Hallo miteinander
Ich brauche dringend Hilfe. Ja, ich gehe zur Zeit zu 2 verschiedene Psychologen, die unterschiedlich arbeiten, aber beide bei "Adam und Eva" anfangen, was ich überhaupt nicht gebrauchen kann.
Kurz zu mir: Mein Mann ist letzten Sommer nach 3-jährigem Kampf gegen den Krebs gestorben. Wir waren 47 Jahre zusammen und es fällt mir unendlich schwer, dies zu akzeptieren. Ich hatte ihn mit 17,5 Jahren kennengelernt und waren seither zusammen.
Jetzt sitze ich vielfach einfach nur da, weine, esse falsch (stopfe sinnlose Süssigkeiten in mich hinein und koche nicht richtig), sitze am PC und spiele. Die Welt intressiert mich überhaupt nicht mehr und ich merke, dass ich mich langsam, aber sicher isoliere. Die Hausarbeit bleibt liegen. Ich sehe sie, aber ich kann mich nicht aufraffen überhaupt nur das Kleinste zu machen. Manchmal werde ich durch äussere Zwänge gezwungen, wenigstens im Wohnzimmer etwas aufzuräumen.
Ich funktioniere, aber nicht mehr.
Vielleicht kann mir Jemand von hier, der auch in dieser Lage war oder ist, helfen aus der Lethargie herauszukommen. Bei den Psychologen sehe ich keine wirkliche Hilfe, denn die verstehen mich nicht wirklich. Ich gehe nur dorthin, weil ich muss. Quasi dazu verdonnert von den Aerzten. - Eigentlich würde mir eine Trauergruppe helfen, aber das gibt es hier in der Stadt nicht. Auch nach Nachfragen bei speziellen Diensten.
Wie komme ich wieder zurück ins Leben???
Vor dem Tod meines Mannes hatte ich mein Leben doch einigermassen im Griff. War gut im organisieren, wir hatten "Freunde", fuhren in Urlaub, machten Reisen etc.
Ja, die meisten unserer "Freunde" haben sich durch die Krankheit meines Mannes zurückgezogen, was mir auch weh tut. Auch wieder eine Fehleinschätzung und Enttäuschung.
Ich weiss, dass ich etwas ändern muss, aber finde den Anfang nicht. Manchmal nehme ich einen kleinen Anlauf und lasse es dann wieder sein, da ich denke, für wen soll ich das machen? Es ist alles so sinnlos.
Meine Kinder können sich auch nicht so gut um mich kümmern, da sie arbeiten und nicht alle hier wohnen. Klar, ich möchte ihnen auch keine Last sein.
Es würde mich sehr freuen, wenn ich brauchbare Tipps bekommen würde.
Herzlichen Dank. Jsabella
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04.02.2017, 18:52
Brauche Hilfe aus der Lethargie herauszukommen
Was mich nicht umbringt, macht mich stark!
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04.02.2017, 22:05Inaktiver User
AW: Brauche Hilfe aus der Lethargie herauszukommen
Hallo liebe Jsabella,
47 Jahre ist eine unglaublich lange Zeit.
Meine längste Beziehung war gerade mal ein Viertel solang. Und ausgerechnet der ist leider auch aus dem Leben geschieden.
Weil meine Situation in Anbetracht der langen Zeit, die ihr zusammen wart, nicht ganz vergleichbar ist, werde ich dir nicht helfen können, wie du es brauchst... ich kann dir nur sagen, jetzt, wo es für mich über 15 Jahre her ist:
mir hat geholfen, hemmungslos meiner Trauer Ausdruck zu verleihen und mich nicht verunsichern zu lassen von Menschen, die sagten, es soll doch langsam mal gut sein.
Ich habe mir solange Bilder angesehen, wie ich es für nötig hielt, habe geweint und bei Klassik und Rotwein allein daheim Drama gemacht, habe mit vielen Menschen geredet. Die Trauergruppe, die ich besucht habe, war hilfreich, aber letztendlich hat mir die Zeit geholfen. Indem sie einfach voranschritt.
