Hallo,
kann es wirklich sein, dass man einen sexuellen Missbrauch über viele Jahre komplett vergißt? Ich erinnere mich "nur" an einen nichtväterlichen Kuss, habe viele Jahre gar nicht daran gedacht und nun taucht plötzlich die Erinnerung an die konkrete Situation häufiger auf und eine Ahnung, dass da noch irgend etwas war - ich kann mich aber an nichts sonst erinnern und möchte auch nichts herbeireden. Ich fühle mich schuldig, weil ich diesen Verdacht überhaupt habe, auf der anderen Seite wäre es wichtig für mich das zu klären. Gibt es hier jemand, der erst sich erst viel später erinnert hat, und wodurch wurde die Erinnerung ausgelöst, was sind Anzeichen/Schwierigkeiten im Alltag?
Antworten
Ergebnis 1 bis 10 von 22
-
16.02.2007, 12:44
Ahnungen, Bilder schlechte Gefühle........
-
16.02.2007, 13:03
AW: Ahnungen, Bilder schlechte Gefühle........
Liebe Strahlenglanz,
das gibt es. Ganz häufig sogar.
Ein "nichtväterlicher Kuß" ist auf jeden Fall eine Grenzübertretung.
Ich finde gut, das du verantwortlich mit dir und diesem Thema umgehst.
Ob da mehr war, wirst du wahrscheinlich bald erfahren, da sich das Thema jetzt an die Oberfläche bringt... Nimm das ernst!
Wenn du dir Gedanken machst, such dir professionelle Hilfe.
Geh gut mit dir um und höre auf dein Gefühl!
Kaffeesahne
-
16.02.2007, 13:04
AW: Ahnungen, Bilder schlechte Gefühle........
Bitte fühl dich nicht schuldig, du hast nichts getan!
-
16.02.2007, 14:31Inaktiver User
AW: Ahnungen, Bilder schlechte Gefühle........
Hallo strahlenglanz,
Ich bin 40. Meine Erinnerung kam vor zwei Jahren hoch, mit 38, von jetzt auf nachher. Bis zu dem Zeitpunkt war dieser Fleck völlig blind für mich. Vorher hätte ich es auch nicht verkraftet, dies zu wissen.
Ich habe viel lesen können auf der Seite www.trotz-allem.de und mit diesem Titel gibt es auch ein Buch, welches erklärt was da passiert, wenn nach so langer Zeit die Bilder hochkommen und wie Du damit umgehen kannst.
Es ist schlimm was da mit Dir gemacht wurde. Als Kind bist Du unschuldig.
nathaliethor
-
16.02.2007, 15:02
AW: Ahnungen, Bilder schlechte Gefühle........
Vielen Dank für eure Antworten!
doch, ich fühle mich schuldig, denn was ist, wenn ich völlig unbegründet jemanden verdächtige, allein schon dieses Mißtrauen, das da in mir wächst, macht mich ganz krank. Aber an diese eine Situation kann ich mich ganz genau erinnern (ich war etwa neun), ich kann mir nicht vorstellen, dass wenn mehr passiert wäre, ich das vollkommen verdrängt haben könnte - es sei denn ich wäre viel jünger gewesen und wieso habe ich dann nicht auch diesen Kuss vergessen?
@Nathaliethor wie bist du dann mit diesem Wissen umgegangen, konntest du dir plötzlich Verhaltensweisen von dir bzw. deines Mißbrauchers erklären? Danke für den link, werde ich gleich besuchen.
Grüße Strahlenglanz
-
16.02.2007, 15:12
AW: Ahnungen, Bilder schlechte Gefühle........
Liebe Strahlenglanz,
Erinnern und Auseinandersetzen sind nicht unbegründete Beschuldigungen...
Hör in dich herein...
Und Schuldgefühle sind ganz oft Begleiter von Missbrauch.
Böse Sache.
Du bist auf keinen Fall schuld!
