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    Ein Stein reist durch die Zeit / Teil 1

    Vom Anfang an




    Am Anfang aller Zeiten, als das Universum entstand, entströmten alle Dinge einem gemeinsamen Ursprung. Was vorher leer und zeitlos gewesen war, füllte sich mit rasender Materie. Getrieben von einer ungeheuren Kraft ergossen sich die Atome in die Weiten des Weltalls und verbanden sich in Jahrmillionen zu kugelförmigen Materieklumpen. Sie zogen sich gegenseitig an, wuchsen dadurch und nahmen so im Laufe der Zeit die ungeheuren Ausmaße an, die sie heute noch haben. So formte sich die Materie, die Klumpen waren größer geworden und hatten sich strukturiert. Wo vordem Chaos herrschte, war nun Ordnung. Auf diese Weise entstanden die Galaxien, Sonnen- und Planetensysteme, alles, was an unser staunendes, ehrfürchtiges Herz rührt, wenn wir nächtens zum Himmel sehen.

    In den schier unendlichen Tiefen zwischen diesen Gestirnen aber gibt es bis heute ganz vereinzelt kleinere Materieklumpen, die sich seit den Geburtsstunden des Alls nicht verändert haben. Sie gleichen Freibeutern, die sich keinem größeren Materieverband anschließen wollten oder konnten und so ihre ursprüngliche Zusammensetzung bewahrt haben. Es sind dies die Kometen, jene geheimnisvollen Wanderer, von denen manchmal einer über unseren Himmel irrt. Stürzt ein solcher auf die Erde ab, verglüht er meist in der Atmosphäre. Doch einige wenige überleben, wir wissen nicht, warum. Und deshalb heißt es, diese würden magische Kräfte bergen.

    Millionen Jahre vor uns fiel ein solcher eines Tages auf unseren Planeten. Als schwarzer, runder Gesteinsbrocken in der Größe einer Faust raste er durch die Atmosphäre und bohrte sich mit dumpfem Aufprall in den Boden der Gegend, die wir heute als persische Steppe kennen.

    Da lag er nun, nur wenig unter dem spärlichen Gras, das ihn bald überwucherte. Viele Tiere, von denen wir heute nichts mehr wissen, stiegen über ihn und längst verschwundene Pflanzen deckten ihn zu. Kein Wind, kein Regen konnte ihm etwas anhaben. Es schien, als sei er für eine größere Mission geschaffen. So zogen die Jahre ins Land, Hunderte, Tausende und Abertausende ...







    Zarathustras Ritual




    In grauer Vorzeit breiteten sich unaufhaltsam die Menschen auf der Erde aus. Völker entstanden, vermehrten sich und gingen in blutigen Schlachten wieder unter. 2600 Jahre vor uns lebte ein Volk in der Gegend des Steines, das eine bemerkenswerte Ansicht von der Welt hatte. Das ganze Universum war für dieses Volk belebt, durchzogen von einem einzigen Geist, den es Ahura Mazdah nannte. Doch Ahura Mazdah war diesen Menschen nicht nur der Schöpfer von Himmel und Erde, Tag und Nacht, oben und unten und der vier Himmelsrichtungen, sondern auch der Zwillingsgeister Spenta Mainyu (der Gute Geist) und Angra Mainyu (der Böse Geist). Seit sich beide Geister für den Weg des Guten bzw. den des Bösen entschieden hatten, gab es ein Reich des Lichtes und eines der Finsternis, welche im ewigen Streit miteinander lagen.

    Um sich in den Wirrnissen einer solchen Welt zurechtzufinden, gab es in diesem Volk Priester, die Magier genannt wurden. Sie sollten mit Ahura Mazdah in Verbindung treten und ihn für die Menschen günstig stimmen. Doch gab es unter den Magiern auch solche, die in Wirklichkeit dem Reich des Bösen dienten. In Unmengen brachten sie ihren finsteren Dämonen Schlachtopfer dar und tranken Haoma im Übermaß, den Trank der Visionen und der Unsterblichkeit. Eigentlich ein Geschenk der Götter wurde Haoma den abtrünnigen Magiern durch ihren Mißbrauch zum Gift für ihre Seele.

    In diesen Tagen wirkte der Anführer der Magier Ahura Mazdahs und Ahnherr der weißen Magie, Zarathustra. Er lebte manche Jahre in der Gegend des Steines, ohne von diesem zu wissen. Sanft war sein Haus an die Westseite eines Hügels angelehnt und sah von dort auf die Steppe nieder. Hier weideten tagsüber die wenigen Rinder Zarathustras, denn Ahura Mazdah hatte ihn mehr mit Weisheit als mit irdischen Gütern gesegnet.
    Überall auf dem Hügel verstreut wuchsen Zarathustras Pflanzen, die er züchtete, damit sie ihm bei seinem Große Werk, der Bekämpfung des Bösen, dienlich seien. Auf der Südseite des Hügels befand sich ein bescheidener, gemütlicher Tempel, der den Brüdern der weißen Magie als Zentrum ihrer Macht diente. Zwischen seinen Marmorsäulen hielt die Bruderschaft unter der Leitung Zarathustras in regelmäßigen Abständen ihre Rituale ab.

    Zarathustra hatte viel unter den Anfeindungen seiner Gegner, der finsteren Bruderschaft der schwarzen Magie, zu leiden. Sein ganzes Leben hatte er nur dem Kampf des Guten gegen das Böse gewidmet, ohne dass er bislang einen durchschlagenden Erfolg zu verzeichnen gehabt hätte.
    Eines Nachmittags saß er ziemlich entmutigt an seinem Lieblingsfenster und sah seufzend in die Steppe auf seine dürren Rinder hinaus. Geistesabwesend kraulte er seiner schnurrenden Perserkatze den Kopf ... In bewegten Bildern zeigte ihm die Erinnerung die wichtigsten Stationen seines Lebens: die Einweihung in die Bruderschaft, die Ausbildung, die Prüfungen, seine Heirat, das Lachen seiner beiden Töchter, später deren Hochzeit. Es schien Zarathustra eine halbe Ewigkeit her zu sein ... Seit er seine Ehefrau begraben hatte müssen, bewohnte er zusammen mit einer betagten Haushälterin und zwei Knechten sein einsames, doch wohl bekanntes Anwesen.

    Was sollte Zarathustra denn noch alles tun? Die gleichen Techniken, deren er sich bediente, halfen auch den Schwarzmagiern, seiner Bruderschaft einen Streich nach dem anderen zu spielen. Einmal waren sie eine Nasenlänge voraus, dann waren es wieder die anderen. Ein Ende des Kriegs war nicht in Sicht, und manchmal war der Magier gar nicht recht davon überzeugt, dass er und seine Brüderschaft gewinnen würden. Natürlich hatte ihm Ahura Mazdah geoffenbart, dass am Ende der Zeiten das Reich des Lichtes über das der Finsternis siegen wird, aber warum fällt es in Zeiten der Prüfungen eben so schwer, das auch zu glauben? Sollten aber die Schwarzmagier unter diesem abscheulichen Bandva siegen, dann taten ihm jetzt schon die Menschen Leid. Bandva könnte für lange Zeit eine Herrschaft des Schreckens errichten, wie sie in der Geschichte der Menschheit noch nie da war.

    Koste es, was es wolle, Zarathustra musste das verhindern. Die Frage war nur, wie. Hätten seine Brüder und er nur eine Waffe, die wirklich neu wäre, eine, die nicht sofort zu bekämpfen wäre, könnte er vielleicht die magische Kraft seiner Gegner bannen. Gänzlich brechen war ohnehin unmöglich, weil das Böse nach Ahura Mazdahs eigenem Willen bis zum Ende aller Zeiten Bestand haben sollte, seufz, aber für eine Zeitlang unschädlich machen - ja, wenigstens das sollte zu schaffen sein. Der Magier entschloss sich, Ahura Mazdah zu befragen.
    Damit stand Zarathustra auf und machte sich daran, astrologisch den günstigsten Zeitpunkt für ein Ritual zu berechnen. Und siehe da, noch heute Nacht, kurz vor Morgengrauen, würde sich der Jupiter in Konjunktion mit dem Saturn befinden, dazu ein Trigon mit dem Mond entstehen. Das verhieß gutes Gelingen.

    Nachdem er Moimona, seiner Haushälterin, noch die Anweisung gegeben hatte, ihn kurz nach Mitternacht zu wecken, vertiefte er sich in das Studium seiner alten Schriften. Darüber wurde es langsam Abend, ein Umstand, der Zarathustra auffiel, als er sich mit dem Lesen immer schwerer tat. Dann zündete er eine Kerze an, fütterte die Katze, aß ein Stück Ziegenkäse mit Brot, trank einen Schluck Milch und stürzte sich wieder auf die Mythenschatz seiner Vorfahren ... Plötzlich wurde er an der Schulter aus dem Schlaf gerüttelt. Moimona hatte ihn geweckt, so wie es ihr aufgetragen worden war.

    Tau war in der Zwischenzeit gefallen, stellte Zarathustra fest, als er durch seinen Kräutergarten in Richtung Tempel ging. Noch war es stockfinstere Nacht, als sich ächzend die schwere Türe zum Tempel öffnete. Im Opferraum zündete er die magisch geweihten Kerzen an, warf seine Robe über und traf seine sonstigen Vorbereitungen. Nach einigen Minuten qualmten die Räucherungen, deren Duft Zarathustra tief einsog. Dann setzte er sich und versenkte sich in die Ruhe des Geistes, um für sein Ritual bereit zu sein. Ab und zu warf er einen Blick aus dem Ostfenster des Tempels, damit er die Zeit nicht übersehe.

    Als ihm ein heller werdender Streifen am Horizont anzeigte, dass die berechnete Stunde gekommen war, erhob sich Zarathustra und begann mit seinen Gebeten. Währenddessen schritt er zum Bildnis Ahura Mazdahs an der Stirnseite des Tempels. Dort beugte er sich andächtig zu einem Becher mit Haoma hinunter, erhob diesen und trank in kleinen Schlucken. Dann begann er mit allmählich lauter werdender Stimme seine Beschwörungsformeln gemäß den überlieferten Anweisungen zu rezitieren. Wenig später erfüllten noch mehr Räucherungen die Luft und hüllten alles in wabernden Nebel.