Das Bedürfnis war irgendwann nicht mehr so da, die Trauer mit aller Gewalt festzuhalten, damit ich nur ja nicht vergesse. Man vergisst nicht. Wie auch? Das einzige was passiert, ist, dass es nicht mehr so weh tut. Und das soll es auch nicht. ich bin sicher, er hätte das nicht gewollt. Also setz dich nicht unter Druck und gib der Zeit Zeit.
Was du tun kannst, um dich abzulenken, weißt du sicher schon.
Es ist die Einstellung, die dahinter steht, ob man sich darauf einlassen will oder nicht.
Gras wächst nicht schneller, wenn man dran zieht.
Das ist besch*en, ist aber so.
Brems dich nicht aus - ich würde eher empfehlen, die Trauer hemmungslos auszuleben. Theatralisch, intensiv, angemessen und auch mal unangemessen.
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04.02.2017, 22:47
AW: Brauche Hilfe aus der Lethargie herauszukommen
Liebe Spatz22
Herzlichen Dank für Deine Antwort. - Du hast völlig recht mit der Einstellung. Vom Kopf her weiss ich es, kann es aber vom Gefühl her nicht umsetzen. Dazu bin ich nicht in der Lage und hatte eigentlich Hilfe von den Psychologen diesbezüglich erwartet. Aber es kommt nichts.
Ich vermisse meinen Mann so sehr, dass ich völlig blockiert bin. Ich weiss nicht, ob dies jemals besser wird.
Ja, vom Kopf her weiss ich auch, dass das Millionen von Menschen auch schon durchgemacht haben. So auch Du. Das tut mir leid, dass auch Du das erleben musstest. Das Gefühl will es einfach nicht begreifen und das macht mir langsam, aber sicher angst. Wie soll das nur weitergehen?
Alles Gute und Liebe für Dich. JsabellaWas mich nicht umbringt, macht mich stark!
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04.02.2017, 23:13Inaktiver User
AW: Brauche Hilfe aus der Lethargie herauszukommen
Mach Kreuze in deinen Kalender. Jeden Tag. So lang wie du möchtest. Irgendwann wirst du damit aufhören. Das ist das einzige, was ich dir sagen kann.
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04.02.2017, 23:41
AW: Brauche Hilfe aus der Lethargie herauszukommen
Versuche es mal mit Bewegung. Als es mir nach dem Tod meines Vaters ähnlich ging, bin ich trotzdem Eis laufen gegangen. Weil das mein Hobby war. Die Zeit auf dem Eis war eine Auszeit aus der Trauer. Später kamen noch mehr und andere Bewegungsformen dazu.
Wandern im Sonnenschein am Fluss hat mir auch immer gut getan.
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05.02.2017, 09:22
AW: Brauche Hilfe aus der Lethargie herauszukommen
Liebe Jsabella,
das ist jetzt eine schwere Zeit für dich. So eine lange Zeit mit einem geliebten Menschen, der jetzt einfach immer fehlt!
Es ist noch mehr: mit der Zeit wird ein Partner zu einem Teil von einem selbst. Er ist Teil deiner Identität (in etwa so, nur wohl noch stärker, wie auch der Beruf z.B deine Identität mitbestimmt).
Während du trauerst und vermisst, ist deine neue "Aufgabe", dir eine neue Identität zu geben, dich neu zu fühlen und zu erleben.
Mir hat es mal in einer Identitätskrise geholfen, sehr viel über mich nachzudenken, meine Gedanken in fiktiven Briefen (tagebuchähnlich) zu Papier zu bringen - das ging über mehrere Monate.
Dabei habe ich mich mit der Zeit von der Ursache meiner Identitätskrise gelöst und habe mich mir neu geöffnet. Ich hatte irgendwann das Gefühl, ich lerne mich neu kennen, habe Seiten an mir, die ich gar nicht gekannt habe, habe mich auch neu ausprobiert.
