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  1. Was suchst du in Madagaskar?

    Vielleicht kann sich noch jemand an meine Erzählungen erinnern.
    Ich wiederhole sie und führe sie weiter.
    Bis das Buch erscheint, könnt ihr hier mitlesen.

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    Kapitel 1
    Der Entschluß



    Eine unbestimmte Sehnsucht
    schlummert
    schon früh
    unter den Tagen der Kindheit
    erwacht dann und wann
    wächst wie du
    Nimm es an die Hand
    dein Fernweh
    (Roswitha Hofmann)

    „Wir wandern aus.“
    So bewusst war mir dieser Schritt in allen seinen Konsequenzen, dass ich wochenlang zwischen Stress und Trauer schwankte.
    Ja ich wollte weg, restlos weg aus der Enge der Reglements, des Gartenzwergidyll und der kollektiven Depression in Deutschland.
    Alles war überall geregelt. Selbst für den Abstand der Handtuchhalter zu den Waschbecken in öffentlichen Toiletten gab es eine Vorschrift. Die Gärten zeigten Leben im Miniformat. Kleines Grundstück, kleines Haus, kleine heile Welt.
    Ich kann mich noch gut erinnern, wenn ich ins Büro über die Berliner Avus fuhr, stellte ich mir links und rechts Palmen vor, legte eine Kassette ein, ließ die Sonne strahlen und fühlte die Wärme auf der Haut. Die dunklen Wolken störten nicht mehr, auch nicht das nasskalte Wetter. Das pure Fernweh.
    Endlich war es soweit, wir hatten uns entschlossen zu gehen.
    Für immer.
    Wohin?
    Madagaskar!

    Mein Gott, wie kommt man darauf, ausgerechnet nach Madagaskar auszuwandern?
    Schicksal.
    Schon seit Jahren sah ich mich im Internet um und suchte nach einem Land, dass mir gefiel. Aber auch Einwanderungsbedingungen, Wirtschaft, Lebensfreude, Palmen, Meer und durchweg ewiger Sommer sollten annehmbar sein, Möglichkeiten eine neue Existenz zu gründen.
    Kontakte hatte ich per Internet schnell und intensiv. Besonders Torsten, der in der Hauptstadt Antananarivo lebte, gab mir alle Auskünfte, alle Antworten, die ich brauchte.
    Wir tauschten uns aus und schon bald sah ich viele Fotos vom Land und las Berichte.
    Gedanklich war ich bereits in dem Land, in dem der Pfeffer wächst.
    Es musste Madagaskar sein. Außerdem, so dachte ich mir, konnte ich dort vielleicht den Einheimischen helfen und selbst meinen Traum leben. Ich hatte mich an diesem Wort fest gebissen: Madagaskar!
    Ein Paradies musste das sein. Exotisch, tropisch, bunt, laut und unheimlich aufregend.
    Doch letztendlich gab es einen nächtlichen Traum, der mich führte.

    Es war Anfang September 2002, als unsere Kündigungen wirksam und die Vorbereitungen für das große Abenteuer zum Lebensinhalt wurden.
    Wir, das waren mein Freund und Lebenspartner Jan, mein Sohn Sebastian und ich.

    Sebastian haderte.
    Er konnte sich nur schwer entscheiden. Geht er mit oder bleibt er bei seinem Vater?
    Endlose Diskussionen hatte ich zu bestehen, doch ich wollte keine Rücksicht mehr nehmen. Er war 18 Jahre alt und sollte selbst entscheiden. Ich hatte Ehe, Familie und Rücksichten hinter mir. Zumindest wollte ich es versuchen.
    Gewissheit, den richtigen Weg zu gehen, aber gab mir dieser Traum.

    Eines nachts träumte ich eine Szene, die so wirklich war und die mir fortan Glauben und Zuversicht gab.
    Es war heiß, ich war in den Tropen, am Meer und lief an einem Strand entlang. Weißer Sand und ein azurblauer Himmel. Die Sonne knallte heiß.
    Barfuß lief ich durch das Wasser, kleine Wellen, die mit dem Sand spielten. Weicher, weißer Sand für meine empfindlichen Füße… Warmes Wasser…einfach herrlich… nichts, was Überwindung kosten würde, einfach ins Wasser zu laufen…
    Ich war glücklich, einfach nur glücklich… atmete tief ein und hätte den ganzen Himmel einatmen können, so sehr wollte ich alles in mir aufsaugen…
    das Lächeln kam aus dem Herzen. Von ganz weit drinnen, legte es sich auf die Lippen und ich konnte nicht aufhören mit diesem Lächeln.
    Immer wieder dachte ich „Endlich! endlich!“, hob die Arme dem Sonnenlicht entgegen und umarmte in Gedanken die ganze Welt.
    Glücklich war ich, tief in mir glücklich.
    „Das Leben ist schön, so wunderschön.“
    Der leichte Wind von der See spielte mit den Haaren. Ich schloss die Augen, hob das Gesicht der Sonne entgegen, fühlte die Wärme auf der Haut und blinzelte in die Sonnenstrahlen.
    Herrlich.
    “Ich bin da!“ war der einzige Gedanke.
    Hinter mir lief Jan, hatte die Hosen hoch gekrempelt.
    Er rief mir etwas zu. Doch ich ging allein weiter.
    Die Sonne brannte heiß und das Meer war endlos.

    Diese Szene dauerte vielleicht nur wenige Sekunden. Doch war sie so intensiv, dass ich sie nicht wieder vergaß. Ganz im Gegenteil, ich hatte nun eine innere Stimme, die mir sagte, genau so wird es sein. Eines Tages werde ich es real erleben. Nun hielt mich nichts, aber auch gar nichts mehr ab, diesem Wahnsinn entgegen zu rennen.

    Meine Freundin Cindy verstand die Welt nicht mehr und ganz besonders mich.
    Kein Tag verging, an dem sie nicht anrief oder Emails schrieb, ob ich es wirklich riskieren will. Immer neue Zweifel und Warnungen fielen ihr ein. Dabei traf sie mit ihren Fragen sogar den ein oder anderen Nerv.
    „Was machst du, wenn du auf die Nase fällst? Wenn es schief geht?“

    Das kann dir immer passieren; dann komme ich halt zurück. Aber ich habe es wenigstens versucht! Dachte ich trotzig.
    Mann oh mann, muss ich denn immer mit dem Kopf durch die Wand?
    Aber wenn ich noch länger warte, dann habe ich vielleicht nicht mehr den Mut oder keine Kraft dafür. Auch Sebastian hat irgendwann seine eigene Familie. Andreas, mein erst geborener Sohn, führte schon jetzt sein eigenes Leben, auch wenn er uns monatlich besuchte. Er war bereits abgenabelt.
    Ich wollte es unbedingt wissen.
    Und Jan?
    Ich kann mich heute nicht mehr daran erinnern, ob er mir jemals sagte, was er davon hielt.
    Er stimmte zu und sagte, er käme mit. Das reichte mir aus, um wie aus einer Kanone abgeschossen auf Wolke Sieben zu landen.
    Aber ich habe nie erfahren, aus welchen Motiven er mitgehen wollte.
    Natürlich bildete ich mir ein, dass er mich liebt und mit mir ein anderes Leben beginnen will.
    Was bilden sich Weiber auch immer gleich ein. Ich glaubte, es sei so und das war mir genug.
    Wenn ein Mann sich entscheidet, mit mir bis ans Ende der Welt zu gehen, dann musste es doch Liebe sein. Oder doch nicht?

    “…Aber hier hast du etwas Sicherheit …Wenn gar nichts mehr geht, hilft dir Vater Staat. Du hast eine schöne Wohnung … deine Freunde. Willst du das wirklich alles aufgeben?“ jammerte Cindy.
    „Jeder Traum hat seinen Preis. Wer A sagt, muss auch B mögen. Oder? Entweder ich gehe das Risiko ein oder ich verbringe die nächsten Jahre mit der Frage, warum ich es nicht gewagt habe. Cindy! Ich bin schon 43 , vergiss das mal nicht! Ich möchte meinem Leben noch eine andere Richtung geben. Ich will noch was schaffen, bewegen, etwas auf die Beine stellen.“

    Vom Auswandern träumen eben viele. Aber dass jemand es wirklich macht, ist doch eher selten. So bemerkenswert, dass es heute Fernsehserien gibt von den Aussteigern, Gewinnern und Loosern.
    Zum damaligen Zeitpunkt hörte man nichts davon, dass jährlich 130.000 Deutsche ihre Heimat für immer verlassen, mit steigender Tendenz.
    Worauf sollten wir noch warten?
    Wenn wir gehen, dann noch in diesem Jahr 2002, sagten wir uns Jeder weitere Monat kostete Miete und andere Fixkosten, die ins Geld gingen.
    Wir wollten auch keine Hintertür offen lassen. Wir würden alles auf eine Karte setzen. Nachmieter suchen, Wohnung auflösen und ab die Post.
    Kein Besuch vorher und sich umsehen?
    In einem Urlaub kann ich nicht erfahren, wie es sein wird in diesem Land eine Firma zu gründen, oder wie es sein wird, dort zu leben. Ich kann es ahnen, aber diese „Ahnung“ verschlingt einige Tausender. Und am Ende bin ich auch nicht viel schlauer.
    So dachte ich damals.
    Heute würde ich es wohl wieder genauso machen, aber aus anderen Gründen.
    Mein Motiv heute wäre, dass man nur die Flucht nach vorn nehmen kann, wenn die Hintertür verschlossen ist. Und diese Gewissheit, es gibt kein Zurück, es geht nur nach vorn weiter, setzt ungeahnte Energien und Durchhaltekräfte frei.

    Ein Besuch bei der Madagassischen Botschaft in Berlin Falkensee brachte, außer dem Wissen, wo sie sich befindet, was man für die Visa alles vorlegen musste, nichts an weiteren Erkenntnissen über Marktchancen oder Möglichkeiten zur Existenzgründung.
    Studien über die wirtschaftliche Entwicklung und Statistiken gab es nicht.
    Doch die Dame, die für die Sektion Wirtschaft zuständig war, gab mir einige Adressen und Telefonnummern. Ich hatte nun ihre Visitenkarte und konnte den Kontakt jederzeit aufnehmen.

    Wie bekamen wir nun den Umzug in den Griff?
    Mit einem Container wäre es ziemlich teuer geworden. Ich bekam Auskünfte, die besagten zwischen 6000 und 8000 Euro pro Container. Doch das kostet nur der Transport.
    Eine andere Lösung erschien mir effektiver:
    Ein Kleintransporter wird gekauft und mit dem Umzugsgut beladen. Auch unser Opel sollte beladen werden und anschließend beide Autos nach Madagaskar verschifft.
    Nach dem Empfang des Umzugsgutes, wird der Transporter wieder verkauft und damit würden wir etwas von den Kosten zurück erhalten.
    So war der Plan.

    Wir gehen für unbestimmte Zeit weit weg und ich weiß nicht, wann ich das alles wieder sehen werde.
    Ob wir das hier wirklich alles brauchen? Oder ob ich mich von allem trennen kann. Viele Dinge sind einem doch ans Herz gewachsen oder man verbindet eine Erinnerung daran.
    Ich werde nicht ruhen bis ich wieder ein schönes Heim habe.
    Ewiger Sommer, blauer Himmel.
    Werde ich mich wohl fühlen? Werden wir das alles bewältigen? Uns zu Recht finden? Überschätze ich meine Kraft?
    Und wenn es doch der falsche Weg ist?
    Ja und? Dann gehen wir zurück. Wo ist das Problem?
    Manchmal wünschte ich mir ein kleines grünes Männchen, das mir sagen sollte, was zu tun sei und mir die Entscheidungen abnehmen könnte.

    Schlafwandlerin. Fliehst.
    Zurück in geschützte Gewässer.
    Die Angst reißt Löcher
    in den Mut.
    Das Floß der Freunde
    gibt in der Sturmflut
    Halt.
    (Roswitha Hofmann)


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  2. AW: Was suchst du in Madagaskar?

    Umzug ins Unbekannte


    Die heiße Phase begann.
    Es war ein nasskalter Samstag Ende Oktober 2002.
    Wir kamen vom nervigen Wochenendeinkauf in überfüllten Supermärkten zurück. Jan packte umständlich in der Küche die Taschen aus. Hin und wieder hörte ich ein schimpfen, wenn etwas herunter fiel. Sebastian schlief noch. Ich bereitete den Frühstückstisch im Wohnzimmer vor.
    Die Essecke, mit ihrem Glastisch und den Metallstühlen strahlte eine Klarheit aus, die in meinem Kopf noch immer fehlte. Die Blau und Grüntöne des Zimmers mit den üppigen Pflanzen und selbst gemalten großflächigen Bildern an den Wänden, gaben mir Ruhe.
    Doch die Ruhe war nur scheinbar.
    Seit Tagen und Wochen suchte ich nach einem geeigneten Transporter, der unsere Sachen heil und sicher nach Madagaskar bringen sollte. Mit dem Schiff würden die Autos vier Wochen unterwegs sein. So lautete die Auskunft der Spedition.
    Seit Wochen suchte ich nach einer Garage, in der wir viele Gegenstände zwischen zeitlich lagern wollten, um sie später nachzuholen. Dinge, auf die wir nicht verzichten wollten, z.B. Computer, Kleidung, Bettwäsche usw.

    Nach dem Frühstück setzte ich mich mit einigen Zeitungen und Stift bewaffnet, an den Wohnzimmertisch und suchte die Anzeigen nach einem Transporter durch.
    Torsten aus Antananarivo schrieb mir, dass der anschließende Verkauf des Transporters bessere Chancen hat, wenn es eine Automarke ist, die in Madagaskar bereits zahlreich vertreten war.
    Der Grund lag auf der Hand, die Ersatzteilbeschaffung.
    Auch durfte er nicht älter als fünfzehn Jahre sein, damit der Einfuhrzoll bezahlbar blieb.
    Es kamen acht Anzeigen in Betracht.
    Jan kam einem Kaffee in die Stube. Ich saß derweil schon am Telefon und rief jeden Verkäufer an. Zwei waren schon verkauft, blieben sechs. Einer war nicht erreichbar. Fünf Termine konnte ich für den Sonntag vereinbaren.
    Draußen war es schon kalt und nass.
    Ekelwetter, Grippewetter.

    “Sind auch Garagen zu vermieten?“ fragte Jan.
    “Ja, ein paar würden passen. Ich rufe gleich mal einige Anbieter an.“
    Wir hatten mit der Garage noch kein Glück, entweder zu weit entfernt oder zu teuer.
    “Wir können also morgen nur nach einem Auto sehen.“
    “Naja, wir werden sehen, vielleicht haben wir ja Glück.“ bemerkte Jan unwillig. Es würde ihm keinen Spaß bereiten und der Sonntag stand unter dem Vorzeichen „hängende Mundwinkel“.
    An diesem Wochenende blieb unsere Suche erfolglos. Wir fuhren noch einige Autohändler ab, jedoch auch ohne Erfolg.

    Einige Tage später buchte ich im Internet die Flüge für den 02.12.2002.
    Schon drei Tage später lagen die Tickets im Postkasten, wurde der Betrag vom Konto abgebucht.
    “He Sebastian, unsere Tickets sind da!“ rief ich in sein Zimmer, als ich die Post sortierte.
    “Oh cool! Zeig mal meins!“ plätscherten seine Worte aufgeregt.
    Es kam nun so etwas wie Reisefieber auf.
    “Mama, wann sind unsere Reisepässe fertig?“
    “Ich werde morgen mal nachfragen. Habe morgen sowieso Termine, bei der Krankenkasse, beim Vermieter und mit Frau Katze muss ich zum Tierarzt.“
    “Nehmen wir sie mit?“ fragte er und nahm Frau Katze auf den Arm, die gerade um die Ecke geschlichen kam. Sie wehrte sich und entkam ihm wieder.
    “Ja, Basti, ich kann keinen finden, der sie nimmt. Also nehmen wir sie mit.“ Ich hatte schon im Internet recherchiert, welche Unterlagen für Ihre Ausreise aus Deutschland und Einreise in Madagaskar notwendig waren und wie wir sie transportieren konnten.
    Als Sebastian sich umdrehte und in sein Zimmer gehen wollte, stolperte er über eine Kiste.
    fluchte und schloß .die Tür hinter sich.
    Bei uns hatte das Chaos Einzug gehalten.
    Wir konnten nicht jedes Zimmer systematisch räumen. Es wurde aus jedem Zimmer das gepackt, was in der Garage deponiert werden sollte. In jedem Raum standen halb gepackte Kartons, wurden Sachen gestapelt, sortiert und das Chaos nahm seinen Lauf. Es fiel jetzt schon schwer den Überblick zu behalten.
    Seit Wochen schon sortierten wir den Inhalt der Vier-Zimmer-Wohnung in „nehmen wir sofort mit“, „holen wir nach, wird also zwischen gelagert“ und „kann weg“.
    Diese letzte Kategorie fiel mir besonders schwer.
    Viele Dinge verkaufte ich. Auch mein Klavier … schweren Herzens.
    Unsere Computer sollten mit dem Transporter nachkommen, doch in der Zwischenzeit wollten wir nicht ohne PC sein. Wir wussten auch nicht, wie lange es dauern würde, bis unser Transporter dann wirklich bei uns ankommen würde.
    Seit Jan die Idee hatte, Notebooks zu kaufen, suchte Sebastian im Internet nach Qualitätsurteilen und Angeboten. Auch eine digitale Kamera sollte gekauft werden.
    Ich hatte eine lange Liste von Dingen, die ich zu erledigen hatte. Täglich konnte ich einige Punkte streichen aber täglich kamen auch neue hinzu.
    Abends im Bett ging ich die Liste durch mit suchenden Augen, forschenden Gedanken.
    Habe ich etwas übersehen? Habe ich etwas Wichtiges vergessen?

    Endlich eine Woche später waren die Reisepässe fertig, ich konnte sie mit Ticket, Firmenkonzept und Flugticket zur Botschaft bringen, um das Visum für Investoren zu beantragen.
    Am Pförtner empfing mich eine nette, fröhliche Frau, die kreischend auflachte, als ich versuchte, Deutsch mit ihr zu reden.
    Ich hatte immer gedacht, dass Botschaftsmitarbeiter die Sprache des jeweiligen Landes beherrschen müssen. Mit meinem schlechten Englisch erklärte ich ihr mein Anliegen.
    Super, nur wenige Tage später konnte ich die Visa abholen.

