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    Was Mitmenschen von mir wahrnehmen

    Hallo,

    da ist etwas, das mich seit vergangenem Sonntag verfolgt und nicht ganz loslässt:

    Folgendes: Ich war bei meinen Eltern zu Besuch (wir sehen uns nur ca. 5 Tage pro Jahr). Ich überlege gerade, ob ich schon länger als zehn Minuten in ihrem Haus war, als mein Vater fragte: Wieviel hast Du denn zugenommen?

    Ich habe höflich "5 kg" gesagt. Warum eigentlich? Ich verstehe mich nicht. Ok, ich trage Größe 44 (seit etwa sieben Jahren) und jetzt ist es etwas mehr geworden. Würdet ihr eine solche Frage nicht als abwertend empfinden?

    Da war sehr viel in den letzten beiden Jahren: Eine anspruchsvolle Weiterbildung, die ich trotz Beruf und Familie gemeistert habe, drohende Arbeitslosigkeit (AG ging pleite), Zeitarbeit, ein ganzes Jahr Suche nach einem festen Arbeitsplatz, jemand schwer krankes in meinem nächsten Umfeld, eine Hypothek, für die ich alleine gerade stehe und zwei pubertierende Kinder. Nach und nach habe ich alles wieder ins Lot gebracht, so dass die Lage momentan entspannt aussieht. Das alles habe ich geschafft, ohne den Mut zu verlieren, doch zeitweise lag ich abends auf der Couch und schaffte den Weg ins Bett kaum. Dieser Kampf war nervenaufreibend und kräftezehrend.

    Natürlich hat mein Vater auch das wahrgenommen. Oder nicht? Ich frage mich, ob ich meinen Kindern gegenüber auch so rüberkomme, als fahnde ich stündlich nach ihren Unzulänglichkeiten, ohne je ihre guten Seiten und ihre Erfolge wahrzunehmen. Und ich muss lange nachdenken, bis ich draufkomme, wann mein Vater mich jemals ermuntert hat (ja, es gab tatsächlich vereinzelte Momente), wann er mir signalisiert hat, dass er meine Leistung anerkennt (nicht mich als Person, ich glaube, das gibt es nicht bei ihm. Jeder, der sein Leben anders lebt als er es sich vorstellt, macht etwas falsch). Ich weiß, ich sollte mich distanzieren und meistens gelingt es mir ganz gut. Wir wohnen ja auch 300 km voneinander entfernt. Ich habe ihm trotzdem regelmößig Widerworte gegeben (er meinte mal meinen Garten gestalten zu dürfen, das habe ich z. B. verhindert, oder er glaubte mal bestimmen zu dürfen, dass die Vogelnester auf meinem Balkon weg müssen) und kann mich so durchsetzen, dass ich auf meine Weise mein Leben habe. Aber von seiner Seite ein "Du bist ok, mein Kind." zu kriegen ist unmöglich. Und diesen Spruch am Sonntag... Ich krieg ihn einfach nicht aus dem Kopf.

    ratlose Hedwiga

  2. Inaktiver User

    AW: Was Mitmenschen von mir wahrnehmen

    Liebe Hedwiga,

    ich kenne das auch und es macht traurig. Mein Vater bemerkt auch nur Gewichtszunahmen und begrüßt mich mit dem Sätzen wie:
    Ach Gott!!! Du hast schon wieder zugenommen. Schau her, ich bin noch immer schlank, weil ICH nicht so viel esse.
    Ist der Koffer neu (den habe ich schon mind 5 Jahre)? Wenn du so dein Geld zum Fenster rauswirfst, dann wirst du als Renternin nichts mehr haben.
    Danach werden Uhr, Brille, Tasche im gleichen Stil berwertet.
    Er wertet schon immer alles ab. Nicht nur bei mir, sondern auch bei allen anderen. Grundsätzlich geht er davon aus, dass alle ihn belügen und betrügen.
    Mein Vater ist 85. Früher führten solche Äußerungen regelmäßig zum Streit. Heute versuche ich ruhig zu bleiben und sehe ihm seine Äußerungen nach.

  3. User Info Menu

    AW: Was Mitmenschen von mir wahrnehmen

    Hallo Hedwiga,

    ich finde die Frage Deines Vaters unmöglich und kann es sehr gut nachvollziehen, dass Du verletzt bist.

