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    AW: Mitglied bei Dignitas - Sterbehilfe

    wir hatten vor Jahren schon mal einen Strang über dieses Thema (ich find ihn leider nicht wieder).

    Meine holländische Tante berichtete vor Jahren, als Sterbehilfe in den Niederlanden zugelassen wurde, über den Anruf eines alten Bekannten, der sich bei ihr zu Kaffee und Kuchen einlud. Sie plauderten von alten Zeiten, bis er ihr mitteilte, dass der nächste Dienstag sein Sterbetag war. Er quälte sich seit Jahren mit einem bösartigen Krebs und konnte sich nur noch mit Morphium auf den Beinen halten. Er hatte den Antrag gestellt, war von zwei unabhängigen Ärzten untersucht worden und an dem ebenbesagten Dienstag sollte er das tödliche Medikament einnehmen. Anwesend muss ein Staatsanwalt (oder Polizist) sein, um zu protokulieren, dass alles mit rechten Dingen zuginge. Sie beteten noch zusammen und verabschiedeten sich herzlich.
    Meine Tante war ganz fertig, obwohl sie eine Befürworterin der Sterbehilfe war. Es scheint etwas anderes zu sein, ob man sich in jungen Jahren theoretisch damit auseinandersetzt oder es hautnah miterlebt.

    Wenn ich die Statistiken der Bundesrepublik richtig lese, begehen etwa 100.000 menschen pro Jahr Selbstmord. Mehr als die Hälfte wählt das Aufhängen, gefolgt von tödlichen Verletzungen durch bewußt provozierte Unfälle (vor die Bahn werfen, in den Gegenverkehr rasen). Diese Menschen reißen unschuldige Menschen mit in ihr Schicksal, es gibt Hunderte von arbeistunfähigen Lokführern und Schwerstverletzte durch willentliche Autounfälle.

    Besonders gefährdet sind männliche Jugendliche (Versagensängste), Männer und Frauen um die 50, und alte Männer über 75.
    Sterbehilfe bei unheilbar Kranken kann ich mir vorstellen, aber Selbsttötung aus Liebeskummer, Jobverlust, Scham, Impotenz oder Inkontinenz sind Dinge, die zu persönliche Entscheidungen sind, als das hier Irgendwer Hilfen anbieten kann.

    Ergänzung:
    Irgendwer berichtete in dem alten Strang aber auch, dass in Belgien, wo es auch Sterbehilfe gibt, Eltern von einem mehrfach behinderten Kleinkind aufgefordert wurden, das Kind sterben zu lassen, da es zu Hause nicht mehr versorgt werden konnte und jahrelange Unterbringung in einer Pflegeienrichtung drohte. Soetwas käme der "Euthansie" des Dritten Reiches gleich.
    Geändert von Opelius (21.09.2012 um 06:11 Uhr)
    Die Menschen stolpern nicht über Berge, sondern über Maulwurfshügel

  2. User Info Menu

    AW: Mitglied bei Dignitas - Sterbehilfe

    Hallo zusammen,

    ich denke auch, dass das Thema eine persönliche Komponente hat, über die sich nur schwer diskutieren lässt, weil es eine sehr individuelle Entscheidung ist, wie man mit dem eigenen Sterben und Tod umgehen möchte.

    Es gibt aber auch eine gesellschaftliche Komponente, nämlich die Frage, wie wir als Gesellschaft mit dem Thema umgehen. Welche Wege werden befürwortet, geduldet, gefördert, welche Umgang mit dem Sterben wünscht sich eine Gesellschaft. Und bei einer Legalisierung und gesetzlichen Regelung der Sterbehilfe über das bisherige Maß hinaus würde ich auch befürchten, dass irgendwann mal ein Druck zum sozialverträglichen Frühableben entstehen könnte, gerade in Zeiten klammer Sozialkassen. Und so ein Druck kann ja durchaus auch sehr subtil daherkommen. Man kann Kranken oder Angehörigen ja auch vorsichtig suggerieren, dass es ja auch Wege gäbe, das Leiden abzukürzen, dass man ja nicht unnötig leiden muss, etc.