    Im Internet recherchierte ich nun nach einer Spedition, die die Autos nach Madagaskar verschiffen sollte. Torsten schrieb mir, den ich soll als Zielort Mahajanga angeben. Das liegt an der Westküste und das sei günstiger, denn die Zollbeamten dort wären nicht so korrupt, gnädiger mit ihren Berechnungen. Da unsere Autos in der Regenzeit ankommen würden, sei auch die Strasse von Mahajanga nach Tana** besser befahrbar. Die Strasse Tamatave – Tana* sei in der Regenzeit kaum passierbar und ebenso die Strecke Tulear - Tana.
    Aha.
    Ich schrieb und telefonierte mit einigen Speditionen und ließ mir Preisangebote geben. Endlich fand ich eine Spedition, die Mahajanga anfährt, allerdings mit Zwischenstopp und Umladung in Reunion, einer kleinen Nachbarinsel von Madagaskar.
    Dadurch würde die Reise der Autos länger dauern.
    Der Vorteil dieser Spedition war jedoch, wir mussten die Autos nicht selbst nach Antwerpen fahren, sondern konnten sie in Berlin abgeben.

    Der Herbst ging nun langsam und unmerklich in den Winter über. Es war empfindlich kalt. Graues Nieselwetter, Nebel und nasskalte Luft. Die Tage wurden spürbar kürzer.
    Richtig packen und loslegen konnten wir noch immer nicht, denn die Suche nach einem geeigneten Kleintransporter zog sich hin.
    Jedes Wochenende das gleiche Spiel, Zeitungen kaufen, Annoncen durchsehen, Telefonieren, Termine vereinbaren und sonntags kreuz und quer durch Berlin fahren, um Autos anzusehen.
    Ärgerlich waren immer wieder Termine, die nicht eingehalten wurden, oder das Auto schon verkauft war usw.
    Geplatzte Termine und Schmuddelwetter im November.
    Es machte keinen Spaß.
    Wie ein erschrecktes Kaninchen starrte ich den Kalender an. Zählte die Tage bis zum Abflug und mir stellten sich die Nackenhaare auf. Die Zeit verging viel zu schnell.
    Wo war nur die „Stopp-Taste“?

    Endlich der Lichtblick! Wir fanden eine Garage in Berlin. Sie lag versteckt auf einem Innenhof. Vor dem Anwesen war dichter Verkehr, viele Geschäfte, die Parksituation sehr ungünstig.
    Doch wir konnten endlich packen und brachten Stück für Stück der gepackten Kartons in die Garage.

    Doch als ob dieses Chaos, diese Zweifel dieser Termindruck noch nicht ausreichten, ereilten uns immer wieder so kleine Querschläger, kleine Widrigkeiten, keine Teufels, die im Detail sitzen. Jahrelang verhalten sie sich still und brav und dann, wenn es überhaupt nicht passt, schlagen sie zu. Unverhofft, grausam und brutal.
    Wie meine Waschmaschine.
    Anscheinend hat sie vernommen, dass sie nicht auserkoren war, auf die Reise mit uns zu gehen.
    Also rächte sie sich.
    Wir saßen beim Frühstück. Die Waschmaschine lief. Ringsum kaum beherrschbares Chaos, wie es neuerdings bei uns üblich war.
    “Was steht heute alles an?“ fragte Jan sein Brötchen kauend.
    “Ich packe weiter im Schlafzimmer, Sebastian muss in seinem Zimmer sortieren, was in die Garage soll, was in den Transporter kommt und auf was er verzichten kann. Gott, ich kann nicht alles mitnehmen... Da ist so viel, was ich gern behalten würde oder auch sofort mitnehmen würde. Das fällt so schwer. Wir können ja nur das Nötigste mitnehmen...Nebenbei muss ich waschen, der Trockenraum ist frei, dann kann ich gleich aufhängen. Apropos waschen! Was sind das denn für Geräusche?“
    “Ich schau mal.“
    Ich folgte Jan ins Badezimmer. Es roch nach verbranntem Gummi. Etwas schmorte. Die Waschmaschine machte keinen Mucks mehr. Jan zog den Stecker raus.
    “Ja, so viel zum Thema Wäsche aufhängen.“
    “Waschsalon – Wir kommen!“ Sagte ich genervt.

    Wenige Tage später fanden wir endlich einen Kleintransporter, einen VW T2. Er musste noch angemeldet werden. Da er zum Export bestimmt war, sollte er vorgeführt werden. Der Warteraum war voll. Die ganze Anmeldeprozedur kostete einen Tag. Meine Nerven wurden dünn wie Nähseide.
    Doch nun konnten wir mehrere Kartons auf einmal zur Garage bringen.
    Anstatt am Abend zu entspannen und frohen Gemüts das Tageswerk zu besprechen, fuhren wir auf einen Besuch zum Waschsalon...

    Langsam wurde es ernst.
    An einem der letzten Wochenenden im November kam mein Andreas vorbei. Er wollte sich verabschieden.
    „Sag bloß du ziehst das wirklich durch?“ begrüßte er mich.
    „Andreas, meinst du, ich verkaufe mein Klavier aus Jux? Oder ich kaufe die Flugtickets aus Langeweile?“ Er glaubte es noch immer nicht. „Andi, wir haben uns dazu entschlossen. Du siehst ja das Chaos.“
    „Hmm, und wenn das alles nichts wird? Du willst alles einfach aufgeben?“ fragte er ungläubig.
    „Bei dir oder Papa etwas unterstellen, geht nicht. Ihr habt auch keinen Platz. Wir stellen einiges in die Garage, die wir angemietet haben. Aber alles andere muss weg. Also schau dich um und nimm mit, was du gebrauchen kannst oder haben möchtest. Guck mal im Flur, der Wandspiegel. Möchtest du den haben? Ist schade drum, erst ein Jahr alt. Würde der nicht gut in deine Wohnung passen?“
    Andreas fand einige Dinge, die er mitnahm.
    Er war fünfundzwanzig und war schon lange „abgenabelt“.
    „Hi, Andi“ begrüßte Sebastian seinen großen Bruder. Beide verschwanden im Kinderzimmer.
    Ab und zu kam einer von ihnen heraus, schob eine Pizza in den Ofen und verschwand wieder. Wir hörten nur Gelächter aus dem Zimmer. Sie verstanden sich großartig.
    Schade, dass Andie nicht mitkommen kann. Ich werde ihn schrecklich vermissen.

    Irgendwann am Nachmittag stand Andreas vor mir und sagte in seiner ruhigen Art
    „Wann kommst du dann wieder nach Deutschland?“ Er sah auf den Boden, als würde er es vermeiden mir in die Augen zu schauen. Aber ich musste die Tränen nicht sehen, ich hatte ja selbst mit diesen kleinen Pfützen zu kämpfen. Hin und her gerissen zwischen dem Gedanken, ihn in die Arme nehmen zu wollen, nicht mehr los zulassen, meinen Traum aufgeben und weiterhin meine Mutterrolle anzunehmen, und dem Traum, der da mit südlicher Sonne vor der Tür stand und mit Palmengeflüster mich lockte, wehrte ich meine eigenen Gefühle ab.
    „Andie, ich weiß nicht, was uns dort erwartet, aber wir bleiben über Email in Verbindung. Und wenn es klappt, komm ich zu Besuch oder du kommst zu uns.“ Das findet sich. Wir sind zwar nicht 800 km weit weg, sondern mehr als 8000, aber wo ein Wille ist, ist ein Weg. Kontakt und Kommunikation sind doch heute kein Problem mehr.
    “Na ja, ich drücke euch die Daumen.“
    “Ach Hase, nun mach dir um deine alte Mutter mal keine Sorgen. Unkraut vergeht nicht!“ sagte ich lachend und nahm ihn in den Arm. Unser Lachen spiegelte keine Freude und keine Erleichterung wieder. Es war ein hoffnungsvolles Lachen, beinah aus Verlegenheit.
    Als er am Sonntagabend wieder abfuhr, gab ich mich fröhlich. Ich spürte, wie die Tränen in die Augen schossen. Aber ich wollte es ihm nicht noch schwerer machen und riss mich zusammen. Er mag keine Tränen beim Abschied.
    Basti und ich winkten ihm nach, als er abfuhr und noch hupend eine Runde vor dem Haus drehte. Doch dann konnte ich die Tränen nicht mehr zurückhalten.
    Wie lange werde ich ihn nicht mehr sehen? Mein Gott, ich bin eine gefühllose Rabenmutter, die ihr Küken zurück lässt...

    Die Weihnachtsfeiertage hatte er immer bei uns verbracht. Das war Tradition. Einmal im Monat kam er auf ein Wochenende. Noch mit den Gedanken bei Andreasm griff ich zum Telefonhörer und rief meinen Exmann Ben an. Ich bat ihn, sich nun verstärkt um Andreas zu kümmern. Mein schlechtes Gewissen wollte beruhigt sein. Ben freute sich über den Anruf und meinte: „Das ist doch selbstverständlich. Kein Problem. Ich werde dem Nasenbär schon auf die Nerven gehen, da mach dir mal keine Sorgen. Ich kann ihm zwar keine Muttermilch geben, aber ich werde dich schon ersetzen.“ sagte er aufgeräumt.
    „Spinner! Mich ersetzen? Nee, das kann keiner!“ Wir lachten. Nun endlich kam das Lachen erleichtert und ich mein Gewissen saß wieder artig und brav in der Ecke. Ich war beruhigt.
    Auf Ben ist Verlass.

    Eine Woche vor dem Abflug stand eines Nachmittags vor der Tür. Auch sie wollte Abschied nehmen.
    “Oh Mann, ihr habt ja schon ganz viel geschafft! Ist ja schon alles leer!“ staunte sie über unser Durcheinander in der Wohnung.
    “Na da ist noch jede Menge. Und ich weiß nicht wohin damit! Man, was sich da alles ansammelt! Im Keller habe ich nur wenig raus gepickt, da kommt noch viel Arbeit auf dich zu.“
    “Ach kein Problem, das macht mein Bruder. Aber nun erzähl mal, wie das dort alles ablaufen soll!“ sagte sie aufgeregt.
    Ich erzählte, wir tranken Kaffee. Cindy hatte Kuchen mitgebracht. Die Teller waren schon eingepackt, wir aßen mit den Fingern vom Packpapier. Genüßlich streifte sie mit dem Finger sahne vom Papier, schob es sich in den Mund und meinte:
    “Also ich möchte dich am liebsten überreden, hier zu bleiben, obwohl ich selbst ja auch weg will.“ Sagte sie.
    “Wieso das denn?“
    “Na, ich habe das Gefühl, ich sehe dich nie wieder!“
    „So was Dummes, Cindy!“ ermahnte ich sie „Wir bleiben in Verbindung.“
    Wir sahen uns Fotos und Landkarten an, redeten, alberten und die Zeit flog nur so vorbei.
    Wir lachten auffallend viel seit sie in der Wohnung war. Und ich kann mich noch erinnern, dass ich dachte, es wäre doch schön, wenn ich in der neuen Heimat Freunde finde, die mich zum Lachen bringen.
    “Angie, ich muss los. Ist schon spät.“
    “Ja, das musst du wohl.“ Sagte ich traurig und fühlte die Schwere in den Worten. Keine Anrufe mehr von Cindy, kein Geplapper über Männer oder wie ihr jemand die Motorhaube vom Auto geklaut hatte, kein Geheule, wenn der Freund weg war. Keine Einkaufsbummel mit ihr und kein verträumten Abende mit Musik und Weiberkram.
    “Ach Mensch, komm her, Kleene“ sagte ich und drückte sie. Sie fing an zu schluchzen. Nun liefen mir auch die Tränen. „Melde dich! Gleich, wenn du ankommst!“
    “Jawphl Mama.“ sagte ich und sie sah mich schief an. Ich bin wenigstens zehn Jahre älter und diese Antwort bekam sie immer, wenn ihr erhobener Zeigefinger sichtbar wurde,
    “Und wenn was ist, dann rufe an oder maile.“
    “Ja, Cindy. Mache ich“ schluchzte ich. „Schitt, hast du ein Taschentuch?“
    “Nein“ heulte sie und kramte in ihrer Tasche.
    “Ich auch nicht. Meine Schminke verläuft.“ Sie sah mich an und lachte mich aus. Wir lachten weinend über unsere Tränen verschmierten Gesichter. Cindy fuhr ab. Ich sah ihr lange nach und war erleichtert, als hätte sie mir ihren Segen gegeben.
    Nun war der Weg frei. Noch wenige Tage, dann ist der Stress vorbei.
    Und dieser Abschied war für eine längere Zeit, als mir damals bewusst war.

    Ich hätte nicht gedacht, dass das alles so weh tut. Alle verabschieden. Man sagt so einfach „Ich gehe“. Aber wenn es dann soweit ist … Ich hätte nicht geglaubt, dass es mir so schwer fällt.
    „Ich bin heilfroh, dass Sebastian mitkommt. Das hätte ich nicht auch noch verkraftet.“ schniefte ich Jan zu, während ich ein Taschentuch aus der Tasche nahm, um die Tränen zu trocknen.
    „Und ich?“ schaute er mich fragend an, seine blauen Augen lachten dabei. Ich kannte diesen Blick und musste lächeln. Ich setze mich auf seinen Schoß, strich ihm die langen blonden Haare aus der Stirn und sagte zärtlich: „Ja, ich bin heilfroh, dass du auch mitkommst“ und fügte langsam und leise hinzu „Ich hab dich lieb.“
    „Aber ich habe dich viiiiel mehr lieb!“ sagte er übertrieben. Ich kniff ihm in die Rippen und wir lachten.

    Nun, heute frage ich mich, ob er auch manchmal an diese Zeit zurück dachte?
    Später, als die Dinge anders liefen, als erwartet.
    Was für ein Mensch war er? Hatte er sich verstellt? Oder hatte er sich unmerklich geändert? Warum habe ich ihn damals nicht erkannt?
    Habe ich mich blenden lassen oder war ich nur zu sehr mit mir beschäftigt, dass ich nicht sah, wer er war?
    War er schon damals der Mann, der er heute ist? Oder hat erst dieses Land ihn zu dem gemacht?

    Die Adventszeit begann. Draußen wurde es Winter. Normalerweise wäre es in dieser Zeit schön gemütlich zu hause. Man sieht fern, kuschelt sich ein mit vielen Decken, sieht den Lieblingsfilm, liest ein Buch oder genießt Glühwein und Kerzenlicht.
    Bei uns war von Gemütlichkeit wenig zu spüren. Bis zum Abend sortierte ich, packte und räumte aus. Was sammelt sich da alles an im Laufe der Jahre. Und was davon ist wirklich wichtig?

    In diesen letzten Tagen nahm ich Abschied von allem und jedem, was mir begegnete.
    Sah ich aus dem Fenster, nahm ich Abschied.
    Begegnete ich einer Nachbarin, nahm ich Abschied.
    War der Fernseher an, so zappte ich durch die Kanäle in dem Bewusstsein, ich würde es lange Zeit, vielleicht sogar nie wieder sehen.
    Es wird nie wieder so sein.

    Was wird mich dort erwarten? Werde ich überhaupt fernsehen können? Strom werden wir haben, Wasser auch. Lebensmittel gibt es, auch europäische, schrieb mir Torsten. Doch werde ich wirklich zufrieden sein und glücklich? Wir werden spartanisch leben und es wird lange Zeit dauern, bis ich wieder ein gemütliches Heim habe. Sind meine Erwartungen realistisch?

    Die Zeichen standen auf Abreise.
    Immer wieder ging ich die Liste durch, ob wir etwas vergessen haben.
    Reisepässe, Visa, Geburtsurkunden, Unterlagen für die Steuererklärung, Flugtickets, Dokumente, Papiere für die Autos, für die Spedition, Zeugnisse, polizeiliche Führungszeugnisse, Ausbildungsnachweise, Impfausweis der Katze … Fehlte etwas? Habe ich etwas übersehen?

    Es war der 30.11.2002, ein Samstag.
    Im meinem Meditationsbuch stand für diesen Tag:
    “Abstand gewinnen ist die Lösung. Ruhe bewahren.“
    Na toll! Ich versuchte es ja, aber die Panik schlich sich immer wieder den Rücken hinauf und packte mich im Nacken.
    Ich war am Verzweifeln und sah kein Land.
    Alle schienen die Ruhe weg zu haben. Jan spielte noch am Computer, Sebastian war den ganzen Tag im IRC-Chat und ich bekam die Krise. Ich war nicht nervös, ich war in Panik.
    In Gedanken sah ich den Flieger ohne uns abfliegen und uns in der leeren Wohnung auf den nächsten Termin warten.
    Das Büro war noch immer nicht geräumt, in der Küche ein großes Durcheinander.
    Ich sehe es kommen, wir schaffen es nicht.

    „Mensch, Jan, das kann doch nicht sein, dass ihr immer noch am Computer sitzt. Ich schufte mich hier ab und kriege die Panik und ihr habt die Ruhe weg. Übermorgen geht der Flug und es ist noch so viel zu tun.“ polterte ich los.
    „Ach komm, das schaffen wir schon!“ Er hatte die Ruhe weg. Die Ruhe, die mir fehlte,
    „Du meinst, dass ICH das schon schaffe!“ schimpfte ich.
    „Na na na, so nicht ! Soll das heißen, dass ich nichts gemacht habe?“ endlich sah er von seinem Computer auf. Na immerhin schon der erste Schritt.
    „Bist du sicher, dass du überhaupt mitkommen willst?“
    “Denkst du, ich kündige aus Spaß?“ Mit weit aufgerissenen Augen sah er mich an.
    „Dann weiß ich nicht, warum du mich alles allein machen lässt. Ich muss mich um die Papiere kümmern, um die ganze Organisation, packe den ganzen Tag und du spielst im Internet.“
    „Ach so siehst du das. Nun bin ich wieder schuld!“ Und schon war seine Aufmerksamkeit verflogen, wie ein Vogel, den man fotografieren wollte, aber den Zeitpunkt nicht erwischt. Schwupps war sie weg, die Chance. Er wendete sich wieder seinem Spiel zu.
    „Ich will keinen Streit, ich will Hilfe!“ Trumpfte ich auf. Doch mein Ruf blieb ungehört.
    „Na klar! Ich mache ja auch nichts. Du machst alles allein und ich bin der faule Hund, willst du das sagen?“ meckerte er vor sich hin.
    „Jan, das sind DEINE Worte!“
    Jan war verärgert, blieb trotzig, wie ein Kind, am Rechner sitzen und spielte. Ich ging ins Wohnzimmer, setzte mich demonstrativ auf die Couch und steckte mir eine Zigarette an. Ich war wütend.
    Ich war wütend, weil ich mich nicht durchsetzen konnte, weil ich Panik hatte und weil ich es voraussichtlich nicht schaffen würde, bis zum Abflug fertig zu sein.
    Ich habe mal gelesen, dass man Wut, umleiten und als Energie nutzen kann. Mich lähmte sie.
    Ich saß da und resignierte.
    In diesem Augenblick klingelte das Telefon.
    Ben rief an. Ich klagte ihm mein Leid, schimpfte auf Jan und Sebastian und bekam Trost.
    Er versprach am nächsten Morgen zu kommen und mir zu helfen.
    “Beruhige dich mal. Das schaffen wir schon. Wirst sehen, wenn ich da bin, fassen die beiden auch mit an.“
    Ben und ich, kannten uns seit über zwanzig Jahren. Seit sechs Jahren waren wir geschieden und hatten es geschafft den anfänglichen Rosenkrieg in eine dicke Freundschaft zu verwandeln. Sein Ton am Telefon beruhigte mich für einige Minuten.
    Ich packte weiter.

