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  1. Registriert seit
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    Abschied nehmen – was hat mir geholfen?

    Der Tod. Wenn er mal eingetreten ist, dann kann man nichts mehr daran ändern. Das Leben geht weiter. Es bleibt einem nur, das gut zu verarbeiten, auch wenn es seltsam klingt. Zuschütten und Verleugnen ist der falsche Weg.

    Jeder von uns wird früher oder später mit dem Tod der Eltern und vielleicht der Geschwister konfrontiert. Jeder Zweite mit dem Tod des Lebenspartners. Und wenn es das Schicksal nicht gut meint, dann mit dem Tod eines Kindes oder Enkels.

    Was hat euch beim Abschiednehmen und Verarbeiten geholfen? Dieses Strang soll sowohl der eigenen Reflexion als auch als Tippgeber für andere dienen. Wobei jeder seinen eigenen Weg finden muss.


  2. Registriert seit
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    AW: Abschied nehmen – was hat mir geholfen?

    Mein Vater ist Ende November gestorben. Er hatte Krebs mit inoperablen Metastasen. Eigentlich operabel, aber nicht in seinem Alter über 80 und bei seinem Gesundheitszustand. Dazu viele Gebrechen. Letztlich war er seit der Krebsdiagnose in seinen letzten 14 Monaten zunehmend pflegebedürftig.

    Ich bin mit ihm zu Ärzten, zur Chemo und habe meine Mutter bei der Pflege unterstützt. Irgendwann war er auf den Rollator angewiesen, dann auf den Rollstuhl und schließlich konnte er gar nicht mehr aufstehen. Dazu kam der geistige Verfall, der schon lange vor der Krebserkrankung begonnen hatte. Er kam am Ende ins Pflegeheim, weil meine Mutter die Pflege nicht mehr leisten konnte. Es war ein langer Abschied auf Raten, den ich aus der Nähe miterlebt habe. Ich denke, diese Entwicklung mitzuerleben hat seinen Beitrag geleistet.

    Als er im Heim gestorben war, waren wir alle dort und haben noch vier Stunden bei ihm und mit ihm verbracht. Am nächsten Tag haben wir nochmal mit ihm Abschied genommen, bevor er vom Bestattungshaus abgeholt wurde.

    Das in meinen Augen entscheidende waren unsere zwei Besuche im Abschiedshaus des Bestatters, jeweils eine Stunde lang. Das eine Mal habe ich ihm Fotos von seinem Zuhause „gezeigt“, das andere Mal 20 Minuten lang seine Lieblingslieder „vorgespielt“. Weinen und Wehklagen war in der ersten halben Stunde jeweils groß, in der zweiten hat es sich dann gelegt. Wir haben uns über den Papa und den Sarg hinweg unterhalten.

    Am Tage der Beerdigung waren wir nochmal bis zum Schließen des Sarges bei ihm.

    An allen fünf Tagen habe ich ihn nochmal berührt, an den Händen, im Gesicht. Über die sieben Tage hinweg konnte man sehen, wie der Leichnam, wie Papa sich verändert hat. Und am letzten Tag haben wir ihm noch ein Bonbon und zwei Kinderschokoladeriegel als „Wegzehrung“ in die Anzugbrusttasche geschmuggelt. Unser kleines Geheimnis. Wir müssen jedes Mal schmunzeln, wenn wir das ansprechen.

    Ich habe mir eine lange Liste geschrieben, was in den letzten Tagen, Wochen und Monaten war, meine Besuche im Krankenhaus und Pflegeheim in den letzten Wochen. Bis hin zu den Anrufen mit der Todesnachricht.

    All dies, aber besonders die zwei Tage im Abschiedshaus haben mir sehr geholfen. (Auch wenn ich sicher erst am Anfang des Verarbeitungsprozesses stehe.) Jeder muss seinen Weg selber finden, aber solche Besuche im Abschiedshaus, die möchte ich fast schon empfehlen.

  3. VIP Avatar von katelbach
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    AW: Abschied nehmen – was hat mir geholfen?

    Mein Lebensmensch ist trotz fiesester Krankheit (die möglicherweise berstanden war) und Komplikationen überraschend gesorben. Die Nachricht kam morgens um 5 - ich war wie betäubt und dachte dann unter der Dusche, ich hätte es geträumt.

    Freunde fuhren mit mir dann ins Krankenhaus, wo ich kurz "physisch" Abschied nehmen konnte. Dann wurde er in die Rechtsmedizin gebracht. so etwas wie ein Abschiedshaus kannte ich leider nicht. Ich war so durch den Wind, dass ich quasi willenlos beim Bestatter saß.

