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  1. Registriert seit
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    Möglicher Missbrauch in Familie ansprechen?

    Hallo,

    ich (m, 34) befinde mich derzeit seit rund vier Monaten in Psychotherapie. Dass eine Therapie für mich notwendig ist, wurde mir klar, als meine Frau und ich zu jenem Zeitpunkt in eine Ehekrise geschliddert sind, in welcher wir uns derzeit noch befinden.

    Um die Krise zusammen zu fassen: Meine Frau (32) sieht uns als beste Freunde, da der Sex vollkommen aus der Ehe verschwunden ist. Sie bezog das die ganze Zeit auf sich, sie dachte, ich finde sie nicht mehr attraktiv. Zeitgleich mit der schwindenden Sexualität habe ich zudem angefangen zu Klammern, kam nicht mehr alleine mit mir selbst klar und wurde kontrollierend. Meine Frau und ich fühlen uns emotional stark verbunden, wir können uns nicht endgültig trennen, schlafen derzeit aber in getrennten Betten und sind etwas auf Abstand gegangen. Zwischenmenschlich klappt es zwischen uns aber sehr gut.

    Die Therapie habe ich angefangen, um das Klammern loszuwerden und wieder mehr Selbstbewusstsein zu gewinnen. Ich dachte, die fehlende Sexualität wurde durch mein fehlendes Selbstbewusstsein und Zwangsgedanken verursacht, da ich Angst davor habe, im Bett zu versagen.

    Im Rahmen der Therapie wurde mir jedoch klar, dass ich schon immer Probleme mit Sex habe, ich habe insbesondere ein riesen Problem, Frauen intim zu berühren, insbesondere an der Vagina. Auch habe ich ein Problem, den ersten Schritt zu machen, da ich denke, Berührungen etc. mit dem Ziel, Sex zu haben, seien etwas "böses" oder "schmutziges". Das hat mich in der letzten Zeit sehr zerrissen, da ich sehr oft sexuell erregt bin, meine Frau extrem anziehend finde, mich aber nicht "traue" Sex zu haben. Probleme solcher Art habe ich schon immer. Aus welchen Gründen auch immer, wirke ich anscheinend auf Frauen irgendwie anziehend. Während meiner Singlezeit habe eindeutige Situationen, in denen sehr attraktive Frauen mit mir offenkundig Sex haben wollten, abgebrochen mit waghalsigen Begründungen, wie "Ich habe mir den Magen verstimmt" oder "Ich habe einen Migräne-Anfall". Mit meiner Frau wollte ich damals erst gar nicht zusammen kommen, da ich wusste, dass eine Beziehung bedeutet, Sex haben zu müssen. Die ersten drei, vier Jahre lief es auch ganz gut, einfach weil ich auch meine Frau extrem anziehend finde. Irgendwann bin ich dann jedoch "eingebrochen" und Sex stellte für mich etwas belastendes dar.

    Mein geringes Selbstwertgefühl, meine Kontrollzwänge und das Klammern waren gepaart mit meinem gestörten Verhältnis zu Sex für meine Therapeutin ein Warnsignal. Und tatsächlich, wenn ich in mich gehe, gibt es gewisse Gedanken bzw. Erinnerungen, die im tiefen Nebel meines Unterbewusstseins "umherwabern". Das sind insgesamt vier Situationen, die ich meine als kleiner Junge erlebt zu haben als ich bei meinem Opa auf dem Bauernhof war. Die Erinnerungen geben keine aktiven Missbrauchshandlungen her, ich sehe auch keinen Täter, ich sehe mich, meist aus der Perspektive eines Dritten bspw. mit heruntergelassener Hose auf einem Feld oder auf dem Traktor sitzend. Ich möchte jetzt nicht zu sehr in die Einzelheiten gehen. Wenn ich an diese Situationen denke, kommen in mir Gefühle der Beklemmung auf, ich fühle mich unruhig und angespannt. Das Problem ist derzeit, dass trotz intensivem Bohren derzeit keine weiteren Erinnerungen kommen und ich noch nicht einmal sagen kann, ob diese tatsächlich statt gefunden haben. Meine Therapeutin meint jedoch, dass sehr viel auf missbräuchliche Handlungen, bspw. das Berühren meines Penisses, hindeutet.