    Wie ein Strom
    tritt meine Traurigkeit
    über die Ufer
    und überflutet alles
    was ich lasse
    (Roswitha Hofmann)
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  3. AW: Was suchst du in Madagaskar?

    Der letzte Tag

    Ben kam wie versprochen und half, wo er konnte. Sebastian und Jan packten Kisten, als gelte es die letzten Wochen nachzuholen. Ich war so froh, dass Ben sein Versprechen gehalten hatte. Aber so kannte ich ihn. Noch immer strömte er die Ruhe und Tatkraft aus. Seine blauen Augen strahlten mich an, als er in der Tür stand.
    Ich kann mich erinnern, dass ich sogar für eine Minisekunde dachte: Warum ist Jan nur so faul? Warum zieht er nicht mit mir an einem Strang? Aber er geht mit mir ans Ende der Welt. Welcher Mann würde das tun?

    Wir arbeiteten den ganzen Tag. Ich schrieb Inhaltsangaben und sortierte die Kisten.
    “Diese Kartons kommen noch in die Garage. Diese hier in den Transporter. Diese hier in den Opel.“
    Beim Italiener wurde Pizza bestellt.
    “Basti, in Madagaskar gibt es keinen Italiener, der die Pizza liefert“ scherzte Ben „überlege es dir noch mal.“
    “Dann bestelle ich die Pizza in Berlin und die liefern an.“ lachte Sebastian.
    “Ja, bei Pizza-Hut“ meinte Jan „die garantieren, dass die Pizza innerhalb einer halben Stunde geliefert wird, ansonsten ist sie kostenlos.“ Jan lachte. „Also in einer halben Stunde, schaffen die das sicher nicht bis Madagaskar, also bekommen wir die Pizza immer kostenlos.“ alberte er „Oder die liefern mit einem Kampfjet.“
    Nun folgten Berechnungen der Männer am Tisch, wie lange wohl ein Kampfjet brauchen würde, um eine Pizza nach Madagaskar zu liefern.
    Müssen Männer immer übertreiben? Da ich das einzige weibliche, also logisch-denkende, realistische Wesen am Tisch war, erhob ich mich schon mal, die wissenschaftlichen Ausführungen der drei Experten völlig ignorierend, um Kaffee zu kochen.

    Frau Katze erkundete ihre Reisetasche und sprang von Kiste zu Kiste.
    “Hey passt auf, dass ihr die Katze nicht einpackt.“
    Die Stimmung war gut. Ich konnte mir nicht vorstellen, schon einen Tag später tausende Kilometer weit entfernt in einem Flieger zu sitzen, um am Abend in einem Dritte-Welt-Land ein neues Leben zu beginnen. Kein Urlaub, keine Rückkehr.
    Ich plante es, arbeitete dafür und wollte es, doch die Vorstellung hatte etwas unwirkliches.

    Ben und Jan fuhren die Kisten in die Garage. Als wir fast fertig waren, mussten wir erkennen, dass nicht alles in die Autos passte, was mit dem Schiff verschickt werden sollte.
    Also begann das Spiel noch einmal von vorn. Sortieren, welche Kiste kommt in die Garage? Welche darf mit dem Transporter auf große Fahrt gehen? Übrig blieb eine nicht geplante Fuhre in die Garage, die nun schon zum Bersten voll war. Nur mit einigem Umräumen und gutem Zureden nahm sie noch stöhnend die letzten Kisten aufnahm.
    Als Ben und Jan zurück kamen, war ich gerade dabei, das Handgepäck zu packen.

    Es blieben nur noch wenige Stunden bis zum Flug.
    Wir waren erschöpft. Nun mussten die Autos noch bei der Spedition abgestellt werden.
    Sie gingen erst am 08.12.2002 auf große Fahrt.
    Während der Fahrt sah ich aus dem Fenster, verabschiedete mich vom nächtlichen Berlin.
    Ganz in Gedanken dachte ich an den Traum, an die Szene am Meer.
    Nur noch wenige Stunden, dann haben wir den Stress hinter uns.
    Jan riss mich aus den Gedanken. „Wie kommen wir zum Flugplatz mit dem ganzen Gepäck?“
    “Ich habe noch kein Taxi bestellt.“
    Als wir endlich wieder in dieser leeren Wohnung ankamen, die einmal unser Zuhause war, verabschiedete sich Ben. Es war weit nach Mitternacht, doch schlafen lohnte sich nicht mehr.
    Es war auch nichts mehr da, wo man schlafen konnte.
    Sebastian quetschte sich in eine Ecke. Frau Katze saß auf einem Koffer und schlief. Ich kochte literweise Kaffee.

    Tun wir das Richtige?
    Werden wir es schaffen?
    Ich weiß, alles wird gut.

    Gegen 4.30 Uhr kam das Taxi.
    Ein letzter Blick in die leere Wohnung. Ein letzter Blick auf das Wohnviertel, in dem wir uns so wohl fühlten. Den Schlüssel für Cindy in den Briefkasten der Nachbarin.
    Und ein letzter Blick auf das langsam erwachende Berlin im Nieselregen.
    Ich war müde und hatte nur den einen Wunsch, alles hinter mir zu haben.
    Die Flugangst, die mich sonst in Aufregung versetzte, hatte kaum eine Chance.
    Die Müdigkeit war größer.
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  4. AW: Was suchst du in Madagaskar?

    Kapitel 2
    Abflug in ein neues Leben

    Mit unseren zahlreichen Koffern und Taschen kamen wir zum Flugplatz.
    Zwei Freunde warteten dort auf Sebastian und blieben bei ihm bis zur Minute des Abschieds.
    Der Check-in begann mit einem riesengroßen Schreck: Übergepäck!
    Ich hatte mich zwar erkundigt, ob man Übergepäck haben darf, doch nicht nach dem Preis gefragt.
    Wir sollten zweitausend Euro zahlen!
    Ein großer Knoten im Hals wollte die Luft abklemmen. Was nun?
    Panik - Ratlosigkeit - kein gutes Omen!
    Die nahe liegende Lösung meine Freundin Cindy anzurufen, die das Übergepäck am anderen Tag per Cargo abschicken konnte, fiel uns nicht ein. Die Lösung war da, wir haben sie nicht gesehen.
    Auf welchen Koffer verzichten?
    Bedenklich sah Jan auf die Koffer. Wir müssten alle Koffer umpacken. Jeder hatte seinen Riesenkoffer mit seinen Sachen gepackt, niemand wollte verzichten.
    Wir zahlten.
    Meine Mutter sagte immer „Dummheit muß bestraft werden... Nunja, eine hohe Strafe.
    Leichenblaß saßen wir endlich in der Maschine. Es ging zunächst nach Paris, dort umsteigen nach Antananarivo, der Hauptstadt von Madagaskar. In Antananarivo würde uns Torsten abholen.

    Berlin gegen sechs Uhr morgens, im Nieselregen - wir hoben ab, ich war erleichtert, konnte aufatmen.
    Meine Gedanken beruhigten sich.
    Ich dachte, dass ich nun nichts mehr ändern konnte, es gab kein Zurück.
    Was weg war, war weg; was falsch war, war falsch; was kommen würde, lag nicht in meiner Hand.
    Ich konnte loslassen. Ich hatte das Gefühl, es gab nichts mehr, was mich bindet, ich fühlte Leichtigkeit, es gab nur noch das Leben selbst und unser Ziel.
    Ich fühlte Freiheit, ein unbändige Freiheit, spürte keine Ketten mehr und hoffte, unsere Zukunft würde das bringen, was gut für uns ist, durch welche Höhen und Tiefen wir auch gehen würden, ich fühlte mich bereit.
    Immer öfter dachte ich an den Traum und an die Szene am Meer, durch den Sand zu laufen, den Wind auf der Haut und die Wärme der Sonne zu spüren.
    Der Flugangst gab ich keine Chance.
    Frau Katze saß auf meinem Schoss in ihrer Tragetasche.
    Beim Start zitterte sie.
    Es tat mir gut, zu wissen, sie ist bei mir und nicht im Laderaum in einer dunklen Kabine. Ihre Tasche hatte Sichtgitter, sie spürte meine Nähe und sobald ich sie streichelte, beruhigte sie sich.

    Der Flug verlief gut und Sebastian machte Aufnahmen mit der Digitalkamera. Es war sein erster Flug im Leben. Er war begeistert und aufgeregt.
    Jan wirkte abgenervt und war schlecht gelaunt. Er gab mir die Schuld am Übergepäck und am Verlust der zweitausend Euro. Er hatte Recht und auch wieder nicht.
    Der Fehler lag bei mir, die Verantwortung dafür trugen wir beide. Hätte er sich im Vorfeld auch einmal um die Dinge gekümmert, die zu organisieren waren, wäre ihm vielleicht eingefallen, zu fragen, was denn Übergewicht kostet oder „Lass uns mal die Koffer wiegen“, aber so… Ich war stellenweise überfordert und stand ständig unter Druck nichts zu vergessen.
    Der große Tag in meinem Leben und ich fühlte mich allein, abgegrenzt und abgelehnt.

    In Paris landeten wir auf dem Flugplatz Charles de Gaule, riesengroß. Ich hatte mir aufgeschrieben, bei welchem Terminal wir einchecken müssen und suchte den Zettel. Das System des Flugplatzes durchschauten wir zwar nicht, fanden aber dennoch rechtzeitig den Bus, der uns zum richtigen Terminal brachte.

    Die Maschine war sehr groß und wir wurden durch die vollen Reihen geschoben in den hinteren Teil, wo wir unsere Plätze vermuteten. Es waren zwei Plätze und ein einzelner.
    Sebastian und Jan saßen zusammen, Sebastian wollte ans Fenster wegen der Sicht. Ich saß lieber in der Mitte und nahm den einzelnen Platz. Neben mir ein Chinese.
    Der Katze ging es beim Start wieder nicht gut. Sie wirkte apathisch.

    Immer wenn die Flugangst die Nackenhaare aufstellen und ein mulmiges Gefühl in der Magengegend sich ausbreiten wollte, dachte ich an den Traum, an das Bild am Meer und ich wusste, wir würden gut ankommen. Außerdem könnte ich es MIT Flugangst auch nicht ändern.
    Ängste bewirken nichts außer Verkrampfung und negative Energie. Ich kämpfte gegen Angst und Verkrampfung.
    Es gelang mir gut. Zeitweise schlief ich erschöpft ein.

    Wir flogen über Afrika und die Wüste, erst über Mosambique einen Bogen in Richtung Madagaskar.
    Es zog ein Unwetter auf. Die Maschine ruckelte und flog durch Böen.
    Ich beobachtete ein paar Passagiere, denen es offensichtlich nicht gut ging, sie rangen nach Luft, waren kreidebleich und ich erkannte Flugangst. So ging es mir immer in der Vergangenheit.
    Ich wusste, wie sie sich fühlten.
    Wenn es ruckelte und man das Gefühl hatte, die Maschine schlingerte hin und her, betete ich heimlich und leise ein „Vaterunser“ nach dem anderen.
    Es beruhigte und machte mir bewusst, es lag nicht in meiner Hand. Spürte ich die Angst, konnte ich sie loslassen.
    Ich war ausgeliefert, aber ich bin der höheren Macht, egal wie wir sie nennen, immer ausgeliefert, egal ob im Flugzeug oder im Auto.
    Ich war stolz auf meine innere Ruhe und meine Kraft diese Flugangst zu überwinden.

    Der Tag ging zu Ende, wir saßen noch immer in der Maschine. Die ganze Kabine des Flugzeuges erstrahlte in einem grellen orangen Licht, wurde von den letzten Sonnenstrahlen durchflutet. Der Himmel brannte lichterloh. Das Abendessen konnte man kaum zu sich nehmen, der Flug war zu unruhig. So erforderte es die ganze Konzentration, den kleinen Plastikbecher mit Coca Cola an den Mund zu führen und wieder, ohne etwas zu verschütten, auf das Tablett abzustellen.
    Der Katze ging es gut. Sie schlief.

    Es war 23.55 Uhr Ortszeit (der Zeitunterschied beträgt im Winter zwei Stunden, im Sommer nur eine Stunde) als die Maschine zur Landung ansetzte.
    Es wurden Zettel ausgeteilt, die jeder ausfüllen sollte. Ich las, für wen dies zutrifft: nur für Touristen.
    Ich sagte zu Jan „Wir brauchen das nicht. Wir sind keine Touristen.“
    Er verzog das Gesicht finster und murrte, steckte aber die Zettel ein.
    Die Maschine setzte auf dem Boden auf und rollte über die Landebahn. Plötzlich jubelten die Leute laut, es wurde geklatscht und der Mannschaft an Bord applaudiert.
    Der Chinese neben mir, die ganze Zeit stumm und still, wurde mit einem Male fröhlich und ausgelassen, faltete die Hände wie zum Gebet und gab mir zu verstehen, er dankte Gott.
    Aha - auch er hatte Flugangst!

    Alle erhoben sich von den Plätzen und drängten unter aufgeregtem Geplapper dem Ausgang zu.
    Auch im hinteren Teil wurde eine Tür geöffnet, wir strebten dieser zu.
    Der erste Blick nach draußen: Sieben Soldaten mit aufgerichtetem MG.
    Ich stockte und hielt in meiner Bewegung inne. Zurück in die Maschine gingt nicht, also musste ich die Treppe hinunter. Ich konnte den Blick nicht von den bewaffneten Soldaten lassen, die uns aufmerksam beobachteten. Mein Gott, würden die wirklich abdrücken?
    “Ach Herrje, wo sind wir hier gelandet?“ stammelte ich, als ich Sebastians erschrockenes Gesicht sah.
    Dieser Empfang nach einem so anstrengenden Flug. Ich fühlte mich erinnert an die vielen Berichte der Tagesschau über Länder im Bürgerkrieg oder an Revolten. Nun sah ich mich live dieser Szenerie.
    Doch es ging an den Soldaten vorbei zum Flachgebäude, dem „Ivato“, das nur wenige Meter entfernt lag. Ich war nicht Angela, ich war Ingrid Bergmann in „Casablanca“.
    Die Luft, Fisch geschwängert, war mild und angenehm warm.
    Antananarivo liegt im Hochland, wo nur kam dieser Geruch her?
    Kamen wir aus dem Bauch eines Jumbos oder eines alten Fischkutters?
    Wir, die dem Berliner Winter entflohen sind, fühlten diese wohlige Wärme, die uns einhüllte wie ein Ungeborenes im Mutterleib.

    Es war dunkel und die spärlich beleuchtete Halle voll mit vielen Reisenden. Wir stellten uns an einer Schlange von Wartenden an, in der Hoffnung zum richtigen Schalter zu gelangen.
    Es dauerte ewig. Immer wieder sah ich zur überdimensionalen Uhr an der Decke, die Zeiger bewegten sich im Schneckentempo.
    Es war definitiv der Film „Casablanca“, den man hier aufführt. Vielleicht kommt gleich ein Regisseur um die Ecke mit einem riesigen Megaphon und brüllt „Nein, Leute, so geht das nicht, die ganze Szene noch einmal...und Klappe!“
    Aber nichts dergleichen geschah. Es war Realität. Es war die Ankunft in Antananarivo 2002.
    Wir mussten uns auf einer Zeitreise befinden.
    Zuerst wurden wir in ein fremdes vergangenes Jahrhundert katapultiert und nun ist diese Zeit einfach stehen geblieben. Bis zum jüngsten Tag würde ich nun in dieser Schlange der Wartenden stehen. Irgendwann werden meine Beine weg knicken wie Streichhölzer und ich klatsche auf den Betonboden dieser tristen grauen Halle aus der Vorkriegszeit.
    Und sie beendete ihren Traum von einem neuen Leben in einer dunklen öden Abfertigungshalle und verbrachte den Rest ihres blühenden Lebens auf dem Betonboden zwischen abgestellten Koffern und lärmenden Kindern... ging es mir durch den Kopf.

    Aber wo war Humphrey Bogart? Jan war es mit Sicherheit nicht, denn der stand wie zu einer Salzsäule mutiert neben seinem Handgepäck, die Hände in der Tasche und den Blick nach vorn gerichtet.
    Meine Augen folgten neugierig seinem Blick. Ich konnte nun die Frau erkennen, die am Schalter die Reisenden abfertigte.
    Eine kleine Frau in Uniform mit einem kantigen Gesicht schrie die Reisenden an, kommandierte sie herum und behandelte die Menschen, die nach zwölf Stunden Flug müde und kaputt ankamen wie Vieh. Sie schien in einem früheren Leben ein Drachen gewesen zu sein.
    Und die Reisenden fügten sich, gaben keine Widerworte, bezwingten nicht den Drachen, sondern versuchten an ihm vorbei zu kommen, ohne von seinem Feuer und Donnergebrüll verbrannt zu werden.

    Einige Meter hinter uns standen junge Leute im Kreis. Offensichtlich Studenten. Einer von ihnen begann Gitarre zu spielen, ein anderer trommelte im Rhythmus, andere klatschten dazu. Drei Mädchen tanzten im Kreis aus abgestellten Gepäckstücken. Ein kleines Lächeln flog von Mund zu Mund. Diese Menschen zeigten mir, wie gut und beruhigend es sein kann, das Beste aus einer Situation zu machen und Gelassenheit zu üben. Das Gebrüll des Drachens wurde übertönt von Musik, Gesang und Lachen. Meine Anspannung ließ nach.

    Endlich waren wir an der Reihe. Der Drache verlangte die Zettel, die für die Anmeldung der Touristen bestimmt waren. Ich zeigte ihr unser Visum, doch lautstark teilte sie mir in unverständlichen Worten, aber eindeutiger Gestik mit: Zettel her!
    Ich stellte mich an die Seite, um die Abfertigung nicht zu behindern.
    Umständlich kramte ich aus der Handtasche einen Stift, meinen Reisepass.
    Die Fragen auf dem Formular konnte ich nicht genau lesen und übersetzen. Meinten sie nun das Datum der Ausstellung des Reisepasses oder das Ablaufdatum?
    Welche Nummer im Visumstempel ist die richtige?
    Jan und Sebastian redeten auf mich ein.
    „Man, mach das doch nicht so kompliziert, schreib irgendwas...“
    „Habe ich doch gleich gesagt, wir müssen die Dinger ausfüllen. Aber du weißt ja alles besser! Jetzt stehen wir hier dumm rum. Aber ich habe ja gleich gesagt...“
    Hilfe suchend sah ich mich um und fand Blickkontakt zu einem jungen Mann in Uniform. Er sah nett aus und er war auch nett. Er nahm meinen Zettel und übersetzte die einzelnen Fragen ins Englische. Er war der rettende Engel, mein Held, mein Ritter.
    Als ich die ausgefüllten Formulare wie eine Beute stolz dem Drachen reichte, warf dieser meinem Engel einen bösen Blick zu. Doch der junge Beamte blinzelte mir verschwörerisch lächelnd zu.
    Herrlich, dieses Land! Das Gute siegt.
    Die Drachenfrau jedoch sah sich die Zettel nicht an, warf sie nur achtlos in einen Pappkarton und wir durften passieren.
    Wozu war diese Aufregung gut?
    „Nur Schikane...“ hörte ich neben mir die Stimme eines älteren Herren.

