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  1. AW: Was suchst du in Madagaskar?

    Am 01.04.2004 brachen wir früh auf und fuhren Richtung Aachen. Unterwegs telefonierten wir mit Fred. Die SMS nach Majunga wurde beantwortet mit Unglauben. Es war der 01. April, daher hielten Jan und Sebastian die Nachricht vom Einbruch für einen schlechten Aprilscherz. Es kostete einige Mühe ihnen klar zu machen, dass es leider Ernst war.

    In Eschweiler angekommen, kam uns Sven entgegen, führte uns durch die Stadt zu seiner Wohnung. Der LKW stand auf dem Grundstück und war halb voll. Ich konnte nicht sehen, was schon eingeladen war und was nicht. Einen alten Elektroherd, der seine beste Zeit vor 20 Jahren hatte, wurde wieder ausgeladen. Es wurde knapp mit dem Platz im LKW.
    Ich war schockiert, als ich die Wohnung betrat. Sven lebte in sehr einfachen Verhältnissen, doch das war es nicht. Unsere Sachen, für viel Geld eingekauft, waren in seiner Wohnung, im Keller und im Waschhaus verstreut. Für jeden zugänglich. Von allen Paketen fehlte der Lieferschein. Alle Pakete waren geöffnet und viele Dinge hatte er in Gebrauch, einiges fehlte. Ich war sprachlos. Sven konnte meine Reaktion nicht verstehen.
    Wir luden den LKW voll.
    Vom Einbruch sahen wir nichts. Angeblich wurde das Fenster aufgehebelt, doch es fanden sich weder Spuren noch Kratzer an den Fensterrahmen. Nichts.
    Als Sven bemerkte, dass wir uns die Fenster ansahen, meinte er: "Vielleicht sind sie ja auch durch die Tür gekommen". Als vermeintlichen Beweis zeigte er uns ein Foto. Darauf war ein offenes Fenster zu sehen und ein paar offene Kartons davor.
    Nun dieses Szenario hat man in 2 Minuten aufgebaut und fotografiert. Das überzeugte mich nicht. Ganz im Gegenteil, ich war davon überzeugt, dass der Einbruch niemals stattgefunden hatte.
    Auf der Heimfahrt fuhr ich hinter dem LKW hinterher. Ben meinte, der LKW läuft wie ein Bienchen. Ich war froh, dass er mir half. Ich fuhr zwar in Majunga den VW T2, doch dieser LKW hier war schon größer, ein 7.49 t. Mir ging immer wieder durch den Kopf, was ich bei Sven gesehen und erlebt hatte. Und die Ungewissheit, ob wirklich die Dinge im LKW waren, die drin sein sollten, laut Angabe von Sven, ließ mir keine Ruhe.
    Auf einem Rastplatz machten wir halt. Wir besprachen, dass wir den LKW zu haus noch einmal ausladen und alles nachzählen und aufschreiben.

    Immer wieder beschäftigte mich die Frage: Warum? Sven hilft, wo er kann und dann so etwas?
    Ich bekam diese Puzzleteile nicht zu einem Ganzen. War ihm nicht bewusst, dass ganze Existenzen davon abhingen? Einerseits Hilfe, andererseits möglicherweise Betrug?

    Am nächsten Tag erfuhr ich, dass das Fax von der Deutschen Botschaft aus Madagaskar eingetroffen war. Ich konnte den neuen Pass nun beantragen und die Passbilder abgeben.

    Nun fehlten die Flachbildschirme und der Beamer. Es wurde alles teurer als geplant. Allein die Fahrt nach Aachen war schon wieder eine unplanmäßige Ausgabe. Mit Fred berieten wir lange, was zu tun war, um diese Mission doch noch zum Erfolg zu führen.

    Als wir morgens beim Kaffee saßen, sah Ben einen Polizeiwagen vorfahren und meinte scherzhaft, jetzt bringen sie den Beamer. Wir beobachteten, dass dieser Wagen und einige andere vor dem Wohnungsblock einparkten und nicht so schnell abfuhren. Es musste etwas passiert sein im Haus. Den ganzen Tag standen Beamte vor einer der Wohnungen. Andere Polizisten gingen dort ein und aus, ein Gewusel wie in einem Bienenstock. Eine Freundin rief an, sie sagte, wir sollen das Radio einschalten.
    Es wurde berichtet, dass in unserem Haus morgens kurz nach 7 Uhr ein kleiner 5-jähriger Junge erstochen wurde, von seiner eigenen Mutter.
    Ben erzählte mir, dass sie allein erziehend war und 3 Kinder hatte. Man hörte sie den ganzen Tag schreien und sie sei wohl überfordert gewesen. Ist das ein Grund, mein Kind abzuschlachten?
    Mit dem Messer morgens auf mein Kind los zu gehen? Nein, sie hat nicht nur einmal zugestochen. Mehrmals. Ich war sprachlos und fühlte mich schlecht. Da starb unter uns ein Kind und wir hörten es nicht, ahnten es nicht. Hörten es nicht rufen oder weinen, konnten nicht helfen, ihn nicht beschützen.
    Am späten Nachmittag klingelten Reporter der verschiedensten Sender und wollten Auskünfte.
    Später erfuhren wir, dass der kleine Junge noch gelebt hatte, als der Notarzt kam. Er sollte ins Krankenhaus gefahren werden, aber das Krankenhaus sei nicht zuständig habe der diensthabende Arzt erklärt und so sei der Notarztwagen weiter zur Kreisstadt gefahren. Auf dem Wege ist der Junge seinen Verletzungen erlegen, wie es so schön heißt. Nimmt man billigend in Kauf, dass ein Kind im Krankenwagen verblutet, weil dieses Krankenhaus laut Dienstanweisung nicht zuständig ist?
    Es war kalt in Deutschland.

    Am Sonntag kamen Freunde und halfen uns den LKW aus zu laden, alles aufzunehmen und wieder einzuladen. Es war harte Arbeit, aber schon für Zollpapiere, war es dringend notwendig.

    Am Montag faxte ich der Polizei in Aachen meine Aussage mit Nachweis, dass diese Sachen nicht das Eigentum von Sven waren, sondern für die Firma bestimmt waren.
    Sven hatte der Polizei einige Lügen präsentiert und unter anderen sagte er auch aus, dass es seine Bildschirme waren und auch der Beamer sein Eigentum sei.

    Ein kurzer Kontakt mit Sven ergab, dass genauso ein Beamer, wie er verloren gegangen war, bei EBAY versteigert wurde. Ich informierte die Kripo Aachen. Sie konnten dem Hinweis nachgehen, aber ich musste ein Identifikationsmerkmal haben, damit sie den Beamer als unser Eigentum identifizieren können.
    So rief ich die Firma an, von der wir den Beamer gekauft hatten, bekam dann die erfreuliche Mitteilung, dass alle diese Artikel dort registriert waren mit Seriennummer.
    Diese Seriennummer gab ich an die Kripo weiter. Doch der Beamte hatte diese Information auch schon vorliegen.
    Waren doch clever, die Jungs!

    Nun wollten sie der Spur nachgehen. Dieser Toshiba-Beamer war eher selten, denn er hatte 2500 Lumen.
    Einige Tage später erfuhr ich, dass die Polizei bei dem Ebay-mitglied aufgetaucht war. Dieser hatte den Beamer für seinen Chef verkaufen wollen. Der Chef hatte einen kleinen Computerladen und sagte aus, ein Junkie hätte den Baemer und 4 Flachbildschirme zum Kauf angeboten. Die Kripo wollte nun dem Computerhändler Fotos der bekannten, in Frage kommenden Junkies vorlegen.
    Es war auf jeden Fall unser Beamer.
    Sven sollte auch noch einmal zur Vernehmung kommen. Dann brach der Kontakt zur Polizei für einige Tage ab, denn der Beamte hatte Urlaub.
    Ostern stand vor der Tür und Ben verwöhnte mich.

    Der Kontakt zur Spedition in Antwerpen gestaltete sich schwierig. Ich bekam erst nach Wochen die Mitteilung, wann das nächste Schiff abfahren sollte.

