Hallo,
ich bin gerade an einem Punkt, wo ich nicht weiter weiß und deshalb hier Rat suche.
Mein Dad (noch 62) liegt im Sterben - Lungenkrebs, jetzt haben die Ärzte Metastasen im Kopf gefunden.
Die Diagnose bekam er im letzten Jahr.
Der Punkt ist nun, dass ich (33) ihn an Weihnachten das letzte Mal gesehen und gesprochen habe und auch davor hatten wir sehr wenig bis gar keinen Kontakt. Meine Eltern sind seit Jahren getrennt/geschieden und er war auch immer sehr viel auf Geschäftsreise. Es gab zwischendurch Zeiten, wo wir besser miteinander klargekommen sind, aber das ist schon einige Jahre her. Irgendwie gibt es keine Themen, worüber ich mich mit ihm unterhalten kann. Fragte ich nach der Arbeit, hieß es immer "interessiert dich doch eh nicht", hatte ich mich für das Thema Sport entschieden, kam "hast du nichts anderes im Kopf" und hab ich ihn einfach mal so angerufen, war die erste Frage "was willst du" oder "wieviel Geld brauchst du". Klingt, wenn man es liest, drastischer als es war, er war kein "Monster", aber scheinbar waren wir uns zu ähnlich. Dazu kommt noch, dass ich trotz meiner 33 Jahre beruflich absolut nichts zustande bringe - ein abgebrochenes Studium und einige Jobs. Na ja, wer gibt jemand in diesem Alter schon eine Chance? Was aber nicht heißt, dass ich faul bin, ganz im Gegenteil, aber ohne Ausbildung braucht man ja heute ne Menge Glück. Und das alles passte meinem Dad nicht, er wünschte sich erfolgreiche Töchter...
Seine Diagnose Krebs kenne ich auch nur von meiner Schwester, mit mir hat er nie ein Wort darüber gesprochen und an Weihnachten fühlte ich mich total ausgegrenzt.
Mit dem Thema Tod musste ich mich in meinem Leben erst spät beschäftigen, aber als vor 6 Jahren meine Oma gestorben ist, ist für mich eine Welt zusammen gebrochen, auch heute noch kullern mir die Tränen, wenn ich an sie denke oder mir wieder einfällt, wie mein Opa mir die Nachricht mitgeteilt hat - ich war auf dem Rückweg vom Krankenhaus nach Hause (70 km Weg) und stand im Stau als mein Handy ging und mein Opa sagte: " Du bist die Stärkste in der Familie, daher rufe ich als erstes dich an..."
Und jetzt wird von mir scheinbar (gesagt hat es keiner) erwartet, dass ich für ihn da bin. Ich würde das auch sehr gerne, aber ich habe panische Angst. Angst vor so vielen Dingen, die ich hier gar nicht alle aufzählen kann. Angst hinzufahren und mir dann nachher von seiner Freundin (mit der ich bislang gut klargekommen bin) Vorwürfe anzuhören, Angst nicht hinzufahren und mir dann selbst Vorwürfe zu machen. Angst an seinem Bett zu sitzen und das psychisch nicht zu packen, ...
Und reden kann ich darüber mit eigentlich niemandem - Freunde sind recht rar gesät und mit meinem Partner mag ich nicht wirklich offen reden, da unsere Beziehung eigentlich schon den Bach runtergegangen ist, wir aber den Absprung (noch) nicht geschafft haben.
Antworten
Ergebnis 1 bis 10 von 20
Thema: Mein Dad liegt im Sterben
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06.04.2011, 15:55
Mein Dad liegt im Sterben
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06.04.2011, 16:27Inaktiver User
AW: Mein Dad liegt im Sterben
seehundbaby, ich glaube, den Tod Deiner Oma hast Du noch nicht verkraftet. Und nun kommt das alles wieder hoch.
Wieso glaubst Du, dass von anderen Familienmitgliedern unausgesprochene Erwartungen an Dich gerichtet werden? Könnte es sein, dass Du selbst von Dir erwartest zu Deinem Vater zu gehen, an seinem Bett zu sitzen und alles richtig zu machen?