    Ich würde mir eine Gesellschaft wünschen, die soweit es menschenmöglich ist, jedem Menschen ein würdiges, schmerzfreies, gut versorgtes Sterben ermöglicht. Wer das so nicht möchte, sondern lieber einen anderen Weg gehen will, dem soll das gerne zugestanden sein, darüber möchte ich nicht urteilen. Aber der Staat sollte sich da m.E. nicht mit gesetzlichen Regelungen einmischen. Das fände ich fatal.

    Ich glaube darüber hinaus auch, dass sich über den Wert des eigenen Lebens und die Unzumutbarkeit von Leiden nur schwer theoretisch diskutieren lässt. Ich glaube, theoretisch herrscht da sehr viel mehr Einigkeit als hinterher in der praktischen Umsetzung.

    Gruß,

    Malina

  3. Inaktiver User

    AW: Mitglied bei Dignitas - Sterbehilfe

    Zitat Zitat von Analuisa Beitrag anzeigen
    Honeysuckle-Rose, aufgrund der deutschen Geschichte ist das Thema "Aktive Sterbehilfe" in Deutschland ein besonders sensibles, ich halte es für berechtigt, darauf hinzuweisen und sehe darin kein "Schwingen der Nazikeule".
    Ja, Analuisa, auch ich kenne mich in der deutschen Geschichte aus.
    Gerade deshalb ärgert es mich, daß jedes Mal das Dritte Reich herhalten muß, wenn es um (assistierten) Suizid geht - denn das ist im Grunde ein völlig anderes Thema. Es geht hier nicht um "unwertes Leben", sondern um einen freien, selbstbestimmten Entschluß!
    Es geht zum Beispiel (wie in meinem Fall) um die persönliche Weigerung, noch ein, zwei Jahre auf der Demenzstation eines Pflegeheims dahinzuvegetieren, bis der Tod einen endlich erlöst. Ich habe so etwas zweimal aus nächster Nähe miterlebt, fand es grauenvoll und für mich schlicht inakzeptabel.
    Und es ist ungemein beruhigend zu wissen, daß das nicht sein muß, daß man dem auch entgehen kann.
    Dazu muß man allerdings selbst aktiv werden, immer am Rande der Legalität, immer mit einer gewissen Anrüchigkeit und der Unterstellung von Amoralität konfrontiert. "Die Gesellschaft" hilft dir nicht, das Tabu wird auch noch bestehen, wenn meine Stunde gekommen ist, da bin ich mir relativ sicher. Es sei denn, Pflegenotstand, Pflegekosten und demographische Entwicklung eskalieren weiter - dann wird natürlich etwas passieren, das in Richtung "staatlich verordnete Euthanasie" gehen könnte. So makaber das auch klingt.
    Das hat aber mit einem individuellen Entschluß nichts zu tun.
    Geändert von Inaktiver User (21.09.2012 um 08:23 Uhr)

  4. Inaktiver User

    AW: Mitglied bei Dignitas - Sterbehilfe

    Peter Puppe, der Sterbehelfer mit eigener Homepage. Hier schreiben alle anonym, aber dennoch fände ich es bei dem Avatar zu diesem Thema wichtig zu wissen, ob sich jemand des Namens bedient, um seine Meinung zu verstärken, oder ob da jemand mit Erfahrung mitschreibt.
    Warum sollte sich jemand bei diesem Thema meines Namens 'bedienen'? Das wäre auch inhaltlich sehr schnell herauszufinden.

    Übrigens: 2005 habe ich einen 90-Jährigen Herrn nach drei gescheiterten Selbsterlösungsversuchen zum selbstbestimmten Sterben zu Dignitas in die Schweiz begleitet. Im Detail dokumentiert in 'Sterbehilfe - die letzten Wochen des Klaus G. Zur Illusion humanen Sterbens in Deutschland.' Dies war mein Einstieg in diese schwierige Thematik.

