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    Mein Weg raus aus der Alkoholsucht - Sinclair Methode

    Hallo an all die lieben Seelen hier

    ich bin Jasmin 35 Jahre alt und Alkoholikerin. Ich habe bereits in dem Thread Tag 1 ohne Alkohol meine Geschichte erzählt und auch etwas drin geschrieben. Aber ich glaube mein aktuelles Thema passt dort nicht so ganz rein.

    Ich möchte hier gerne meinen Weg raus aus der Alkoholsucht festhalten um für andere die Option aufzuzeigen.

    Ich bekämpfe gerade meine Alkoholsucht seit knapp 6 Monaten mit der Sinclair Methode.

    Die Sinclair Methode basiert auf der These: Alkoholkrankes verhalten ist erlernt und kann auch wieder verlernt werden.

    Es wird ein Medikament (Naltrexon) immer eine Stunde bevor man Alkohol trinkt eingenommen. Naltrexon ist ein Opiatblocker. Dadurch werden die Endorphin Rezeptoren im Gehirn geblockt und Alkohol kann nicht die euphorisierende Wirkung entfalten die einen Suchtkranken dazu bringt immer mehr davon trinken zu wollen. Also es verhindert das Craving nach mehr und nach einer Zeit auch das Craving nach Alkohol allgemein. Da das Gehirn lernt, dass es vom Alkohol nicht mehr den Effekt bekommt, nach welchem es sich sehnt.

    Das Versprechen dieser Methode ist, dass das Verlangen Alkohol zu trinken mit jedem mal trinken immer mehr abnimmt und schlussendlich der Süchtige, wenn er denn möchte, auch vollständig auf Alkohol verzichten kann und das komplett zwanglos.


    Hier ein paar zusätzliche Informationen:

    How I overcame alcoholism | Claudia Christian | TEDxLondonBusinessSchool - YouTube
    Getting Started on The Sinclair Method - what is it, who is it for, how does it work - YouTube

    Ich habe mit dieser Methode vor ca. 6 Monaten gestartet. Seit dem habe ich unfassbare Erfolge erzielt. Meine komplette Geschichte erzähle ich hier ein anderes mal.

    Vor 6 Monaten habe ich noch alle 1-2 Wochen 2 Flaschen Wein getrunken und das ganz krankhaft, heimlich, versteckt vor meinem Mann... Ich war davor 1 knappes Jahr lang abstinent. In diesem Jahr habe ich gelernt wie schön das Leben ohne Alkohol ist und viele Erfahrungen sammeln können. Jedoch wich mir das Craving nie von der Seite und begleitete mich wie ein dunkler Schatten auf Schritt und Tritt...

    Bis ich schließlich darunter zusammenbrach und trank. Ich habe mich gehasst und habe mich aber nicht aufgegeben... weiter habe ich daran festgehalten das ich abstinent bleiben will aber höchstens 2 Wochen hat es gedauert und ich bin wieder eingeknickt. Mangelnde Willensstärke. Aber wie soll ich die auch erbringen wenn ich jeden Tag so viel Willenskraft aufbringen muss auf Alkohol zu verzichten. Alle paar Minuten kommt ein Gedanke darüber, Albträume plagten mich und in Situationen, in denen ich überfordert war oder psychisch labil war ich dem Alkohol praktisch ausgeliefert.

    Ich sah mich also bei meinem Hausarzt sitzen und schluchzend nach einer Suchttherapie bitten. Zu dem Zeitpunkt hörte ich in einem Podcast von der Sinclair Methode und dem Medikament und es kam neue Hoffnung in mir hoch. Lange habe ich recherchiert. Im deutschprachigen Raum gab es kaum Informationen. Ich habe sogar selbst phramazeutische Studienberichte darüber gelesen und mir alle Dokumentarfilme und Infos dazu rausgesucht. Ich hatte Ehrfurcht davor.

