An einem Sonntag im September tratst du aus unserer Wohnung und hast ein letztes Mal die Tür hinter dir geschlossen. Ich fühlte mich wie betäubt, angesichts der Worte, die du zu mir gesagt hast. Ich ging wie in Watte gepackt leise hinter dir her. Du hast die Tür geschlossen, du bist gegangen und es war, als hättest du meine Seele mit dir genommen. Ich blickte gegen die verschlossene Tür und sank zusammen. Ich war unfähig mich zu bewegen. Ich erstarrte im Schmerz.
Du hast dich an diesem Nachmittag von mir getrennt. Es war, als hättest du mir das Herz herausgerissen. Ich lag stundenlang zusammen gekauert auf dem Boden. Ich konnte nicht weinen, ich konnte mich nicht bewegen.
Du gingst mit den Worten „Vielleicht finden wir irgendwann wieder einen Neuanfang, aber jetzt möchte ich nicht.“ Diese Worte legten mich in Ketten. Ich war gefangen in meinem eigenen inneren Gefängnis. Die Gefühle in mir überschlugen sich. Ich schwankte zwischen Angst, Verzweiflung, Hoffnung, Resignation und Kampf. Im fünf Minuten Takt. Ich wusste nicht mehr, was ich fühlte, wer ich war, wohin ich sollte. In mir machte sich eine abgrundtiefe Leere breit. Ich kämpfte. Wie eine Löwin habe ich um dich gekämpft. Monatelang. Ich habe stillgehalten, mich zurück gezogen. Aus Angst dich sonst noch weiter von mir fort zu treiben. Mein Denken, mein Fühlen, meine Träume alles gehört dir. Jeden Tag nach dem Aufwachen suchte ich dich. Du warst fort. Du hast mich nicht mehr gewollt. Mein Selbstwert löste sich in nichts auf. Am liebsten wäre ich mit dem Kopf gegen die Wand gelaufen – hätte es mir nur eine Minute Ruhe verschafft.
Ein halbes Jahr habe ich um dich gekämpft. Bis von mir nichts mehr übrig war. Ich habe mich fast aufgegeben. Ich war völlig dem Schmerz und dem inneren Kampf ausgeliefert. Ich war unfähig Glück zu empfinden, egal wie sehr ich mich bemühte.
In dieser Zeit wurde mir klar, dass du nicht wieder kommen wirst. Dein "Vielleicht" entwickelte sich immer mehr zu einem "Nein". Systematisch hast du mich aus deinem Leben radiert.
Von da an meldete sich mein Überlebenswille. Der Abschied von dir riss erneut eine tiefe Wunde in meine ohnehin schon fast kaputte Seele. Und gleichzeitig war es wie eine Erlösung. Nach den Monaten des inneren Krieges entstand ein kleiner Funke von Frieden.
Meine Gefühlswelt und mein Selbstwert lagen in Trümmern. Von mir war kaum mehr etwas übrig geblieben. Im Kampf um dich ist fast alles in mir drin zu Bruch gegangen. Die Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft verschwand und ich blieb in einer Wüste der Zerstörung zurück.
Es war mühsam mit dem Aufräumen zu beginnen. Ich hatte kaum noch Kraft und machte trotzdem weiter. Immer weiter. Vieles in mir drin an Gefühlen, Träumen und Vorstellungen war so kaputt, dass ich es wegwerfen musste. Tausende kleine Tode beweinte ich. Anderes konnte ich wieder zusammenbauen. Diesmal stabiler als zuvor. Die freien Plätze füllte ich mit etwas neuem. Mit mir. In der tiefsten Not entdeckte ich meine Liebe zu mir selbst.
Die Gedanken an dich wurden seltener. Die Erinnerung an dich verblasste. Das Sehnen nach dir versiegte.
Zu sehr war ich mit den Wunden in meiner Seele beschäftigt. Sie brauchen Schutz um zu heilen. Ich brauche Zeit, um wieder ganz zu werden.
Seit du gegangen bist, habe ich vieles Unternommen, um mein eigenes Glück zu finden. Ich habe Berge versetzt, ich bin über Ozeane gegangen. Ich habe meine Grenzen gesucht und bin über sie hinweg.
