Hallo liebe Bri Com,
1987 verstarb in Folge eines Verkehrsunfalls der Vater meiner Tochter, er war erst 23 Jahre alt. Wir trennten uns bereits als ich von ihr schwanger war, da ich von seinen Beteuerungen, das er zu mir stehen will, im R.L. leider kaum etwas davon der Wirklichkeit entsprach. Ich war gerade 19 Jahre geworden, als er starb, unsere Tochter war damals 3 Jahre alt. Schwer lastete all das auf mir, doch ich war es gewohnt funktionieren zu müssen, also funktionierte ich auch. Obwohl mich das tief und nur allzu tief traf.
Meine Tochter jetzt 32 Jahre alt und ihr Freund haben im August letzen Jahres gemeinsam einen Sohn bekommen. Seit dem merke ich wie es mir immer schlechter geht und es kommt mir vor als das in jeder meiner Zellen noch immer diese Trauer steckt. Sie überschattet mich und es gibt kaum noch Tage, an dem ich nicht irgendwie an diese damalige Zeit denken muss. ES kommen Erinnerungen welche eigentlich längst vorbei und verblasst waren. Ich sehe Bilder, die weit weit zurück sind und empfinde die Trauer stellenweise so schlimm wie damals und zum Teil sogar noch schlimmer.
Doch habe ich mich immer wieder um mich und meinen Seele gekümmert. Habe viel über Trauer gelesen und viel mit mir selbst gearbeitet. Als 10 Jahre vergangen waren, dachte ich, so nun gehts wieder, doch dann sprach mich jemand darauf an und ich konnte nicht mehr sprechen, hatte eine Kloss im Hals und spürte wie sich diese Trauer wieder meldete und von tief unten hoch kam, sich sogar meine Augen mit Tränen füllten. Ich dachte das kann doch nicht sein! Von da an habe ich nie mehr gedacht, so jetzt hast du das geschafft, den diese Enttäuschung vor mir selbst für mich, wollte ich mir einfach ersparen. Doch das was jetzt derzeit abläuft, ist eine Trauer, wie ich sie so irgendwie nicht kenne.
Manchmal frage ich mich, was ist denn jetzt los mit mir. Warum überschattet mich das alles so sehr nach so langer Zeit. Immer wieder weine ich aus tiefsten Herzen, als ob gerade eben jemand gestorben wäre und das obwohl ich eigentlich gar nicht so nah am Wasser gebaut bin - eher das Gegenteil. Immer wieder sehe ich Situationen, sie tauchen einfach auf, sind aus längst vergangen Tagen und ich kann sie sehen wie einen Film, der gleichzeitig, eine Wucht an überdimensionalen Gefühlen mit transportiert. Es ist einfach schrecklich.
Kann es sein, dass mich die Lebenssituation meiner Tochter, so extrem triggert, daß ich nun noch einmal all das fühlen muss? Oder habe ich doch nicht genug oder besser gesagt richtig getrauert? Ist doch zuviel abgedrängt worden und habe ich das nun fast 30 Jahre in mir gespeichert, weil ich ja funktionieren musste? Hat jemand aus Eigenerfahrung vielleicht eine Rat für mich? Würde mich freuen.
Antworten
Ergebnis 1 bis 10 von 20
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22.04.2016, 17:19
Fast 30 Jahre TOT - Jetzt holt mich alles ein!
"Denke das Unmögliche und du kommst der Wahrheit am nächsten" - Che Guevara
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22.04.2016, 17:34
AW: Fast 30 Jahre TOT - Jetzt holt mich alles ein!
Du trauerst nicht um Deinen damaligen Mann. Du trauerst um die Zeit, die Du sehr jung mit der Erziehung und Versorgung Deines Kindes allein zurecht kommen musstest. Du siehst das Glück Deiner Tochter, die eine heile Familie hat.
