Wie geht ihr mit den "Jahrestagen" um?
Versucht ihr, diese zu "umgehen" oder gestaltet ihr sie bewußt?
Habt ihr vielleicht ein kleines Ritual entwickelt?
Wie fühlt ihr euch vorher/nachher?
Ebenso die Feiertage.
Bei mir sind diese Fragen grad aktuell.
Ich hatte versucht, nicht weiter über den Todestag meines Sohnes nachzudenken, wollte einfach nur an diesem Tag zum Grab und ihm eine schöne Blume bringen.
Aber es ging mir einige Wochen vorher schon "schlecht", war angespannt und schlief schlecht. Und es steigerte sich, je näher der Tag kam (ist der 4. Todestag)
Am Abend des Tages, nachdem ich am Grab gewesen war, ging es mir besser und da merkte ich erst, wie sehr ich vorher angespannt war. Um am nächsten Tag fühlte ich mich wieder wohl.
Ich wollte das nicht, dieses "esgehtmirvorherschlecht", ich dachte das muss doch nun mal besser sein/werden, aber Pustekuchen!
Ich tat so als ob nichts besonderes anliegt im Monat Mai, aber das Gefühlsgemisch aus Trauer und Panik kam durch die Seelen-Hintertür wieder rein.
Jetzt habe ich mir vorgenommen, in Zukunft diese Zeit bewußter zu gestalten.
Weiß aber noch nicht "wie"...
(vor allem sollte ich mir wohl erlauben, öfter zu weinen ?)
Falls es euch nicht zu schwer fällt, darüber zu reden, würde ich mich sehr freuen, von euren Erfahrungen und Bewältigungsstrategien zu hören.
liebe Grüße
Lavendelmond
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24.05.2006, 21:26Inaktiver User
Wie geht ihr mit Jahrestagen um?
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24.05.2006, 22:06Inaktiver User
Re: Wie geht ihr mit Jahrestagen um?
Am Todestag selbst bin ich meist mit mir alleine, manchmal auch mit den Eltern meines verstorbenen Freundes und seinen Kindern zusammen - kommt immer etwas drauf an.
Mit seinen Freunden haben wir ein schönes Ritual gefunden - wir feiern seinen Geburtstag zusammen, und jedes Jahr wird klarer, dass wir das im nächsten Jahr auch wieder tun werden. Das ist sehr, sehr schön.
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25.05.2006, 09:09
Re: Wie geht ihr mit Jahrestagen um?
liebe Lavendelmond, bei mir war es der 6. Mai, der Geburtstag meines verstorbenen Sohnes, er wäre 29 Jahre alt geworden. Schon die Tage davor waren sehr schlimm, am Geburtstag war ich dann mit meinem älteren Sohn am Grab und danach an der Stelle, wo Bastian mit seinen Freunden seine Unglücksfahrt begann (er ist bei Hochwasser in der Mangfall ertrunken). Dort war es wider Erwarten sehr friedlich und für den Moment konnte ich die Tatsachen akzeptieren - weil ich ihm innerlich natürlich immer noch verbunden bin. Letzten Samstag war ich dann bei einem "Trauertag" von der Gruppe Verwaiste Eltern, da bin ich zwar mit sehr gemischten Gefühlen hingegangen, aber es war letztendlich heilsam! Liebe Grüsse Charlotte
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25.05.2006, 09:49Inaktiver User
Re: Wie geht ihr mit Jahrestagen um?
Liebe Lavendelmond,
L. hätte am Samstag ihren 14. Geburtstag.seit 12 Jahren fehlt sie.
Ich werde, wie oft an diesem Tag, allein sein. Mann und Töchter nutzen das lange Wochenende und sind zum Surfen nach DK gefahren.
Ich werde an unser jüngstes Kind denken. Wie ich mich dann fühle, weiss ich noch nicht.Es ist alles irgendwie so abstrakt geworden.
Und ich sagte ja mal, der schlimmste aller Jahrestage ist der 7.März 1994, an dem wir die grausame Diagnose erfahren mussten.
Der Todestag fällt meist in die Sommerferien. Ich liebe den Sommer.
Zum Friedhof gehe ich fast nie, weil ich da nichts spüre, weder Trauer noch Trost. Das mag aber seine Gründe haben.
Liebe Grüße an diesem kalten Regentag.
U.
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25.05.2006, 10:29
Re: Wie geht ihr mit Jahrestagen um?
