Ich war mit meinem Freund fast zwei Jahre zusammen. Wir wohnten nicht zusammen und ich bin zum Glück finanziell unabhängig.
Das erste Jahr lief es gut. Alkoholkonsum, Depressionen, Stimmungsschwankungen und paranoide Unterstellungen fielen dann immer häufiger auf.
Am Anfang unserer Beziehung hatte er noch einen Job und trank nur am Wochenende, jedoch zusammen mit seinem Freund exzessiv. Wenn wir mal zusammen das Wochenende verbrachten, trank er auch, aber weniger, da ich überhaupt keinen Alkohol trinke.
Dann wurde er wegen Depressionen fast ein Jahr lang krank geschrieben. Danach kündigte er und bezieht nun alg1.
In der Zeit der Krankschreibung fing er an, noch mehr zu trinken, interpretierte Sätze und Gesichtsausdrücke falsch, zettelte Streit an, machte ständig Schluss, wurde unnahbar, meldete sich seltener und verbrachte nun fast alle Wochenenden mit seinem Sauf-Freund. Als mir seine verbale Aggressivität meine Authentizität nahm und ich wie auf Eiern laufen musste, beendete ich die Beziehung.
Er war darüber erleichtert, da er sich selbst nicht in der Rolle des cholerikers gefiel, aber nicht anders kann, wenn ihm Menschen nahe stehen. Außerdem ist er froh, keine Erwartungen mehr erfüllen zu müssen. Obwohl ich sehr tolerant war; für ihn war es schon eine Belastung, sich einmal am Tag schriftlich zu melden.
Er macht zum Glück keine Versuche, mich zurück zu erobern und reflektiert, dass er nicht beziehungsfähig ist.
Wir sind noch befreundet, sehen uns ca einmal die Woche und er kann wieder der sympathische Mensch sein, den ich einst kennen gelernt habe. Ich denke, er weiß, dass er seine Verhaltensauffälligkeiten nur im Griff hat, wenn er Menschen selten sieht. Er betont, dass er gerne alleine ist und niemanden braucht.
Sein Sauf-Freund und ich sind seine einzigen sozialen Kontakte. Er verlässt die Wohnung nur noch zum Einkaufen.
Wenn ich ihn besuche, ist es Glücksache wie er drauf ist. Mal wirkt er depressiv, sitzt mit starrer Miene schweigend da und nimmt mich kaum wahr.
Manchmal ist er auch zugewandter und kommunikativer. Dann kann man mit ihm Musik hören, kochen und einen schönen Abend haben.
Eine Therapie möchte er nicht machen, auch nimmt er nicht die antidepressiva, die sein Arzt ihm verschrieb.
Seinen Alkoholkonsum sieht er realistisch. Aber er möchte nicht aufhören, weil er sich dadurch besser fühlt. Ich quatsche ihn da nicht rein, weil das seine Entscheidung ist. Das war auch schon während unserer Beziehung so.
Von sich aus meldet er sich bei keinem, er reagiert nur. So rufe ich alle paar Tage an und schlage ein Treffen vor. Manchmal zeigt er darüber Freude, manchmal wirkt er gleichgültig.
Es ist schwer zu beurteilen, ob er zu depressiv ist, um sich selbst zu melden, sich aber trotzdem über meine Anrufe und Besuche freut.
Oder ist ein kontaktabbruch besser, damit er etwas an seiner Situation ändert? Ich will niemanden erziehen, aber mache ich mich womöglich dadurch "schuldig", indem ich ihm soziale Kontakte ermögliche und so seine Sucht und Passivität unterstütze?
Andererseits: soll man jemanden mit Depressionen und Alkoholproblem fallen lassen?
Wenn ich ihn dazu befrage, ob ich mich weiter melden soll, kommt nur: "Ich weiss nicht".
Antworten
Ergebnis 1 bis 10 von 31
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15.10.2018, 09:43Inaktiver User
Kontakt halten zu trinkenden und depressiven Menschen?
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15.10.2018, 11:04
AW: Kontakt halten zu trinkenden und depressiven Menschen?
ICH würde ihn fallen lassen.
ICH würde ihn als kraftraubend empfinden und mir lieber selbst ein schönes und angenehmes Leben machen und mich mit Freunden umgeben, denen sowohl ihr eigenes als auch mein Wohlbefinden am Herzen liegt.
Er hat sich entschieden mit seiner Sucht und seiner Depression zu leben.
Du musst entscheiden ob du ebenfalls mit seiner Sucht und seiner Depression leben willst - ich täte es nicht.Freiheit ist, wenn jeder sich auf seine Art zum Deppen machen kann.
.... und das demnächst auf www.befriendsonline.net/
Profilbild © edwardbgordon
Moderation: "Rund um den Job", "Mietforum" und "Selbstständige, Freiberufler & Co"
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15.10.2018, 11:05
AW: Kontakt halten zu trinkenden und depressiven Menschen?