Du kannst das, was in der Vergangenheit geschehen ist, nicht binnen Tagen verändern. Und da der direkte Kontakt nicht besteht, weißt Du nicht, was Dein Vater zu diesem Zeitpunkt braucht. Wer bekommt von den Ärzten die Informationen über seinen Zustand? Sprich mit dieser Person, vermutlich ist es die Freundin, und kläre, ob ein Besuch möglich ist. Bei dieser Gelegenheit erfährst Du mit Sicherheit auch, ob Dein Vater ein Bedürfnis nach einem klärenden Gespräch geäußert hat. Und wenn nicht, dann besuche ihn kurz und verabschiede Dich von ihm.
Ich wünsche Dir viel Kraft für die nächsten Tage.
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07.04.2011, 06:18
AW: Mein Dad liegt im Sterben
Liebe Seehundbaby,
ich kann deine Unsicherheit so gut verstehen; ich werde irgendwann wahrscheinlich in einer ähnlichen Situation sein...
-wenn DU das Bedürfnis hast, ein klärendes Gespräch mit deinem Vater zu führen, dann solltest du das tun.
-wenn du unsicher bist, sprich mit seiner Freundin. Sie wird dir sicherlich keine Vorwürfe machen
-wenn du davor Angst hast, sprich mit deiner Schwester; sie kennt Euch beide.
Ich wünsche Dir Mut und Kraft, sich der unangenehmen Situation zu stellen.simplemind
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Freunde sind Gottes Entschuldigung für Verwandte
George Bernhard Shaw
4.6.18

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07.04.2011, 07:32
AW: Mein Dad liegt im Sterben
Hallo Seehundbaby,
mein Vater ist 2009 gestorben.. an einer Lungenenzündung mit 61 Jahren.
Ich hatte nie einen wirklichen Draht zu ihm . Er war Alkoholiker und als Familienmitglied schwierig, als Vater nicht wirklich anwesend. Er rang damals 6 Wochen mit dem Tod .
Ich habe den Wunsch verspürt mich zu kümmern. Er lag allerdings im Koma (wachkoma). Ich hab ihn jede freie Minute besucht auf der Intensivstation. Hab seine (fremde) Hand gehalten. Ihm erzählt vom Tag. Er mußte ja zuhören... Aber sein Gesicht war entspannt, wenn ich da war . Ich spielte ihm seine Lieblingslieder per Mp3 vor.
Im Nachhinein, kann ich sagen das diese Zeit die engste Zeit in den ganzen 35 Jahren war, die ich je zu meinemVater erlebte . Mir tat das gut und es gab mir Frieden ... Und heut hab ich ihm sicher im Herzen .
Viel Kraft
Anomis"Ein Leben ohne Hund , ist verschenkte Zeit"
*Püppi Januar 2009*
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07.04.2011, 07:41
AW: Mein Dad liegt im Sterben
Vermutlich ist die Zeit, die Du noch haben kannst, nicht mehr lange. Vielleicht wäre es gut, nicht so lange nachzudenken oder abzuwägen, sondern einfach hinzugehen und nachzusehen, was möglich ist. Wenn es "schief" geht, mußt Du Dir hinterher kein Versäumnis vorwerfen und weißt, Du hast es versucht.
Ich wünsch Dir Kraft.
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07.04.2011, 09:15
AW: Mein Dad liegt im Sterben
Ich würde an deiner Stelle auch einfach hinfahren. Du hast nichts zu verlieren. Wie du sagst ist der Kontakt nicht so gut, der kann nur besser werden oder so bleiben.
Außerdem, wer weiß vielleicht wünscht sich dein Vater auch dich zu sehen nur traut er sich nicht dich anzurufen eben wegen eurer Beziehung zueinander.
Mehr als "nein, ich will nicht" kann er nicht sagen.
Und dann musst du im Nachhinein auch keine Gewissensbisse haben, von wegen du hast ihn im Stich gelassen.
Denn das hast du ja nicht, du hast es immerhin versucht. Wenn er das nicht möchte kannst du nichts dafür!
