Hallo zusammen!
Ich studiere jetzt im 4. Semester Deutsch auf Lehramt und bin recht unzufrieden. Ich finde, man sollte als irgendwann mal fertiger Germanist eine gute Grundlage haben, was Literatur angeht. Sprich: Viele große Werke und Autoren sollten einem schon bekannt sein, auch wenn klar ist, dass man in vier Jahren Studienzeit nicht alles lesen kann.
Mich stört, dass genau dies das Studium nicht bietet. Ganz ehrlich, würde ich wirklich nur das machen, was in der Studienordnung verlangt wird, wäre ich sicher nachher kaum in der Lage vernünftigen Unterricht zu machen. Aber um sich selbst weiterzubilden fehlt einfach oft die Zeit.
Geht euch das genauso, oder habt ihr bisher andere Erfahrungen gemacht?
Ich freue mich auf Antworten!
Liebe Grüße,
Rizi
![]()
Antworten
Ergebnis 1 bis 10 von 11
-
01.07.2006, 15:49
Deutschstudium: Ich lerne zu wenig!!!
-
01.07.2006, 17:06
Re: Deutschstudium: Ich lerne zu wenig!!!
Wieso fehlt Dir die Zeit?
-
01.07.2006, 18:10
Re: Deutschstudium: Ich lerne zu wenig!!!
Na ja, es ist ja nicht so, dass ich nichts zutun hätte. Schließlich bin ich ja fast den ganzen Tag an der Uni, habe noch einen Nebenjob und muss abends meist noch ziemlich viel für die Seminare am nächsten Tag vorbereiten.
Und in den Semesterferien stehen dann Hausarbeiten und Praktika an. Außerdem kommen jetzt diese Ferien, die ja in zwei Wochen beginnen, noch zwei Zwischenprüfungen dazu, für die ich lernen muss. Da bleibt nicht mehr viel Zeit, um noch in Eigenregie sich alles anzueignen, was man für wichtig hält.
Gut, natürlich lerne ich an der Uni auch was, keine Frage. Nur sind viele Inhalte für den Lehrerberuf völlig irrelevant, andere wiederholen sich ständig, was ja auch irgendwie Zeitverschwendung ist! Unter anderem über Hermeneutik, F. de Saussure und allgemeine Sprachwissenschaft habe ich schon in drei Veranstaltungen immer wieder das gleiche hören müssen, aber Schriftsteller wie Goethe, Heine, Kleist, Lessing, um nur einige zu nennen, kamen bisher (fast) gar nicht vor, und fürs Hauptstudium ist auch nicht besonders viel im Bereich Literatur angesetzt.
Wenn man vielleicht dann noch mal freiwillig ein zusätzliches Seminar rein aus Interesse besuchen möchte, hat man ja meist gar keine Chance dazu, weil alles so völlig überlaufen ist.
Das ist doch irgendwie traurig, oder nicht?
Liebe Grüße,
Rizi
-
04.07.2006, 15:33Inaktiver User
Re: Deutschstudium: Ich lerne zu wenig!!!
Ich hab in der Uni (Germanistik auf MA) auch nicht jede, angeblich wichtige Literatur gelesen. Bis heute kenne ich nicht alle sog. "Standardwerke". Seit ich mit der Uni fertig bin, lese ich viel mehr, während der Unizeit hab ich auch fast nur Uni-relevante Sachen gelesen, weil ich keine Zeit für mehr hatte.
Wenn Dir das leid tut, musst Du halt in Deiner Freizeit mehr lesen (auf dem Weg zur Uni zB? Ich hatte immer nen lange Weg, da bot sich das an). Ich meine auch, dass man grade als Lehrerin schon einiges über die Literatur wissen muss, man lehrt sie ja schließlich! Da bleibt ja nur, es sich in der wenigen Freizeit anzueignen... Es gibt aber doch auch fast alles inzwischen als Hörbuch, das kann man auch schön nebenbei hören, im Auto oder eben unterwegs...
Schönen Gruß vom Phantom
-
30.07.2006, 15:20
Re: Deutschstudium: Ich lerne zu wenig!!!
Mir geht es ähnlich, ich bin mir der Lücken schmerzlich bewusst. Gibt es bei euch einen Literaturkanon, den man bis zur Zwischenprüfung/Magisterprüfung/Staatsexamen gelesen haben sollte?
An der TU Berlin gibt es sowas nicht, ich höre nur immer wieder von einem "inoffiziellen Kanon" munkeln, und das ist fast noch schlimmer.
Ich versuche, mir bestimmte Schlüsselautoren für die Epochen oder Stilrichtungen auf eigene Faust draufzuschaffen. Aber auch wenn ich meinen langen Weg zur Uni (ÖPNV) zum Lesen nutze - während des Semesters lese ich da meistens nur das gerade seminarrelevante Zeugs. Und das ist nicht immer deckungsgleich mit den literaturgeschichtlich bedeutsamsten Schriftstellern...