    Langsam verschwammen die Konturen Ahura Mazdahs, und seine eigenen Beschwörungen vernahm er nur mehr wie aus weiter Ferne, gedämpft und ohne Hall. Mitten in diese Stimmung hinein fühlte er, wie sich seine Seele öffnete. Sein ganzer Körper vibrierte, erschüttert durch die unsichtbare Gegenwart einer transzendenten Macht.

    Plötzlich schien es ihm, als vernehme er eine Stimme, die in tiefer, männlicher Stimmlage von allen Seiten auf ihn eindrang: "Zarathustra, ich weiß, du bist in Sorge. Zu recht. Komm mit mir, ich will dir etwas zeigen."

    Zarathustras Geist folgte Ahura Mazdah in Visionen vieler Sphären, eine fremdartiger als die andere, von Anfang und Ende der Welt, quer durch alle Zeiten. So sah er sich einmal durch eine Gegend gehen, die keine Sonne beschien, weil der Himmel von tiefhängenden Wolken verdunkelt war. Am Boden reihten sich verschieden große Krater zwischen Feuerherden. Auch Pfützen mit stinkendem, brackigem Wasser musste Zarathustra ausweichen. Alles war zerstört, kein Vogel war zu hören, kein Baum zu sehen, der nicht verkohlte Äste anklagend in die bleierne Dämmerung gestreckt hätte. Die Luft ließ sich nur schwer atmen und war gelegentlich mit beißenden, unangenehmen Gerüchen geschwängert. Hin und wieder bemerkte er eine halb verbrannte oder verstümmelte Leiche, die inmitten von Ruinen und ihm fremder Geräte aus schwerem Metall herumlag. Offensichtlich war niemand da, um die Toten zu beerdigen.

    Hier herrschten nur Zerstörung, Tod und Verwesung. Mit klammen Fingern griff die Trostlosigkeit des Ortes nach seiner Seele, so dass Zarathustra froh war, als sich sein mystisches Auge schloss ...

    ... Als es sich wieder öffnete, gewahrte er eine Herde großer, stark gebauter Pferde über eine Ebene galoppieren. Der Vollmond beleuchtete die Gegend fast taghell. Der Tritt der Pferde ließ die Erde erbeben und machte die wenigen Sträucher und Bäume erzittern. Die Vibrationen pflanzten sich bis in das Weltall hinaus fort und es schien Zarathustra, als würde das Universum bis an sein Ende vom Galopp der Pferde durchpulst ...

    ... Dann wieder schaute er einen Pfau. Der Vogel saß in seiner vollen Schönheit auf einer blumengeschmückten Veranda. Diese gehörte zu einem Gebäude aus Marmor, das am ehesten mit einem Tempel zu vergleichen war. Davor erblickte Zarathustra eine in Blüte stehende Wiese, die verschwenderisch ihre Düfte verströmte. Über die bunte Pracht der Blumen glitten feenhafte Wesen hin, ätherisch schwebend zwischen Schmetterlingen in der Sonne. Ein Stück weiter weg befand sich ein Waldrand, der sich in sattem Grün vom strahlenden Himmel abhob. Aus der Ferne hörte er das Rauschen eines Wasserfalles, vermischt mit dem Gesang der Vögel. Alles war lichtdurchtränkt, durchpulst mit Freundlichkeit ...

    Am Ende all dieser Visionen fand sich Zararthustra im heimatlichen Tempel wieder. Erneut vernahm er Ahura Mazdah: "Es ist vermessen von dir, das Böse vernichten zu wollen, dafür bist du viel zu unbedeutend. Aber ich achte es, wenn du das Gute stärken möchtest, soweit du das vermagst. Daher möchte ich dir heute meinen letzten Auftrag mitteilen. Du bist der treueste meiner Diener und nur du bist würdig, ihn zu erfüllen. Finde einen schwarzen Stein von der Größe einer Faust. Er muss vom Anfang des Universums stammen. Den trage bei dir, denn er wird dich inspirieren. Was du durch ihn vernimmst, das schreibe auf. Schreibe es nieder in Versen, und diese sollst du Gatha nennen. Das sei dein Vermächtnis für die Welt, ein Leuchtfeuer für die Wesen, die guten Willens sind.
    Weil der Stein überirdische Kräfte hat, ist es besser, du vernichtest ihn, bevor du stirbst."

    Damit verklang die Stimme, ein verebbendes Echo zwischen den Säulen des Tempels. Es war bereits heller Tag, als Zarathustra wieder zu sich kam ...
    Geändert von ricochet (08.04.2008 um 15:13 Uhr)
    Ich schreibe, also bin ich.

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    AW: Ein Stein reist durch die Zeit / Teil 1

    Zarathustras Vision




    Zwei Tage nach Zarathustras Ritual hatte die Bruderschaft der schwarzen Magie ihre Zusammenkunft. In der Tiefe der Nacht prasselte Regen auf die Dächer der Hauptstadt. Kein Mensch hielt sich auf den Straßen auf, die zwischen den Häusern zum Tempel inmitten der Stadt führten. In einem der Nebenräume des Gebäudes flackerte der Schein von Kerzen aus schwarzem Wachs und warf unruhiges Licht auf die Pfützen vor dem Fenster. Beißender Rauch erfüllte die ohnehin schlechte Luf des Raumes. Wegen der aufgesetzten Kapuzen und der mangelhaften Beleuchtung erkannte man kaum das Gesicht der Männer, die sich hier zum Ränkeschmieden eingefunden hatten.
    Bandva, der verworfenste aller schwarzen Magier, gegen den mancher in der Runde ein harmloser Waisenknabe war, leitete das Treffen. Er saß am Kopfende eines massiven Holztisches und hörte die längste Zeit dem Gemurmel seiner Brüder zu, ohne sich am Gespräch zu beteiligen. Plötzlich legte die rechte Hand auf Tischplatte, zum Zeichen, dass er nun zu sprechen wünsche. Es wurde still.

    Mit einer Stimme die klang, als käme sie direkt aus der Gruft, begann er zu reden: "Ich habe euch nicht umsonst gerufen, Brüder. Unser Spion im Hause Zarathustras hat mir berichtet, dass Zarathustra vorgestern ein Ritual abgehalten hat. Wir wissen natürlich nicht, worum es gegangen ist, aber seinem Verhalten zufolge dürfte es ein Erfolg gewesen sein. Ich finde es an der Zeit, seine magischen Fähigkeiten durch das Kleine Bannritual eine gewisse Zeit zu lähmen, damit er seine Pläne nicht verwirklichen kann. In der Zwischenzeit müssen wir eben herausfinden, was er erreicht hat, damit wir mit aller Macht zurückschlagen können."

    "Aber unsere Fähigkeiten sind in dieser Zeit ja auch gelähmt", so meinte hinten der einäugige Lumma, den alle "den Heimtückischen" nannten.

    "Das stimmt", erwiderte Bandva, "deswegen verwenden wir das Kleine Bannritual nur, wenn es sich nicht umgehen lässt. Doch unsere Spitzel sind nicht beeinträchtigt. Wir müssen diese anweisen, alles an Informationen zusammenzutragen. Nach dem, was wir zur Stunde wissen, können wir ohnehin keinen Plan beschließen, der der weißen Bruderschaft Tod und Verderben bringt.
    Brüder, wir müssen immer vorsichtiger werden. Zarathustra, der Meister der weißen Bruderschaft, wird von Jahr zu Jahr gefährlicher. Eines Tages werden wir ihn vernichten, je eher desto besser.
    Weil Zarathustras Ritual schon zwei Tage zurückliegt, sollten wir uns beeilen, bevor er irgendwelche Vorhaben in die Tat umsetzen kann. Und daher, Brüder, laßt uns in dieser Nacht unseren Bund mit Blut erneuern. Die Sterne stehen günstig und die Stunde des Saturn zieht herauf. Ehe sie vergeht muss das Ritual vollzogen sein, zu Ehren Angra Mainyus!"

    Kaum hatte er geendet, gab er einer Person, die die ganze Zeit an der rückwärtigen Wand gestanden hatte, einen Wink mit der linken Hand. Einer der Knechte Zarathustras trat aus dem Halbdunkel hervor und nahm eine Goldmünze in Empfang, welche ihm Bandva verächtlich entgegenwarf. Der Knecht bedankte sich untertänig und beeilte sich, rückwärts hinkend und sich dabei verbeugend den Raum zu verlassen.

    Die Brüder warteten bis kurz nach Mitternacht, bis die astrologischen Berechnungen eine Konjunktion zwischen Saturn und Mond ergaben. Kaum war es soweit, zerrten einige von ihnen die für die Opferung bestimmten Rinder und Ziegen an rostigen Ketten in den Ritualraum. Hier qualmten bereits Räucherungen großteils giftiger Pflanzen, während Bandvas Stimme in Anbetungen zu Angra Mainyu mächtig anschwoll.
    Lumma wetzte die Opfermesser. Schneidend scharf drang das Geräusch durch die Gänge und Hallen und vermischte sich mit dem Scharren der Hufe und dem angstvollen Schreien der Opfertiere. Kundig ließ er den Blick seines einen Auges über die Klingen schweifen, um zu prüfen, ob sie scharf genug waren. Ein anderer Bruder rührte inzwischen das Haoma an, welches ihnen bald zu Macht über die Kräfte der Finsternis verhelfen sollte. Drei andere Brüder nahmen trommelähnliche Schlaginstrumente, die mit Menschenhaut bespannt waren, zur Hand. Ihr ohrenbetäubendes Trommeln leitete das Ritual ein. Mit einem scharrenden Geräusch in den Angeln stießen zwei Brüder das Tor zum Opferraum zu und verriegelten es von innen ...

    Von Stunde an beschäftigte Ahura Mazdahs Auftrag Zarathustra fast Tag und Nacht. Er wäre ja gerne gewillt gewesen, ihn zu erfüllen, doch eröffnete sich ihm vorläufig kein Weg, an den bewussten Stein zu gelangen. Die ersten paar Tage hatte er mit astrologischen Berechnungen, die ihn keinen Schritt weiterbrachten, vertan. Alle altbewährten Methoden, eines Gegenstandes habhaft zu werden, schlugen fehl. Befragte er seinen magischen Spiegel nach dem Aufenthaltsort des Steines, so zeigte ihm der nur sein eigenes Gesicht, keine Landschaft, geschweige denn einen Stein, nicht die Spur einer Vision. Wollte er seinen Geist während des Schlafes auf Erkundung schicken, so träumte er unkontrolliert vor sich hin. Wie ärgerlich! Überhaupt schien es, als hätten ihn seine magischen Kräfte verlassen. Alles, was er übersinnlich unternehmen wollte, führte zu nichts - es war wie verhext. Zu guter Letzt hoffte Zarathustra nur noch auf den Zufall.

