Liebe BriCom,
ich stelle mir in letzter Zeit häufig die Frage: Was ist eigentlich normal im Hinblick auf den Umgang mit... (beliebig einzusetzen...) Alkohol, Essen, Beziehung, Arbeit, Kaffee...also das, was süchtig machen kann.
Anlass ist die Beschäftigung mit meiner eigenen Co-Abhängigkeit und Esssucht. Gibt es eigentlich ein "Normal"? Ich weiß um meine Esssucht. Ich kenne in meinem Umfeld keine Frau, die nicht schon diverse Diäten durch an oder die Fett an Stellen sieht, wo keines ist. Auch das Sich-Verbieten von bestimmten Nahrungsmitteln ist für mich nicht normal. Ich kenne irgendwie niemanden, der entspannt mit dem Essen umgeht. Trotz meines ganzen Veränderungsprozesses und des Wissens um die Esssucht gibt es immer wieder Rück- oder besser Vorfälle, Situationen, in denen ich zunächst unbewusst das Essen einsetze, es mir aber sehr schnell klar wird, wofür es gerade steht.
Ich merke auch, dass ich mich in anderen Bereichen hinterfrage, ob mein Umgang damit normal ist. So zum Beispiel mein Umgang mit Alkohol. Ich mag Weißwein und im Sommer ab und zu ein Weizenbier. Natürlich spüre ich auch die Wirkung des Alkohols, die mir nicht unangenehm ist. Aber ich trinke das Glas Wein nicht deshalb, weil der Wein mich beduselt oder locker macht, sondern weil er mir schmeckt. Trotzdem ist die "benebelnde" Wirkung ein Nebeneffekt, den ich in Kauf nehme, obwohl Alkohol nicht lebensnotwendig ist, der Mensch braucht ihn nicht.
Oder Arbeit: Ich arbeite gern, mein Job macht mir Spaß und ich arbeite auch nicht nur meine 8 Stunden am Tag, sondern oft und nicht ungern länger. Ich ziehe auch Anerkennung aus meiner Arbeit, möchte diese gut machen. Wo hört das Normale auf, wo fängt die Sucht an?
Kaffee: Ich trinke morgens meine zwei Becher Kaffee, habe auch das Gefühl, danach wacher zu sein. Ich weiß, dass ich ohne kann, habe monatelang keinen getrunken. Dann hat sich die Gewohnheit wieder eingeschlichen. Auch wenn es kein übermäßiger Konsum ist und ich auch keine höhere Dosis brauche, denke ich schon, dass eine gewisse Abhängigkeit da ist...
Ich frage mich, ob ich mit mir selbst (und auch mit anderen) zu streng bin, weil ich durch meine Beschäftigung mit dem Thema Sucht doch ziemlich sensibilisiert bin.
Auf Gedanken zum Thema freut sich
sandfloh
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Ergebnis 1 bis 10 von 22
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21.06.2010, 18:32
Was ist eigentlich "normal" im Umgang mit...
Ist das Leben nicht schön!?
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21.06.2010, 18:43
AW: Was ist eigentlich "normal" im Umgang mit...
Hallo Sandfloh,
also ich glaube, Sucht in Bezug auf Alltagsdinge (bzw. Genussmittel) kann man ein bißchen daran erkennen, wie es einem hinterher geht und wie stark die Gedanken um das Thema kreisen.
Wenn ich mich auf meinen Kaffee freue, ihn genieße und hinterher keine Beschwerden verspüre - prima.
Ähnlich ist es wohl mit Alkohol.
Mal ein leckeres Glas Wein - ja, und auch die entspannende Wirkung - ist okay, wenn Du nicht morgens schon darauf hingierst, daß Du einen von vielen doofen Tagen endlich mit ein paar Gläsern sch(l)ießen kannst, weil alles andere eh nichts bringt, und Du am nächsten Tagen verkatert in die Arbeit schlurfst.
Und wenn Dir Deine Arbeit Spaß macht - ist doch toll, wichtig würde ich persönlich finden, daß andere Lebensbereiche nicht darunter leiden, also die Arbeit weder permanent Dein Denken beherrscht, noch der Kontakt zu Freunden abreißt etc.
Und, daß es Dir noch okay geht, wenn mal eine Zeitlang keine Anerkennung kommt.