Aber wenn ich mich an meinen eigenen Deutschunterricht zurückentsinne, da wurden ja auch nur relativ wenige Schriftsteller und von denen auch nur eine bestimmte Auswahl an Werken überhaupt behandelt, jahrein jahraus. Was nicht unbedingt aufregend für den Lehrer sein dürfte!
Aber wiederum nicht erstaunlich, wenn man bedenkt, dass wir ja alle lange nicht alles gelesen haben können, was man vielleicht gelesen haben sollte.
-
30.07.2006, 18:37
Re: Deutschstudium: Ich lerne zu wenig!!!
Liebe Rizi,
ich kann dich gut verstehen.... auch in meinem Lehramtsstudium (Englisch) habe ich nicht wirklich viel gelernt. :
Ich muss leider sagen, dass ich da besonders von meinem wirklich guten Leistungskurs an der Schule profitiert habe!!
Es ist leider so, dass du dann im Referendariat dir viele Dinge noch aneignen musst...ich habe im Referendariat Sachen unterrichtet, die im Studium nie gelernt hatte... :schild uups:
Na, ja... auch nach ein paar Jahren Schuldienst lese ich die eine oder andere Sache noch nach.... finde ich auch wichtig, wenn man auf dem neuesten Stand sein will!!!
Liebe Grüße
Eva
-
30.07.2006, 20:39
Re: Deutschstudium: Ich lerne zu wenig!!!
Wie haltet ihr das eigentlich mit modernen Autoren und aktueller Literatur?
Lest ihr die, oder eher nicht so?
Und wie wählt ihr aus? Bestsellerlisten, oder die diversen Büchner- und Pulitzer- und Sonstwie-Preisträger, oder wie?
-
31.07.2006, 09:34Inaktiver User
Re: Deutschstudium: Ich lerne zu wenig!!!
Es ist schon eine Weile her, dass ich deutsche und englische Literatur studiert habe (als Nebenfächer), aber vielleicht kann ich trotzdem ein paar Tipps geben.
1. Übersichtsvorlesungen
Wurden bei mir in beiden Fächern angeboten (üblicherweise zu Roman, Lyrik und Drama). Vorlesungen kosten weniger Zeit als Seminare, man bekommt eine gute Literaturliste und Infos zu Romanen. Man muss nicht alle lesen, aber man weiß doch zumindest schon mal, was drin steht und wie der Roman einzuordnen ist. Und man wird angeregt, das eine oder andere zu lesen.
2. Kindler
Ja, doof, ich weiß. Aber das nützlichste Nachschlagewerk für jeden Literaturstudenten. Belesen wird man mit dem Alter. Wissend kann man schon vorher werden.
3. Mut zur Lücke
Niemand muss "alles" gelesen haben. Aber es lohnt sich, von einigen "großen", kanonischen Schriftstellern wenigstens ein Werk zu lesen. Dann weiß man schon mal, ob einem der Schriftsteller liegt, wie und worüber er ungefähr schreibt und kann ggf auch einen kurzen Kommentar zu ihm abgeben. Natürlich reizt es manchmal, von einem Schriftsteller so viel wie möglich zu verschlingen, wenn er einem gefällt. Aber zugunsten der breiten Bildung ist es besser, Bücher von vielen Autoren zu lesen. Und dann kann man auch mal mutig sein und sagen "Thomas Mann? Nein, sein Stil liegt mir wirklich nicht."
4. Zeitgenossen
Mal ehrlich, die Generation der 60jährigen kann ein Student, was Belesenheit angeht, nicht schlagen. Die haben meist schon in der Schule weit mehr lesen müssen als wir... Aber bei den Zeitgenossen kann man sich gut einen Vorsprung erkämpfen. Das können Preisträger sein oder man verfolgt aktuelle Lesungen oder die Feulleitons. Das beeindruckt und macht meistens auch noch Spaß.
5. Ausländer
Germanisten neigen manchmal dazu, sich nur mit deutscher Literatur auseinanderzusetzen. Ganz falsch! Gebildet wird man nur, wenn man auch die Literatur anderer Länder zumindest in Ausschnitten kennt. Im Original oder übersetzt, je nachdem, ob man die Sprache beherrscht. Die englischen und französischen Klassiker sind sehr unterhaltsam. Dann noch was Südamerikanisches, was Russisches und vielleicht noch was aus dem fernen Osten (die chinesische Klassik kennt nur vier große Romane - schön, oder?
).
