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    Empathielosigkeit

    Meine Mutter ist vor drei Wochen vollkommen unerwartet gestorben nach einem 5-tägigen Krankenhausaufenthalt.
    Zuvor war sie gesund.

    Meine Eltern, die meinem Gefühl nach alterslos und immer aktiv, neugierig und lebensbejahend waren. Nun ist meine Mutter tot. Vollkommen surreal.

    Vor wenigen Tagen war die Beerdigung. Eine sehr bewegende Feier, ganz wie meine Mutter sie wohl für sich selber gewünscht hätte. Hoffentlich.

    Und ich bin unendlich traurig. Und mache mir große Sorgen um meinen nun verwitweten Vater, der so traurig ist und viel weint.

    Meine Mutter war immer und allzeit da. Sie hätte immer ihr letztes Hemd für uns alle gegeben.
    Oft sagte sie, es sei ihr größtes Glück gewesen, uns Kinder bekommen zu haben. Eine Liebeserklärung! Und doch haben wir ihr auch viel Kummer und Schmerzen bereitet ...

    Wie gesagt, die Trauer ist groß!

    Zurzeit bin ich nicht lustig, lache wenig, weine viel und bin keine gute Gesellschaft und Gesprächspartnerin. Es fällt mir schwer, den Alltag wieder aufzugreifen und mein Leben weiter zu leben.

    Und ich wundere mich über einige Reaktionen in meinem Umfeld.
    Einer Freundin, die gestern anrief, sagte ich, dass ich gerade keine gute Gesprächspartnerin und traurig sei. Ihre Reaktion: "Ach echt??"
    Eine andere Bekannte machte seltsame und spaßig gemeinte Wortspiele, als ich von meiner Mutter erzählte, was sie beruflich gemacht hat, wie engagiert sie dabei war, was ihr ihr Beruf bedeutet hat ...
    Mein Onkel, der auf der Beerdigung seiner Schwester (!), meiner Mutter, davon erzählte, wie froh er darüber ist, dass ER - trotz aggressiver Krebserkrankung - weiter leben darf ... Unangebrachter hätte man diese Worte wohl kaum platzieren können.

    Ich werde allmählich immer wütender, welche Empathielosigkeit einigen Leuten nach so einem Todesfall über die Lippen kommt ... Hätte ich mir vorher nicht träumen lassen!

    Warum halten diese Menschen nicht besser ihren Schnabel, wenn sie es nicht schaffen, mitfühlend zu sein über den Tod unserer geliebten Mutter?!

    Das macht mich zurzeit wirklich wütend und traurig zugleich!
    Geändert von Lollla (22.10.2020 um 18:53 Uhr)

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    AW: Empathielosigkeit

    Erstmal Mein herzliches beileid....

    Ich kann dich gut verstehen. Meine letzte Angehörige ist auch erst vor kurzem verstorben.

    Eine Mama ist noch was anderes, vor allem wenn es völlig unerwartet gekommen ist.

    Nimm dir die Zeit die du brauchst.

    Viele Menschen (ich gehöre leider auch dazu) sagen vieles unbedacht und ohne böse Absicht. Manche sind auch einfach überfordert und wissen nicht was sie sagen sollen.

    Aber das alles soll jetzt nicht deine Sorge sein. Du hast genug zu tragen.

    Wenn du wütend bist, ist das auch ok.
    Alles ist jetzt ok. Das ist eine schwierige Zeit.

    Alles Gute und viel. Kraft
    When a man tells you A and does B, believe B because A is what hes trying to get you to believe, B is who he is

  3. Moderation

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    AW: Empathielosigkeit

    Liebe Lollla,

    es tut mir sehr leid für dich und deine Familie. Das muss ein Schock gewesen sein, so unerwartet.

    Meine Mutter ist letztes Jahr gestorben, sie war war ein paar Wochen im KH, aber es kam dann doch alles relativ unerwartet. Mein Vater starb dieses Jahr, er war nur einige Monate sehr schwer krank, es war daher nicht zu unerwartet, aber ein Jahr vorher hätte man damit noch nicht gerechnet.

