Das heißt also: es wird ein gewisser Zusammenhang gesehen, zwischen dem Drang und dem Beharren nach Selbstachtung auf der einen Seite und einer zunehmenden Schüchternheit (gerade dieser Singles) auf der anderen Seite?
Also sind gerade die besonders schüchtern, die (zuvor) nach Selbstliebe und Selbstachtung streben?
VanDyck
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Thema: Darf Liebe weh tun?
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05.12.2011, 13:33
AW: Darf Liebe weh tun?
Es gibt so viele schöne Momente im Leben; ich sollte mich entspannen,
dann durchfluten sie mich wie Regen ...
American Beauty
Nothing in life is as important as you think it is, while you are thinking about it.
Daniel Kahneman
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05.12.2011, 21:37
AW: Darf Liebe weh tun?
Die Singles, die sich darauf konzentrieren, sich selbst zu lieben und (erstmal) alleine glücklich zu werden, wirken ja nicht unbedingt schüchtern, aber sie sind es in dem Sinn, dass sie viel Angst vor Zurückweisung und Schmerz haben und daher (erstmal) die Liebe vermeiden.
Übelnehmen kann man es ihnen nicht, denn diese "ontologische Unsicherheit" ist ja nicht eingebildet, sondern real vorhanden. Das kommt daher, dass in der Moderne Anerkennung ausschließlich performativ vergeben wird, d.h. in sozialen Interaktionen. In der Vormoderne bekam das Individuum auch Anerkennung einfach dadurch, dass es seinen Platz in der (letzlich von Gott legitimierten) Gesellschaft hatte. Jetzt sind es die einzelnen Interaktionen, in denen man sich Anerkennung holt und immer wieder holen muss. Die Liebe ist deshalb so wichtig geworden, weil man da am intensivsten und vollständigsten bestätigt und anerkannt wird. Wenn das ausbleibt, ist man bis in den Grund verunsichert. Das verstärkte Streben nach Selbstliebe soll in dieser Situation Halt geben, das ist verständlich, aber ob das so gut ist?
Das Buch heißt ja "Warum Liebe weh tut" und die Antwort ist: einerseits hat Liebe schon immer weh getan (das gehört einfach zur Liebe dazu), aber früher konnten die Liebenden besser damit umgehen, weil der Schmerz nicht so vernichtend war wie heute. Heute ist die Unsicherheit so groß, dass wir auch den "normalen" Schmerz nicht mehr ertragen und ihm häufig ausweichen, was aber alles nur schlimmer macht.
Mich haben schon immer Bücher phasziniert, die so einen großen geistesgeschichtlichen Bogen schlagen können. Bin gespannt, was in den nächsten Kapiteln noch kommt.Geändert von Ditha (05.12.2011 um 21:42 Uhr)
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06.12.2011, 06:01
AW: Darf Liebe weh tun?
Auch heute werden Leute noch dafür bewundert, daß sie schlicht in eine bestimmte Familie hineingeboren wurden, die Yellow Press lebt ganz gut davon. Und die Leute, die sich im 19. Jahrhundert z.T. von Kartoffelschalen ernähren mußten, hätten vermutlich ihren sicheren Platz in der Hierarchie ganz gerne mit unserer angeblichen Verunsicherung getauscht.
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06.12.2011, 13:27
AW: Darf Liebe weh tun?
Wenn ich deine Zeilen lese, kommt mir ja auch immer mehr ein ganz anderer Gedanke:
Je mehr man sich selbst liebt, umso weniger braucht man doch überhaupt eine Liebesbeziehung!
Der (theoretisch gedachte) völlig autonome, glückliche, ausbalancierte Mensch, vollkommen zufrieden mit sich selbst und im Grunde wunschlos glücklich als Single ... wozu braucht der noch eine Liebesbeziehung? Doch noch allenfalls als 'Sahnehäubchen' in seinem Leben, wie ich das hier schon gelesen habe. Und dann muss das Sahnehäubchen natürlich perfekt sein - denn eigentlich braucht man als vollkommen glücklicher Single ja gar kein Sahnehäubchen.
Und daher ist dieses Streben nach Selbstliebe womöglich ein bisher völlig unterschätzer Grund dafür, warum immer mehr Leute Schwierigkeiten haben einen Partner zu finden.
Wer nicht bedürftig ist nach dem geliebt WERDEN und/oder sich das nicht zugeben will, der findet umso schwerer einen Partner.
VanDyckEs gibt so viele schöne Momente im Leben; ich sollte mich entspannen,
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06.12.2011, 14:06
AW: Darf Liebe weh tun?
