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  1. Avatar von kamy
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    AW: "Im Kreise seiner Familie sanft entschlafen..."

    Vor 11 Tagen ist meine Mutter gestorben. Ich wollte keinen Familienkreis um sie haben, ich wollte mit ihr alleine sein.
    So wie die Geburt des Menschen mit meist viel Hektik und Geschrei vonstatten geht, finde ich, dass das Sterben ruhig sein sol. Vor allem, wenn man das Sterben kommen sieht.
    Am Rande; ich bin Krankenschwester, und ich habe sehr viele Sterbende begleitet.
    Jetzt auch meine Mutter.
    Die Erkrankung war plötzlich und unerwartet, das Sterben daran nicht. Ich hatte die Möglichkeit, mich fast Tag und Nacht in der Klinik aufzuhalten und bei ihr zu sein.
    Es sollte ruhig werden, und es wurde auch ruhig. Ich fand, dass ich als Tochter, das einzige Kind, ausreiche.
    Auf keinen Fall wollte ich, dass mein panischer Vater dazu kommt. Er war fast jeden Tag zu Besuch (die Klinik war über 1 Autostunde entfernt), und jeden Tag hat er sich von ihr "für immer" verabschiedet. Sie lag 12 Tage in Koma.
    Ich konnte das nicht mehr ansehen, diese Abschiede. Es tat mir zu weh. Er war aber beruhigt, dass ich fast immer bei ihr war, dass sie nicht alleine war, und nicht alleine sterben musste. Das zählte für ihn viel. Ich würde es so wieder machen.
    Die Seele nährt sich von dem, worüber sie sich freut. Augustinus

  2. Moderation Avatar von Margali62
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    AW: "Im Kreise seiner Familie sanft entschlafen..."

    kamy, mein Beileid ...
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  3. Avatar von brighid
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    AW: "Im Kreise seiner Familie sanft entschlafen..."

    Zitat Zitat von frangipani Beitrag anzeigen

    Meine Urgrossmutter ist damals auch zuhause bei uns, in ihrem Bett gestorben. Wir waren alle im Haus, aber sie ist einfach über Nacht gestorben, mit Ankündigung ein paar Tage vorher, dass sie keine Lust mehr habe (sie war 97).


    1987- palliativ- wusste man damals noch nicht wie man es überhaupt schreibt. zumindest in hessen.

    meine grossmutter, zuhause. der arzt in der klinik sagte: wenn ihr euerer mutter, oma was gutes tun wollt- nehmt sie mit nach hause. sie war 87, krank, und die eigene aussage war: ach, ich bin so schrecklich müde.

    sie hatte zuhause flüssigkeit und schmerzmittel (schwiegersohn- krankenpfleger) und als sie nach 6 tagen auch ihren heissgeliebten bohnenkaffee nicht mehr wollte, im dunklen eck des schlafzimmers ihre mutter und ihre schon verstorbenen schwestern sah, mit ihnen redete- wusste mein opa (auch krankenpfleger ) dass es nicht mehr lange dauert.
    er sass am bett, hielt die hand. am 10. tag zuhause ist sie eingeschlafen. friedlich, tief durchgeatmet und den kopf zur seite gedreht. wir waren alle im haus und sind dann, als mein opa uns bescheid sagte, alle noch einmal zu ihr gegangen. und ich habe gespürt, dass ihre seele noch im raum war.
    hinfallen ist keine schande, liegenbleiben schon.

    das leben ist kostbar, lasst uns jeden tag gebührlich feiern

  4. Moderation Avatar von frangipani
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    AW: "Im Kreise seiner Familie sanft entschlafen..."

    Kamy, auch mein Beileid. Es tut gut, zu wissen dass es so ruhig ging, oder?


    brighid, da habt ihr deiner Grossmutter einen grossen Gefallen getan.
    “We cannot confront these issues alone, none of us can. But the answer to them lies in a simple concept that is not bound by domestic borders, that isn’t based on ethnicity, power base or even forms of governance. The answer lies in our humanity." Jacinda Ardern, 29.3.19

    Moderatorin in den Reiseforen und bei der Eifersucht, bei den Selbständigen, Arbeiten im Ausland und im Kunstforum.