Wenn Du in solchen Fällen erst recht durchstartest und eine 50-Stunden-Woche hinlegst, um endlich mal wieder ein Lob zu bekommen, fände ich es kritisch - wenn aber die Auftragslage zeitweise so ist, daß Du nicht drumrumkommst, mehr zu arbeiten - und das auch noch mit einer positiven Einstellung tust - ist das meiner Meinung nach ganz gesund.
Interessantes Thema
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21.06.2010, 19:42
AW: Was ist eigentlich "normal" im Umgang mit...
Hallo Schmitti,
danke dir für deinen Beitrag!
Ich glaube, meine Auseinandersetzung mit dem Thema Sucht im Allgemeinen ist derzeit eine recht (selbst)kritische. Ich hätte mir früher lieber den Arm abgehackt als zuzugeben, dass ich irgendwelche Süchte habe...Diese Kapitulation und das Annehmen waren für mich wichtig.
Als Mensch mit Suchtstruktur ist mir klar, dass die Süchte selbst austauschbar sind. Und ich weiß auch, dass ich im Leugnen ziemlich gut bin...
Derzeit ist es für mich manchmal schwierig, (m)ein selbstschädigendes Verhalten zu erkennen. Ich weiß, dass ich mir beim Überessen Schaden zufüge, ich weiß aber auch, dass die Selbstgeißelung nach einem Ess-Vorfall genauso wenig mit Selbstliebe zu tun hat...eine ziemliche Gratwanderung bei der kritischen Begutachtung meines Verhaltens in allen Lebenslagen...
Natürlich genieße ich meinen Kaffee, ich glaube auch nicht, dass zwei Becher am Tag bedenklich sind. Auch das Glas Wein oder Weizen ab und zu sind unkritisch, weil ich es nicht benutze, um mich nach einem anstrengenden Tag "wegzuschießen" (gelingt mit einem Glas auch eher schlecht...
). Und ich freue mich auch darüber, dass mir die Arbeit Spaß macht, ich merke aber ab und zu schon, dass ich übers Ziel hinausgehe, dass ich mir zu viel zumute.
Du schreibst:
Im Moment kreisen die Gedanken auf jeden Fall darum, aber wahrscheinlich gehts bei mir gerade darum, eine gesunde Einstellung dazu zu bekommen.ich glaube, Sucht in Bezug auf Alltagsdinge (bzw. Genussmittel) kann man ein bißchen daran erkennen, wie es einem hinterher geht und wie stark die Gedanken um das Thema kreisen.
Es ist schon was anderes, einen gesunden Umgang mit dem Suchtmittel zu erlernen. "Kontrolliertes Trinken" ist nicht möglich (so wurde mir auch von Alkoholikern bestätigt). "Kontrolliertes Essen" - im Grunde quäle ich mich damit seit Kindesbeinen, das führte zu den unkontrollierten Anfällen. Nur auf mein Suchtmittel ganz verzichten geht halt nicht...und die Co-Abhängigkeit, das ist noch mal so eine ganz eigene Sucht, die begegnet mir in allen Situationen, sowohl in Familie und Beziehung wie im Freundeskreis und auf der Arbeit.
sandflohIst das Leben nicht schön!?
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21.06.2010, 21:29
AW: Was ist eigentlich "normal" im Umgang mit...
Hmmm. Ich trinke auch gern zum Abendessen Rotwein - wenn es nur obst gibt natürlich nicht. Aber zu Pizza, Pasta und co gern.
Aber ebenso tut es eine Saftschorle.
Kontrolliertes Essen sollte nicht nötig sein. Essen ist ja eigentlich kein Suchtstoff. Der Körper braucht die richtige Dosis und Zusammenstellung um optimal zu funktionieren.
Essen sollte nicht als Ersatz dienen. Dann kann es zur Kompensation und Sucht kommen, glaube ich.
"Kontrolliert rauchen" kann man allerdings schon. Bei mir gibt es seit Jahren nicht mehr wie 5 Zigaretten am Tag. Weiß ich, es könnte am WE mal länger gehen, spare ich tatsächlich täglich eine ein. Das ist Sucht. Kontrolliert. Wenn ich nicht zählen würde, würde ich tatsächlich wesentlich mehr vor mich hinpaffen.
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21.06.2010, 22:01
AW: Was ist eigentlich "normal" im Umgang mit...
Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.
(Vaclav Havel)
Liebe Grüße Clematis
Pro-Aging anstatt Anti-Aging
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21.06.2010, 22:18
AW: Was ist eigentlich "normal" im Umgang mit...
