Antworten
Ergebnis 1 bis 6 von 6
  1. User Info Menu

    Trauern??? Irgendwie nicht und irgendwie doch.

    Als mein Vater vor vielen Jahren nach schwerer Krankheit starb, fiel ich in ein Loch. Sein Tod kam nicht überraschend. Mit seiner Pflege hatte ich nichts zu tun. Er ließ nur meine Mutter an sich ran. So blieb mir nur die seelische Unterstützung meiner Eltern zu übernehmen.

    Nun ist vor einem viertel Jahr meine Mutter gestorben. Sie hatte Krebs und ich begleitete sie bei ihren Arztbesuchen, regelte (gemeinsam mit meiner Schwester) ihren Umzug in ein Pflegeheim (sie wollte dort hin), stand ihr bei der Chemo bei, erledigte alle Botengängen und Einkäufe für meine Mutter. Fast täglich war ich in irgendeiner Weise mit meiner Mutter befasst. Entweder ich besuchte sie (dreimal wöchentlich, in schlechten Zeiten täglich) oder ich musste mich mit ihren Angelegenheiten (Bank, Kleidung kaufen ect.) beschäftigen. Sie konnte einen ganz schön auf Trab halten.

    Als sie gestorben war, war ich zuerst regelrecht euphorisch. Endlich war ihr Leiden vorbei, endlich hatte sie keine Schmerzen mehr, endlich keine Verzweiflung in ihrem Gesicht sehen müssen. Nach einer Woche war dieses Gefühl der Erleichterung vorbei. Mir war klar, dass es so kommen würde. Ich habe allerdings damit gerechnet, dass mich dann die Trauer, ähnlich wie bei meinem Vater, übermannen würde. Doch Fehlanzeige.

    Der Tod meiner Mutter ist mir nicht gleichgültig, aber er erschüttert mich auch nicht so wie ich es erwartet hatte. Es ist so seltsam. Als ob ich auf etwas warten würde, das bei mir die Trauer auslöst.

    Wer hat ähnliches erlebt? Hat sich die Trauer noch eingestellt oder ist sie ganz ausgeblieben? Habe ich vielleicht durch die intensive Begleitung meiner Mutter die Trauer schon durchlebt? Es gab in diesen eineinhalb Jahren von der Diagnose bis zu ihrem Tod sehr viele Momente, die einfach fürchterlich waren.

  2. Moderation

    User Info Menu

    AW: Trauern??? Irgendwie nicht und irgendwie doch.

    Ja ich denke und habe es selbst erlebt, dass man sich, wenn man einen Menschen beim Sterben begleitet, schon von ihm verabschiedet und bereits trauert während der Mensch noch lebt. Man hat sich bereits mit dem Gedanken vertraut gemacht, dass der Mensch sterben wird, dass er ein Loch im eigenen Leben hinterlassen wird, man hat sich verabschiedet und im Idealfall noch eine schöne und vertraute Zeit miteinander gehabt.


    Das ist ganz anders, wenn der Mensch ganz plötzlich und/oder noch jung stirbt.

    Und auch die Erleichterung, dass das Leiden des Menschen vorbei ist, kann ich gut nachvollziehen und habe es ähnlich erlebt.

    Aber ich habe es auch erlebt, dass die Trauer mich zu einem späteren Zeitpunkt dann doch noch mal erwischt hat und es passiert mich auch heute - Jahre später - immer wieder mal. Nicht mit der vollen Verzweiflung, aber mit so einer .... wie soll ich sagen .... großen Melancholie.
    Freiheit ist, wenn jeder sich auf seine Art zum Deppen machen kann.

    .... und das demnächst auf www.befriendsonline.net/


    Profilbild © edwardbgordon
    Moderation:
    "Rund um den Job", "Mietforum" und "Selbstständige, Freiberufler & Co"

  3. User Info Menu

    AW: Trauern??? Irgendwie nicht und irgendwie doch.

    Hallo juri, diese Erleichterung und "Euphorie" ist nachvollziehbar und auch nicht
    ungewöhnlich. Als Angehörige/r ist man in solchen Situationen irgendwann am Limit
    und kann nicht mehr weiter, so erging es mir in den letzten Tagen meines 2004
    verstorbenen Mannes-irgendwie wollte ich nur das das alles endlich aufhört, es
    war kein "leichter Tod", er war erst Anfang 40 und ich wollte ihn andererseits für immer
    weiter festhalten.
    Bei deinem Vater warst du mehr oder weniger auf Distanz am Abschieds-und Sterbeprozess
    beteiligt, da hattest du immer wieder die Möglichkeit ohne dieses ständige direkte Erleben
    deine Gefühle zuzulassen, nicht als "Automat", der irgendwie weiter machen muss.
    Du hattest das Bild deines "früheren Vaters" immer parallel neben dem damaligen
    krankheitsbedingten Zustand im Hintergrund, ist man tagtäglich mit den Veränderungen
    konfrontiert, ist das erstmal nicht mehr vorhanden, man sieht dann nur den "Ist-Zustand",
    den man nur schwer aushalten kann. So erging es mir damals jedenfalls.
    Als mein Mann starb,hat es Monate gedauert bis dieses "Loch" da war, dann aber umso
    heftiger.Vorher war das wie "weichgespült", eigentlich nur Leere und funktionieren
    müssen- was nicht heisst das es bei dir so kommen muss !
    Trauer kann "linear" verlaufen, mit Brüchen, Abstürzen, oder sich auch viel später
    entwickeln.Manche Menschen sagen auch sie können nicht trauern,was ebenso legitim
    ist, denn diese Gefühle sind nur schwer direkt zu beeinflussen.Ein schlechtes Gewissen
    muss man nicht haben wegen Gefühlen, die anders verlaufen als erwartet.Du hast alles
    getan was man tun kann- und würde deine Mutter wollen das es dir "schlecht
    geht "!?
    Es sind ja die vielen Erinnerungen- die kamen bei mir erst nach längerer Zeit-aus dem
    Leben vor der Krankheit und dem Sterben.Die zählen finde ich, mindestens ebenso
    viel wie die Trauer als solche, denn sie halten den Verstorbenen lebendig,als den Menschen
    den man immer vermissen wird- egal wie oder wie lange man "trauert".
    Ich wünsche dir alles Liebe
    Die Träume sind geheime Tunnel, durch die wir zurück-
    kehren, so daß wir einen Moment lang wieder sind, wer
    wir waren