Gedächtnislücken können traumatische Vorfälle in jedem Alter zudecken!
kaffeesahne
-
16.02.2007, 15:18Inaktiver User
AW: Ahnungen, Bilder schlechte Gefühle........
Hallo Strahlenglanz,
Das tust Du doch schon. Aber nicht, um diesem Jemand Schaden zuzufügen, sondern weil da konkret etwas bei Dir ist.denn was ist, wenn ich völlig unbegründet jemanden verdächtige,
Es geht um Dich.
Erst mal sass ich da und wunderte mich bloß. Schüttelte den Kopf und mußte lachen. Ja klar, das war die Erklärung für so vieles. So absurd. Und dann wurde ich wütend. Dieses Schwein! Ich erinnerte mich an meine Liebe zu ihm. An mein Vertrauen und meine Zuneigung. Ich war fünf.konntest du dir plötzlich Verhaltensweisen von dir bzw. deines Mißbrauchers erklären? Danke für den link, werde ich gleich besuchen.
Dann habe ich recherchiert - kann ich was tun gegen den Täter? Bis mir klar wurde, dass er mir niemals die Wahrheit sagen würde und ich keinen Beweis in Händen hielt - nach 33 Jahren. Nix, was ich vorweisen kann. Den Mut mich vor ihn zu stellen und es ihm ins Gesicht zu sagen?
Und dann ging es für mich nur darum, wie damit umgehen für mich. Was kann ich mir verzeihen, das ich getan habe, aus diesem Grund? Meine Sicht auf mich selbst hat sich zu einem großen Stück verändert.
Ich hatte ALLES verdrängt. Jedes Detail.dass wenn mehr passiert wäre, ich das vollkommen verdrängt haben könnte
Keine Ahnung. Weiß ich nicht. Weiß nur, wie es bei mir war/ist.wieso habe ich dann nicht auch diesen Kuss vergessen
nathaliethor
-
17.02.2007, 15:43Inaktiver User
AW: Ahnungen, Bilder schlechte Gefühle........
Liebe Strahlenglanz,
ja, man kann sowas komplett vergessen, viele Jahre lang.
Wenn es so ist, wie Du beschreibst, dann war da wahrscheinlich auch "etwas".
Das Verdrängen ist ein Schutzmechanismus, der aus irgendeinem Grund auf einmal nicht mehr funktioniert. Eine ähnliche Situation wie damals, ein Geruch, eine vage Ahnung... Es gibt wohl unzählige Auslöser für das Erinnern. Einmal aufgetaucht läßt sich dieser Gedanke auch nicht mehr rückgängig machen und man fängt an, sich damit auseinanderzusetzen. Eine sehr schmerzliche Sache.
Viele Dinge kann man nicht mehr klären. Es gibt ja in der Regel keine Zeugen, keine "Beweise", wer gibt sowas schon zu?
Wenn Du merkst, daß die Situation Dich sehr belastet such Dir Hilfe. Und halte Dir immer vor Augen, daß Du NICHT schuldig bist.
LG ilmaro
-
09.04.2007, 21:20
AW: Ahnungen, Bilder schlechte Gefühle........
Hi Strahli!
Klar gibts das!
Bin selbst missbraucht worden, war aber auch klar.
Diejenigen, die es nicht wissen, schützen sich oft durch ,,Dissoziation".
Sie spalten sich selbst ab, weil sie in eine unerträgliche, unzuverarbeitende Situation geraten...
Jetzt mach dich erstmal nicht verrückt, das ändert nichts und du weißt ja auch nicht, was echt passiert ist.
Wenn du leidest, such einen Arzt auf, ansonsten: wo ist das Problem? (wenns dir gut geht
)
-
25.06.2007, 11:41
AW: Ahnungen, Bilder schlechte Gefühle........
