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  1. Registriert seit
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    Verlust von Eltern als Kind und die Folgen

    Hallo ihr lieben,

    ich bin seit kurzem in Psychotherapie und dadurch angestoßen bin ich momentan wieder fleißig am Vergangenheits-Durchwühlen und Threads eröffnen.

    Ich würde mich gerne ein Bisschen austauschen mit anderen, die in der Kindheit oder Jugend ein Elternteil plötzlich verloren haben. Bei mir war es mein Vater, der in einem Motorradunfall starb, kurz nach meinem 14. Geburtstag. Er ist gleich am Unfallort gestorben und wir wurden erst Stunden später informiert, und für mich war die Situation einfach so surreal: grade noch vergnügliche Sommerferien gehabt und am nächsten Tag habe ich bei einer neuen Schule angefangen, auf die ich mich gefreut hab. Alles war gut zu Hause, Vater fährt halt noch ne Runde Motorrad. Ein paar Stunden später ist er tot und mein gesamtes Leben bricht quasi zusammen.

    Ich habe das lange gar nicht realisiert und war immer nur sehr abwesend und wollte mit niemandem darüber reden oder auch nur daran erinnert werden. Sogar auf seiner Beerdigung haben Leute meine Mutter angesprochen, warum ich eigentlich nicht weine und so ausdruckslos gucke, das würde ja wirken als wäre mir das alles völlig egal?? (Übrigens extrem daneben sowas, ich wünschte, ich wüsste wer das war). Dasselbe hat mir meine Mutter später auch vorgeworfen. Wir hatten eh ein angespanntes Verhältnis und sie warf mir an den Kopf, ich würde meinen Vater ja gar nicht vermissen und wenn sie ihn 'im Himmel sieht' wird sie ihm das sagen. Nachdem die allgemeine Anteilnahme nach ein paar Wochen abgeebbt war, waren wir auf uns selbst gestellt. Anstatt sich gegenseitig zu trösten, haben wir uns das Leben noch schwerer gemacht bzw sie mir. Sie schrie mich wegen allen möglichen Kleinigkeiten nur noch an und sagte auch ein paar Mal, dass sie sich jetzt erhängen geht und ähnliches.

    Kein Wunder, dass ich monatelang extrem depressiv war. Ich wollte eigentlich nur, dass mich mal alle in Ruhe lassen und ich in Ruhe darüber nachdenken und erstmal realisieren kann, was überhaupt passiert ist. Das ging aber nicht, ich musste mich in der neuen Schule integrieren obwohl mir der Sinn nun wirklich nicht nach Schule und oberflächlichem Teenie-Gequatsche war, ich musste irgendwie am Leben bleiben und versuchen, dass auch meine Mutter am Leben bleibt. Ich habe an einige Monate kaum noch Erinnerungen.

    Dafür war es komisch, wie 'gut' es mir ca. ein Jahr danach doch wieder ging. Der Alltag kehrte halt irgendwie wieder ein. Ich hatte dann eigentlich das Gefühl, alles doch ganz gut verarbeitet zu haben. Nur drüber reden wollte ich immer noch nicht, ich wollte auch nicht zum Grab, auf Fotos kam mir mein Vater vor wie ein Fremder, ich hatte teilweise schlechtes Gewissen, wie wenig er mir noch bedeutete. Wenn jemand mich z.B. fragte was denn mein Vater beruflich macht oder halt irgendwie das Thema aufkam, dass ich sagen musste 'mein Vater lebt nicht mehr' dann habe ich das sehr sachlich und unemotional gesagt, aber innerlich fühlte es sich an als wollte ich sie wie ein Tier anknurren, damit sie schnellstens mein Revier verlassen.

    Jetzt ist es vor ein paar Wochen alles wieder komplett über mich hineingebrochen. Ich habe bemerkt, dass ich eigentlich gar nichts verarbeitet habe, sondern nur verdrängt. Die 'normalen' Trauerphasen gab es bei mir nicht, ich habe es einfach weitestgehend ausgeblendet und war froh, als das 'Alltagsleben' irgendwann wieder einsetzte und meine Mutter wieder 'auf dem Damm' war. Naja und dann ging das Leben halt so weiter, und ich habe zwar immer mal wieder depressive Episoden und starkes 'Heimweh' nach irgendwas unbestimmtem gehabt, aber das nicht so richtig damit in Verbindung gebracht. Jetzt fühlt es sich momentan wieder total frisch und schmerzhaft an. Ich habe da eine große Wut und Verbitterung, dieses 'warum passiert sowas ausgerechnet mir/uns'. Ich hatte eh schon als Kind Depressionen und wurde gemobbt, Probleme mit meiner Mutter, dann auch noch der Tod meines Vaters, wo man immer dachte 'sowas passiert doch nur in Filmen/nur anderen'. Ich komme mir selbst dabei kindisch vor aber ich empfinde es ungerecht und als wenn ich die absolute A-Karte gezogen habe. Natürlich weiß ich, dass es noch Leute gibt, denen viel schlimmeres passiert ist. Aber in meinem Bekannten- und Freundeskreis haben noch alle beide Eltern, auch meine Cousinen zB. scheinen für mich ein viel leichteres Leben gehabt zu haben. Natürlich ist mir klar, dass ich nicht hinter die Kulissen sehe und auch andere Probleme im Leben haben, aber das Gefühl bleibt und ich habe Angst, dass ich mein ganzes Leben jetzt diese Verbitterung mit mir rumtrage und es nicht akzeptieren kann.

    Puh, ist länger geworden als geplant. Eigentlich fände ich nur interessant, wenn ihr auch als Kind/Jugendliche ein Elternteil verloren habt, wie ihr damit umgegangen seid, wie es euch heute damit geht und ob ihr 'Folgen' davongetragen habt. Ich habe zB das Gefühl, dass ich irgendwie in der Vergangenheit 'hängengeblieben' bin, ich empfinde richtige Bindungen eigentlich nur an alles, was vorher passiert ist. Ich kann mich neuen Sachen und Veränderungen nicht mehr öffnen und habe eigentlich kein Interesse an der Zukunft - weil ich zurück will und nicht vorwärts, aber das geht ja nunmal nicht.

    Dazu kommt, dass ich spüre, wie ich stärker werdende Angst vor dem Tod meiner Mutter habe. Sie hatte in den letzten Jahren zB einen Autounfall, bei dem sie auch locker hätte sterben können und nur durch ein Wunder ihr kaum was passiert ist und dann war sie eine Zeit ernsthaft krank. Es könnte sein, dass sie noch 40 Jahre lebt, aber es könnte auch morgen vorbei sein. Ich habe im Moment das Gefühl, dass ich das nicht aushalten würde. Dass sie das einzige ist, was mir von meiner Vergangenheit noch so richtig geblieben ist.

  2. Moderation Avatar von Marie-Madeleine
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    AW: Verlust von Eltern als Kind und die Folgen

    Das ist ein interessantes Thema, über das ich mich gern mit Dir austauschen würde, allerdings habe ich gerade nur wenig Zeit.

    Nur so viel: Mein Vater (mein "Lieblingselternteil" ) starb infolge einer Operation, als ich sechs war, und ich habe ganz lange den Deckel drauf gehalten auf den Gefühlen, bis es mit Anfang 30 noch mal so richtig über mich hereingebrochen ist. Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich auch nur sehr ungern mit Außenstehenden darüber gesprochen (und hasse bis heute dieses übertriebene, kopftätschelnde Mitleid im Sinne von "oh du armes Kind", das einem gerne mal zuteil wird).

    Mehr dazu später.
    May you be surrounded by friends and family,
    and if this is not your lot, may the blessings find you in your solitude.

    Leonard Cohen


    Entweder man lebt, oder man ist konsequent.
    Erich Kästner


  3. Registriert seit
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    AW: Verlust von Eltern als Kind und die Folgen

    Schade, daß der Strang schon wieder eingeschlafen ist.

    Ich habe meinen Vater verloren, als ich dreieinhalb war. Meine Eltern waren zu dem Zeitpunkt beide 22 Jahre alt.
    Sein "bester Freund" hat aus Eifersucht das Haus angezündet, in dem wir gelebt haben.
    Meine Mutter (und andere Bewohner) konnte sich mit mir über benachbarte Dächer in Sicherheit bringen. Mein Vater verbrannte im hölzernen Treppenhaus. Sein "Freund" hat wohl zugeschaut und noch versucht, ihn zu retten. Vergeblich.
    Noch heute denke ich oft an meinen Vater, obwohl ich ihn kaum kannte, und an diese Nacht und frage mich, ob mein Leben anders verlaufen wäre, wenn er überlebt hätte. Diese Nacht hat meine Mutter und mich schon sehr geprägt.
    Gestern war sein 49. Todestag. Meine Güte, er hätte (wahrscheinlich) noch so ein langes Leben vor sich gehabt!
    Geändert von Kijema (06.11.2016 um 11:29 Uhr)

  4. Inaktiver User

    AW: Verlust von Eltern als Kind und die Folgen

    Zitat Zitat von Kijema Beitrag anzeigen
    Schade, daß der Strang schon wieder eingeschlafen ist.
    Finde ich auch.

    Ich habe meinen Vater verloren, als ich dreieinhalb war. Meine Eltern waren zu dem Zeitpunkt beide 22 Jahre alt.
    Sein "bester Freund" hat aus Eifersucht das Haus angezündet, in dem wir gelebt haben.
    Meine Mutter (und andere Bewohner) konnte sich mit mir über benachbarte Dächer in Sicherheit bringen. Mein Vater verbrannte im hölzernen Treppenhaus.
    Oh mein Gott, das ist furchtbar

    Mein Vater starb 1968, als ich 8 Jahre alt war. Dass er sterben würde, wussten er und meine Mutter seit 1963. Da hatten die Ärzte ihnen gesagt, dass er nur noch ca. 3 Jahre zu leben hätte. In den letzten Jahren vor seinem Tod hat er die meiste Zeit im Krankenhaus gelegen oder bei uns zuhause im Elternschlafzimmer, gepflegt von meiner Mutter. Deshalb habe ich so gut wie gar keine Erinnerung an ihn. Das macht mich ziemlich traurig und der Verlust hat mein Leben sicher nachhaltig geprägt.

    An einem Austausch wäre ich sehr interessiert, allerdings lieber in einer geschlossenen Gruppe.


  5. Registriert seit
    13.07.2007
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    620

    AW: Verlust von Eltern als Kind und die Folgen

    Würdest Du eine Gruppe eröffnen und uns dazu einladen?
    Oder wie geht das?

  6. Inaktiver User

    AW: Verlust von Eltern als Kind und die Folgen

    Zitat Zitat von Kijema Beitrag anzeigen
    Würdest Du eine Gruppe eröffnen und uns dazu einladen?
    Oder wie geht das?
    Ich habe keine Ahnung, wie das geht. Mache mich gleich mal schlau...

  7. Inaktiver User

    AW: Verlust von Eltern als Kind und die Folgen

    Zitat Zitat von Kijema Beitrag anzeigen
    Würdest Du eine Gruppe eröffnen und uns dazu einladen?
    So, jetzt habe ich die Gruppe eingerichtet und dich eingeladen.

    @alle: Wer will noch?

  8. Avatar von Simplemind66
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    10.475

    AW: Verlust von Eltern als Kind und die Folgen

    Möchtet ihr mich auch dabei haben?
    simplemind
    _____________________________________

    Freunde sind Gottes Entschuldigung für Verwandte
    George Bernhard Shaw
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  9. Inaktiver User

    AW: Verlust von Eltern als Kind und die Folgen

    Zitat Zitat von Simplemind66 Beitrag anzeigen
    Möchtet ihr mich auch dabei haben?
    Ja, ich lade dich gleich ein.

  10. Avatar von Aloe
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    AW: Verlust von Eltern als Kind und die Folgen

    Ui, spannendes Thema...bin grad am Überlegen, ob ich mich anschließen möchte, ist immerhin schon 53 Jahre her, dass ich meinen über alles geliebten Stiefvater durch einen Unfall verloren habe. Damals war ich acht. Jahre später fragte mich eine Therapeutin, ob ich jemals um ihn getrauert habe...nein, natürlich nicht...und da brach es über mich herein. Auch das ist jetzt schon eine Ewigkeit her...aber so wirklich verarbeitet habe ich das Ereignis bis heute nicht.

    Soll ich das Fass (eine Freundin nennt es den Tresor) noch einmal öffnen? Ich überlege noch und gebe euch Bescheid. Wie anders wäre mein Leben verlaufen, wenn das nicht passiert wäre? Was soll's, es ist passiert, mit den Folgen habe ich gelernt zu leben...
    Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit.

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