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  1. Inaktiver User

    Re: Vom Leben mit der Trauer

    Liebe Hagazussa,

    ja, eine neue Zeitrechnung hat begonnen mit dem Tod Deines Bastis. Das erste Weihnachtsfest "mit ohne". Das erste Silvester. Dein erster Geburtstag. Der erste Muttertag. Und am schlimmsten: der erste Geburtstag ohne das Geburtstagskind. Ganz zu schweigen vom Todestag.

    Alles, was gestern noch wichtig war, ist von heute auf morgen unwichtig geworden. Neu gemischte Karten. Das vollkommene Chaos, kein Land in Sicht. Ich kann mich erinnern, daß ich im ersten Jahr nach dem Tod meines Kindes vollkommen orientierungslos durch die Gegend gelaufen bin. Nichts war mir mehr wichtig: Essen, schlafen, leben. Wozu noch das Ganze?
    Mir ging es wie Dir: ich wurde anders. Unbequemer. Nicht mehr die lebenslustige Paula, die immer und überall dabei war. Plötzlich war ich "komisch". Hab geweint, ganz plötzlich, ohne Vorwarnung. War untröstlich. Nicht mehr spontan, liebenswert, mittendrin. Ich kam mir vor wie eine Randbemerkung. Das höfliche Nichtmehrerwähnen meines Kindes war unerträglich. Ich wollte ihren Namen hören, wollte reden von ihr, über sie, wollte von den anderen hören, was sie noch über sie wußten. Ich hatte Angst vor dem Vergessen.

    Liebe Hagazussa - der Geburtstag von Sven ist der erste Geburtstag ohne Euren Basti. Aber es ist und bleibt der Geburtstag von Sven. Und Basti, der ist sowieso dabei, wenn auch nicht sichtbar ...

    Ich schicke Dir eine tröstende Umarmung -

    Paula

  2. Inaktiver User

    Re: Vom Leben mit der Trauer


    Mir ging es wie Dir: ich wurde anders. Unbequemer. Nicht mehr die lebenslustige Paula, die immer und überall dabei war. Plötzlich war ich "komisch". Hab geweint, ganz plötzlich, ohne Vorwarnung. War untröstlich.
    Paula


    Liebe Paula, darum beneide ich dich fast *trauriglächel*
    Ich habe das nicht "geschafft", war beherrscht, diszipliniert, tröstete meine Mutter und baute sie wieder auf, obwohl ja eigentlich sie (!) mich hätte trösten müssen, denn es war ja mein Kind, das gestorben war. Naja, er war/ist auch ihr Enkel und Recht auf Trauer haben alle, doch ich hätte mir gewünscht, meine Mutter wäre fähig gewesen, mich, ihre Tochter, ein wenig zu trösten und zu stärken.
    Auch habe ich fast nie spontan meinen Tränen und Schmerzen nachgegeben, aus Rücksicht auf "die anderen".
    Das hat mich dann richtig krank gemacht.
    Einmal nur, ein einziges Mal, habe ich meinen Schmerz hörbar werden lassen. Mein armer Hund lief vor mir weg.
    Danach war ich ganz weich und müde und es tat soooo unendlich gut.
    Leider konnte ich das nicht wiederholen.

    Das habe ich noch nie erzählt.



    Liebe Hagazussa, dir und Paula schicke ich mein Mitgefühl, meine Herzenswärme und ein "ich-verstehe-euch-so-gut"


    Lavendelmond

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    Re: Vom Leben mit der Trauer

    Hallo all Ihr Lieben, wenn ich traurig bin, denke ich oft an diesen Strang - und es tröstet mich zu wissen, dass es Menschen gibt, die so bewusst mit ihrer Trauer leben und die wissen, dass es noch lange und oft weh tut.