    Jan suchte unsere Koffer und wir gingen zum Zoll. Die Jungs dort hatten aber nicht mehr viel Lust auf Kontrolle. Unwillig kramten sie in dem ein oder anderen Gepäckstück. Wir waren fast die Letzten. Nun endlich sah ich Torsten und seine Frau Tina hinter der Absperrung warten.
    Noch während wir am Zoll standen, bedrängten uns Taxifahrer und Gepäckträger.
    Wir verstanden kein Wort.
    Aber Torsten hatte uns gewarnt. Er hatte geschrieben, ich soll kein Taxi nehmen, keinen Gepäckträger, er würde sich um alles kümmern. Also sagte ich ständig „No“ und auch Jan und Sebastian wehrten die Belagerung ab.
    Wir kamen endlich nach mehr als zwei Stunden aus der Abfertigung.
    Müde waren wir und verstanden nicht richtig, was um uns herum passierte.
    Torsten hatte mehrere Taxen organisiert. Die Koffer wurden verstaut. Ich hatte keinen Überblick, welche Koffer in welchem Auto waren und hoffte, dass alles vollständig war und sein Ziel erreichen würde.

    Meine Katze hatte ich bei mir. Sie saß still und brav in ihrer Reisetasche.
    Die Fahrt im Taxi durch die Nacht ging durch dunkle Ortschaften. Hier und da brannte müde ein Licht. Meine Augen bemühten sich etwas zu erkennen, doch es war einfach zu dunkel.
    Der Nachtportier des Hotels hatte auf uns gewartet. Das große Eisentor wurde geöffnet.
    Unsere Zimmer hatte Torsten bestellt und wir ließen das Gepäck hinauf bringen. In einem großen Saal setzten wir uns an einen Tisch und erzählten. Es gab keine Bar oder ähnliches, das Restaurant hatte schon geschlossen. In einem Kühlschrank mitten im Restaurant standen noch einige Flaschen Cola und Bier. Wir durften uns bedienen.

    Torsten und Tina sahen aus wie auf dem Foto, das sie mir geschickt hatten. Ich hatte sie gleich erkannt. Das breite Lachen in dem schmalen Gesicht, die hellen blitzenden Augen. Torsten war groß und schlank. Tina war Madagassin. Sie wirkte wie ein Teenager, ihre sechsundzwanzig Jahre sah man ihr nicht an. Sie sprach sehr gut deutsch.
    Ich freute mich, Torsten und seine Frau Tina kennen zu lernen. Ich freute mich, dass sie ihr Versprechen gehalten hatten, uns abzuholen und ich war froh endlich da zu sein!

    Wir saßen noch lange zusammen, erzählten, lachten und verabredeten uns zum Frühstück.
    Die Zimmer im Hotel waren mit schweren Holzmöbeln ausgestattet, die Plastiksessel standen im Kontrast, aber störten nicht wirklich. Wir hatten Dusche, Waschbecken und WC.
    Ich war angenehm überrascht.
    Jan und ich nahmen ein Zimmer. Sebastian bekam ein separates Zimmer.
    Die Katze verkroch sich sofort unter dem Bett und ließ sich drei Tage nicht mehr sehen.
    Wir fielen todmüde ins Bett.
    „Jan, schau mal da!“
    “Wo?“
    “Da oben an der Decke! Was ist das?“
    “Das sind Geckos. Habe ich schon gesehen, habe aber nichts gesagt, ich dachte, du hast Angst!“
    “Ach Gott sind die süß! Guck mal die Augen und wie sie laufen.“
    Wir hatten Geckos im Zimmer, niedliche kleine Echsen, die an der Wand entlang liefen und in der Deckenverkleidung verschwanden. Geräusche machten sie, als würden sie dich auslachen. Wer weiß, vielleicht taten sie es ja auch...

    Ich war zu müde, um darüber nachzudenken, ob es richtig war, Deutschland zu verlassen. Ich wusste nur, ich hätte gern die Hand von Jan gespürt, oder seinen Arm, oder ein liebes Wort, aber er drehte sich nur um und schlief noch vor mir ein.

    Die grünen Flügel
    der Hoffnung tragen
    weit.
    Einer im andern
    geborgen
    frei sein.
    Du hast einen Stein
    in meine Brust gelegt.
    Ich kann ihm
    keine Flügel wachsen lassen
    allein
    (Roswitha Hofmann)


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  5. AW: Was suchst du in Madagaskar?

    Antananarivo - Die ersten Eindrücke

    „Hey! Aufstehen! Schaut mal raus!“ kam Sebastian ins Zimmer gestürmt.
    Müde und benommen schlich ich zum Fenster. Da breitete sich vor mir ein wunderschönes Panorma aus. Die Stadt ist eingebettet in vielen grünen Hügeln. Wunderschön.
    Azurblauer Himmel, strahlender Sonnenschein, blühende Bäume und die Freude diesen Sommer länger als zwei Monate genießen zu können.
    “Klasse“ freute ich mich.
    Sebastian war begeistert. Jan fühlte sich nicht wohl und war genervt.
    Er warf nur einen Blick aus dem Fenster und meinte abfällig „Ja, ganz nett“.
    Ich beachtete ihn und seine Befindlichkeiten nicht weiter. Meine Begeisterung war groß.

    Im Hotelrestaurant trafen wir auf Torsten und Tina. Wir frühstückten gemeinsam und fuhren anschließend mit Torsten und Tina mit dem Taxi in die Stadt.
    Dabei begann Torsten uns die Regeln zu erläutern.

    1. Regel: Das Verhandeln

    Vor jeder Taxifahrt fand das Ritual des Verhandelns statt.
    Torsten lehrte uns: Der Fahrer nennt einen Preis, man nimmt ein Drittel als Gegengebot und man einigt sich schließlich bei zwei Dritteln. Diese Lektion lernten wir recht schnell und das Handeln machte Spaß.
    Wir wurden immer besser und verhandelten gnadenlos, gaben aber am Ende der Fahrt doch mehr als vereinbart war und lachten dann über die erstaunten Gesichter.

    Nun tauchte wir ein in eine völlig andere Welt. Drehte sich letzte Woche noch alles um Krankenkasse, Wohnung, Versicherung abmelden und Möbelpacken, Finanzamt und Bankkonto, Zollpapiere, Tierarzt und Impfungen, sollte es nun um Visumverlängerung, Passbilder, Geschäftskonzept und Firmengründung gehen.
    Wer ist wofür zuständig, wo können wir essen gehen, wo kann man Geld tauschen, gibt es irgendwo Katzenfutter und ein Internetcafe?

    Wir fuhren nun in die City und ich konnte mich nicht satt sehen. Die Stadt zeigte sich unheimlich lebendig. Überall wohnten, gingen, liefen, lachten und erzählten Menschen.
    Blühende Bäume, exotische Düfte und kräftige Farben. Alles erschien mir satter, kräftiger, intensiver. Ob es das Blau des Himmels war, das Grün der Bäume oder die Gerüche.
    Das Leben schien mir prall entgegen zu kommen. Und ich ließ mich gern von ihm einnehmen. Öffnete alle Sinne, um möglichst viel davon einzusaugen.
    Wo war ich nur die letzten Jahre? Wo war dieses pralle Leben in den letzten Jahren?
    Wir fuhren vorbei an zahlreichen kleinen, großen, armen, protzigen, neuen und halb zerfallenen Häusern. Die Straßen waren vorwiegend eng.
    Hier und da hupten Autos. Sie schienen eine eigene Sprache zu haben: „Hey ich habe Vorfahrt“
    „Aber nein, ich habe es eilig.“
    Ein schwarzer BMW, ich schätze ihn auf 25 Jahre nahm uns die Vorfahrt an einer stark befahrenen Kreuzung. Unser Taxifahrer musste stark bremsen bis zum Stillstand um einen Unfall zu vermeiden. Der schwarze BMW brauste davon.
    In Deutschland hätte der Fahrer laut geflucht. Geschimpft, vielleicht sogar Anzeige erstattet.
    Unser madagassischer Fahrer in seiner alten französischen Ente lächelte und schüttelte mit dem Kopf. Zu Torsten sagte er: „Der hat eine böse Frau zu Haus. Armer Kerl.“

    Das Kunterbunt der Strassen wurde intensiviert durch den großen Kontrast von totaler Armut und übermäßigem Reichtum. Um gut aussehende Häuser waren Mauern mit Glassplittern darauf zum Schutz, ebenso Gitter vor den Fenstern, die aber mit schönem Muster nicht unbedingt hässlich aussahen. Prachtvolle Villen standen neben Holzhütten.
    “Wenn ich so viel Geld hätte,“ meinte Sebastian „ich würde doch mein Haus in eine schöne Gegend stellen und nicht in ein Viertel, wo es überall stinkt und man jede Nacht Angst vor einem Einbruch haben muss.“
    “Stimmt, aber ich hätte keine Freude daran, wenn ich morgens aus dem Haus komme und das Elend vor meiner Tür sehe. Ich hätte ein permanent schlechtes Gewissen, dass es mir so gut geht und diese Menschen im Elend leben.“
    “Scheint ihnen aber nichts auszumachen..“
    “Ja, sie wachsen damit auf und kennen es nicht anders. Vielleicht ist das der Grund für diesen Kontrast.“
    “In anderen Ländern gibt es arme Viertel und reiche Stadtbezirke, aber hier lebt der Bettler mit dem Wohlhabenden Tür an Tür.“
    “Auf der anderen Seite ist es ja auch nicht richtig, die Augen zu schließen und zu tun, als würde es keine Armut geben. Du kannst nun mal nicht die ganze Welt retten.“
    “Nein, du kannst nicht Samariter spielen und versuchen allen zu helfen.“
    “Nein. Das kann ich nicht. Aber ich kann versuchen, selbst eine Existenz aufzubauen und dann kann man sehen, welche Möglichkeiten es gibt und welche Art von Hilfe sinnvoll ist.“

    Die Straßen waren recht verwinkelt und verbaut. Immer wieder sahen wir enge Schluchten zwischen den Häuserreihen.
    Torsten erklärte, dass es ein Gesetz gibt, welches besagt, dass zwischen den Häusern immer ein Meter Platz bleiben muss, um den dahinter liegenden Häusern das Wegerecht zu sichern.
    Ein solches Gesetz würde in Deutschland vielleicht so manchen Nachbarschaftsstreit verhindern.

    Überall an den Straßenrändern saßen Händler, vor sich ausgebreitet ein Tuch mit Dingen, die sie zum Kauf anboten, vom Kugelschreiber bis zur Batterie, Zigaretten, sogar Selbstgebackenes, Nähzeug, Autoersatzteile usw. Es gab einfach alles.
    „Sag mal Torsten, hier gibt es ja alles.“
    „Ja, du musst nur wissen wo. Es gibt eine Straße, da gibt es nichts anderes als Dinge für den Schneider. Nähgarn. Reißverschlüsse, Knöpfe usw. Die ganze lange Strasse ein Händler neben dem anderen. Ich habe lange gesucht, bis ich sie gefunden hatte. Es gibt dort alles. Du wirst auf jeden Fall fündig, wenn du Utensilien zum Nähen suchst.“

    Dort, wo Wasser floß, an Brunnen oder eigens dafür sprudelnden Leitungen, saßen Frauen und wuschen Wäsche, die sie anschließend auf die Wiese oder an Mauern und Zäunen auslegten zum Trocknen.
    “Welchen Sinn macht es, gewaschene Wäsche wieder auf die schmutzige Mauer zu legen?“ fragte Sebastian und ich konnte nur mit den Schultern zucken. Ich hatte keine Antwort.
    Man konnte nur auf diese Art die Wäsche trocknen, wenn man keine Möglichkeit hat, eine Leine zu spannen, oder kein Geld hat für eine Wäscheleine. Wäscheklammern waren Luxus.

    Wir fuhren an einer Straße vorüber, die von der Hauptstraße weg führte. In der Mitte befanden sich Gleise, scheinbar nicht mehr befahren. Dieser ganze Weg war ein einziger Schlammtümpel. Ca. dreißig cm hoch, schätzte ich die braune Masse. In diesem Dreck lebten Menschen, hielten Markt, legten ihre Babys auf verdreckte zerrissene Tücher. Ich traute mich nicht, diese Szene zu fotografieren. Wir saßen ratlos mit unseren sauberen Sommersachen im Taxi und waren betroffen. „Schau mal. Dazu fällt mir nichts mehr ein.“
    “Nein, Basti, wer in aller Welt kann da helfen. Solches Elend kenne ich nur aus dem Fernsehen. Live erleben ist schon etwas anderes.“

    Endlich erreichten wir die City und stiegen in der Rue d’Independance aus.
    Aus Richtung Bahnhof kommend, gingen wir zu den großen Treppen.
    Es war heiß und die vielen Menschen um uns herum bildeten einen bunten Strom, dem ich mich überließ.
    Wir stiegen nun diese endlosen Treppen hinauf, die links und rechts der Hauptstraße aufwärts führten, deren Absätze man ersehnte, weil die Puste ausging.
    Auf diesen Treppen befanden sich unzählige Händler, die die typischen Touristenartikel anboten, von der Ansichtskarte, Kunsthandwerk bis zur Sonnenbrille. Natürlich ergab sich hier die Möglichkeit, an dem einen oder anderen Stand zu verweilen, um etwas Luft zu holen. Die Pause wurde kaschiert, niemand merkte, dass man kurz vor dem Umkippen war.
    Ich schnappte nach Luft, jede Zigarette bereuend.
    An einer dieser Treppen befand sich das Goetheinstitut von Madagaskar.
    Wir hätten es übersehen, doch Torsten kannte sich aus und spielte den Guide.

    Die Straßen waren überfüllt mit Menschen. Straßenhändler, Bettler, Kinder. Immer wieder wurden wir angesprochen, hatten Mühe, uns im Gewühl nicht aus den Augen zu verlieren.
    Denn alle Menschen schienen sich in Zeitlupe zu bewegen. Unser deutscher, normaler Schnellschritt war hier außergewöhnlich.
    Manchmal machte Sebastian diese langsamen Bewegungen nach. Er erntete Gelächter.
    “In dieser Hitze werden wir uns auch bald langsamer bewegen. Man passt sich an.“
    “Aber soo warm ist es ja nun auch nicht. Ich werde mich an dieses Latschen nie gewöhnen.“ verkündete er damals trotzig.

    Und wie wir uns anpassten, schmunzele ich in mich hinein.
    Drei Jahre später meinte er: „Wir laufen fast langsamer als die Madagassen.“ Was bei 36 Grad Celsius auch kein Wunder ist.

    Antananarivo kurz Tana genannt, war schön anzusehen und hatte damals sehr viele wunderschöne Aussichtspunkte, aber es stank an vielen Ecken, an denen uriniert wurde.
    Wir gingen an Dreck und Elend vorüber. Dazu kamen die Abgase. Die Straßen waren verstopft und du warst zu Fuß schneller. Kein Kat, kein Umweltschutz. Es stank und die Hitze tat ihr Übriges.

    Viele Menschen liefen völlig zerlumpt herum. Es gab viele Obdachlose. Kinder, die ein altes schmutziges Höschen an hatten, das einzige Kleidungsstück, das sie offenbar besaßen. Kleine Kinder im Alter von zwei Jahren oder noch jünger wurden von älteren Geschwistern durch die Straßen getragen, kaum was auf dem Leib, bettelnd.
    Erschreckend von einem etwa vier-jährigen Jungen zu hören: „Give me money!“ Wurden sie zum Betteln erzogen?

    Die Eindrücke waren so widersprüchlich wie das Land selbst.
    Madagaskar ist bekannt für endemische Pflanzen und Tierarten, für seine Natur.
    Doch wir sahen, wie Tiere geschlagen, getreten, getötet wurden.
    Wälder fielen der Brandrodung zum Opfer.
    Von Naturschönheiten kann man nicht leben, vom Verkauf der Holzkohle schon.
    „Torsten, das kann doch nicht sein. Was ist hier los?“ ereiferten wir uns typisch deutsch.
    „Die neue Regierung hat Maßnahmen getroffen, um der Zerstörung der Natur entgegen zu wirken. Doch bis sie Ergebnisse zeigen, wird noch einige Zeit vergehen.“ erklärte er uns.

    Mittlerweile war es Mittag, die Sonne stand im Zenit und es wird zunehmend heißer. Die ersten Eindrücke der Stadt wurden vom strahlend blauen Himmel, lachenden Menschen und flirrender, staubiger Hitze begleitet. Das Laufen fiel schwer, es war zu heiß.
    Wir beschlossen, Geld zu tauschen, noch bevor wir ein Lokal aufsuchen.
    „Doch um diese Zeit haben die Banken geschlossen, wo willst du Geld tauschen?“
    Torsten führte uns in eine Straße, die links und rechts mit einem Palmenhain geschmückt war. Die hellen hohen modernen Häuser ließen fast an Miami erinnern, wenn dort nicht alte Autos gestanden hätten. Auf den Fußgängerwegen standen Grüppchen von Männern.
    Wir stellten uns direkt vor eine Bank und warteten. Es dauerte nur wenige Minuten, dann kam aus diesen Gruppen einzelne Männer zu uns herüber und nannten einen Preis, den Kurs für einen Euro.
    “Ach bei der Bank bekomme ich schon 6700 FMG. Das ist zu wenig, was du bietest!“
    “6750 FMG.“
    Torsten blieb hart. „7000 FMG“
    Der Mann ging wieder zu seiner Gruppe und diskutierte dort. Man schaute zu uns herüber.
    Mir wurde mulmig.
    Ein anderer kam und bot sofort „6750“
    “Na das ist schon etwas besser, aber nicht genug.“
    “Wie viel wollt ihr tauschen?“
    “500 Euro“
    “Was für Scheine?“
    “Hunderter“
    “Moment“ der Mann im zerfransten T-shirt entfernte sich kurz, kam wieder und sagte: “6800 FMG“.
    Torsten lachte nur: „Nein 7000 FMG“.
    Der Mann überlegte, schaute uns an. Torsten drehte ihm den Rücken zu und wandte sich ab.
    Zu uns sagte Torsten leise „Ich will 6850 FMG, das wäre gut. Mehr ist nicht drin.“
    Der Mann durch das scheinbare Desinteresse von Torsten irritiert meldete sich zu Wort. Er tippte Torsten auf die Schulter und nannte den angestrebten Preis: „6850“.
    Okay, man war sich handelseinig. Nun wurden die Handys gezückt und die Summe ausgerechnet. 3.425.000 FMG wechselten den Besitzer. Der Mann holte ein Bündel Geldscheine aus der Jacke.
    Torsten sagte, wir sollen die Euros noch nicht vorholen und auch nicht hingeben, bevor nicht gezählt wurde. Es waren zusammen getackerte Geldbündel von jeweils zehn Scheinen, wobei der zehnte Schein, wie ein Umschlag um die anderen geheftet wurde.
    Erst wurden die Bündel gezählt, dann wurde geprüft, ob zwischen jedem quer liegenden Schein, neun weitere zu finden waren.
    Es ging ziemlich schnell. Erst als wir nickten und die Summe bestätigten, gab Torsten „grünes Licht“, die Euroscheine hervor zu holen und abzugeben.
    Der Mann verschwand augenblicklich.

