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  1. Moderation

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    AW: Erstuntersuchung nach Übergriff/Vergewaltigung: hilfreiche Faktoren für die Betro

    Ja, wir sind jetzt seit vier Jahren operativ. Haben mittlerweile eine ganz fantastische ärztliche Leitung, die uns unterstützt und der die Ambulanz ein wirkliches Anliegen ist. Und ich habe natürlich auch (leider) schon viele Einsätze gehabt.

    Wir haben vierundzwanzig Stunden offen und eine Rufzeit von einer Stunde. Das kommt ganz gut hin, bis die-/derjenige nach dem initialen Anruf bei uns sind, sind wir auch zur Stelle.
    that was the river - this is the sea


    Moderation in den Foren "Kindergesundheit", "Persönlichkeit" und im "Corona"-Forum

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    AW: Erstuntersuchung nach Übergriff/Vergewaltigung: hilfreiche Faktoren für die Betro

    Liebe Mary,

    ich finde das sehr gut, was du da machst und ich hoffe wirklich, dass es den betroffenen Frauen hilft.

    Eine Frage bzw. Gedankengang habe ich noch: von dem, was ich in meinem Umfeld mitbekommen habe, ist für die betroffenen oft schlimm, wenn ihnen auch nur annähernd suggeriert wird, dass sie durch aufreizende bzw. unangemessene Kleidung bzw. Verhalten den Übergriff selbst provoziert hätten und damit schuld sind, dass ihnen das passiert ist.

    Wenn ihr die Frauen behandelt, gebt ihr ihnen dann deutlich zu verstehen, dass sie absolut keine Schuld haben und nicht dafür verantwortlich sind, dass es zu dieser Situation gekommen ist?

  3. Moderation

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    AW: Erstuntersuchung nach Übergriff/Vergewaltigung: hilfreiche Faktoren für die Betro

    Hallo vloubout, also, die Patienten, die zu uns kommen (zu mehr als 95% Frauen) haben meistens vor sehr kurzer Zeit einen sexuellen Übergriff oder eine Vergewaltigung erlebt. Viele sind psychisch sehr mitgenommen, stehen unter Schock, viele dissoziieren, viele machen sich Vorwürfe, schämen sich, sind verzweifelt.

    Kleidung ist da selten Thema, aber öfter Alkohol, unübersichtliche Situationen, freiwillige Kontakte, die dann eine Grenze überschritten, oder dass Patienten gleich in „freeze“ gingen und nicht mehr Nein sagen konnten (gerade die, bei denen es sich nicht um die erste traumatisierung handelt).

    Unsere Gespräche dienen dazu, akut aufzufangen, die psychosoziale Situation zu erfassen und zu sichern, eine sinnvolle Untersuchung und Spurensicherung durchführen zu können und ein rechtsmedizinisches Protokoll zu schreiben.

    Von unserer Seite aus sind jedwede Einordnung des Geschehenen, außer der Unterstützung des Patienten und der psychologischen Ersten Hilfe, unangemessen. In diesem Rahmen sagen wir ganz deutlich, dass niemand das Recht hat zu sexueller Grenzüberschreitung, egal ob man getrunken hat („der er lov å drikke seg full“ sagen wir, man hat das Recht sich zu betrinken, und dennoch darf einen niemand zu Sex zwingen), egal ob man mitgegangen ist, egal, ob man auch schon einvernehmlich Sex hatte.


    Was allerdings im Vordergrund steht, ist dass die Patienten sich wertschätzend und anerkennend behandelt erleben, dass sie die Kontrolle über die Situation bekommen, jederzeit eine Pause machen oder auch abbrechen können, dass wir sie aktiv mit einbeziehen aber nicht überfordern, und einen Weg für die nächsten Tage finden und vereinbaren.

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    AW: Erstuntersuchung nach Übergriff/Vergewaltigung: hilfreiche Faktoren für die Betro

    [QUOTE]
    Zitat Zitat von maryquitecontrary Beitrag anzeigen

    Unsere Gespräche dienen dazu, akut aufzufangen, die psychosoziale Situation zu erfassen und zu sichern, eine sinnvolle Untersuchung und Spurensicherung durchführen zu können und ein rechtsmedizinisches Protokoll zu schreiben.
    hallo mary, sind die Frauen nach der Beweisaufnahme bzw. Protokolle weiter geschützt. Ich nehme an dass die Police, wenn die Frauen das wollen, auch informiert werden. . Bei häuslicher Gewalt dürfte das etwas komplizierter sein, wenn der Ehemann z. B. erfährt, dass die eigene Frau sich bei euch gemeldet hat.

    Aufklärung dürfte dann die weitere Arbeit sein. Freezy Situationen mit Alkohol und Aufklärung darüber, wird sicher ein weiteres Anliegen sein.