    Jan schrieb sehr nett und ich hatte den Eindruck, er vermisst mich über das berufliche Maß hinaus.
    Mein Gott, war ich naiv.

    Er schrieb auch, dass sie nun doch die Preise senken mussten, um mit den anderen Internetcafes mithalten zu können und auch dass der LKW unbedingt zugeschweißt sein muss, da bereits 4 LKW’s in Majunga aufgebrochen angekommen sind.

    Sebastian suchte Kontakt zu mir, er vermisste mich.

    Und ich bekam Heimweh. Immer wieder zappte ich durch die Kanäle im TV auf der Suche nach Palmen, Meer, Afrika.
    Ben kochte und verwöhnte mich, wo er konnte. Was hatte ich für ein Glück, solche Freunde zu haben. Ich war ein reicher, glücklicher Mensch und ich war dankbar.

    Ostern war vorbei und es konnte weitergehen. Wir mussten die fehlenden Monitore besorgen und noch weitere Ausgaben berücksichtigen.
    Da Jan schrieb, dass wir das Spielecenter gleich mit einrichten könnten, wenn wir 6 Playstation kaufen, sollten auch diese per LKW mitgeschickt werden.
    Ben hatte noch Urlaub und so fuhren wir los, verglichen Preise und kauften ein. Anfangs fiel das Einkaufen schwer. Die grellbunte Werbung, die übervollen Angebote brachten mir Kopfschmerzen ein und ich hatte schon nach 5 Minuten keine Lust mehr, wollte nur noch raus.

    Überhaupt vermisste ich die "Luft zum Atmen". Alles eingemauert, alles abgegrenzt und eingeschlossen. In Madagascar lebten wir fast nur an der frischen Luft, offen, frei, offene Türen, Fenster, überdachter Hof und immer draußen. Viele Menschen, viele Kontakte. Hier in Deutschland sah man kaum jemanden auf der Straße oder im Treppenhaus. Jeder lebte in seiner Burg.
    Ich konnte in einer Burg nicht mehr atmen.

    Ich recherchierte, wo man den LKW zu schweißen lassen könnte, denn der Kastenaufbau sah nach Aluminium aus. Endlich fand ich hier eine Firma, die das für uns erledigen wollte.

    Nun musste noch eine Spedition gefunden werden, die den LKW nach Antwerpen bringt, denn der Urlaub von Ben ging dem Ende zu. Er hatte Schichtdienst und wir würden es zeitlich nicht mehr schaffen, den LKW selbst nach Antwerpen zu fahren.

    Den neuen Reisepass konnte ich abholen und nun musste der Weg nach Berlin zur madagassischen Botschaft führen, damit ich ein Visum zur Einreise bekam.
    Ben hatte Mittagschicht. Ich rief in der Botschaft an, um zu fragen, ob ich den Pass auch gleich wieder bekommen würde mit Visum, denn ein zweites Mal nach Berlin zu fahren, war zeitlich nicht mehr realisierbar. Sie stimmten zu und so fuhren wir nach Berlin.

    Auf einem Formular musste ich angeben, warum ich in Madagascar einreisen will. Ich schrieb: „Ich möchte nach hause“. Und ich meinte es auch so. Ich spürte erst in der Ferne, wie sehr ich dort zu hause war.
    Ich bekam das Visum. Das gleiche Visum wie vor einem Jahr, gültig für vier Wochen. Das bedeutet, nach meiner Ankunft in Tana, würde ich wieder unterwegs sein müssen, um die bereits erhaltene Visumverlängerung in den neuen Reisepass übertragen zu lassen.
    Ich musste lächeln bei dem Gedanken an das Theater vom letzten Jahr und nun hatte ich das Vergnügen noch einmal vor mir.

    Bevor der LKW zum Zuschweißen ging, wurden alle Sachen, die noch gekauft wurden, in den LKW geladen. Nun war er bereit zum Versand. Das Zuschweißen erfolgte auch reibungslos. Dann wurde der LKW zur Spedition gefahren, die ihn nach Antwerpen bringen soll. Der LKW war also fertig und mir blieben nur noch wenige Tage Zeit bis zum Abflug.

    Aus Majunga kamen traurige Nachrichten. Jan schien ziemlich am Boden zu sein. Er wollte alles hin schmeissen und schrieb, wir würden pleite gehen. Ich solle in Deutschland bleiben.

    Damals versuchte ich den angeblich depressiven Jan aufzubauen. Heute sehe ich seinen Versuch mit anderen Augen. Er hatte schon damals andere Pläne, aber das erfuhr und begriff ich erst sehr viel später.

    Die Firma, bei der ich das Flugticket, Berlin-Paris, bestellt hatte, ließ nichts von sich hören. Ich wurde unruhig.
    Endlich Nachricht aus Antwerpen. Das nächste Schiff sollte am 18.05. abgehen.

    Die Kripo in Aachen informierte mich, dass ich den Beamer ausgehändigt bekomme, allerdings nur, wenn ich nachweisen kann, dass ich zur Firma gehöre und es rechtens ist. Also wieder eine Mail an Jan, er musste eine Erklärung schicken mit Stempel und Unterschrift, die Bestellung sowie Schriftverkehr mit der Lieferfirma und den Bankauszug der die Zahlung von Fred nachweist. Ich hatte zu tun, an Urlaub war nicht zu denken.

    Am Wochenende stand ein Tanzabend auf dem Plan. Eine Band aus der Jugendzeit spielte zum Tanz auf. Ein lustiger Abend. Ausgelassen konnte ich tanzen, lachen, denn ich freute mich auf die Heimkehr. Nur noch 3 Tage bis zum Abflug nach Paris.
    Erst im Morgengrauen kamen wir heim.
    Am Sonntag dann trafen wir uns mit unseren Freunden im Garten. Sehr nett alles, doch ich war nicht mehr dabei. Hörte sie erzählen und sehnte mich nach Majunga. Ich wusste wieder, warum ich damals Deutschland verlassen wollte.

    Bereits nach 2 Wochen Deutschland bekam ich Depressionen. Nein, auch die Blumen, die sich am Wegesrand langsam aufrappelten gaben nicht die Farben, die ich vermisste. Ein paar Sonnenstrahlen, die sich durch die Wolkendecke quälten, kamen gegen mein Heimweh nicht an, konnten nicht trösten und schon gar nicht ersetzen.
    Ich nervte Ben mit zwei Video-CDs, die ich eigentlich für ihn mitgebracht hatte. Aber diese Lebensfreude aus der Konserve machte mir nur noch mehr bewusst, wie weit ich entfernt war, von Madagascar, vom Leben dort, vom Lachen, von der Sonne und der Freiheit, die ich meine...

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  2. AW: Was suchst du in Madagaskar?

    Willkommen und Abschied

    Am Montag, den 26.04. fuhren wir gespannt nach Aachen, um den Beamer abzuholen. Ich lernte endlich den Beamten kennen, mit dem ich so oft telefoniert hatte. Ein netter Mensch, schade, dass ich keine Zeit hatte, an diesem Tag nicht und nicht bei diesem Deutschlandaufenthalt.

    Er sagte mir, dass einer der Herren sich wegen Hehlerei zu verantworten habe und dass Sven ein Verfahren bekommen wird, wegen Vortäuschung einer Straftat. Man vermutete, dass Sven die Sachen selbst dem Computerhändler zum Weiterverkauf angeboten hatte, was man allerdings nicht beweisen könne.
    Doch er meinte, die beiden hatten sich schlecht abgesprochen und in der Gerichtsverhandlung würde einiges zu klären sein. Denn der Händler hatte angegeben, dass ihm die Ware am 29.03. zum Kauf angeboten wurde. Sven hingegen gab an, bei ihm sei am 30.03. eingebrochen wurden. Allerdings wurden keine Spuren von einem Einbruch gefunden und seine widersprüchlichen Aussagen und auch nachweisbaren Falschaussagen erhärteten den Verdacht, dass er selbst diese Sachen verkaufen wollte.
    Und immer noch hatte ich die Frage im Kopf: Warum hat er das getan?