    Geholfen hat mir, dass ich Musik für die Trauerfeier hatte, die sehr, sehr viel ausgedrückt hat. Und dass unsere Freunde und seine Kollegen ebenfalls sehr getrauert und dies auch gezeigt haben. Ansonsten habe ich in den ersten Jahren besonders viel über ihn gesprochen - das hat mir den Abschied auch irgendwie erleichtert.

    Wir haben auch in der Zeit von Diagnose bis Operation und dann nach dem Eintritt einer schweren Komplikation (Qerschnitt) viel über den Tod und über unser gemeinsames Leben gesprochen. Das war auch eine Hilfe - eine Generalprobe. Die Diagnose war für mich deswegen schlimmer und einschneidender als die Todesnachricht.
    Thank you for observing all safety precautions.

    (aus Dark Star von John Carpenter)


    Moderation in den Foren Diagnose Krebs, Depressionen, Umgangsformen und Rund ums Tier,
    sonst normale Userin

  4. Moderation Avatar von frangipani
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    AW: Abschied nehmen – was hat mir geholfen?

    Quirin, mein Beileid zum Tod deines Vaters . Das Abschiedshaus ist eine schöne Einrichtung, ich habe Ähnliches mal vor Jahren von der Mutter meines Ex gehört, die vor gut 15 Jahren auch 5 Tage beim Bestatter aufgebahrt wurde. Das erinnert mich an ganz früher auf dem Dorf - solche Möglichkeiten sollten überall gegeben sein.


    Ich hab festgestellt, dass der Tod eines Elternteiles ganz anders ist als der Tod eines Geschwisters.
    Meine Mutter starb vor 6 Monaten. Relativ unerwartet nach kurzer Krankheit. Ich hatte nach dem Anruf des KH dann erst 48 Stunden hier zuhause, dann 24 Stunden auf dem Flug Zeit, mich mental drauf einzustellen, das sie sterben wird. Realistisch wurde es erst im KH auf der Palliativstation, aber selbst in den 5 Tagen und Nächten dort gab es Momente, wo ich mich kneifen musste, weil mir alles so 'falsch' vorkam.

    Von meiner Mutter selbst hab ich mich in den 5 Tagen und Nächten verabschiedet. 3 davon war sie nicht mehr richtig bei Bewusstsein, aber man sagte mir, dass der Hörsinn wohl noch lange funktioniert. Also hab ich alles gesagt, was ich noch sagen wollte. Sie hat in einem Moment, am zweiten Tag, als meine Patentochter (die seit der Geburt viel bei ihr war) und ich allein mit ihr waren, unser beider Hände aufeinandergelegt. Das war ein richtiger Abschied und ein sehr schöner Moment.

    Nachdem sie gestorben war, hab ich allein noch 2 Stunden bei ihr im Zimmer verbracht, hab einen Kaffee getrunken, Füsse dabei aufs Bett gelegt, und noch alles Mögliche erzählt. Sie angefasst, eine Haarsträhne abgeschnitten und ihre Hände fotografiert.

    Die Ruheforstbestattung war für mich und den engsten Kreis dann eine sehr schöne Art, Abschied zu nehmen, weil wir es zu 100% auf das zuschneiden konnten, was meine Mutter gewollt hat. Sie hasste dicke Mauern, kalte Holzbänke und schweren Blumenduft. Dafür bekam sie Sonne, ein Laubdach und Vogelgesang.

    Was mir jetzt hier in meinem Alltag, wo meine Mutter nie war, und wo alles so ist wie immer, hilft, sind Erinnerungen (wie zB bestimmte Gerichte, die ich nachkoche oder Wohnungsdekorationen, die ich ähnlich habe, ich hab einige ihrer Sachen mit rübergebracht). Meine hiesigen Freundinnen haben mir eine grosse Balkonpflanze geschenkt, statt Blumen zur Beerdigung. Auch ein schöner 'Anker'.

    Was auch hilft, sind Abende, wo man zusammensitzt, von dem oder der Verstorbenen erzählt, Fotos und Gegenstände anguckt und deren Geschichten erzählt. Bestimmte Gerichte, die Erinnerungen bringen, kocht und zusammen isst und vor allem - bei schönen Erinnerungen lacht. Ans Wasser geht und Blumen schwimmen lässt.

    Aber ich weiss auch, dass es erst der Anfang ist. Weihnachten wird bestimmt bittersweet.