Männer und Frauen reagieren auf diese "ontologische Unsicherheit" verschieden. Männer bevorzugen nach negativen Beziehungserfahrungen (die diese Unsicherheit ja erzeugen) meist Beziehungsvermeidung, Frauen suchen ihr Heil häufig in der (Selbst)Reflexion. Dadurch entfernen sie sich voneinander.
Bertrachtet man die Rolle der (Partner)Liebe vom Mittelalter bis heute und die Rolle, die sie im sozialen Leben spielt, so ist ein starker Wertewandel zu beobachten.
Im europäischen Mittelalter findet man sie fast nur in ritualisierter Form: als Gottesliebe und als Minne. Für das soziale Miteinander waren andere emotionale Beziehungen wichtig: die Eltern-Kind-Beziehung, derHof/die Sippe (die immer auch familienfremde Menschen mit einschloss), die Zunft, die Gemeinde, das Reich. Der (gegebene, nicht angestrebte) soziale Status verlieh Sicherheit und gab Geborgenheit.
In der Zeit der Entwicklung des Bürgertums wurde die Liebe individualisiert, sie bleib trotzdem im (gewandelten) Wertekanon verankert. Die soziale Kontrolle der Liebenden durch die Umgebung war stark und starr. Es gab eine (unwidersprochene) soziale Kopplung der Liebe an andere Aspekte des Lebens (Ehe, Kinder, Erbe, Ehre), die dem äußeren Leben Stabilität, aber inneren Emotionen Raum gaben
Mit der Moderne wurden diese Kopplungen nach und nach gelöst. Hinzu kam das langsame Verschwinden geschlechsspezifischer Rollen. Zurück blieb die (starke) Sehnsucht nach Zuwendung, die mehr oder weniger alle wegfallenden sozialen Bindungen ersezten mußte. Dies führt zu einer starken Überhöhung der Bedeutung von Liebe. Die Instabilität von Gefühlen (die sowohl in der Natur der Sache liegt als auch durch unser Zeitalter der Hyperaufklärung verstärkt wird) führt aber zu Enttäuschungen, die nun existenziell sind (oder zumindest sich so anfühlen).
Konkret (um auf den Ansatz von Eva Illouz zurückzukommen) bedeutet dies: war das sozialkonforme Verhalten von Männern (Ehe, Kinder) notwendig, um Zuwendung zu bekommen und sexuell tätig sein zu können, so gilt dies heute nicht mehr. Weder die Frauen noch das soziale Umfeld wachen über das Verhalten der Männer, daher begünstigt es "Rosinenpickerei". Sanktionen für "unsoziales" Verhalten bleiben aus, in machen Fällen steigern sie sogar das Interesse der Frauen. Auf der anderen Seite sind Männer mit der emotionalen Öffnung deutlich verletzbarer geworden, für ihr Selbstbild spielen Annahme oder Ablehnung eine größere Rolle als früher. Ungeübter in der Auseinandersetzung mit (negativen) Gefühlen, ziehen sich viele Männer auf ein Gebiet zurück, welches Schutz vor Verletzungen verspricht - die Welt des schönen Scheins, der Oberflächlichkeit. Der oft beklagte Vorwurf der Lernunfähigkeit - hier könnte er seine Ursache haben. Auch haben die Werte, die Männer traditionell in Beziehungen einbringen (Sicherheit, Status) an Wert verloren.
Die eigentlichen "Verlierer" der Moderne scheinen aber die Frauen zu sein (da stimme ich Eva Illouz zu). Vergessen wir nicht, daß früher Frauen für Männer existenziell wichtig waren: nicht nur für das Ausleben ihrer Sexualität, sondern auch für ihren sozialen Status (Weiterführen der Famile, potentielle Erben, Mitgift, Ansehen). Dies gab nicht unbedingt Frauen einen höheren Wert, aber es zwang Männer dazu, sich zu den sozialen Konstruktionen Ehe und Familie zu bekennen (und es wurde durch das soziale Umfeld kontrolliert). Heute sind Liebe und Kinderwunsch die einzigen Gründe für die meisten Männer, sich Frauen gegenüber zu öffnen. Mit der Verfügbarkeit von Sexualität ohne Beziehungscommitment (das "biologische Kapital" der Frauen seit Urzeiten) fällt eine wichtige Motivation für sozialkonformes Verhalten für Männer weg.
Hans----------------------------------------------------------------
"Hören wir einfach auf, uns selbst und unser Land permanent unerträglich zu finden - denn das kam, gemessen an den Realitäten, schon immer einer Undankbarkeit von unappetitlichen Ausmaßen gleich." Juli Zeh.
