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Thema: Für Ralph

  1. Avatar von Frenchie
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    Für Ralph

    Ich weiss, Du hast es immer geliebt wenn ich den Leuten *unsere* Geschichte erzählt habe. Du wolltest immer mal Deine Geschichte erzählen, niederschreiben, dazu ist es nicht mehr gekommen.
    Deswegen hier nochmal *unsere Geschichte*, die bezaubernste, die ich kenne.

    Es war im November 2003, ich besuchte noch ein letztes Mal Bernhard, er war mein bester Freund. Er lag im Sterben. Gehirntumor. Ich sass bei ihm auf dem Bett und sprach mit ihm. Er war schon zu seiner Reise aufgebrochen und nicht mehr ansprechbar.
    Irgendwann sagte ich: Hey und wenn Du da oben bist, dann kümmere Dich endlich mal darum, dass es bei mir mit der Liebe klappt, ich meinem Traummann begegne...

    Fünf Tage danach ist Bernhard gestorben.

    Ich fuhr zu seiner Beerdigung. Ich freute mich, wenn man dass in dieser Situation sagen kann, auf diese Zeremonie des Abschieds, über diese Zeit zum bewusst trauern und verabschieden. Als ich in die Kirche kam blieb mein Herz stehen.
    Da stand er. Mein Traummann.
    Mein erster Gedanke war: Bernhard, doch nicht hier! Gleichzeitig musste ich lachen, es war so typisch für Bernhards Humor. So stand ich in der Kirche trauerte um Bernhard und starrte gleichzeitig immer wieder diesen Mann an, der mir schräg gegenüber stand.

    Als ich die Aussegnungshalle verliess, sah ich ihn auf einmal vor mir. Was ich sah, drehte mir den Magen um, Operationsnarben am Hinterkopf. Auf einmal wurde mir klar, woher Bernhard diesen Mann gekannt hatte. Er hatte mir immer von den anderen Beiden erzählt. Männer in seinem Alter, auch an Gehirntumor erkrankt. Ich wusste, dass wenige Monate vorher der Eine gestorben war, dem Anderen war ich nie begegnet.

    Bis zu diesem Tag, Bernhards Beerdigung.

    Ich dachte nur, das ist der falsche Ort, der falsche Zeitpunkt, es ist einfach alles falsch an dieser Geschichte und dennoch, ich konnte diesen Mann nicht aus den Augen lassen.

    Er war wie ich zum anschliessenden Kaffee eingeladen.

    Irgendwann lief er an mir vorbei und ich hörte ihn sprechen. Auf einmal sagte mir irgendetwas: Du kennst diesen Mann...
    Es war wie eine Ahnung, die einen beschleicht, man aber eigentlich nicht wahr haben will, was man da ahnt...
    Schliesslich sprach ich doch die Witwe von Bernhard an, ich fragte sie, wer ist das, da drüben... Sie sagte, das ist Ralph...
    Ich fragte Ralph L....? Sie: Ja, warum?
    Ich sagte: Dann ist er meine Kindergartenliebe.

    Ich lief zu Dir hin, Du warst gerade am gehen. Ich fragte, darf ich Dich kurz sprechen? Du hast mich nur angesehen und gesagt: Ich kenne Dich.
    Ich sagte: Klar kennst Du mich, Du bist ja meine grosse Kindergartenliebe...
    Du sahst mich nur an, erkanntest mich und meintest: Und Du meine!
    Und schon hast Du mich fest in die Arme genommen.

    Dann meintest Du gleich, das ist kein Zufall, dass wir uns hier treffen.
    Das waren wir uns einig. Wir haben uns an diesem Nachmittag eine Stunde unterhalten und Du versprachst mir, mich zu besuchen. Ich wohne 400 Kilomter von Dir entfernt.

    Du kamst drei Monate später zu mir. Es war unglaublich. Noch heute weiss ich, dass ich keine Sekunde das Gefühl hatte, Du seist mir fremd. Dabei hatten wir uns seit unserem 6. Lebensjahr nicht mehr gesehen.