    Bei meinem Bruder war es anders. Da hatte ich noch wenig 'Übung' und wenig Berührung mit dem Tod. Er war 6 Monate sehr schlimm krank, ich war zwischendurch in D, er war da aber nicht ansprechbar. Als er starb, war ich weit weg und zur Beerdigung konnte ich auch nicht. Das Abschiednehmen ging über Jahre, tröpfchenweise. So wie auch von engen Freunden, die weit weg von hier gestorben sind.
    “We cannot confront these issues alone, none of us can. But the answer to them lies in a simple concept that is not bound by domestic borders, that isn’t based on ethnicity, power base or even forms of governance. The answer lies in our humanity." Jacinda Ardern, 29.3.19

    Moderatorin in den Reiseforen und bei der Eifersucht, bei den Selbständigen, Arbeiten im Ausland und im Kunstforum.

  5. Avatar von Mediterraneee
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    AW: Abschied nehmen – was hat mir geholfen?

    Als mein Vater vor vier Jahren starb, bekam ich einen Anruf aus dem Pflegeheim, dass es wohl zu Ende geht. Ich habe mich in mein Auto gesetzt und bin die 100 km zu ihm gefahren. Leider starb er, während ich auf der Autobahn zu ihm fuhr.
    Im Pflegeheim angekommen, habe ich ihm über das Gesicht gestreichelt. Seine Haut war noch warm, da sein Tod noch keine halbe Stunde her war.

    Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie tröstlich diese Wärme für mich war. Es fühlte sich so an, als habe ich noch ein letztes Restchen Leben erwischt, als ich ihn berührte. Das hat mir den Abschied irgendwie leichter gemacht.

    Da mein Vater dement und in den letzten vier Jahren vor seinem Tod ohnehin nicht mehr er selbst war, habe ich nicht allzu sehr getrauert. Denn meinen Papa, so wie ich ihn gekannt hatte, den gab es schon lange nicht mehr, als sein Körper starb. Mein Papa hatte sich ganz still und langsam davongeschlichen.
    Manche Menschen leben so vorsichtig, die sterben wie neu.


  6. Avatar von rosemary_
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    AW: Abschied nehmen – was hat mir geholfen?

    Mir hat es geholfen, dass ich bei ihr war, die letzten Stunden. Ihr Abschied war friedlich. Sie seufzte und dann war Stille. Ihre Seele flog davon wie eine Feder im Wind.
    Kinder erfordern ein dickes Fell - aber ein ganz weiches!


  7. Registriert seit
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    AW: Abschied nehmen – was hat mir geholfen?

    Ich beneide alle, die die Gelegenheit hatten Abschied zu nehmen, bzw. die wussten, dass der Tod bevor steht. Ich hatte bei den Todesfällen, die mich ganz schlimm getroffen hatten, keinerlei Gelegenheit. Vor dreißig Jahren starb mein Vater bei einem Autounfall. Jetzt im Juli mein Sohn an einer falschen Spritze.
    Bei meinem Vater hat mir geholfen, dass wir vorher oft über den Tod gesprochen haben. Ich hatte den Unfall oft geträumt und immer danach mit ihm darüber gesprochen. Ich hab immer gesagt ich würde das nicht aushalten und danach nicht mehr leben wollen. Mein kluger Vater hat dazu gesagt: Sterben ist genauso normal wie geboren werden, du darfst danach kurz traurig sein und dann lebe dein Leben weiter, sonst kann ich nicht in Ruhe tot sein.
    Darüber hab ich ganz oft mit meinen Kindern gesprochen, mir ging es dabei aber eher um meinen Tod, ich wollte und möchte sie auch jetzt immer schon darauf vorbereiten ( es kann jeden Tag geschehen). Ich hab dabei nicht an den Tod eines meiner Kinder gedacht.
    Doch immer noch geben mir die Worte meines Vaters Trost und Hilfe bei der Verarbeitung.
    Ansonsten fand ich die Anteilnahme der vielen Freunde meines Sohnes sehr tröstlich. Wir haben auch im September seinen Geburtstag gefeiert und es kamen so viele Freunde, wir haben Laternen steigen lassen und es war schönes zugleich trauriges Fest.

  8. Avatar von Blumenmeere
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    AW: Abschied nehmen – was hat mir geholfen?

    Oh wow, ein Thread der mir bei jedem einzelnen Post die Tränen in die Augen treibt... Zu aller erst: fühlt euch alle ganz fets gedrückt.

    Ich musste leider, trotz jungem Alter, schon viel zu oft Abschied nehmen. Und jedes Mal war anders, mal mehr oder mal weniger überraschend und auf seine eigene Art besonders und teilweise erschreckend.