Dir wird jetzt klar, was für eine beschissene Zeit Du als alleinerziehende Mutter hattest. An Dir nagt, dass Du Deinen untreuen Freund in die Wüste geschickt hast und er tödlich verunglückte. Nur haben beide Ereignisse nichts miteinander zu tun. Es gibt nur einen zeitlichen Zusammenhang.Die Menschen stolpern nicht über Berge, sondern über Maulwurfshügel
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22.04.2016, 21:26Inaktiver User
AW: Fast 30 Jahre TOT - Jetzt holt mich alles ein!
Ich vermute, die Geburt Deines Enkels hat etwas in Dir aufgebrochen. Es war damals sicherlich ein Schock, eine traumatische Erfahrung, die Du nicht wirklich verarbeitet hast. Und vielleicht spielt auch das mit hinein was @Opelius dazu geschrieben hat.
Ich halte dies aber nicht für vordergründig.Du trauerst nicht um Deinen damaligen Mann. Du trauerst um die Zeit, die Du sehr jung mit der Erziehung und Versorgung Deines Kindes allein zurecht kommen musstest. Du siehst das Glück Deiner Tochter, die eine heile Familie hat.
Wenn Du gar nicht damit klar kommst und diese emotionalen Überschwemmungen anhalten, dann würde ich mir an Deiner Stelle professionelle Unterstützung holen.
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22.04.2016, 22:24
AW: Fast 30 Jahre TOT - Jetzt holt mich alles ein!
Opelius, Danke für die Antwort, doch ob meine Tochter eine heile glückliche Familie hat, würde ich nicht wagen zu beurteilen, auch wenn ich es ihr sehr wünsche. Ich sehe die Familie sehr selten, meinen Enkel habe ich bis heute genau 4 mal gesehen. Beim zweiten Mal, (da besuchte ich sie im Krankenhaus) hat sich bei mir aber dann ein Schalter umgelegt. Ich musste einfach schnell da weg, erst Wochen später bin ich dahinter gekommen, das es nicht nur diese lebensgefährliche und schwere Geburt war die der Junge hatte, sondern mich die gesamte Situation sehr belastet.
Durch die bereits verstrichenen Zeit seit der Bub nun auf der Welt ist, kann ich doch schon sagen, daß es doch um die Trauer geht, und es mir dabei auch wenn viel mehr um meine Tochter selbst geht und das was sie nie hatte. Auch wenn du dir das nicht vorstellen kannst. Damals und obwohl ich sehr jung war, war ich mir absolut darüber im klaren, das Trennung, Trennung ist. Wir waren immerhin 2 Jahre zuvor liiert und haben uns auch wirklich sehr geliebt.
Doch als ich dann eben schwanger war, ließ er mich mit allem im Stich und allein. Mir macht man aber nicht ein X für ein U vor! Damals nicht heute auch nicht. Worte und Taten müssen zueinander passen, tun sie das nicht, ich schau nicht lange zu, ich handle dann, denn da ist ein Ende mit Schrecken besser, als ein Schrecken ohne Ende.
Ich stehe dazu heute noch genauso wie damals. Doch heißt das doch nicht, das mich das nicht treffen darf, wenn er dann 3 Jahre später stirbt, oder!"Denke das Unmögliche und du kommst der Wahrheit am nächsten" - Che Guevara
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22.04.2016, 22:33
AW: Fast 30 Jahre TOT - Jetzt holt mich alles ein!
Simpleness, ja daran habe ich auch gedacht und die Vermutung, habe ich auch selbst. Schliesslich, habe ich mein Tochter gerne in der Zeit ihrer Schwangerschaft, immer wieder Ausstattung für ihren Sohn zukommen lassen.
Doch jetzt komme ich nur über Abgrenzung klar damit. Und wenn ich mir dann Zeit nehme, um nachzusehen, warum ich jetzt so bin, dann überfällt mich diese alte uralte Trauer."Denke das Unmögliche und du kommst der Wahrheit am nächsten" - Che Guevara
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22.04.2016, 23:08
AW: Fast 30 Jahre TOT - Jetzt holt mich alles ein!