Hallo,
auch wir haben so unser Ritual gefunden. An ihrem Geburtstag gibt es ihre Lieblingstorte und wir trinken gemeinsam Kaffee, mein Mann, unsere Kinder und ich. An ihrem ersten Geburtstag ohne sie haben wir auch ihre Freunde eingeladen, ganz bewußt. Aber am 2. und 3. da wollte ich das nicht mehr. Aber trotz allem ist ihr Geburtstag für uns ein Freudentag geblieben, zwar mit Tränen in den Augen aber Freude im Herzen das sie 19 Jahre bei uns war. An ihrem Todestag gehe ich nur auf den Friedhof und es kommt ihre beste Freundin vorbei. (Die kommt auch immer an ihrem Geburtstag) Wir trinken dann eine Tasse Kaffee und reden ein wenig.
Weihnachten ist für mich eine reisengroße Qual, bzw. das ganze Winterhalbjahr, sie hat am 14.11. Geburtstag, dann kommt Weihnachten und Todestag ist der 19.1. Ihr sehrt also es geht schlag auf Schlag. Weihnachten feiern wir aber bewußt wie immerrrrrrrr.
Meine 2 anderen Kinder haben da von Anfang an drauf bestanden. Die Träenen und der Schmerz in meinem Herzen werden da ganz in der untersten Ecke geparkt. Das bin ich meinen Kindern schuldig.
Am schlimmsten ist für mich Sylvester. Wieder ein Jahr vorbei ohne Sie und wieder ein neues Jahr ohne Sie.
LG
Petra
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25.05.2006, 17:22Inaktiver User
Re: Wie geht ihr mit Jahrestagen um?
Der Geburts- und der Todestag meiner Tochter liegen nur 2 Tage auseinander, beide Anfang April. Etwa Mitte Februar geht das Grummeln in der Magengegend los, ich bekomme Angst vor dem nahenden April. Am Geburtstag bin ich jedes Jahr mit meiner Freundin zusammen, wir gehen essen, reden viel, schauen uns Fotos an von früher. Wir bemühen uns, immer etwas Besonderes zu machen und wir lassen in jedem Jahr Luftballons steigen mit guten Wünschen für das Geburtstagskind.
In den ersten Jahren habe ich auch noch einen Kuchen gebacken.
Den Todestag verbringe ich am liebsten alleine und ich bin immer froh, wenn es kein Wochenende ist und ich zur Arbeit kann. Ich kaufe bunte Blumen und versuche, nicht in eine Depression zu verfallen, was mir meistens nicht gelingen mag, spätestens am Nachmittag bin ich ein Häufchen heulendes Elend.
An beiden Tagen freue ich mich immer sehr über Zeichen meiner Mitmenschen. Ein Anruf, ein kleines "Ich habe an Euch gedacht". Leider sind diese Zeichen im Laufe der Jahre sehr, sehr selten geworden.
Am Todes- und Geburtstag meines Papas, den ich unglaublich vermisse, gehe ich grundsätzlich mit meiner Cousine, sie ist sein Patenkind, zum Chinesen essen - er liebte das chinesische Essen. Ausserdem halte ich an diesen beiden Tagen eine besonders lange und intensive Zwiesprache mit ihm.
Die Gedenktage meines Vaters und die meiner Tochter empfinde ich sehr unterschiedlich vom Gefühl her. Jeder Geburtstag meines Kindes macht mir die Sinnlosigkeit bewußt, die Endgültigkeit. Keine Geschenke, die ich kaufen kann, nichts, was ich überhaupt noch für sie tun kann. Der Todestag ist für mich immer die ewige Erinnerung an den schlimmsten Tag in unserem Leben, ich durchlebe jede einzelne Sekunde nochmals, immer und immer wieder. Und jedes Mal habe ich das Gefühl, ein Stückchen mitzusterben.
Paula
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25.05.2006, 20:16Inaktiver User
Re: Wie geht ihr mit Jahrestagen um?
Ich danke euch allen sehr für eure Offenheit

Ich sehe nun, ich muss lernen, jedes Jahr aufs Neue wieder "alles zu durchleben", zwar in abgeschwächter Form, aber es ist im Grunde doch so, wie Paula es beschreibt:
Der Todestag ist für mich immer die ewige Erinnerung an den schlimmsten Tag in unserem Leben, ich durchlebe jede einzelne Sekunde nochmals, immer und immer wieder. Und jedes Mal habe ich das Gefühl, ein Stückchen mitzusterben.
Es hat keinen Sinn zu flüchten, es ist "in uns/mit uns" jetzt und immerdar.
Ich habe beschlossen, diesen bittergrauen Teil meiner Seele, der für immer in Trauer und Not ist und voller Entsetzen, diesen Teil will ich lieben lernen.
Diesen Teil meines Lebens nicht länger fürchten und fliehen, sondern annehmen und ehren.
Nicht 365 Tage im Jahr, aber für so lange wie es nötig ist, wenn dieser Teil wieder ins Bewußtsein hoch will.