    Was allerdings im Vordergrund steht, ist dass die Patienten sich wertschätzend und anerkennend behandelt erleben, dass sie die Kontrolle über die Situation bekommen, jederzeit eine Pause machen oder auch abbrechen können, dass wir sie aktiv mit einbeziehen aber nicht überfordern, und einen Weg für die nächsten Tage finden und vereinbaren.
    Freut mich, dass ihr dafür ein gutes Team seid. Habt ihr selbst auch einen gewissen Schutz. Wie ist denn die Alterklasse der Geschädigten. Sind es meist junge Leute oder melden sich auch die Älteren?

    - Der leichte Weg ist auch der richtige Weg -
    von Bruce Lee

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    AW: Erstuntersuchung nach Übergriff/Vergewaltigung: hilfreiche Faktoren für die Betro

    Da ich bzw. meine Tochter vor einigen Jahren in diese schreckliche Situation gekommen sind, kann ich vielleicht etwas dazu sagen.

    Meine Tochter wurde damals - gegen 23 Uhr, auf dem Weg mit dem Fahrrad nach Hause - von einem Unbekannten "gestellt", vom Fahrrad gerissen, verletzt, mit dem Messer bedroht und nach "psychischer Gewalt" auch vergewaltigt.

    Als die Polizei bei mir anrief, hatte ich schon geschlafen und bin natürlich sofort an den Ort des Geschehens gefahren. Die Polizei ist dann mit uns ins Krankenhaus gefahren.

    Die Ärztin im Krankenhaus war damals komplett überfordert. Es gab zwar schon diese Notfall-Kits, aber natürlich passiert so etwas nicht jeden Tag und in ihrem Fall das erste Mal.
    Wir hätten uns in der Tat gewünscht, dass es einen professionelleren und sichereren Umgang mit der Thematik gibt. Die Ärztin hat ihre Unsicherheit und Hilflosigkeit auf meine Tochter übertragen. Das war vielleicht das unangenehmste.

    Ansonsten ist es natürlich eine Voraussetzung, die Opfer ernst zu nehmen, reden zu lassen (wenn sie denn wollen) und ihnen die Angst zu nehmen, dass sie etwas falsches getan haben. Die Scham ist bei vielen Frauen noch viel zu groß und die Bereitschaft, die Schuld (mit) auf sich zu nehmen leider auch. Einen warmen Tee haben wir - so glaube ich zumindest - vom Krankenhaus-Personal angeboten bekommen. Eine Decke leider nicht.

    Insgesamt hat die Ärztin das gemacht, was sie laut Notfall-Koffer machen musste. Es hat leider "ewig" (zumindest für uns) gedauert, bis sie sich durch die "Betriebsanleitung" durchgewühlt hat. Das war unangenehm.

    Ansonsten war sie - in meiner Erinnerung - freundlich und hat alle Wunden professionell versorgt. Etwas mehr "Wärme" hätten wir uns dennoch gewünscht.

    Unangenehm war es auch, dass wir uns die "Pille danach" noch in der Nachtapotheke holen mussten. In unserer Verfassung eine Zumutung.

    Über eine Aidsprophylaxe und Hepatitis-Aufklärung hätten wir uns auch gefreut. Diese Infos mussten wir uns selbst mühsam "zusammensuchen". Für die Hepatitis Behandlung war es dann fast zu spät.

    Zum Glück ist das alles schon 4,5 Jahre her und meiner Tochter (jetzt 22) geht es den Umständen entsprechend gut.
    Schön, dass die skadinavistischen Länder (davon gehe ich mal aus) schon etwas professioneller mit dem Thema umgehen. Man denkt immer, das gibt es nur im Fernsehen. Leider ist das überhaupt nicht der Fall.
    Die Gartenzwergin is back

  6. Moderation

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    AW: Erstuntersuchung nach Übergriff/Vergewaltigung: hilfreiche Faktoren für die Betro

    Zitat Zitat von Gartenzwergin Beitrag anzeigen
    Die Ärztin im Krankenhaus war damals komplett überfordert. Es gab zwar schon diese Notfall-Kits, aber natürlich passiert so etwas nicht jeden Tag und in ihrem Fall das erste Mal.
    Wir hätten uns in der Tat gewünscht, dass es einen professionelleren und sichereren Umgang mit der Thematik gibt. Die Ärztin hat ihre Unsicherheit und Hilflosigkeit auf meine Tochter übertragen. Das war vielleicht das unangenehmste.

    Ansonsten ist es natürlich eine Voraussetzung, die Opfer ernst zu nehmen, reden zu lassen (wenn sie denn wollen) und ihnen die Angst zu nehmen, dass sie etwas falsches getan haben. Die Scham ist bei vielen Frauen noch viel zu groß und die Bereitschaft, die Schuld (mit) auf sich zu nehmen leider auch. Einen warmen Tee haben wir - so glaube ich zumindest - vom Krankenhaus-Personal angeboten bekommen. Eine Decke leider nicht.