    Meine Gedanken waren:
    1. Wird es mir auch helfen oder treibt es mich noch weiter in den Ruin?
    2. Ich konnte mir irgendwie nicht vorstellen, dass ich diese Option, dass Alkohol mir so einen Höhenflug verleiht nicht mehr haben kann. (Ja obwohl er mich auch zerstört und der Absturz tausend mal schlimmer ist)
    3. Was wenn das Medikament schlimmere Nebenwirkungen hat? Schlimmere als Alkohol... haha ich glaube nicht...

    Ich konnte schließlich meine eigenen Zweifel beseitigen, denn nach einem weiteren Absturz war mir klar. Das kann ich mir so nicht mehr antun.

    Ich ging zu meinem Hausarzt und der hatte sofort Verständnis. Er hat schon davon gehört, allerdings in Zusammenhang mit einer anderen Therapie. Er vertraue mir jedoch und verschrieb mir das Medikament privat. Es kostete 130 Euro. Ich löste das Rezept ein und nahm das Medikament mit nach Hause. 3 Wochen und einen weiteren Absturz dauerte es noch bis ich mich traute es zu nehmen.

    Ich konnte mit einem weiteren starken Craving nicht schlafen und dachte mir.. jetzt ist es soweit. Ab heute nimmst du das Medikament und wirst nie wieder Alkohol ohne das Medikament anrühren.

    Ich nahm das Medikament wartete eine Stunde und öffnete mir eine Flasche Wein. Ich nahm sogar ein Glas... Ich nahm den ersten Schluck, wartete und nahm den zweiten und ich merkte nichts. Es fühlte sich alles so an wie immer. Dachte ich zu erst.

    Also trank ich weiter. Ich merkte wie ich angetrunken wurde... aber irgendwie war da etwas. Ich war viel klarer als sonst. Ich fand das Gefühl einfach neutral und nicht mehr überwältigend geil. Ich merkte ich bin müde, und angetrunken, ich war aber nicht unglücklich oder sonstiges. Ich fand das in dem Moment einfach nur massiv unnötig den Wein weiter zu trinken. Also hab ich ihn tatsächlich zu gemacht und weggestellt. Das Gefühl dieser Macht über meine eigenen Gedanken beflügelte mich komplett. Was war das??? Es hat sich so gut angefühlt.

    Leider hat Naltrexon in der ersten Zeit ein bisschen Nebenwirkungen. Mir war am nächsten Tag etwas schlecht und ich hatte keinen Appetit.
    Ich habe dann nach ca. 4 Tagen wieder getrunken und wieder war dieser Effekt. Das war noch ein paar mal so.

    Und dann gab es einen kleinen Dämpfer. Ich hatte im Urlaub ein ganz starkes Craving und habe mit Naltrexon getrunken, aber diesmal hatte ich Lust auf mehr. Danach gab es einen kleinen "Rückfall" und ich hatte regelmäßig starke Cravings und wollte mehr trinken als mir gut tat. Habe das dann auch gemacht und bin aber weiterhin bei der Tablette geblieben, da ich gelesen hatte, das sowas manchmal vorkommt. Kleine Fortschritte machte ich dennoch. Ich trank viel langsamer als früher und ich erreichte nie mehr den Punkt, an dem ich gar nicht mehr aufhören konnte. Meistens war spätestens nach einer Flasche Schluss. Ich konnte also irgendwie plötzlich rational denken.

    Und dann nach 2 Monaten mit dieser Methode hatte ich meine erste komplette Woche ganz ohne Cravings. Also wirklich so gar nicht. Wir waren in der Zeit sogar aus und Essen und es war mir egal. Ich habe einfach meine Cola getrunken und war ganz entspannt. Seit dem trinke ich nur noch alle 1 - 2 Wochen ca. an irgendeinem besonderen Anlass aber nie mehr als 3 Gläser Wein oder Sekt. Ich fühle mich so frei und so leicht. Ich kann es gar nicht beschreiben.