    Wir hatten mehr als Geld und Bildschirme verloren, wir hatten einen Freund verloren.
    Jemand erzählte mir von einem Deutschen, bei dem sich ein Freund beschwerte. Er habe seinem madagassischen Freund viel Geld zum Aufbewahren anvertraut und wurde enttäuscht. Der Deutsche sagte anschließend: „Wärst du ein wirklicher Freund gewesen, hättest du ihn nicht in Versuchung geführt.“ Eine Aussage zum Nachdenken.

    Derjenige, der Wohlstand verliert, verliert viel.
    Derjenige, der einen Freund verliert, verliert mehr.
    Derjenige, der seinen Mut verliert, verliert alles.
    (Miguel de Cervantes)

    Das Ticket Berlin-Paris war am Tage vor dem Abflug noch immer nicht angekommen. Ich war unruhig, rief dort an und sie sagten zu, es am nächsten Tag per Express zuzustellen. Na, ich hatte da meine Zweifel, aber es lag nicht in meiner Hand. Also abwarten. Der Dienstag kam heran. Das überfällige Flugticket wurde zugestellt. Alles bestens!

    Nun war der Zeitpunkt gekommen, Abschied zu nehmen, von Freunden, von der Stadt.

    Doch ach, schon mit der Morgensonne
    Verengt der Abschied mir das Herz
    (Goethe)

    Wir fuhren zum Friedhof. Das Grab meiner Mutter hatte einen Stein bekommen.
    Makaber den Namen meines Vaters schon ein zu gravieren.
    Er lebte doch noch. Mein Gott, der Mann lebte noch. In einem Pflegeheim.
    Gut, er lebte in einer anderen Welt, erkannte mich nicht mehr. Lebte in der Vergangenheit, lebte mit Mutti. Aber er lebte noch.

    War er noch am Leben? Leben, wie ich es meine, sicher nicht mehr. Ich habe keine Angst vor dem Tod. Er hat für mich seinen Schrecken verloren. Ich fürchtete mich vor Schmerzen und Siechtum und ich hatte Angst, lebend nicht mehr am Leben teilhaben zu können.

    Nun war mein Vater in dieser Situation. Ich hoffte, er hatte nicht diese Traurigkeit, die ich hatte, wenn ich ihn sah. Ich hoffte, er erlebte seine Situation nicht bewusst.
    Dieser intelligente, starke Mann, der durch den Krieg ging, immer an vorderster Front, der seine Kameraden begraben musste, der so schreckliches gesehen, erlebt hatte; der noch im hohen Alter Tränen in den Augen hatte, wenn er davon erzählte; der vier Kinder groß zog, der 60 Jahre an der Seite meiner Mutti lebte, der immer nach Australien wollte, der große Zementwerke, ganze Stadtgebiete gebaut hat. Für riesige Investitionen und Bauvorhaben verantwortlich gezeichnet hat, Menschen dirigierte, bei dem ich auf dem Schoss saß, bei dem mir nichts passieren konnte, der mich beschützte, mir zeigte, dass kein Ungeheuer unter meinem Bett liegt, der mir bei brachte, was ich wissen sollte, wie das Leben funktioniert. Dessen Jähzorn ich nur durch meine Sturheit bezwingen konnte, dessen Strenge dahin schmolz, wenn ich ihm um den Hals fiel, der mir bei brachte, was gut und was schlecht ist, was Ehrlichkeit ist, mit dem ich diskutieren konnte, der mir beigebracht hat, dass es kein Aufgeben gibt, dass man auch in der DDR zur eigenen Meinung stehen kann und muss, und der wach blieb, nicht schlafen konnte, bevor ich nicht zu hause war. Dieser Mann, dessen Hobbies Kunstgeschichte, Malerei, deutsche Geschichte und klassische Musik waren, dieser Mann war heute ein kleiner alter Mann, der vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzte und sich am Geländer festhielt beim Laufen.

    Er freute sich über Besuch und meinte, er könne leider nichts anbieten, denn Mutti hatte nichts eingekauft. Er nannte meinen Namen nicht. Ich spürte, dass er nicht wusste, wer ich war.
    Ich fragte ihn „Papa, sag meinen Namen.“
    Er schaute mich an. „Papa, wer bin ich?“
    Ein Moment der Unsicherheit, dann lachten seine Augen und er sagte: „Du bist die Beste.“
    „Ja Papa, ich habe dich auch lieb.“
    Er vergaß seine Brille auf dem stationseigenen Nachtschrank am Bett, auf dem die wenigen, ihm gebliebenen Utensilien lagen, die ihm von diesem Leben geblieben waren. Ein Foto von Mutti, seine Tasse, sein Bierglas und der alte, kitschige Aschenbecher, eine sitzende Tänzerin, die das Kleid ausbreitet, um die Asche aufzunehmen.
    Ich fragte ihn „Papa wo ist deine Brille?“
    „Die lag im Arbeitszimmer auf dem Schreibtisch, aber ich finde sie nicht.“
    Er war am Leben. Verdammt, es war ein Strohhalm, an den sich mein Herz klammerte.
    Ich wünschte keinem so ein Dasein, aber ich bestand darauf „ER LEBT NOCH.“ Wie konnten meine Geschwister nur seinen Namen in den Grabstein meißeln lassen..

    Der Augenblick am Grab meiner Mutter währte nur kurz. Ich hatte Mutti immer bei mir. Ich musste keine langen Gespräche mit ihr auf dem Friedhof führen. Das ist ein kalter Ort, der mir nichts gab.

    Ich ließ los und auf ging es nach Berlin zum Flugplatz.
    Da saßen wir nun in Tegel bei Capuccino und Zigarette. Die Zeit war schnell um. Ich hatte weder Familie besucht, noch meine Freundinnen getroffen in Berlin. Keine Zeit, keine Zeit. Der Krimi war zu Ende, der Beamer im Handgepäck, die Flachbildschirme weiterhin verschwunden.

    Zum Abschied drückte ich Ben ganz innig und dankte ihm für seine Hilfe, für sein Verständnis und seine Zeit für mich. Drückte ihm ein Küsschen auf die Wange. Er ließ mich gehen.

    Danke, dass ich solch wunderbare Freunde habe. Es ist ein Geschenk! Wir sollten öfter das Geschenk der Freundschaft feiern. Unsere Freunde einfach anrufen und ihnen sagen, welchen unschätzbaren Wert sie für uns haben und was sie für uns zu einem unverwechselbaren Menschen macht.
    Ich nahm mir vor, meinen Freunden dies öfter zu sagen und zu demonstrieren, was sie mir bedeuten. Was mögen sie? Was essen sie am liebsten? Was wusste ich über sie? Wie kann ich für sie der gleiche gute Freund sein? Was kann ich tun, um ihnen eine Freude zu machen?

    Mit diesen Gedanken im Kopf saß ich im Flieger nach Paris und ließ Berlin hinter mir.
    Der Flug nach Paris war nur die erste Station. Ich musste in Paris eine Nacht auf dem Flughafen verbringen, denn meine Maschine ging erst am anderen Morgen. In ein Hotel fahren, wollte ich nicht. Heimfliegen - kein weiteres Abenteuer bitte!

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  3. AW: Was suchst du in Madagaskar?

    Nachts war es menschenleer, dort auf dem Flugplatz Charles De Gaule. Ich setzte mich in eine Warteecke, las ein Buch und wartete. Schlafen wollte ich nicht, das konnte ich im Flieger. Hier war es mir zu gefährlich. Über viele Stunden vertrieb ein Wachmann mir die Zeit, wir unterhielten uns auf Englisch über Madagaskar. Er zeigte mir, wo ein Automat mit Kaffee stand und ab 6.00 Uhr füllten sich wieder die Hallen mit Reisenden. Mein Schutzengel hatte Feierabend und verabschiedete sich.
    Ich ging in ein Restaurant frühstücken und anschließend in aller Ruhe zum Check-in nach Tana.

