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Thema: Mein Bruder


  1. Registriert seit
    16.01.2019
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    20

    Mein Bruder

    Hallo Forum,

    ich bin ganz neu hier, lese schon eine Weile mit und finde es schön, mit wieviel Verständnis und Trost ihr euch hier im Forum begegnet.

    Ich möchte gerne meine Geschichte aufschreiben.

    Mein Bruder hat sich im April des vergangenen Jahres das Leben genommen, er war 43 Jahre alt. Er ist mit einem Strick um den Hals von einer Brücke gesprungen. Wir, seine Familie, das sind meine Eltern, sein Bruder und ich, haben versucht, ihm über seinen schlimmen Liebeskummer hinweg zu helfen, wir haben es nicht geschafft. Mein Bruder hinterlässt eine kleine Tochter, sie ist im Juli 3 Jahre alt geworden.

    Die Polizei hat an einem Sonntagnachmittag bei mir geklingelt, er hatte die Adresse seine Exfreundin bei sich, dort waren sie wohl zuerst und sie hat sie zu mir geschickt, Gott sei Dank nicht zu meinen Eltern.
    Die Polizei hat mir mitgeteilt, was geschehen ist und ist wieder gegangen mit dem Hinweis, dass ich doch bitte meine Eltern informiere. Das war der wohl schwerste Gang meines Lebens, die meisten hier wissen sicher, wovon ich spreche.

    Ich muss mal eine Pause machen. Ich würde mir hier gerne nach und nach alles von der Seele schreiben, alles auf einmal geht nicht. Aber ich würde mich freuen, hier in einem geschützten Raum trauern zu können. Im Alltag kann ich das nicht, ich muss stark sein für meine Eltern, für die Kleine und gehe noch Vollzeit arbeiten. Daher möchte ich gerne hier weiter schreiben, bis bald.


  2. Registriert seit
    26.01.2009
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    11.876

    AW: Mein Bruder

    ...es tut mir leid das Du so etwas erlebst! Ich finde es eine gute Idee dass Du Dir hier gerne alles von der Seele schreiben möchtest! Ventile sind immer gut um Dinge zu verarbeiten!
    Das Leben macht was es will und ich auch!

  3. Moderation Avatar von Sternenfliegerin
    Registriert seit
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    4.025

    AW: Mein Bruder

    Liebe Woelkeline,

    mein Mitgefühl zum so schlimmen Verlust Deines Bruders.

    Ich wünsche Dir, daß Dir das Aufschreiben und vielleicht ein Austausch mit anderen Trauernden und Betroffenen vielleicht zumindest ein ganz klein wenig Linderung und Erleichterung bringen wird.

    Eine für Deinen Bruder, der leider keinen anderen Ausweg gefunden hat -
    und ganz liebe Grüße an Dich.

    Sternenfliegerin
    I don´t know where I´m going- but I´m on my way... Carl Sagan

    Vielleicht geht es auf dem Weg gar nicht darum, irgendwas zu werden.
    Vielleicht geht es darum, alles abzuwerfen, was wir nicht sind,
    so daß wir das sein können, wofür wir bestimmt sind.
    Paulo Coelho



    Moderatorin in den Foren: Beziehung im Alltag und Der "gebrauchte" Mann- ansonsten normale Nutzerin


  4. Registriert seit
    16.01.2019
    Beiträge
    20

    AW: Mein Bruder

    Danke, dass da draußen Menschen sind, die mich trösten. Ich werde wohl erst am Wochenende weiter schreiben können. Bis dahin liebe Grüße.

  5. Moderation Avatar von Simplemind66
    Registriert seit
    02.02.2006
    Beiträge
    10.466

    AW: Mein Bruder

    Liebe Woelkeline,

    fühle dich hier willkommen,
    es möge dir ein Trost und Hilfe sein....
    simplemind
    _____________________________________

    Freunde sind Gottes Entschuldigung für Verwandte
    George Bernhard Shaw
    4.6.18


  6. Registriert seit
    16.01.2019
    Beiträge
    20

    AW: Mein Bruder

    Danke euch.
    Wir hatten zu seiner Beerdigung eine Trauerrednerin. Sie hat uns im Vorgespräch gesagt, dass es die Vorstellung gibt, dass die Menschen, die so aus dem Leben geschieden sind, in der neuen Welt getröstet werden. Ich wünsche meinem Bruder so sehr, dass es ihm jetzt besser geht.
    Für uns gibt es kaum einen Trost, vor allem für meine Eltern nicht, die ihr Kind begraben haben. Sie kümmern sich sehr um seine kleine Tochter, sie lebt ganz in der Nähe bei ihrer Mutter. Aber es ist schwer, vor allem weil die Mutter der Kleinen und Exfreundin meines Bruders sich schrecklich verhalten hat. Aber meine Eltern würden alles tun, um die Kleine nicht zu verlieren. Und so kommt kein Wort über ihre Lippen, kein Vorwurf, alles behalten sie für sich. Eine enorme Kraftanstrengung. Ich gebe mir große Mühe, für sie da zu sein. Ich selbst kann gar nicht richtig trauern. Ich habe das Gefühl, wenn ich einmal anfange zu weinen, dann höre ich nicht mehr auf. Und es muss doch weiter gehen.
    Dazu kommt, dass ich zwei Tage nach der Beerdigung mein Pferd habe einschläfern lassen. Ich weiß, das kann man gar nicht vergleichen. Aber er war fast 26 Jahre mein Gefährte, beim Reiten oder bei der Stallarbeit konnte ich abschalten und hab die Welt ein bisschen draußen gelassen. Das fehlt mir jetzt, es wäre Balsam für die Seele.