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    AW: Mitglied bei Dignitas - Sterbehilfe

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Warum sollte sich jemand bei diesem Thema meines Namens 'bedienen'? Das wäre auch inhaltlich sehr schnell herauszufinden.
    Ich bin seit 2002 hier - und die ersten Jahre ausschließlich im Trauerforum. Trolls machen auch vor der Trauer keinen Halt. Deswegen bin ich da eher vorsichtig.

    Aber vielen Dank für die Offenheit und Ehrlichkeit.
    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Übrigens: 2005 habe ich einen 90-Jährigen Herrn nach drei gescheiterten Selbsterlösungsversuchen zum selbstbestimmten Sterben zu Dignitas in die Schweiz begleitet. Im Detail dokumentiert in 'Sterbehilfe - die letzten Wochen des Klaus G. Zur Illusion humanen Sterbens in Deutschland.' Dies war mein Einstieg in diese schwierige Thematik.
    Ich habe das, was es dazu öffentlich nachzulesen gibt, gestern abend gelesen. Eine sehr berührende und einfühlsam beschriebene Situation - aber aus meiner Sicht ein Einzelfall, so wie jedes menschliche Schicksal ein Einzelfall ist und bleiben sollte. Mir käme es sehr bedrohlich vor, wenn der Gesetzgeber menschliche Leben in Fallkonstellationen zusammen fassen würde, um daraus abzuleiten, wer sterben darf und wer nicht.
    Der Sinn des Lebens ist das Glück.
    Und wenn das Glück dich verlässt, lauf hinterher.

    Kranich-Frain-Schlamperl-Sternensammlerin-Lebensliebe+Sonnenkranich-?

  6. Inaktiver User

    AW: Mitglied bei Dignitas - Sterbehilfe

    Zitat Zitat von Gitta777 Beitrag anzeigen
    Ich sehe das so, wie lt. Infobroschüre die meisten Mitglieder: Es ist ein beruhigendes Gefühl, wenn ich aus gesundheitlichen Gründen oder auf Grund einer für mich unzumutbaren Behinderung mal nicht mehr kann und nicht mehr will (andere Gründe wie z.B. Schulden, Lebensüberdruss kommen für Sterbehilfe nicht in Frage), dann habe ich die Möglichkeit, mich für ein menschenwürdiges Sterben zu entscheiden.
    GITTA, für mich wäre es auch sehr beruhigend, wenn ich wüsste, ich muss es nicht unter allen Umständen bis zum natürlichen (wobei natürlich bei den heutigen med. Möglichkeiten auch so eine Sache ist) Tod aushalten. Mir würde schon dieses Wissen reichen, um mit diesem Lebensabschnitt leichter umgehen zu können, und vielleicht würde ich es ja trotzdem bis zum natürlichen Ende aushalten.
    Wichtig fände ich auch, dass es für alle Menschen möglich wäre, anstatt in einem Krankenhaus in einem Hospiz sterben zu können. Die Ärzte und überhaupt das ganze Personal dort sind ganz anders geschult...

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    AW: Mitglied bei Dignitas - Sterbehilfe