Hallo akasia,

meine (unprofessionellen) Gedanken dazu:
Kannst Du ausschließen, dass Du Dich damals für den Unfall mitverantwortlich gefühlt hast?
Manchmal kreisen in Menschen jahrelang Gedanken wie: "Hätte ich mich nicht getrennt, wäre er an diesem Tag nicht dort unterwegs gewesen und nicht verunglückt."
Möglicherweise wird Dir jetzt beim Anblick der kleinen Familie Deiner Tochter bewusst, dass Du das damals gern so gehabt hättest - also eher das Trauern um einen nicht gelebten Lebensplan?
Die Fragen sind doch: Wann hat man genug getrauert? Wie trauert man "richtig"?
Ich denke, dass Trauer so individuell ist wie der Mensch selbst. Da gibt es kein Richtig und kein Falsch und keine richtige Dauer. Und auch Verdrängung muss nicht per se falsch sein - die ist ja meist ein Schutzmechanismus.
Falls Du mit der "späten Trauer" nicht zurecht kommst, dann suche Dir bitte professionelle Unterstützung.
Hier im Forum findest Du laienhafte Erklärungsversuche/Anregungen (so wie meine), gute Hinweise von Usern, die tiefer in solchen Themen stecken, aber mit großer Wahrscheinlichkeit keine professionelle Einschätzung.Lebe, wie du, wenn du stirbst, wünschen wirst, gelebt zu haben.
Christian Fürchtegott Gellert (1715-69)
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23.04.2016, 10:03
AW: Fast 30 Jahre TOT - Jetzt holt mich alles ein!
Ja, das kann ich. Der Unfall hatte gar nichts mit mir zu tun. Wir waren ab der Trennung (ich war damals im siebten Monat schwanger) definitiv getrennt. Für mich war es aus und vorbei. Ich tat alles um ihm zu entkommen um zufällige Treffen (oder auch herbeigeführte von ihm und meiner Mutter damals) zu verhindern. Ich war einfach zu enttäuscht und viel zu verletzt und wollte ihn nicht sehen und nichts von ihm wissen.
Ich hätte ihn gebraucht, seine Tochter auch, er stand nicht zu uns, aus Ende. So sah ich das damals.
Ich verhinderte nicht nur, ich reagierte auch nicht auf seine Versuche. Verweigerte und ignorierte, strikt alles was irgendwie von ihm kam.
Das einzige was nicht passte (also von damaligen Gefühlzustand her und dem wie ich mich auch verhielt) , war, als ich damals von dem Unfall erfuhr, also wie Gott es eben will, durch Zufall, traff ich seinen Bruder der mir das dann, wie beiläufig erwähnte, fragte ich nach, ob es denn schlimm sei, da kamm kein "Nein" und ein richtiges "Ja" auch nicht.
Das beschäftigte mich so sehr, das ich trotz meiner sonstigen Verweigerung, den Beschluss fasste, ihn zu besuchen, aber eben nicht allein, weil ich ja auf keinen Fall falschen Hoffnungen wecken wollte. Nach langen schweren Überlegungen, tat ich das und ja, er war schwer verletzt, doch ich dachte nicht das er sterben würde.
Und gerade das ging mir sehr sehr hinterher. ER starb dann ein paar Stunden später, in der Nacht, lt. Ärzte an Lungenembolie. Ich konnte das nicht begreifen, denn auch damals bekam man Infusionen gegen eine mögliche Embolie, doch eine detailliertere und genauere Auskunft bekam ich einfach nicht. Ein Recht sie zu konkret einzufordern hatte ich nicht.
Zu besagten Zeitpunkt unseres/meines Besuchs (mit Tochter und meiner Mutter) war er schon mind. 5 Tage im Krankenhaus. Das ist eine Situation die mir bis heute nach geht.