Ich habe mich in dieser Zeit mit meiner Mutter versöhnt, obwohl ich eine lange Misshandlungsgeschichte hinter mir habe und zuvor nicht einmal Kontakt bestand. Ich habe gelernt, mir bei meinem Vater ehrlichen Respekt zu verschaffen. Ich habe meine Arbeitsstelle gewechselt, weil ich mich selbst entlasten wollte. Ich habe eine zweite Ausbildung abgeschlossen und eine dritte begonnen. Ich habe eine Traumatherapie gemacht. Ich habe mir neue Freunde gesucht. Ich habe meine Leidenschaft für Sport und Reisen entdeckt. Ich bin alleine in den Urlaub gefahren und den Jakobsweg gegangen. Ich habe die Liebe zu dir auf dem Jakobsweg getragen und in Santiago beerdigt. Ich habe gelernt nicht mehr Einsam, sondern bewusst alleine zu sein.
Wenn ich heute in den Spiegel sehe, sehe ich eine andere als ich es damals war. Aus dem Mädchen ist eine Frau geworden. Ich bin gut zu dem Gesicht im Spiegel.
Ich habe nach Gott gesucht und mich ein Stück weit selber gefunden.
Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich mir selbst genug.
Wenn man mich heute noch einmal an diesen Sonntag im September bringen würde und ich die Wahl hätte, wie würde ich entscheiden?
Würde ich wollen, dass du bleibst, wir ein Paar sind und mein damaliges Leben und ich unverändert bleiben? Oder würde ich akzeptieren, dass du gehst und ich dadurch die werden kann, die ich heute bin?
Wenn es noch mal September wäre und ich die Wahl hätte- ich würde dich hinaus schicken, die Tür hinter dir schließen und vor Schmerz am Boden zusammen sinken.
Durch den Schmerz bin ich die Frau geworden, die ich immer sein wollte. Danke, dass du Teil meines Lebensweges warst und den Mut hattest zu gehen.
Antworten
Ergebnis 1 bis 10 von 30
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25.05.2012, 18:31
Die tränenreichste und wichtigste Zeit in meinem Leben
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25.05.2012, 18:50
AW: Die tränenreichste und wichtigste Zeit in meinem Leben
Wunderschön geschrieben
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25.05.2012, 18:50
AW: Die tränenreichste und wichtigste Zeit in meinem Leben
wow!!!!!!
"Die Hoffnung ist das Übelste aller Übel, weil sie die Qual der Menschen verlängert"
Friedrich Nietzsche
"Wer nach allen Seiten hin offen ist, kann nicht ganz dicht sein"!
"Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt"!
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25.05.2012, 18:51
AW: Die tränenreichste und wichtigste Zeit in meinem Leben
Liebe SandraChristina,
Deine Worte haben mich sehr beeindruckt.
Du bist zu Recht stolz darauf, was Du alles geschafft, erreicht hast und was für eine tolle Frau Du bist.
Vielen Dank dafür, dass Du dies hier so offen mit uns geteilt hast.
Alles Liebe für Dich.
die FeeNichts bleibt wie es ist.
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25.05.2012, 19:12Inaktiver User
AW: Die tränenreichste und wichtigste Zeit in meinem Leben
Du hast sehr schön beschrieben, was viele von uns ähnlich durchgemacht haben!
Vielen Dank für Deine schönen Worte
!!!
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25.05.2012, 19:51Inaktiver User
AW: Die tränenreichste und wichtigste Zeit in meinem Leben
Eigentlich zum Heulen
überwiegend um dir zu sagen, wie Taff du bist





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25.05.2012, 21:38
AW: Die tränenreichste und wichtigste Zeit in meinem Leben
Vielen vielen Dank für eure lieben Worte.... Es musste jetzt einfach mal raus :)
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25.05.2012, 23:35
AW: Die tränenreichste und wichtigste Zeit in meinem Leben

ich gratuliere dir zu deiner Geburt ins neue Leben
EVERYTHING WILL BE OKAY IN THE END
If It's Not Okay, It's Not The End
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26.05.2012, 07:03
AW: Die tränenreichste und wichtigste Zeit in meinem Leben
Ein wunderbarer Text!
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26.05.2012, 08:09
AW: Die tränenreichste und wichtigste Zeit in meinem Leben
Lerne warten - entweder ändern sich die Dinge oder Dein Herz!Alles wird gut.


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