    Auf diese betrübliche Weise war nun bald ein halbes Jahr vergangen. Inzwischen war es Frühherbst geworden und Zarathustra weilte bei seinem Schwager, einem angesehenen Pferdezüchter, fünf Tagesreisen im Norden. Dieser gab anlässlich der Heirat seines Sohnes ein Fest. Zarathustra wollte zugegen sein, auch um wieder einmal die Gegenwart lieber Freunde und Verwandte zu genießen. Einige von ihnen hatte er Jahre nicht mehr getroffen. Es war erstaunlich und belehrend zugleich zu sehen, wie die Zeit die Leute formte. Den einen machten die Jahre dürr, den anderen feist und gar manchen hätte Zarathustra nicht mehr wieder erkannt, wäre ihm nicht sein Schwager hilfreich zur Seite gestanden.

    Das Fest zog sich traditionsgemäß über vier Tage hin. Gegen Ende hatte Zarathustra immer öfter das Bedürfnis, sich von der Gesellschaft zurückzuziehen. Der viele Lärm und die pausenlose Anwesenheit so vieler Leute hatten ihn erschöpft. Erfreulicherweise lag ein Teich hinter dem Hause seines Schwagers. Eingesäumt von Gebüsch, das den Lärm dämpfte, lud das Gewässer Zarathustra ein, sich an seinem Ufer ein wenig zu erholen.

    Der Magier setzte sich an den Rand des Teiches, genoss es, die Geräusche des Festes nur mehr im Hintergrund zu hören. Tief sog er die frische Abendluft in die Lunge, nachdenklich ließ er seinen Blick auf der Wasseroberfläche ruhen. Wie schnell die Zeit doch verstreicht, achtete man ihrer nicht ... Gelegentlich kräuselte ein Lufthauch die Oberflache ... Sein Geist wurde still. Zarathustras Atem ging ruhiger und tiefer, ohne dass er dies bemerkt hätte. Er näherte sich langsam, aber sicher einer Trance ...

    Da formte sich die Oberfläche des Wassers, als sei jemand mit unsichtbarer Hand darübergefahren. Als sich der Wasserspiegel wieder glättete, schaute Zarathustra eine Steppengegend, ganz in der Nähe seines Hauses. Ein Pferd - war es nicht eines der seinen? - scharrte ein Stück Grasnarbe zur Seite. Darunter kam ein schwarzer, faustgroßer Stein zum Vorschein. Eine behaarte Männerhand griff danach. Im nächsten Augenblick zeigte ihm die Vision den ganzen Mann. Es war Gotlin, einer seiner Knechte, der nun den Stein in einem Sack verstaute und das Pferd bestieg. Dann trübte sich das Wasser. Als es wieder aufklarte, waren die Bilder verschwunden.

    Jetzt war Zarathustra munter geworden. Freudestrahlend sprang er auf und eilte zu seinem Gastgeber in den Festsaal: "Lieber Schwager, hab' Dank für deine Gastfreundschaft. Aber ich muss dich jetzt verlassen, weil mich eine Angelegenheit nach Hause ruft, die keinen Aufschub duldet. Ich gehe dem größten Ereignis meines Lebens entgegen. Ich hoffe, es fällt dir der Abschied nicht so schwer, wenn du weißt, dass ich mich jetzt schon glücklich schätze."
    Zwar wollte ihn sein Schwager zurückhalten, da es zu gefährlich sei, in seinem Alter nächtens durch die Wildnis zu reiten, aber Zarathustra zeigte sich uneinsichtig. Schnell verabschiedete dieser sich von den Leuten, umarmte geschwind den einen, bat noch, dem anderen Grüße auszurichten. Ungeduldig ließ er die Liebkosungen seiner Base über sich ergehen, die ihn unbedingt noch an ihren wogenden Busen drücken musste. Würde man sich doch so lange nicht mehr sehen! Sei die Reise ja so gefährlich! Überdies höre man neuerdings viel von Räubern und ähnlichem Gesindel! Und überhaupt wisse man nie ...!

    Schließlich gelang es Zarathustra, sich auf sein Pferd zu schwingen und ihm die Sporen zu geben. Voller Unrast ritt er in Richtung heimatlicher Gefilde. Es beeindruckte ihn nicht, dass der Weg bei Tage schon beschwerlich war - und dann erst noch bei Nacht! Jeder Hufschlag seines Pferdes brachte ihn dem Stein näher, das war alles, was zählte ...

    Es war schon Mitternacht vorbei, als Zarathustra seine erste Pause einlegte. Am Ufer eines kleinen Flusses, an dem er entlang geritten war, band er sein Pferd an und suchte sich trockenes Holz für ein Feuer. Als die Flammen dann prasselten, dachte er über seine Lage nach. Er fühlte deutlich, dass er sich der größten Schlacht seines Lebens näherte. Dementsprechend wollte er sich innerlich vorbereiten. Vielleicht würde er endlich einen vernichtenden Streich gegen die Bruderschaft des Bösen führen können. Wie sehr hätte es ihn gefreut!

    Mit dem kleinen Feuer im Rücken sah er den Fluss hinauf. Langsam floss das Wasser, auf dessen Oberfläche sich der Mond und die Sterne glitzernd spiegelten. Ein kühlender Lufthauch wehte ihm ins Gesicht. Da er sich in die nächtliche Stimmung vertiefte, wurden seine Gedanken ruhig. Dann konzentrierte er sich auf sein mystisches Auge und stellte sich seinen Geist als scharfes Schwert vor, das vor ihm in der Luft hing. Als er nach Minuten intensivster Bemühungen das Schwert in aller Deutlichkeit vor sich sah, griff er mit beiden Händen danach und betete: "Oh Ahura Mazdah, verleihe mir die Kraft, dieses Schwert mit Weisheit zu führen."

    Das angstvolle Wiehern seines Pferdes riss Zarathustra aus seiner geistigen Versenkung. Ein Wolf näherte sich aus dem Dunkel. Augenblicklich ergriff Zarathustra einen brennenden Ast und verscheuchte ihn damit. Weil das Feuer aber schon recht nieder war, würde es wohl besser sein, weiterzureiten und erst bei Tageslicht erneut zu rasten.

    So ritt Zarathustra unter mancherlei Gefahren Richtung Heimat.






    Zarathustras Inspiration




    Es ging schon auf den Mittag des vierten Tages zu, als Zarathustra in die Nähe seines Hauses kam. Der Morgennebel, der um diese Jahreszeit bis weit in den Vormittag hielt, lichtete sich gerade und gab den Blick auf die Weite der Steppe frei. Zu Hause stieg er müde ab, führte sein Pferd in den Stall und begrüßte dann Moimona. Nachdem er eine ausgiebige Mahlzeit zu sich genommen hatte, legte er sich nieder und schlief erschöpft ein.

    Wieder munter überlegte Zarathustra, wie er am besten in den Besitz des Steines gelangen könnte. List, Gewalt, Kauf? Eine List konnte fehlschlagen. Gewalt war ihm erstens zuwider, zweitens würde sie sicher kein Glück bringen. Ein Kauf wieder musste nicht unbedingt zustande kommen. Was wäre, wenn Gotlin, sein hinkender Knecht, sich von dem Stein nicht trennen wollte? Aber er musste sich den Stein aneignen, koste es, was es wolle. Und wieder sollte ihm der Zufall helfen.
    Tags darauf fiel ihm auf, dass Gotlin schlechter Laune war. Offenbar unausgeschlafen schlich er mürrisch den ganzen Tag umher, gab nur knappe Antworten und verhielt sich auch sonst wie ein alter, misslauniger Dachs. Da sich dieser Zustand auch in den folgenden Tagen nicht änderte, stellte Zarathustra ihn zur Rede.

    "Ich weiß nicht, was das ist", gab ihm Gotlin entschuldigend zur Antwort, "aber ich habe seit neuestem so schwere Alpträume. Etwas Schwarzes, Drückendes legt sich auf meine Brust und schnürt mir die Luft ab. Dazwischen wache ich wieder schweißgebadet auf, sodass ich morgens wie erschlagen aufstehe. Du bist doch so weise, Zarathustra, vielleicht weißt du, woran das liegen könnte?"

    Zarathustra entgegnete: "Mir scheint, es ist ein ungünstiger Einfluss in dein Leben getreten. Hast du vielleicht in jüngster Zeit Bekanntschaft mit einem Ding gemacht, das man mit schwarz, drückend und schwer verbinden könnte?"
    "Oh ja, ich habe vor wenigen Tagen einen merkwürdigen Stein in der Steppe gefunden. Denkst du, dass er es ist, der mir diese Träume bringt? Warte, ich hole ihn."

    Mit diesen Worten eilte er in seine Kammer. Wenig später war er wieder zurück und hielt den verdächtigen Stein in seiner Hand. Zarathustra musste sich nicht wenig beherrschen, als er den Stein aus seiner Vision in Gotlins Hand erblickte. Scheinbar unberührt betrachtete er ihn prüfend, wog ihn abschätzend in seiner Hand. Was für ein Gefühl! Dann nahm er ein Pendel und hielt es über den Stein. Nach kurzer Zeit war ein Ausschlag wahrzunehmen, den Zarathustra als Bestätigung ihrer Vermutung, der Stein sei an den schweren Träumen schuld, deutete.

    "Gotlin, du hast Recht. Du musst diesen Stein unbedingt so schnell als möglich loswerden. Wenn du ihn mir gibst, mache ich ihn unschädlich und du wirst wieder ruhig schlafen."

    Gotlin bedankte sich für die Hilfe, überließ Zarathustra den Stein und begab sich wieder auf die Weide.