    Es gibt zwar Menschen, die solche Dinge aus einer gewissen Unsicherheit heraus fragen obwohl sie vielleicht lieber gefragt hätten, wie es einem wirklich geht, dies aber irgendwie nicht können, aber ich finde das ziemlich daneben.

    Wahrscheinlich solltest Du ihm das mal so sagen (direkt - dass Dich sowas verletzt und ob er eigentlich sieht, was Du alles gemeistert hast), und wenn er sich nicht ändert, das bei ihm lassen und Dich etwas distanzieren. Viele Dinge im Leben kann man ändern, andere nicht.

    Das ganze erinnert mich an eine Situation auf einem Familienfest bei mir. Mein Bruder hatte sehr viel Streß gehabt und in der Zeit ein paar Kilo zugelegt, und mein Vater sagte zu mir in einer ruhigen Minute unter vier Augen - "er hat durch den Streß etwas zugenommen, aber das darf man ihm jetzt bitte auf keinen Fall sagen, denn er hat ja schon genug um die Ohren gehabt die letzte Zeit und das würde ihn vielleicht verletzen." Ihm Nachhinein finde ich das jetzt richtig nett von meinem Vater. Wobei ich es eher normal finde, sich in andere reinzuversetzen.

    Versuch Dir das nicht so zu Herzen zu nehmen sondern stolz auf das zu sein, was Du alles auf die Beine gestellt hast.

    Lass Dich drücken,

    Lorraine

  4. Moderation

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    AW: Was Mitmenschen von mir wahrnehmen

    Liebe Hedwiga,

    dein Posting hat mich sehr nachdenklich gemacht. Mir ist (wieder einmal) aufgefallen, dass ich eigentlich, genauso wie du, immer noch und immer wieder, darauf warte, dass meine Eltern (bei mir sind es beide) mir gegenüber mal irgendetwas von dem anerkennen, was ich geleistet habe.

    Ich habe sie mein ganzes Leben lang als eher negativ kritisierend erlebt. Als Jugendliche habe ich so darunter gelitten, dass ich eine psychosomatische Krankheit entwickelte. Ich habe damals einen (Sicherheits-)Abstand zu ihnen entwickelt, den ich auch heute noch einhalte, allerdings in gemäßigter Form.

    Wenn sie uns (da war ich schon laaange erwachsen und hatte Familie) besuchten, schafften sie es, innerhalb der ersten halben Stunde ca. 5 abwertende Kommentare abzugeben. (Ich habe einmal mitgezählt.) Dass das Treppenhaus doch mal wieder geputzt werden müsste. Warum ich in der Hängevitrine Bücher aufbewahren würde, so ein Möbel gehörte doch eigentlich in die Küche. Diese Pflanze wäre doch hässlich, die hätte ich doch sicher nur behalten, weil mein Mann das so wollte. Die Sendung, die die Kinder im Fernsehen gucken würde, wäre doch nichts für 5jährige (es handelte sich um "Ferien auf Saltkrokan", und in der von ihnen beanstandeten Szene küssten sich zwei ). Usw. Alles keine großen Dinge, aber immer wieder diese kleinen Sticheleien.

    Und eben weil es Kleinigkeiten sind, neigt man selbst dazu, dieses Verhalten als Problem nicht ernstzunehmen.

    Sie sind jetzt 80 und 83, und es hat nun etwas nachgelassen. Altersmilde, vermute ich. Oder vielleicht doch irgendwann die Einsicht, dass ihre Tochter, die mittlerweile über 50 ist, wohl doch einige Dinge richtig gemacht hat im Leben.

    Nur: sagen würden sie das nach wie vor nicht. Sie kommen einfach nicht darauf.

    In der Phase der Trennung von meinem Mann hat es mich besonders verletzt. Erzählten mir tausenderlei Familiengeschichten aus der weitläufigen Verwandt- und Bekanntschaft, aber kamen nicht auf die Idee, ihre Tochter mal zu fragen, wie es ihr geht. Dafür kriegte ich mehrfach zu hören, dass es doch nicht nötig sei, dass wir zwei Wohnungen unterhielten, wäre doch klar, dass dann das Geld nicht reicht.

    Was ich dagegen getan habe?