    Der Rückflug war nicht so angenehm. Kein Fensterplatz und neben mir ein ruheloser Amerikaner, der sich alle 30 Minuten an mir vorbei quetschte. Das Fenster hatte er geschlossen. Es war langweilig. Durch das schlechte Wetter war schlafen auch keine Lösung, denn immer wieder wurde man durch die Turbulenzen wach.
    Nach 12 Stunden, endlich der Landeanflug in Tana. Endlich wieder fast zu hause. Das Auschecken ging ziemlich flott. Gepäck war auch vollzählig. Der Beamte vom Zoll suchte sich einen der Koffer aus, wühlte ein wenig und fertig.

    Torsten, der mich abholen wollte, war nicht in Sicht. Ich wartete eine Weile, wurde von Gepäckträgern und Taxifahrern umringt und gab irgendwann nach. Fuhr zum Hotel und nahm ein Zimmer. Kaum hatte ich das Gepäck abgestellt, die Hände gewaschen, klopfte es an der schweren Holztür. Torsten und Mario standen vor der Tür. Ein großes "Hallo" der Wiedersehensfreude.
    Torsten hatte mich kurz verfehlt. Mario hatte ich mehr als ein Jahr nicht gesehen. Wir erzählten lange bis in die Nacht.
    Mein Bericht über meine Erlebnisse in Deutschland rief Kopfschütteln hervor. Mario berichtete Neuigkeiten und ich freute mich, dass die beiden Freunde geworden waren.

    Torsten hatte Mario letztes Jahr durch mich kennen gelernt. Ich hatte ihm gesagt, „Ich werde dir Mario vorstellen, ich glaube ihr würdet euch gut verstehen, ihr seid aus dem gleichen Holz geschnitzt und doch sehr verschieden.“ Und nun waren sie sehr enge Freunde.
    Mario hatte noch immer die großen Träume und Ideen und noch immer diese kunterbunten viel zu großen und zu weiten Klamotten an. Er fragte, warum wir David mit in die Firma nehmen würden, er hätte uns doch auch vor ihm gewarnt. Ich stutzte und fragte ihn, wie er denn auf diese Idee kommt. Mario erzählte, dass David am Abend zuvor einen langen Vortrag gehalten habe, dass er mit seiner Frau das Terrassencafé machen wird und mit uns zusammen arbeitet.
    Ach herrje, was ist das denn für ein Unsinn? Er beruhigte sich, als ich ihm erklärte, dass es nur Gerede von David sei, und wohl mehr ein Wunsch von ihm, aber nicht Realität. Wir lachten.

    Dieses Gerede machte zwei Jahre später Sinn. Jan hatte andere Pläne, doch er wusste nicht, dass David sie überall herum posaunte. Ich lachte damals darüber, anstatt hinter die Kulissen zu sehen. Aus heutiger Sicht muss ich sagen, dass es ein Puzzleteil war, das ich hätte ernst nehmen müssen. Es hätte mir eine Warnung sein müssen, doch ich vertraute Jan zu sehr.

    Unser aufgeregtes Geplapper und Lachen ließ mich nicht müde werden. Erst gegen 3.00 Uhr in der Früh trennten wir uns. Die beiden hatten ein Taxi genommen, das noch immer vor der Tür wartete, als sie gingen.

    Am nächsten Tag beim üblichen Frühstück im „Glacier“ traf ich sie wieder, Torsten und Mario. Ich wartete auf Fanja. Wir wollten die nächsten Schritte besprechen, damit mein Visum in den neuen Pass übertragen wird.

    Da stand plötzlich David vor mir. Begrüßte mich kurz und fragte sofort in einem gebieterischen Ton, ob ich die Liste für den LKW hätte. Ich sah ihn erstaunt an.

    Was hatte David mit unserer Firma zu tun?
    Nichts.
    Er war mit Jan befreundet, das war alles.
    Seine illegalen Geschäfte mit Tieren wurden von Jan unterstützt.
    Immer wieder warnte ich Jan. Aber er trank gern mit David und zahlte ihm danach sogar das Taxi. David hatte Beziehungen, sowas sollte man nicht unterschätzen, meinte Jan.

    Nun an diesem Morgen fragte David, ohne eine Antwort abzuwarten, wann das Schiff von Antwerpen abgeht.
    Stoße ich ihn vor den Kopf, ramme ihm das Frühstücksmesser in den Hals oder lasse ich ihn einfach auflaufen? Ich entschied mich für Letzteres.
    „Wie Liste? Welche Liste?“
    „Na die mit den Sachen im LKW.“
    „Nein, habe ich nicht.“
    „ Und wann geht das Schiff ab?“
    „Weiß ich nicht, vielleicht gar nicht.“ Mit einem unverhohlenen Grinsen fügte ich hinzu: „Ach David, wir brauchen doch das Zeugs nicht, wir stellen ein paar Plaste-sessel hin und das reicht doch, Eis am Stück und Bier aus der Flasche...“ Ich glaube, mein Grinsen war zu viel, er hatte plötzlich einen sehr eiligen Termin. Wir prusteten und lachten laut los.

    Auch diese Szene hätte mich zum Nachdenken bringen müssen. Doch diese Vorstellung, Davids Gerede könnte Realität sein, war zu unglaublich.

    Sebastian rief an, ob ich gut gelandet sei. Als Jan anrief, erzählte ich ihm von David. Er lachte und sagte: „Das macht nichts. Lass ihn erzählen, es wird doch jeder sehen, dass er nicht bei uns arbeitet und mit unseren Projekten nichts zu tun hat.“
    Wie konnte ich ihm nur so blind vertrauen?

    Für Visum und Carte Residente konnte ich nicht viel tun, alle relevanten Unterlagen befanden sich in Mahajanga. Ich hippelte und wollte so schnell wie möglich nach hause, endlich nach Majunga.

    In Tana war es in dieser Zeit richtig kalt. Es gab keine Heizungen in den Häusern. Im Hotel reichten mir gerade die zwei Decken vom Doppelbett. Mit 11 Grad nachts war es empfindlich frisch.
    Tagsüber wurden in der Sonne sicherlich fast 20 Grad erreicht, doch ich fror ... schon seit vier Wochen. So sah man mich nur mit Rollkragenpullover, dickem Anorak und Sonnenbrille. Ein seltsamer Aufzug in Tana, doch so fühlte ich mich wohler.

    Am Abend lud Torsten Mario und mich ein. Tina wartete schon mit dem Essen. Der kleine Fritz lag schon im Bett und schlief. Stolz zeigte Torsten mir seine neue Wohnung, sehr schön. Gemütlich und anheimelnd und doch nicht überladen. Tina mochte es nicht, wenn in der Wohnung geraucht wurde, also verzogen wir Raucher uns auf die Treppe außen am Haus. Es dauerte nicht lange, da kamen Torsten und Tina zu uns. Ein wunderschöner Sternenhimmel, das Zirpen der Grillen und meine drei Freunde mit mir auf der Treppe am Haus. War das nicht ein Geschenk? Wir diskutierten, erzählten, lachten und ließen kein Thema aus. Spät in der Nacht kam das bestellte Taxi. Ich fuhr ins Hotel. Bis zum nächsten Wiedersehen!

    Meine Gedanken waren schon in Majunga.
    Majunga - das war flirrende Hitze, staubige Strassen, halbzerfallene Häuser, Meer, Fischgeruch und salzige Luft, Muselmanen in langen Gewändern und Frauen in afrikanischer Tracht, lachende Kinder, Pousse Pousse Fahrer, Geckos, Ameisen, meine Männer, das Internetcafé und Willi.

    Endlich! Samstagmorgen. Noch eine Stunde bis zum Abflug. Voll beladen stieg ich in den Flieger. Die eine Stunde Flug erschien mir wie eine halbe Ewigkeit.
    In Majunga holten mich Sebastian und Jean-Yves ab.
    Sebastian berichtete von seiner neuen Freundin. Die Außenwand vom Internetcafe hatte Jan bemalen lassen. Eine deutsche Bekannte hatte einen neuen Freund und die Waschmaschine sei kaputt.

    Auf der Fahrt zum Internetcafe sah ich mich satt. Die staubigen Straßen, die Palmenhaine, die Hütten, Häuser und Geschäfte, die Menschen, schick, vermummt oder zerlumpt, die Pousse Pousse Fahrer, die Schulkinder und die Straßenhändler. Ein buntes Treiben. Leben Pur. Der satt blaue Himmel und die lachende Sonne - ja, das war mein Mahajanga!