    Du kamst rein, hast Dich aufs Sofa gesetzt und natürlich war Deine erste Frage: "Woher kanntest Du Bernhard?" Klar, schliesslich kannten wir uns ja nicht. Wir hatten uns als Erwachsene nie gesehen. Ich setzte gerade an, um zu erzählen, dass Bernhard mein "Soulmate" war. Ein besonderer Freund...in diesen Sekunden lief im Radio "One" von U2. Wir sahen uns an - wir wussten beide, was das für ein Lied war. Bernhard hatte seinen besten Freunden eine CD mit seiner Lieblingsmusik hinterlassen. Das erste Stück auf der CD: "One" von U2. Uns stiegen beide sofort die Tränen in die Augen und wir lagen uns keine Sekunde später in den Armen.

    An diesem Wochenenden haben wir beide für einen Moment geglaubt, unsere jeweiligen Lebenslieben gefunden zu haben. In den darauffolgenden Monaten war es nicht einfach, Du entschiedst Dich bei Deiner Frau zu bleiben und ich wusste, es war die richtige Entscheidung. So sehr ich auch gelitten habe. Irgendwann hatten wir dann klar, wir liebten uns als Menschen und nicht als Mann und Frau.

    Ich schenkte Dir damals ein Foto von mir, aus dem Kindergarten. Mit den Worten: Damit Du weisst, in wen Du Dich verliebt hast...Auf das Foto hatte ich hinten eine Zeile von Erich Fried geschreiben: Es ist was es ist, sagt die Liebe.

    Wir hatten wunderbare Stunden und Tage miteinander, ich war arbeitslos und konnte viel Zeit mit Dir verbringen. Deine Famile und auch Deine Frau nahmen mich mit offenen Arm auf. Auch das alles andere als selbstverständlich.

    Ich durfte bei Dir sein, nach Deiner letzten grossen OP. Als Du danach mehr und mehr zum Pflegefall wurdest, durfte ich ganze Wochenenden mit Dir allein verbringen, so hatte Deine Frau auch ihre Auszeit. Für diese Grosszügigkeit werde ich ihr immer dankbar sein.

    Im Herbst 04 gaben Dir die Ärzte noch ein paar Monate, aber ich hatte Dir gesagt, dass wir im Sommer 05 noch gemeinsam an einer Veranstaltung teilnehmen würden. Eine Feier unseres Jahrgangs in unserer Heimatstadt. Ich sagte noch: Wir gehen da hin und wenn ich Dich im Rollstuhl schieben muss...

    Deine Mutter erzählte mir, dass Du das immer wieder betont hast: Wir gehen dahin und wenn sie mich im Rollstuhl schieben muss. Du hast es bis dahin geschafft. Du hast mitgefeiert und hast mich noch morgens um 2 auf die Tanzfläche gezogen. Ja, wir haben sogar noch getanzt. Erst um 4 hast Du ein Taxi gerufen.

    Danach hast Du losgelassen. Seither gab es eigentlich kein "Auf" mehr. Als ob, dieses Fest Dein grosser Abschiedsball gewesen wäre.

    Du hast an Bernhards Beerdigung gesagt, Du hoffst, dass unsere Begegnung kein Omen sei. Ich habe Dich gefragt, wie Du das meinst. Du sagtest, es heisst, man trifft am Ende seines Lebens seine grossen Lieben noch einmal und da ich Deine erste grosse war, wäre das womöglich ein Zeichen...

    Du kamst immer wieder damit an und mich hat das genervt, es hat weh getan und irgendwann habe ich voller Wut gesagt: Ich will nicht Dein verschiss....Omen sein.
    Ich weiss, es hat Dich damals gekränkt...
    Es hat dann eine Weile gedauert und eines Tages, als sich andeutete, dass der Krebs letztendlich doch siegen würde, habe ich Dir dann gesagt:
    Wenn es denn so ist, dass ich Dein Omen bin, dann bin ich stolz darauf, dass ich diejenige bin, die Dich auf diesem letzten Weg begleiten darf.

    Wir haben uns das letzte Mal vor vier Wochen gesehen. Ich hatte wohl Glück hat mir Deine Frau erzählt, Du warst die Tage vorher eher zurückgezogen, hast niemand an Dich rangelassen. Ich durfte Dich aber kraulen, Dich umarmen und Du hast wie immer das Kinn ausgestreckt, damit ich Dir weiter den Hals kitzle...

    Du wirst in den nächsten Tagen endgültig gehen. Du bist seit Montag nicht mehr aufgestanden, hast nichts mehr getrunken.

