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  1. Avatar von MrsShort
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    Gewissheit nach 20 Jahren - Missbrauch

    Vor etwas mehr als 1 Woche habe ich nachts vom sexuellen Missbrauch durch meinen Stiefvater geträumt... Ein Albtraum aus Angst, Ohnmacht, Tränen, Gewalt und Panik. Ich war 3 oder 4?

    Nach fast 20 Jahren Therapie macht endlich alles einen Sinn. Die Antwort, die ich gefunden habe, verstört mich zutiefst, ist aber doch die, die ich immer geahnt habe.
    Damals, vor 20 Jahren, wollte ich sterben. Ich wusste nicht warum. Wusste nur, dass ich so nicht mehr weiterleben konnte. Ich hatte schlimme Depressionen mit wochenlangen Komplett-Aussetzern, Selbstmordphantasieen, Angstzustände, Beklemmungen.
    1991 dann der 1. Selbstmordversuch. Danach Psychiatrie.

    Gleich zu Beginn an hieß es, ich sei "das klassische missbrauchte Kind" - was mich irritierte aber nichts in mir auslöste. Es gab keine Erinnerungen.
    Mein damaliger Therapeut mutmaßte, mit der "Kopfschuss"-Diagnostik sei eine Tür ins Schloss gefallen, die wohl nie wieder aufgehen würde. Ich dachte, die spinnen doch alle. Missbrauch! Niemals!
    Schließlich war ich eindeutig Jungfrau, als ich mit 17 defloriert wurde...

    Die Erinnerungen kamen langsam. Bruchstückhaft. Mehr ein Versatz von kleineren (und größeren) körperlichen Gewaltaktionen, Schlägen, Übergriffen, psychischem Druck, Allmachtsphantasieen seitens meines Stiefvaters, an die ich mich nach und nach erinnerte. Trotzdem hielt ich ihm immer die Treue. Er war die einzige Konstante in meinem Leben. Bis meine Mutter starb. Danach passte nichts mehr zusammen.

    Ich spüre momentan irgendwie kaum etwas außer einer großen Traurigkeit und unendlicher Erschöpfung.

    Beim Therapietermin gestern hat mein Therapeut mir Mut gemacht und gemeint, es wäre alles gut so, wie es gekommen ist... die lange Zeit, die ich gebraucht hätte, um so stark zu sein, dass ich die Wahrheit aushalten kann.
    Heute, mit 45, stehe ich kurz davor, mein Leben komplett neu zu organisieren. Meine neue Arbeit im Altenheim hat wohl den Anstoß gegeben für das, was in den letzten Tagen in mir passiert ist.

    Alles macht Sinn. Jetzt. So viel vergeudete Zeit. So viel Leid. Meine Lebensschwere, mein Chaos, mein Selbsthass, meine sexuellen Gewaltphantasieen, meine kranken Beziehungen, meine Ängste - alles.

    Dieser verdammte Scheißkerl.
    Niemand ist unter einem schlechten Stern geboren.
    Aber es gibt Menschen, die den Himmel nicht richtig deuten können.
    Dalai Lama

  2. Inaktiver User

    AW: Gewissheit nach 20 Jahren - Missbrauch

    Ich freu mich sehr für Dich!!
    Platzende Lebensknoten sind das größte Geschenk, das man bekommen kann!

  3. Avatar von MrsShort
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    AW: Gewissheit nach 20 Jahren - Missbrauch

    @Leda
    Ich hoffe, Du hast Recht. Zumindest habe ich jetzt wohl endlich die Chance auf ein selbstbestimmtes Leben.
    Beim Abschicken meines Postings habe ich irgendwie gehofft, dass Du es findest. Wir sind uns näher, als ich das je vermutet hätte.

    Danke für Deine Hilfe. Auch wenn ich sie selten als solche erkannt habe.
    Niemand ist unter einem schlechten Stern geboren.
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    Dalai Lama

  4. Inaktiver User

    AW: Gewissheit nach 20 Jahren - Missbrauch

    Ja, selbstbestimmt und eigenständig, nicht ferngesteuert - genau darum geht es. Wie es auch immer dann seinen Ausdruck und seine Form findet - das authentische, eigene Leben.
    Ich habe mich zur gleichen Zeit eingeloggt - wir sind uns alle näher als wir vermuten. Also: Noch näher.
    Deshalb ist auch alles ok.

  5. Inaktiver User

    AW: Gewissheit nach 20 Jahren - Missbrauch

    Hallo Mrs Short

    Ich möchte Dir nur alles Gute wünschen, Mut und Kraft.

    Mein Leben ist nachdem ich mich daran erinnert habe, sexuell als Kind missbraucht woden zu sein, nur besser geworden. Es war schwer, mich der Wahrheit zu stellen, aber ich kann nur sagen, dass es sich gelohnt hat. Früher konnte ich von dem Leben, das ich heute lebe nur träumen, obwohl es natürlich dann und wann immer noch sehr schwierig ist, mit dem Erlebten umzugehen ...

    Nur weiter mutig voran und schön, dass Du die Hilfe bei einem Therapeuten gesucht hast.

    Wirklich von Herzen alles Gute für Dich!

    Evelyn

  6. Avatar von MrsShort
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    AW: Gewissheit nach 20 Jahren - Missbrauch

    @Evelyn
    Danke für Deine Worte und Deine Wünsche.

    Die Hilfe beim Psychologen habe ich vor 2,5 Jahren aus ganz anderen Gründen gesucht und eigentlich war gestern meine letzte Stunde, nachdem ich dachte, alles ist im grünen Bereich...
    Ich habe viele Jahre mit der Erklärung gelebt, dass die psychischen und körperlichen Missbräuche (nicht sexuell), die ich erlebt haben, ausreichend seien für mein gelebtes Chaos. Aber es waren Erklärungen, die ich nur kopfmäßig akzeptieren konnte. Ich fühlte immer, dass das nicht die einzige Erklärung sein konnte, dachte aber, ich würde mich einfach zu wichtig nehmen.

    Mein Therapeut sagte gestern, er habe es die ganze Zeit gewusst, hätte aber nichts sagen können/dürfen, um meine Entwicklung nicht zu stören.

    Erst gestern, als ich es ausgesprochen habe, konnte ich weinen. Rotz und Wasser, ohne Ende. Erst da ist es real geworden mit allen Gefühlen. Selbst nach dem Traum dachte ich noch, ich phantasiere mir etwas zusammen...

    Das Thema Missbrauch hat mich die letzten 20 Jahre fast ständig begleitet. Es war wie eine Sucht. (kommt von "suchen", sagt der Th.) Eine Obsession, die mein Denken und wahrscheinlich auch Handeln ständig vergiftete. Ein Lebensthema sozusagen.

    Es ist schon komisch. Jetzt, wo mein gelebtes Leben in Schutt und Asche liegt, wo alles, an das ich geglaubt habe, nicht mehr existiert, habe ich eine Chance. Das tut weh. Macht aber auch Hoffnung. Irgendwie.

    Ich spüre, dass ich weicher werde. Der harte Knoten in mir löst sich langsam auf. Ein Prozess, der schon vor einer Weile begonnen hat. Ich sehne mich nach Ruhe und Entspannung, finde im Moment aber nur Erschöpfung und Trauer. Ein Anfang. Vielleicht.
    Ich soll mein Kind auf den Schoß nehmen und es trösten. Eine große Aufgabe... ich kann doch so schlecht mit Kindern.
    Niemand ist unter einem schlechten Stern geboren.
    Aber es gibt Menschen, die den Himmel nicht richtig deuten können.
    Dalai Lama

  7. Inaktiver User

    AW: Gewissheit nach 20 Jahren - Missbrauch

    Hallo Mrs Short,

    diese Erinnerungen zuzulassen kostet immense Kraft. Du hast viel geleistet und es ist nicht verwunderlich, dass Du erschöpft bist. Sei gut zu Dir in der nächsten Zeit. Du und vor allem auch Dein Kind im Innern hast es verdient.

    Ich dachte auch immer, ich kann nicht gut mit Kindern bis ich das Mädchen, das ich einmal war, in mir entdeckt habe und endlich spüren konnte und durfte. Es ist nicht so schwer, frag das Kind in Dir was es braucht und versuch ihm das zu geben.

    Die Traurigkeit und der Schmerz sind schwer auszuhalten, ich weiss, aber das wird besser werden.

    Lieben Gruß

    Evelyn
    Geändert von Inaktiver User (28.05.2010 um 18:28 Uhr)

  8. Avatar von Bigput75
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    AW: Gewissheit nach 20 Jahren - Missbrauch

    Hallo MrsShort,

    ich wünsche Dir alles Gute und viel Kraft! Und obwohl ich Dich nicht kenne freue ich mich für Dich, denn jetzt hast Du die Gelegenheit alles aufzuarbeiten.

    Beim Lesen habe ich gedacht: ihr Psychologe muss es doch gewusst haben - und siehe da, im nächsten Posting schreibst Du es! Ich hoffe, ihr könnt weiter zusammen arbeiten und habt Erfolg. Es ist ein langer, harter Weg aber er lohnt sich.

    Essen macht satt

  9. Avatar von MrsShort
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    AW: Gewissheit nach 20 Jahren - Missbrauch

    Danke schön.


    Anfang des Jahres habe ich mich fast mit meinem Th. überworfen, nachdem ich ihn um eine Diagnose gebeten hatte.

    Zur Erklärung:
    Ich bin seit über 18 Jahren in Therapie (nicht dauernd, aber schon irgendwie ständig ) und habe von "Sie sind nicht therapierbar." über "das klassische missbrauchte usw." bis zu "eigentlich ist doch alles ok" so gut wie alles gehört. Anfangen konnte ich mit all dem jedoch nie etwas. Bzw. ich hielt mich für einen Hypochonder auf Psycho-Ebene.
    Ein kurzer Ausflug in die Core-Energetic (Leute, DAS ist echt der Hammer) hat mir Mitte der 90 gezeigt, was extreme Panik bedeutet und dass sie in mir wohnt - aber das, was ich da erlebt habe, ging absolut über das hinaus, was ich aushalten konnte. Ich glaube, hätte ich da weitergemacht, wäre ich tatsächlich aus dem Fenster gesprungen.

    Bei dem jetzigen Th. hatte ich zum ersten Mal überhaupt das Gefühl, entscheidende Schritte nach vorne zu machen. Obwohl er gerne sagt, "ich mache doch nichts" (außer zuhören und die richtigen Fragen stellen, auf jede Frage eine Antwort wissen und mich ernst nehmen)...
    Daher meine Frage nach seiner Diagnose. Ich dachte, vielleicht hilft er mir auch hier, zu verstehen, "was ich eigentlich habe".

    Jo. Er tat sich schwer mit der Antwort. Und obwohl ich ihm vertraute, beschlich mit das ungesunde Gefühl, er suche nach einer Antwort, weil es keine gibt. Nicht, dass er nicht wüsste, sondern dass ich eben gar nicht "krank" sei.
    Dann sagte er was von einer hysterischen Persönlichkeitsstörung. Da die Stunde schon um war, hatte ich keine Zeit zum Nachfragen.

    Also: nach Hause, gegoogelt.

    Ach Du Scheiße. WAS???
    Wer Lust hat, googelt selber oder liest bei Wiki nach. Ich war entsetzt. Das, was ich da las, hatte so gar nichts mit mir zu tun.
    Natürlich fragte ich nach. Er erklärte es mir - frühkindliches Trauma etc. - und ich gab Ruhe. Aber zufrieden war ich trotzdem nicht.

    Heute weiß ich, dass er gar nicht wirklich antworten konnte. Eine weitere Diskussion zu diesem Thema steht an. Dieses Mal kann er antworten.

    Momentan hat mein kognitives Ich die Überhand. Es schreibt hier analytische Sachen und reguliert meinen Gefühlshaushalt. Eigentlich fühlt es sich so an, als hätte es "ausgekehrt". Leere.

    Das Kind muss noch ein bisschen warten. Ich bin noch nicht so weit, glaube ich. Es geht immer nur eine bestimmte Portion Schmerz gleichzeitig.
    Niemand ist unter einem schlechten Stern geboren.
    Aber es gibt Menschen, die den Himmel nicht richtig deuten können.
    Dalai Lama

  10. Avatar von Bigput75
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    AW: Gewissheit nach 20 Jahren - Missbrauch

    MrsShort,

    ich bin überzeugt, dass Du es mit einer Persönlichkeitsstörung zu tun hast - wie könnte es unter den Umständen auch anders sein? Ob nun hysterisch oder schizoid oder was auch immer....letztendlich musst Du auf ein Niveau kommen, auf dem Du selbst mit Dir leben kannst. Der Weg ist lang und steinig aber gangbar.
    Du verstehst Dich aber doch ganz gut mit Deinem Therapeuten, oder? Am wichtigsten ist, dass Du mit ihm arbeiten kannst und ihm vertraust. Nur so kann er Dir auch helfen.

    Von Core Energetic habe ich noch nie was gehört - es klingt aber nicht besonders vertrauenserweckend.

    Es ist jetzt viel zu früh, weil Du gerade erst herausgefunden hast was mit Dir passiert ist, aber versuche eventuell, Dich nicht permanent mit Dir und Deinem "Leiden" zu beschäftigen oder ständig alles zu analysieren. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es lindernd wirken kann, die Dinge einfach mal für eine Weile "sein" zu lassen, getreu dem Motto: so ist es jetzt und fertig.

    Ich weiß, es ist schwierig......
    Essen macht satt

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