    Gestern hatte meine Tochter ihren fünften Geburtstag. Ich dachte viel an die Geburt und das ganze Glück. Und ich dachte an meine Mutter, die jetzt ein halbes Jahr tot ist. Sie hat damals bei der Entbindung noch im Krankenhaus angerufen und hat mir gesagt, dass sie ganz fest an mich denkt. Ich vermisse sie sehr und es tut mir weh, dass ich mich nicht von ihr verabschieden konnte. Sie ist so unglücklich und einsam gestorben und ich konnte nichts tun.

    Meine Tochter ist heute für fünf Tage mit ihrer (anderen) Oma weggefahren. Ich spürte beim Abschied, dass in mir eine tiefe Angst sitzt. Die Angst, sie zu verlieren, gerade weil ich sie über alles Liebe. Die Angst, vor Verlust und Loslassen. Ich habe es in meinem Leben schon oft und schmerzlich erlebt und weiß, dass wir alle auf dünnem Eis leben, dass so schnell bricht... Jeder Tag ist ein Geschenk. Morgen kann es anders sein. Manchmal kann ich das gut aushalten und den Reichtum spüren, der auf der anderen Seite liegt. Und manchmal tut es nur weh, zieht mir den Boden unter den Füßen weg und zeigt mir, wie allein jeder Mensch eigentlich ist.

    Immer wieder schöpft mein Herz und meine Seele neue Hoffnung und fühlt sich wieder getragen. In diesem Gedicht von Rilke ist es für mich sehr treffend ausgedrückt:

    "Wäre es möglich, weiter zu sehen, als unser Wissen reicht, vielleicht würden wir dann unsere Traurigkeiten mit größerem Vertrauen ertragen, als unsere Freuden.
    Denn sie sind die Augenblicke, da etwas Neues in uns eingetreten ist, etwas Unbekanntes.
    Unsere Gefühle verstummen in scheuer Befangenheit, alles in uns tritt zurück, es entsteht eine Stille, und das Neue, das niemand kennt, steht mitten darin und schweigt."
    R.M. Rilke

    Ich schicke euch alle liebe Grüße durch die stille Winterlandschaft (bei uns schneit es und schneit es und schneit es...)
    Amaruschka

  4. Inaktiver User

    Re: Vom Leben mit der Trauer

    Vorletzte Woche haben wir in einer sehr schönen und bewegenden Trauerfeier ein zweites Mal Abschied genommen von unserer Tochter.- Nach fast 13 Jahren wird ihr Grab aufgelöst bzw. das Grab ihrer Urgroßeltern, in dem sie liegt. Für mich war diese Abschiedsfeier unendlich wichtig und ich habe mich gefreut, daß viele Menschen unsere Kleine nach diesen vielen Jahren nicht vergessen haben.

    Was jetzt vor mir liegt, ist ein Leben "ohne". Ein Leben ohne das Grab, die Stätte, die mir über viele Jahre so unendlich wichtig war. Zufluchtsort, Ort hunderttausender von Tränen, Worten, Gedanken. Dieser beruhigende Ort auf dem Friedhof, zwischen hohen Bäumen und Büschen. Im Sommer beruhigende Kühle, Vogelzwitschern, Geruch der feuchten Erde, der frischen Blumen, süße Schwere. Im Winter das beruhigende, einheitliche Weiß, mit grünen Farbtupfern und brennenden Kerzen. Das Laufenlassen der Gedanken, die Selbstverständlichkeit der Tränen, nicht Nachdenkenmüssen, einfach nur ein Ort, seiner Trauer nachzugeben. Zufluchtsstätte an dunklen Tagen. Die Möglichkeit, meiner Kleinen einen Strauß zu bringen, frühlingshell, sommerwarm. Ort des Gehenlassens, das Rückgrat einen Moment lösen, nicht aufrecht gehen müssen, klein sein dürfen. Nichts runterschlucken und verbergen, sondern einfach das rauslassen, was an die Oberfläche möchte. Nur beobachtet von den Vögeln im hohen Grün der Bäume. Die Hände greifen lassen in das feuchte, kühle Erdreich. Was tue ich ohne diese Zuflucht?