Nein:
Zitat von strahlenglanz
»O mein Gott... jetzt... erinnere ich mich!«
THESE: ERINNERUNGEN AN SEXUELLEN MISSBRAUCH KÖNNEN VERDRÄNGT
DANN ABER DURCH THERAPEUTISCHE TECHNIKEN WIEDER
HERVORGERUFEN WERDEN
»Die Psyche besitzt ungeheure Verdrängungskraft. Viele Kinder können den Missbrauch vergessen, sogar während er geschieht.« (352, 4) Das behaupten die Autorinnen Bass und Davis in ihrem Buch »Trotz allem. Wege zur Selbstheilung für sexuell missbrauchte Frauen«. Mit über 750.000 verkauften Exemplaren wird es als Bibel der Missbrauchsbewegung betrachtet (339, 53). B. Kavemann, eine der Autorinnen des Buches »Väter als Täter« und Mitglied von »Wildwasser Berlin«, bezeichnet »Trotz allem« als unentbehrliches Handbuch in der Beratungs- und Selbsthilfearbeit. »Wenn Sie sich an Ihren Missbrauch nicht erinnern, sind Sie nicht allein«, teilt es seinen Leserinnen mit. »Viele Frauen haben keine Erinnerungen, und manche werden sich nie erinnern. Das heißt
nicht, dass sie nicht missbraucht worden sind.« (279,16) Allein das unbestimmte Gefühl von solchen Geschehnissen sei nahezu ein Beweis dafür, dass sie tatsächlich stattgefunden haben. Das Bundesministerium für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit sorgte für eine weite Verbreitung solcher Erkenntnisse durch Förderung der Übersetzung auch in Deutschland (352, 4). Auch in diesem Fall schien es auf die fachliche Kompetenz der Autoren nicht sonderlich anzukommen. Die Autorin Ellen Bass macht unumwunden klar, dass sie niemals Psychologie studiert hatte und nichts, was in diesem Buch steht, auf psychologischen Theorien basiere.
Nichtsdestotrotz hielt sie wegen der Berühmtheit ihres Buches Seminare vor Tausenden von Psychotherapeuten und anderen Personen aus dem psychosozialen Bereich ab (339, 53).
Man kann nur darüber spekulieren, zu welchen vermutlich sehr unterschiedlichen Urteilen über Ellen Bass diese Therapeuten dabei gekommen waren. Weitgehend einig sind sich die renommiertesten Psychologen und Gedächtnisforscher allerdings darin, dass Ellen Bass da etwas gründlich missverstanden hat: Ein Verdrängen von Erinnerungen, wie sie es versteht, gibt es nicht.
»Verdrängen«, wie es von der Missbrauchsbewegung verstanden wird, bedeutet das unbewusste Vergessen von Ereignissen, die dem betreffenden Menschen Schmerzen bereiten. Diese Erinnerungen seien aber nicht ein für allemal
verloren, sondern würden im Unterbewusstsein gespeichert und könnten wieder hervorgeholt werden, wenn die Angst, die mit der Erinnerung verbunden war, wegfällt (339, 60). Erinnerungen wären demnach etwas wie eine verlegte Computerdiskette oder ein Aktenhefter, der unter Stapeln von Papier verloren gegangen ist, aber wieder ausgegraben werden kann (279, 19). Diesem Weltbild zufolge »kann ein scheinbar liebevoller und fürsorglicher Vater seine Tochter vergewaltigen und in den Augen seiner Tochter aufgrund von Verdrängung weiterhin ein liebevoller und fürsorglicher Vater sein« (339,63). Auch in dem scheinbar nettesten und sympathischsten Mann verbirgt sich demnach möglicherweise ein Monster. (Man erkennt hier bereits den deutlichen Einfluss
der feministischen Ideologie.) Dieser nach außen liebenswerte, aber in Wahrheit durch und durch verdorbene Vater sei die Ursache für sämtliche Probleme, die eine Frau in ihrem Leben hatte und wegen derer sie schließlich die Therapie aufsuchte. Wie schon ausgeführt, werden solche Urteile im Einzelfall oft
recht schnell gefällt: »Sie klingen wie ein Mensch, der sexuell missbraucht wurde. Erzählen Sie mir, was der Schuft mit Ihnen gemacht hat«, ist eine belegte Äußerung eines Therapeuten (385, 139). Wenn die Patientin abstritt oder bezweifelte, jemals missbraucht worden zu sein, dann machte der Therapeut ihr in etlichen Fällen klar, dass das völlig unbedeutend war: Sie »dissoziiere« oder »leugne« nämlich - ein Trick ihres Verstandes, um sie vor sich selbst zu schützen (279,49). »Leugnen« sei ein weiterer Beleg dafür, dass sie tatsächlich missbraucht worden war (279, 40).