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    ......
    Gerade deshalb ärgert es mich, daß jedes Mal das Dritte Reich herhalten muß, wenn es um (assistierten) Suizid geht - denn das ist im Grunde ein völlig anderes Thema. Es geht hier nicht um "unwertes Leben", sondern um einen freien, selbstbestimmten Entschluß!
    Es geht zum Beispiel (wie in meinem Fall) um die persönliche Weigerung, noch ein, zwei Jahre auf der Demenzstation eines Pflegeheims dahinzuvegetieren, bis der Tod einen endlich erlöst. Ich habe so etwas zweimal aus nächster Nähe miterlebt, fand es grauenvoll und für mich schlicht inakzeptabel.
    Und es ist ungemein beruhigend zu wissen, daß das nicht sein muß, daß man dem auch entgehen kann.
    Dazu muß man allerdings selbst aktiv werden, immer am Rande der Legalität, immer mit einer gewissen Anrüchigkeit und der Unterstellung von Amoralität konfrontiert. "Die Gesellschaft" hilft dir nicht, das Tabu wird auch noch bestehen, wenn meine Stunde gekommen ist, da bin ich mir relativ sicher. Es sei denn, Pflegenotstand, Pflegekosten und demographische Entwicklung eskalieren weiter - dann wird natürlich etwas passieren, das in Richtung "staatlich verordnete Euthanasie" gehen könnte. So makaber das auch klingt.
    Das hat aber mit einem individuellen Entschluß nichts zu tun.
    Ich halte Dein Beispiel für nicht geeignet. Denn, solltest Du eines Tages dement werden, wäre der Freitod nicht mehr eine freie Entscheidung bei vollem Bewußtsein. Es ist grauenvoll als Angehöriger soetwas miterleben zu müssen, aber niemand kann nachempfinden wie es dem Patienten geht.
    Aber das sind ja auch nur Annahmen, weil niemand weiß, wie er eines Tages erkrankt.

    Zur Zeit geht es nur eine Patientenverfügung zu machen. Downloads mit mehren Textvorschlägen gibt es beim Jusitizministerium. BMJ - Betreuungsrecht/Patientenverfügung.
    Wenn man die hat, sollte man auch eine Vorsorgevollmacht und eine Betreuungsverfügung erstellen, damit eine Person des eigenen Vertrauens die Rechte des Patienten wirklich wahrnehmen kann.
    Die Patientenverfügung sollte man bei der beim Zentralen Vorsorgeregister der Bundesnotarkammer in Berlin gegen Gebühr hinterlegen. Jedes Krankenhaus ist seit September 2009 verpflichtet dort nachzufragen, ob eine Patientenverfügung vorliegt.
    Man kann sie selbstverständlich auch einem Kind geben. Pech halt, wenn das Kind gerade im Urlaub ist, wenn man eingeliefert wird.
    Die Menschen stolpern nicht über Berge, sondern über Maulwurfshügel

  8. Inaktiver User

    AW: Mitglied bei Dignitas - Sterbehilfe

    Zitat Zitat von Opelius Beitrag anzeigen
    Ich halte Dein Beispiel für nicht geeignet. Denn, solltest Du eines Tages dement werden, wäre der Freitod nicht mehr eine freie Entscheidung bei vollem Bewußtsein.
    Da hast du etwas mißverstanden. Ich würde natürlich den Freitod wählen, so lange ich das noch kann - alsosofort nach der Diagnose, wie einige andere vor mir das übrigens auch schon getan haben. Denn wenn ich es selbst nicht mehr tun kann, wird mir keiner mehr helfen.

    Zitat Zitat von Opelius Beitrag anzeigen
    Es ist grauenvoll als Angehöriger soetwas miterleben zu müssen, aber niemand kann nachempfinden wie es dem Patienten geht.
    Ach, das kann man durchaus. In einem seiner letzten lichten Momente bat mein Vater mich übrigens, ihm zu helfen und ihm seine Pistole zu geben (er besaß eine Dienstwaffe, die meine Mutter vorsorglich längst abgegeben hatte).
    Seine letzten Jahre waren schreckich. Alser noch schreien konnte, hat er geschrien wie ein Tier, besonders nachts. Irgendwann hing er nur noch apathisch herum und weigerte sich, die Augen zu öffnen. Hätten wir ihn nicht geduldig gefüttert, wäre er früher gestorben; die wenigen Pfleger auf den Stationen haben keine Zeit, um einen Menschen anderthalb Stunden lang zu füttern, denn solange dauert das im fortgeschrittenen Stadium.
    Ich habe die alte Dame,die mit am Mittagstisch saß, oft auch gefüttert - die hätte sonst manchmal gar nichts bekommen.
    Und das war noch ein gutes Pflegeheim! Ich will nicht wissen, wie es in anderen zugeht. Bzw. in zwanzig, dreißig Jahren in allen Pflegeheimen zugehen wird. Wenn man sie bis dahin überhaupt noch finanziert kriegt.

