Gestern Nacht ist mein Vater an einer Lungenkrankheit verstorben.
Mich plagt in mehrfacher Hinsicht ein schlechtes Gewissen. Obwohl ich (und meine Familie) unser bestes gegeben haben.
Er kam vor 3 Wochen ins KH, damit seine Sauerstoffzufuhr neu eingestellt würde. Ausserdem zur Kontrolle, weil er in den letzten Wochen massiv abgebaut hatte.
Mein Vater wollte nicht ins KH (war in den letzten Jahren oft da). Wir sprachen öhm gut zu, dass er ja nach ein paar Tagen wieder zu Hause wäre (es gab keinen Anlass, von etwas anderem auszugehen).
Nun lag er 3 Wochen im KH. Alle paar Tage sicherten ihm (und uns) die Ärzte zu, dass er sehr bald wieder heim käme.
Aber dann kam eine Lungenentzündung hinzu. Als diese abgeklungen war und die Entlassung bevorstand, kam ein Lungenödem. Und auch hier machten sie uns immer wieder Hoffnung.
Ich persönlich habe nicht mehr daran geglaubt, dass er heimkommt. Aber ich bin kein Arzt.
Also immer wieder (aus seiner Sicht) leere Versprechungen unsererseits und seitens der Ärzte.
Das ist der erste Grund für mein schlechtes Gewissen!
Dann die letzte Stunde gestern Nacht.
Ich hatte geahnt, dass er die nächsten Tage nicht überstehen würde, die Ärzte aber Sprachen immer wieder davon, ihn wieder nach Hause entlassen zu können.
Er begann nachts im Schlaf zu stöhnen. Ich hatte das Gefühl, dass es seine letzten Minuten/Stunden sind.
Stand an seinem Bett und Hardware damit, die Schwester zu rufen, oder ihn 'in Ruhe' zu lassen.
Aber ich wollte nichts falsch machen u d klingelte nach der Schwester.
Dann begann das ganze Programm : Licht an, meinen Vater laut ansprechen, ihn rütteln, wenn er Atemaussetzer hatte. Alten Zugang raus, neuen rein. Spritze in den Bauch gegen Schmerzen, verschiedene neue Sauerstoffmasken an und ausgezogen, Blutabnahme Ohr, etc.
1 Stunde haben sie ihn auf diesem Wege "gequält". Dabei waren doch die körperlichen und sonstigen Anzeichen der letzten Tage ein klarer Hinweis auf seinen bevorstehenden Tod.
Das Ende vom Lied: Eine Stunde haben sie meinem Vater 'bepöngelt'. Er hat keine Ruhe gefunden.
Sein Gesichtsausdruck am Ende war gequält.
Hätten wir ihn mal in Ruhe gelassen, vielleicht hätte er in Ruhe seinen Frieden gefunden. Nun aber hatte er Stress, bis zum letzten Augenblick. Und dieser Stress oder diese Enttäuschung war am Ende in seinem Blick zu erkennen.
Kognitiv weiss ich, dass ich nichts falsch gemacht habe
Aber emotional? Ich hätte ihm diese letzte Stunde gerne erspart!
Und mir den Blick in seine qualvollen und enttäuschten Augen.
Wie kann ich dieses Gefühl, diese gefühlte Schuld, loswerden, von mir nehmen?
Liebe Grüße
Netty
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24.02.2017, 21:05Inaktiver User
Tod des Vaters - schlechtes Gewissen
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24.02.2017, 21:11Inaktiver User
AW: Tod des Vaters - schlechtes Gewissen
Hat dein Vater keine Patientenverfügung gehabt?
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24.02.2017, 21:24
AW: Tod des Vaters - schlechtes Gewissen
Mein Vater ist ähnlich verstorben. Ich konnte nicht dabei sein und habe es im Nachhinein erfahren. Lange habe ich das in Träumen verarbeitet, in denen ich ihn begleitet habe, so wie ich es mir gewünscht hätte. Und letztlich meinen Frieden finden können.
Dich trifft keine Schuld. Und wie auch immer- wenn es irgendwas nach dem Tod gibt, ist es jetzt sicherlich gut. So oder so.
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24.02.2017, 21:49Inaktiver User
AW: Tod des Vaters - schlechtes Gewissen
Doch, hatte er. Aber die Schwestern haben, denke ich, ihr Programm abgespielt, bis sie Ärztin kam und Anweisungen gegeben hat.
Ich denke, dass es Unwissenheit war. Und selbst als die Ärztin da war, hat sie sich erstmal um meinen Vater gekümmert und dann in die Akte/patientenverfügung geschaut.
Es waren ja keine zusätzlichen lebensverändernden Massnahmen.
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24.02.2017, 21:52Inaktiver User
AW: Tod des Vaters - schlechtes Gewissen
Ich glaube schon, dass es irgendwas nach dem Leben gibt. Und wenn mein Vater dort gut angekommen ist, wird er mir auch verziehen haben und es ist eh alles besser.