    Nun war Zarathustra kaum mehr zu bremsen. Zuerst musste er den Stein vom Fluidum Gotlins reinigen. Dazu wurde er für einige Stunden in fließendes Wasser gelegt, anschließend kräftig abgetrocknet. Dann verwendete Zarathustra spezielle, streng geheime Räucherungen, denen er den Stein eine ganze Nacht über aussetzte. Daraufhin legte er den Stein an eine geschützte Stelle auf dem Dach in den Wind. Nach drei Tagen nahm er ihn in den Tempel und vollzog ein abschließendes Reinigungsritual. Dadurch war die Reinigung des Steines nach der traditionellen Magie beendet.

    Nun galt es, ihn magisch zu aktivieren. Zu diesem Zweck wurde der Stein wieder eine ganze Nacht ausgewählten Räucherungen ausgesetzt, sodann im Lichte des Vollmondes gebadet. Weiters trug ihn Zarathustra stets mit sich. Schlief der Magier, lag sein Stein unter dem Kopfpolster. Tagsüber befand er sich meist in einer seiner Taschen, wo er von Zarathustras Körper erwärmt wurde.

    Eines Tages, oder besser gesagt: eines Nachts, war es dann so weit. Zarathustra erwachte, weil er sich von einer Stimme gerufen fühlte. Gespannt, ob sich die Stimme erneut melden würde, setzte er sich in seinem Bett auf und versuchte, seinen Geist so weit wie möglich zu öffnen.

    Der Vollmond schien durch das Fenster und tauchte das Zimmer in sein mildes Licht. Einem inneren Impuls folgend, holte Zarathustra sich eine Kerze und Schreibzeug. In der Tat, nach wenigen Minuten vernahm er wieder die Stimme. Er zögerte nicht niederzuschreiben, was ihm eingeflüstert wurde. Auf diese Weise begann er an jenen Versen zu schreiben, die als "Gathas" die Zeiten überdauert haben ...

    Tag und Nacht dachte er an nichts anderes mehr. Wo immer er sich aufhielt, wo immer er ging, beflügelte ihn die Inspiration. Gelegentlich drängten sich ihm die Gedanken so schnell auf, dass er alle Mühe hatte, sie niederzuschreiben, bevor er sie vergessen hatte, da sich ihm schon wieder neue Erkenntnisse eröffneten. Zudem war Zarathustras Sehkraft infolge fortgeschrittenen Alters auch nicht mehr die beste. Außerdem seufzte er oft, wenn er in den langen Winternächten das wärmende Bett verließ, um sich der Inspiration hinzugeben. So hatte er zwar manche Mühe - und dennoch, es war ein Lächeln in seinem Gesicht wie noch nie zuvor in seinem Leben. Natürlich konnte das nicht verborgen bleiben.

    Im Winter dieses Jahres hatte die schwarze Bruderschaft wieder eine Zusammenkunft. Es war eine unfreundliche Nacht, in der der Wind schwere Schneeflocken durch die Gassen der Stadt peitschte. Gegen Ende der Versammlung der schwarzen Bruderschaft öffnete sich die Hintertüre ihres Tempels. Gotlin trat heraus, wankte und fiel ächzend vornüber in den Schnee. Ein Messer aus der Sammlung Lummas, des Heimtückischen, steckte in seinem Rücken ...

    Knapp zwei Jahre später starb Zarathustra, als die letzte Zeile geschrieben, seine letzte Schlacht gegen das Böse geschlagen und im Hause kein Federkiel mehr war, den er hätte zuschanden schreiben können. Eines frühen Morgens fand ihn Moimona den Kopf auf seinen Schriften, neben einer abgebrannten Kerze. Ein abgeklärtes Lächeln zeugte davon, dass der Tod nicht als Feind gekommen war. Doch da der knöcherne Finger aus dem Jenseits so überraschend und eilig den Schlag seines Herzens zum Erliegen gebracht hatte, war es Zarathustra nicht mehr möglich gewesen, den Stein zu vernichten, wie es ihm einst Ahura Mazdah empfohlen hatte. Dieser wurde vielmehr zusammen mit den anderen Habseligkeiten unter den Erben aufgeteilt.

    Von nun an wurde es viele Jahre ruhig um den Stein.
    Geändert von ricochet (08.04.2008 um 17:54 Uhr)
    Ich schreibe, also bin ich.

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    AW: Ein Stein reist durch die Zeit / Teil 1

    Winterstadt




    Drei Generationen nach Zarathustra lebte ein junger Mann namens Rezah in Morrohan, hoch im Norden Persiens. Morrohans Häuser krallten sich trotzig sich an die steilen Berghänge am Ende eines Tales, kurz vor einem Pass. Früher waren oft die gefürchteten Reitervölker aus dem Norden über die Berge eingefallen, bis man hier endlich eine Festung errichtet hatte.

    Im Laufe der Zeit hatten sich die Menschen der Umgebung in unmittelbarer Nähe der schützenden Festungsmauern niedergelassen. So war Morrohan entstanden. Infolge der dauernden Gefahr durch fremde Völker und der ungemütlichen geographischen Lage machte die Stadt wohl einen wehrhaften, aber nicht unbedingt freundlichen Eindruck. Deshalb verweilten auch Reisende nicht über Gebühr, sondern säumten nicht, Morrohans schroffe Mauern beizeiten wieder zu verlassen.

    Das Klima war rau, denn die Winter waren lang und die Sommer kurz. Deswegen hieß die Stadt auch Morrohan, zu deutsch "Winterstadt". Die Menschen lebten meistens von der Schafzucht oder vom Handel, den sie mit Teppichen, Fellen und Schafskäse trieben. Viele waren auch Soldaten in der Festung. Es hieß allgemein, Morrohan sei der richtige Ort für einen bärbeißigen Krieger.

    Die Händler Morrohans kamen alle paar Wochen nach Wendehan, das am südlichen Ausgang des Tales lag, wo sie mit den Händlern dort ihre Waren tauschten. So kamen Teppiche und Felle nach Wendehan und Töpferwaren und Gewürze nach Morrohan. Rezah war der Sohn eines dieser Händler.

    Eines Tages schlichtete er zusammen mit seinem Vater das Warenlager an der Rückseite des Hauses. Kaum waren sie fertig, klopfte ihm sein Vater kameradschaftlich auf die Schulter und räusperte sich verlegen, wie er es immer zu tun pflegte, wenn er im Begriff war, etwas Wichtiges zu sagen. Dann setzte er sich auf eine der Kisten.

    "Mein Sohn", so begann er nach einem kurzen Augenblick der Sammlung, "du wirst de*mnächst erwachsen. Ich habe dir stets eine gute Erziehung zuteil werden lassen und dich in die Gepflogenheiten unseres Geschäftes eingeweiht. Außerdem verstehst du es, wacker dein Schwert zu führen. Aber das ist nicht alles, was du brauchst, um in der Welt der Erwachsenen bestehen zu können. Ich finde, es ist an der Zeit, dich in die Geheimnisse zwischen Mann und Frau einzuweihen.“

    Da wurde der junge Mann stutzig. Aufmerksam hörte er seinem Papa weiter zu: „Ich habe dich schon im Verdacht, dass du bereits Gefallen am Umgang mit den Frauen gefunden hast. Nur keine Angst, ich mache dir keinen Vorwurf, mir ist es in deinem Alter auch so ergangen. Aber du wirst noch dahinter kommen, dass nicht alles Gold ist, was funkelt und glänzt. Und schon gar nicht, wenn es mit Frauen zu tun hat.
    Ahura Mazdah hat uns Männern die Frauen auf unserem steinigen Weg durch das Leben mitgegeben. Du wirst bald zur Erkenntnis gelangen, dass das gut so ist.

    Doch ein alter Mann wie ich denkt nicht mit der Hitzigkeit der Jugend über diese Angelegenheiten, er sieht auch die Schattenseiten. Wenn du diese erst aus eigener Erfahrung kennenlernen musst, kommt viel Leid auf dich zu. Höre mich deshalb an."

    Papas Auge kam zufällig auf einem der Weinfässer, die nächstens verkauft werden sollten, zu ruhen. Flugs zauberte der Anblick ein Lächeln auf seine Lippen. Er deutete mit dem Finger darauf und sagte: "Das ist übrigens mein Lieblingswein. Dunkel, sehr fruchtig und du kriegst keinen Kopfweh, wenn du mal zuviel davon erwischst. Der heiße Tip unter Kennern, kann ich dir nur sagen."

    Das merkte sich der Sohn gut. Doch schon fuhr Papa fort und es erweckte den Anschein, als sei er unvermittelt aus einem wohlgefälligen Traum erwacht: "Äh, ... wo sind wir stehengeblieben?"

    "Du", erwiderte Rezah, "du bist stehengeblieben. Und zwar bei viel Leid, das angeblich auf mich zukommt und dass ich dich anhören soll. Also bitte schön, ich höre."

    "Ach ja, natürlich, die Weiber, genau ... Was ein Mann braucht, ist eine Vision. Die verfolgt er dann möglichst zielstrebig in seinem Leben. Aus ihr schöpft er eine Kraft, die einer Frau immer unbegreiflich sein wird. Eine Frau ist warm, wenn du dich in langen, rauen Winternächten an ihren Körper schmiegst und sie wird für deine Kinder sorgen.

    Eine Frau braucht ihr Heim, ihre Kinder und ihre Kochtöpfe; damit ist sie zufrieden. Eine Frau mag schön sein, sie mag liebevoll oder meinetwegen gütig sein, aber sie ist im Grunde ein besseres Haustier. Ihre Klugheit benützt sie für allerlei Finten, und launisch ist sie auch. In deiner Ehe wirst du der charakterfeste und aufrechte Teil sein müssen. Steh also, wie der berühmte Fels in der Brandung.

    Und dennoch wünsche ich dir: Nimm es deiner Frau nicht übel. Behandle sie immer anständig, sie wird es dir lohnen. Und sollte sich dein Verlangen nach einer Magd oder sonst einer Frau richten, so denke daran: Einmal ist keinmal. Lass dich aber durch keine Episode, und mag sie noch so schön gewesen sein, von deiner Ehefrau abbringen. Was ich dir heute gesagt habe, gib an deine Söhne weiter. Mit deiner Frau darüber zu reden, hat keinen Sinn. Sie wird es nicht verstehen, denn Frauen leben in einer anderen Welt.