    April - bald kommt der April. Dein Geburtstag und zwei Tage später Dein Todestag. Erinnerungen ... an die Geburtstagstorte, die Spielsachen, Deine staunende Glückseligkeit angesichts der lachenden Menschen um Dich herum. Fröhliche Gesichter, die nur zwei Tage später erstarren in Trauer und Fassungslosigkeit. Der April, Schicksalsmonat. Nie war ich glücklicher, nie trauriger als in diesem Monat. Möchte ihn löschen aus meinem Kalender, möchte vom März in den Mai eintauchen, einfach so. Vergessen, daß es diesen Monat gibt, den 2. April feiern, Deinen Geburtstag, den 4. April auslöschen, Deinen Todestag. Die Zeit dazwischen konservieren, unvergänglich machen. Immer ein krauses Näschen vor mir sehen und Sommersprossen, die nur für mich leuchten, unendlich lang.

    Was kommt jetzt? Eine neue Zeitrechnung. Der Stein findet seinen Platz bei uns im Garten, unter dem alten Baum, da, wo die Kätzchen begraben liegen und Pucki, der Wellensittich. Wunderbarer Platz im Schatten, nur für mich erkennbar - und so wichtig. Meine Gedanken, meine Gefühle, meine Tränen - sie wohnen irgendwo da oben in der unendlichen Weite - bei Dir. Bei der kleinen, süßen Maus mit den vielen Sommersprossen und dem krausen Näschen. Kein Grab mehr, aber einen Platz in meinem Herzen, ganz unendlich weit.

    Das Herz übervoll, randvoll und voller nicht endender Liebe,

    Paula

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    Re: Vom Leben mit der Trauer

    Liebe Paula,
    mir fehlen einfach die Worte zu diesem sooo liebevollen von Herzen kommenden Beitrag. Nur soviel, ich kann dich soooo gut verstehen. Fühl dich von mir ganz lieb umarmt.

  6. User Info Menu

    Re: Vom Leben mit der Trauer

    Liebe Paula, danke, dass du uns so intensiv teilhaben lässt an deiner Liebe und deiner Trauer, die so dicht zusammen gehören und unser Leben umspannen. Das wird in deinen Texten immer so deutlich. Ich denke sehr an dich und fühle mich dir verbunden. Gerade muss ich ein bisschen weinen und spüre Trauer und Dankbarkeit.
    Traurigdankbare Grüße
    Amaruschka

  7. Inaktiver User

    Re: Vom Leben mit der Trauer

    Ach Mensch, Paula, gerade war es mir fast so, als wenn ich deine Kleine da zwischen den Wolken hab vorlugen sehen.
    Danke für diesen schönen Beitrag!

    Wir haben auch in diesem Jahr gemeinsam den Geburtstag von meinem verstorbenen Freund gefeiert. Es kommen jedes Jahr mehr Leute. Nächstes Jahr wollen wir zusammen Musik machen - auf seinen Geburtstagen wurde immer zusammen Musik gemacht.
    Das ist ein wichtiges Ritual geworden. Schön ist das und immer so, als wenn er dabei ist. Nein, falsch. Nicht "als wenn". Er ist dabei.

  8. User Info Menu

    Re: Vom Leben mit der Trauer

    Liebe Lavendelmond! Danke für deine mitfühlenden Worte - gerade was deine Mutter betrifft, geht es mir ähnlich! Statt Mitgefühl von ihr zu bekommen, soll ich sie wohl trösten und dazu fehlt mir die Kraft! Das versteht sie aber nicht und so ist die Stimmung zwischen uns angespannt und belastet mich zusätzlich.
    Was mich auch sehr belastet, dass nicht über meinen Sohn gesprochen wird, auch nicht von mir selber, ausser wenn ich alleine bin. Aber vielleicht kommt das noch. Ich komme mir vor wie in einem fremden Land, ich kenne den Weg nicht, verstehe die Sprache nicht ... Aber es gibt auch immer wieder Zeiten, wo es mir wieder gutgeht: wenn ich mit Liebe an Bastian denke! Ausserdem ist mein Sohn Sven so rührend und liebevoll für mich da, animiert mich dazu, rauszugehen, besucht mich mit seiner Freundin, das alles hilft mir, mich immer wieder dem Leben zuzuwenden. Wenn du magst, erzähl mir doch von deinem Kind! Alles Liebe Charlotte

