-Dasein, gibt ihr die Möglichkeit, sich den Kindern und ihren Hobbies ganz und gar zu widmen. Sie beklagt sich nicht darüber, dass er wegen seines Jobs immer wieder nur am Wochenende zuhause ist. Eigentlich eine tolle Ehe. Wenn da nicht die unterschiedlichen Vorstellungen von Sex wären. Sie ist recht genügsam, er will mehr. Gemeinsam funktioniert es offenbar trotz aller Bemühungen nicht (ein Problem, welches auch immer wieder hier im Forum diskutiert wird). Was also tun? Mein Standpunkt ist, eine gemeinsame Lösung finden! Das würde womöglich bedeuten, man einigt sich auf eine offene Beziehung. Kann frau aber nicht, da sie sich Exklusivität wünscht. Also was tun? Mann verzichtet auf Sex/gibt sich mit dem zufrieden, was sie bietet? Mag er aber nicht, weil Sex für ihn sehr wichtig ist. Also sucht er sich dafür Nebenbeziehungen. Vor zwölf Jahren ist eine davon aufgeflogen, es gab eine heftige Ehekrise, das Paar hat wieder zusammengefunden und nun versucht er seit fast zwölf Jahren ihr Vertrauen zu stabilisieren, ruft sie mehrmals täglich von unterwegs an (inzwischen arbeitet er einige hundert Kilometer von Zuhause und ist unter der Woche nicht da) und hat an seinem Arbeitsort weiterhin immer wieder Nebenbeziehungen!
Wenn ich mir vorstelle, ich wäre seine Frau, sträuben sich mir die Haare. Ich würde mir ziemlich verarscht vorkommen, wenn ich das erfahren würde und ich würde sehr an allem zweifeln, was war. Anderseits, was ist die Alternative? Er könnte sich trennen. Sich eine Frau suchen, mit der er häufiger und erfüllenderen Sex hat. Und deswegen auf alles andere, was ihm wichtig ist, was er gerade mit dieser Frau hat, verzichten? Und nicht nur das, auch seiner Frau und den Kindern diesen "Verzicht" aufzwingen? Als jemand, der diesen Weg selber gegangen ist und weiß, wie steinig er manchmal war, weiß ich, dass dieser Weg auch "weh tut".
Was also ist die richtige Lösung? Wäre es nicht besser, man "opfert" die Moral? Man opfert "Wahrheit" und absolute "Ehrlichkeit"? Und hat dafür ein schmerzfreies Leben? Mein Freund und seine Frau haben ihre stabile Ehe, sie hat ihre Ruhe und ihr Vertrauen und er seinen Sex außerhalb? Die neugebackene Mutter aus dem Nachbarstrang hat einen stabilen Rahmen innerhalb dessen sie sich um ihr Baby kümmern kann und erfreut sich an der Unterstützung ihre Partners und dieser hat seine Affären außerehalb, die seinen temporären oder auch dauerhaften Mangel kompensieren und es ihm ermöglilchen, dadurch augeglichener seinen Vaterpflichten nachzukommen? Und der Rest kümmert sich nicht um "Moral" und die Frage, ob man den "armen Opfern" die Wahrheit stecken sollte, sondern beneidet sie womöglich um diese fürsorglichen Männer, die einen ganz schönen Aufwand auf sich nehmen, um ihre Frauen von den Dingen unbehelligt zu lassen, die sie eh nicht ändern können?
Antworten
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02.08.2016, 10:09Inaktiver User
Wie seht ihr das? Sorry, lang und eher ein "philosophisches Problem"
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02.08.2016, 10:14Inaktiver User
AW: Wie seht ihr das? Sorry, lang und eher ein "philosophisches Problem"
Sowas kann man nur mit Ehrlichkeit lösen, ohne diese gibt es kein Vertrauen. Das spürt auch seine Frau und sie hat keines und ja auf der anderen Seite ist es so, wenn sie geringes Interesse an Sex hat, dann wäre auch darüber klar zusprechen und was er sich genau mehr wünscht. Erst dann ist eine Klärung möglich und ja, wenn dieses Paar diese nicht hinbekommt, letztendlich werden sie beide nicht so richtig glücklich, auch wenns nach außen hin noch irgendwie toll wirkt.
Ich würde aber knallhart behaupten, dass die beiden sich absolut verdient haben und genau dieses Leben, mit der ggf. Konsequenz im Alter so unzufrieden, misstrauisch dem anderen gegenüber, dass es mit ihm gute Lösungen geben kann und in solch verhärteten Fronten zu leben. Einmischen würde ich mich dort nicht, dass ist deren Sache, manch schlechte Ehe hält lange, manch ein sich wirklich liebendes Paar trennt sich in Respekt zueinander wesentlich schneller, weil es merkt, dass der jeweils andere leidet nach klaren Gesprächen darüber. Diese Offenheit fehlt mir dort komplett und dann sollen sie doch.
Für mich ist das letztendlich eines der schlechten Beispiele, welche scheinbar auch eigentlich intelligente Menschen trifft und ein Dauerproblem mit stetig gleichen Gedankenwelten aus denen sie nicht rauskommen. Stolz muss man darauf selbst mit philosophischen Ansätzen nicht sein, ist eher peinlich dumm sich gegenseitig in vermeintlicher Abhängigkeit latent unglücklich zu machen. Manche müssen lebenslang in sowas drinnen bleiben und dass ihm die Affären so wirklich helfen, glaube ich nicht. Wahrscheinlich verstärkt das noch dieses Gefühl der Beliebigkeit, Austauschbarkeit und vor allem des nicht wirklich wahrgenommen werdens, das keine echte Nähe zulässt und wirkliche Auseinandersetzung die zu einer guten gemeinsamen Lösung führt.Geändert von Inaktiver User (02.08.2016 um 10:21 Uhr)
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02.08.2016, 10:20Inaktiver User
AW: Wie seht ihr das? Sorry, lang und eher ein "philosophisches Problem"
ich denke, jeder von den beiden lügt ein bisschen rum und geht in wahrheit einen anderen weg als offiziell verlautbart.
und jeder ist auf seine weise rücksichtslos.
der mann mit seinen nebenbeziehungen und die frau mit ihrer unlust.
das nimmt sich nichts, und ehrlich gesagt, klingt es für mich gar nicht so schlecht, wie es läuft.
dass der mann weiterhin fremdgeht, kann die gattin sich doch an ihren fünf fingern abzählen. wie weltfremd müsste sie sonst sein?