    So etwas zu verarbeiten, das dauert und ist nicht einfach. Ich habe auch Erlebnisse wie du gehabt, Freunde, die nicht wussten, was sie sagen sollten und statt dessen lustige Dinge erzählten oder noch vor der Beerdigung meiner Mutter Sätze sagten wie "Das Leben geht weiter, jetzt kannst du vorwärts sehen". Oder mich zu einer Hochzeit mitnehmen wollten, um mich abzulenken.

    Ich war letztes Jahr aus dem Ausland angereist und hatte rund um den Tod meiner Mutter extrem viel zu Organisieren, da ich nur 5 Wochen in Deutschland hatte. Ich hatte viele helfende Hände, aber eben auch so Dinge wie "komm doch mit zum Jazzkonzert" oder "willst du noch nach Hamburg zu Besuch kommen".

    Heute weiss ich, dass das aus Hilflosigkeit oder Sprachlosigkeit so gesagt wurde. Sie meinen es nicht böse.

    Ich hab auch gemerkt, dass die meisten, die so reagierten, noch kein Elternteil verloren hatten. Sie konnten es sich einfach nicht vorstellen, dass man sich da anders fühlen könnte als bei Omas oder Opas. Ich hab früher auch gedacht "Lauf der Zeit, so ist das eben".

    Die anderen gab es auch, die mit angepackt haben, die mir Dinge abgenommen haben oder mit den mir inzwischen fast unbekannten Behördengängen geholfen haben. Die auch einfach nur mit mir spazierengegangen sind, ohne viel zu sagen.

    Auch als mein Vater dann starb und ich wegen Corona nicht nach D konnte. Da gab es auch die unterschiedlichsten Reaktionen, hier und in Deutschland.

    Dass du wütend bist, versteh ich auch gut. Versuch mal, das alles nicht persönlich zu nehmen und die Gedanken dazu erstmal zur Seite zu legen. Ich hab mich grad in der ersten Zeit bewusst an die Leute gehalten, die 'verstanden' haben. Ich wollte mir keine Energie rauben lassen. Man möchte gerne rausschreien, was passiert ist und ob die Leute das nicht sehen - aber da müssen sie schon von selbst drauf kommen oder von anderen drauf hingewiesen werden. Das ist grad nicht deine Verantwortung.

    Du brauchst die nächste Zeit alle Kraft für dich. Auch für deinen Vater, aber in erster Linie für dich. Alles Gute!
    ‘One of the criticisms I've faced over the years is that I'm not aggressive enough or assertive enough, or maybe somehow, because I'm empathetic, it means I'm weak. I totally rebel against that. I refuse to believe that you cannot be both compassionate and strong.’
    Jacinda Ardern, 2019


    Moderatorin in den Reiseforen und bei der Eifersucht, bei den Selbständigen, Arbeiten im Ausland und im Kunstforum.

  4. User Info Menu

    AW: Empathielosigkeit

    Lollla, lass dich erstmal virtuell in den Arm nehmen. Mein Beileid ��

    Wenn einem etwas Schlimmes widerfährt lernt man sein Umfeld (und auch sich selbst) von einer ganz neuen Seite kennen.

    Urteile nicht zu hart, es ist nicht leicht Empathie zu zeigen. Vor allem, weil das jeder anders empfindet und man niemandem in den Kopf gucken kann. Außerdem wirft es einen auf die eigenen Ängste zurück.

    Deinem Onkel hat der Tod seiner Schwester möglicherweise mal wieder vor Augen geführt, dass es bei ihm auch jederzeit soweit sein kann. Dankbarkeit zu empfinden, dass man selbst noch da sein darf finde ich keine schlechten Charakterzug. Außerdem ist es für ihn sicher auch ein Verlust und er trauert.

    Ich habe im Frühjahr eine Krebsdiagnose bekommen und war teilweise auch vor den Kopf gestoßen über die Reaktionen.

    Da gab es die Nachbarin, die mich seit dem meidet,

    die Freundin, die ich trösten musste, weil sie völlig aufgelöst war,

    mein Partner, der bis zu dem Tag, an dem ich ins Krankenhaus zur OP ging, überzeugt davon war, dass sich alles als harmlos rausstellen würde,

    der Kollege, der mir anbot, das mal eben mit seinem scharfen Messer zu erledigen (die flapsige Art hat mir tatsächlich geholfen),

    mein Exmann, der ein paar Stunden später mit einem riesigen Paket Tempo Taschentüchern vor der Tür stand.