Hallo Sandfloh,
Ich glaub, das ist normal so, gerade wenn man, vielleicht noch relativ frisch eine Sucht an sich entdeckt hat - es zeigt ja, daß Du einen neuen Blick auf viele Dinge hat.Derzeit ist es für mich manchmal schwierig, (m)ein selbstschädigendes Verhalten zu erkennen. Ich weiß, dass ich mir beim Überessen Schaden zufüge, ich weiß aber auch, dass die Selbstgeißelung nach einem Ess-Vorfall genauso wenig mit Selbstliebe zu tun hat...eine ziemliche Gratwanderung bei der kritischen Begutachtung meines Verhaltens in allen Lebenslagen...
Ich glaube, das mit dem Sich-schaden und sich hinterher selber geißeln ist genau der Punkt, der suchtartiges Verhalten von "normalem" Genuß unterscheidet.
Und es IST auch einfach nicht so leicht, finde ich, für alles das richtige Maß zu finden.
Hut ab für Deinen Mut :)
Find ich toll
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22.06.2010, 17:03
AW: Was ist eigentlich "normal" im Umgang mit...
Natürlich sollte Essen nicht als Ersatz dienen. Bei mir tut es das. Bei vielen anderen auch, ob nun übermäßiges Essen, Magersucht, Bulimie,...in allen Fällen ist der Süchtige nicht in der Lage, die richtige Dosis in einer gesunden Zusammensetzung zu sich zu nehmen. Auch Alkohol sollte nicht als Ersatz dienen. Oder Arbeit. Oder Sport. Oder Spielen. Es kann alles zur Sucht werden, ob nun stoffgebunden oder nicht. Es gibt auch Prozesssüchte, wie zum Beispiel die Arbeitssucht, Spielsucht, Kaufsucht, Beziehungssucht, Sexsucht...
Auch Arbeit braucht "man", normal dosiert gibt sie dem Leben einen Sinn, hat den angenehmen Nebeneffekt, dass man damit Geld verdienen kann und im besten Falle macht sie sogar Spaß...
Auch Beziehungen gehören zwangsläufig zum Leben, es sei denn, man führt ein selbstgewähltes Einsiedlerdasein. Auch eher selten der Fall.
Letztlich benutze ich das Suchtmittel oder den Prozess, um Gefühle nicht wahrzunehmen oder mich von der Beschäftigung mit mir selbst abzulenken. Ich schieße mich weg und betäube mich.Ist das Leben nicht schön!?
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22.06.2010, 17:08
AW: Was ist eigentlich "normal" im Umgang mit...
Huch...danke...

So frisch erkannt ist meine Sucht übrigens nicht...
Ich habe vor etwa 3 Jahren das erste Mal etwas über Co-Abhängigkeit gehört, mich aber damals noch sehr davon distanziert...vor ca. 2 Jahren konnte ich mir erstmals still und heimlich eingestehen, dass ich wohl zur Co-Abhängigkeit neige und irgendwie ein Essproblem habe...
Offen zugegeben habe ich es zum ersten Mal vor etwa einem Jahr. Also so richtig. Ausgesprochen. Mit anschließender Schnappatmung und Augenüberlauf, weil es mir sooo schwer fiel, gleichzeitig aber auch eine Last abfiel...Ist das Leben nicht schön!?
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22.06.2010, 17:34Inaktiver User
AW: Was ist eigentlich "normal" im Umgang mit...
Ich will hier niemandem die Sucht nehmen, nur frage ich mich immer öfter wo die Sucht nach der Sucht herkommt. Zumindest gehört ja Co-Abhängigkeit inzwischen zum guten Ton wenn man schon selbst keine Sucht hat.
Oft ist es auch genau anders herum: Die Sucht ist die Gegenbewegung aus dem Zwang heraus, alles zu kontrollieren. "Kontrollsucht".
Wir müssen alles in den Griff bekommen, das schafft uns (vermeintliche) Sicherheit.
Gegen eine Sucht zu kämpfen ist Kampf gegen sich selbst.
Kampf gegen sich selbst ist nicht gut, macht nur mürbe.
Das muss anders gehen. Leichter, sich selbst zugewandter, für sich sein, nicht gegen sich - mit förderlichen Mitteln.