    Jan erwartete mich im Internetcafe. Willi lag auf dem Sofa in der Warteecke und ließ sich nicht stören.
    Dann wurde ausgepackt. Ich hatte in der Tasche nicht nur Süßes aus Deutschland, auch richtige Salami. Für jeden ein Mitbringsel. Freude beim Geben, Freude beim Nehmen. Freude wieder da zu sein.
    Der Tag ging vorüber wie in einem Traum, ein Rausch glücklicher Momente. Kunden, die mir die Hand gaben mit einem Lächeln und einem "Welcome back", Nachbarn und Freunde, Menschen auf der Straße, die ich nur vom Sehen kannte, grüßten und winkten.
    Das war es, was ich meine. Die Läden, in denen ich einkaufte, die Marktfrauen. Überall ein strahlendes Lächeln und ein "Welcome back". Gott, wie hatte ich euch alle vermisst!

    Die Sonne verabschiedete sich mit einem grandiosen Schauspiel und Aufgebot an Farben.
    Wir ließen den Tag ausklingen mit Pastise und Cola beim Franzosen drüben. Ich saß mit Freunden, Jan und Sebastian zusammen. Wir erzählten und ich musste berichten.
    Und wie herrlich war es für mich, diese schreckliche Musik wieder zu hören. Die schnarrenden Töne aus dem Lautsprecher, ich genoss es. Den Wind auf der Haut, das Rauschen der Wellen, die Rufe der Männer auf den Booten, der Moslem vom Eisladen, der vor seinem Geschäft auf Kunden wartete und die Kinder, die laut lachend "kriegen" spielten, der Duft von Fleischspießen auf dem Grill und Jungs, die in ihrem Pousse Pousse schliefen, der gewaltige Sternenhimmel und der verrückte schiefe Mond.
    Mein Herz klatschte vor Freude in die Hände.
    Diesen Moment auskosten, kein Gedanke an die Herausforderungen, Probleme, Schwierigkeiten, den vor uns liegenden schwierigen Weg! Dankbarkeit für den Moment, für das Hier und Jetzt.
    Ich war wieder da.

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  4. Inaktiver User

    Was suchst du in Madagaskar?

    Liebe Teccla,

    besonders der letzte Absatz war wunderschön!

    Und die Geschichte wird immer spannender, mach' schnell mit der Fortsetzung. Ich will wissen, wie's weitergeht...

    (Und nicht nur ich, möcht' ich wetten!)

    Betsi-Kuh

  5. Avatar von KHelga
    Registriert seit
    10.01.2002
    Beiträge
    11.213

    AW: Was suchst du in Madagaskar?

    Da schließe ich mich gern an und warte auf das Erscheinen des Buches

    ....

    FG von Helga

    „Nehmen sie die Menschen wie sie sind, denn andere gibt es nicht“
    Konrad Adenauer

  6. AW: Was suchst du in Madagaskar?

    Mai 2004

    Die ersten Tage in Majunga genoss ich sehr. Alles erschien mir freundlich, wohlgesonnen, lang ersehnt und im rosa Licht.
    Doch der Alltag hatte mich schnell wieder eingefangen. Vieles war in meiner Abwesenheit liegen geblieben. Arbeit die wartete und ständig aus einer Ecke rief : "Ich liege hier und du kommst nicht an mir vorbei", wie die Äpfel am Baum im Märchen der Frau Holle.

    Nun, da lag der Berg mit dem Papierkram ungeliebt auf dem Tisch. Die Quittungen warteten auf ein Date mit den Buchungssätzen und die Protokolle der Umsätze der letzten Monate hofften sehnsüchtig auf Auswertung. Jan hatte in meiner Abwesenheit die Löhne nur mit einem Abschlag gezahlt. Auf die genaue Berechnung der Stunden und Provisionen warteten die Mitarbeiter, damit verbunden lagen auch die Abrechnungen für die Sozialabgaben in der Warteschleife. Es gab also viel zu tun. Dennoch warteten zahlreiche Details mit dem Teufel auf.
    Die Waschmaschine war kaputt, okay, der dritte Handwerker schaffte es dann. Die Küche war noch immer, seit dem Feuerwehreinsatz, eine Baustelle. Der Vermieter sträubte sich, die ausgebaute Spule wieder einzubauen. Die Absprache ergab gleich noch den Einbau einer Warmwassertherme in der Küche. Die Lampen waren schief montiert usw., immer wieder Abnahmetermin, immer wieder "Nein so geht das nicht".

    Das Visum von der madagassischen Botschaft in Berlin war nur vier Wochen gültig, daher drückte auch der Termin, erneut nach Tana zu reisen, um das ursprüngliche Visum aus dem gestohlenen Reisepass übertragen zu lassen. Ich nahm schweren Herzens erneut Abschied, kaufte eine Fahrkarte und stieg in den Überlandbus nach Tana.

    Der Fahrer war nicht sonderlich sympathisch, er wirkte sehr überdreht. Ich hatte den Beifahrerplatz gebucht. Vorbei an kleinen Dörfern ging die Fahrt. Er fuhr ruhig und sicher. Ich kuschelte mich in meinen Anorak ein, ließ das Fenster einen Spalt breit offen und genoss die friedliche Landschaft, eingetaucht in das warme Rot der untergehenden Sonne. Die Dunkelheit hüllte uns ein, die Lichtkegel des Busses führten uns weiter in die nachtschwarze Ferne. Andere Busse überholten uns, der Fahrer ließ sich nicht beirren, fuhr ruhig seinen Stil weiter. Das Radio plärrte überlaut madagassische Musik. Die Fahrgäste hinter uns erzählten und lachten. Ich schlief ein.

    Als ich erwachte, machten wir Stop in einem der zahlreichen Dörfer am Weg. Es gab Stände, viele Hütten boten Wegzehrung und Getränke an. Ich kaufte ein paar Bananen, zündete eine Zigarette an. Mein Blick fiel auf einen alten zerlumpten Mann, der an der Straße kauerte. Er schaute mich so ehrfurchtsvoll an, dass ich den Blick nicht ertragen konnte. Ich bot ihm eine Zigarette an, Feuer dazu. Nun konnte ich ihm in die Augen sehen, denn sie strahlten. Ich verstand kein Wort von dem, was er sagte, aber ich spürte, es war etwas Gutes.

    Die Reise ging weiter. Der Fahrer begann Koka-Blätter zu kauen. Er wirkte fahrig, aufgedreht und hyper nervös. Sein Fahrstil änderte sich zusehends. Er fuhr leichtsinnig, viel zu schnell. In den Kurven hing ein Rad über dem Abgrund. Mir stockte zeitweise der Atem. In einer Kurve bergauf fuhr er auf die Gegenspur, hielt an, stellte den Motor ab, machte das Licht aus. Was nun? Die Fahrgäste stiegen aus, gingen austreten. 'Das kann nicht sein', dachte ich, 'wenn jetzt ein Fahrzeug aus der Gegenrichtung kommt, schiebt es uns den Abhang hinunter.' Ich hatte Angst. Ob beten hilft?

    Endlich ging es weiter. Der Fahrer kaute weiterhin diese Kokablätter zum Wachbleiben. Die Fahrgäste hinter uns stachelten ihn auf. Er gab Gas. Wir rasten durch das Hochland, die Serpentinen wurden zur Rennstrecke. Er überholte andere Fahrzeuge auf unübersichtlichen Strecken und wurde zur Gefahr für Leib und Leben.
    Seine waghalsigen Aktionen quittierte der Gegenverkehr mit Hupen und quietschenden Bremsen. Hinter mir weinte ein Baby. Ich wurde wütend. Er spielte mit meinem Leben, mit dem Leben der Leute in diesem Bus. Und er grinste breit übers Gesicht.
    Nach vielen Stunden kamen wir endlich nach Tana rein. Doch auch hier änderte sich sein Fahrstil nicht. Blätter kauend, jagte er durch die erwachende Stadt. Er wirkte euphorisch, als hätte er selbst nicht geglaubt, gesund anzukommen. Links und rechts sprangen Fußgänger zur Seite, hüpften Leute vom Rad oder bremsten Autos.
    Endlich, endlich war das Ziel erreicht. Alle stiegen aus. Das Sortieren der Gepäckstücke begann. Ich hatte meine Reisetasche bei mir und rief ein Taxi.
    Der Busfahrer sah mich mit seinem kauenden breiten Grinsen an und fragte, wohin ich weiterfahren möchte. Ich nannte ihm den Stadtbezirk. Er bot sich an, mich zum Hotel zu bringen. Ich lehnte dankend ab.