    Zu behaupten, "man wisse nicht", wie der Kranke sich fühlt und ob es ihm nicht doch gut geht, halte ich für eine euphemistische Augenwischerei. Es ist offensichtlich, daß es den meisten miserabel geht. Binnen eines einzigen Jahres waren von acht Menschen, die mit meinem Vater auf der Station waren, sechs tot. Und meiner gesamten Familie ist aufgefallen, wie gut genährt die meisten bei ihrer Ankunft ausgesehen haben - bis auf die Knochen abgemagert starben sie. "Gut gehen" ist etwas anderes.
    Man tut dort ja auch nichts anderes als von Gefüttertwerden zu Gefüttertwerden auf den Tod zu warten.

    Ich weiß, das klingt alles drastisch und unangenehm, aber gegen moralisches Salbadere bin ich seit diesen Erfahrungen allergisch geworden. Ich wäre froh,wenn es ein Euthanasiegesetz in D gäbe. Aber ich glaube nicht, daß ich das noch erleben werde, darum habe ich privat vorgesorgt. Vielleicht ist es auch besser, sich Privatleuten anzuvertrauen, dann ist wenigstens die Anrüchigkeit einer "staatlich organisierten Tötung" nicht gegeben und die Entscheidung bleibt frei und individuell.

    Demenz wäre für mich persönlich auch nicht der einzige Grund für einen Suizid.
    Geändert von Inaktiver User (21.09.2012 um 10:23 Uhr)

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    AW: Mitglied bei Dignitas - Sterbehilfe

    Zitat Zitat von Malina70 Beitrag anzeigen
    Hallo zusammen,

    ich denke auch, dass das Thema eine persönliche Komponente hat, über die sich nur schwer diskutieren lässt, weil es eine sehr individuelle Entscheidung ist, wie man mit dem eigenen Sterben und Tod umgehen möchte.
    Und dem tragen Organisationen wie Dignitas Rechnung, die genau das sagen, wer sein Leben auf Grund einer schweren Krankheit würdig vorzeitig beenden möchte, hat diese Möglichkeit. Wer das anders sieht; es wird niemand gezwungen.
    Es muss aber ganz eindeutig sein, dass der Betroffene sich bewusst und aus freien Stücken dafür entscheidet.
    Dass man dennoch alles tun kann, um Betrug und Manipulation zu verhindern und es trotzdem Einzelfälle gibt, in denen so was vorkommt, das gibt es in jedem Lebensbereich, solange es Menschen auf der Welt gibt, spricht meines Erachtens nicht dagegen.

    Zitat Zitat von Malina70 Beitrag anzeigen
    Es gibt aber auch eine gesellschaftliche Komponente, nämlich die Frage, wie wir als Gesellschaft mit dem Thema umgehen. Welche Wege werden befürwortet, geduldet, gefördert, welche Umgang mit dem Sterben wünscht sich eine Gesellschaft. Und bei einer Legalisierung und gesetzlichen Regelung der Sterbehilfe über das bisherige Maß hinaus würde ich auch befürchten, dass irgendwann mal ein Druck zum sozialverträglichen Frühableben entstehen könnte, gerade in Zeiten klammer Sozialkassen. Und so ein Druck kann ja durchaus auch sehr subtil daherkommen. Man kann Kranken oder Angehörigen ja auch vorsichtig suggerieren, dass es ja auch Wege gäbe, das Leiden abzukürzen, dass man ja nicht unnötig leiden muss, etc.