    Wir gingen wieder Richtung Rue d'Indepedance. Es war Zeit für das Mittagessen. Immer noch waren die Straßen voller Menschen.
    An einem kleinen Parkplatz beobachtete ich eine Frau , die in einem großen Jeep auf dem Beifahrersitz offensichtlich auf den Fahrer wartete. Sie war Madagassin und ihr zahlreicher Goldschmuck ließ auf einen gehobenen Lebensstandard schließen. Ein Obstverkäufer näherte sich dem Wagen, bot ihr seine Letchees an. Sie nahm aus seinem Korb eine Hand voll und diskutierte mit ihm über den Preis, dabei spuckte sie die Kerne gegen seine Brust. Der Händler stand in unterwürfiger Haltung und ließ es über sich ergehen. Anscheinend wurden sie nicht einig. Sie griff noch einmal in den Korb und spuckte weiterhin die Kerne gegen seinen Oberkörper. Er stellte sich etwas zur Seite, sie drehte sich ihm zu und traf ihn weiterhin. Dann gab sie ihm zu verstehen, dass sie an seinen Letchees nicht interessiert sei, knallte die Wagentür zu und schloss das Fenster. Seltsamer weise hing an ihrem Rückspiegel ein großes silbernes Kruzifix.

    Als Ausländer bist du die absolute Attraktion, die Kinder lernen sicher schon mit den ersten Worten "Vahaza" (ausgesprochen: vasa) und rufen schon von weitem: "Bonjour Vahaza" oder "Salut Vahaza". Wo du auch auftauchst, überall hörst du das Wort "Vahaza" zigfach.
    Sebastian wurde mürrisch. „Alle starren mich an. Bin ich ein Mondkalb?“
    „Du bist weiß und blond, das reicht schon. Aber sie sind nett und grüßen freundlich.“
    „Aber jeder grüßt mich, das nervt.“ murrte er.

    Während des Essens im Restaurant erzählte uns Torsten, dass in Deutschland den Kindern vom "schwarzen Mann" erzählt wird, der kommt, wenn sie nicht artig sind.
    "Ja, die Geschichte kenne ich, die wollte man mir auch immer einreden."
    „Hier ist es allen Ernstes der "weiße Mann" der kommt, wenn sie ungehorsam sind, er nimmt die Kinder, steckt sie in einen großen Sack, nimmt sie mit oder er isst ihr Herz.
    Also wenn ein kleines Kind dich sieht und fängt furchtbar zu weinen an, dann hilft kein ermunterndes Lächeln, auch kein Bonbon. Aber zum Glück kommt dies sehr selten vor und eher auf dem Land, als in der Stadt.“
    Gut, zu wissen. Aber in Antananarivo sind die Kinder an Vahaza´s gewöhnt, auch an weiße.

    Nach dem Essen brachen wir auf, um uns weiter um zuschauen. Jan und Sebastian wollten erkunden, welche Technik in den Geschäften angeboten wurde.
    Wir liefen durch die Straßen zurück in Richtung Treppen. Und wieder ging es aufwärts. Ich bereute erneut jede Zigarette und konnte das Tempo nicht halten. Die letzten Stufen wurden zur Qual.
    Endlich geschafft. Wir wurden mit einem schönen kleinen Rosenpark belohnt. Eine Bank im Schatten, das wäre jetzt super. Doch alles war besetzt.
    Torsten zog uns weiter, denn gleich um die Ecke war das „Buffet d’Jardin“. Gegenüber hatte die Post ein kleines Internetcafé eingerichtet. Noch hatte es geschlossen, wie die meisten Geschäfte über die Mittagszeit.

    “Torsten, wo sind eigentlich die Alten? Ich sehe nur junge Menschen.“ fragte ich ihn.
    “Die Lebenserwartung beträgt nur 45 Jahre. Da sind nicht mehr viele Alte über.“ meinte er lapidar.
    “Hmm, aber so viele junge Menschen, da komme ich mir ja richtig alt vor.“
    So löcherten wir Torsten mit unseren Fragen und hatten immer wieder Themen, die sich aus dem Erleben und Beobachten ergaben.
    Torsten war geduldig und versuchte zu alles erklären.
    Wir setzten uns an einen beschatteten Tisch. Die Sonnenschirme deckten fast alle Sitzgruppen ab. Eine kalte Cola und die Speisekarte, und schon waren alle Wünsche erfüllt.
    Man saß ziemlich abseits des Treibens und konnte doch gut beobachten. Vor dem Restaurant parkten viele Taxen, ging das bunte Treiben der Hauptstraße weiter.

    Ganz erstaunlich waren die Autos, des Deutschen liebstes Kind.
    „Würde es hier einen deutschen TÜV geben, wären die Straßen auf einen Schlag leer.“ stellte Jan fest.
    Trotzdem haben wir es nur einmal erlebt, dass wir vor dem Ziel das Taxi verlassen mussten, weil es einfach abgequalmt ist.
    An den meisten Taxen fehlten die Türklinken oder die Scheibenwischer, ein anständiges Armaturenbrett war ziemlicher Luxus. Der Tank war eine Flasche neben dem Fahrersitz. Getankt wurden immer nur 1-2 Liter Sprit. Die Fenster waren offen, weil man die Türen nur von außen öffnen konnte, die Fensterheber kaputt waren oder die Fensterscheiben fehlten gänzlich.
    Trotzdem waren diese Kisten super sauber. Sie wurden geputzt und gehütet. Manche Autos schätzte ich auf über vierzig Jahre. Ein deutscher Raritätensammler hätte hier seine große Freude oder ein Oldtimer-Automobilclub.

    “Wo sind hier die Toiletten?“
    “Da musst du da rein, in die eigentliche Gaststätte und dann rechts halten.“ Gab Torsten die Anweisung an Sebastian.
    Die Toiletten waren eine Story für sich. Nur ein Loch im Boden. Wir hielten uns in Restaurants mit europäischem Standard auf, war natürlich etwas teurer. Auch im Hotel hatten wir die gewohnten sanitären Einrichtungen.
    Toilettenpapier war Luxus, den wir uns aber gern leisteten.
    Torsten, der schon einige Zeit in Madagaskar lebte, nutzte die einheimischen Toiletten.
    Als Sebastian von seinem Toilettengang zurückkehrte, fragte Basti unvermittelt: “Torsten, wie machst du das ohne Toilettenpapier?“
    Torsten entgegnete ihm grinsend „Du musst verreiben.“
    Wir sahen uns an und lachten laut los.
    „Na mal im Ernst. Die Madagassen spülen sich mit Wasser ab. Man nimmt eine Blechbüchse die dort bereit steht, füllt diese mit Wasser und geht damit auf Toilette. Nach Verrichtung spülen sie sich mit Wasser ab. So einfach, du musst nur wissen wie.“ lächelt Torsten, der eingeweihte.
    Hm. Eigentlich viel hygienischer und sparsamer. Man fasst nichts an, geht in die Hocke.
    Wie schafft man das, sich die Kleidung nicht nass zu machen?
    Gibt man deshalb grundsätzlich nicht die linke Hand in diesen Ländern?

    „Sehen wir uns noch ein paar Geschäfte an?“
    „Ja, wir müssen noch zahlen.“ sagte ich und rief in Richtung des Kellners „Hallo!“
    Doch er rührte sich nicht. Drehte sich nicht um und ignorierte uns völlig.
    Torsten lachte und drehte sich zum Kellner. Er zischte einen Laut, ähnlich wie „X“, nur lang anhaltend. Sofort drehte sich der Ober um und kam zum Tisch.
    „Diese Methode funktioniert immer“ gab Torsten an.
    Aha.
    Und es war tatsächlich so. Nur ein langes „X“ und man wurde beachtet.

    Wir bemerkten, dass der Kellner selbst 1000 und 2000 mit dem Taschenrechner berechnete, dabei sogar ganz sorgfältig alle Nullen eingab.
    “Was lernen die Kinder in der Schule? Das ist doch Grundwissen!“
    “60 % der Bevölkerung sollen Analphabeten sein.“ sagte Torsten. “Die Schule beginnt, wann du willst. Also wenn dein Kind fünf Jahre alt ist und du meinst, es ist Zeit für die Schule, dann meldest du es an. Es gibt neuerdings auch Kleinkredite mit denen die Eltern die Chance bekommen, ihr Kind für den Schulanfang auszurüsten, um alles kaufen zu können, was es benötigt, wie Schulmappe, Stifte, Hefte usw. Die Schulzeit beträgt acht Jahre. Wenn es weiter zur Schule gehen soll, dann kostet es sehr viel Geld. Das kann sich dann nicht jeder leisten. Schulbücher gibt es auch, genau ein Exemplar für eine Klassenstufe für jedes Fach. Die Schüler dürfen es sich in der Bibliothek ansehen, aber nicht ausleihen. Es gibt ja nur das eine.“
    “Und ich möchte nicht wissen, wie alt das ist.“ Ergänzte ich kopfschüttelnd.

    Wir gingen in der Nachmittagssonne eine schmale Strasse entlang. Viele Läden reihten sich aneinander. Ein Tross Autos kam uns hupend entgegen. Die fröhlichen Fahrgäste winkten.
    “Hey, hast du die gesehen?“
    “Eine Hochzeitsgesellschaft!“
    “Jeden Samstag ist Hochzeitstag, überall wird geheiratet. Sie fahren dann hupend durch die Straßen mit bunt geschmückten Autos.“ erklärte Torsten.
    “Heute ist aber nicht Samstag.“
    “Na ja, ist ja keine Pflicht am Samstag zu heiraten. Gibt ja Ausnahmen.“
    “Eigentlich ist es egal, an welchem Tag man lebenslänglich bekommt.“ bemerkte Sebastian.
    „Männer!“

    Die Technik in den Läden erinnerte an die 70-er Jahre.
    Kameras wurden hier verkauft, die waren so veraltet, die hätten jedes Sammlerherz erfreut. Diese gab es in Deutschland schon lange nicht mehr. Ebenso Haushaltstechnik. Aber damit konnte ich leben.
    Vor den Geschäften mit Musikanlagen und Fernsehgeräten standen viele Schaulustige und fachsimpelten über die Ausstellungsstücke von Siemens, Sony und Phillips.
    Wir kauften uns eine aufladbare Telefonkarte. Nun waren wir wieder mobil zu erreichen, soweit es das Netz zuließ. Die angebotenen Mobilfunktelefone waren für meine Begriffe „Mittelalter“ und völlig überteuert.
    Modelle, die in Deutschland vor zwei Jahren schon gratis zu haben waren, wurden hier beleuchtet in modern eingerichteten Shops, zu horrenden Preisen präsentiert.

    Im Moment war Regenzeit und es schüttete meist am Nachmittag oder am Abend, aber dann richtig sintflutartig. Da half kein Schirm. Nur schnell ein Taxi nehmen und ab ins Hotel.
    So wurden auch wir überrascht. Von den ersten Tropfen bis zum Regenguss vergingen nur wenige Sekunden. Als würde der liebe Gott einen Wassereimer auskippen. Doch so schnell, wie der Regen einsetzte, hörte er auch wieder auf. Die Straßen verwandelten sich in Seen und wohin man blickte, überall nur brauner Schlamm, indem man versank.
    Meine neuen weißen Mokkasinschuhe versuchte ich am Abend von der braunen Masse zu reinigen. Vergebens. Die ersten Opfer wanderten in den Müll.


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    Fortsetzung folgt


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  6. AW: Was suchst du in Madagaskar?

    Wenn es regnete, sollte man doch lieber auf die madagassischen großen stabilen Schirme zurückgreifen. Auch die Straßenhändler stellten sich innerhalb von Minuten auf die veränderte Wetter- und Marktsituation um. Hatten sie vor fünf Minuten noch Sonnenbrillen auf den Straßen von Auto zu Auto angeboten, so liefen sie nun mit Regenschirmen unter dem Arm um diese jedem pitschnassen, überraschten, vom europäischem Regenschutz in Stich gelassenen Touristen, zum Kauf unter die Nase zu halten. Regenschirme aus Deutschland konnte man getrost zu hause lassen. Sie versagten angesichts der Wucht und Kraft der Wassermassen. Diese Schirme brachen wie Strohhalme daher gebrauchte man solche Schirmchen hier tagsüber als Sonnenschutz.
    Ich wunderte mich über die Taxifahrer, denn Scheibenwischer waren Luxus.
    Der Regen knallte so hart auf das Dach, dass man meinte, es würde mit Sicherheit jeden Augenblick zusammenbrechen. Ein Tosen und Krachen. Selbst Frau Katze saß bei Regen unter dem Bett oder im Schrank.
    Während des Wolkenbruchs oder kurz danach gab es den üblichen Stromausfall. Manchmal dauerte er nur wenige Minuten, dann auch mehrere Stunden. Aufregen brachte nichts. Man lebte hier damit. Saß man in einer Gaststätte zu dieser Zeit, wurden Kerzen auf den Tischen verteilt und angezündet. Im Hotel befanden sich in den Zimmern separate Kerzenhalter an der Wand. Man stellte sich eben auf diese unabdingbaren Gegebenheiten ein.
    Kehrte der Strom zurück, hörte man die Leute klatschen und ein erfreutes „Ohhhh!“ oder „Aahhh!“ begleitete die ersten künstlichen Lichtstrahlen.
    Vom Hotel aus konnten wir beobachten, wie nach einander die Stadtbezirke wieder mit Strom versorgt wurden. Ein Hügel nach dem anderen erhielt seinen Lichterglanz zurück.

    Die gewaltige Kraft der Natur, die in Deutschland immer mal wieder für den Einsatz des Technischen Hilfswerkes sorgt, spürte man hier täglich.
    Die Naturschauspiele waren einzigartig, die Wolken und Farben unbeschreiblich. Während unserer ersten Regenflucht, der ersten abendlichen Heimfahrt mit dem Taxi, sagte Sebastian.
    “Schau dir mal den Mond an! Der hängt völlig schief!“
    “Stimmt“ stelle ich belustigt fest „sieht aus wie eine Obstschale.“
    “Wie eine Obstschale? Nee, eher wie eine liegende Banane oder wie ein Boot. Ja, wie ein Boot.“

    Die Sonne ging allabendlich gegen 18.00 Uhr unter. Diese Aufführung der Farbenpracht von tiefstem Blau, Violett bis hin zum feurigsten Rot dauerte eine halbe Stunde. Taxen kosteten danach das Doppelte. Innerhalb von wenigen Minuten war es stockdunkel.

    Voller neuer Eindrücke, mit vielen Fragen und Gedanken über den Unterschied des täglichen Lebens in Deutschland und dem Alltag hier, kehrten wir erschöpft und hungrig ins Hotel zurück.
    Eine Angestellte stand vor dem Fernseher und sang laut vor sich hin.
    War normal. Manchmal standen zwei bis drei Küchenfrauen vor dem Fernseher, sangen und tanzten auch dazu. Da musste der hungrige Gast eben mal etwas warten. Doch bei dieser fröhlichen Ausgelassenheit war ich eher geneigt mit zu klatschen, als mich zu beschweren.
    Man sollte eben nicht warten bis sich der Magen meldet, denn von der Bestellung bis zum Servieren konnte locker eine Stunde vergehen.
    Diese Lebensfreude war den Madagassen eigen. Sie waren freundlich und sangen bei jeder Gelegenheit mit.

    Ich kann mich erinnern, wie ich auch später des Öfteren über diese fast kindliche Lebensfreude staunte. Wenn zum Beispiel eine Bankangestellte, die gerade die Unterlagen für die Eröffnung eines Kontos ausfüllt, ihr gegenüber saßen Kunden, beim Schreiben, vor sich hin sang. Nicht leise, sondern in der Art, wie eine Jugendliche, die das Casting zum „Deutschland sucht den Superstar“ gewinnen möchte...also mit Hingabe und Inbrunst. Niemanden störte es. Mit einem Lächeln verlässt man solche Büros.

    In den nächsten Tagen fuhren wir täglich in die Stadt, trafen uns mit Torsten.
    Auf dem Weg vom Hotel zur Hauptstraße liefen wir an einem kleinen Markt vorbei. Dort gab es Fleisch, Hühner, egal ob tot oder lebendig, Gemüse und Obst. Dort herrschte reges Treiben. Die Marktfrauen lebten meist bei ihren Ständen. Abends wurden Kerzen angezündet.
    An einigen Ständen wurden verschiedene gebackene und gegrillte Speisen angeboten. Auch wir probierten die Spezialitäten aus.
    Die Brochettes, gegrillte Spieße mit vier kleinen Fleischstücken, schmeckten gut.
    Oder auch gebackene Bananen mundeten köstlich. Überall roch es nach Grillkochern und Gebratenem. Es war warm und wir fühlten uns wohl.

    Wir sahen uns in den Lebensmittelgeschäften und an den zahlreichen kleinen madagassischen Ständen um.
    Das Fleisch auf den Märkten verleidete einem den Genuss. Es war so ekelhaft, die Fliegen und der Dreck, dass wir uns doppelt überlegten ob und wo wir zu Mittag aßen.

    Es gab einige Supermärkte, die fast ein europäisches Warensortiment anboten. Bei „Shopride“ und „Leaderprice“ gab es Importprodukte.
    Nahrungsmittel aus einheimischer Produktion waren wesentlich preisgünstiger. Wir freuten uns über die willkommene Abwechslung zur Menükarte der Restaurants.
    Der einheimische Käse schmeckte lecker. Die Milch war für meinen an Kalorien reduzierte Nahrung gewöhnten Gaumen, zu fett. Frischen Joghurt gab es auch und natürlich Früchte und Gemüse an jeder Ecke. Mangels eigener Küche ernährten wir uns noch hauptsächlich in Gaststätten.