Ich glaube, dass es besser ist, sich auf den Weg der (Lebens-)Balance zu machen und erstmal eine Balance darin zu finden, sich selbst verbal und gedanklich nicht in Grund und Boden zu stampfen. Worte und Gedanken schaffen Wirklichkeit und Lebensgefühl. Ich will nicht mit einem miesen Lebensgefühl herum laufen nur weil ich mich espressosüchtig nenne, weil ich am Tag 1-3 "brauche".
Wenn man sich den Kaffee morgens abgewöhnt hat, dann hat man sich halt inzwischen an den Tee gewöhnt.
- Oder soll man dann gleich mindestens 10 Sorten im Wechsel trinken, dass man nicht pfefferminzteeabhängig wird?
Manches geht nicht ohne einander. Biene ohne Blüten, Blüten ohne Bienen geht nicht. Das ist auch eine Abhängigkeit.
Leben ohne Abhängigkeiten gibt es nicht, ohne Gewohnheiten auch nicht, wir würden durchdrehen ohne Rituale und Wiederholungen, sie schaffen Struktur. Ich denke, es gilt sie BEWUSST zu leben und nicht sie zu verteufeln oder sie zu überhöhen. Und auch nicht so zu übertreiben, dass man gar nicht mehr ohne kann.
Wobei man ganz klar auch sehen muss: Alkohol und Nikotin sind Nervengifte. Das ist etwas anderes als Schokolade. Auch Koffeein wirkt direkt im Hirn. Ab und zu kann man sich das als "Luxus" leisten. Ob man sich das regelmäßig in hohen Dosen "antun" will - ist für mich eine Frage der Verantwortung der eigenen Gesundheit gegenüber. Ich mache zwischendurch auch immer mal wieder kaffeefreie Zeit. Aber nicht weil ich süchtig danach bin sondern weil ich mir dann eben auf andere Art zur Abwechslung etwas Gutes tu.Geändert von Inaktiver User (22.06.2010 um 17:37 Uhr)
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22.06.2010, 18:51
AW: Was ist eigentlich "normal" im Umgang mit...
Genau das ist ein wesentlicher Punkt bei der Co-Abhängigkeit. Ich weiß nicht, ob in deinem direkten Umfeld Abhängige leben. Aber wenn du z. B. eine Tochter hast, die Schulden macht, um ihre Bulimie zu finanzieren, oder einen (Ex-)Gatten, der mal eben 1.500,- auf einen Schlag für dringendst benötigte Klamotten aufn Kopp haut, die Mahnbescheide ungeöffnet in der Schublade liegen lässt, bis der Gerichtsvollzieher klingelt...dann hat das für mich persönlich nichts mit "gutem Ton" zu tun, sich mal eben mit einer Co-Abhängigkeit zu schmücken. Und die ungefähr 30 kg, die ich mal mehr hatte, resultierten nicht daraus, dass ich einen entspannten Umgang mit Essen hatte...
Für mich stehen Annahme und Akzeptanz an erster Stelle. Sich selbst zugewandt sein klingt wunderbar, ist aber für jemanden, der 35 Jahre den Blick bei den anderen hatte und für sich selbst überwiegend Selbstzweifel und -hass übrig hat, noch gut gewürzt mit permanenten Schuldgefühlen, alles andere als leicht.Gegen eine Sucht zu kämpfen ist Kampf gegen sich selbst.
Kampf gegen sich selbst ist nicht gut, macht nur mürbe.
Das muss anders gehen. Leichter, sich selbst zugewandter, für sich sein, nicht gegen sich - mit förderlichen Mitteln.
Genau dieses bewusste Leben, den klaren Blick, gesunde Rituale (derer ich nun auch zum Glück welche habe!), das ist mein Ziel. Ich kenne extremes Verhalten. Um eine Balance zu finden, muss ich mir vielleicht erst das andere Extrem anschauen oder auch leben.Manches geht nicht ohne einander. Biene ohne Blüten, Blüten ohne Bienen geht nicht. Das ist auch eine Abhängigkeit.
Leben ohne Abhängigkeiten gibt es nicht, ohne Gewohnheiten auch nicht, wir würden durchdrehen ohne Rituale und Wiederholungen, sie schaffen Struktur. Ich denke, es gilt sie BEWUSST zu leben und nicht sie zu verteufeln oder sie zu überhöhen. Und auch nicht so zu übertreiben, dass man gar nicht mehr ohne kann.Ist das Leben nicht schön!?


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