Schon in diesen wenigen Sätzen sollte eigentlich jedem Leser klar geworden sein, dass hier eine in sich geschlossene Pseudologik konstruiert worden war, mit deren Hilfe jeder, aber auch jeder Patient als Opfer von sexueller Gewalt
diagnostiziert werden konnte. Die Mitglieder der Missbrauchsbewegung erkannten diese Offensichtlichkeit nicht.
Der Begriff »Verdrängen« wurde vielleicht deshalb so schnell akzeptiert, weil er ursprünglich von Sigmund Freud, dem Stammvater der Psychoanalyse, eingeführt worden war. Allerdings bildete sich Freud nie ein, dass ganze Ereignisse komplett aus dem Gedächtnis getilgt werden konnten. Bei ihm bedeutete »Verdrängen« ein bewusstes Wegdrücken oder Abwehren als unangenehm empfundener sexueller oder aggressiver Wünsche, Gefühle oder Phantasien (339, 61; 279, 100). Dass es ein Verdrängen von Erinnerungen gibt, wird von
keinem einzigen Laborbefund gestützt (339, 64).
Im Gegenteil: Zunächst einmal widerspricht das Bild vom Gedächtnis als unaufgeräumtem Schreibtisch, in dem sich die verlegten Aktenordner aber nach einigem Suchen finden lassen, vollkommen sämtlichen Erkenntnissen der Gedächtnisforschung. Elisabeth Loftus beschreibt den Stoff, aus dem die Erinnerung ist, als eine unbeständige Mischung »aus Blut, Chemikalien und Elektrizität«, die ständig neu zusammengebraut werde, ein »Netzwerk zahlreicher unterschiedlicher Aktivitäten« (279, 137-138). Der Glauben, dass unsere Erinnerungen irgendwo fest abgespeichert sind, ist zwar tröstlich, aber er trügt: »Die Erinnerung nimmt anscheinend nicht nur ab und verschwindet häufig vollständig, sondern sie weist auch eine Tendenz auf, sich - selbst ohne äußere Einflüsse - zu verändern und treiben zu lassen, eine Mischung aus phantasierten und wirklichen Elementen zu bilden.« (339, 69) Wenn Sie sich daran erinnern, was Sie zu einem bestimmten Zeitpunkt getan haben, füllen Sie zahlreiche Leerstellen mit zusammengereimten Dingen aus und erschaffen Wirklichkeit für sich persönlich neu. Vollständig vergessen werden aber nur die unbedeutenden Details, etwa welche Menschen Sie vor einem Monat bei der Heimfahrt von
der Arbeit an Ihrem Auto haben vorüberziehen sehen. Gerade die traumatischen Geschehnisse prägen sich aber auf grausame Weise ein: »Untersuchungen haben beispielsweise gezeigt, dass kein einziges der Kinder, die miterleben
mussten, wie ein Elternteil ermordet wurde, die schreckliche Erinnerung verdrängt. Nicht nur verdrängen Opfer von Kindesmisshandlungen ihre schmerzlichen Erinnerungen nicht... vielmehr bemühen sie sich erfolglos, sie aus dem Gedächtnis zu löschen.« (385, 135) Die Kinder, die den Mord an einem Elternteil mitangesehen hatten, waren nicht nur unfähig zu vergessen, sie wurden auch dadurch gequält, dass Rückerinnerungen an die Geschehnisse immer wieder in oft unerwünschten und unerwarteten Augenblicken hochkamen (339,