    Finde deine Vision, wähle dir eine Frau, und werde glücklich mit ihr! Aber dass du mir keinem dieser Flittchen aus Wendehan nachläufst! Erstens wäre das gegen unsere Gesetze, und zweitens taugen sie zu nichts. Glaube mir, ich spreche aus Erfahrung. Natürlich, anmutig sind sie, aber sie leben anders. Da hast du als Mann nicht viel zu bestellen. Und das ist gegen die natürliche Ordnung der Welt."

    Damit schweig er für einen Moment. In die aufkommende Stille hinein fragte Rezah: "Warum denn, Papa?"

    Papa atmete hörbar aus als er antwortete: "Die Frauen in Wendehan wollen nicht wahrhaben, dass wir Männer diejenigen sind, die das Leben weitergeben. Natürlich bringen die Frauen die Kinder zur Welt, aber wenn ein Bauer sein Getreide sät, wächst es auch auf dem Acker, und doch ist der Bauer der Sämann, Urheber, rechtmäßige Eigentümer und Nutznießer der Ernte. Aus seiner Hand kommt der Same, der die Früchte bringt. Deshalb verstehen nur wir Männer wirklich das Geheimnis des Lebens."

    Mit diesen Worten beendete er seine Belehrungen und überließ Rezah seinen Gedanken. Dieser sah sorgenvoll auf die andere Seite des Berghanges hinüber, wo ein Hirte gerade seine Schafherde in den Stall trieb. Die Tiere trotteten an einer Gruppe Soldaten vorbei, die auf dem Weg in die Festung waren. Ob sein Vater schon etwas gemerkt hatte? Sehr wohl war Rezah bereits dahinter gekommen, wie angenehm die Gesellschaft der Mädchen aus Wendehn war!

    Bei den regelmäßigen Handelsreisen nach Wendehan war er doch seit über einem Jahr dabei. Lebte nicht im Hause eines Geschäftsfreundes eine Tochter namens Sistra, in die er sich Hals über Kopf verliebt hatte? Da beide wussten, es wäre besser, wenn die Verbindung wenigstens vorläufig geheim bliebe, traf er sich mit Sistra bei jeder der spärlichen Gelegenheiten in einer Berghütte in der Nähe Wendehans. Rezah dachte nicht im Traum daran, Sistra und seine Liebe zu ihr aufzugeben, aber er war sich klar, es würde in vielerlei Hinsicht schwierig werden.







    Frühlingsstadt




    Am Eingang desselben Tales, an dessen Ende Morrohan gelegen war, schmiegte sich Wendehan auf sanfte Anhöhen. Von hier sah man weit in die Steppen des sonnigen Südens. Das Klima war mild, zum einen, weil Wendehan tiefer lag als Morrohan, zum anderen, weil es durch seine südwestseitige Hanglage mehr Sonne erhielt. So waren die Winter kurz und weniger streng, doch auch der Sommer war noch nicht wirklich heiß, denn dafür lag Wendehan zu weit im Norden. Aus diesem Grunde nannte man die Stadt auch Wendehan, das bedeutet "Frühlingsstadt".

    Die Häuser waren ganz anders gebaut als in Morrohan. Sie enthielten viele runde Formen, Arkadengänge, hatten verzierte Eingangstüren und Fenster. Je nach Jahreszeit schmückten prächtige Blumen die Stadt. Wendehan erweckte nicht den eckigen, kantigen Eindruck von Morrohan. Es war großzügiger angelegt, kannte Parkanlagen mit allerlei kunstvollen Brunnen sowie lauschigen Plätzchen für die Verliebten. Es war daher nicht verwunderlich, dass man im Volksmund Wendehan gelegentlich den "Ort der schönen Frauen" nannte.

    Die Bewohner lebten hauptsächlich vom Handel mit ihren Töpfereiwaren und feinen Artikeln aus der Ferne, wie Gewürzen, Schminke, Myrrhe, Räucherungen und Seide. Auch Gärtner fand man viele. Mit Liebe und Sorgfalt widmeten sich diese der Zucht zahlreicher Zierpflanzen, deren Schönheit weithin berühmt war. Daneben gab es in unmittelbarer Umgebung ein paar Bauern, die Wendehans Markt mit Getreide und Gemüse belieferten.

    Sistra war eine Tochter einer angesehenen Händlerfamilie. Sehr zur Freude der männlichen Zeitgenossen war sie offensichtlich ins heiratsfähige Alter gekommen. Die Zeit, die sie mit der morgendlichen Toilette verbrachte, explodierte förmlich. Ging sie dann außer Hause, war im Nu männliche Gesellschaft um sie.

    Eines Abends nach dem Essen nahm ihre Mutter gemeinsam mit Sistra auf der Veranda Platz und setzte sich zu ihrem Spinnrad. An sich war das eine typische Beschäftigung der Wendehaner Frauen für einen lauen Abend, aber die Tochter spürte deutlich, dass heute etwas anders war.
    In der Tat sagte ihre Mutter nach einer Weile: "Sistra, noch bist du jung, aber ich nehme an, dass du in wenigen Jahren verheiratet sein wirst. Wie du weißt habe ich dir eine gute Erziehung zukommen lassen. Ich ließ dir Rechnen, Schreiben und Kochen beibringen. Du bist in Dingen der Haushaltsführung genauso bewandert wie in den Schönen Künsten. Aber das ist nicht alles, was du brauchst, um dich in der Welt der Erwachsenen zurechtzufinden. Es gibt da noch ein paar grundlegende Dinge über Frau und Mann, die du auch noch wissen und vor allem verstehen musst."

    Mit diesen Worten legte sie das Garn aus den Händen, an dem sie gerade gesponnen hatte. Sie sah ihrer Tochter tief in die Augen und fuhr fort: "Ahura Mazdah hat uns die Männer auf unserem Weg durch die Welt mitgegeben. Warum das gut so ist, weißt du, wir brauchen nicht darüber zu reden. Aber die Männer haben auch ihre Schattenseiten, und du wirst viel Leid erdulden müssen, wenn du diese erst aus eigener Erfahrung kennen lernen musst. Höre also auf meinen Rat. Ein Mann mag vielleicht ehrlich, tapfer und stark sein - aber offen gesagt ist er dumm. In deiner Ehe wirst du der gescheitere Teil sein müssen.

    Die Männer bilden sich ein, sie würden die Welt lenken, aber sie begreifen nicht, dass sie nur ausführen, was wir Frauen ihnen einflüstern. Männer laufen gerne irgendeiner Aufgabe, der sie ihr Leben widmen, nach, aber sie wissen nicht, dass das alles nutzloser Unsinn ist. Vor allem sind sie hilflose Spielbälle weiblicher Intrige. Du tust also gut daran, deinen Mann zu beschützen. Das fängt damit an, dass du alle Frauen, die deiner Position gefährlich werden könnten, unauffällig aus seiner Umgebung entfernst. Gelingt es dir bei einer nicht, dann mach sie zu deiner Verbündeten."

    Die Tür öffnete sich, die Köchin trat herein und verkündete: "Der Kuchen ist fertig. Dem Duft zufolge ist er bestens gelungen."

    In der Tat wehte aus der Küche ein heimeliger Duft nach Vanille, heißem Teig und Gewürzen herüber. Erstaunt fragte Sistra: "Ein Kuchen, was ist da so besonders, Mama?"
    Mama nahm mit Genuß ein Stück Kuchen zu sich, während sie antwortete: "Wir haben Omas Anregungen für ein neues Rezept ausprobiert. Eine neue Speise bewegt die Welt in Wirklichkeit mehr als eine neue Waffe in der Hand der Männer. Aber das glauben die nicht.

    Dennoch wünsche ich dir: Nimm deinem Mann seine Nachteile nicht übel. Wenn du dafür sorgst, dass er nicht allzu viel zu bestimmen hat, können sie dir nicht wirklich gefährlich werden. Kennst du deinen Mann erst einmal richtig, wird sein Verhalten vorausberechenbar. Und solltest du einmal bemerken, das Verlangen deines Mannes nach dir wird schwächer, dann entzieh dich ihm für eine Weile. Wenn du längere Zeit verheiratet bist, dann mag es schon einmal sein, dass du plötzlich an einem Knecht oder einem anderen Mann Gefallen findest. Denke in so einem Falle daran: Einmal ist keinmal. Lass dich aber durch keine Episode, und mag sie noch so schön gewesen sein, von deinem Mann abbringen.

    Was ich dir heute gesagt habe, das gib an deine Töchter weiter. Aber versuche nicht, mit deinem Mann darüber zu reden, es hätte keinen Sinn. Er würde es nicht verstehen, denn Männer leben in einer anderen Welt.

    Finde also deinen Mann und werde mit ihm glücklich. Aber nicht, dass du dich jetzt mit einem dieser vierschrötigen Kerle aus Morrohan zusammentust! Erstens wäre das gegen unsere Gesetze und zweitens taugen sie zu nichts. Glaube mir, ich spreche aus Erfahrung. Natürlich, stark und mutig sind sie, aber sie leben anders. Da hast du als Frau nicht viel zu bestellen. Und das ist gegen die natürliche Ordnung der Welt."

    Damit schwieg Mama für einen Moment. In die aufkommende Stille hinein fragte Sistra: "Warum denn, Mama?"

    "Im Grunde nehmen es uns die Männer übel, dass wir die Trägerinnen des Lebens sind. Aber wir geben das Leben weiter, und nur wir Frauen verstehen sein Geheimnis. Männer leisten nur ihren Beitrag, das ist von der Natur so vorgesehen. Wenn ein Bauer sein Getreide sät, ist es auch der Acker, der die Früchte reifen lässt, und der Bauer kann im Grunde nur neidisch zusehen, wie alles wächst und gedeiht und er letztlich nichts versteht. Du, mein Tochter, bist der Acker, vergiss das nie."

    Damit ließ Mama ihre Tochter alleine. Sistra goss nachdenklich die Blumen auf dem Arkadengang auf der Südseite des Hauses, wie sie es immer tat, wenn sie innerlich stark beschäftigt war. Was hatte ihre Mutter schon gemerkt von ihrer Liebe zu Rezah, dem Händlersohn aus Morrohan? Rezah aufgeben? - Niemals! So sehr sie auch den abendlichen, lauen Wind aus dem Süden genoss, so war sie sich doch im Klaren, es würde in vielerlei Hinsicht schwierig werden.
    Geändert von ricochet (08.04.2008 um 17:56 Uhr)
    Ich schreibe, also bin ich.