Schwierig, liebe Blumenfrau.
Nachdem er sich so klar positioniert, indem er sowohl die Behandlung
ablehnt als auch zu seinem Alkoholkonsum steht, wirst Du vermutlich
nichts bewirken können in Richtung Umdenken. Die Einsicht(en) müssten
von ihm selbst kommen.
Wenn Du ihn so akzeptieren kannst, wie er aktuell ist, dann spricht nichts
dagegen, den Kontakt weiter hin mit ihm zu pflegen.
Ihr mögt einander ja, denke ich.
PS, angelehnt an das Posting von @Promethea:
an Deine eigene Substanz darf es jedoch nicht gehen, das sollte klar sein.
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15.10.2018, 11:14Inaktiver User
AW: Kontakt halten zu trinkenden und depressiven Menschen?
Danke für eure Antworten.
Ändern möchte ich ihn nicht, es ist ja seine Entscheidung. Aber natürlich möchte ich seine Krankheit auch nicht verschlimmern oder stabilisieren, in dem ich den Kontakt halte.
Da ich ihn nur noch einmal die Woche sehe, hält sich die Belastung für mich in Grenzen. Als wir noch zusammen waren, war das natürlich anders. Ich hatte viele selbstzweifel und sein abweisendes verhalten verletzte mich. Es dauerte eine Weile, bis ich es nicht mehr auf mich bezog, sondern auf seine Krankheit. Seine beziehungsvita bestätigt das auch.
Ich mache mir noch Gedanken, aber ich konzentriere mich mittlerweile wieder auf Job, Freundeskreis und Hobby. Häufiger als einmal die Woche würde ich ihn nicht mehr sehen können.
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15.10.2018, 11:18
AW: Kontakt halten zu trinkenden und depressiven Menschen?
Ich würde mal eine Pause von drei Monaten machen .... ich könnte mir gut vorstellen, dass du dann erst merkst, wie hoch die emotionale Belastung ist, die du bei den wöchentlichen Treffen gar nicht mehr realisierst.
Freiheit ist, wenn jeder sich auf seine Art zum Deppen machen kann.
.... und das demnächst auf www.befriendsonline.net/
Profilbild © edwardbgordon
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15.10.2018, 12:10Inaktiver User
AW: Kontakt halten zu trinkenden und depressiven Menschen?
Ich hatte auch viele Suchtprobleme in meinem Umfeld. Ein früherer Partner, den ich nach 6 Jahren verlassen habe, war auch auf dem Weg zum schweren Alkoholiker. Ich hätte gerne im Anschluss noch etwas Kontakt gehabt, weil ich ihn als Menschen geschätzt habe, allerdings war ihm sein "Absturz" wohl peinlich mir gegenüber. Ein anderer Freund wurde mit den Jahren immer unangenehmer und rief mich zum Schluss gerne Nachts im Brausebrand an, um mir zu erklären wie undankbar ich sei - daraufhin habe ich den Kontakt komplett angebrochen und als drittes mein Opa, der sein Kriegstrauma nicht überwinden konnte. Ich habe ihn trotz allem sehr geliebt.
Wenn er Dir als Mensch wertvoll ist und ihr eine Freundschaft auf Augenhöhe führen könnt würde ich den Kontakt halten. Es ist für einen Suchtkranken immer vorteilhaft einen "normalen Menschen" im Freundeskreis zu haben, um das eigene Verhalten abgleichen zu können. Schau nur genau auf Dich. Sobald Du Dich unwohl fühlst, würde ich auf Distanz gehen. Informier Dich über Baclofen - das könnte Deinem Freund helfen, wenn er es wünscht.
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15.10.2018, 14:33
AW: Kontakt halten zu trinkenden und depressiven Menschen?
Na ja, retten kannst du ihn nicht.
Du fragst, ob ein Kontaktabbruch besser ist, wird er dir vorgeschlagen dann willst du das nicht und möchtest ihn weiter besuchen. Dann weißt du doch, was du willst, warum fragst du?
Ich kann dir sagen, was ich machen würde. Ich kann Besoffene nicht ausstehen, mit Depressiven komme ich nicht zurecht, damit ist alles gesagt.Geändert von linsemo (15.10.2018 um 14:42 Uhr)
Und immer wenn wir lachen, stirbt irgendwo ein Problem.
Dornröschen hätte gar keinen Prinzen gebraucht, nur einen starken Kaffee
Friedvoll zu sein bedeutet, von Erwartungen frei zu sein und nichts von anderen zu wollen.
Wenn du jemand anderem vergibst, dann tust du dies deinetwegen, nicht weil der andere das verdient. (Doris Wolf, Psychotherapeutin)
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15.10.2018, 16:23Inaktiver User
AW: Kontakt halten zu trinkenden und depressiven Menschen?