    Im Hotel angekommen, zeigt die Uhr 7.30. Ich versuchte Fanja zu erreichen, fiel tot müde ins Bett und schlief bis zum Mittag.
    Die nächsten zwei Tage wurde ein Termin vom nächsten abgelöst. Dokumente wurden besorgt, Anträge eingereicht, Gebühren bezahlt und Fanja hatte ein volles Programm mit mir.
    Mit Torsten besuchte ich den großen Supermarkt in Tana "Jumbo", früher hieß er "Cora". Etwas außerhalb der Stadt gelegen, fühlte man sich nach Europa versetzt. Ein riesiger Supermarkt. Es gab fast alles, aber zu europäischen Preisen. Heftig. Wer kann sich das leisten? Mit Sicherheit niemand, der das Geld hier erarbeiten musste. Aber dennoch war es gut, zu wissen, dass man viele Dinge dort kaufen konnte, wenn auch zu überhöhten Preisen.
    Mit Torsten zog ich durch die Stadt, kaufte verschiedene Dinge ein. In unseren Gesprächen brachte er immer wieder neue Sichtweisen. Ich lernte noch immer dazu.

    Endlich war es so weit, alle Aufgaben hatte ich erledigt. Torsten brachte mich zum Busbahnhof, zur Abfahrt nach Majunga . Dieses Mal schaute ich mir die Fahrer etwas genauer an und wählte eine Gesellschaft aus, bei der der Fahrer gemütlich aussah, mit den Kindern lachte, die am Straßenrand neben Körben und Kisten mit ihren Müttern auf die Abfahrt warteten. Er war nicht mehr so jung und nach Kokablätterkonsument sah er auch nicht aus. Ich hoffte auf eine angenehmere und sichere Heimfahrt. Den Beifahrersitz könnte ich nur mit einem anderen Passagier teilen. Ich lehnte ab und machte es mir auf der letzten Sitzbank gemütlich. Ich konnte die Beine ausstrecken und meine Reisetasche bot Gelegenheit, die Jacke zu knautschen, als Kopfkissen zu verwenden. Den größten Teil der Strecke, der 600 km, würde ich schlafen können.

    Die Fahrt Richtung Majunga begann, alle stiegen ein. Die Sonne verabschiedete sich. Wir fuhren durch das Hochland, der Nacht entgegen. Der Fahrstil gab mir ein sicheres Gefühl, ich konnte schlafen und fühlte mich gut. Die leise Musik aus dem Autoradio wiegte mich ein. Selten sahen wir Lichter von vorbeihuschenden Fahrzeugen. Unterwegs wurde wieder eine Rast eingelegt.
    Ich bemerkte, dass wir mit drei anderen Bussen in Kolonne gefahren sind. Die Angst vor Überfällen war groß.
    In einem kleinen Dorf stiegen wir aus, der Fahrer forderte mich auf, mitzukommen, Kaffee zu trinken oder etwas zu essen. In einer kleinen madagassischen Wirtschaft wurde bewirtet, gab es heißen Kaffee, gute Gemüsesuppe und nach Belieben auch eine kräftige Mahlzeit mit Fleisch und Reis. Ich war verschlafen und müde, doch nahm ich die Atmosphäre auf. Es war ruhig, friedlich und sehr angenehm in dieser halbdunklen kleinen Hütte mit den Holztischen und Bänken.
    Ein Franzose saß mir gegenüber genoss die Gemüsesuppe sichtlich. Er hatte ein hageres Gesicht, die markante Nase passte zu den hellwachen, intelligenten Augen, gab ihm die Ausstrahlung eines Adlers. Er wirkte sympathisch, wenn er auch nicht aussah, wie der typische Globetrotter, so wirkte er doch wie ein Forscher, ein Expeditionsleiter oder ein Pionier, Ingenieur. Er sah sensibel und empfindlich aus. Doch seine Gegenwart vermittelte ein Gefühl, 'es kann nichts passieren, er hat für alles eine Lösung.'

    Es ging weiter. Wieder schlief ich ein, wusste nicht, wie viele Stunden noch zu fahren waren. Plötzlich hielt der Bus. Die Hälfte der Fahrgäste stieg aus. Das Gepäck wurde vom Dach genommen. Was war passiert? Ging es nicht weiter? Wie Majunga sah es hier nicht aus. Wo waren wir?
    Ca. eine Stunde hielten wir uns in einer Ortschaft auf, die, wie ich später erfuhr, 40 km südlich von Majunga liegt. Man ließ sich Zeit. Ich hoffte auf eine baldige Weiterfahrt und das Warten fiel mir schwer. Ich konnte mich vor Müdigkeit kaum auf den Beinen halten. Endlich war das restliche Gepäck auf dem Dach fest gezurrt. Wir fuhren ab. Doch die Strecke kannte ich nicht. Der Morgen graute und die Sonne ging auf mit einem rosa Licht über den Bergen. Der Fahrer hielt nun in jedem Dorf, an jeder Ecke, nahm weitere Fahrgäste mit. Er verdiente sich etwas Geld nebenbei. Doch dadurch kamen wir einige Stunden später in Majunga an, als geplant.

    Das letzte Stück der Fahrt bekamen wir Gesellschaft. Frauen mit Hühner und Gänsen in den Körben stiegen ein. Ein Passagier zupfte sich während der Fahrt mit einer Pinzette die Barthaare heraus. Ein anderer drückte sich Pickel aus der Haut. Eine Frau hing mit dem Oberkörper aus dem Fenster und übergab sich ständig.
    Die Frauen mit den Gänsen hatten Mühe, die Tiere still zu halten. Lachen und Geplapper, sicher die guten Ratschläge der Mitreisenden, erfüllten den Bus. Wir fuhren durch kleine Dörfer. Die Frauen in afrikanisch traditionell um den Körper geschlungenen farbigen Tüchern, fegten den Platz vor den Hütten, die Grillkocher wurden angemacht, es roch nach Holzkohle und gebratenem Fisch. Ich sehnte die Ankunft herbei, eine schöne Dusche und einen Kaffee...

    Die Europa-Fußball Meisterschaft stand vor der Tür. Unsere Idee mit dem Beamer auf einer großformatigen Leinwand dieses Sportereignis live zu übertragen, brachte einiges an zusätzlicher Arbeit. Wir wollten es auf der Terrasse organisieren, schließlich begann der Mietvertrag mit Allianz Francais am 01.6.2004. Wir hatten keine Möbel, keine Tische, keine Stühle, keine Technik für den Ton, keine Gläser, nicht mal die Antenne auf dem Dach, um den Sender zu empfangen. Nur den Beamer hatte ich im Handgepäck mitgebracht.

    Gespräche begannen mit Allianz Francais. Listen wurden erstellt, was war zu tun, was zu besorgen, Personal eingestellt und angelernt. Jeder Tag brachte neue Aufgaben, neue Entscheidungen, neue Erkenntnisse. Ehe wir uns versahen, war der Mai vorbei.
    Die Zeit verging so schnell. Die Gedanken waren ausgerichtet auf das eine Ziel, die Veranstaltung in Eigenregie auf der Terrasse von Allianz Francais, in den neuen Räumlichkeiten, gut organisiert durchzuführen.

    Der LKW mit dem Inventar war noch unterwegs und die Spedition in Antwerpen schickte die Papiere. Nun hieß es abwarten, dass das Schiff gut ankommt. Als Termin der Ankunft wurde der 12.6.2004 avisiert. Dem ganzen Stress sah ich mit Gelassenheit entgegen. Wir hatten sicherlich etwas mehr Geduld gelernt in diesem einen Jahr seit der letzten Ankunft eines Transporters.