Liebe Jsabella, das bedeutet nicht, dass du deinen lieben Mann vergessen sollst, sondern dass du ihm ermöglichst, einen neuen Platz in deinem jetzigen Leben einzunehmen - einen lebbaren und guten Platz, bei dem du ihn mit guten Gefühlen ansehen und mit guten Erinnerungen an ihn leben kannst.Geändert von hora (05.02.2017 um 09:44 Uhr)
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05.02.2017, 23:50Inaktiver User
AW: Brauche Hilfe aus der Lethargie herauszukommen
Liebe Isabella,
eigens für Deinen Beitrag habe ich mich heute hier registriert. Weil ich versuchen möchte, Dir zu helfen. Ich weiß aber nicht, ob ich das kann. Zu verschiedenen sind die Abläufe der Trauer bei den verschiedenen Menschen. Aber vielleicht hilft Dir ja doch das Wissen, dass Du mit Deiner Lethargie nicht alleine bist. Dass das ein ganz normaler Prozess ist, den Du durchmachst:
Nach 40-jähriger Ehe ist meine Frau im vergangenen September ganz plötzlich von mir gegangen. Morgens haben wir noch gelacht, eine Stunde später musste ich den Notarzt rufen, abends ist sie gestorben. Auch ich kann nur noch weinen. Und ich bin nicht mehr fähig, meinen Tag zu strukturieren. Meine Frau hat mich immer so gelobt, dass ich unsere Wohnung sauber gehalten habe. Ich habe es gerne getan, es war ja für uns, für unsere Wohnung. Jetzt gelingt mir nichts mehr. Abends nehme ich mir vor, am nächsten Morgen die Küche zu wischen. Wäsche zu waschen und mir eine anständige Mahlzeit zu kochen. Nichts davon mache ich. Ich weine, weine, weine.
Und mein Leben habe ich schon lange nicht mehr im Griff. So verschiebe ich meine Aufgaben auf den nächsten Tag und auf den übernächsten Tag. Wahrscheinlich zehrt der starke Trauerschmerz so sehr, dass für nichts anderes Kraft bleibt. Es heißt ja auch Trauerarbeit. Ja es ist schwerste Arbeit.
Um nicht in eine Depression hineinzurutschen, zwinge ich mich täglich zum Aufstehen. Auch die Körperpflege ist ein tägliches Muss, das ich mir auferlegt habe.Dann verlasse ich die Wohnung, ich muss einfach raus. Und so laufe ich täglich durch die Natur und laufe und laufe und komme erst wieder zurück, wenn es Abend ist. Dann setze ich mich auch an den PC, trinke viel Kaffee und schreibe in den verschiedenen Foren. Auch führe ich ein Trauertagebuch. Immer wenn ich mit meiner Frau in Kontakt treten möchte, schreibe ich meine Gedanken in das Buch. Ich gehe einmal monatlich in ein Trauercafé und alle vierzehn Tage trifft sich unsere Trauergruppe. Ich gehe zur Gesprächstherapie und spreche einmal wöchentlich mit einem Seelsorger.
In Deinem Ort gibt es ja keine Trauergruppe. Aber vielleicht ein Hospizverein, die helfen Dir vielleicht auch. Oder rufe in der Kirchengemeinde an und mache einen Termin mit dem Pfarrer. Auch im Krankenhaus gibt es oft eine Diakonissin, die mit Dir sprechen wird. Reden, reden, reden, das ist sehr wichtig. Erzähle allen vom Tod Deines Liebsten, immer wieder und immer wieder. Das hilft. Rufe bei der Telefonseelsorge an, wenn Du sonst niemanden findest, rufe dort ruhig immer wieder an.
Ich möchte Dir zwei Bücher empfehlen, die mir helfen:
1. Roland Kachler: Was bei Trauer gut tut, Kreuzverlag
2. Doris Wolf: Einen geliebten Menschen verlieren, pal-Verlag
Schau Dir mal die Internetseite www.verwitwet.de an
Und lass Dich nicht verrückt machen. Die Trauer dauert. Sie dauert so lange, wie DU trauerst. Es gibt kein Maßstab für die Länge der Trauer. Einige haben Dir ja auch schon sehr hilfreiche Antworten gegeben.