    Ich kann das derzeit noch nicht wahr haben. Mein Opa ist seit 15 Jahren tot, er war für mich so etwas wie mein bester Freund und ich habe alle meine Sommerferien bei ihm verbracht. Und wie gesagt: Ich kann mich an keine akute Missbrauchshandlung erinnern. Jedenfalls wird es für mich zunehmend schwer, diese Ergebnisse vor meinen Eltern geheim zu halten. Jedoch habe ich - im Auftrag meiner Therapeutin - oft Nachfragen an diese über Zeiten, an die ich mich nicht mehr so recht erinnern kann. Es fällt mir mehr und mehr schwer, um den heißen Brei herumzureden, zu verheimlichen, warum ich etwaige Informationen haben möchte etc. Ich habe auch grundsätzlich das Bedürfnis, mit meinen Eltern, zu denen ich ein sehr gutes Verhältnis habe, darüber zu sprechen. Andererseits möchte ich kein massives Gerücht in die Welt setzen, wie gesagt, ich kann mich an keine Missbrauchshandlung erinnern. Ich habe auch Angst davor, die Familie zu spalten. Gerade jetzt in dieser Situation. Ich habe immer noch Angst, meine Frau zu verlieren, wenn ich dann auch noch Krach mit meinen Eltern habe, würde ich das kaum verkraften.

    Was meint ihr? Danke.


  2. Registriert seit
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    AW: Möglicher Missbrauch in Familie ansprechen?

    Lass dir bloß nichts in dich reintherapieren.

    Die Bilder können im Kopf entstehen, weil wir heutzutage viel lesen und dann unangenehme Gefühle aus anderen Situationen mit diesen Bildern vermengen.

    Dazu gibt es auch Bücher von einer Frau, die solchen vermeintlichen Erinnerungen auf den Grund geht. Die war mal bei Lanz.



  3. Registriert seit
    02.08.2006
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    AW: Möglicher Missbrauch in Familie ansprechen?

    ja, es gibt "Pseudo- Erinnerungen"

    Aber tatsächlichen Mißbrauch gibt es auch.

    Lieber Interpolis,
    es scheint, das du ganz schön unter Druck stehst.

    Zwischen den Zeilen lese ich, das du einerseits den Wunsch hast, mit deiner Familie offen zu reden?
    Und deutlich von dir formuliert die Sorge, etwas falsches in die Welt zu setzen.
    Von außen kann man nichts raten, denke ich.

    Fakt ist, es geht dir nicht gut, Fakt ist, es hat einen sexuellen Hintergrund.
    Was geschehen ist?
    Ich möchte dich nur ermutigen, dich und deine Gefühle ernst zu nehmen.

    Falls du mit der Familie redest, ist einiges möglich:
    (ich erzähl jetzt mal ein paar Situationen, die mir von anderen zu diesem Thema berichtet wurden:

    - Sie reagieren feindlich. Weil nicht kann, was nicht sein darf.
    - Sie reagieren feindlich, Weil es wahr ist, sie es wissen, und sich schuldig fühlen.
    - Sie reagieren offen: Was meinst du denn? Wie kommst du darauf?

    Eine interessante Geschichte hab ich gehört:
    Eine junge Frau hat Erinnerungen an Mißbrauchserlebnisse (auch einen Opa betreffend).
    Sie spricht sich mit ihrer Familie, Eltern und Geschwistern, aus.
    Und heraus kam, das sie das wußten, weil eine Schwester mal eine komische Situation beobachtet hat und es den Eltern erzählte. Diese haben dann den Opa konfrontiert. Damit endete dann der Mißbrauch.
    Nur: dem betroffen Kind wurde nix gesagt... Sie hatte jahrelang Angst und ein Geheimnis und wußte nicht, das es vorbei war.

    Also: alles ist möglich.
    Was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem andern zu!
    Geändert von kaffeesahne (04.01.2019 um 01:00 Uhr) Grund: geändert


  4. Registriert seit
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    AW: Möglicher Missbrauch in Familie ansprechen?

    Hallo,
    Danke schon mal für die Antworten. Ich möchte nur einem Missverständnis vorbeugen: diese Szenen, die ich im Kopf habe, habe ich nicht erst seit der Therapie, sondern diese habe ich schon, seit ich denken kann.

    Was mich etwas beuruhigt: mein Cousin (45), der mit seinen Eltern in einem weiteren Haus neben dem Bauernhof wohnte und viel öfter dort war, hatte bis heute noch keine Freundin, lebt vereinsamt und kann keine Nähe zulassen.