    Ich würde mir eine Gesellschaft wünschen, die soweit es menschenmöglich ist, jedem Menschen ein würdiges, schmerzfreies, gut versorgtes Sterben ermöglicht. Wer das so nicht möchte, sondern lieber einen anderen Weg gehen will, dem soll das gerne zugestanden sein, darüber möchte ich nicht urteilen. Aber der Staat sollte sich da m.E. nicht mit gesetzlichen Regelungen einmischen. Das fände ich fatal.
    Im Moment mischt er sich aber ein, nämlich indem er den freien Willen des Menschen beschneidet, indem er ihn entmündigt.
    Der Druck zum sozialverträglichen Ableben durch finanzielle Engpässe wird meines Erachtens ohnehin zunehmen, unabhängig davon, ob der Staat dem Menschen eine selbstbestimmte Entscheidung, was sein Ende im Falle einer schweren Krankheit anbelangt, zubilligt oder nicht.
    Geändert von Gitta777 (21.09.2012 um 10:32 Uhr)
    Früher oder später stößt jedem alles zu. Das Leben achtet auf Vollständigkeit.
    (George Bernard Shaw)

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    AW: Mitglied bei Dignitas - Sterbehilfe

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Da hast du etwas mißverstanden. Ich würde natürlich den Freitod wählen, so lange ich das noch kann - alsosofort nach der Diagnose, wie einige andere vor mir das übrigens auch schon getan haben. Denn wenn ich es selbst nicht mehr tun kann, wird mir keiner mehr helfen.



    Ach, das kann man durchaus. In einem seiner letzten lichten Momente bat mein Vater mich übrigens, ihm zu helfen und ihm seine Pistole zu geben (er besaß eine Dienstwaffe, die meine Mutter vorsorglich längst abgegeben hatte).
    Seine letzten Jahre waren schreckich. Alser noch schreien konnte, hat er geschrien wie ein Tier, besonders nachts. Irgendwann hing er nur noch apathisch herum und weigerte sich, die Augen zu öffnen. Hätten wir ihn nicht geduldig gefüttert, wäre er früher gestorben; die wenigen Pfleger auf den Stationen haben keine Zeit, um einen Menschen anderthalb Stunden lang zu füttern, denn solange dauert das im fortgeschrittenen Stadium.
    Ich habe die alte Dame,die mit am Mittagstisch saß, oft auch gefüttert - die hätte sonst manchmal gar nichts bekommen.
    Und das war noch ein gutes Pflegeheim! Ich will nicht wissen, wie es in anderen zugeht. Bzw. in zwanzig, dreißig Jahren in allen Pflegeheimen zugehen wird. Wenn man sie bis dahin überhaupt noch finanziert kriegt.

    Zu behaupten, "man wisse nicht", wie der Kranke sich fühlt und ob es ihm nicht doch gut geht, halte ich für eine euphemistische Augenwischerei. Es ist offensichtlich, daß es den meisten miserabel geht. Binnen eines einzigen Jahres waren von acht Menschen, die mit meinem Vater auf der Station waren, sechs tot. Und meiner gesamten Familie ist aufgefallen, wie gut genährt die meisten bei ihrer Ankunft ausgesehen haben - bis auf die Knochen abgemagert starben sie. "Gut gehen" ist etwas anderes.
    Man tut dort ja auch nichts anderes als von Gefüttertwerden zu Gefüttertwerden auf den Tod zu warten.

    Ich weiß, das klingt alles drastisch und unangenehm, aber gegen moralisches Salbadere bin ich seit diesen Erfahrungen allergisch geworden. Ich wäre froh,wenn es ein Euthanasiegesetz in D gäbe. Aber ich glaube nicht, daß ich das noch erleben werde, darum habe ich privat vorgesorgt. Vielleicht ist es auch besser, sich Privatleuten anzuvertrauen, dann ist wenigstens die Anrüchigkeit einer "staatlich organisierten Tötung" nicht gegeben und die Entscheidung bleibt frei und individuell.

    Demenz wäre für mich persönlich auch nicht der einzige Grund für einen Suizid.
    Volle Zustimmung.

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