Kannst mich wirklich gerne anschreiben, alles Gute aus Norddeutschland, Sanddornzweig
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06.02.2017, 07:20
AW: Brauche Hilfe aus der Lethargie herauszukommen
Liebe Jsabella,
ich kann Dich gut verstehen (Dich auch, Sanddornzweig). Wozu sich aufraffen. Aber es gibt Hilfen. Man muss das finden, was zu einem passt.
Ich saß oft stundenlang da und habe vor mich hingestarrt oder blieb, wenn ich in de Garage gefahren war, ewig lang im Auto sitzen. Gegessen habe ich in den ersten Jahren kaum - nur das nötigste. Die Freunde wollte ich nicht sehen, ich habe mich vor den meisten regelrecht versteckt. Dann wieder habe ich Einladungen angenommen und bin nach 10 Minuten geflüchtet - oder ich hab sie die halbe Nacht zugetextet ...
Mir haben ein Stück weit meine Hunde geholfen, für sie musste ich das Bett verlassen.
Meditatives Gehen tat mir persönlich gut. Außerdem eineTraumatherapie, die sich dann doch zu einer mehrjährigen Psychotherapie inklusive eines stationären Klinikaufenthalts entwickelt hat. Außerdem habe ich phasenweise wie blöd gearbeitet.
Mein Lebensmensch ist vor über 15 Jahren mit 49 gestorben. Wir waren 27 Jahre zusammen, davon nicht ganz 2 Jahre verheiratet. Unseren 2. Hochzeitstag haben wir nicht mehr gehabt. Ich war 44 damals.
Das Leben ist mit den Jahren wieder erträglicher geworden, es gibt auch mal richtig gute Momente. Die Trauer und Verlassenheit tief innen sind geblieben, inzwischen aber so, dass ich damit umgehen kann.
Gib Dir Zeit. Alles Gute für Dich!
Thank you for observing all safety precautions.
(aus Dark Star von John Carpenter)
Moderation in den Foren Diagnose Krebs, Depressionen, Umgangsformen und Rund ums Tier,
sonst normale Userin
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06.02.2017, 22:05
AW: Brauche Hilfe aus der Lethargie herauszukommen
Danke, dass Du mich wieder daran erinnerst. Ja, seit sehr, sehr langen Zeit bin ich nicht mehr spazieren gegangen. Ich bin nur zu den diversen Terminen nach draussen. Gezwungenermassen. Vielleicht sollte ich das wirklich versuchen. Wir haben in der Nähe einen Park. Ich könnte ja damit beginnen.
Was mich nicht umbringt, macht mich stark!
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06.02.2017, 22:14
AW: Brauche Hilfe aus der Lethargie herauszukommen
Liebe hora
Du hast völlig recht. Es ist ein Teil von mir mitgestorben. Aber wie findet man eine neue Identität? Wir waren praktisch unser ganzes Leben zusammen. Davor habe ich Angst. Etwas Neues anzufangen und kein schlechtes Gewissen zu haben. Ich zucke jedes Mal zusammen, wenn meine Gedanken in die Zukunft gehen. Habe ich überhaupt eine Zukunft?
Du schreibst, dass ich einen guten Platz für meinen Mann finden soll. Im Moment habe ich ihn, denn ich habe ihn immer noch zu Hause. Ja, das tönt vielleicht für manche nicht so toll. Ich habe seine Urne in sein Hobbyzimmer gestellt mit Fotos von ihm. Ich konnte es nicht über mich bringen, ihn unter die Erde zu geben. - Einmal, im Spital, erwähnte ich ihm gegenüber diesen Gedanken. Er lächelte und strahlte. Vermutlich war ihm das auch lieber, als in ein Grab. Irgendwann vielleicht werde ich ihm seine letzte Ruhe im Wasser geben. Er wollte schon immer gerne ans Meer.Was mich nicht umbringt, macht mich stark!


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