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    AW: Ein Stein reist durch die Zeit / Teil 1

    Sommerstadt




    Es war Nachmittag, als sich Sistra und Rezah in ihrer Berghütte trafen. Kaum eine Stunde Fußmarsch von Wendehan entfernt lag die Behausung zwischen Felsen und dichten Laubbäumen versteckt. Das alte Holz, teils von Moos überwuchert, fügte sich so natürlich in die Umgebung ein, dass man schon sehr genau hinsehen musste, um die Hütte zu entdecken.

    Noch verschwitzt lagen Sistra und Rezah vor dem offenen Kamin, eingehüllt in Schafspelze. Auf dem Tisch stand ein Rosinenkuchen, den Sistra nach Omas erfolgreichen Ideen gebacken hatte. Daneben war eine Flasche von Papas Lieblingswein aus den Morrohaner Vorratskammern. Eine brennende Kerze verbreitete zusätzlich Gemütlichkeit. Diese war notwendig, weil die Fenster aus Gründen der Geheimhaltung geschlossen waren.

    Sistra sagte: "Wie schön, dass meine Familie diese Hütte hier besitzt. Obwohl ich mich frage, wie oft wir uns hier noch treffen können. Ich fürchte, meine Mutter hat Wind von der Sache bekommen. Vielleicht ist die Magd, die ich immer mit den Botschaften zu dir schicke, doch nicht so verschwiegen, wie ich hoffe."

    "Ich habe auch solche Bedenken", erwiderte Rezah. "Mein Vater ergeht sich neuerdings in verschiedenen Andeutungen. Wie du ja weißt, ist es nicht gerne gesehen, wenn Menschen aus Winterstadt und Frühlingsstadt eine Beziehung eingehen. Wir müssen sogar damit rechnen, dass man uns aus unseren eigenen Familien verstößt. Ich frage mich, was aus uns werden soll." Er schwieg bekümmert.

    "Da hilft nur eines", meinte sie und strich Rezah zärtlich über das Haar. "Wir müssen Mirimana um Rat fragen. Mirimana ist eine alte, weise Frau, die nicht weit von hier wohnt. Zu ihr habe ich Vertrauen. Wenn wir nicht säumen, können wir in einer Stunde dort sein."

    In der Tat war es zu Mirimana nicht weit. Sie wohnte alleine in den Bergen, hütete dort ihre Schafe und züchtete ihre Kräutlein. Sie stand im Rufe außergewöhnlichen Wissens, wenngleich die meisten auch den Umgang mit ihr scheuten. Sie war vor vielen Jahren aus der Fremde zugezogen. Bis heute kannte ihre Geschichte niemand. Wenn Mirimana nicht ab und zu diesem oder jenem in Krankheit oder Not geholfen hätte, würde man sie schwerlich geduldet haben. So aber gab es kaum eine Familie in Wendehan und seiner Umgebung, die nicht in Mirimanas Schuld stand. Daher konnte sie unbehelligt leben.

    Als die zwei jungen Leute die Türe zu Mirimanas Behausung öffneten, schlug ihnen ein fast betäubender Geruch der verschiedensten Kräuter entgegen. Die Hütte war der Behausung, in der sich Sistra und Rezah zu ihren heimlichen Treffen zurückzogen, sehr ähnlich. Auch hier gab es nur einen Raum, der allerdings durch die verschiedensten Einrichtungsgegenstände unterteilt wurde. Von innen wirkte die Räumlichkeit größer, als man von außen vermutet hätte. Rezah und Sistra konnten nicht in alle Ecken sehen, denn es herrschte Halbdunkel zwischen all den Kästen, Truhen, Stellagen, herabhängenden, getrockneten Pflanzen und der Feuerstelle in der Mitte des Raumes. Trotzdem die Hütte einen sauberen, geordneten Eindruck machte, fühlten sich die beiden jungen Leute in eine fremdartige, mit Geheimnissen geschwängerte Welt eintreten.

    Da hörten sie hinter dem Hause die Schafe und Ziegen, die Mirimana soeben in den Stall führte. Bald würde es Nacht sein, dann machten Wölfe und andere Raubtiere die Gegend unsicher.

    Kaum war es annähernd still auf der Rückseite des Hauses öffnete sich die Tür und Mirimana trat herein. Langes, lockiges Haar in silbergrauer Farbe umrahmte ihr Gesicht, in dem viele Jahre Erfahrung und Weisheit deutliche Spuren hinterlassen hatten. Bei Sistras Anblick begannen ihre Augen zu leuchten.
    Sie und die junge Frau begrüßten sich freundlich wie zwei alte Bekannte. Umgehend lud Mirimana ihre Gäste ein, sich niederzusetzen und eine Schale Ziegenmilch mitzutrinken. Dann schilderte Sistra, was sie hergeführt hatte. Geraume Zeit schwieg Mirimana.

    "Es ist eine uralte Geschichte", unterbrach sie ihr Schweigen, "warum die Leute von Winterstadt und die von Frühlingsstadt nicht untereinander heiraten sollen. Es ist nun schon viele hundert Jahre her, und die Menschen haben damals noch nicht zu Ahura Mazdah gebetet. Damals herrschte in Wendehan eine Königin, die mit dem König von Morrohan Krieg führte. Als sich die zwei Heere vor der entscheidenden Schlacht gegenüberstanden, ritten die zwei auf dem Feld zwischen den Heeren aufeinander zu und blickten sich an.

    Es war damals nämlich Brauch, dass zwei gegnerische Heerführer einander ins Gesicht sahen, bevor die Schlacht begann. Ein Zeichen des Respektes. Doch siehe, der wilde Krieger aus dem Norden war nicht nur groß und gut gewachsen, sondern auch recht sympathisch und die stolze Königin aus dem Süden alles eher als ein Schlachtross. Kaum zu bändigen quollen ihre langen, schwarzen Haare unter dem Helm hervor. Der König musste schlucken, als er ihre regelmäßigen Gesichtszüge bemerkte.

    Minutenlang sahen sie sich gegenseitig ins Gesicht, bis die Königin bedauernd murmelte: "Vielleicht hätten wir doch in Frieden miteinander leben können."

    "Wir haben es ja nie versucht", gab der König zur Antwort. Sie saßen sich auf ihren Pferden gegenüber, bis die Krieger beider Seiten unruhig wurden. Daraufhin ritten sie zurück, die Schlacht begann.

    Doch es herrschte schlechtes Wetter an diesem Tag. Mühsam zog sich der Kampf bis zum Abend hin, ohne dass er eine wesentliche Kräfteverschiebung gebracht hätte. Auch am Folgetag gab es schlechte Sicht, und ein kalter Regen verdarb den Kriegern zusätzlich den Spaß am Dreinhauen. So ging es tagelang dahin, bis die Verpflegung in beiden Heerlagern knapp geworden war. Der Regen war inzwischen in Schnee übergegangen. Außerdem froren die Soldaten, weil niemand auf den frühen Wintereinbruch gefasst gewesen war. Da stellte man die Kämpfe ein und verlegte sich aufs Verhandeln. Schließlich rangen sich der König und die Königin zu einem Frieden durch, der es beiden Seiten ermöglichte, ohne Gesichtsverlust heimzukehren.

    Von da an pflegten die Menschen von Winterstadt und Frühlingsstadt normalen Umgang miteinander. Sehr zum Leidwesen der Priesterschaften, die durch die jeweils anderen Götter ihren Einfluss gefährdet sahen. Auch die Königin und der König sahen sich nun öfter und fanden Gefallen aneinander. Nach zwei oder drei Jahren heirateten sie.

    Im Laufe der Zeit gebar die Königin drei Kinder. Da aber alle frühzeitig unter bis heute nicht geklärten Umständen ihr Leben lassen mussten, nützten die Priesterschaften der zwei Städte die Situation. Sie erklärten, es sei offenkundig gegen den Willen der Götter, dass sich die Bewohner Morrohans und Wendehans untereinander verbünden.
    Diese Begebenheiten weiß heute kaum einer mehr, aber das Verbot gibt es immer noch."

    Rezah sagte: "Und deswegen müssen Sistra und ich uns im Geheimen treffen!"
    Sistra ergänzte kopfschüttelnd: "Das darf ja wohl nicht wahr sein."

    "Ist es aber", fuhr Mirimana fort. "Den dümmsten Teil einer Geschichte merken sich die Leute am längsten ..."

    Sie stand auf und öffnete es eines der Fenster. Geraume Zeit stand sie davor und blickte in Gedanken versunken zum anderen Ende des Tales hinüber. Tief atmete sie die abendliche Luft ein.

    Als sie sich wieder umdrehte sagte sie: "Ich werde versuchen, einen Blick in eure Zukunft zu werfen, dann sehen wir weiter. Bleibt hier, im vorderen Teil der Hütte. Macht es euch auf den wärmenden Fellen dort bequem und verhaltet euch still. Ich darf in meiner Konzentration eine halbe Stunde nicht gestört werden."

    Zuerst zündete Mirimana zwei Talglichter an, die sie auf den Tisch in der Mitte ihrer Hütte stellte. Dann schloss sie die Fensterläden, sodass der Raum im Halbdunklen lag und ging zu einem Spiegel, der im hinteren Teil des Raumes an der Wand lehnte. Er reichte vom Boden bis zur Brust der alten Frau und war in dunkles Holz gefasst. Zwei Gesichter nicht-menschlicher Kreaturen zierten den Spiegel in der linken und rechten oberen Ecke. Am unteren Ende waren fremdartige Symbole auf das Glas gemalt.

    Mirimana zündete in einer brozenen Schale in Form einer geöffneten Hand eine Mischung aus verschiedenen Kräutern an. Kaum zogen die Rauchschwaden durch die Hütte, nahm sie im Schneidersitz Platz und vertiefte sich in den Spiegel. Rezah und Sistra konnten nicht genau sehen, was die Alte dort machte. Sie nahmen nur am Rande wahr, wie diese mit ihren Händen seltsame Gesten vollführte und hörten ihr Gemurmel in einer unverständlichen Sprache.