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02.08.2016, 10:26Inaktiver User
AW: Wie seht ihr das? Sorry, lang und eher ein "philosophisches Problem"
Wobei wir aber doch wieder da sind wo alles beginnt: Am Anfang der Beziehung, da merkt man das doch ob es sexuell paßt....
Wenn da einer schon immer weniger will...wieso bleibe ich dann?
Und jetzt hier in diesem Fall hat sich doch nichts geändert, er geht fremd. Sie kann es nicht ändern. Aber er nimmt ihr nichts weg, denn sie will ja keinen Sex in der Häufigkeit.
Was hat das mit Moral zu tun? Wessen Moral?
Ich kann doch nicht erwarten dass mein Partner auf Sex verzichtet weil ich keinen will....
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02.08.2016, 10:26Inaktiver User
AW: Wie seht ihr das? Sorry, lang und eher ein "philosophisches Problem"
für wen? für dich? für deinen freund? für seine frau?
ich finde anderer leute leben geht einen schlichtweg nichts an.
es sei denn er fragt um rat.
und ja, ich glaube auch, dass die frau von seinem leben mehr weiß als du oder er ahnt.
so doof kann man eigentlich gar nicht sein. sie haben sich arrangiert. na und? wenn es glücklich macht.
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02.08.2016, 10:27Inaktiver User
AW: Wie seht ihr das? Sorry, lang und eher ein "philosophisches Problem"
Danke, binmalwiederda. Du sprichst etwas an, was ich instinktiv spüre, nämlich dass echte Nähe nicht möglich ist, wenn irgendwelche Dinge zwischen einem Paar stehen. Und das tun nicht vereinbarte Nebenbeziehungen wahrscheinlich, auch wenn man sie noch so gut geheim zu halten versucht.
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02.08.2016, 10:29Inaktiver User
AW: Wie seht ihr das? Sorry, lang und eher ein "philosophisches Problem"
Ein echtes Dilemma. Ich könnte mir vorstellen, dass der Mann sich auf seine Art für treu hält. Er verläßt sie ja nicht.
Ich kenn inzwischen einige solcher Konstellationen und vermute, dass es eine sehr hohe Dunkelziffer für dieses Modell gibt.
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02.08.2016, 10:31
AW: Wie seht ihr das? Sorry, lang und eher ein "philosophisches Problem"
Für dich mag das eine "tolle Ehe" sein, für mich wäre es eine Beziehung, in der Wesentliches fehlt. Die Lust, die Tiefe, die Auseinandersetzung über Anderes, Trennendes, die auch Lust macht, die Ehrfurcht vor der Andersheit des Anderen.
Ein Arrangement von "Dingen" und Annehmlichkeiten ist für mich noch keine Ehe - im Sinne von langfristiger Liebesbeziehung.that was the river - this is the sea
Moderation in den Foren "Kindergesundheit", "Persönlichkeit" und im "Corona"-Forum
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02.08.2016, 10:32Inaktiver User
AW: Wie seht ihr das? Sorry, lang und eher ein "philosophisches Problem"
Genauso wenig nah ist seine Frau ihm scheinbar. Merkt sie nicht seine Unzufriedenheit, geht sie auf ihn ein, klärt sie das? Wahrscheinlich aus Angst, dass dann was zerbricht und weil sie ggf. gar nichts sexuell ändern möchte, da kaum einen Reiz drin sieht? Das ist im Grunde auch sowas wie Ablehnung, mal abgesehen von Dharmas Gedanken, dass man doch bereits zu Beginn einer Beziehung merken muss, ob man sexuell miteinander harmoniert. Das sehe ich ähnlich, obwohl da ebenfalls Entwicklungen möglich sind, aber nicht für 2 sture Partner. Lass die doch, außer es interessiert Dich einmal am Beispiel zu lernen, wie man trotz wirklich guter Umstände sich in einer Ehe das Leben bis zum Ende schwer machen kann. Dumm oder?
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02.08.2016, 11:03Inaktiver User
AW: Wie seht ihr das? Sorry, lang und eher ein "philosophisches Problem"
Es geht mir nicht darum, mich in deren Leben einzumischen. Das ist nicht meine Baustelle. Was mir mehr zu schaffen macht, ist einerseits die Vorstellung, ein Mensch, dem ICH vertraue, könnte ähnlich handeln... da frage ich mich, ob sich so etwas in irgendeiner Weise auf das Leben auswirken würde... ob ich es bemerken würde und was das für mich bedeuten würde...
Und dann frage ich mich natürlich auch, inwieweit schon alleine mein Mitwissertum unsolidarisch ist und ob ich mich da nicht vollkommen distanzieren müsste.


, mein Denken herausfordern und an denen ich immer wieder mal meinen eigenen Standpunkt überprüfen kann. Und im Augenblick bin ich gerade mit etwas konfrontiert, das mich einerseits fassungslos macht, andererseits aber auch an meine eigenen Überzeugungen in Frage stellt...
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