    Immer wieder amüsierten wir uns, wie Torsten verhandelte. Es ging dabei sehr fröhlich zu. Man wurde nie böse. Es war ein Spaß und Ungeduld war hier wahrlich fehl am Platze, denn das Verhandeln brauchte seine Zeit.
    Überall wurde erst mal der „Vahazaa-Preis“ (der Preis für „Fremde“) genannt. Nach zwei Wochen sah man auf drei Kilometer immer noch nach „Tourist“ aus. Erst durch das Gespräch kam man etwa in die Nähe des tatsächlichen Preises.

    “Was sollen die Leetchies kosten?“
    “Waaaas? Nein, das kann nicht dein Ernst sein“ Der Verkäufer lacht zahnlos.
    Torsten machte ein bedenkliches Gesicht.
    “He, ich lebe hier! Kein Tourist! Ich habe viele Kinder und kein Geld!“
    Jetzt lachte der Verkäufer laut auf, alle um ihn herumstehenden mit ihm. Ein Vahaza, der kein Geld hat. So etwas gibt es nicht.
    Torsten nannte einen Bruchteil des Preises. Der Verkäufer schüttelte lachend den Kopf, nannte seinen Preis, kam aber Torsten schon etwas entgegen. Er gab Torsten eine Frucht zum Kosten. „Hm, die sind ja saftig, aber der Preis ist zu hoch. Ich will nicht die Plantage kaufen, ich will nur ein Kilo.“ Sagte er lachend. Alle Umstehenden lachten laut. Wir kicherten die ganze Zeit.
    Der Verkäufer nannte nun einen neuen Preis, kam ihm wieder ein Stück entgegen.
    Torsten nannte seinen Preis, bewegte sich auch auf das Gebot des Verkäufers zu.
    Der Verkäufer fragte, wie viel Torsten kaufen möchte. Er sagte ein Kilo. Bei zwei Kilo wäre der Preis geringer. So ging es eine ganze Weile hin und her.
    Nun erklärte Torsten dem Verkäufer, auf dem anderen Bazar bekäme er die Letschies noch günstiger. Der Händler lachte, verneinte und schüttelte ungläubig den Kopf.
    Er wog für Torsten ein Kilo ab.
    „Das ist doch kein Kilo! He, Du hast den Daumen drauf.“ Wieder Gelächter in der Runde.
    Torsten nahm die Waage und wog nun selbst ab. Ok, es war ein Kilo.
    „Na da hast du aber Glück gehabt. Okay, dann nehme ich das Kilo für 5000 FMG.“
    Der Händler lacht und schüttelt den Kopf. Doch nun gab er nach und Torsten bekam seine Letschies zum günstigen Preis.
    Triumphierend nahm er seine Tüte und wir schlenderten grinsend weiter. Vom Verkaufsstand hörten wir noch das Lachen der Madagassen.
    Torsten erklärte uns die Lektion noch einmal:
    „Mit einem Lachen werden die Preise genannt, man jammert, dass alles teuer ist und man viele Kinder hat, dann kommt das Gegenangebot. So geht es mit Lachen und Scherzen bis man sich bei zwei Dritteln einigt.“
    Dieser Markt wurde beschallt mit Musik. Allerdings war der Klang so über steuert und schnarrend, dass es in den Ohren schmerzte.
    “Die Musik ist aber sehr soft, und meist Songs aus den 70-ern, zB. Boney M. ist der absolute Hit oder die Venga Boys.“ Stellte Sebastian fest.
    “Reggae ist auch angesagt, aber nicht im TV, da kommen Sendungen ähnlich dem Musikantenstadl, nur eben in madagassisch.“ meinte Torsten. Hip Hop oder House oder, Blues oder Jazz und elektronische Musik oder Hard Rock hörte man nirgends.

    Ich konnte es nicht fassen und blieb ungläubig vor einem Marktstand stehen.
    Recycling auf madagassisch... Hier wurden sogar leere Wasserflaschen aus Plastik angeboten und verkauft. Es fand sich für alles Verwendung.
    Eine Plastikflasche wurde abgeschnitten und mit einer Kerze als Windlicht genutzt.
    Aus Coca Cola Büchsen wurden kunstfertig Spielzeugautos, kleine Motorräder und sogar Fahrräder hergestellt und an Touristen verkauft.
    Das Thema Recycling war hier nicht wirklich ein Thema. Es wurde alles verwertet, ob alte Autoreifen, Gläser, Flaschen, Styropur von Verpackungen (wurde zum Dach abdichten gegen den Regen verwendet).
    Trotz der vielen Menschen fiel der Stress allmählich von uns ab.
    Wir kamen uns vor, wie ein Neugeborenes, denn man kannte sich nicht aus. Man kannte keine Gesetze. Man kannte eigentlich nichts vom Land und von den Leuten.
    Aber wir fanden Menschen, die halfen und neue Freunde. Wie zum z.B. Torsten oder auch Maurice. Maurice war Kellner im Hotel und er lernte uns jeden Tag ein paar Worte auf madagassisch.
    Die Amtssprache ist Französisch, daneben wird natürlich hauptsächlich madagassisch gesprochen.

    An den Anblick der vielen bettelnden, obdachlosen Kinder gewöhnte man sich. Das war erschreckend! Man konnte ihnen nichts geben, sonst wurde man sie nicht mehr los und aus einem Kind wurde dann eine ganze Horde. Ich verteilte auf meinem Weg durch die Stadt meine Letchees. Wir sahen Babys im hohen Schlamm schlafen oder auf einer zerlumpten Decke unter den Markttischen. Die Fliegen, überall und immer wieder Dreck und stinkender Abfall.

    Ein fremdes Land, in dem wir wieder neu laufen, sprechen lernten und Gewohnheiten entwickelten. Alles war neu und fremd und wir fanden langsam heraus, was war gut, was war schlecht, oder wie ging dies und jenes. Was mag ich, was mag ich nicht. Das alles ging nur sehr langsam.
    Jeder Tag brachte neue Abenteuer, "Lacher" und Überraschungen für uns.
    Bei all dem hatten wir aber große Pläne und wollten etwas schaffen, hatten ein Ziel im Kopf.
    So verging die erste Woche schnell.
    Jeden Tag fuhren wir mit dem Taxi in die City, lernten Leute kennen, verabredeten uns, ließen uns beraten, saßen mit Freunden zusammen,.
    Eines wurde klar, es blieb nicht viel Zeit.
    Es war Dezember 2002. Das Weihnachtsfest stand vor der Tür. Wir hatten nur ein Vier-Wochenvisum und zunächst mussten wir uns um die Verlängerung kümmern.
    Wie in Deutschland und wahrscheinlich auf der ganzen Welt, wurde über Weihnachten und Jahreswechsel nicht gearbeitet. Auch die hiesigen Ämter und Behörden hielten sich an dieses ungeschriebene Gesetz.

    Neben all den neuen Eindrücken hetzten wir von Termin zu Termin. Jeder, den wir kennen lernten, hatte einen Verwandten, der einen Bekannten hatte, der einen anderen kannte, der uns helfen könnte. Nun ja, solche Kontakte hielten nicht das, was sie anfangs versprachen. Aber auch diese Erkenntnis war das Ergebnis eines zeitaufwendigen Lernprozesses.

    Am Ende der ersten Woche wussten wir immerhin, welche Papiere, Kopien usw. zur Visumverlängerung benötigt wurden, wo der zuständige Beamte saß und der Wettlauf mit der Zeit begann. Noch zwei Wochen bis Weihnachten. Der Countdown lief...
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  7. AW: Was suchst du in Madagaskar?

    Ausgewandert - und nun?
    Jahreswechsel 2002/2003

    Für die Verlängerung der Visa bekamen wir eine Liste, welche Dokumente wir abgeben sollten. Ein wichtiger Bestandteil war unser Firmenkonzept, das noch immer die Überschrift trug „Export von Kunsthandwerk aus Madagaskar nach Europa.“
    Ich hatte im Vorfeld in Deutschland mehr als 400 Shops angeschrieben und eine gute Resonanz erhalten. Solche Artikel waren gefragt. Zehn Prozent der Geschäfte zeigten Interesse. Unser Barvermögen sollte bis zum Start der eigenen Firma reichen. Eine Reserve, meine ausgezahlte Lebensversicherung, lagerte noch abrufbereit in Deutschland.
    Neben dem polizeilichen Führungszeugnis wurden seitenlange Formulare ausgefüllt und ein Antrag auf Verlängerung des Visums von ursprünglichen vier Wochen auf ein 3-Monatsvisum, geschrieben. Wir brachten die Unterlagen mit Torsten zur zuständigen Stelle. Torsten kannte sich aus, hatte er doch gleiche Probleme mit seinem Visum einige Jahre zuvor.

    Unterwegs beobachteten wir einen Menschenzug, der von einem LKW mit Lautsprechern auf der Ladefläche. Eine singende Menge tanzte hinterher.
    “Torsten, was ist denn da los?“
    “Das ist Wahlkampf!“
    “Wahlkampf?“
    “Ja Wahlkampf auf madagassisch.“ lachte er.
    “Am 16.12. sind Wahlen.“
    “Aha, muss man doch wissen. Und wer wird gewählt?“
    “Na ich hoffe doch Marc Ravalomanana.“
    “Aber ich denke, der ist schon Präsident?“
    “Ja, aber er ist noch nicht durch eine Wahl bestätigt. Deshalb findet jetzt am 16. die Wahl statt und deshalb siehst du auch so viel Militär in der Stadt. Die ganzen Kontrollen sind Sicherheitsmaßnahmen, damit es keine Unruhen oder Putschversuche gibt.“
    “Aber Madagaskar hatte doch schon früher eine eigene selbständige Regierung“ wunderte ich mich.
    “Marc Ravalomanana kommt aus dem Volk, heißt es. Er ist einer von ihnen. Er hat studiert und aus dem Nichts eine große Firma aufgebaut. Er ist ein „Macher“, ein Manager. Die Sympathien des Volkes sind ihm gewiss. Er lässt sich nicht von der Opposition einschüchtern. Ratsiraka ist nach Frankreich geflüchtet und versucht weiterhin von dort aus an die Macht zu kommen.“
    “Nun hat Marc Ravalomanana sicher die schwere Aufgabe den Hoffnungen und Wünschen gerecht zu werden. Der arme Präsident weiß sicher nicht, wo er anfangen soll...Ich denke, das Erste ist die Infrastruktur, die verbessert werden muss, damit der Handel floriert und andere Gesetze, damit Investoren kommen...“
    “Ja, das wird er auch machen. Ich habe ihn einmal bei einer Kundgebung ganz nah gesehen und fotografiert.“ Berichtete Torsten stolz.
    Es hieß, er soll deutsch freundlich sein. Ihm gehörte die Firma ‚Tiko’ . Er begann seine Laufbahn, in dem er Joghurt auf der Straße verkaufte. Er hatte bei den Banken und überall um einen Investitionskredit gebeten. Niemand hatte an ihn geglaubt. Deutsche und Schweizer sollen ihm geholfen haben. Er hat auch in Europa studiert, ich glaube in Deutschland oder so, jedenfalls sollte er deutsch sprechen. Ob dies alles der Wahrheit entsprach, wusste ich nicht. Es waren Gerüchte, die erzählt wurden.
    „Er sieht sehr sympathisch aus. Ich habe überall Bilder von ihm gesehen. Scheint wirklich sehr beliebt zu sein. Aber warum dann die Angst vor einem Putsch oder vor Unruhen?“
    “Na ja, alle sind ihm nicht wohl gesonnen. Wer vorher einen schönen Posten hatte und durch die Politik von Marc seine illegalen Geschäfte und Korruptionen nicht weiter betreiben kann, der wird versuchen, die alten Zustände wieder herzustellen.“ Es gab auch einige, die die Armut ausnutzen, um die Menschen aufzuwiegeln oder zu kaufen, um Stimmung zu machen.
    “Das klingt einleuchtend.“
    Die neue Regierung wurde mit der Wahl am 16.12.2002 bestätigt und man erhoffte sich wirtschaftlichen Aufschwung und eine bessere Zukunft.

    Wir erreichten den Verwaltungsblock, in dem wir die Unterlagen abgeben mussten.
    Das Gebäude sah von außen modern aus. Innen wurde der Eindruck nicht bestätigt. Es war primitiv ausgebaut. Die Möbel sehr alt. Auf den langen Fluren mit den Steinfußböden standen alte einfache Holzbänke. Nur wenige Büros hatten Telefon und modernes Mobiliar. Alles erinnerte an die Amtsstuben in den deutschen Nachkriegsjahren. Die Türen standen offen, man hörte lebhaftes Erzählen und immer wieder die gute alte Schreibmaschine als ständige Geräuschkulisse.
    Vor einem Büro in der obersten Etage warteten wir. Die Dame empfing uns schließlich und unterhielt sich mit Torsten über seine Familie und sein Visum. Nun stellte er uns vor. Wir saßen brav auf den uns zugewiesenen Plätzen, wie die Hühner auf der Stange und nickten ab und zu, wenn Torsten auf uns zeigte, in unsere Richtung schaute oder von uns erzählte.
    Auch das Büro dieser Beamtin war spartanisch eingerichtet. Ein Schrank, Schreibtisch, Telefon; Stuhl; alles aus massivem dunklem Holz. Die alte Sitzgarnitur, auf der wir Platz genommen hatten, schien gerade ihr 30-jähriges Bestehen zu feiern. Die Dame telefonierte innerhalb des Hauses. Ihre nette, sanfte Stimme wechselte in eine energische Tonart. Wir verabschiedeten uns, bedankten uns artig und gingen wieder.
    “Torsten, was hat das nun gebracht?“
    “Die Unterlagen geben wir bei einer bestimmten Beamtin ab, diese wird das Dossier nicht aus den Augen verlieren und darauf achten, dass es zügig und wohlwollend bearbeitet wird.“
    “Ah… ja … das hört sich gut an. Besonders das „wohlwollend“ gefällt mir.“ Sagte ich zufrieden.

    Wir gingen mit Torsten auf Haussuche. Hotel würde auf Dauer zu teuer werden. So sahen wir uns einige leer stehende Häuser an, aber noch schreckte ich davor zurück, mich fest zu legen.
    Die Wohnungen hatten meist ein großes Wohnzimmer, Salon genannt. Ein paar halbe Zimmer als Schlafräume. Das Bad bestand aus Toilette und Dusche. Oft war die Toilette separat. Alles sehr eng und klein. Kein Platz für eine Wäschetruhe oder Waschmaschine.
    Die Küchen waren in der Regel mit einer Küchenzeile ausgestattet. Hängeschränke waren nicht üblich. Ein Holzbrett ersetzte das Wandregal. Die Küchenzeile war eine gemauerte und geflieste Fläche auf einer Seite mit Spülbecken. Die Unterschränke bildeten Regale mit schweren Holztüren. An den Wänden fand man auch einfache Holzregale oder -ablagen. Kein Platz für einen Kühlschrank oder Herd. Fast jedes Haus oder Wohnung hatte eine überdachte Stelle draußen, die für den Holzkohlegrill oder –kocher vorgesehen war. Es wurde im Freien gekocht und auch gewaschen. Es gab dafür einen Wasserhahn mit einem gemauerten Becken und einer breiteren Arbeitsfläche, um dort die Wäsche per Hand zu waschen. Die traditionelle Lebensweise wurde auf diese Art auch bei der Konstruktion moderner Gebäude berücksichtigt.
    Meine europäischen Ansprüche waren hier fehl am Platze. Anpassen oder verzichten, dachte ich.
    “Wir sollten besser noch abwarten und uns später entscheiden. Vielleicht finden wir das richtige Haus per Zufall. Auf Krampf scheint es nicht zu klappen.“ Sagte ich zu Jan.
    “Na wieso? Wir hätten doch die eine Wohnung nehmen können? Zentral gelegen.“
    “Ich wäre dort nicht gerade glücklich gewesen. Mitten in der City von Tana, dann hätte ich auch in Berlin bleiben können, dort ist die Luft wesentlich sauberer.“
    “Nee, also ich hatte auch kein gutes Gefühl in dieser Wohnung. Die war düster und trostlos.“ Meint Sebastian. So vertagten wir das Thema „Wohnungssuche in Tana“ auf einen unbestimmten Zeitpunkt.

    An diesem Tag hatten wir einen weiteren Termin. Torsten verhandelte mit dem Taxifahrer. Okay, wir konnten einsteigen. Er stellte uns einem "Fred" vor, so nannte er die Leute, deren Job es war, Firmen zu gründen. So wie ein Buttler grundsätzlich "James" heißt, so nannte Torsten diese Herren prinzipiell "Fred".

    Alles gestaltete sich mühselig und mit vielen Terminen und Verspätungen. Dazu kam die Hitze, die wir nicht gewöhnt waren. Als ich Torsten erzählen wollte, was wir an diesem Tag alles erledigen wollten, meinte er: “Ich kann dir einen guten Rat geben. Ist einfach reine Erfahrung. Streiche von dem, was du dir für den Tag vornimmst, die Hälfte. Wenn du den Rest schaffst, dann bist du richtig gut.“
    “Sieht so aus, als sprichst du ein weises Wort gelassen aus.“ Sagte ich resignierend und sah auf meinen Aufgabenzettel, der sich nur mühselig abarbeiten ließ.

    Von den Händlern, die uns begegneten und ansprachen, wurden wunderschöne Halbedelsteine und Edelsteine, wie Rubine und Smaragde, die man sich in Schmuck einarbeiten lassen konnte, zum Kauf angeboten. Aber ob das alles echte Steine waren, konnte ich als Laie nicht einschätzen.
    Solche Schönheiten sah ich mir gern an, wusste aber, dass im Moment andere Sorgen vordergründig waren und mein Leben nicht von diesen Dingen abhing. Daher genoss ich den Anblick gern und wendete mich dann ab.
    Ich brauchte keinen Luxus. Viele Dinge, die ich früher als angenehm und wichtig empfand, waren nicht mehr wichtig. Meine verchromten Designerschalen und Bananenständer vermisste ich überhaupt nicht.

    Wir lernten Fanja (sprich Fansa) kennen. Sie hatte eine kleine Touristenservice-Agentur in Tana, sprach französisch, englisch und deutsch. Fanja war uns eine große Hilfe. Normalerweise mit Führungen von Touristen betraut, begleitete sie uns durch den Behördendschungel und entlastete damit Torsten.
    “Angela“ sagte sie bei der Begrüßung „Ich habe eine gute Nachricht. Das Visum wird auf drei Monate verlängert. Wir können es morgen abholen. Für euch drei.“
    Doch schon nach wenigen Tagen sagte sie, dass ihr die Touristen und Lemuren ( Affenart ) lieber waren, ja selbst der nervigste Tourist sei nicht so anstrengend, wie ihre Landsleute in den Ämtern. Aber sie hielt wacker durch und opferte ihre Nerven.

    Fortsetzung folgt...
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  8. AW: Was suchst du in Madagaskar?