    Ich fürchte, viel zu wenig. Mich zwar im konkreten Fall abgegrenzt, aber ich glaube im Nachhinein, dass das nicht sehr wirksam war. Es wäre sicher besser gewesen, ich hätte ein- oder auch mehrere Male gezielt das Gespräch mit ihnen gesucht. Ihnen auch deutlich zu verstehen gegeben, dass mich ihr Verhalten kränkt und verletzt.

    Hast du solch ein "Grundsatzgespräch" mit deinem Vater mal versucht? Meinst du, das wäre eine Möglichkeit?

    Natürlich hat mein Vater auch das wahrgenommen. Oder nicht?
    Vermutlich schon. Aber viele Leute der älteren Generation verfahren nun mal nach dem Motto: Nicht kritisiert ist genug gelobt.

    Wie alt ist denn dein Vater? Was ist mit deiner Mutter, verhält sie sich anders?


    Liebe Grüße,
    Analuisa


    PS: Ich finde übrigens deinen Strangtitel etwas irreführend - es geht doch hier nur um deinen Vater, oder? Oder sprichst du ein generelles Problem an?
    Geändert von Analuisa (09.06.2008 um 17:06 Uhr)
    Moderation in der Religion, der Politik und im Glücklicher Leben.

    ... und seit dem 16.11. unter demselben Nick bei Be Friends Online unterwegs

  5. Inaktiver User

    AW: Was Mitmenschen von mir wahrnehmen

    gerade weil sie uns so nahe sind, haben vorallem eltern ein grosses potential uns zu verletzen.

    bei jedem anderen würden wir es nicht so ernst nehmen und uns solche gedanken darum machen.

    lasse es hinter dir.
    ich habe das auch lernen müssen. meine eltern sind anfang 70.
    und je weniger ich mich von ihren urteilen abhängig mache- desto eher kann ich sie als menschen geniessen.

    du bist erwachsen, du bist ihm keine rechenschaft schuldig.

    wenn du schon sagst, es kommen immer wieder die gleichen oder ähnliche sprüche: dann lege sie dir parat und übe zu jedem satz mindestens 3-4 antworten.
    nicht frech, aber klar machend: ich bin erwachsen.

    und je unabhängiger du dich von ihrem urteil machst- desto freier bist du selbst.

  6. Inaktiver User

    AW: Was Mitmenschen von mir wahrnehmen

    liebe hedwiga!

    was? hat mein vater etwa NOCH eine tochter? bist du meine schwester?

    ich kann genau sagen, wann mein vater einmal etwas anerkennendes über etwas was ich erreicht habe, gesagt hat: einmal. da hatte ich einen job bei einer staatlichen organisation bekommen, die ihn (jahrzehnte zuvor) nicht genommen hatte. ansonsten ist es wie bei dir: wer sein leben anders lebt als er, 'spinnt'.

    es hat für mich ewig lange gebraucht, bis ich mich von meinem vater distanzieren konnte. (streng genommen klappt es heute noch nicht gut. ich warte immer noch auf ein 'hast du gut gemacht'.) ich habe ihn auch ewig lange vor mir selbst dafür verteidigt, dass er sich nie für irgendetwas interessiert hat, was ich als kind gemacht habe. wenn meine mutte rihn doch mal zu einer aufführung meiner theatergruppe schleppte, wurde der widerwille aber immer hyperdeutlich demonstriert.

    ich hab das immer verteidigt und gesagt 'ja, es interessiert ihn nun mal nicht, dann kann man das ja auch nicht erwarten.' bis mich eine freundin irgendwann mal darauf stieß, das man das erwarten KANN. sie fragte, ob ich eigentlich glaube, schulbasketball mache ihr spaß. sie gehe dahin weil ihr sohn dort spiele.

    ich glaube es ist immer ein entsetzlicher moment in dem man sich eingestehen muss, dass es nicht 'normal' ist, was die eigenen eltern da verbocken/verbockt haben. und in dem man sich auch eingestehen muss, dass man nach dieser elterlichen anerkennung immer gehungert hat und immer hungern wird, weil sie eben nicht kommt.

    mies.

    ich drück dich einfach mal ...
    emelie

  7. User Info Menu

    AW: Was Mitmenschen von mir wahrnehmen

    Hallo ihr Lieben,

    und hallo ihr "Schwestern im Geiste".