    Insgesamt hat die Ärztin das gemacht, was sie laut Notfall-Koffer machen musste. Es hat leider "ewig" (zumindest für uns) gedauert, bis sie sich durch die "Betriebsanleitung" durchgewühlt hat. Das war unangenehm.

    Ansonsten war sie - in meiner Erinnerung - freundlich und hat alle Wunden professionell versorgt. Etwas mehr "Wärme" hätten wir uns dennoch gewünscht.

    Unangenehm war es auch, dass wir uns die "Pille danach" noch in der Nachtapotheke holen mussten. In unserer Verfassung eine Zumutung.

    Über eine Aidsprophylaxe und Hepatitis-Aufklärung hätten wir uns auch gefreut. Diese Infos mussten wir uns selbst mühsam "zusammensuchen". Für die Hepatitis Behandlung war es dann fast zu spät.

    Liebe Gartenzwergin,

    Danke für die Rückmeldung. Es tut mir sehr, sehr leid, dass deiner Tochter das widerfahren ist. Ich hoffe, sie hat wenigstens in der Folgezeit professionelle und kompetente Hilfe bekommen.



    Diesen Strang hatte ich vor vier Jahren eröffnet, als ich in der Aufbauphase in der Ambulanz "anheuerte", als Zusatztätigkeit neben meinen sonstigen klinischen Aufgaben (in der Kinderpsychiatrie). Inzwischen sind wir gut etabliert, haben neue und bessere Räumlichkeiten bekommen sowie eine sehr gute ärztliche wie administrative Leitung.

    Wir sehen Patienten ab dem Alter von 15, weiblich wie männlich (letztere aber nur ein kleiner Prozentsatz), mit einem Hauptgewicht zwischen 15 und 25 Jahren. Aber es kommen auch Ältere.

    Das Anliegen in Norwegen war damals, die Vergewaltigungsambulanze zu bündeln und zu stärken, indem Kompetenz und Strukturen an weniger Orten, dafür aber stabil und nachhaltig aufgebaut werden, möglichst an den grossen Krankenhäusern.

    Wir sind für die akute Versorgung zuständig, da aber komplett, inklusive Spurensicherung, Der Hauptfokus liegt aber auf der medizinischen und psychologischen Erstversorgung, mit gesichertem Übergang zu weiterer Behandlung/Begleitung durch den Hausarzt (med./psychosozial) und eine spezialisierte Beratungsstelle. Den Kontakt inklusive Terminabsprache stellen wir her. Ebenso zu einer anwaltlichen Beratung.


    Man kann sich telefonisch an uns wenden, via Notfallambulanz am Krankenhaus, die stellen durch. 24/7 ist eine spezialisierte Krankenpflegerin im Dienst, die dann den diensthabenden Arzt (aus einer Gruppe von 10 Ärzten, die in der Ambulanz mitarbeiten und entsprechend geschult sind), kontaktiert. Es gibt einen separaten Warteraum und wir haben einen separaten Untersuchungsraum. Dort steht/liegt alles bereit, inklusive Untersuchungsmaterial, Spursicherungskit, Kamera, Kolposkop, Erzatzkleidung, Decken, Getränke. Medikamente ("Pille danach", eventuell HIV-Prophylaxe), Impfungen (HepB) usw. geben wir vor Ort, für später dann ein Rezept. Wir arbeiten immer im Team Pfleger/Arzt.


    Wir brauchen oft einige Stunden, nehmen uns Zeit für ein Gespräch vorher und hinterher, da auch mit der Frage, wer steht jetzt weiter bei. Während der Untersuchung steht der Patient im Zentrum, kann steuern, sowohl Tempo als auch Umfang, wird möglichst aktiv beteiligt, kann eine Begleitperson dabeihaben, wir schauen gemeinsam, wie sich die Untersuchung am besten bewältigen lässt ohne das Gefühl, erneut die Kontrolle über den eigenen Körper zu verlieren.



    Wir bewahren das asservierte Material ein halbes Jahr auf, so lange kann sich die/der Betreffende Zeit lassen mit einer eventuellen Strafanzeige. Dann schreiben wir ein ärztliches Gutachten über die Untersuchung und die dokumentierten Schäden, für die Polizei/Gericht, das durch eine nationale Qualitätskontrolle geht.


    Trotz des dunklen Themas erlebe ich meine Einsätze als sinnvoll und auch erfüllend, wenn ich das Gefühl habe, wir haben das bestmögliche aus der Situation gemacht und auch versucht, der betreffenden Person wieder Würde und Kontrolle zurückzugeben, soweit es eben möglich ist.
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