    Dicht aneinander gedrängt warteten die beiden Verliebten darauf, dass ihre Gastgeberin fertig wäre. Sie wagten kaum, zu flüstern. Träge verstrichen die Minuten. Während im Spiegel nicht erkennbare Geschehnisse vor sich gingen, baute sich eine unwirkliche Atmosphäre auf, die ihre Sinne zu entführen drohte ... Irgendwann hatten die beiden kaum mehr ein Gefühl für Raum und Zeit ...

    Als Mirimana wieder zurückkam, schreckten Sistra und Rezah hoch. Sie waren eingeschlafen. Die alte Frau sagte ihnen: "Es ist euch bestimmt, wegzugehen in eine ferne Gegend und eine Zukunft, die unbelastet ist von alten Traditionen. Außerdem habe ich erfahren, dass euch bereits die Wachen suchen. Flieht noch heute Nacht, denn die Soldaten aus Winterstadt und Frühlingsstadt sind schon unterwegs. Ihr müsst ja etwas Schreckliches angestellt haben, wenn euch beide Wachen vereint suchen.

    Ich gebe euch meinen Esel mit. Er ist zwar schon betagt, aber ich braue ihm einen Stärkungstrank. Damit sollte er eine knappe Woche ordentlich bei Kräften sein."

    Nach der ersten Betroffenheit wollte Rezah mehr wissen: "Hast du gesehen, wer uns verraten hat?"
    "Du sollst nicht Rache üben, sondern an deine Zukunft denken. Ihr werdet Sistras Magd nie mehr in eurem Leben sehen, sie geht euch nichts mehr an. Wenn ihr tut, was ich euch sage, könnt ihr vielleicht entkommen. Und jetzt lasst mich in Ruhe den Trank für meinen ... äh, euren Esel brauen."

    Wenig später brodelte ein streng riechendes Gebräu aus verschiedenen Kräutern im Kessel der alten Frau über ihrer Feuerstelle. Mirimana ließ es abkühlen und gab dem Esel davon zu trinken. Dann entnahm sie einer Truhe im hinteren Teil der Hütte einen Gegenstand, den Sistra und Rezah wegen des Halbdunkels vorerst nicht erkennen konnten und sagte: "In dieser Stunde trennen sich ein für alle Mal unsere Wege. Mir wurde im Spiegel gezeigt, dass euch ein besonderes Geschick beschieden ist. Das Einzige, was ich noch für euch tun kann, ist euch das zu geben."

    Damit überreichte sie ihrer Freundin Sistra einen faustgro*ßen, schwarzen Stein.
    "Das ist ein Kind der Sterne", erklärte sie, "denn er stammt vom Anfang der Welt. Er gehörte meinem Großvater und hat große Macht. Leider war er nie für mich bestimmt. Meine Aufgabe war es nur, über ihn zu wachen.

    In meiner Jugendzeit erschien mir eines Nachts Großvater im Traum. Er sagte mir, er würde es mich wissen lassen, an wen ich den Stein weiterzugeben habe. Gerade vorhin ist er mir im Spiegel erschienen; nun weiß ich es. Euer Gedeih und Verderb ist mit dem Schicksal des Steines verbunden, deshalb hütet ihn gut. Ihr müsst euer Glück in der Fremde suchen und dürft unter keine Umständen mehr Kontakt mit euren Familien haben. Ahura Mazdah sei mit euch und nun eilt."

    Sie gab den beiden noch schnell Brot und Käse in einem Vorratsbeutel aus Stoff mit. Zudem sollte einiges an Wasser im Ziegenlederschlauch für die kommenden Tage reichen. Nachdem sich Rezah und Sistra überstürzt verabschiedet hatten, flohen sie nach Süden. Nach Wendehan erwartete sie felsiges Gelände, so dass sie wenig Spuren hinterlassen würden. Außerdem waren hier Wölfe selten.

    Als sie in Sichtweite der wenigen nächtlichen Lichter Wendehans an Sistras Heimat vorbeischlichen, wurde der jungen Frau wehmütig ums Herz. Tränen kullerten über ihre Wangen. Aber es half alles nichts - Wendehan war Geschichte. Rezah vermied es, sich umzudrehen. Jeder Tritt des Esels, jeder ihrer eigenen Schritte durch die Gemüsefelder und Äcker in Wendehans Umgebung trug sie fort davon. Bitter war, dass sie flüchten mussten. Nun erst kam beiden zu Bewusstsein, was diese Nacht für sie bedeutete. Sie sprachen nicht darüber. Langsam, doch unaufhaltsam versank Wendehan hinter ihnen endgültig in der Finsternis ...

    Ohne Unterbrechung wanderten die Flüchtlinge die ganze Nacht ihrer ungewissen Zukunft entgegen. Zum Glück schien der Vollmond zwischen einer Unmenge funkelnder Sterne vom Himmel. Einmal ritt Sistra auf dem Esel, dann wieder Rezah. So schonten alle drei ihre Kräfte und kamen dennoch zügig voran ...

    Am nächsten Vormittag kam ein sechsköpfiger Trupp bewaffneter Reiter den Berghang zu Mirimana hinauf. Vor der Hütte schwangen sich die Männer aus dem Sattel. Ohne anzuklopfen stießen sie die Türe auf, die fast aus den Angeln fiel.

    "Hast du Rezah und Sistra gesehen?", herrschte der Anführer, ein vierschrötiger Kerl aus Winterstadt, Mirimana an. Er hatte es nicht einmal der Mühe wert gefunden, zu grüssen.
    Unbeeindruckt gab Mirimana zur Antwort: "Nein, und wenn ich sie gesehen hätte, würde ich es nicht ausgerechnet euch sagen."

    "Du weisst ja nicht einmal, warum wir sie suchen."
    "Richtig und es kümmert mich in keiner Weise. Leute, die meine Türe eintreten, mag ich nicht."

    "Das trifft sich gut. Ich kann dich auch nicht ausstehen. Ein geheimnisvolles, altes Weib im Gestank ihrer qualmenden Kräuter, huuuu ... Man munkelt, sie habe Kräfte ... huuuuu ...
    Solltest du die beiden jungen Leute vor uns verbergen, geht es dir schlecht. Ich bin dir nicht verpflichtet, wie die Wendehaner Wachen, denen du Salbe auf den Hintern geschmiert hast, als sie noch in den Windeln lagen."

    Mirimana erwiderte mit einem geringschätzigen Lächeln: "Jaja, kein Zweifel, du bist von der harten Truppe, meine Tür und ich habe es schon mitgekriegt. Überzeugt euch selbst, ihr Rüpel, dass die Gesuchten nicht da sind."

    "Durchsucht Stall und Hütte! Aber ordentlich!", brüllte der Anführer nach draußen.
    Sofort machten sich die anderen Soldaten daran, die Behausung zu durchsuchen. Da flogen die Töpfe, da wurden die Schränke und Truhen durchwühlt und Kästen umgestossen. Im Nu war die Hütte verwüstet. Mirimana stand an die Rückwand gelehnt, wie zufällig vor dem Spiegel, wo sie nicht im Wege war. Sie schimpfte zwar aus Leibeskräften, konnte sich aber nicht dagegen wehren.

    Da rief einer vom Stall hinten: "Ihr Esel ist weg. Sie wird den beiden doch nicht ihren Esel gegeben haben!"

    "Wo ist dein Esel?", fragte der Anführer Mirimana drohend.
    "Erstens, was geht dich das an, und zweitens habe ich nicht schon Scherereien genug, weil er mir vor drei Wochen in eine Schlucht gestürzt ist und von den Wölfen gefressen wurde?"
    "Wehe dir, altes Weib, wenn das nicht stimmt. Wenn du uns angelogen hast, ergeht es dir schlecht, du alte Kräuterhexe. Dein Kopf rollt schneller, als du glaubst."

    Grinsend klopfte er dabei auf die Scheide seines Schwertes. An die anderen Soldaten gab er die Anweisung: "Kommt, wir reiten wieder. Hier sind sie jedenfalls nicht. "
    Mit diesen Worten schwang er sich auf sein Pferd. Der letzte Soldat, der aus Mirimanas Hütte stürmte, stammte aus Wendehan. Ihm hatte Mirimana tatsächlich den wunden Hintern versorgt, als er noch ein Säugling gewesen war. Nachdem dieser sich vergewissert hatte, dass ihn keiner hören konnte, drehte er sich um und sagte verlegen: "Wir haben ein bisschen Unordnung gemacht. Tut mir Leid."

    Einen Augenblick später trabten die Reiterschar den Berghang hinunter. Mirimana ballte drohend ihre Faust hinter den Soldaten und schickte eine Menge höchst unfrommer Verwünschungen und Beschimpfungen nach, über die der Mantel des Schweigens gebreitet sei. Letzten Endes blieb ihr nichts übrig, als sich seufzend dareinzuschicken und ans Aufräumen zu gehen. Wenigstens war der Spiegel heil geblieben. Dieser hatte seine Aufgabe noch nicht erfüllt ...

    Am Abend des nächsten Tages befanden sich Sistra und Rezah schon weit im Süden, wo die felsige Gegend in Sandwüste überging. Dort besahen sie sich mit sinkendem Mut die letzten, dürren Sträucher und die ersten Dünen, über die der Wind mit auf- und abschwellendem Seufzen den Sand wehte.
    "Zurück können wir wohl nicht", meinte Rezah. Er blickte dabei beklommen in das lebensbedrohliche Meer aus hellbraunem Sand hinaus. Nein, lustig würde die Reise durch die Wüste sicher nicht werden!

    "Ich fürchte auch", erwiderte Sistra. "Sicher, wir wissen nicht viel über die Wüste ..."

    Rezah unterbrach auflachend: "Ha, das ist gut gesagt! Um genau zu sein, wissen wir außer ein oder zwei Handeslrouten gar nichts. Und von denen müssen wir uns fernhalten."
    "Ja, aber ich glaube, wir können wir ruhig auf Ahura Mazdah vertrauen. Lass uns noch eine Stunde gehen, dann übernachten wir, ich bin schon todmüde."
    "Kein Wunder, schließlich sind wir die ganze gestrige Nacht und den heutigen Tag gegangen. Vielleicht findet der Esel noch ein paar dürre Sträucher zu fressen."