6. Durchbeißen mit System
Den "Ulysses" liest man nicht vorm Einschlafen. Für manche Klassiker muss man Zeit und Konzentration einplanen. Vielleicht eine Freistunde während der Uni, in der man sich gezielt mit einem bestimmten Buch in die Bibliothek setzt? Auf diese Weise kann man während eines Semesters auch noch ein, zwei Klassiker abhaken. Und vor dem Einschlafen kann man sich dann immer noch einen Krimi vornehmen. Auch Sherlock Holmes gehört zu den Büchern, die man als gebildeter Mensch gelesen haben sollte.
Na, war ein brauchbarer Tipp dabei?
Grüße, Cariad
-
31.07.2006, 10:31Inaktiver User
Re: Deutschstudium: Ich lerne zu wenig!!!
Zur Ergänzung noch ein Wort zum sogenannten "Kanon".
Wer nun wirklich keine, aber auch gar keine Ahnung von Literatur hat, dem wird ein Kanon helfen. Für alle anderen finde ich einen Kanon unnütz bis fatal. Sich an einen Lesekanon halten, heißt wiederkäuen, nicht selbst denken, sich Neuem verschließen. Die meisten Kanons sind, böse ausgedrückt, eingeschränkt auf weiße, christliche, männliche Oberschicht-Literatur.
Wenn dir ein Prof eine Leseliste in die Hand drückt, bleibt dir nichts anderes übrig, als dich daran zu halten. Wenn es darum geht, eine fundierte literarische Bildung zu bekommen, musst du selbst suchen, finden, lesen, manchmal Irrwege beschreiten und deinen eigenen "Kanon" finden.
Dazu ein Kommentar zu Reich-Ranickis Kanon: http://www.litart.ch/literaturkanon.htm
Grüße, Cariad
-
31.07.2006, 23:17
Re: Deutschstudium: Ich lerne zu wenig!!!
Übersichtsvorlesungen: Klar - und ich komm da regelmäßig mit ellenlangen Leselisten wieder raus, dies klingt interessant, und jenes... und dieses wird immer wieder erwähnt, könnte also wichtig sein (zumindest für diesen Prüfer, man denkt ja gelenetlich auch pragmatisch).
Kindler: Guter Tipp. Guck ich mir nie an, aber vielleicht sollte ich mal.
Mut zur Lücke: Aber ja. Und wie. Einzelne Schriftsteller sowieso, teilweise sind es ganze Epochen. Wobei mein gähnender Krater Barockliteratur inzwischen nicht mehr ganz so gähnt. *stolzbin*
Und Thomas Mann liegt mir tatsächlich nicht, trotzdem schlag ich mich gerade mit seinem Doktor Faustus rum - aber bei Kafka hab ich aufgegeben, den kann ich nu wirklich nicht leiden.
Zeitgenossen: Da kommt so viel Neues raus, und manches davon ist m.M. nach ziemlicher Schrott - aber Feuilletons zum Filtern sind keine schlechte Idee.
Bei Lesungen fühle ich mich immer irgendwie unwohl - als dürfte ich, wenn der Autor selber da ist, das was er liest, nicht doof finden (oder sie natürlich).
Ausländer: Englischsprachige Literatur lese ich viel und im Original. Aber ich bin ein Sprachsnob - wenn ich die Sprache kann, dann erwarte ich von mir, dass ich die Bücher auch im Original lese. Und deshalb kenne ich sehr wenig von den Franzosen. Ich kann zwar einigermaßen gut französisch, aber eben nicht wirklich gut, deshalb ist es anstrengend, und ich bin faul und ein Snob, also les ich das dann gar nicht. Dumm, ich weiß. Und diesen Sommer hab ich mir fest vorgenommen, ein paar der großen Franzosen zu lesen, auch in Übersetzung. (Baudelaires Les Fleurs Du Mal will ich trotzdem im Original lesen, gerade bei Lyrik finde ich Übersetzungen irritierend.)
Die Horizonterweiterung (Südamerika, Russland, Fernost - warum eigentlich nicht auch Afrika, wenn wir schon dabei sind?) ist aber 'ne gute Anregung für mich.
Durchbeißen mit System: Äh. Ja. Da hab ich auch noch so Kandidaten im Regal stehen (Ulysses gehört dazu). Da braucht man nur Disziplin, und die ist anstrengend...
Die leichtere Muse ist da entgegenkommender.
An meiner Uni gibt es im nächsten Semester übrigens sogar ein Seminar über Krimis. Und letztes Semester waren Abenteuerromane dabei - auch alles Literatur. (Wobei Abenteuerromane aus dem 19. und beginnenden 20. Jahrhundert nicht unbedingt fetzig geschrieben sein müssen - das weiß jeder, der Karl May tatsächlich gelesen hat. Original und nicht gekürzt und bearbeitet. )
Fazit: Ja, für mich waren ein paar brauchbare Tipps dabei. Danke!


Zitieren