    Eines Nachmittags, wir waren mit Fanja im „Buffet d´Jardin“ verabredet, warteten wir unter den großen Sonnenschirmen. Mit einem kühlen Getränk konnten wir die Mittagshitze gut überstehen. Dem bunten Treiben auf der Hauptstraße zusehend, blieben wir auf der Terrasse des kleinen Cafes unbehelligt. Immer wieder kamen Händler an den Zaun, suchten Blickkontakt und machten auf ihre Waren aufmerksam.
    An einigen Tischen saßen einzelne Damen, die nicht lang allein blieben. Sobald weiße Männer Platz nahmen, wurde Kontakt aufgenommen und das Gespräch gesucht.
    “Das sind Professionelle.“ stellte Jan fest.
    “Ja?“ Sebastian betrachtete sie aufmerksam. Als sich dann ein junges Mädchen mit maximal 18 Jahren zu einem fetten Herrn setzte, der locker ihr Opa sein konnte, verzog er angewidert das Gesicht. Fanja ließ auf sich warten.
    Im Schatten saß es sich gut. Wir schnatterten aufgeregt. Die Bäume am Café blühten und der Himmel verwöhnte uns mit einem wolkenlosen Blau.
    Endlich kam Fanja, sie hat Eva, eine Hamburgerin, getroffen und die Runde am Tisch wurde größer. Eva war Videoproduzentin in Hamburg und seit mehr als zehn Jahren sehr erfolgreich.
    Auf den Nachbartisch achten wir nicht mehr.
    Eva berichtete von ihrer Reise quer durch Madagaskar.
    Ein Madagasse trat an unseren Tisch. Er war älter und Eva begrüßte ihn sehr erfreut. Sie stellte ihn vor. Es war Ravolo, ein Valihamusiker. Auf der Weltausstellung in Hannover hatte er mit seiner Musik die Präsentation von Madagaskar unterstützt.
    Eine Valiha ist ein Zupfinstrument. Ein rundes Holz, auf dem Saiten gespannt sind. Die traditionelle Musik von Madagaskar bringt dieses Instrument sehr häufig zum Einsatz. Eva hatte von Ravolo und seiner Gruppe ein Video gedreht. Ravolo hatte noch andere Termine, bedankte und verabschiedete sich bald.
    “Wie weit seid ihr mit der Firma? Wollt ihr nun in Tana bleiben?“ fragte Eva.
    “Du, das wissen wir noch nicht. Wir wollen Kunsthandwerk exportieren. Ich habe noch keinen Plan, ob wir hier bleiben. Eigentlich bekommt man hier alles, was man braucht und man könnte das Kunsthandwerk auch von hier aus versenden.“
    “Wir haben noch keine Preise, ich hab's ja schon vor einer Woche gesagt, dass wir auf den Artisanmarkt gehen müssen.“ Schaltete sich Jan ein. („Artisan“ ist Kunsthandwerk)
    “Das Visum war erstmal wichtiger“ fuhr ich ihm über den Mund.
    “Aber ich kann mir nicht vorstellen, hier zu leben. Ich würde mich am liebsten erstmal im Land umsehen.“
    “Das kostet Geld und viel Zeit. Und immer mit drei Leuten herumreisen, das ist zu umständlich.“ meinte Jan lapidar. Ich horchte auf, schaute ihn an. Hätte er gesagt, mit Katze zu reisen und viel Gepäck, hätte ich ihm zugestimmt, aber „mit drei Leuten“? Seit wann waren wir ihm zu viel?

    Eva war einige Tage in Mahajanga und erzählte begeistert: „Du, dort ist es richtig schön, das hat mir so gut gefallen. Diese Stadt hat was.Dort könnte man ein Internetcafe eröffnen. Das würde bestimmt laufen. Hier in Tana gibt es ja auch jede Menge. Also scheint es auch Bedarf zu geben.“
    “Und wie viele Internetcafes gibt es dort bereits?“
    “Ich habe dort nur eins entdeckt und das war sehr ungemütlich. So wie alle hier. Aber teurer als hier in Tana, ich glaube 400 FMG pro Minute und die Verbindung war ziemlich langsam.“
    “Ja, das wäre eine gute Geschäftsidee. Hört sich auf jeden Fall interessant an. Das sollten wir mal durchrechnen.“ überlegte ich.

    Dieser Gedanke ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Wir hatten 3 Laptops und noch 3 Computer im Transporter, der gerade mit dem Schiff unterwegs war. Damit hatten wir 6 PC´s für den Anfang, das war doch nicht schlecht. Aber für die Kalkulation musste ich die Kosten erfahren, die monatlich anfallen. Erst dann könnte man sehen, ob man davon leben kann.
    “Also hier in Tana würde sich ein Internetcafe auch lohnen, es sind mehr Leute da, die sich das leisten können und auch mehr Touristen.“ meinte Jan.
    “Aber Majunga ist viel schöner zum Leben, also hier in Tana würde ich nicht bleiben.“ entgegnete Eva.
    “Ich möchte auch nicht in Tana leben, aber ich kenne Majunga noch nicht. Wir müssen uns die Stadt erst mal ansehen.“
    “Glaub mir das lohnt sich. Ich finde diese Stadt ist im Gegensatz zu anderen Städten sehr sauber, viel ruhiger und gemütlich… Also ich finde es toll dort und an die Westküste wolltet ihr doch sowieso.“
    “Also erst einmal selbst hinfahren und anschauen. Dann sehen wir weiter.“ Aber der Gedanke gefiel mir und ließ mich nicht mehr los.
    Nach diesem Treffen mit Eva, kreisten die Gedanken immer wieder um diese Geschäftsidee.
    “Die vielen kleinen Internetcafes in Tana sind gut besucht, Jan. Ist nicht mal schlecht die Idee. Der Bedarf ist anscheinend da.“
    “Ja, hier in der Hauptstadt, aber ob es in der Provinz auch so ist?“ überlegte Jan.
    “Computer können sich die wenigsten leisten. In den Internetcafes werden auch normale Texte geschrieben, ausgedruckt, selbst Semesterarbeiten habe ich gesehen.“ ergänzte Sebastian.
    “Hat nicht Eva erzählt, dass es dort eine Universität gibt? Dann gibt es auch Studenten.“
    “Aber Mama, von Semesterarbeiten kannst du nicht leben.“
    “Sicher nicht, aber Studenten recherchieren vielleicht im Internet nach Informationen.“ Wenn schon die Universität selbst ein Internetcafe hat…
    “Ist euch schon aufgefallen, dass hier jeder ein Handy hat?“
    “Ja, sogar mit Kette um den Hals hängen“ lachte Sebastian.
    “Aber du weißt ja selbst, die haben alle keine Credits. Die Handys sind nur zum Angeben da. Müssen schön blinken und auf dem Tisch liegen. Mehr nicht. Die Einheiten sind teuer und man lässt sich eben anrufen.“
    “Genau“, stellte Jan fest. „deshalb wird die Kommunikation per Mail und per Chat wesentlich kostengünstiger und interessanter sein.“
    “Auch ein Argument FÜR ein Internetcafe“ sagte ich. Wir waren alle der Meinung, dass wir diese Idee weiter verfolgen sollten. Nur blieb die Frage, WO wir uns niederlassen würden.

    Die Westküste sollte es sein, denn das Klima dort versprach den ewigen ungetrübten Sommer. Es sollten dort weniger Zyklone vorbei kommen und wenn wir schon auf einer Insel leben, dann wollte ich unbedingt in die Nähe der Küste...ans Meer.
    “Also lassen wir den Fred die Firma mit Kunsthandwerk noch nicht gründen?“
    “Nein, besser wir warten noch ab.“ Sebastian nickte zustimmend.
    “Damit ist auch die Wohnungssuche vom Tisch?“ fragte Sebastian.
    “Ja, warum sollte ich jetzt hier eine Wohnung suchen?“
    “Weil das Hotel auf Dauer zu teuer ist.“ sagte Jan in einem schroffen Ton.
    “Das ist richtig, aber wenn ich in Tana nicht bleiben will, dann miete ich hier auch keine Wohnung!“ antwortete ich unwillig.
    “Warum nicht? Das ist doch nur Sturheit und Bequemlichkeit!“
    “Nein, so sehe ich das nicht. Wenn ich eine Wohnung oder ein Haus miete, dann brauche ich ein Bett für jeden usw. Stühle, einen Tisch usw. Das kostet auch erstmal Geld. Und wenn wir dann in eine andere Stadt ziehen, muss ich den Transport der Möbel auch bezahlen. Dann ist es doch besser, so schnell wie möglich, den Ort zu finden, an dem wir bleiben wollen und dort dann eine Bleibe zu finden. How, das war das Wort zum Donnerstag.“
    Jan verzog das Gesicht und rollte die Augen. „Na, auf mich hört ja keiner.“ war sein abschließender Kommentar.

    Wenige Tage später rief Eva an. Wir wollten uns treffen. Ihr Urlaub ging dem Ende zu. Der Rückflug stand vor der Tür. In der Stadt trafen wir uns in einem kleinen Café. Eva sah erholt und glücklich aus.
    “Eva, mit welchen Gedanken wirst du heim fliegen?“
    „Angela, ich komme auf jeden Fall wieder. Das Land ist so schön… Viel schöner und sauberer, als ich erwartet hatte. Auch moderner.“
    Als sie mein ungläubiges Gesicht sah, ergänzte sie: „Du weißt doch, ich lebte eine Zeit lang in Afrika und habe dort einige Länder gesehen. Ich hatte den gleichen Maßstab an Madagaskar angelegt. Aber ich muss dir sagen, Madagaskar ist weit aus schöner als Afrika. Es hat viel mehr zu bieten. In Afrika hast du nie alles zusammen. Hier ist es schöner zum Leben und wesentlich sauberer. Außerdem ist es für einen Europäer doch nicht ganz so schlimm sich anzupassen.“
    “Hm ... Was hast du dir denn alles angesehen?“
    “Ich war kreuz und quer im Land unterwegs.“ berichtete sie aufgeregt. Überall, aber in Mahajanga hat es ihr am Besten gefallen. „Und eins verspreche ich dir: Ich komme zurück.“
    Eva nahm Abschied. Von nun an blieben wir per Email in Kontakt.

    Es war immer wieder ein seltsames Gefühl, wenn Freunde abreisten, weil der Urlaub endete und ich blieb hier. Es war für mich das neue Leben.
    Kein Urlaub, sondern Alltag. Etwas Angst stellte sich ein, aber auch sehr viel Freude. Ich musste diesen Sommer nicht gegen den deutschen Alltag eintauschen.
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  9. AW: Was suchst du in Madagaskar?

    Der Hinweis auf die Stadt Mahajanga im Gespräch mit Eva hatte etwas schicksalhaftes. Oft im Leben begegnen uns Menschen, die unbewusst Hinweise geben, als würden wir von „oben“ geführt.
    So wie ich heute auch die schicksalhafte Begegnung mit Gunter empfinde. Nein, er gab keine Hilfe stellenden Hinweise, er wurde zur Lernaufgabe, zur Lektion.
    Gunter kannte ich aus Emailkontakten im Internet, lange bevor der Entschluss reifte, nach Madagaskar auszuwandern.
    Auch er reiste ins Land wo der Pfeffer wächst, doch mit dem Gedanken, sich nach einer Existenz umzusehen, von der er leben könne, um anschließend nach Madagaskar auszuwandern.
    Gunter hatte mir geschrieben, dass er bereits mehr als zehn Jahre seinen Urlaub auf der Insel verbrachte und das Land gut kannte - als Tourist.
    Eines Nachmittags saß er im Hotel und wartete auf uns. Er trank Bier.
    Von Fotos her, erkannte ich ihn sofort. Er erzählte sympathisch und aufgeregt. Doch bald bemerkte ich eine Eigenart, mit der ich nicht konform ging.
    Gunter klagte. Er klagte über alles und jeden und berichtete ständig darüber, was ihm alles passierte. Er würde das Unglück anziehen. Alles Schlechte passierte nur ihm, keinem anderen.
    Das war nicht in der Situation begründet, wie ich damals fälschlicherweise an nahm, sondern es war einer seiner Charakterzüge. Aber das sollte ich erst später begreifen.
    “Ich war im Süden in Fort Dauphin und im Norden in Diego, ich war auch an der Ostküste. Habe überall Freunde und Bekannte. Die wollen sich ja auch umhören, was man machen könnte, um eine Existenz zu gründen. Aber ich habe nur noch ein paar Tage Zeit, dann geht mein Rückflug.“ sagte er traurig.
    “Ja, hast du keine Idee?“
    “Ich wollte eine kleine Kneipe aufmachen. Aber das muss sich lohnen. Viel Geld habe ich auch nimmer.“
    “Und wo willst du die Kneipe eröffnen?“
    “Das weiß ich auch net. Ich habe gehört, dass sich eine Musikbar in Mahajanga lohnen soll. Dort gibt es so etwas noch nicht. Weißt du ähnlich dem „Glacier“ hier in Tana.“
    “Mahajanga? Da gehen wir auch eventuell hin. Wollen uns dort umsehen und vielleicht ein Internetcafe aufmachen.“
    “Ja, wart ihr schon dort?“
    “Nein, wir wollen erst noch hin. Eva war da und kam mit der Idee zurück.“
    “Ich kenne Mahajanga. War vor ein paar Jahren da. Hat mir sehr gut gefallen. Ist nicht so groß wie Tana, aber sehr viel ruhiger und du hast Küste, Sandstrand und immer Sommer. Aber es wird auch ein paar Monate im Jahr richtig heiß. Du, da zerfließt du!“
    “Habe ich gelesen, aber es selbst erleben und dann auch noch dabei arbeiten ist natürlich etwas anderes.“
    “Und Zyklone hast du dort selten. Die sind jedes Jahr an der Ostküste, aber an der Westküste sehr selten. Wenn sie von der Ostküste kommend übers das Land fegen, haben sie in Mahajanga keine Kraft mehr. Manchmal kommen sie aber von Afrika zurück, dann haben sie Power. Aber wie gesagt, sehr selten.“ Gunter schaute auf sein Bier und nahm einen kräftigen Zug. In diesem Moment kam Jan an unseren Tisch.
    “Jan, darf ich dir vorstellen, das ist Gunter. Ich habe dir von ihm erzählt. Er will auch auswandern. Hat jetzt drei Monate Urlaub hier verbracht und sein Rückflug geht in ein paar Tagen.“
    Wir wechselten noch ein paar Worte mit Gunter, dann fuhren wir los. Torsten wollte mit uns über den Artisanmarkt gehen. Doch ein wolkenbruchartiger Regen verhinderte den ausgiebigen Besuch und brachte uns schnell wieder zurück ins Hotel.
    Am Abend trafen wir Gunter wieder. Er saß wieder beim Bier und erzählte, dass er Samy getroffen hatte.
    Samy Rastafany war ein bekannter Reggeamusiker in Madagaskar. Beide waren seit langem befreundet. Samys Familie lebte in Mahajanga. Beide planten in den nächsten Tagen nach Mahajanga zu fahren, um zu sehen, welche Chancen eine Musikbar dort hätte. Samy kannte auch einige wichtige Leute in der Stadt. Man könnte gleich ein paar Kontakte knüpfen.

    Gunter tat mir leid.
    Aus heutiger Sicht, war das der erste folgenschwere Fehler.
    Ohne wirklich zu überlegen, welche Konsequenzen es hätte, ob er zu uns passen würde, ob Gunter mehr Hilfe als Belastung sein würde, bat ich Jan Gunter mit einzubeziehen.
    “Jan, was hältst du davon, mit Gunter und Samy nach Mahajanga zu fahren. Dann kannst du dir die Stadt ansehen. Gunter kennt sich dort aus und Samy, ein Freund von ihm, fährt auch mit. Samy kommt aus Mahajanga und kennt dort viele Leute. Du kannst erkunden, ob wir dort ein Internetcafe eröffnen können. Weißt du, ich möchte dir vorschlagen, Gunter mit in die Firma zu nehmen. Er hat noch nichts gefunden, was er machen könnte.“ Gunter hatte wenig Geld für ein Starkapital und er wollte unbedingt nach Madagaskar auswandern. Wenn wir ihn mit in die Firma nehmen üwrden, dann hatte er zumindest sein Visum sicher und konnte sich in Ruhe umschauen, was er machen wollte und wovon er leben konnte.
    “Hm, wann wollen die denn fahren?“
    “Gunter sagte, sie kaufen morgen die Karten für den Überlandbus.“
    Jan sagte, er würde sich die Stadt ansehen und Gunter auf den Zahn fühlen, ob man mit ihm auch wirklich arbeiten könne.
    Versprach es und fuhr ab.

    Als sie zurück kamen, kannte ich Jan nicht wieder. Ohne Gunter ging nichts mehr. Gunter hinten , Gunter vorne…
    Die beiden hatten sich unterwegs ausgemalt, wie toll sie eine Musikbar mit Internet einrichten würden. Tagsüber Internetcafe und abends Musikbar.
    Hm.
    Als sie mir lachend und freudestrahlend von ihren Ideen erzählen, platzte ich heraus „Aber wenn die Rechner an sind, wird kein Alkohol ausgeschenkt.“
    Gunter sagte „Die Madagassen trinken aber schon morgens um 10.00 Uhr das erste Bier.“
    “Das ist mir egal. Hier geht es um teure Technik und wer ersetzt den Schaden, wenn einer einen Laptop aus Versehen herunter reißt oder die Tastatur voll kotzt?“
    Ich ahnte damals bereits, dass er mit dem Bier nicht die Madagassen meinte, sondern sich selbst.
    “Hör mal, das kannst du nicht einfach so bestimmen. Du kennst das Land nicht und die Gewohnheiten.“ ereiferte sich Jan lautstark.
    '“Das mag sein, aber Besoffene und Angetrunkene haben an den Rechnern einfach nichts zu suchen. Es fällt schnell mal ein Bier um und dann ist die Tastatur versaut oder sogar noch mehr. Aber wir können ja abends, wenn es Alkohol gibt, die Rechner ausschalten und abdecken.“
    Ich habe offenbar eine wunde Stelle getroffen. Gunter stand auf, schimpfend und beleidigt.
    Er zögerte und blieb am Tisch stehen.
    Daraufhin ging ich aufs Zimmer. Jan folgte mir und machte mir eine Szene, wie ich das bestimmen und Gunter so vor den Kopf stoßen könne und überhaupt, ich hätte ja keine Ahnung. Er war außer sich. Ich staunte sehr, so hatte ich Jan noch nie gesehen.

    In den nächsten Tagen spitzte sich der Konflikt immer mehr zu. Er nörgelte nur noch an mir herum, scherzte mit Gunter. Ich war ein rotes Tuch. Es verging kein Tag ohne Streit. Ich bereute längst den Vorschlag, Gunter mit in die Firma zu nehmen. Aber es sollte noch viel schlimmer kommen. Es war nur ein Sturm im Wasserglas.
    Ich jedenfalls hoffte, dass sich die Stimmung bessern würde, sobald Gunter abgereist war.