    Ich hab die Erfahrung gemacht, dass es für alle am einfachsten ist, damit umzugehen, wenn man einfach sagt, was man von demjenigen erwartet, oder wie er einem helfen kann.

  5. Inaktiver User

    AW: Empathielosigkeit

    Zitat Zitat von Fritzi64 Beitrag anzeigen

    Urteile nicht zu hart, es ist nicht leicht Empathie zu zeigen. Vor allem, weil das jeder anders empfindet und man niemandem in den Kopf gucken kann. Außerdem wirft es einen auf die eigenen Ängste zurück.

    Deinem Onkel hat der Tod seiner Schwester möglicherweise mal wieder vor Augen geführt, dass es bei ihm auch jederzeit soweit sein kann. Dankbarkeit zu empfinden, dass man selbst noch da sein darf finde ich keine schlechten Charakterzug. Außerdem ist es für ihn sicher auch ein Verlust und er trauert.
    Mein Beileid.

    Empathie heisst ja, sich in sein Gegenüber einfühlen können - das tust du bei deinem Onkel auch nicht. Ich kann seine Reaktion nachfühlen, bei mir kommt da eher seine Erschütterung an, die ich nicht weniger berechtigt finde als deine Trauer. Eine Rangfolge mag ich da nicht aufstellen, wer jetzt in einer schlimmeren Lage ist oder wer sich mehr zurücknehmen können muss. In dem Fall.

    Meine Mutter ist Anfang des Jahres gestorben, und als ich nach dem Weihnachtsurlaub wieder ins Büro kam meinte mein Chef, das Jahr hätte für mich ja blöd angefangen. Das fand ich jetzt auch nicht unbedingt den angemessenen Ausdruck wenn die Mutter gestorben ist.

    Aber Empathie heisst eben auch, sich in so jemand einfühlen können und wollen, der halt nicht anders damit umgehen kann, wer weiß wieso. Nicht nur, dass mir Empathie entgegengebracht werden soll. So seh ich das.

  6. User Info Menu

    AW: Empathielosigkeit

    Das tut mir sehr leid mit deiner Mutter, das ist bestimmt hart. Ich denke aber auch, dass viele Menschen einfach nicht wissen, wie sie mit so einem Trauerfall umgehen sollen. Ich habe nach dem plötzlichen Tod der Mutter meiner Freundin diese z. B. gefragt, ob sie auch Zeit zum Trauern hätte.

    Sie schaute mich an und fragte: "Wie geht trauern?" Da wurde mir bewusst, dass man einfach manchmal etwas sagt, was man gar nicht so überlegt. Es war dann aber trotzdem ein Aufhänger, über die Trauerphase zu sprechen und wie sie es gerade empfindet oder bei welchen Situationen es besonders hart ist.

    Da ich auch beruflich mit sehr vielen Menschen zu tun habe, habe ich die Erfahrung gemacht, dass es am besten ist, einfach zu fragen: "Wie geht es dir/Ihnen? Willst du über diesen Todesfall reden?"

    Wenn man den Menschen gekannt hat, um den getrauert wird, dann ist es auch schön, man erzählt vielleicht von einem netten Erlebnis mit ihm, das verbindet auch mit dem Trauernden.

    Habe das merkwürdige Geschwätz aber auch schon erlebt. Als mein Onkel hochbetagt starb, fragte jeder erstmal, wie alt er denn gewesen sei? Wenn ich es sagte, dann kam immer: ja, dann!

    Was ja dann? Trauere ich dann nicht mehr, oder was? Natürlich erschüttert einem der Tod eines jungen Menschen mehr, aber man spricht damit ja fast dem Angehörigen seine Trauer ab.

    Oder als meine Oma mit fast 95 starb war ich mit meiner 6jährigen Tochter kurz danach einkaufen. Da kam eine Frau aus unserem Ort auf uns zu und meinte: "Gell, jetzt seid ihr froh, dass sie es geschafft hat!"

    Meine Tochter war völlig entgeistert und fragte mich danach: "Mama, warum sind wir froh, dass die Oma tot ist?"