    Einen Freund habe ich noch während meiner Ausbildungszeit verloren aufgrund eines tödlichen Motorradunfalls. Für ihn wurde eine wundervolle, ganz besondere Trauerfeier im Wald ausgerichtet. An seinem Lieblingsort, mit seinen Lieblingsritualen. Es war wirklich ein ganz besonderer Tag weil wir alle das Gefühl hatten er ist mitten unter uns und versteckt sich irgendwo hinter einem Baum um uns zu beobachten. Diese Art von Abschied hat mir sehr geholfen das alles zu verarbeiten. Seine Eltern, er war Einzelkind, haben sich danach viele Jahre zurückgezogen und waren kaum zu erreichen. Plötzlich standen sie wieder vor der Türe, waren in dem Sportverein in welchem sie gemeinsam mit ihrem Sohn lange aktiv waren und haben sich wieder geöffnet. Das war für mich nochmals ein total schöner Moment zu sehen, dass sie sich darauf wieder einlassen können und mittlerweile wieder ein Teil von uns allen sind. Das hat mir vor allem auch gezeigt, dass es doch irgendwann weitergeht.

    Danach musste ich mich von zwei weiteren guten Freunden verabschieden. Einmal Krankheit, einmal ein Suizid welcher vermutlich eher ein Unfall war. Vor allem zweiteres wirft mich noch immer oft aus der Bahn, obwohl bereits ca 10 Jahre her. Aber es kam einfach so plötzlich, keiner kann es verstehen und es gibt zu viele offene Fragen. Ganz oft wenn wir mit diesem Freundeskreis unterwegs sind überkommt es uns alle und es endet in einer grossen Massen-Heulerei. Aber tatsächlich hilft auch das, weil man zusammenhält und es gemeinsam versucht zu verarbeiten. Bei beiden wurden die Trauerfeiern nur im kleinsten Kreis vorgenommen, daher gab es keine richtige Möglichkeit Abschied zu nehmen. Hier versuchen wir es einfach mit gemeinsamen Erinnerungen.

    Als meine Oma verstarb, war es leider die letzten 6 Monate abzusehen und wir konnten uns langsam darauf vorbereiten. Mein Bruder kam extra angereist, da es hiess sie hat nur noch 2-3 Tage. Als wir dann als Familie geschlossen zu ihr sind, war sie schon nicht mehr sie selbst. Ich persönlich musste den Raum direkt verlassen weil ich sie so in Erinnerung behalten wollte wie ich sie bis dahin kannte. Der Rest der Familie war lange bei ihr, hat sich verabschiedet. Einige Stunden nachdem wir das KH verlassen haben ist sie eingeschlafen. Das war für mich der Beweis dafür, dass sterbende Menschen tatsächlich meistens warten, bis sie sich von allen verabschieden konnten bzw. andersrum. Hier war ich nachts diejenige, die den Anruf entgegengenommen hat und die ersten Schritte eingeleitet hat bzw. Verwandtschaft informiert hat. In diesem Fall hat uns vor allem geholfen, dass wir die Trauerfeier mitgestalten konnten und so Abschied nehmen konnten wie wir es wollten und vor allem wie es die Verstorbene gewollt hätte. Meine Oma ist oft noch in Gedanken bei uns, bei Familienfeiern wird ihr Stammplatz aufgrund von Platzmangel zwar belegt, aber immer mit einem Lächeln im Gesicht und den Worten "Mensch, hoffentlich sieht sie das nun nicht.". Sie ist im Herzen bei uns, ich denke an sie wenn ich zB ihren Mixer nutze den ich damals mitgenommen habe. Auch an meiner Hochzeit hatte sie einen festen Platz mit Memorial an meinem Strauss und ich habe ihre Lieblingsblumen verwendet. Nach 10 Jahren ist die meister Trauerarbeit vollbracht und ich denken gerne mit einem Lächeln an sie zurück, auch wenn sie sehr oft hier fehlt.