    Dass der Titel irreführend klingt, wurde mir auch bewusst, einen Tag nach dem Posting, doch ich wollte ihn nicht mehr ändern. Andererseits, nach so einer Gehirnwäsche-Aktion gerate ich schon mal ins Grübeln, ob alle in meinem (alltäglichen) Umfeld das vielleicht so sehen und es mir nur nicht sagen. Obwohl ich sonst eher nicht zu Selbstzweifeln neige. Nur afu dem Heimweg von meinen Eltern habe ich immer eine kleine Depression im Kofferraum.

    Etwas Positives hat es doch: Ich überdenke dann mein Verhalten meinen eigenen Kids gegenüber und mache mir klar, dass ich sie so NIE behandeln darf.

    Ein Grundsatzgespräch habe ich vor langer Zeit als Teenager mal mit meinem Vater geführt. Mein ältester Bruder hat schon als Kind sehr unter solchen Attacken gelitten. Er wurde als Jugendlicher psychisch krank und wird nie ein selbstbestimmtes Leben führen können. Mein Vater hat einmal behauptet, meine Mutter sei Schuld daran und dann habe ich ihm die Meinung gesagt. Es war einer der seltenen Momente, als mein Vater keine Erwiderung wusste.

    Meine Mutter ist anders. Aber sie ist harmoniesüchtig und möchte darum immer "dass alle sich lieb haben". Da mein Vater kein Interesse daran hat, wirkt sie immer auf uns andere ein, dass wir tun und sagen, was ihm in den Kram passt. Oder ich klage ihr meinen Kummer wenn ich mal gestresst bin, spüre auch Anteilnahme, jedoch am Ende des Gesprächs höre ich: "Das sage ich deinem Vater gar nicht..." Ich habe mir schon x-mal vorgenommen, gar nichts mehr zu erzählen, was mich bewegt, egal ob himmelhochjauchzend oder das Gegenteil. Wahrscheinlich sind dazu Freunde eher geeignet.

    Lieben Dank nochmal an euch alle

    H.

  8. User Info Menu

    AW: Was Mitmenschen von mir wahrnehmen

    @ Hedwiga
    Ich überlege gerade, ob ich schon länger als zehn Minuten in ihrem Haus war, als mein Vater fragte: Wieviel hast Du denn zugenommen?

    Ich habe höflich "5 kg" gesagt. Warum eigentlich? Ich verstehe mich nicht. Ok, ich trage Größe 44 (seit etwa sieben Jahren) und jetzt ist es etwas mehr geworden. Würdet ihr eine solche Frage nicht als abwertend empfinden?
    Auch wenn es sich um den Vater handelt – ich finde, so eine Frage ist eine Grenzüberschreitung. Was mit Verlaub geht es Deinen Vater an, wie viel Du zugenommen hast? Warum musst Du Dich vor ihm dafür rechtfertigen?

    Ein wohlwollender Vater würde ganz anders an diese Situation rangehen. Er würde zuhören, wenn Du erzählst, warum Du es in der letzten Zeit schwer hattest, ohne deswegen auf Dein Gewicht zu sprechen kommen. Ihm wäre es wichtiger, wie Du Dich fühlst, als wie Du aussiehst. Oder er würde aus Deinem veränderten Aussehen schließen, dass es Dir nicht gut gegangen ist. Er würde Dich aber auf keinen Fall auf diese Art und Weise unter Druck setzen, zu Deinem Aussehen Stellung zu nehmen!

    Ich konnte mich gegen die ständigen Herabsetzungen und Grenzüberschreitungen meines Vaters auch nie wehren. Heute könnte ich es, aber da er tot ist, habe ich dieses Problem nicht mehr. An Deiner Stelle hätte ich zu Deinem Vater gesagt: „Gibt es sonst noch etwas in meinem Leben, das Dich interessiert? Wenn ja, können wir vielleich darüber sprechen? Danke!“ Und wäre auf das Thema Gewicht mit keinem Wort mehr eingegangen.

    Du hast Dich Deinem Vater gegenüber wie die folgsame kleine Tochter verhalten, die seine Frage brav beantwortet. Du bist aber eine erwachsene Frau und hast das Recht, selbst darüber zu bestimmen, mit wem Du auf welche Art und Weise über Dein Gewicht redest.
    Liebe keinen, der nicht auch Dich liebt!

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