    Cravings habe ich noch und ich höre auch ganz genau auf sie und immer wenn ich ein Craving habe dann trinke ich auch. Natürlich nie ohne Naltrexon. Das gehört jetzt für immer zu mir. Ich hoffe ich werde es irgendwann nicht brauchen, weil ich auch keinen Alkohol mehr trinke, aber aktuell ist es noch mein Begleiter. Denn noch bin ich auch noch süchtig und muss auch wahnsinnig auf mich achten und vor allem auf meine schlechten Angewohnheiten bezüglich dem Alkohol:

    1. Immer trinken, wenn ich psychisch überfordert bin und mir alles zu viel wird.
    2. An sozialen Anlässen (das klappt allerdings schon mega gut ohne)
    3. Trinken wenn es etwas zu feiern gibt bzw. ich mich für etwas belohnen will.

    Ich werde bald eine Therapie starten um diese Situationen anders zu lösen als mit Alkohol.

    Hier möchte ich berichten wie es mir ergangen ist und vielleicht gibt es den ein oder anderen der das gerne lesen möchte oder vielleicht sogar mit macht und hier seine Erfahrungen schildern möchte.

    Ich empfinde das auf jeden Fall wie Magie und hoffe das dies mein Weg ist zur Abstinenz. Allerdings nicht eine Abstinenz in der ich mein Leben lang gegen das Craving kämpfen muss sondern eine Abstinenz ich der ich mich ganz zufrieden fühle und wo ich Alkohol nicht mehr brauche, weil er nur Gift für mich ist.

    Aktuell genieße ich allerdings noch meine gewonnene Freiheit und diese Macht die ich durch Naltrexon über den Alkohol habe.

    Zuletzt habe ich letzte Woche am Wochenende getrunken. Wir waren in einem noblen Restaurant Essen und ich hatte 1 Glas Sekt und zwei Gläser Wein. Meinen letzten Wein hatte ich allerdings fast komplett stehen lassen, weil ich keine Lust mehr hatte. Ich nahm an den Gesprächen teil und war so entspannt. Ein solcher Abend vor 1,5 Jahren wäre anders verlaufen. Ich wäre ganz besessen davon wie viel ich trinke und wann der Kellner denn noch mal nachschenkt und hoffentlich trinken die anderen auch noch weiter weil für mich ist kein Ende in Sicht...

    Aufgrund von Alkohol sterben jährlich über 70 000 Menschen alleine in Deutschland. Die Wissenschaft vernachlässigt das Thema, da die Alkoholindustrie viel zu groß und wichtig ist. Aber ein paar Menschen forschen daran und finden neue Wege. Die Welt entwickelt sich weiter und so auch die Therapien für Alkoholkranke. Die völlige Abstinenz ist nicht mehr die einzige Lösung.

    Ich weiß das Thema und auch die Methode sind kontrovers aber ich würde mir wünschen, dass ich hier nicht von vorne bis hinten kritisiert werde. Der Weg muss nicht für alle richtig sein. Ich möchte nur die Möglichkeit nutzen darüber zu berichten und eventuell andere Menschen die leiden und diesen Weg ggf. gehen möchten zu erreichen.

    Liebe Grüße und schönen start in die neue Woche

    Jasminchen
    Geändert von Jasminchen (17.11.2021 um 00:10 Uhr)

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    AW: Mein Weg raus aus der Alkoholsucht - Sinclair Methode

    Hallo Jasmin,
    ich hab mir Naltrexon auf Wikipedia angesehen, und ich finde, das klingt doch realistisch.
    Besonders gut finde ich, daß Du zusätzlich noch eine Therapie machen willst.
    Hier der Link:
    Naltrexon – Wikipedia
    Weiterhin viel Erfolg, bleib dran,
    Gruß, silvia12

    ps: und ich stimme Dir zu, daß das nicht unbedingt immer jedem hilft.

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    AW: Mein Weg raus aus der Alkoholsucht - Sinclair Methode

    Liebe Community und an alle ggf. stillen Mitleser,

    ich habe heute in meinem Email-Postfach gesehen, dass dieses Forum bald schließt. Daher wollte ich hier noch ein Update zu meiner Situation geben, falls es jemanden gibt, der ebenfalls diese Methode ausprobieren will oder gerade ausprobiert und der einen Erfahrungsbericht lesen möchte. Ich weiß nicht ob die Beiträge noch angezeigt werden, aber das Internet vergisst ja nie und vielleicht hilft es dem ein oder anderen.