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07.04.2011, 09:57Inaktiver User
AW: Mein Dad liegt im Sterben
Seehundbaby, mit dem Tod wirst du in den nächsten Jahren noch öfter konfrontiert werden ...
Also ich finde, es gibt keine Entschuldigung nicht zu deinem Vater zu fahren.
Deine Gründe - sei mir nicht böse - hören sich für mich ziemlich egoistisch an. Fährst du nicht, wirst du es sicher bereuen. Und, man schafft psychisch mehr als man denkt!
Kopf hoch, suzie wong
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07.04.2011, 18:25
AW: Mein Dad liegt im Sterben
Liebe seehundbaby,
tut mir Leid, dass Du in dieser unschönen Lage bist
An Deiner Stelle würde ich auch hinfahren.
Oft malt man sich im Kopf Szenarien aus, die dann mit der Realität nicht viel zu tun haben.
Ich glaube, dass Dein Vater sich freuen würde, und Dir blieben eventuelle spätere Vorwürfe an Dich selbst erspart.
Kann es sein, dass Du Dich scheust, weil Du ihm als vermeintliche "Versagerin" nicht unter die Augen treten willst? Wegen eines abgebrochenen Studiums ist man noch lange kein Versager, mach das bitte nicht zu Deinem Gedankengut.
Ich wünsche Dir ganz viel Kraft!
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07.04.2011, 18:43
AW: Mein Dad liegt im Sterben
Liebe Seehundbaby,
ich würde an Deiner Stelle ebenfalls zu meinem Dad fahren. Vielleicht ist er in seiner persönlichen Entwicklung weitergekommen, weitergekommen, Deine Offenheit für ihn anzunehmen, die Chance zusammen zu nutzen. Das wäre das beste für Euch beide, diese Chance zu nutzen.
Wappne Dich innerlich, falls er sich nicht verändert haben sollte, was ich Dir / Euch nicht wünsche:
schlimmstenfalls meint er , Du kommst wegen eines eventuellen Erbes.
Bleibe bei Dir, bleibe unbeirrt bei Deinen Gedanken und Gefühlen, auch wenn das sehr schwer ist. Sage ihm ganz ruhig,was Dir wichtig ist.
Ich wünsch Dir die Kraft, die Du brauchst und dass Du den für Dich guten Weg siehst und gehst.
Mein Vater ist innerhalb sehr kurzer Zeit an einer bösartigen Erkrankung gestorben. Die Ärzte hatten Optimismus verbreitet, ich hatte nicht die Distanz in dieser Situation, kritisch wahrzunehmen.
So hatten er und ich leider diese Chance nicht, manches offen zu klären, was gut hätte geklärt werden können.
Alles Liebe für Dich!
brish
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08.04.2011, 19:13
AW: Mein Dad liegt im Sterben
Danke für eure Unterstützung.
Ich war gestern bei ihm im KH, heute wurde er "austherapiert" entlassen und da so etwas ja für den Kranken sehr anstrengend ist, waren wir heute nicht da.
Für mich war es eigentlich keine Frage, dass ich ihn besuchen werde, sondern es war die Angst vor den Reaktionen der anderen und da hab ich mir dann tatsächlich einen leisen Vorwurf anhören dürfen.
Mein Dad hat sich - soweit ich das beurteilen kann - gefreut, zumindest leuchteten seine Augen. Sein Zustand ist seit letzten Sonntag so schlecht geworden, dass er nicht mehr sprechen kann und sich auch kaum noch bewegen kann. Das Schlimme für mich ist derzeit, dass ich das Gefühl habe, dass er trotz ständigen "Wegnickens" aufgrund der Schmerzmittel, noch ziemlich klar im Kopf ist und sehr viel mitbekommt. Und ich stand gestern total hilflos da und wusste nicht, worüber ich reden sollte. Es wirkte alles so banal und unwichtig. Aber auch da wird sich ein Weg finden. Wobei ich für ihn hoffe, dass es jetzt ganz ganz schnell geht.


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