  9. User Info Menu

    Re: Vom Leben mit der Trauer

    liebe Paula, ich war schon länger nicht mehr hier und habe erst heute deine Antwort gelesen: deine Worte haben mir soooo gutgetan, danke! Es ist genau, wie du sagst! Man fühlt sich wie in einem fremden Land - alles, was bisher wichtig war, woran man sich gehalten hat, ist plötzlich weg. Morgen habe ich Geburtstag ... und mir graut schon davor. Am 6.Mai ist dann Bastians Geburtstag. Er war die Hälfte meines Lebens bei mir, und es kommt mir auch so vor, als ob ich nur noch halb wäre.
    Wie geht es dir inzwischen? Ich hab das Gefühl, ich fahre auf der Achterbahn, ein rauf und runter der Gefühle. Es überschwemmt einen förmlich, oder? Für heute liebe Grüsse und ich würde mich freuen, von dir zu hören, Charlotte

  10. Inaktiver User

    Re: Vom Leben mit der Trauer

    Vom "Leben mit der Trauer" kann ich im Moment nicht reden, eher vom "Überleben mit der Trauer" - sie hat mich eingeholt, mir gezeigt, wer der Stärkere von uns ist, wer wen beherrscht, eiskalt erwischt, einfach so, von jetzt auf nachher, plötzlich da.
    Angstvoll schaue ich jeden Morgen auf ein neues Kalenderblatt. März. Ende März. Bald kommt er, der April. Schicksalsmonat. Der Geburtstag von Alexandra. Um mich herum das pralle Leben, jeder redet vom beginnenden Frühling, von milden Temperaturen, vom Frühjahrsputz, von Ostern, der Sommerzeit, den Wahlen. In mir redet es von meinem Kind und der Tatsache, daß ich noch lange nicht dort bin, wo ich mich wähnte. Der erste Geburtstag ohne ein Grab. Keine Möglichkeit, Dir einen Strauß knallgelber Tulpen zu bringen. Wohin mit meinen Tränen, meinen Sehnsüchten, meiner Trauer? Und wohin zwei Tage später mit meinen Gefühlen? Angstvoll schaue ich in diesen Tagen "nach vorne". Doch wo ist "vorne"? Wo fange ich an und wo höre ich auf?

    Alexandra, kleines Menschenkind, hoffnungsvolles Leben. Ein kleines strahlendes Mädchen, meine ganze Welt. Feiste Ärmchen, die sich mir entgegen strecken, braune Kulleraugen und Sommersprossen, feuchtes Knutschemäulchen, Grübchen im Kinn ... ausgelöscht an einem Sonntag im April, einfach so. Ein Moment der Unachtsamkeit und ein Leben voller Lachen und Hoffnung war weg - als hätt es Dich nie gegeben.

    Im Moment: ein Herz, bleischwer. Tränen, unterdrückt und heimlich geweint auf der Damen-Toilette im Büro. Heimlich am Abend in der Waschküche. Zwischen 30 Grad- und Kochwäsche, zwischen Katzenfüttern und Essenkochen. Gestohlene Momente der Trauer. Die Welt um mich denkt: alles ist gut und die Welt in mir ist eine andere, als die, die Ihr seht.

    Im Augenblick geht es nicht um das LEBEN MIT DER TRAUER, es ist das Überleben.

    Ein ziemlich kraftloser Gruß

    von Paula mit bleischwerem Herzen


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