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06.12.2011, 14:12
AW: Darf Liebe weh tun?
Die Probleme entstehen nicht, weil die Selbstliebe so überhand genommen hat, sondern weil das Vorspielen der Selbstliebe (Autonomie, Authentizität) sich selbst und den anderen gegenüber zu einem Schutzschild führt, der für Beziehungsanbahnung hinderlich ist. In Jean-Claude Kaufmanns Buch "Single-Frau und Märchenprinz" ist dieser Prozess der Beziehungsverhinderung durch eine spezifische Gestaltung des Single-Lebens beschrieben.
Hans----------------------------------------------------------------
"Hören wir einfach auf, uns selbst und unser Land permanent unerträglich zu finden - denn das kam, gemessen an den Realitäten, schon immer einer Undankbarkeit von unappetitlichen Ausmaßen gleich." Juli Zeh.
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06.12.2011, 14:17
AW: Darf Liebe weh tun?
Es gibt so viele schöne Momente im Leben; ich sollte mich entspannen,
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Daniel Kahneman
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06.12.2011, 14:33
AW: Darf Liebe weh tun?
Das möchte ich ganz dick unterstreichen!
Auf genau diesen Gedanken bin ich erst vor kurzem gekommen. Ich fragte mich, warum es denn vermeintlich "defizitären" Menschen (im Vergleich zu den vermeintlich Echten, Authentischen, Selbstbewussten) dennoch schaffen, Beziehungen einzugehen und zu leben? Und inwiefern ich selbst auch immer "besser", "perfekter" , "gelassener", usw. werden muss, dass es bei mir auch endlich einmal klappt?
Die Antwort war: Ich muss gar nichts. Ich "muss" nur zu meinen "Defiziten" stehen und mich so akzeptieren wie ich bin, auch und gerade die Dinge, wofür ich mich eigentlich schäme. Und mit dieser Erkenntnis, die auch eine Erfahrung sein sollte, darf ich den Mut haben, mich den Menschen zu öffnen (egal wem gegenüber.).
Den Schutzschild, den auch ich vor mir her trage, sinken zu lassen, damit bin ich seit geraumer Zeit beschäftigt. Uff!
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06.12.2011, 14:41
AW: Darf Liebe weh tun?
Okay, denk ich nochmal drüber nach; wobei ich jetzt nicht ausschließen will, dass es tatsächlich auch eine - sagen wir mal - 'objektive Steigerung' von Autonomie und Authentizität gibt ... dass es sich also auschließlich (!) um das Vorspielen dieser Selbstliebe handeln soll, daran mag ich nicht so recht glauben.
VanDyckEs gibt so viele schöne Momente im Leben; ich sollte mich entspannen,
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Daniel Kahneman
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06.12.2011, 15:03
AW: Darf Liebe weh tun?
Ich denke, dass eine "objektive Steigerung" von Autonomie und Authentizität" seine Berechtigung hat und ja auch wünschenswert ist. Schließlich möchte man (nunja: viele) sich ja auch weiterentwickeln.
Aber: dieses sollte eben nicht zu dem Denken führen: "Wenn ich es erst geschafft habe, mich da und da zu verbessern, DANN erst werde ich fähig sein, eine Beziehung einzugehen." Dieses Denken ist es ja, das wie eine Wand (bzw. Schutzschild) zwischen dem Selbst und einem potentiellen Partner steht.
Und das Perfide an der Sache ist Erstens, dass dieses Denken auch auf das Gegenüber angewandt wird, dass man das Gegenüber danach abklopft, inwiefern es sich denn "weiterentwickelt" hat, bzw. wo es überhaupt in der "Entwicklung" steht und es damit erst als "beziehungstauglich" erachtet wird. Wie Innen, so Außen. Und Zweitens versucht man dann in der Zwischenzeit, solange man noch nicht diesen "perfekten Zustand", der in der Zukunft liegt erreicht hat, sich selbst und damit auch den anderen vorzuspielen (unbewusst) wie lässig, cool, unabhängig und authentisch man ist.
Und natürlich spielt man nie "ausschließlich" etwas vor. Es wird immer eine Mischung von Vorspielen (also Fassade aufrechterhalten) und dem authentischen Ich, das hie und da hervorblitzt und sich in die Farben der Fassade ein-mischt, sein. Denn, Gottseidank, ist man auch so, wie man ist. Was dann doch, wenn man jemanden näher kennenlernt, sich umso deutlicher zeigt.Geändert von bruennette_2 (06.12.2011 um 15:11 Uhr)



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