    Mein letzter Beitrag ist nun über 3 Monate her und mein Leben hat sich noch mal um 180 Grad gedreht. Ich hatte gar kein Bedürfnis mehr hier zu schreiben da Alkohol für mich immer weniger eine Rolle spielt. Diese Methode war einfach Magie für mich und hat mich ehrlich aus dem absoluten Elend geholt. Aktuell trinke ich kaum noch. Hin und wieder mal bei einem Anlass oder einem guten Essen 1-2 Gläser und dann wieder und dann bin ich meistens froh nichts mehr zu trinken. Alkohol schmeckt mir nicht mehr und nur noch wenige ausgewählte Weine schmecken noch zum Essen. So schnell wie bei mir, funktioniert es natürlich nicht bei jedem, es kann bis zu 18 Monaten dauern. Aber ich glaube sogar am Ende wirkt diese Methode bei allen wenn man es richtig und aufrichtig anwendet. (1 Stunde vor dem Trinken 50 mg Naltrexon ohne Ausnahme!)

    Oft denke ich gar nicht mehr an Alkohol und was für mich der größte Impact war: Ich habe es ganz ohne Therapie geschafft plötzlich mit brenzligen Situationen umzugehen. Wenn es mir schlecht geht oder mein Tag, meine Woche, meine Wochen stressig waren und ich kaum noch Luft zum atmen habe, denke ich tatsächlich nicht mehr ans trinken. Ich weiß nicht was da mit meinem Gehirn passiert ist aber es spielt einfach keine Rolle mehr.
    Ich muss natürlich nach wie vor lernen wie ich gesund aus solchen stressigen Zeiten rauskomme. Aktuell esse ich süßes oder verkrieche mich im Bett mit einer Serie und heule rum, oder bin einfach nur wochenlang schlehct drauf. Ich habe noch nicht ganz eine Möglichkeit gefunden die nachhaltig wirkt. Vielleicht versuche ich es mit Meditieren. Dennoch ist es für mich einfach unfassbar, habe ich mich doch früher sofort komplett aus dem Leben geschossen wenn es mir so ging und jetzt schüttelt es mich bei dem Gedanken Alkohol trinken zu MÜSSEN.

    Ich bin mir ziemlich sicher ich hätte den Punkt ohne Naltrexon und der Sinclair Methode nie oder nur sehr erschwert erreicht.

    Allerdings man verzichtet natürlich auch! Ich habe nie wieder diese "schnelle" Lösung die Alkohol war. "Unglücklich? Dann trink schnell was und es geht dir wieder besser und du kannst lachen." Bis wieder das böse Erwachen kommt... Die schnelle Lösung habe ich nicht mehr und auch den Rausch nicht mehr. Ich habe auch kurz gebraucht um den Gedanken zu akzeptieren und loszulassen. Aber das was ich gewonnen habe, ein lebenswertes Leben, ist so viel mehr Wert als der kurze Rausch. Und ich muss kein Leben in Verzicht leben, wenn ich nicht will.

    Ich kann weiterhin meinen Freundeskreis behalten und kann weiterhin guten Wein zu gutem Essen geniessen oder mal einen Sekt zum Anstoßen. Wobei ich auch da immer öfter zur alkoholfreien Variante greife weil ich das Gefühl völlig frei und klar zu sein einfach lieben gelernt habe.

    An jeden der noch keinen anderen Weg gefunden hat und auch noch immer nicht Abstinent ist. Versucht es. Ihr habt nichts zu verlieren.

    Liebe Grüße und ganz viel Kraft an alle Kämpfer da draußen.

    Ich genieße mein neues Leben weiterhin und lebe es in vollen Zügen.

    Eure Jasmin

    P.S. Falls jemand das Bedürfnis hat sich privat zu dem Thema auszutauschen oder mehr Infos auf deutsch zu bekommen dann meldet euch doch gerne bis zum 13.12. per PN und wir tauschen Kontaktdaten aus. Da man sich hier ja nicht mehr schreiben kann.

    Ansonsten kann ich allen interessierten mit Englischkentnissen den YouTube Kanal Embody Daily ans Herz legen.

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