Und dennoch hätte ich ihm den Übergang leichter erwünscht.
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24.02.2017, 21:58
AW: Tod des Vaters - schlechtes Gewissen
Netty, da bin ich Deiner Meinung, meine Mutter hatte ein Nahtoderlebnis und war da sehr "zuversichtlich".
....Mein Vater starb auch an einer Lungengeschichte, die eigentlich gut ausgehen sollte. ich rief abends noch in der Klinik an und wollte mich mit ihm verbinden lassen. Die Schwester sagte, es gehe ihm gut und er hätte gerade gegessen. Ich sagte Ihr, richten sie ihm doch bitte einfach aus, das ich ihn am Samstag abhole...äh....ach lassen sie es - ich ruf morgen nochmal an....
Er hat keine Nachricht mehr von mir bekommen, er starb in dieser Nacht.
Das ist nun 3 Jahre her - es geht mir oft durch den Kopf...
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24.02.2017, 22:31Inaktiver User
AW: Tod des Vaters - schlechtes Gewissen
Vielleicht hilft es dir wenn du dir klar machst, dass der Konflikt am Krankenbett durch diese Aussage der Ärzte in dir entstanden ist. Hätten sie diese Prognose nicht wiederholt gegeben, wäre es sehr viel leichter gewesen deiner Ahnung zu folgen und nicht das Pflegepersonal zu rufen. So aber wäre es für jeden von uns sehr schwierig gewesen die Lage einzuschätzen und nichts zu unternehmen, zumal man ja auch nicht möchte das derjenige unnötig leidet.
Dein Vater weiß sicher, dass du nur das Beste für ihn wolltest.
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24.02.2017, 23:22Inaktiver User
AW: Tod des Vaters - schlechtes Gewissen
Du mußt dir keine Vorwürfe machen. Du hast das getan was in dem Augenblick notwendig war. Wie es letztendlich ausgegangen ist, kann man vorher nicht wissen. Es gibt auch Patienten die aus solchen Situationen wieder rausgekommen sind. Bei deinem Vater hat es nicht funktioniert. Einerseits tragisch, andererseits ist er erlöst.
Es hätte viel schlimmer ausgehen können. Ich denke das hast du mit deiner Entscheidung verhindert. Wer weiß was gekommen wäre wenn du niemanden gerufen hättest. Er ist jetzt erlöst und das ist das was du im Kopf behalten solltest.
Das was du als gequälten Gesichtsausdruck in Erinnerung hast, kann auch aus dem Sauerstoffmangel heraus resultieren. Da hat man versucht ihm zu helfen und Schmerzen wurden durch eine Spritze abgefangen.
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25.02.2017, 01:26
AW: Tod des Vaters - schlechtes Gewissen
Also bitte, wenn mein Vater da gelegen hätte, hätte ich natürlich dasselbe wie du gemacht, v.a. wenn alle sagen, der schafft es wieder nach Hause.
Und selbst wenn alle Prognosen gelautet hätten, der schafft es nicht, kannst du doch nicht einfach dabei zusehen und den lieben Gott spielen.
Man versucht doch noch seinen Vater zu retten und tut das was man tun kann.
Wie die Schreiberin über mir schon schrieb, manche Patienten kommen da wieder raus.
Wie wäre erst dann der Gedanke heute bei dir gewesen? Dann hättest du dir Vorwürfe gemacht, dass du niemanden dazu geholt hast.
Und ein enttäuschter Blick...hmm...glaub ich eher nicht. Es kann alles Mögliche gewesen sein, wer weiß, ob er noch richtig bei sich war. Ich denke sogar eher, dass war deine Projektion, weil du dir einen anderen Tod für ihn gewünscht hast und enttäuscht warst, dass es nicht so hat kommen können.
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25.02.2017, 01:50
AW: Tod des Vaters - schlechtes Gewissen
Ich glaube auch, da wird viel rein interpretiert, was ein "guter Tod" sein soll. Vielleicht waere er entsetzt gewesen, wenn Du ihn langsam ersticken laesst und dabei zuschaust? Das fuehlt sich sicher auch nicht gut an.
Also wenn ich an seiner Stelle gewesen waere, dann waere es mir lieber gewesen, dass Du alles so gemacht hast, wie Du es getan hast denn dann ist er noch mit der Hoffnung zu leben gestorben. Mir waere es lieber, da wuseln Leute um mich rum um mich zu retten als dass da jemand steht und meine Hand haelt waerend ich ersticke!
Und, wie gut, dass Du da warst! Da hat er sich wenigstens nicht allein gefuehlt. Ich haette auch gerne jemand, der bei mir ist wenn ich sterbe. Ansonsten kommt spaeter eine Krankenschwester und sieht nur noch, dass der Patient tot ist. Aber sie klingeln konnte er nicht mehr. Ich finde, Du kannst zufrieden mit Die sein. Es war ein Geschenk fuer Deinen Vater, dass Du da warst.


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