    Mein Bruder und ich, wir hatten kein super-enges Geschwisterverhältnis, er war 8 Jahre jünger als ich und irgendwie ein liebenswerter Freak. Typ Aussteiger, lange Haare und Perlen in den Bart geflochten. Wenig interessiert an den weltlichen Dingen, manchmal hat er mich zur Weißglut getrieben. Aber ja, am Ende waren wir eben Geschwister und hatten uns lieb.
    Ich habe alles, alles versucht, ihm zu helfen. Aber er hat nach der Trennung kein Licht mehr gesehen. Hat an nichts mehr geglaubt. Seine Tochter hat ihm gefehlt, sie abends ins Bett bringen und morgens mit ihr (und zwei weiteren Kindern aus der 2. Ehe der Ex) frühstücken. Er war obdachlos, sie hat ihn 2 Tage vor Heilig Abend mit der Polizei abholen lassen wegen häuslicher Gewalt, er hat gerade Weihnachtsgeschenke für die Kinder eingepackt.
    Die Geschichte ist fast zu lang und ich weiß gar nicht, ob ich sie hier in diesem Teil des Forums schreiben kann.
    Ich hab nach Wohnungen geschaut, hätte für ihn gebürgt, er wollte nichts mehr. Nur diese Frau zurück. Sie lebt. Und zeigt sich nun ganz ungeniert mit dem Verhältnis öffentlich, das sie damals schon hatte. Es ist noch kein Jahr her. Für meine Eltern fast nicht zu ertragen.


  7. Registriert seit
    26.01.2009
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    AW: Mein Bruder

    Was soll man sagen, Trost? In welcher Form.... Aber solange noch Vorwürfe an die Frau da sind wird es nicht einfacher, es war ganz alleine seine Entscheidung zu gehen, die hat er ganz alleine getroffen da hat niemand Schuld oder muss die auf sich auf sich nehmen.

    Er hatte genug gelebt und sich entschieden es reicht an Leben ich gehe.... Nicht schön für die Hinterbliebenen, keine Frage, sehr schwer.

    Gehen Deine Elter in Trauergruppen oder haben therapeutische Hilfe?

    Dein Trost- und Kraftgeber Pferd ging auch, ja es hat Dich doppelt getroffen, Du hast auch noch jemand wichtiges zusätzlich verloren! Reduziere nicht Deinen Verlust Deines geliebten Tieres!

    Jedes Gefühl hat Berechtigung doch der Umgang damit ist individuell Du willst trösten und brauchst selbst Trost...

    Wer unterstützt Dich?
    Das Leben macht was es will und ich auch!


  8. Registriert seit
    16.01.2019
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    AW: Mein Bruder

    Ja, die Vorwürfe sind da. Ich kenne die Argumente, weiß, dass er ganz alleine diese Entscheidung getroffen hat, Niemand ist Schuld. Am Ende eine ethische Diskussion wert: kann man einem Menschen eine Teilschuld am Suizid eines anderen geben?

    Für mich gerade nicht wichtig. Ich kann nicht mit allem klar kommen und im Moment auch in keinster Weise Verständnis für "die Frau" aufbringen. Ich will es auch nicht. Ich konfrontiere sie nicht, es gibt überhaupt keinen Kontakt.


  9. Registriert seit
    26.01.2009
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    AW: Mein Bruder

    Zitat Zitat von Woelkeline Beitrag anzeigen
    Ja, die Vorwürfe sind da. Ich kenne die Argumente, weiß, dass er ganz alleine diese Entscheidung getroffen hat, Niemand ist Schuld. Am Ende eine ethische Diskussion wert: kann man einem Menschen eine Teilschuld am Suizid eines anderen geben?

    Für mich gerade nicht wichtig. Ich kann nicht mit allem klar kommen und im Moment auch in keinster Weise Verständnis für "die Frau" aufbringen. Ich will es auch nicht. Ich konfrontiere sie nicht, es gibt überhaupt keinen Kontakt.
    Ist auch wohl am Besten, denn egal wie klar man rational ist ,die Emotionen lassen eben doch Raum für Schuldanklagen innerlich, gerade wenn einem der Tod des Bruders so unnötig vorkommt....

    Bist Du sauer auf Deinen Bruder?
    Das Leben macht was es will und ich auch!


  10. Registriert seit
    16.01.2019
    Beiträge
    20

    AW: Mein Bruder

    Manchmal, ja.
    Aber die meiste Zeit bin ich traurig, verzweifelt, wenn ich mich frage, wie verzweifelt er gewesen sein muss.

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