Dieses Niederdrücken der Emotionen macht mich so müde

Nochmals Danke
Ihr habt mir mehr geholfen, als ihr ahnt.
Lavendelmond
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27.05.2006, 10:24Inaktiver User
Re: Wie geht ihr mit Jahrestagen um?
Liebe Lavendelmond,
was ich auch sehr interessant finde, ist die Frage: wie gehen die anderen mit den Jahrestagen um? Mit "den anderen" meine ich die Familie, die Freunde ...
Dem ersten Todestag "darf" man noch gebührend Achtung entgegengebringen, schon im zweiten Jahr - das war meine persönliche Erfahrung - wurde nicht mehr darüber geredert oder daran gedacht. Ich habe es als tief verletzend empfunden, daß mein Kind einfach so totgeschwiegen wurde. Keine Besuche mehr am Grab, kein Zeichen der Anteilnahme in Form von Worten - und nein, ich bin nicht von der Sorte, die ständig bedauert und in den Arm genommen werden möchte, aber wie sehr habe ich mir gewünscht, den Namen von Alexandra zu hören, als Zeichen dafür: sie ist nicht vergessen.
Wie sehr freue ich mich über die wenigen Menschen, die den Geburts- und den Todestag meines Kindes als erwähnenswert empfinden! Es sind die kleinen Gesten: meine Freundin, die immer an Silvester einige Wunderkerzen beiseite nimmt und sagt: die bewahren wir auf für Alexandras Geburtstag. Der von Herzen kommende Anruf einer Cousine, nicht aus Pflichtgefühl, und ihre Worte: ich denke heute so an Euch! Dann die Mails von anderen betroffenen Eltern, die einfach verstehen, wie man fühlt und daß der Schmerz mit den Jahren nicht weniger wird, zwar anders, aber nicht weniger. Die verstehen, daß man gewisse Tage nicht aus dem Kalender ausradieren kann und daß einem an diesen Tagen das Atmen und das Leben besonders schwer fällt.
Mich würde interessieren: wie geht Euer Umfeld mit den Jahrestagen um?
Paula
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27.05.2006, 11:48Inaktiver User
Re: Wie geht ihr mit Jahrestagen um?
ach Paula

das ist so eine Sache
meine älteste Schwester denkt IMMER daran
die andere Schwester NIE und war auch seit der Beerdigung nicht mehr am Grab und erwähnt meinen Jungen auch nicht mehr (allerdings sprechen wir auch nicht mehr von ihrer 1. Schwangerschaft die mit einer Totgeburt endete, aber das ist nach über 20 Jahren vielleicht auch nicht mehr richtig?? und irgendwie ist das doch auch "was anderes" - oder nicht???)
meine Mutter hat es wieder vergessen, aber sie ist alt und depressiv und oft etwas verwirrt
mein Mann erwähnt derlei Tage NIE und geht auch nicht mit mir zusammen zum Grab - ebenso der ältere Sohn
aber wir sprechen hin und wieder über ihn, sagen Dinge wie: Das hätte ihm gefallen
oder: Jetzt hätte er dies oder das gemacht oder: weißt du noch, wie er immer....
was mich besonders freut ist, dass ich auf der Straße angesprochen werde, dass die Leute sagen (letztens die Arzthelferin der damaligen Hausärztin) : ich denke immer noch gerne an M., ich werde ihn nie vergessen
und das nach 4 Jahren !
aber dass man in der Zeit um die gewissen Tage herum, ziemlich neben der Spur ist, dass man leidet ob man will oder nicht....
das versteht niemand, das muss versteckt bleiben
es ist wirklich keine Sache des "Willens" oder des "verarbeitet-habens" - man ist dem einfach hilflos ausgeliefert
in Zukunft will ich es ja anders handhaben, ich will diese Tage bewußt intensiv und "rückwärtsgerichtet" erleben und
nehme mir einfach das Recht dazu !
LM
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27.05.2006, 13:50
Re: Wie geht ihr mit Jahrestagen um?
also jetzt mal ganz ehrlich paula. meinst du eigentlich nicht, es wäre mal an der zeit hilfe in anspruch zu nehmen. wenn ich dich lese dann krieg ich direkt einen depressionsanfall. dieses gejammer, sorry jetzt mal. mensch mädel, geh raus an die luft und tue was. wir wohnen net so weit auseinander und ich komm zum nächsten stammtisch, ich glaube da müssen wir mal reden
die konzentration auf die trauer ist der fehler!! lebt!! weil ihr lebt!!! ihr lebt net in den toten, net in der vergangenheit!! ihr lebt im heute!! und wenn ihr da net selbst raus kommt, dann lasst euch helfen!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!


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