    Gunter reiste dann auch ab, mit dem Plan, in Deutschland alles aufzugeben und im Januar wiederzukommen, um für immer zu bleiben.
    Es war kurz vor Weihnachten. Es änderte sich nichts. Ich hatte einen verwandelten Freund und konnte es nicht verstehen und war schlichtweg überfordert.
    Sah er denn nicht, wohin das alles führen würde? Ich hatte das Gefühl in einem Auto zu sitzen, das kurz davor war, gegen einen Baum zu fahren, aber der Fahrer sah es nicht, hörte keine Hilferufe, riss das Lenkrad nicht herum.

    Wenn ich morgens aufwachte und schon sein lautes Meckern aus dem Bad hörte, war ich schon bedient.
    Das Wasser war zu heiß, das Wasser war zu kalt. Das Wetter war zu heiß, das Essen schmeckte nicht, er wollte dies, er wollte jenes, die Katze störte, alles störte. Schrecklich.
    Nahmen wir ein Taxi, war es ihm zu teuer (Es kostete etwa einen Euro.).
    Fuhren wir mit Taxi B. (Eine Art Minibus, in den sich ca. 20 Leute quetschten, manchmal noch mehr, kostete etwa 10 Cent), dann war es für ihn nicht auszuhalten, weil die Leute stanken, oder es zu heiß war. Oft mussten wir während der Fahrt aussteigen, kilometer weit in der Mittagshitze zu Fuß gehen, weil er keine Lust mehr hatte, im Bus zu sitzen.
    Bestellte sich Sebastian eine Cola, so war ihm das zu teuer (ca. 80 Cent) und er könne nicht solche Ansprüche stellen. Sebastian begann nun auch zu maulen über dieses ständige Hin- und Her.
    Ich kam mir vor wie ein Puffer zwischen zwei Lokomotiven. Wir wollten doch etwas aufbauen. Es konnte doch nicht sein, dass wir derart unsere Energie vergeuden.
    Auch nachdem Gunter abgereist war, fand ich keinen Zugang mehr zu Jan.
    Selbst Torsten war genervt von diesen Szenen.
    “Hör mal Jan, wollen wir erst Essen gehen und dann zu dem Internetprovider?“
    “Man, ich habe Durst, es ist so heiß und wir laufen schon stundenlang durch die Gegend.“
    “Ja Sebastian, wenn wir gleich Essen gehen, kannst du ja etwas trinken.“
    “Na Jan? Was meinst du?“
    “Wieso fragst du mich? Bestimmst doch eh alles!“
    “Ich frage dich, weil ich wissen möchte, ob du einverstanden bist.“
    “Du brauchst mich nicht fragen, der Herr Sohn hat Durst, also werden wir erstmal Essen gehen. Was ich möchte, interessiert doch eh keinen.“
    “Sagt mal, könnt ihr nicht mal aufhören?“ mischte sich Torsten ein.
    “Okay, wenn keiner entscheiden kann oder will, dann gehen wir jetzt essen und anschließend zu dem Büro. Über Mittag haben die sicher geschlossen, wie alle anderen auch und die Zeit wäre sowieso ziemlich knapp geworden.“

    Tana befand sich im Weihnachtstaumel, überall weihnachtlich geschmückte Schaufenster und farbige Madagassen im Weihnachtsmannkostüm, aber es war kein Vergleich zu Deutschland in dieser Zeit. Ich kam mir ziemlich verloren vor.
    Am Heiligen Abend hatte ich Geburtstag. Wir gingen auf meinen Wunsch hin, in der Nähe des Hotels spazieren. Ich wollte an einen See, von dem ich gehört hatte. Es gab ständig Streit.
    Ein Geschenk ? Nein, nur dicke Luft in Hülle und Fülle.

    Woher seine Unzufriedenheit kam, wusste ich nicht. Sprach ich ihn darauf an, tat er beleidigt und es hagelte Vorwürfe und Verteidigung. Kommunikation war nicht mehr möglich. Er hatte unser Lachen vergessen.

    Eines Tages hatte er die Idee, nach Deutschland zu fliegen, sein Rückflugticket zu nehmen und Geld aus Deutschland zu holen.
    Sicher war der Schreck groß, als wir feststellen mussten, dass wir online nicht auf unser Konto zugreifen konnten. Mit einer Vollmacht, hätte meine Freundin das Geld transferieren können. Eine Schnapsidee, denn sein Rückflug war teurer als jede Bankgebühr.
    Aber bitte, er war ein freier Mensch. Er konnte gehen, wohin er mochte.
    Ich dachte mir, wenn ich ihn halte, würde ich ihn verlieren.
    Ich war dumm. Wir hatten uns schon verloren.
    So flog er am 27.12.2002 zurück nach Berlin. Sebastian und ich blieben in Tana und warteten auf ihn, damit wir dann gemeinsam nach Majunga gehen können.
    So dachten wir.
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  10. AW: Was suchst du in Madagaskar?

    Sebastian, Frau Katze und ich verlebten die nächste Zeit in Tana. Es war langweilig, jeden Tag in die Stadt zu fahren. Abends saßen wir im Hotelzimmer, warteten den Regen und den täglichen Stromausfall ab. Doch es war auch eine leichte, heitere Zeit. Wir lachten viel.
    Keiner war da, der meckerte, maulte und die Laune vermieste.
    Jeden Tag erkundeten wir ein wenig mehr.
    Wir erlebten Situationen, die uns so berührten, so tief, dass wir noch tagelang davon redeten, um den Eindruck zu verarbeiten.
    Ein Beispiel:
    Ein Taxifahrer- das Auto selbst ein einziger Schrotthaufen, das seine beste Zeit vor ca. dreißig Jahren hatte, der Tank war eine Flasche am Fahrersitz und die Zündung wurde beim Starten kurzgeschlossen, den Berg runter rollte man und machte den Motor später wieder an, völlig normal für hiesige Verhältnisse. So ein Taxifahrer, der auch noch an der Tankstelle das Geld im Voraus brauchte, um seine 2 Liter Sprit zahlen zu können, so ein Mann, der sicher täglich betete, dass sein Auto anspringen möge, sah an der Straße einen Behinderten, der auf dem Boden krabbelte, auf allen Vieren, weil seine Beine völlig verkrüppelt waren. Er sah ihn, fuhr an die Seite und reichte diesem Menschen aus dem Auto einen Geldschein. Ich nahm an, es war ein 500 FMG-Schein, nicht viel, aber für ihn sicher mehr, als er entbehren konnte. (Ein Liter Diesel kostete 5520 FMG).
    Wir saßen auf den Rücksitzen, sahen uns an und dachten an die gleichen Begriffe: Nächstenliebe und Mitgefühl.
    Seabstian sagte später: „Jeder Mensch in Europa sollte solche Momente miterleben, vielleicht würde sich dann etwas ändern.“

    Es gab auch Begegnungen, die uns glücklich machten. Momente, die man nicht vergaß.
    Wir saßen im "Glacier" zum Mittagessen, als uns ein Mann vom Nachbartisch ansprach, ob wir Franzosen sind.
    “Nein allemande."
    “Aha, dann sprechen Sie auch deutsch, wie ich?"
    Es war ein kleiner alter Mann, wir schätzten ihn auf 60. Wir kamen schnell ins Gespräch und er erzählte aus seinem Leben. Er war noch jung, wollte 1949 Berlin verteidigen, doch man schickte ihn nach Norwegen. „Vielleicht habe ich nur deshalb überlebt.“ meinte er. Nach dem Zusammenbruch des Deutschen reiches war er in der ganzen Welt unterwegs. Seit vielen Jahren lebte er in Madagaskar. Er war 76 Jahre alt!
    Ein Mann gesellte sich zu ihm an den Tisch. Offenbar war Hans mit ihm verabredet.
    “Ich hatte ein Gestüt mit vielen Pferden. Mein Freund Patrice hier ist Madagasse. Er hat bei mir früher gearbeitet, damals habe ich ihn aufgelesen, ihm einen Job gegeben. Heute sorgt er für mich. Er ist Sportfunktionär und hilft mir, wo er kann. Er ist ein wirklich guter Freund. Wenn ihr mal Schwierigkeiten habt, kann er euch helfen. Jetzt lebe ich in der Nähe von Antsirabe. Wo wollt ihr hin?“
    “Wir wollen eine Firma in Majunga gründen, ein Internetcafe.“
    “Ah, Majunga, da ist es schön, aber sehr heiß. Immer sehr heiß. Ihr dürft nicht ohne Kopfbedeckung laufen. Am besten einen Hut tragen oder eine Kappe.“
    “Einen Hut?“ fragt Sebastian nach.
    “Ja, einen Sonnenhut. Ihr seid sehr hellhäutig. Ihr braucht unbedingt einen Sonnenschutz.“
    Hans erinnerte mich irgendwie an meinen Vater. Vielleicht war es das schüttere weiße Haar, oder die blauen Augen, oder auch seine Besorgnis oder die Art, wie er erzählte.
    Sebastian macht ein Foto von ihnen. Wir konnten uns kaum losreißen. Es war schon nach wenigen Minuten das Gefühl der Vertrautheit zu diesem Mann da. Auch Sebastian empfand es so. Das war für uns beide sehr erstaunlich. Als wir dann aufbrachen, umarmten wir uns zum Abschied. Und wir versprachen ihm, das Foto zu schicken und anzurufen, wenn wir Hilfe brauchen.
    Doch ich rief nie an. Ich hatte seine Telefonnummer nicht mehr.

    Silvester wollten wir im Hotel verbringen, denn uns wurde gesagt, im Hotel sei eine Silvesterparty.
    Nun, es gab zwar eine Party im Keller, aber nicht für die Gäste. Es war eine private Party des Hotelbesitzers.
    Basti und ich saßen im Speisesaal und hörten die Musik von unten, das Lachen und Jubeln.
    Die Küche war geschlossen.
    Es gab nichts. Mit Eau Vive (Wasser) und Cola erwarteten wir das neue Jahr. Der Fernseher lief und es war sterbenslangweilig.
    Ich schrieb auf dem Laptop eine lange Mail an meine Freundin Cindy und feierte in Gedanken mit ihr.
    Von Jan war seit seinem Abflug nicht viel zu hören. Er rief einmal abends an. Das war’s.

    Das neue Jahr 2003!
    Kein Feuerwerk! Nur betrunkenes Geschrei aus dem Keller. Keine Böller, keine Raketen, um das neue Jahr zu begrüßen.
    Irgendwann gingen wir ins Bett. Ich war nicht traurig, innerlich spürte ich Einsamkeit, aber die war auch schon da, als Jan noch bei mir war.
    Nun saß ich mit Basti und Katze in Madagaskar und wie würde es weiter gehen?
    Würden wir es auch ohne Jan schaffen? Aber mein Traum sah doch etwas anders aus!
    Wird er wiederkommen?
    Werden wir einen neuen Anfang finden?



    Januar 2003 - Das neue Jahr fing gut an...

    Neujahr. Im Hotel war die Küche geschlossen. Feiertag! Es gab keinen Kaffee, kein Frühstück. Das Küchenpersonal hatte frei. Ein nahe gelegenes Restaurant war ebenfalls geschlossen. Wir schoben Kohldampf am Neujahrsmittag. Also doch in die Stadt fahren? Lustlos sahen wir uns an. Mit dem Taxi fuhren wir zum Essen und anschließend gleich wieder zurück ins Hotel. Mit den Laptops lagen wir auf dem Bett in meinem Zimmer und erzählten. Solche Tage hatten nur einen Pluspunkt: Auch sie gingen irgendwann vorbei.

    Der nächste Besuch im Internetcafe fiel enttäuschend aus. Keine Mail von Jan, keine Neujahrsgrüße. Ich schrieb Cindy, was sie besorgen sollte, damit es Jan mitbringen konnte. Ich wusste, da stimmt etwas nicht.
    In einer Nacht drehte ich fast am durch. Ich weinte und wusste, es war entweder etwas passiert oder kaputt gegangen.
    Ich sollte es bald erfahren…

    Mit Sebastian fuhr ich fast jeden Tag in die City. Hitze, Staub und Abgase. Aber auch neue Eindrücke. Wir erfuhren, welche Dokumente notwendig waren, um die Zollpapiere für unsere Autos und den Hausrat, die mit dem Schiff bereits unterwegs waren, zu bekommen.
    Es hieß, Umzugsgut sei zollfrei, nun ja, wir sammelten unsere Erfahrungen.
    Das Spielchen ging wieder von vorn los.
    “Kommen Sie am Dienstag, dann sind die Papiere fertig.“
    “Kommen Sie am Donnerstag.“
    “Nein, der Chef hat noch nicht unterschrieben, kommen Sie am Montag.“
    Die Nerven wurden immer dünner.
    Auch die Auskünfte, wann denn nun die Autos in Majunga ankommen würden, wurden immer konfuser.
    “Diese Telefonnummer ist nicht die richtige, wir können keine Auskünfte erteilen.“
    “Ihre Autos kommen entweder mit diesem Schiff oder mit jenem Schiff, genau wissen wir das nicht.“
    “Rufen Sie in einer Woche noch mal an.“
    “Ihre Autos sind schon im Hafen...“
    “Nein, Ihre Autos sind noch in Reunion und werden erst nächste Woche verladen...“
    Also WIR kamen uns ganz schön verladen vor.

    In all dem Chaos bekamen wir eines Tages die Auskunft vom Ministerium für Finanzen, dass wir die Abmeldebestätigung vom Meldeamt in Deutschland brauchten, um den Hausrat als Umzugsgut zu deklarieren.
    Nun, das war’s!
    Wir hatten es versäumt, uns polizeilich abzumelden. Meine Recherche im Internet nach den Meldeämtern in Berlin war erfolgreich, Telefonnummern, Fax usw. konnte ich ermitteln.
    “Fanja, wo kann ich nach Deutschland anrufen?“
    „Wir müssen erst eine Karte kaufen mit Einheiten und dann können wir von einer Telefonzelle aus versuchen durchzukommen.“
    “Gut, dann machen wir das.“
    Nach etwa einer Stunde standen wir mit unserer Karte in einer Telefonzelle.

    Cindys Handy war aus. Stimmt, sie hatte mir geschrieben, sie hat ein neues Handy und eine neue Rufnummer, doch diese kannte ich nicht. Ihr Ansagetext vom Anrufbeantworter war sehr lang, und verschlang meine Telefoneinheiten. Endlich das Piepzeichen. Ich sprach ihr auf den Anrufbeantworter und hoffte inständig, dass sie diese Nachricht noch abhört. Sie sollte versuchen Jan zu erreichen, damit er die Unterlagen mitbringen kann.
    Auch auf Jans Anrufbeantworter hinterließ ich die Nachricht, dass es dringend sei, er sollte die Abmeldebescheinigungen mitbringen.
    Mehr konnte ich nicht tun.
    Nun mussten wir abwarten.

    Jan kündigte in einer Mail an, bald zu kommen. Er hatte seinen Rückflug nach Madagaskar gebucht. Ich war erleichtert. Es hätte mich nicht gewundert, wenn er in Deutschland geblieben wäre. Meine Panik legte sich. Er schrieb mir eine Mail, die war so lieb. Ich glaubte ihm. Ich wollte ihm glauben.

    Abends im Hotel war es langweilig. Sebastian und ich alberten zwar viel, verstanden uns blind: doch bald trieb die Langeweile Blüten.
    “Basti, ich habe mal eine Sendung gesehen, da haben sie die Stimmen von Leuten aufgenommen, ganz normal und dann rückwärts abgespielt. Da sollen dann Botschaften zu hören sein. Richtige Worte konnte man dem entnehmen.“
    “Hmm… über Computer können wir das ausprobieren. Muss nur mal gucken, mit welchem Programm wir das machen können.“ Etwas später verkündete er: „Ich hab´s, kann losgehen…“
    “Also dem Genuschel kann ich aber nichts entnehmen.“ sagte er enttäuscht.
    “Ja, klingt irgendwie wie schwedisch.“
    “Ha ha, dann kommen die Botschaften in schwedisch.“
    “Da werden wir wohl ohne himmlische Nachrichten auskommen müssen, ich habe kein schwedisches Wörterbuch.“
    “Wieso predigt der Vatikan dann in Latein, wenn die Engel schwedisch sprechen?“
    „Vielleicht haben sie uns verwechselt. Komm wir machen das noch mal. Vielleicht erkennen wir dann ein deutsches Wort.“
    Es gab kein TV, kein Radio, keine Disko, nur uns, die Laptops und unsere gute Laune.

    Sebastian hatte schon Heimweh, nach Berlin, seinem Zimmer, seinen Kumpels und vor allem dem gewohnten Komfort. Es war für ihn schwer zu akzeptieren, dass diese Zeit erstmal vorbei war. Ich hoffte, dass alle Vorhaben gelingen und er sich dann auch wieder wohl fühlte und neue Freunde finden wird.

    Der Tag war da, an dem Jan zurück kam.
    Sebastian und ich waren in der Stadt, hatten die Termine hinter uns und suchten schon einige Zeit vergeblich nach einem Taxi, das uns zum Flugplatz bringt.
    In der mittäglichen Hitze liefen wir durch breite, mit Autos verstopfte Straßen. Taxen hielten, verstanden uns nicht, fuhren weiter oder verlangten das Dreifache des normalen Preises.
    Entnervt liefen wir noch einmal zurück zu einem Taxi-Standplatz. Ein Straßenhändler kam vorbei und hielt mir frische Pfifferlinge auf einem großen Tablett vor die Nase.
    „Ich brauche keine Pilze, ich habe nicht mal eine Küche. Alles was ich brauche, ist ein Taxi.“ schimpfte ich vor mich hin. Doch der gute Mann verstand mich und rief ein Taxi. Der Fahrer verstand uns sogar und der Preis war auch okay. Wir hatten es eilig. Der Flieger müsste schon da sein. Die Innenstadt war mal wieder vom Stau verstopft. Der Fahrer fuhr Abkürzungen, Schleichwege. Die wilde Fahrt ging die Anhöhen rauf und runter. Irgendwann kamen wir an und da stand ER.
    Ich freute mich, spürte aber auch Distanz. Da war die Hoffnung auf einen neuen Anfang, aber auch die Angst, dass diese Streiterei weitergehen würde.
    Gleich beim Auspacken im Hotel gab es die erste Enttäuschung. Er hatte nichts von all dem mitgebracht, was auf der Liste stand. Nichts! Nichts für Sebastian, nichts für mich, nicht mal eine kleine Aufmerksamkeit! Er hatte keine Zeit, sagt er.
    Aha.
    Für sich hatte er ein neues Handy gekauft und er habe ja das Krams mit, was Cindy gekauft hatte...aha..Ich sagte nichts, war aber ziemlich enttäuscht.
    Doch in den kommenden Tagen war er sehr liebevoll und aufmerksam.
    War es wirklich ein neuer Anfang?
    Ich war voller Zuversicht.
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