74). Auch die ehemaligen Häftlinge in den Konzentrationslagern des Dritten Reiches wären glücklich, wenn es eine Möglichkeit für sie geben würde, all das erlittene Leid aus ihrem Gedächtnis zu tilgen. Aber das ist nicht möglich: »Traumen werden nicht vergessen, sie werden bewusst gespeichert.« (428, 234)
Gleichzeitig ist es aber aufgrund der kreativen Fähigkeiten unseres Gedächtnisses sehr wohl möglich, dass wir uns an Dinge »erinnern«, die nie stattgefunden haben. Schon weiter oben wurde das Beispiel angeführt, in dem einem Kind aus experimentellen Zwecken weisgemacht wurde, es sei mit dem
Finger in eine Mausefalle geraten, bis es dies für tatsächlich erlebt hielt. Natürlich kann man aus ethischen Gründen denselben Versuch nicht mit einem nie stattgefundenen Missbrauch durchführen. Gedächtnisforscher haben sich nach
langen Überlegungen dazu durchgerungen, welche erfundenen Vorfälle für solche Experimente verwendbar sind und welche nicht. Elisabeth Loftus, die der Theorie »eingepflanzter« Erinnerungen zunächst sehr skeptisch gegenüberstand, rang sich schließlich dazu durch, der achtjährigen Jenny nahezulegen, sie sei mit fünf in einem Einkaufszentrum verloren gegangen und hätte fürchterliche Angst gehabt. Das Experiment glückte noch besser und schneller als erwartet: »Ich konnte nicht glauben, was ich da gerade erlebt hatte«, berichtet Elisabeth Loftus. »Innerhalb von fünf Minuten hatte Jenny durch ein paar Bemerkungen und durch leichtes Nachhelfen ihres Vaters eine falsche Erinnerung akzeptiert und sie noch mit eigenen Einzelheiten ausgeschmückt. Sie erinnerte sich daran, dass sie verlorengegangen war, sie erinnerte sich, dass sie überall nach ihrem Vater gesucht hatte, und sie erinnerte sich, Angst gehabt zu haben, In weniger Zeit, als man braucht, ein Ei zu kochen, hatten wir eine falsche Erinnerung erzeugt.« (279, 169) Hunderte anderer Experimente mit insgesamt mehreren zehntausend Teilnehmern bestätigten, dass diese Methode grundsätzlich funktionierte, auch bei Erwachsenen: Es war nicht nur möglich, den Versuchspersonen problemlos erfundene Ereignisse aus ihrem Leben unterzuschieben, so dass die später Befragten sich tatsächlich daran zu erinnern glaubten und sie mit weiteren Details abgerundet hatten. Verblüffenderweise waren bei manchen Probanden die erzeugten Erinnerungen noch nicht einmal zu erschüttern, als das Experiment beendet wurde und die Forscher ihre Vorgehensweise erklärt hatten (279, 140-142; 157; 280, 62-64; 339, 69-71).
Auf dieselbe Weise, so wurde es von den Kritikern der Missbrauchsbewegung anfangs behauptet und später in unzähligen Fällen nachgewiesen, pflanzten die therapeutischen »Aufdecker« ihren Patienten künstliche Erinnerungen ein. Es waren nicht »verdrängte« Gedächtnisfetzen, die langsam wieder an die Oberfläche stießen, sondern Dinge, die ihnen mit allen möglichen manipulativen Techniken einsuggeriert worden waren.
Wie lief eine solche Therapie ab? Einiges dazu haben Sie bereits gelesen.