    Mehr Kopfschmerzen bereitete der Vermieter unserer Geschäftsräume vom alten „Antsika“. Die tägliche Aspirindosis erhöhte sich. Er begann das Haus auszubauen. Die Etage über unserem Internetcafé wurde abgerissen. Von morgens 6.00 bis abends 18.00 Uhr war der Baulärm zu hören. Der Dreck, der Staub legte sich wie ein Film auf alles, was sich als Fläche auch nur irgendwie anbot. Die Küche war noch immer nicht fertig. Der Einbau der Warmwassertherme zog sich hin. Auf dem Hof kochen war mühsam. Der Staub legte sich auf Geschirr und Lebensmittel. Nach Rücksprache erzwang ich täglich eine Pause des Baugeschehens von 12.00 bis 15.00 Uhr. Das permanente Klopfen, Hämmern und Poltern belastete die Nerven und die Konzentration.

    Wir gingen durch diese Zeit wie durch ein Gebirge. Immer wieder kamen Momente, da mochte man nicht weitergehen und schaute sich um, nach dem Weg zurück. Doch dieser war kaum noch zu erkennen. Also weiter gehen. Dann endlich ein Berg war erklommen. Ein Problem gelöst, ein Ziel erreicht. Eine Pause wurde eingelegt. Der Anstieg war anstrengend. Nun musste es doch gut sein. Wir sehnten uns nach Bequemlichkeit, Feierabend, Erfrischung und Belohnung.
    Doch der Weg führte uns weiter zum nächsten Gipfel. Der Weg zurück lag bereits in weiter Ferne. Wir gingen brav oder schimpfend weiter, aber wir gingen. Folgten dem Weg.
    Neue Ziele brachten neue Erfahrungen. Nach den ersten Anstrengungen, nach den ersten unsicheren Schritten in Richtung Neuland, wurden wir sicherer, stärker, wurde der Schritt fester und waren wir geduldiger mit uns und denen, die uns begleiteten.
    Energie wurde täglich getankt. Die Akkus wurden aufgeladen mit einem eiskalten Drink und dem Anblick der untergehenden Sonne, dem Lachen der Menschen, der Kinder, dem Farbenspiel der Natur, dem leichten Wind vom Meer und letztendlich dem Gedanken tief im Herzen: 'Es ist ein Geschenk hier zu leben.'
    Auch diese Reise begann mit dem ersten Schritt.

    Besprachen wir die weiteren Projekte, Vorhaben und Ideen, erinnerte ich mich an die Worte eines früheren Kollegen: „Denk das Unmögliche!“

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  7. AW: Was suchst du in Madagaskar?

    1.Juni 2004
    Zaghaft besuchten wir die neuen angemieteten Räumlichkeiten bei Allianz Francaise in Majunga.
    Die künftige Küche war ein langer schmaler Raum, der an einem gemauerten Ausgußbecken mit Wasserhahn endete. Der Abfluss ging nicht. Durch die gemauerten Löcher in der Wand würde es immer rein regnen. Normalerweise wäre dies Raum für eine Veranda. Über der Küche ging eine Treppe hinauf in die Unterrichtsräume von Allianz Francaise.
    Der Raum für das künftige Internetcafe war fast quadratisch und klein. Ein großes Fenster zeigte zur Terrasse und ein weiteres zum großen Saal von Alliance Francaise.
    Die Terrasse, 20 x 10m, lag den ganzen Tag im Sonnenlicht. Zwei große hohe Laubbäume gaben der Eingangstreppe eine würdige Umrahmung. Große dicke Pfeiler teilten den überdachten Teil der Terrasse ab. Auf der gemauerten Brüstung standen wuchtige Blumenkästen. Kleine gelbe und rote Blüten streckten sich neugierig der Sonne entgegen. Vor der Terrasse lag die Uferpromenade, ging der Blick weit übers Meer. Der Leuchtturm von Katsepi begrüßte auf der linken Seite die in den Hafen von Mahajanga einlaufenden Schiffe. Die hohen Palmen der großzügig angelegten Promenade wogen sich leicht im Wind.
    Hier also gingen wir erneut an den Start.

    Mit Zollstock und Notizbuch ausgerüstet, wurden die ersten Pläne vor Ort besprochen und diskutiert. Wie viele Tische und Stühle brauchten wir? Wie viele Menschen werden bei uns die Fußballeuropameisterschaft sehen können?

    Von Allianz Francaise bekamen wir Tische und Stühle geliehen. Der Techniker des Hauses bestaunte den kleinen Beamer.
    Die große Leinwand 3 x 3 m wurde in Handarbeit in tagelanger Arbeit angefertigt und aufgestellt. Die Antenne für das Satellitenfernsehen wurde montiert. Die Übertragung klappte. Boxen und Verstärker, Mischpult und ein „Toi toi toi“ kamen von Allianz Francaise.
    Der Direktor unterstützte uns, wo er konnte.

    Wir kauften Gläser, Kühltruhe und Kühlschrank. Die Küche wurde gereinigt. Die ersten Flaschen kalt gestellt. Ein weiterer Kühlschrank, ein Wahnsinnsteil mit eingebautem Eiscrusher, wurde geliefert und sollte angeschlossen werden. Doch 60 cm sind nicht immer 60 cm. Die Tür zur Küche wies an einigen Stellen 60 cm auf, an anderen Stellen jedoch nicht. Der Kühlschrank passte nicht durch die Tür. Er blieb im Flur stehen.
    Die Werbung für unsere Veranstaltungen auf der Terrasse lief bereits im Radio fünfmal täglich.
    Die große Videoleinwand (auf dem Foto links) war fertig gestellt. Sie wurde in Handarbeit aus einem Holzgerüst und Leinwandstoff hergestellt.

    Der große Tag kam. Die Eröffnung der Fußball-Europameisterschaft.
    Gina, die neue Kellnerin erwies sich als flink und belastbar. Wir hatten volles Haus.
    Die Kunden nahmen an alten Holztischen, auf Plastikstühlen platz oder saßen auf Hockern.
    Es störte nicht. Das Bier wurde aus Flaschen getrunken.
    Alles klappte, es gab kaum Pannen.
    Unser Security musste aufpassen, dass die Gäste nicht über die Brüstung der Terasse kletterten, denn viel zu viele Menschen wollten herein und der Platz reichte nicht aus.

    Unser Konzept wurde schon jetzt angenommen.
    Nach den ersten 2-3 Fußballspielen legte sich die Aufregung. Tische und Plätze wurden vorbestellt. Langsam kehrte Routine ein.

    Die Veranstaltungen gingen bis in die Nacht. Zeitweise reichten die Plätze nicht aus. Der neue Security Jean-Luc kam immer wieder und fragte nach freien Plätzen. Moslems, Inder, Madagassen, Italiener, Schweizer und Franzosen verfolgten die Spiele, wurden unsere Kundschaft.
    Ein Franzose saß geduldig auf einem Blumenkasten am Pfeiler, 3 Madagassen auf umgekippten Bierkisten. Die Straße war teilweise nicht befahrbar, die Menschen standen außerhalb der Terrasse so weit das Auge reichte und verfolgten die Spiele. Auf den Dächern von Autos saßen ganze Familien. Wir freuten uns.
    Nach manchen abendlichen Veranstaltungen saßen wir mit den Mitarbeitern bei einem Bier oder Cola zusammen. Da waren der Nachtwächter von Allianz Francaise, auch der Haustechniker, Serge, Gina, die Kellnerin, Jean-Yves –unentbehrlich geworden- und Jean-Luc unser Security.
    Unser improvisiertes abendliches Spektakel war ein Erfolg und gab uns Recht.
    Die Lage der neuen Räume und der Terrasse waren einzigartig. Unser neues Vorhaben würde erfolgreich verlaufen, das wussten wir.
    Wenn nur erstmal unser Inventar käme...