Nein, es gab an sich diesen Lebensplan nicht. Ich habe die Trennung entschieden, weil ich mich schützen musste. Noch mehr Probleme das ging einfach nicht. Niemand hatte ein Auge oder ein Ohr für mich. Ich war mit allem allein. Er nahm noch dazu Züge an die ich von meinem Vater kannte, so jung ich war, ich war schon geprägt und das war für mich ein NO GO! Auf keine Fall. Ich sah mich zur Trennung gezwungen.Möglicherweise wird Dir jetzt beim Anblick der kleinen Familie Deiner Tochter bewusst, dass Du das damals gern so gehabt hättest - also eher das Trauern um einen nicht gelebten Lebensplan?
Mit richtig trauern, meinte ich eher, dass es sein könnte, dass ich vielleicht doch zu oberflächlich war. ES zu tief abgedrängt habe, eben aus Gründen des Funktionieren müssen. Das ist keine Zeit gewesen die mir ein tiefes Trauern ermöglicht hätte, noch weniger ein Ort oder ein Rahmen, in dem es erlaubt gewesen wäre.Die Fragen sind doch: Wann hat man genug getrauert? Wie trauert man "richtig"?
Ich denke, dass Trauer so individuell ist wie der Mensch selbst. Da gibt es kein Richtig und kein Falsch und keine richtige Dauer. Und auch Verdrängung muss nicht per se falsch sein - die ist ja meist ein Schutzmechanismus.
Es kann sein, das sich das bis heute nicht viel in der Gesellschaft geändert hat, doch in dem Punkt, interessiert mich die Gesellschaft nicht mehr. Trauer ist nun einmal ein Gefühl und es bahnt sich seinen Weg, wenn es nicht beachtet oder zu sehr unterdrückt wird. Das habe ich nicht nur an mir selbst immer wieder festgestellt, auch bei vielen anderen. Deshalb meinte ich ob evtl. jemand eigene Erfahrung oder "neuere" Erkenntnisse dazu hat. Schließlich sterben jeden Tag Menschen. Auch viele mit oder unter widrigen Umständen."Denke das Unmögliche und du kommst der Wahrheit am nächsten" - Che Guevara
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23.04.2016, 10:31
AW: Fast 30 Jahre TOT - Jetzt holt mich alles ein!
Akasia, dieser Satz ist mir noch aufgefallen.
Hast Du das mal mit Deiner Tochter thematisiert? Hat sie als Kind oder als Jugendliche darunter gelitten, ohne Vater aufzuwachsen?
Ich habe den Eindruck, manche Kinder (insbesondere wenn von Anfang an ohne Vater aufgewachsen) nehmen das weniger schwer als ihre Eltern, andere wiederum vergleichen viel mit anderen Familien und es belastet sie, dass der zweite Elternteil nicht da ist.
Vielleicht würde Dir ein Gespräch mit Deiner Tochter helfen?
Und Du selbst? Wie war Dein Leben in den vergangenen 30 Jahren? Hattest Du durchweg das Gefühl, von Verantwortung und Arbeit belastet zu sein oder gab es auch leichte, unbeschwerte Phasen (vielleicht auch mit anderen Partnern)?Lebe, wie du, wenn du stirbst, wünschen wirst, gelebt zu haben.
Christian Fürchtegott Gellert (1715-69)
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23.04.2016, 10:37
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23.04.2016, 10:50
AW: Fast 30 Jahre TOT - Jetzt holt mich alles ein!
Dass das ein Schock für Dich war, kann ich gut verstehen. Und der Tod ist der Moment (für alle Verwandten, Freunde und sonstige Bekannte), an dem der persönliche Austausch mit dem Verstorbenen plötzlich beendet ist ohne dass man daran etwas ändern könnte.
Akasia, ich wollte mit meiner Anmerkung zum Lebensplan nicht in Frage stellen, ob die Trennung richtig war und Du brauchst das auch überhaupt nicht begründen.
Lebe, wie du, wenn du stirbst, wünschen wirst, gelebt zu haben.
Christian Fürchtegott Gellert (1715-69)


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