    Sie übernachteten ein Stück weiter in der Wüste. Schon früh im Morgengrauen machten sie sich wieder auf den Weg. Damit sie nicht im Kreise gingen orientierten sie sich am Stande der Sonne. So flohen sie tagelang, ohne dass ein Ende der Wüste in Sicht gekommen wäre.

    In der Zwischenzeit waren ihre Verfolger ebenfalls am Rande der Wüste angekommen. Es war ihnen gelungen, die dürftige Spur der Flüchtigen ausfindig zu machen und ihr zu folgen. Im Sand jedoch hatte der Wind die Spuren verweht.

    "Sie haben keine Chance", meinte einer aus Frühlingsstadt. "Aus dieser Wüste ist noch keiner lebend herausgekommen. Und die Handelsrouten haben wir sowieso unter Kontrolle."
    Der Anführer aus Morrohan stimmte bei: "Das ist richtig. Wenn wir die Wüste betreten, bringen wir uns selbst in Gefahr. Lasst uns umkehren. Wahrscheinlich sind sie in ein oder zwei Tagen schon tot. Damit ist der Ehre Genüge getan.
    Wenn wir das den Ältestenräten unserer Städte erzählen, wird uns sicher jeder beipflichten."

    Daraufhin kehrten sie um und ritten nach Hause. In Winterstadt begann jetzt das Trauern um Rezah, in Frühlingsstadt um Sistra. Doch nur die Familien durften trauern. Da die beiden offiziell in Ungnade gefallen waren, überging man in der Öffentlichkeit die Vorkommnisse.

    Inzwischen waren die Vorräte der zwei Flüchtlinge in der Wüste aufgebraucht. Auch der Esel war nach Ablauf der Frist von einer Woche tot zusammengebrochen. Mirimanas Trank hatte seine letzten Kraftreserven aktiviert. Erschöpft irrten sie seither ohne ihren tierischen Weggefährten unter der glühenden Hitze der Wüste umher, bis sie nicht mehr wussten, in welche Richtung sie torkelten. Unbarmherzig stach die glühende Sonne vom Himmel ... Der Wind trieb ohne Unterlass feinen Sand in ihre Münder, Nasen und entzündeten Augen ...
    Als sie am Ende ihrer Kräfte waren, meinten sie schon, hier sterben zu müssen. Da besann sich Rezah auf den merkwürdigen Stein, den ihnen Mirimana übergeben hatte. Er hat uns auch kein Glück gebracht, dachte er zornig und ließ ihn enttäuscht zu Boden fallen. Unnötigen Ballast konnte er jetzt nicht brauchen ...

    Im Norden trat eine junge Frau aus Wendehan in die Hütte Mirimanas. Ihre Augen kämpften noch gegen das Halbdunkel an, als sie grüßte: "Guten Tag, Mirimana. Mein Mann schickt mich. Er schämt sich, weil er neulich mit den anderen deine Hütte verwüstet hat. Er meint, ich soll dir helfen, wieder alles hinzukriegen. Zu essen habe ich auch dabei."

    Da sah sie Mirimana von hinten im Schneidersitz vor einem hüfthohen Spiegel im hinteren Teil der Hütte sitzen. Es war nicht genau zu erkennen, was sie dort machte. Die Besucherin gewahrte durch den Rauch brennender Kräuter nur, wie Mirimana mit ihren Händen fremdartige Gesten vollführte. Im Spiegel sah sie einen Stein fallen, der sich in einen Wassertropfen verwandelte und mit einem hellen, freundlichen "Platsch!" auf eine Wasseroberfläche traf. Es bildeten sich größer werdende Ringe, die nach Sekunden verebbten ... Dann tauchte das Bild einer blühenden Oase auf mit Händlern, Kamelen, spielenden Kindern ...
    Als die Frau aus Wendehan neugierig geworden nähertrat, sackte Mirimana zusammen und kippte auf die Seite. Sie war tot ...

    In der Wüste hatten Rezah und Sistra in diesem Moment eine gemeinsame Vision. Sie sahen eine Oase mit festen Häusern und Karawanen aus aller Herren Länder, trinkende Kamele und Pferde unter Palmen, die mit weit ausholenden Blättern großzügig Schatten spendeten. Händler feilschten lautstark um ihre Waren, Kinder tummelten sich bis zu den Knien in einem Teich, spritzten sich gegenseitig glitzerndes Wasser in die fröhlichen Gesichter ...

    Kein Zweifel, jetzt hatte Rezah die Vision, von der Papa gesprochen hatte! Oh ja, es würde sich lohnen, zu kämpfen, dass dieses Bild Wirklichkeit würde. Aber kam seine Vision nicht zu spät? Sollte er am Ende seines frühen Lebens derart vom Schicksal verhöhnt werden? - Halt, was war das?! Zu seinen Füssen, wo der Stein hingefallen war, sprudelte plötzlich Wasser ...!!

    "Wasser ...!!", krächzte Sistra außer sich vor Freude, wenngleich ihre eingetrockneten, sandigen Lippen dabei schmerzten. Schnell vergewisserte sie sich, dass es kein Trugbild war. Nein, das Wasser versiegte nicht! Es war, als hätte Mirimanas Stein eine Quelle zum Sprudeln gebracht. Mit letzter Kraft und doch voll Freude tranken Sistra und Rezah das köstlichste Nass ihres Lebens. Nachdem der Durst gestillt war, wurden sie müde und schliefen auf der Stelle ein.
    Als sie wieder erwachten, staunten sie erneut. Rund um die Quelle, die mehr denn je sprudelte, war saftiges Gras gewachsen, dazwischen ein paar junge Dattelbäume! Ihre Freue war so groß, dass sie tanzten ...

    "Tilsihan", rief Rezah, "Tilsihan, so soll diese Oase heißen." Tilsihan aber bedeutet "Sommerstadt".

    Innerhalb weniger Wochen war eine ausgedehnte, blühende Oase entstanden. Schwer bogen sich die Äste verschiedener Bäume unter der Fülle nahrhafter Früchte. Damit war für Sistra und Rezah die Not vorbei. Sie richteten sich eine Laubhütte ein und alberten von früh bis spät herum, so wie es nur Verliebte tun.

    Aber es war nur eine Frage der Zeit, bis sie entdeckt würden. Nach einigen Monaten war es so weit. Eine Karawane, die vom Weg abgekommen war, tauchte am Horizont auf. Ein Reiter wurde vorgeschickt, der sich erkundigte, ob es erlaubt sei, hier Rast zu machen und die Tiere zu tränken. Rezah und Sistra stimmten zu, allerdings unter der Bedingung, dass ihnen die Karawane einiges an Werkzeug hinterließ. Also hieß es, eine Hütte bauen.

    In wenigen Monaten hatte es sich herumgesprochen, dass es in der Wüste eine bislang unbekannte Oase gab. Da Sommerstadt mitten in der Wüste lag und damit recht vorteilhaft für Handelsreisende war, machte so gut wie jede Karawane hier Rast. Die dritte Handelsroute war geschaffen!
    Sistra und Rezah nahmen von allen Reisenden Geld und Güter als Gegenleistung für das Wasser. Gelegentlich kauften sie auch selbst von den Händlern. Auf diese Weise verfügten sie bald über ein festes Haus mit einigem Komfort. Die Quelle sprudelte stärker denn je und verlieh der Oase eine ungewöhnliche Größe, sowie einen Ruf, der den Flecken weithin bekannt machte.

    Im Laufe der Zeit ließen sich sogar einige Händler, sowie Handwerker mit Frauen und Kindern in Sommerstadt nieder. Sie hauchten einer gastfreundlichen, überschaubaren Siedlung viel Leben ein. Nun war es Wirklichkeit: Kräftig pulsierte das Leben auf dem Marktplatz, Händler feilschten dort lautstark um ihre Waren, Kinder tummelten sich bis zu den Knien im Teich, spritzten sich gegenseitig glitzerndes Wasser in die fröhlichen Gesichter ...

    Wenige Jahre später war aus der unscheinbaren Siedlung eine ansehnliche, allseits bekannte Wüstenstadt geworden, aus der Hütte fast schon ein Palast und aus Rezah ein Fürst. Sistra, inzwischen Rezahs Ehefrau, wachte gemeinsam mit ihm ebenso fürstlich wie klug über Wohl und Wehe von Sommerstadt.
    Tilsihans Architektur aber vereinigte die Wehrhaftigkeit der Stadtmauern Morrohans mit den Arkadenbögen und dem Blumenschmuck von Wendehan. Eckig waren nur die Häuser der Verwaltung, aber zwischen ihnen legte man Springbrunnen an. Im Schutze schlagkräftiger Truppen wurde Sommerstadts Bevölkerung glücklich.
    Geändert von ricochet (08.04.2008 um 18:03 Uhr)
    Ich schreibe, also bin ich.

  5. Inaktiver User

    Ein Stein reist durch die Zeit / Teil 1

    Auch wenn Dein Text dadurch noch länger wird: hab' bitte keine Hemmungen, "richtige" Absätze zu machen.

    Gerade bei so langen Passagen ist die Darstellung in der BriCom nicht gerade lesefreundlich.

    Die Geschichte gefällt mir gut, aber ich muß gestehen, daß ich nach dem ersten Drittel mit dem Lesen aufgehört habe; schlicht, weil es mir zu anstrengend war.

    Sei doch so gut und editiere sie noch mal ein bißchen.

    Danke!

  6. User Info Menu

    AW: Ein Stein reist durch die Zeit / Teil 1

    Da hat die Bunte wirklich Recht
    es liest sich ganz unglaublich schlecht

    es kommt zum Frust
    man verliert die Lust...
    Do what makes your heart sing

  7. User Info Menu

    AW: Ein Stein reist durch die Zeit / Teil 1

    Ok, das sehe ich ein. Ich haue mich gleich in die Tasten. Danke, dass Ihr es lesen wollt und viel Spaß dabei.

    ricochet
    Geändert von ricochet (08.04.2008 um 21:59 Uhr)
    Ich schreibe, also bin ich.

  8. Inaktiver User

    Ein Stein reist durch die Zeit / Teil 1

    Aaah... viel besser!

    Jetzt freu' ich mich auf die Mittagspausen- bzw. Feierabend-Lektüre, denn dafür brauch' ich wohl etwas länger.

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