  5. Registriert seit
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    AW: Möglicher Missbrauch in Familie ansprechen?

    Willst du mal mit dem Cousin reden?

    Ich verstehe, das dir das Thema jetzt unter den Nägeln brennt.
    Aber nimm dir Zeit!
    Oft ist es so, das das Maß an Erinnerung kommt, das die Seele, die Psyche grad verarbeiten kann.

    Fühlst du dich bei der Therapeutin gut aufgehoben?

    Mal ein ganz anderer Gedanke: In deiner Ursprungsfamilie, wie war da die Einstellung zur Sexualität?
    Gehört sie zum Leben? oder ist sie böse? Evt. aus religiösen Gründen?
    Was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem andern zu!

  6. Avatar von Ulina
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    AW: Möglicher Missbrauch in Familie ansprechen?

    Zitat Zitat von Cara123 Beitrag anzeigen
    Lass dir bloß nichts in dich reintherapieren.

    Die Bilder können im Kopf entstehen, weil wir heutzutage viel lesen und dann unangenehme Gefühle aus anderen Situationen mit diesen Bildern vermengen.
    Was glaubst du warum die Verjährungsfrist für sexuellen Missbrauch an Kinder verlängert wurde?
    Das wurde nicht gemacht, weil Opfer eine rege Phantasie haben, sondern weil der Missbrauch in vielen
    Fällen "vergessen" wurde und erst viel später bruchstückweise in die Erinnerung zurück kommen.

  7. Avatar von linsemo
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    AW: Möglicher Missbrauch in Familie ansprechen?

    Zitat Zitat von Interpolis Beitrag anzeigen
    Hallo,
    Danke schon mal für die Antworten. Ich möchte nur einem Missverständnis vorbeugen: diese Szenen, die ich im Kopf habe, habe ich nicht erst seit der Therapie, sondern diese habe ich schon, seit ich denken kann.

    Was mich etwas beuruhigt: mein Cousin (45), der mit seinen Eltern in einem weiteren Haus neben dem Bauernhof wohnte und viel öfter dort war, hatte bis heute noch keine Freundin, lebt vereinsamt und kann keine Nähe zulassen.
    Wäre es möglich, daß du mit dem Cousin reden kannst.

    Also ich finde das ist ein schwieriges Thema, um es in der Familie anzusprechen. Warte doch erst mal ab, was sich bei der Therapie ergibt. Vielleicht sind die Sachen so verschüttet, daß es längere Zeit braucht, bis sie wieder ans Tagesicht kommen.
    Und immer wenn wir lachen, stirbt irgendwo ein Problem.
    Dornröschen hätte gar keinen Prinzen gebraucht, nur einen starken Kaffee
    Friedvoll zu sein bedeutet, von Erwartungen frei zu sein und nichts von anderen zu wollen.
    Wenn du jemand anderem vergibst, dann tust du dies deinetwegen, nicht weil der andere das verdient. (Doris Wolf, Psychotherapeutin)

  8. Inaktiver User

    AW: Möglicher Missbrauch in Familie ansprechen?

    Eine Freundin von mir bekam mit etwa 40 Jahren Depressionen und ging in Therapie. Bei der Therapie kam so nach und nach raus, dass sie mit neun Jahren missbraucht worden ist. Es hat lange gedauert, bis sie auch wusste, wer es war. Sie hatte es total verdrängt und nichts mehr davon gewusst bis eben zur Therapie, sie war insgesamt acht Jahre in Therapie. Zuerst drei bis vier mal in der Woche, später immer weniger, zuletzt nur nach Bedarf.
    Kinder verdrängen es oft so sehr, dass sie nichts mehr davon wissen, leiden aber dennoch.

  9. Avatar von linsemo
    Registriert seit
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    AW: Möglicher Missbrauch in Familie ansprechen?

    Ich bin im Alter von 4 oder 5 Jahren von einem Nachbarn angefaßt worden und wußte das nicht mehr. Bis ich eines Tages mit dem Rad in der Gegend wo wir wohnten unterwegs war, da ist mir das auf einmal eingefallen als ich an der Straße stand. Ich glaube da war ich auch so um die 40.
    Und immer wenn wir lachen, stirbt irgendwo ein Problem.
    Dornröschen hätte gar keinen Prinzen gebraucht, nur einen starken Kaffee
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