Ich habe nicht geschrieben, dass ein kontaktabbruch nicht in frage kommt. Nur das es mich nicht sonderlich belastet, ihn zu besuchen - wenn es nicht zu häufig ist.
Ein Abwägen der Vor- und Nachteile muss erlaubt sein, bevor man einen kranken Menschen fallen lässt.
Aber wenn es für ihn besser ist, würde ich das machen. Ich hatte mal gelesen, dass man nur so helfen kann. Andere Quellen zu dem Thema sagen, dass man es nicht tun soll, aber liebevolle Distanz halten soll.
Mich hätten persönliche Erfahrungen zu dem Thema interessiert.
Die Idee, sich einige Monate nicht zu melden, ist nicht schlecht.
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15.10.2018, 16:57
AW: Kontakt halten zu trinkenden und depressiven Menschen?
Was war zuerst da ...der Alkohol oder die Depression?
Die berühmte Frage nach der Henne und dem Ei.
Aus eigener Erfahrung sage ich dir, dass ich anfangs unter Alkohol Konakte gesucht und gewollt habe, je länger und je mehr ich trank, desto besser fand ich es, wenn mich keiner "belästigte".
Ich habe Kontakte auch als Last empfunden, obwohl ich sie haben musste wegen meiner Kinder.
Ohne die Kinder hätte ich mich so abgeschossen, dass sich auch gar keiner mehr in meine Nähe getraut hätte, nehme ich an.
Ich kann dir nicht sagen, was du machen könntest ...aber ich bin meinen Bekannten noch heute dankbar, dass sie mich in Ruhe gelassen haben.
Sie konnten mir nicht helfen, auch wenn sie das gern gewollt hätten ...ich wollte mir auch nicht helfen lassen.
Für Aussenstehende ein furchtbar belastendes Gefühl, helfen zu wollen und nicht zu können
Bei mir musste erst richtig was passieren (mit mir) dass ich dann gerannt bin, um Hilfe zu bekommen.
Ich hab sie bekommen und bekomme sie auch heute noch, wenn ich sie brauche.
Ich brauchte fachliche Hilfe und war nach dem für mich schrecklichen Ereignis auch bereit und willig, alles anzunehmen, was an Hilfe zu kriegen war.
Während der Entgiftungzeit wollte ich absolut keinen Besuch, auch nicht von meinen Kindern, sie kamen aber trotzdem.
Ich konnte das gerade noch so ertragen ...aber mehr auf keinen Fall!!!
Während der Therapiezeit hatte ich überhaupt keinen Kopf für irgendwelche Anliegen oder Besuche von draussen ...es hat mich einfach gestört, weil es für mich wirklich harte Arbeit war und ich meine wiedergewonnene, "kostbare Zeit" nicht mit irgendwelchen Rechtfertigungen oder Genesungswünschen verbringen wollte.
Etwas später brauchte ich "Begleitung" für behördliche Dinge, ich hätte das zwar auch alleine gekonnt, aber es war toll, dass all die Menschen, die ich vor den Kopf gestossen hatte, immer noch für mich da waren, für dies oder das.
Mir war es genau recht, dass während meiner depressiven Trinkerkarriere keiner, aber auch wirklich keiner, bei mir zuhause aufschlug.
Ich war garstig, abweisend und vielleicht sogar verletzend ...ich weiss es nicht.
Wollte ich gar nicht sein, ich konnte aber nicht anders... damals.
Und KEINER hätte mich von etwas anderem überzeugen können.
Einige haben es oft genug versucht und dann enttäuscht aufgegeben.
Mach eine Besuchspause, schau, wie es dir damit geht?
Vielleicht kriegst du dann auch mit, wie sehr belastend auch dein ISTzustand ist?
Wenn dein Freund was will, wird er sich schon melden, auch wenn er sagt, dass er das nicht tut.
Du bindest dir einen Klotz ans Bein, von dem du dich eines Tages nur schlecht erholen kannst, weil er sich tief in dich reingefressen hat ...und du hast es nichtmal bemerkt.
Sollte dein Freund je was unternehmen wollen in Richtung gesundwerden und er bittet dich umHilfe, dann könntest du ihn begleiten.
Andernfalls ist es vielleicht besser, du siehst gar nicht erst, wie er sich kaputtsäuft ...du kannst es nicht verhindern (was du ja auch nicht willst, sehr klug)
auch wenn diese Sache tragisch verläuft, du bist für nichts verantwortlich!
Sei für DICH da!
Es ist immer JETZT
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15.10.2018, 17:02Inaktiver User
AW: Kontakt halten zu trinkenden und depressiven Menschen?
Ich würde es lassen.
Wieso willst du unbedingt festhalten an einem Süchtigen? Wozu? Er will nicht mal Hilfe?


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