  5. Avatar von brighid
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    AW: "Im Kreise seiner Familie sanft entschlafen..."

    ja, sie konnte friedlich gehen. sie hatte auch ein lächeln im gesicht.

    mein opa hat uns dann erzählt wie die letzten minuten abliefen. sie ist ja immer wieder weggedöst und dann war sie auf einmal ganz klar, hat ihn angeguckt, sie waren 57 jahre verheiratet und sagte zu ihm: es tut mir leid, seinen namen gesagt, das mit der diamantenen hochzeit kriegen wir nicht mehr hin. mein opa hat ihr versichert, dass das für ihn in ordnung ist. daraufhin hat sie tief geatmet und den kopf zur seite gedreht.


    was ich sehr sehr schlimm fand: da es an einem sonntag war, der hausarzt im urlaub, mussten wir den notarzt wegen dem totenschein anrufen. die kamen mit blaulicht und sirenengeheule auf den hof gefahren. und wenn mein vater nicht dazwischen gegangen wäre- hätten sie die alte frau aus dem bett gezerrt um sie zu reanimieren. die notärztin hat meinen vater angeschrien, dass sie die staatsanwaltschaft einschaltet.
    die papiere, die entlassungspapiere vom krankenhaus mit dem vermerk: patientin wird prä-final in die obhut der familie (medizinisches fachpersonal vor ort) entlassen. hat sie nicht interessiert.
    das war würdelos. und mein opa sass da, leise weinend. das bild werde ich auch nie vergessen.
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  6. Moderation Avatar von frangipani
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    AW: "Im Kreise seiner Familie sanft entschlafen..."

    Oh, das tut mir leid für euch und vor allem für deinen Opa. So etwas passiert heute hoffentlich nicht mehr.


    Ich weiss gar nicht mehr, wann wir bei meiner Urgrossmutter den Arzt gerufen haben. Das sind fast 40 Jahre her. Was ich nur noch weiss, ist, dass die Totenfrauen kamen, um sie zu waschen und herzurichten. Meine Urgrossmutter stammte ursprünglich vom Dorf, sie lebte nur die letzten Jahre bei uns in der Kreisstadt. Damals war es üblich, dass diese Arbeiten die Totenfrauen machten. Die gingen dann auch rum und benachrichtigten die Nachbarn (bzw in unsreen Fall die Ex-Nachbarn).
    Was mich nur erschreckte, war, dass sie - der Tradition gemäss - dabei richtig laut lamentiert haben.


    Ich habe mich gestern mit einer Freundin unterhalten, die mir erzählte, dass die Mutter ihrer Schwiegermutter nach dem Tod von ihren Töchtern gewaschen, frisiert wurde, sogar die Nägel haben sie ihr nochmal lackiert. Und das alles im Krankenhaus.
    Ob ich meine Mutter hätte waschen wollen, wenn ich gedurft hätte, weiss ich nicht. Vielleicht hätte ich einfach fragen können. Ich hab die Stunden mit Ansehen, Anfassen, Reden, Nachdenken verbracht. Und ich hab ihr eine Locke abgeschnitten. Ich hab mich immer geärgert, dass ich das bei meinem Bruder damals nicht gemacht habe.
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  7. Avatar von brighid
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    AW: "Im Kreise seiner Familie sanft entschlafen..."

    eine meiner schwestern ist krankenschwester, sie hatte vorher schon, da es ja absehbar war, mit meiner oma und meinem opa gesprochen, dass sie die oma wäscht und zurecht macht. meine oma fand das gut und richtig.
    es gibt dinge über die müssen vorher gesprochen werden- war ihr motto.
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  8. Moderation Avatar von Marie-Madeleine
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    AW: "Im Kreise seiner Familie sanft entschlafen..."

    @kamy: mein Beileid.

    @brighid: schön, dass Ihr Eurer Oma so einen Abschied ermöglichen konnten. Zur Notärztin sag ich jetzt mal lieber nix. (Bei uns macht das heute der hausärztliche Bereitschaftsdienst, wenn der Hausarzt selbst nicht im Dienst ist.)
    May you be surrounded by friends and family,
    and if this is not your lot, may the blessings find you in your solitude.

    Leonard Cohen


    Entweder man lebt, oder man ist konsequent.
    Erich Kästner

  9. Avatar von brighid
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    AW: "Im Kreise seiner Familie sanft entschlafen..."

    was die notärztin betrifft: ich glaube, oder ich hoffe zumindest, dass es so heute nicht mehr ablaufen muss.

    heute wird da doch ein bisschen mehr auf die schon geäusserten wünsche des patienten geachtet.
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