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Thema: Für Ralph

  1. Avatar von spatz
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    Re: Für Ralph

    Eine sehr traurige und zu Herzen gehende Geschichte, die Du uns hast wissen lassen.

    Fühl Dich umarmt und ein bißchen getröstet,

    Spatz

  2. Avatar von Frenchie
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    Re: Für Ralph

    Ich merke gerade, wie ich versuche, mich davon zu mogeln.
    Ich ziehe mich zurück, meide den Kontakt mit Leuten, die mir sehr nah stehen, da ich weiss, es bringt alles an die Oberfläche. Die Tränen, die Trauer.
    Ich kenne mich gut genug um zu wissen, dass das ein vorübergehendes Phänomen ist, lang halte ich das sowieso nicht aus...

    Morgen kommt mein Bruder, er hat Ralph kennengelernt und die beiden haben sich sehr gemocht. Er ist wirklich der klassische Bruder mit breiter Schulter zum Ausweinen...
    Und da stehen schon die Tränen in den Augen...

    Wer es nicht weiss, merkt mir glaube ich nichts an, nicht weil ich es verberge, sondern weil es auch ein grossen Teil "Aufatmen" gibt. Ich lebe meinen Alltag eigentlich wie immer, nur manchmal überfällt mich die Trauer z.B. wenn ich ein Lied höre, dass uns verbindet - manchmal muss ich dann aber auch lächlen.

    Ich meine natürlich verbunden hat...

    Gestern durfte ich was Wunderbares erleben. Ich habe in unserer Abteilungskonferenz meinen ganzen Mut zusammengenommen und habe gesagt, dass mein bester Freund am Wochenende gestorben ist. Prompt kamen natürlich die Tränen, ich umriss kurz die Situation, um zu erklären, warum es auch ein Segen war, dass er endlich gehen konnte.

    Nach dem Mittagessen meinte mein Chef, ob ich noch Lust hätte, einen Kaffee mit ihm zu trinken. Er fragte nach Ralph und hörte einfach zu, fragte warm und klug nach und ich fühlte mich sehr aufgehoben. Irgendwann standen wir auf und er meinte einfach so:
    "Du bist schon was besonderes." Das hat mich echt gerührt. Wir kamen viel zu spät in eine Konferenz, aber er hatte den Kollegen wohl schon vorher gesagt, dass es später wird und sie auf uns warten sollen.

    Ich fand das so rührend, dass er in einer wahnsinnig stressigen Woche für ihn, mir so einen Wohlfühlrahmen schafft und sogar alles organisiert damit das Gespräch ein "open end" haben kann.

    Auch an Euch alle, die Ihr Kerzen für Ralph aufgestellt, mitgefühlt, mitgeweint habt, ihr tut mir wirklich gut mit Euren Reaktionen. Es ist hier auch so wie ein kleines Refugium in das ich mich zurückziehen kann.

    Ich glaube, ich habe auch noch nicht ganz überrissen, was eigentlich genau passiert ist. Ich glaube erst nach der Beerdigung werde ich richtig merken, welche Lücke und welchen Zauber er hinterlassen hat.

    Frenchie

  3. Avatar von Pummel
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    Re: Für Ralph

    Frenchie,
    er hat es geschafft. Keine Schmerzen und Ängste mehr. Es geht ihm sicher gut, er ist bei den Seinen. Ich bin überzeugt, dass man erwartet wird, abgeholt wird von lieben Seelen. Er ist nicht allein.

    Hier ein Gedicht für dich:

    Ein Schiff segelt hinaus und ich beobachte
    wie es am Horizont verschwindet.
    Jemand an meiner Seite sagt: "Es ist verschwunden."
    Verschwunden wohin?
    Verschwunden aus meinem Blickfeld - das ist alles.
    Das Schiff ist nach wie vor so groß wie es war
    als ich es gesehen habe.
    Dass es immer kleiner wird und das dann völlig aus
    meinen Augen verlieren ist in mir, hat mit dem Schiff
    nichts zu tun.
    Und gerade in dem Moment, wenn jemand neben
    mir sagt, es ist verschwunden, gibt es Andere,
    die es kommen sehen, und andere Stimmen,
    die freudig Aufschreien: "Da kommt es!"
    .... und das ist sterben. (Bishop Brent)

    Finde ich persönlich sehr töstend.

    Sei umarmt - Pummel


  4. Avatar von Frenchie
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    22.787

    Re: Für Ralph

    Liebe Pummel

    Danke für das Gedicht, es ist wunderschön!

    Weisst Du, ich frage mich eher, ob ich gerade vor der Trauer davon laufe.
    Mir fallen tausend Sachen ein, warum es eigentlich keinen Grund zum Weinen gibt.

    Er hat es jetzt besser, er ist bei Bernhard, er hat den Abschied, den er sich gewünscht hat, es war ein Geschenk ihm begegnet zu sein, etc...
    Jedes Mal wenn sich Trauer breit machen will, zücke ich eine dieser Karten und irgendwo höre ich eine Alarmanlage schrillen, die mir sagt, ich bin auf der Flucht, renne vor den ganzen Gefühlen davon.
    Rette mich in die *guten*, um die schwierigen nicht fühlen zu müssen.