    Man sollte seine Worte also schon etwas bewusster wählen. Nimm es dir nicht zu sehr zu Herzen, ich denke auch, dass es nicht böse gemeint ist, sondern eher ein Ausdruck der Hilflosigkeit.
    Es gibt keinen Weg zum Frieden, der Frieden ist der Weg (Mahatma Gandhi)

  7. User Info Menu

    AW: Empathielosigkeit

    Zitat Zitat von frangipani Beitrag anzeigen
    Ich hab auch gemerkt, dass die meisten, die so reagierten, noch kein Elternteil verloren hatten. Sie konnten es sich einfach nicht vorstellen, dass man sich da anders fühlen könnte als bei Omas oder Opas. Ich hab früher auch gedacht "Lauf der Zeit, so ist das eben".
    Ja, ich habe auch den Eindruck, dass einigen schlicht die Erfahrung eines solchen Verlustes fehlt und daher solche unbedachten und emotionsfreien Äußerungen kommen.

    Zitat Zitat von Fritzi64 Beitrag anzeigen
    Ich habe im Frühjahr eine Krebsdiagnose bekommen und war teilweise auch vor den Kopf gestoßen über die Reaktionen.
    Mein großes Mitgefühl!! Ich wünsche dir, dass du geheilt wirst!


    Zitat Zitat von Fels Beitrag anzeigen
    Habe das merkwürdige Geschwätz aber auch schon erlebt.
    Viele von euch scheinen solche Äußerungen auch zu kennen!

    Vielleicht ist es hilfreicher, das Augenmerk auf die überwältigende Anteilnahme, auf die vielen Beerdigungsgäste, die hunderte Kondolenzbriefe und Anrufe zu legen.

    Dennoch ... Heute fühle ich mich besonders verlassen und einsam. Ich vermisse sie so wahnsinnig und kann gar nicht glauben, dass ich sie nie wieder hören und sehen werde ...

  8. Inaktiver User

    AW: Empathielosigkeit

    Zitat Zitat von Lollla Beitrag anzeigen
    Dennoch ... Heute fühle ich mich besonders verlassen und einsam. Ich vermisse sie so wahnsinnig und kann gar nicht glauben, dass ich sie nie wieder hören und sehen werde ...
    Das ist auch wirklich traurig.

    Was ich noch dazu sagen wollte: es ist halt heikel, und es gibt auch eigentlich keine richtigen Worte dafür.

    Ich fände es aber traurig, wenn jemand sich gar nicht dazu äußert, aus Angst was falsches zu sagen. Das führt dann zu so Sachen dass Leute einem direkt ausweichen, was ich persönlich ganz schlimm finde.

    Also dann lieber jemand der mich trösten will und das halt auf seine Art ungeschickt rüberbringt.

  9. User Info Menu

    AW: Empathielosigkeit

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Was ich noch dazu sagen wollte: es ist halt heikel, und es gibt auch eigentlich keine richtigen Worte dafür.

    Ich fände es aber traurig, wenn jemand sich gar nicht dazu äußert, aus Angst was falsches zu sagen. Das führt dann zu so Sachen dass Leute einem direkt ausweichen, was ich persönlich ganz schlimm finde.

    Also dann lieber jemand der mich trösten will und das halt auf seine Art ungeschickt rüberbringt.
    Ja, da gebe ich dir recht! Die richtigen Worte gibt es eigentlich nicht. Beim Tod hören alle Worte auf ...
    Schlimm wäre es in der Tat, wenn Menschen deshalb die Konfrontation meiden würde.

    ...
    Ich frage mich, wie andere das Gefühl der Trauer aushalten? Kaum auszuhalten!
    Was klage ich? Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie wenig die Trauer über das verstorbene Kind oder den geliebten Partner auszuhalten ist ...

  10. Inaktiver User

    AW: Empathielosigkeit

    Zitat Zitat von Lollla Beitrag anzeigen
    Schlimm wäre es in der Tat, wenn Menschen deshalb die Konfrontation meiden würde.
    Leider gibt es das ja tatsächlich, auch wenn du schwer krank wirst oder sonst irgendein Unglück dich trifft, dass Leute damit nicht umgehen können oder wollen und dir wirklich aus dem Weg gehen, buchstäblich.

    Ansonsten, ja, wenn jemand gestorben ist kann ihn nichts und niemand je wieder ersetzen. Das ist hart. Man kann nur lernen es auszuhalten, irgendwie, aber sicher nicht mal eben von heut auf morgen.

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