Zunächst einmal wird Missbrauch von bestimmten Therapeuten mit einer Schnelligkeit diagnostiziert, die jedem klinischen Verfahren Hohn spricht. So betrat eine mit einer versteckten Videokamera ausgerüstete CNN-Reporterin
die Praxis eines Therapeuten in Ohio und beschrieb, dass sie seit etwa acht Monaten an Depressionen litt und ihre Antriebslosigkeit allmählich Probleme in ihrer Ehe und ihrem Sexualleben verursachte. Am Ende dieser ersten Sitzung
war sie als Inzestüberlebende diagnostiziert (279, 328).
Von dieser Diagnose muss die Patientin im nächsten Schritt überzeugt werden. Ihr wird verdeutlicht, dass fehlende Erinnerungen kein Hindernis, sondern die Symptome die eigentlichen Erinnerungen darstellen. Das wird dadurch
erleichtert, dass die Patientin den Therapeuten als einen emotional gesunden und fachlich kompetenten Experten einschätzt. Zusätzlich empfehlen Veröffentlichungen der Aufdeckungsbewegung, dass Patient und Therapeut eine
möglichst enge emotionale Bindung miteinander eingehen sollen - auch das erleichtert Vertrauen und erschwert eine gesunde Skepsis (339, 179). Die Patientin versucht demgemäß oft, sich der Erwartungshaltung des Therapeuten anzupassen. Trotzdem braucht es oft eine gewisse Hartnäckigkeit des Therapeuten: »Sie müssen daran glauben, dass Ihre Klientin missbraucht wurde, auch wenn sie selbst es manchmal bezweifelt.« (339, 174) Dieser »Wettstreit« kann
sich unter Umständen ein wenig hinziehen. »In allen Veröffentlichungen über die Therapie zur Aufdeckung von Erinnerungen gibt es Geschichten von Therapeuten, die über Jahre hinweg bei ihren Missbrauchsdeutungen bleiben, bis
sich ihre Klientinnen schließlich dazu durchringen, die Deutungen als zutreffend zu akzeptieren.« Stolz beschreiben sie, »wie sie voller Scharfsinn eine Geschichte sexuellen Missbrauchs entdeckten ... und dann standhaft über Verleugnung und Unglauben siegten.« (339, 164)
Zweifel sind für die Autorinnen entsprechender Fachbücher im Grunde nicht rational. »Das Phänomen, dass eine Patientin sich nicht erinnern kann ... ist vielmehr selbst ein Symptom, das auf eine schwere traumatische Erfahrung hinweist.« (Hervorhebung im Original der »Aufdecker«-Literatur) Erinnert sich der Patient, ist er natürlich missbraucht worden, erinnert er sich nicht, dann erst recht (339, 156). »Viele meiner Klientinnen, die Inzestüberlebende sind, wissen nicht, was mit ihnen passiert ist«, erklärt eine Therapeutin. »Die meisten von ihnen leugnen.« (279, 55) In den Büchern der Aufdeckerbewegung wird dieses anfängliche »Leugnen« allerdings immer überwunden, und die Patientinnen akzeptieren schließlich, dass der Missbrauch real war. Dass sich ein Therapeut mit seiner aus der Luft gegriffenen These irrt, kommt in der Literatur nicht vor (339, 173). Zur Not muss eben jahrelang nach entsprechenden Hinweisen gesucht werden. Folgende Techniken können den Prozess der »Bewusstwerdung« stützen:
· Patientinnen sollten sich ständig mit Informationen über Inzest beschäftigen, Kontakt zu »anderen Opfern« von Missbrauch suchen oder Filme sehen, in denen Inzest eine Rolle spielt (339, 149).