    Ich erinnere mich an unsere letzte Unterhaltung. Du konntest schon so gut wie nicht mehr sprechen und ich wusste, ich würde in den nächsten Wochen nicht kommen können. Ich erklärte es Dir, entschuldigte mich schon im Voraus, Du hast mich nur angelächelt und wolltest etwas sagen, aber die Worte kamen nicht, dann hast Du unter viel Mühe mit der noch funktionierenden Hand Deinen Rucksack unter der Stuhl hervorgezogen, darin gewühlt, Deine Brieftasche rausgeholt und ich habe mich die ganze Zeit gefragt, was Du da machst... Schliesslich hast Du die Brieftasche geöffnet und aus dem Seitenfach mein Foto geholt, das aus dem Kindergarten und darauf gezeigt.

    Es ist was es ist, sagt die Liebe!

    Vielen Kraft für Deinen Weg, ich bin bei Dir!
    Frenchie

  2. Inaktiver User

    Re: Für Ralph

    Ach Frenchie,

    manchmal begreift man es erst dann, was Liebe ist.
    Ich beglückwünsche dich.

    Grüße!


  3. Registriert seit
    26.02.2006
    Beiträge
    19

    Re: Für Ralph

    Hallo Frenchi!

    Eine wunderbar Geschichte, gibt es sicher nicht oft und wenn dann nur wenn zwei gleiche Seelen aufeinander treffen.

    Danke war schon es zulesen

  4. Inaktiver User

    Re: Für Ralph

    Und ich zünde unter Tränen eine Kerze an, für dich, für Ralph, für alle, die bei ihm sind und waren. Engel mögen ihn ins Paradies begleiten.

    Ich denke an euch.

    Negresse Verte

  5. Avatar von Frenchie
    Registriert seit
    04.02.2004
    Beiträge
    22.786

    Re: Für Ralph

    Vielen Dank für Eure Gedanken und Worte.

    Ich sitze hier, weine und will gar nicht los, so tun als ob nichts wäre.
    Draussen sieht alles aus wie immer...es ist alles wie immer. Und trotzdem...
    Ich beschäftige mich mit tausend überflüssigen Sachen, nur damit ich nicht ins Auto sitzen muss.

    Ich muss gerade lächeln, ich habe eine riesige Box Kleenex für die Fahrt eingepackt.
    Ach Ralph, ich weiss, dass hätte Dich zum Lachen gebracht.

    Frenchie

  6. Avatar von Elch
    Registriert seit
    22.06.2004
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    1.434

    Re: Für Ralph

    Ich musste weinen, als ich das gelesen habe. Solche Freunde, solche Liebe gehabt zu haben ist wundervoll. Warum nicht länger. Das Alleinebleiben tut so weh.

    Ich wünsche Dir und Ralph und seiner Frau viel Kraft.

  7. Inaktiver User

    Re: Für Ralph

    Liebe Frenchie,

    das ist eine ganz besondere Geschichte! Hinzu kommt, ich hätte Dich nicht kennen gelernt, würde es sie nicht geben. Ich hoffe, dass Du Dich noch von Ralph verabschieden kannst. Wenn ich nicht wüsste, dass Du aus Fleisch und Blut bist, würde ich sagen, Dich hat der Himmel geschickt, um ihm diesen langen Abschied zu versüßen ...

    Liebe Grüße - in Gedanken bei Euch
    *chen

  8. Avatar von MaroonSquirrel
    Registriert seit
    24.07.2005
    Beiträge
    20

    Re: Für Ralph

    Liebe Frenchie,

    ich habe jetzt ein halbes Jahr nicht mehr geweint - aber bei dieser Geschichte gab es kein Halten mehr. Ich wünsche dir für die nächsten Stunden und Tage alle Kraft, die du brauchst. Du bist nicht allein.

    Ich umarme dich ganz fest,
    Squirrel

  9. Avatar von Gretel
    Registriert seit
    19.02.2003
    Beiträge
    10.076

    Re: Für Ralph

    Ganz viel Kraft wünscht Gretel

  10. Avatar von Monkele
    Registriert seit
    04.10.2004
    Beiträge
    12.212

    Re: Für Ralph

    Man sieht die Sonne untergehen und erschrickt doch, wenn es dunkel wird.

    Liebe Frenchie,

    ich wünsche dir und allen Menschen, denen Ralph etwas bedeutet, ein Licht im Dunkeln und viel Kraft, um euren Weg weiter zu gehen!

    Liebe Grüße
    Moni

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