    Mit was ich noch ganicht umgehen kann, ist der Tod meines bestnen Freundes vor fast vier Jahren. Wir kannten uns 2 Jahre und waren von vornerein ein Herz und eine Seele, das passende Gegenstück und hatten das Gefühl, wir kennen uns seit Jaaaahren. Er war mein ein und Alles. Bereits als wir uns kennenlernten, hatte er seine erste Krebsdiagnose überstanden und war soweit fit. Aber bereits nach wenigen Wochen ging es wieder los und wir haben einige Höhen und Tiefen durchgemcht. Ich war auch wenn er im KH war in stetigem Austausch mit seinen Eltern (die ich bis dahin nie persönlich getroffen hatte) und wurde immer gleich informiert wenn es etwas Neues gab. Sein Tod kam dann leider doch sehr rasch und plötzlich als er auf dem Weg der Besserung war. Wir hatten bis zuletzt immer Kontakt, auch wenn er die letzten beiden Wochen keinen Besuch mehr wollte (er war zu eitel und wollte einfach nicht, dass man ihn in diesem Zustand sieht - nur seine Familie war bei ihm). Auch kurz vor seinem Tod war für ihn das wichtigste, wie es seinen Freunden und Familie geht. Er hat immer wieder nachgefragt und sich gefühlt mehr um uns als um sich selbst gekümmert. Ich war gerade auf dem Weg ins KH um seiner Familie eine Kleinigkeit für ihn zu bringen als ich den Anruf bekam: er war vor 5 Minuten friedlich eingeschlafen. Ich stand inzwischen vor dem KH und konnte es nicht glauben, dass wir auch in diesem Moment uns so nah waren und das Gefühl mich nicht täuscht. Die Beerdigung war ein Tag, welcher mich noch immer aus der Bahn wirft. Die Kirche war voll, der Kirchplatz war voll, sogar auf der Strasse standen Leute, um dabei zu sein. Es war draussen eine Anlage aufgebaut, damit man wenigstens zuhören konnte wenn man draussen war. Es war... faszinierend und schön zu sehen, wie viele Menschen Anteil genommen haben. Der Weg zum Friedhof war eine Massenwanderung. Der Sarg war schon zu Boden gelassen, da waren noch nicht mal alle auf dem Friedhof angekommen... sooo viele Menschen. Für mich war das zum Abschied nehmen zu viel, ich konnte das nicht verarbeiten. Ich hatte meine Gefühle etc in einem Brief formuliert und ins Grab gelegt. Schreiben tut mir immer gut und auch heute mache ich das noch so. Ich schreibe ihm einen Brief und lese es ihm vor, wenn ich wieder auf dem Friedhof bin. Zudem treffe ich mich regelmässig mit seiner Familie. Das ist immer wieder schön und hilft beiden Seiten. Seine Freunde treffe ich öfters beim Ausgehen, das war am Anfang sehr hart weil man immer das Gefühl hatte er kommt jeden Moment zur Türe rein. Inzwischen kann ich mit den Jungs feiern und lachen, dennoch fliessen jedes Mal noch ein paar Tränchen bei uns allen.
    Aber dieses Zusammensein, sich gemeinsam erinnern und auch gemeinsam zu trauern, dass ist wie ich es am Besten verarbeiten kann.

    Ich glaube, inzwischen bin ich komplett am Thema vorbei. Aber es tat mir auch gerade gut, dass von der Seele zu schreiben. Ich hoffe, ihr verzeiht es mir.

    Numme nit huddle!

  9. Avatar von bifi
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    AW: Abschied nehmen – was hat mir geholfen?

    Mein Vater verstarb im Mai 2016. Nach 6 wöchigen schweren Leiden, seit 1 1/2 Jahren Krebsdiagnose (inoperabel).

    Mir hat es geholfen bei der Trauerfeier die Rede zu halten. Ich hatte die Nacht zuvor nicht geschlafen, während der Beerdigung nur geweint, war vor der Rede fürchterlich aufgeregt, stand kurz vor der Panikattacke. Danach war ich traurig, aber auch froh.

    bifi
    "Schau lange und genau auf die Dinge, die dich erfreuen - zumindest länger als auf die Dinge, die dich ärgern."
    Sinonie - Gabriele Colette


    Denken und Sein werden vom Widerspruch bestimmt
    Aristoteles - Griechischer Philosoph

  10. Avatar von _Melinda_
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    AW: Abschied nehmen – was hat mir geholfen?

    Oh ja, es fällt gerade schwer, nicht die Tränen laufen zu lassen....

    Mein Vater ist vor 2 1/2 Jahren gestorben. Ziemlich plötzlich und unerwartet nach kurzer Krankheit.
    Geholfen hat mir meine Familie, mit der ich oft über ihn reden konnte. Über die letzten Wochen. Über die Phase, wann er wohl für sich gemerkt hat, dass er wohl nicht nur "alt" ist, sondern auch krank. Über Erinnerungen. Vor allem auch über die Einschätzung, ob er gelitten hat, oder ob er ruhig gehen konnte. Das hat uns beim Loslassen geholfen.

    Mir hilft auch, dass er noch in vielen Dingen da ist. Schwierig zu beschreiben. Manchmal fühle ich mich von ihm gesehen und vielleicht sogar etwas beschützt. Nur der Kontakt funktioniert eben nicht mehr.

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