· Es werden Übungen empfohlen wie eine gewisse Zeit damit zu »verbringen, sich vorzustellen, Sie würden sexuell missbraucht, ohne dass Sie sich um die Genauigkeiten der Fakten kümmern, irgend etwas beweisen oder ihre Einfälle auf Logik überprüfen müssen.« (339, 149-150) Das Buch »Trotz allem« führt als Beispiel eine Patientin an, die sich mit einer Art Missbrauchs-Mantra selbst zu überzeugen suchte: »Ich ging im Zimmer umher und sagte: Meine Familie hat mich missbraucht. Ich musste es ganz oft wiederholen, um wirklich daran zu glauben. Ich brauchte meine ersten anderthalb Jahre dazu, die Tatsache zu akzeptieren, dass ich missbraucht worden war.« (339, 175)
· Der Therapeut seinerseits wird dazu ermuntert, sämtliches Material, das ihm die Patientin liefert, in Richtung Missbrauch auszudeuten und in keine andere: ihre künstlerische Arbeit, ihr Phantasieleben, ihre emotionalen Reaktionen, ihre Träume , ihre körperlichen Symptome. Die vermeintlichen Experten erklären: »Man mag diesen Ansatz als eine Art >Zeugenbeeinflussung<
kritisieren, aber wir sind hier nicht im Gerichtssaal.« (339, 151-156)
· Falls das alles nichts hilft, hat »Trotz allem« noch weitere kreative Vorschläge zu bieten: So soll die Patientin alle ihre Verbindungen zu ihrer »Ursprungsfamilie« abbrechen. Das gilt auch für Familienmitglieder, die am behaupteten Missbrauch nicht beteiligt sein sollen - es sei denn diese seien selbst
in der Therapie oder anderweitig dabei, »etwas aufzudecken«. Ein in einem anderen Buch der Bewegung dargestellter Familienstammbaum zeigt 41 Mitglieder, die sich sämtlich in die Kategorien »Täter«, »Opfer« und »Leugner«
aufteilen. Statt der »Ursprungsfamilie« bietet der Therapeut eine neue Familie aus den anderen bei ihm befindlichen Opfern und ihm selbst als fürsorglichen Elternteil an. Mit anderen Worten: Die Patientin wird in ein soziales System verfrachtet, in dem die zentrale Wertvorstellung der Glaube an den
Missbrauch ist. »In diese Gruppen integrierte Patientinnen lernen schnell, dass ihr soziales Überleben und die Anerkennung ihrer neu gewonnen Identität davon abhängt, Zweifel zu unterdrücken und Glauben an Missbrauch zum Ausdruck zu bringen.« (339, 184-187)
· Eine weitere Technik kann der Einsatz von »hypnotischen Rückführungen« sein. Die »Aufdecker« gehen davon aus, dass Erinnerungen unter Hypnose immer wahr sind. Leider ist das falsch. Der Grund, warum Hypnose zum Beispiel bei polizeilichen oder gerichtlichen Zeugenvernehmungen gerade nicht eingesetzt wird, ist, dass Hypnose die Ungenauigkeit der Erinnerungen verstärken kann. Hypnose ist kein Wahrheitsserum, erklärt der Hypnotherapeut Michael Yapko, der in der Hochphase der Missbrauchshysterie fast täglich
entsprechende Anfragen erhielt (546, 17). Sie wird hingegen erfolgreich eingesetzt, um Patienten zu einer Verhaltens- oder Wahrnehmungsänderung zu bewegen, etwa mit dem Rauchen aufzuhören oder Depressionen zu überwinden. Der Grund: Menschen sind im Trancezustand besonders empfindlich für Einflüsterungen des Hypnotiseurs. Sie legen ihr kritisches Urteilsvermögen ab und geben sich unbefangen Phantasiegebilden und Rollenspielen hin. Oft nehmen sie auch einsuggerierte unrichtige Einzelheiten in ihre eigenen Erinnerungen auf. Wenn man dann noch bedenkt, dass Patienten von »Aufdeckern« durchaus über einen Zeitraum von Monaten oder gar Jahren einmal pro Woche hypnotisiert werden, wundert man sich schließlich nicht mehr, wenn sich früher oder später der erwünschte »Erfolg« einstellt und die
Aufdeckerbewegung wieder einen Beleg dafür hat, dass ihre Vorgehensweise sinnvoll und richtig ist (339, 225-237).Geändert von sefi (25.06.2007 um 11:54 Uhr)


Zitieren