    Im Moment heisst das noch nicht viel, da ich diesen Mechanismus kenne, ich will mich vielleicht mit diesem Outing davor bewahren, auch noch die nächsten Wochen so weiterzumachen. Ja, es gibt viele bezaubernde, wunderbare und erlösende Seiten in dieser Geschichte....ABER es gibt auch Wut, warum jemand mit 40 sterben muss, warum jemand, der mir so viel bedeutet, warum ich zwei Menschen, die mir so wichtig waren, innerhalb von drei Jahren an diesen besch...Krebs verlieren muss, warum er krank werden musste, usw....
    Und eben zu wissen, ich werde nicht mehr mit ihm lachen, er wird mich nicht mehr zu Tränen rühren in dem er meine Gedanken liest, als wären sie auf meiner Stirn geschrieben, er wird mich nicht mehr zur Weissglut treiben mit seinen Marotten...

    Es muss einfach für beides Platz sein und ich bin gerade auf der Suche nach meinem Gleichgewicht.
    Frenchie


  5. Avatar von Pummel
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    Re: Für Ralph

    Liebe Frenchie,
    Weisst Du, ich frage mich eher, ob ich gerade vor der Trauer davon laufe. Vll gehört das ja auch dazu. Man will sich noch etwas Zeit geben bis man sich der harten Realität stellen mag. Umsonst hört man ja nicht so oft, dass Menschen oft erst nach Wochen i.d.sogen. tiefe Trauerloch fallen. Liegt vll auch daran, dass man viel zu schnell vom Totenbett 'entfernt' wird. Wenn man stunden/tagelang an einem Totenbett sitzt und 'klagt' realisiert man es sicher ganz anders, als wenn gleich alles wieder den normalen Gang geht.
    Ich denke wir könnten uns ein Stück Trauerarbeit bei and. Ländern u. Sitten abschauen.
    Verdränge die Trauer nicht, aber auch nicht die schönen Gedanken die dazwischen immer wieder hochkommen. Vll sind es ja gerade diese, die die Trauer erträglich machen.
    Bei der Beerdigung eines Verwandten hätte ich beinahe angefangen zu lachen. Mir fiel so 'ne witzige Begebenheit ein u. dachte mir nur 'Muss dir das JETZT einfallen'? Ich hatte auch das Gefühl er steht neben mir. Schon irre.

    Du hast es doch selber schon richtig erkannt. Dein Geist/Körper wird dir zeigen, wann du es erträgst zu trauern.

    Alles Liebe - Pummel


  6. Registriert seit
    11.02.2005
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    11

    Re: Für Ralph

    Liebe Frenchie,

    danke dass Du diese wunderschöne, bewegende Geschichte mit uns geteilt hast. Ich finde es sehr schön, wie Du deinen Freund in seinen letzten Tagen begleiten konntest - und auch dass er zu Hause sterben durfte, das kommt heute leider viel zu selten vor.
    Ich wünsche Dir viel Kraft, die immer wiederkehrende Trauer auszuhalten, dich deinen Gefühlen stellen zu können und dennoch auch die schönen, lustigen Erinnerungen zuzulassen. Beides gehört in meinen Augen zu einem Trauervorgang dazu. Alles Gute

    Cape

  7. Inaktiver User

    Re: Für Ralph

    Liebe Frenchie,

    danke, dass du uns an deinen Gefühlen teilhaben läßt. Das mit dem Nicht-Trauern-Können(Wollen) kann ich sehr gut verstehen.

    Ich selbst habe voriges Jahr Ende Oktober einen sehr guten lieben Freund verloren. Bis heute kann ich nicht richtig trauern. Ich konnte auch nicht zur Trauerfeier gehen. Es war mir nicht möglich. Ich habe mich mit meinem Hund in einen Park gesetzt und habe den schönen Spätherbsttag "ausgesessen". In Gedanken war ich bei ihm - aber als Person konnte ich es nicht.

    Deshalb warte ich jetzt einfach ab. Wenn es wärmer wird, werde ich sein Grab besuchen gehen (davor habe ich im Moment noch Angst). Vielleicht wird es dann besser oder schlechter? Trauriger oder lustiger?

    Frenchie, ich denke an dich und nehme dich in den Arm.
    Ganz liebe Grüße

  8. Avatar von Frenchie
    Registriert seit
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    22.787

    Re: Für Ralph

    Für die, die es vielleicht noch nicht kennen:

    Was es ist

    Es ist Unsinn
    sagt die Vernunft
    Es ist was es ist
    sagt die Liebe

    Es ist Unglück
    sagt die Berechnung
    Es ist nichts als Schmerz
    sagt die Angst
    Es ist aussichtslos
    sagt die Einsicht
    Es ist was es ist
    sagt die Liebe

    Es ist lächerlich
    sagt der Stolz
    Es ist leichtsinnig
    sagt die Vorsicht
    Es ist unmöglich
    sagt die Erfahrung
    Es ist was es ist
    sagt die Liebe

    - Erich Fried -

  9. Avatar von Frenchie
    Registriert seit
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    Re: Für Ralph

    Ich bin heute so wütend. Ich ertrage kein einziges: "Gut, für ihn, dass er endlich sterben konnte..."

    Ralph wollte nicht sterben, Ralph wollte LEBEN!
    Er hat allen Diagnosen getrotzt. Die erste lautet 6-9 Monate! Das ist jetzt 14 Jahre her. Er war sich so sicher, es zu schaffen. Ich selbst ertappe mich, dass ich den kraftstrotzend, dickköpfigen, strahlenden, lebenslustigen, neugierigen, leidenschaftlichen, offenen Ralph vergesse und nur noch sehe, was der Krebs von ihm übrig liess...

    Kennt Ihr das auch? Kennt Ihr diese Wut?
    Frenchie


  10. Inaktiver User

    Re: Für Ralph

    Ja, Frenchie - und es ist gut, daß Du sie spürst. Wut kann Dir Kraft geben.

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