    Aharon Appelfeld

  4. VIP

    User Info Menu

    AW: Trauern??? Irgendwie nicht und irgendwie doch.

    Ich habe meine Mutter durch 25 Jahre einer schweren verkrüppelnden und letztlich zum Pflegefall machenden Krankheit begleitet. Die letzten Jahre waren sehr schwierig – für uns beide, vor allem, weil 5 Jahre vor ihr mein Lebensmensch mit 49 gestorben ist. Sie hat mich auch sehr beschäftigt, teils direkt, weil sie mich auch rumscheuchte, aber auch indirekt, gedanklich. Dazu lebten wir in verschiedenen Wohnungen in einem Haus.

    Ich war auf den Tod meiner Mutter vorbereitet. In ihrem Sinn und mit ihrem Einverständnis haben wir sie im Krankenhaus nach 2 Notoperationen in einen Morphinschlaf gelegt, wohl wissend, dass sie nicht mehr geweckt werden wird, da ihre Schmerzen nach den OPs nicht mehr beherrschbar waren. Auch lebenserhalte Maßnahmen wurden eingestellt, es gab nur noch Pflege. Sie lag auf Intensiv in einem extra abgetrennten Bereich, eigentlich einem Extrazimmer und hatte alle Zeit, sich zurückzuziehen. Ich war sehr erleichtert, als sie nach wenigen Tagen starb. Zuerst, weil ich für sie unendlich froh war, dass sie nichts mehr aushalten musste und weil sie dieses Leben schon viele Jahre nicht mehr lebenswert fand. [Sie sagte mir oft, dass ich schuld sei, dass sie immer noch leben müsse, weil ich bei akuten Sachen wie Lungenentzündung oder Ähnlichem öfter den Notarzt geholt habe.]

    Also nach der "Freude" für sie kam dann auch eine Zeit, in der ich froh war, endlich mit mir allein sein zu können.

    Die Trauer, so wie ich sie als Trauer, Verzweiflung, Verlassensein, Heimatlosigkeit und jahrelange Depression nach dem Tod meines Lebensmenschen kannte, blieb aus.

    Aber meine Mutter fehlt mir und in vielen Situationen denke ich mit sehr innigen Gefühlen an sie. Jetzt, nach 9 Jahren, erinnere ich mich an immer mehr schöne Erlebnisse, die wir zusammen hatten. Das Gefühl, dass sie mir fehlt, kam erst, als ich ein bisschen zur Ruhe gekommen war. So nach einem halben Jahr vielleicht.

    Ich denke schon, dass ich in den letzten Jahren ihrer Krankheit, in denen sie durch Kompliaktionen dem Tod oft sehr nahe war, ziemlich viel Trauer vorweg erlebt habe. Und dass vielleicht gar nicht soviel Kraft zum Trauern übrig war, weil ich so sehr um meinen Lebensmenschen trauere.
    Thank you for observing all safety precautions.

    (aus Dark Star von John Carpenter)


    Moderation in den Foren Diagnose Krebs, Depressionen, Umgangsformen und Rund ums Tier,
    sonst normale Userin

  5. gesperrt

    User Info Menu

    AW: Trauern??? Irgendwie nicht und irgendwie doch.

    ich würds so hinnehmen wie es eben ist juri und dass die "Alten" vor den "Jungen" gehen ist in Ordnung finde ich.

    Am meisten trauern wir wohl, wenn unser Herz ganz besonders an diesem Menschen gehangen ist, wenn dem nicht so war sind wir halt traurig aber nicht so arg,

    Souvenir

  6. User Info Menu

    AW: Trauern??? Irgendwie nicht und irgendwie doch.

    Es ist wohl so, dass ich es einfach hinnehmen muss wie es ist. Vielleicht hat sich meine Trauer auch nicht so recht eingestellt, weil ich selbst Anfang des Jahres fast wegen einer geplatzten Gallenblase gestorben wäre und heilfroh und dankbar bin, dass ich noch lebe.

Antworten

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •