Hallo
Ich bin seit September 07 Freiberuflerin. Für mich persönlich ist es genau das Richtige. Aber das kommt darauf an, was für ein Typ Mensch zu bist. Wenn Du Deine Motivation von selbst hast, sehr viel Eigeninitiative und und gut und gerne selbstständig arbeitest und Entscheidungen triffst, warum nicht?
Bei mir ist es eben so: Ich bin auf einem Gebiet nicht übel begabt und an Ideen, Kreativität und Motivation mangelt es mir nicht. Ich arbeite daher am liebsten selbstständig. Hinzu kommt, dass ich mich noch nie unterordnen und in eine Gruppe einfügen konnte.Oft werde ich als "Klugscheiszerin" betitelt, obwohl dies nicht stimmt, aber wenn etwas nicht korrekt war, habe ich mich nie gescheut, Kollegen u Chef darauf aufmerksam zu machen. Tja, dies wird eben nicht von allen goutiert.
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11.04.2008, 12:16
AW: lohnt sich Selbstständigkeit ?
I can dodge bullets, baby! (Phil Hellmuth)
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12.04.2008, 09:18
AW: lohnt sich Selbstständigkeit ?
Hallo,
hier schrieb ja schon jemand das man nicht nur Schönfärberei betreiben sollte. Somit hoffe ich, dass ich hier mal ein paar Beispiele abgeben darf und kann, wie es eben unschön aussieht. Einen Teil davon kann man auch im Psychotherapieforum lesen, unter dem Thema "Aktuelles Bircom Thema? Burn Out".
Natürlich möchte ich niemanden von der Selbständigkeit abhalten, doch wenn man mich ganz offen fragt, z. B. einer meiner ehemaligen Auszubildenen dann sage ich knallhart: "Lassen sie es lieber sein". Diese junge Mann kommt übrigens aus einem selbständigen Elternhaus, dort ist dem Vater nach zig Jahrzehnten Selbständigkeit auch alles weggebrochen.
Selbständigkeit ist etwas sehr schönes wenn man jung an Jahren ist, man die erforderliche Kraft hat und vor allem wenn es Marktwirtschaftlich alles Stimmt. Das ist in Deutschland aber alles andere als der Fall. Selbst als Einzelkämpfer und Freiberufler, etwas das ich auch viele lange Jahre machte, ist es heute nicht mehr so einfach. Ich kann auf über 24 Jahre Selbständigkeit zurückblicken und das nicht nur als Freiberufler.
Wer sich heute Selbständig macht, sollte es auf keinen Fall mit Krediten tun. Viele Gründungen sind unterfinanziert. Schon hier passiert es das die Firmen nach 2 Jahren wieder schliessen müssen. Gute Beispiele gibt es dazu z. B. in dem Buch von Hans Georg Möntmann: "Die Bank als Räuber - oder wie nehmen wir unseren Kunden aus". Dort geht es rund um das Thema Finanzen, eben auch bei Existenzgründung.
Unser Markt ändert sich im Rahmen der Globlaität rasant, d. h. das Produkte oder Dienstleistungn die heute noch gut eingeführt sind, schon morgen nicht mehr gefragt sein können. Viele gute Unternehmen die Jahrzehnte am Markt waren, und damit meine ich z. B. auch die Handwerksbetriebe, krebsen oft so lange herum bis nichts mehr geht. D. h. auch, die Selbständigen arbeiten teilweise bis zu 18 Stunden, viele auch mehr, jeden Tag auch an Sam-, Sonn- und Feiertagen um das Unternehmen halten zu können. Sie machen keinen Urlaub mehr manchmal über 10 Jahre und mehr. Sie haben keine Zeit für ihre Familien, leben ungesund und komplett am Leben vorbei. Dies sind keine Seltenheitsfälle.
Mein Unternehmen beliefert ausschließlich Firmen und da seit langen Jahren. Die Zahl der Unternehmen die pleite gingen, die nicht mehr konnten beläuft sich bei ca. 40%. Das liegt nicht an meiner Dienstleistung. Immer wenn ich einen Kunden verlor, oder sich bei ihm die Konten änderten sprach ich mit meinen Kunden. Viele waren bereit sich zu öffnen, und ich war an manchen Tagen sprachlos was da so alles passiert. Hinter vielen dieser Fälle verbergen sich Menschenschicksale die niemand zu hören bekommt.
Schwer wurde es für die vielen Firmen ganz besonders ab dem Jahr 2002. In dem Jahr wurde BaselII in der Testphase eingeführt. Das brach damals vielen das Genick. Doch nicht nur das ist ein großer Knackpunkt für die kleinen Selbständigen. Falls hier jemand interessiert sein sollte, meine Texte nicht langweilen etc., schreibe ich gerne weiter.
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12.04.2008, 11:32
AW: lohnt sich Selbstständigkeit ?
Ich finde das sehr interessant, gerade auch weil ich einiges unterstreichen kann, was du so berichtest.
Zitat von Aminata
Kann ich unterstreichen. Angefangen hatte mein Mann vor vielen Jahren mit PC-Verkauf mit Beratung als der Boom gerade anlief, viele einen PC wollten, aber völlig planlos waren, wie man beispielsweise eine kleine Firma vernetzt. Was er an Zeit, Engagement, Arbeit und vergebliche Werbung mit seinem Kompagnon reingesteckt hat, war beeindruckend. Gelohnt hat es sich unterm Strich nicht. Sehr bald haben sich größere Anbieter auf dem Markt etabliert und kleinere Firmen einfach ausgebootet. Sehr bitter für meinen Mann, da diese Firmen durch Masse überzeugten und weniger durch Klasse, aber für die lukrativen Aufträge wurde eine kleine Firma nicht mal in Erwägung gezogen.
Zitat von Aminata
Er war kurz davor alles hinzuschmeißen und sich anstellen zu lassen, als er durch Zufall über den Freund seiner Schwester Fuß in einen Konzern fassen konnte, die dringend EDV-Spezialisten suchte. Das war der Turnaround, obwohl natürlich noch einige kritische Phasen folgten. Wir hatten Glück, denn durch die erarbeiteten Referenzen und den damit eingehenden Beziehungen hat mein Mann weitere zahlungskräftige Kunden gewonnen.
Wenn ich nun so auf die vergangenen 15 Jahre zurückblicke, kann ich nur den Kopf schütteln, wenn sich sehe, dass zwischen Scheitern und Erfolg haben nur die Portion Glück stand, die uns damals gerettet hat. Gerecht ist das nicht, vor allem nicht für andere, die genauso viel zu bieten hatten, aber eben nie die Eintrittskarte in ein größeres Umfeld erhalten haben.
Und ich muss diesen Satz von Aminata ein zweites Mal zitieren, denn unsere Firma wird uns hoffentlich noch solange ernähren, bis wir an Ruhestand denken können. Vererben an unseren Sohn, selbst wenn dieser in Vaters Fußstapfen treten würde, ist nicht drin. Wir hatten zur richtigen Zeit die richtige Lücke gefunden und waren drin, bevor sich die Schotten geschlossen haben. Unseren Sohn würde dieses Konzept nicht mehr ernähren, dazu haben sich die Rahmenbedingungen zu sehr geändert.
Zitat von Aminata
"Es ist oft produktiver, einen Tag lang über sein Geld nachzudenken, als einen Monat für Geld zu arbeiten.”
(John D. Rockefeller)
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12.04.2008, 18:54
AW: lohnt sich Selbstständigkeit ?
Nocturna, danke für deine AW, sie deckt sich definitv mit meinen Erlebnissen. Habe heute leider fast nur im Politikforum gehangen, war auch nicht so geplant
. Morgen antworte ich hier noch mal, aber dann muss ich echt wieder arbeiten. Getreu dem Motto selbst+ständig. Manchmal wäre ich froh ich hätte endlich mal etwas Ruhe.
LG Aminata
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13.04.2008, 09:35
AW: lohnt sich Selbstständigkeit ?
Wo fängt man an wo hört man auf? Eigentlich bei der Existenzgründung. Dazu schrieb ich ja schon, und auch zu den Fallstricken der Unterdeckung im Falle einer Finanzierung, also auch das persönliche Schicksalsschläge nicht gleich zu Anfang der Selbständigkeit mit überdacht werden. Niemand möchte natürlich an den SuperGAU denken. Sollte man aber bevor man sich selbständig macht. Es ist nicht schön sich schlimme Situationen vorzustellen, doch es macht es im weiteren Verlauf einfacher, wenn man vorher mal überlegt: Wie würdest Du in diesem oder jenen Fall handeln, wie könnte es weiter gehen? Selbstverständlich ist man auch dann nicht für alles gerüstet, denn es kommt immer wieder zu neuen Dinge die man definitiv nicht einplanen und bedenken konnte, z. B. die Veränderung am Markt oder in der Bankenlandschaft um nur einmal zwei zu nennen.
Mal ein paar Fallbeispiele aus dem realen Alltag und wie es zur Talfahrt kommen kann.
Der Bereich Feinkost z. B.:
Ein Unternehmer um die 60 hat 2 Geschäfte in diesem Markt gemeinsam mit seiner Frau aufgebaut. Davor waren sie mal Arbeitnehmer wie die meisten von uns, bevor man sich den Schritt in die Selbständigkeit traut. Die beiden sparten und bauten voller Stolz und Elan ihre beiden kleinen Unternehmen auf. Sie dachten dabei auch an ihre Kinder, denen sollte es irgendwann mal gut gehen und sie wollten also auch für diese etwas solides aufbauen.
Die Produkte waren gefragt, der Service war wunderbar und in den letzten Jahrzehnten mussten sie zwar hart arbeiten, aber es ging ihnen gut. Mit der Zeit veränderte sich die soziale Marktwirtschaft zu einer asozialen Marktwirtschaft. Die Bürokratie wurde immer schlimmer, die Gesetze, Steuerregelungen und auch der Umgang mit Banken erschwerte den Alltag. Die beiden waren Kämpfer und so kämpften sie um den Erhalt der Unternehmen, den Erhalt der Arbeitsplätze und den Erhalt der eigenen Existenz. Da war ihnen schon klar, für die Kinder wird nichts mehr über bleiben. Dann kam die Zeit in der sich die Discounter auch im Bereiche Feinkost, Geflügel und Wild breit machten. Die Umsätze des kleinen Unternehmen gingen zurück, doch sie waren immer noch im Gewinnbereich. Selbstverständlich kann ein kleiner Spezialbetrieb nicht mit den Preisen eines Discounters mithalten. Es geht auch nicht das ein älteres Ehepaar gefordert ist sie sollen sich jetzt was anderes einfallen lassen. Flexibilität ist schön und gut, doch nicht überall ist diese möglich.
Es kam noch härter, die Frau wurde krank, sie braucht ein Spenderorgan, sie kam in eine Klinik. Die beiden hatten in den letzten Jahren nur hart gearbeitet, keinen Urlaub und keine Zeit mehr für ein Privatleben gehabt. Jetzt wollte der Mann bei seiner Frau in der Klinik bleiben, ihr die Hand halten solange es geht. Ein Spenderorgan bekam sie nicht, da gehen die jüngeren Menschen vor. Während er bei seiner Frau in der Klinik war, wirtschafteten die Mitarbeiter das Unternehmen zugrunde. Der Service, der Umgang mit Kunden wurde ohne diese beiden immer schlechter, und so gingen die meisten Kunden eben zum Discounter. Denn es fehlte jetzt auch am Herz im Unternehmen. Warum sollen Kunden die schlecht bedient werden, dann auch noch einen hören Preis zahlen für schlechte Behandlung? Die Unternehmen gingen in die Insolvenz, sie wurden zwar noch einmal von einem jungen, dynamischen Mann übernommen, der lies den alten Chef sogar noch etwas arbeiten. Doch der junge wollte auf den Alten um keinen Preis hören. Schließlich war er der neue Inhaber und der wusste alles besser. Die Kunden die anfänglich zurück kamen blieben bald wieder aus, und heute gibt es sie nicht mehr die beiden kleinen Unternehmen.
Das Nagelinstitut
Eine Frau machte sich selbständig mit einem Nagelinstitut. Im Anfang lief alles gar nicht so schlecht, doch es gab sie auch hier die Unterfinanzierung. Darüber hinaus werkelte der Ehemann der Unternehmerin immer wieder mit im Geschäft, was neben kaufmännischen Fehlentwicklungen auch häuslichen Ärger bedeutete. Die Frau konnte irgendwann nicht mehr, wurde krank, es fand sich niemand der sie vertrat. Die Ehe ging kaputt, die Firma gleich mit dazu.
Handwerker
Ein Handwerker 35 jährig gründete einen Betrieb, im Anfang lief alles gut, doch dann bekam er Konkurrenz die ihn unterbot. Auch das ist am Markt nicht unüblich, manche Unternehmen bieten Dienstleistungen an die noch nicht einmal die Selbstkosten decken. Sie tun es aus der Not heraus noch Kontenbewegungen zu haben, damit die Banken ihnen nicht die Konten schließen. Das ist unmöglich, findet aber täglich so in Deutschland statt.
Auch dieser Handwerker bekam große Streitigkeiten mit der Ehefrau und den Kindern. Er wurde kritisiert das er zu viel arbeite und zu wenig Geld nach Haus brächte. Eines Tages waren die Frau und Kinder weg. Den Handwerker fand man erhängt in seinem Büro.
Ein weiterer Handwerksbetrieb der schon etwas größeren Sorte, mit mehr als 40 Mitarbeitern wurde vom Junior übernommen. Ein sehr traditionsbewusstes Unternehmen mit guter Dienstleistung. Ihm brach Basel II das Genick. Zwar hatte er noch Gewinne aber sie gingen eben zurück. Somit wurden auch hier die Dispositionskredite, die wie ich finde jeder Unternehmer braucht, auf 0 zurückgefahren. Ein ausgeführter Großauftrag wurde vom Kunden nicht bezahlt und die Talfahrt ging los und zwar ganz rasant. Der junge Mann schämte sich in Grund und Boden, fühlte sich als Versager auch gegenüber seinem alten Vater. Zuhause tat auch in diesem Falle die Familie ihr übriges, sie hatten kein Verständnis für seine viele Arbeit, seine Ängste, das immer weniger werdende Geld und die Nöte es Mannes. Die Frau zog aus, ging zum erfolgreicheren Freund des Mannes samt Kinder.
Das glänzende Unternehmen von einst gibt es heute nicht mehr, den jungen Mann auch nicht mehr.
Noch ein Dienstleister
Auch hier machte sich vor 20 Jahren ein Mensch selbständig, die Ehefrau half bei den Büroarbeiten und nahm die eingehenden Telefonate entgegen. Man hatte 2 Angestellte und 1 Auszubildenden. Die Dienstleistung boomte vor 20 Jahren am Markt, doch dann kamen in diesen Breichen die großen Unternehmen die unterbieten konnten. Zwar war die Dienstleistung nicht exakt die Gleich, wohl aber die Produkte die Preismäßig stark unterboten werden konnten. Der Kampf ging los, der Mann lies sich immer neue Angebot und mehr einfallen. Hinzu kam das die Bürokratie auch hier immer neue Hürden, immer noch ein mehr an Arbeit brachte. Die Gewinne brachen langsam ein, der Dispo wurde auch hier unter Hinweis auf BaselII von der Bank gekündigt. Damit es noch irgendwie weiterging brachte der Unternehmer als Sicherheit sein Haus mit ein. Er wollte weiter flott bleiben, wollte weiter die Gehälter usw. zahlen können.
Es kam in der Zeit hinzu das die Eltern der Frau erkrankten. Die Frau kümmerte sich nun um die kranken Eltern, die der Pflege bedurften. Hinzu kam das sie sich auch noch immer um den Betrieb mit kümmern musste. Sie wurde bald selber krank mit Burn Out und kam in eine Klinik. Zu der Zeit war der Unternehmer selber schon mit seiner Leistungskraft und den Nerven am Ende, was zu Folge hatte das er nicht mehr arbeiten konnte. Wie es weiter geht kann sich wohl jeder vorstellen. Heute sind das Haus und die Firma weg. Er sitzt da mit Anfang 50 kann und will nicht mehr und sieht für sich keine Perspektive mehr.
Noch ein Dienstleister
Als das Internet zu boomen begann machte er sich selbständig. Er bot einen Toppservice an, das Unternehmen wurde schnell immer größer. Er begann auszubilden und war stolz auf sein Unternehmen. Das konnte er auch sein, er wurde voll des Lobes auch oft in den Medien erwähnt. Heute kräht kein Hahn und Huhn mehr nach ihm und seinem Unternehmen. Was war passiert? Die Dienstleistungen die sein Unternehmen anbot bekommt man heute entweder gratis im Web, oder es machen irgendwelche Menschen z. B. Internetseiten für Unternehmen für einen Apfel und ein Ei. Die Qualität ist vielen hier nicht mehr so wichtig, entscheidend ist der Preis. Die Dienstleistung an sich bot den Kunden noch viele andere Vorteile, aber das sahen die Kunden nicht, sie sahen nur den z. B. Bekannten der es unter Umständen auch noch alles umsonst realisieren kann. 10 Arbeitslose und weniger Ausbildungsplätze, plus einem kaputten Menschen, ehemals erfolgreicher Unternehmer blieb die Bilanz.
Der Altenpflegedienst
Hier sind auch einige kaputt gegangen, denn seit gemeinnützige Träger die 1 Eurojober einsetzen blieben hier viele private auf der Strecke.
Das waren jetzt mal nur ein paar Beispiele, gerne liefere ich noch mehr. Es wird jeder verstehen können das ich Namen der Personen nicht preisgeben werden, und das ich die Dinge so verfremdete das niemand die betreffenden Personen daraus erkennen kann.
Die Zahlungsmoral
Etwas was nach wie vor bzw. immer schlimmer wird, ist die Zahlungsmoral der Kunden. Die Uneinsicht der Menschen die meinen ein kleiner Unternehmer hat immer Geld zu haben. Selbst wenn er es hatte geht das irgendwann einmal aus. Selbst wenn er die Möglichkeit hat Inkassoverfahren einzuleiten, muss er aus dem was er mal hatte auch hier in finanzielle Vorleistung gehen. Manche Dinge gehen vor Gericht und dort bekommt so ein Unternehmer auch nicht immer unbedingt Recht. Dann wird vom Richter ein Vergleich vorgeschlagen, obwohl es sich für den Unternehmer der die Materialien und Arbeit erbracht nicht rechnet. Neben einem Wust an Papieren, der Aufregung eines Prozesses, viel Laufereien und mehr ist noch mehr verloren gegangen als gewonnen wurde.
Da fällt mir gerade noch ein Fotostudio ein.
Dort werden oft z. B. Hochzeitsfotos in Auftrag gegeben. Viele holen die Bilder später nicht ab und es wird nicht gezahlt. So ging mal ein Fotograf vor Gericht, es waren mehrere, kleine Beträge die in der Summe schon eine Menge ausmachten. Doch die Einzelbeträge erschienen einem Richter als Bagatelle und dem Fotografen wurde mitgeteilt er möge doch wegen solcher Bagatellen nicht die Gerichte bemühen.
Das Factoring
Natürlich gibt es für viele auch den Weg des Factorying, wie sieht es aber hieraus. Dieser Service muss ja auch bezahlt werden, also müsste in einem solchen Fall der Unternehmer diese Kosten in seinem Preis mit einberechnen. Das können die Wenigsten mehr heute am Markt. Sie haben schon genug Probleme durch die rasante Erhöhnung der Mehrwertsteuer.
Insolvenzen von Schuldern
Das Thema Insolvenz von Schuldnern sollte man natürlich auch nicht außer acht lassen. Denn auch das bricht vielen Firmen das Genick. Denn oft bekommt man gar nichts mehr. Und wie soll ein kleines Unternehmen diese Verluste auffangen?
Die Mängelrüge
Noch so ein Ding die Mängelrüge. Das sind viel ganz groß drin um nach erfolgter Ausführung den Preis zu drücken. Da wird konstruiert, da wird oft gelogen das sich die Balken biegen, Leidtragende sind die Unternehmen und ihre Mitarbeiter.
Die Haftung des Unternehmers/Controlling
Noch eine Fußangel. In Deutschland haftet der Unternehmer für die Fehler seiner Mitarbeiter. Das ist auch schon vielen Unternehmern teuer zu stehen gekommen. Nicht alles kann ein kleiner Unternehmer den ganzen, lieben langen Tag kontrollieren, es geht ganz einfach nicht. In manchen Gerichtsprozessen ist dann zu hören: Dann müssen sie eben weniger Aufträge annehmen, oder sich nicht selbständig machen. Jeder der so etwas sagt, den würde ich gerne für 2 Monate in mein Unternehmen einladen oder in die anderer Unternehmen mit der Bitte: Jetzt turnen sie einmal vor und zeigen Sie mir wie es besser zu machen ist. Besser machen können viele, viele Unternehmensberater die daran Geld verdienen meinen auch sie könnten es besser. Können sie nicht, denn sie kennen die Branche, den Alltag und mehr überhaupt nicht.
Die Schaffenskraft
Alles in allem stehen und Fallen kleine Unternehmen mit der Schaffenskraft des Unternehmers selbst. Dies wird bei einem Rating nicht berücksichtig. Viel mehr war neulich im Internet einmal zu lesen: Die größte Gefahr für ein Unternehmen ist der Unternehmer selbst, denn der könnte ja mal krank werden, ausfallen etc.. Na, warum dann noch ein Unternehmen gründen und Arbeitsplätze schaffen?
Weitere Fallstricke sind das Unterbieten am Markt bis zum geht nicht mehr. Das Fallen von Meisterhürden. Die Ich-AGs brachten auch Probleme. Und der jetzt so vielgepriesene offen Markt, wo ganz besonders auch das Handwerk drunter leidet.
Über Antworten zu dem Vorstehenden wäre ich dankbar, aber bitte in einer Form das man nicht gegenseitig aufeinander einhackt. Danke.
Noch ein interessantes Thema ist auch die Selbständigkeit bei Frauen. Übrigens, es werden in der der Öffentlichkeit selbstverständlich immer am liebsten die positiven Beispiele gezeigt. Es werden die Rosinen aus dem Kuchen gepickt, die anderes Seite finde ich sollte man aber nicht unter den Teppich kehren. Denn hier gehen viel zuviel Arbeitsplätze und Menschen kaputt. Das muss nicht sein und es wäre änderbar. Das sind die An- und Einsichten einer Praktikerin die es so und so ähnlich seit etlichen Jahren erlebte und erlebt.Geändert von Aminata (13.04.2008 um 09:42 Uhr)
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13.04.2008, 12:32
AW: lohnt sich Selbstständigkeit ?
Puh, in dieser geballten Form erscheint einem das freie Unternehmertum als reines Glücksspiel. Naja obwohl, ohne Glück läuft wirklich gar nichts. Schon ein einfacher Angestellter braucht eine Portion Glück um sein Auskommen zu finden, Freiberufliche brauchen das ungleich öfter nach meinen Erfahrungen.
Das hat uns mal getroffen, da waren wir eigentlich schon über 10 Jahre gut aufgestellt und alles lief wie am Schnürchen. Zwei unserer externen Mitarbeiter haben beschlossen beim Kunden mit einem dortigen Abteilungsleiter krumme Geschäfte zu machen und haben Stunden abgerechnet, die sie nie erbracht haben. Die ergaunerten Beträge wurden zwischen unseren Leuten und dem Abteilungsleiter fifty-fifty geteilt.
Zitat von Aminata
Als die Sache aufflog hatten wir Existenzängste, Angst vor einer gerichtlichen Anklage, Angst um unseren bisher tadellosen Ruf, Angst vor Schadensersatzklagen. Mein Mann hat in dieser Zeit ungelogen etliche graue Haare bekommen und vom ungesunden Alkoholkonsum zur Sorgenzerstreuung reden wir mal gar nicht. Nur weil dieser Weltkonzern keinesfalls negative Publicity wollte, wurde das Ganze unterm Tisch gekehrt und intern abgewickelt. Trotzdem ist uns dadurch Schaden in nicht absehbarer Größe entstanden, denn wir können uns in diesem Konzern nie wieder blicken lassen, Folgeaufträge für immer ade.
Definitiv
Zitat von Aminata
Mein Mann ist sein bester Mitarbeiter und immer an der vordersten Front beim Kunden. Wenn er dort nicht mehr mitwirken würde, weiß ich nicht, ob es noch weitergehen würde. Man muss die Flöhe beim Kunden husten hören und schon Lösungen parat haben, wenn der Kunde noch nicht mal eine Ahnung vom Problem hat. Abgestellte und seien sie noch so engagiert, wollen irgendwann abschalten und Mensch sein. Bei uns ist die Firma allgegenwärtig, immer."Es ist oft produktiver, einen Tag lang über sein Geld nachzudenken, als einen Monat für Geld zu arbeiten.”
(John D. Rockefeller)
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13.04.2008, 14:54Inaktiver User
AW: lohnt sich Selbstständigkeit ?
Danke für die sehr eindrucksvollen Beispiele, Aminata. Ich bin erst seit wenigen Jahren freiberuflich selbstständig und empfinde den Druck als SEHR viel höher als zu meiner Angestelltenzeit - und da ging's mir in einem sehr stressigen Job und einem wenig freundlichen Unternehmen schon nicht gut.
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13.04.2008, 17:41
AW: lohnt sich Selbstständigkeit ?
Danke für eure vielen Antworten,- nachdem ich die Firmenschicksale gelesen habe, bin ich froh das wir die schweren Jahre gemeistert haben. Und ich hoffe natürlich das es jetzt langsam aufwärts geht (es hat den Hauch eines Anscheins).
Mit Basel II haben wir eigentlich nur gute Erfahrungen gemacht und nur durch die enge und offene Zusammenarbeit mit unserer Hausbank so einige Krisen gemeistert.
Urlaub und Auszeiten muss man sich gönnen,- und wenn es nur ein verlängertes WE ist, -vor allem wenn man Kinder hat. Das haben wir uns von Anfang an auf die Fahne geschrieben, denn ich komme auch aus einem Selbstständigen Haushalt.
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13.04.2008, 18:25
AW: lohnt sich Selbstständigkeit ?
Gestattet mir hier einmal ein paar Fragen. Was sagt man denen die es nicht schafften, die alleine irgendwo mit ihrer Angst, ihrer Armut und ihrer Einsamkeit sitzen? Die keine Perspektiven mehr sehen nach oben zu kommen, die keine Arbeit mehr bekommen und die so um die 50 sind? Ich weiß da keine Antworten drauf.
Dumm gelaufen, es wird schon wieder oder was soll man dazu sagen? Sie sind jetzt in der Armut, haben ihr Leben lang hart gearbeitet und stellen sie oft diese Fragen. Sie schämen sich, sind oft sehr krank und es gibt weit und breit niemanden der sich ihrer annimmt. Diese Ängste und Gefühle kenne ich nur selber allzu gut, leider. Das Schlimmste an der Sache ist, wie es ist: Es gibt noch viele die sich daran erfreuen oder die Nase rümpfen.
Ein Familienbetrieb zum Beispiel ist das was er ist, ein Familienbetrieb. Was wenn die Familie auseinanderbricht, was wenn ein solcher Mensch keinen Rückhalt hat? Drauf hat mir noch nie jemand bis heute eine Antwort geben können. So, als wären diese Menschen es nicht wert das man sich Gedanken um sie macht.
Sie kriegen so oft zu hören was sie alles falsch gemacht hätten, haben sie aber gar nicht. Wie man an meinem letzten Beitrag sehen konnte. Aber auch dort wurde immer und immer wieder die Schuld bei den Betroffenen selber gesucht. So lange bis einige ja gar keinen Ausweg mehr sahen als ....
Die, die mal eben noch die Kurve kriegten sagen dann: Wir haben es hoffentlich noch einmal geschafft. Es ist allen zu gönnen, doch was ist mit den anderen? Der Spruch: Wer nicht kämpft muss untergehen, der hilft ihnen auch nicht weiter.
Was wenn dann jemand z. B. Burn Out bekommt, keine Kraft mehr zum Arbeiten hat. Niemanden zum Reden hat und auch noch die Angst vor dem Briefkasten bekommt? Die gibt es bei vielen diese Briefkastenangst. Wieso gibt diesen Menschen nicht jemand die Zeit sich zu sammeln, und ihre Firmen wieder vernünftig zu stabilisieren? Wieso gibt es so verdammt wenig Hilfen für die Selbständigen? Sie brauchen eine Lobby, aber sie haben keine. Niemand von Außen hilft ihnen, niemand wird klar das sie nichts an den Umständen von selber ändern können. Mich stimmt das mehr als nur nachdenklich. Zumal ich zuviel von ihnen kennengelernt habe. Vor allem ganz alleine gelassen, ohne Frau und Kinder, ohne Familie, ohne Ansprechpartner wie soll das bloß gehen? Da hilft kein Therapeut, dass geben Therapeuten ja sogar selber zu.Geändert von Aminata (13.04.2008 um 18:30 Uhr)
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13.04.2008, 19:05
AW: lohnt sich Selbstständigkeit ?
Schön, dass ich diesen Strang hier gerade entdecke.
Ich habe mich vor 17 Jahren selbständig gemacht. Anfangs arbeitete ich hauptberuflich noch als Sekretärin. Dann, nach der Geburt meines Kindes, ging das nicht mehr. Auf Rat meines Steuerberaters suchte ich mir jedoch noch eine Halbtagsstelle um die Kosten für die Sozialabgaben abzudecken.
Im Kindergartenalter unseres Sohnes ging das dann auch nicht mehr, ich hörte dann ganz auf als Angestellte und sattelte um auf Selbständigkeit.
Schön war die freie Zeiteinteilung, die mir den Freiraum für mein Kind ließen. Das ist auch das einzigste, was mir heute noch bleibt, dass ich nachmittags für meni Kind da sein kann, wenn es mch braucht. Aber die Arbeit macht sich trotzdem nicht allein, die muss ich dann eben tun, wenn Sohnemann schläft.
Mein Geschäft boomte, ich musste 2 Mitarbeiterinnen einstellen, später noch eine Aushilfe. Damit war es dann eigentlich vorbei. Ich musste feststellen, dass die Gehälter und Nebenkosten meinen eigenen Verdienst auffraßen. Hinzu kamen dann die für mich doch unerwartet hohen Steuern. Immer mehr wurde ein Loch mit dem anderen gestopft.
Vor einem Jahr habe ich neue Wege beschritten, einige Bereiche meines Betriebes ausgelagert auf ein spezialisiertes größeres Unternehmen. Dafür musste ich eine Angesellte entlassen, was mir nicht leicht gefallen ist. Aber ich habe nun keine Verantwortung mehr für die Mitarbeiterin, die Arbeit wird getan, da weder Krankmeldungen noch Urlaubstage eine Rolle spielen und auch für mich bedeutet es eine Riesenerleichterung, da dieses Unternehmen zu gleichen Kosten mehr leistet als meine Mitarbeiterin es je hätte tun können.
Durch private Probleme und die Umstellung des Betriebes hänge ich jedoch mit meiner Arbeit hinterher. Ich stopfe nicht nur ein finanzielles Loch mit dem anderen, sondern auch eine Dienstleistung mit der anderen. Das macht unzufrieden, nicht nur die Kunden, sondern vor allem auch mich. Meine Probleme sind soweit behoben, sodaß ich mich wieder voll einsetzen kann, jedoch kenne ich weder einen Feierabend noch ein Wochenende und auch der Urlaub wird klein geschrieben.
Ein ganz großes Problem ist, und das sagen auch viele meiner Geschäftspartner, dass die Kunden immer anspruchsvoller und schwieriger werden. Das heißt, sie wollen eine super Leistung zu einem super günstigen Preis. Von der früheren Einstellung: leben und Leben lassen, ist nicht mehr sehr viel übrig geblieben.
Noch ein Problem, das auch erst in letzter Zeit verstärkt auftritt: Der Wettbewerb ist extrem groß. Da es in meinem Beruf noch keine qualifizierte Berufsausbildung gibt, gibt es entsprechend viele Quereinsteiger, die die Preise hinunterdrücken. Es wird immer schwerer Neukunden zu einem akzeptablen Preis zu bekommen. Und, wie ich gerade vor kurzem feststellen musste, bin ich leider eine Frau und dem männlichen Geschlecht wurde eine bessere Leistund unterstellt.
Im Moment steht das Finanzamt mit Forderungen über 10.000 € vor meiner Tür und ich weiß beim besten Willen nicht, wie ich diese aufbringen soll. Leider ist es in unserem Staat so, dass die großen Firmen ihre Betriebe so verschachteln und so aufbauen können, dass sie kaum Steuern zahlen, die kleinen Unternehmer haben diese Möglichkeit nicht und müssen bluten. Dies bricht auch vielen Handwerkern das Genick.
Ich denke, dass ich nun eine weitere Mitarbeiterin entlassen und meine Lebensversicherung in Anspruch nehmen muss um die Steuern zu begleichen.
Und wer meint, ich lebe auf hohem Ross, fahre einen dicken Schlitten, trage teuere Klamotten, der irrt sich anz gewaltig. Mir bleiben zum Leben gerade mal 700,00 € und davon muss ich auch noch die Krankenkasse in vollem Umfang selbst bezahlen.
Selbständig? Nie mehr! Lieber ginge ich putzen und das überleg ich mir im Moment auch
. Wer will schon eine kaufmännische Angestellte mit vielseitigen Erfahrungen, die aber schon 55 Jahre alt ist?
Nee als Kleinunternehmen in Deutschland selbständig, das bedeutet Frust pur - für mich jedenfalls und im Moment ganz besonders
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Auch aus Steinen, die Dir in den Weg gelegt werden, kannst Du etwas Schönes bauen. (Johann Wolfgang von Goethe)


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