    Während dessen lief im Internetcafe „Antsika“ der normale Betrieb weiter. Unsere Mitarbeiter im „Antsika“ hielten dort den Betrieb aufrecht, entlasteten uns.
    Einer von uns war im „Antsika“, zwei auf der Terrasse. Wir waren ständig unterwegs.
    Das Internetcafe „Antsika“ am Hafen war noch immer jeden Tag gut besucht. Doch die Küche war immer noch nicht fertig. Der Staub und Lärm von den Abriss – und Bauarbeiten im Stockwerk über uns, wurde immer unerträglicher.
    Kamen wir gegen Morgengrauen von einer Veranstaltung auf der Terrasse müde und ausgelaugt in die Räume des alten Internetcafes, wurden wir morgens ab 6.00 Uhr unsanft mit anhaltendem Poltern, Dröhnen und Krachen geweckt. Dieser Lärm hielt den ganzen Tag an.
    Kundschaft beschwerte sich oder blieb aus. Die Situation verschärfte sich immer mehr.

    Ich erkundigte mich, welche Möglichkeiten ich hatte, gegen diesen Zustand vorzugehen.
    In Madagaskar gab es keinen Mieterschutz. Mir wurde gesagt, der Mieter hat keine Rechte, ausser zu zahlen. Das Haus ist Eigentum des Vermieters und damit kann er bauen, so viel und solange er möchte und selbst in deinen Räumen kann er umbauen, wenn es ihm beliebt. Ob deine Geschäft daran zu grunde geht oder nicht.
    Na toll!

    Endlich traf die Nachricht ein, dass das Schiff mit unserem LKW angekommen war. Auch die Papierelagen bereit. Es konnte losgehen. Erfahrungsgemäß würde es nun noch wenigstens drei Wochen dauern, bis wir alles aus dem Zoll haben. Jan und Serge verhandelten. Sie bekamen die Zusage, dass wir den Inhalt schon nach einer Woche aus dem Zoll holen können. Ständiges Hin und Her. Noch diese Gebühr, noch jenes Formular, noch dorthin und dahin. Jeden Tag die Aussage „aber morgen wirklich“. Egal. Alle waren hoch motiviert.

    In der neuen „Küche“ bei Alliance Francaise konnte man nicht abwaschen, geschweige etwas zubereiten.
    Doch jeden Abend liefen die Fußballspiele der EM auf der Terrasse. Jan druckte die Getränkekarte jeden Tag aufs Neue aus. Auf der Rückseite fand der Gast die aktuellen Spielstände und die Termine der nächsten Spiele. Fand kein Spiel statt, zeigten wir Musik-Videos.
    Die Gruppe „Rosenstolz“ hatte bald ihre Fans und auch das tägliche Video von „Pink Floyd“ zog die Gäste an.
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  8. AW: Was suchst du in Madagaskar?

    Endlich!
    Serge und Jan hatten einen Termin zur „Visite“. Die Sachen im LKW sollten vom Zoll besichtigt werden. Vielleicht bekommen wir sie noch am gleichen Tag ausgehändigt?

    Doch der LKW war ja zugeschweißt. Ein Mann wurde herbei gerufen. Er kam mit einem Trennschleifer. Stromausfall. Den ganzen Vormittag, über Stunden hinweg: Stromausfall.

    Die Arbeiter in der Hafenhalle kamen mit Hammer und Meißel. Jan wehrte sich. Sie griffen nun zu einer kleinen Säge und begannen die Sicherheitsstangen durchzusägen. Mühselig. Dem Zolldirektor dauerte es zu lange. Er ging. Die Visite-Kommission vom Zoll löste sich auf. Jan war ratlos, aufgeregt, frustriert.
    Ausgerechnet heute Stromausfall!
    Serge sollte seine Fragen übersetzen. Doch er diskutierte mit dem Transiteur. Jan herrschte ihn an. Serge, genauso ratlos, hilflos, tat sein Bestes, diskutierte weiter. Jan platzte der Kragen. Er verstand den Dialog nicht, wollte dass Serge endlich seine Fragen übersetzt. Er schrie herum und tobte.
    Serge kündigte und verließ die Halle im Hafen. Jan resignierte, blieb mit Sebastian allein dort. Die beiden ließen den LKW nicht aus den Augen. Sie verhandelten weiter auf Französisch und Englisch.

    Zu dieser Zeit arbeitete ich im „Antsika“. Als ich Serge sah, freute ich mich, dachte ich doch der Termin wäre beendet, fragte nach Jan und Sebastian und ob wir nun die Sachen heute noch aus dem Hafen bekommen würden. Serge war einsilbig. Er sah mich kaum an und sagte, die beiden seien noch im Hafen und er geht jetzt nach hause. Ich schaute ihm ungläubig und erstaunt nach. Wieso ließ er sie im Hafen allein? Was hatte das alles zu bedeuten?

    Ich hatte nur wenig Zeit, lange darüber nachzudenken, die Veranstaltung am Abend musste vorbereitet werden. Das Personal wartete auf der Terrasse von Allianz Francaise auf mich und ich musste losgehen.
    Unterwegs traf ich Jan. Er lachte und sagte, Sebastian sei noch im Hafen. „Die Sachen werden gerade umgeladen. Wir können sie gleich auf der Terrasse in Empfang nehmen.“ Sie bekamen einen LKW zur Verfügung gestellt. Unser LKW sei noch nicht mit dem Zoll fertig, aber den Inhalt könnten wir schon ausladen. Ich konnte es kaum glauben. Sie hatten es geschafft!

    Es vergingen noch einige Stunden, dann kam ein LKW mit offener Ladefläche voll mit Kisten, Sachen und Kartons, dazwischen einige Arbeiter und am Rand der Ladefläche sah ich Sebastians blonden Schopf. Er strahlte und lachte. Die Freude war groß.
    Beim Abladen fassten alle mit an. Schnell wurde der LKW entladen. Ein „Sotscha Besaka“, ein Bier und ein Dankeschön für jeden Helfer und schon mussten wir uns wieder der bevorstehenden Veranstaltung widmen. Die ersten Zuschauer waren schon da. In der Küche türmten sich die Kisten und man schlängelte sich ständig zur Kühltruhe durch.

    Am nächsten Morgen wurden die Möbel für die Terrasse zusammen gebaut, die Tische und Stühle für das neue Internetcafe, für die Terrasse und im „Antsika“ wurde der neue Eingangstresen aufgestellt.
    Alle waren erfreut und beeindruckt.
    Schon wollten die ersten Kunden ins neue Internetcafe bei Allianz Francaise, doch dort bestand noch keine Internetverbindung. Sebastian richtete die neuen Computer ein. Netzwerkkabel wurden gekauft. Kabel für den Receiver fehlten. Einige Kabel waren zu kurz oder funktionierten nicht. Jan kaufte nicht nur neue Kabel, sondern auch ein Mischpult für die große Musikanlage.

    Sebastian fand in einem der Kartons eine Tüte mit Süßigkeiten. Ich hatte schon nicht mehr daran gedacht. Wir saßen auf der Terrasse, voller Freude, lutschten Lakritze und lachten über die Aufregung der letzten Tage.

    Der Vermieter vom „Antsika“ kündigte an, dass unsere Antenne vorübergehend abgebaut werden sollte. Doch für wie lange?
    Wir besprachen mit dem Internetanbieter, die Antenne für den Breitbandfunk am gleichen Tag des Abbaus vom „Antsika“ am Hause von Allianz Francaise zu installieren, damit wir bereits am Abend dort online sind.

    Wir riefen alle Mitarbeiter zusammen. Ich staunte. Vor mir saßen 13 Leute und folgten meinen Worten. 13 Angestellte hatten wir mittlerweile. Einige musste ich entlassen.
    Das „Antsika“ wurde geschlossen.
    Wir wussten zu diesem Zeitpunkt nicht, wie lange und wann wir es wieder eröffnen würden. Doch wir konnten nicht Personal beschäftigen, wenn das Geschäft geschlossen war. Wir hatten vor, das „Antsika“ zu renovieren und nach den Umbaumaßnahmen des Vermieters wieder zu eröffnen.

    Serge kam, um seine Papiere abzuholen. Ich bat ihn zu einem Gespräch, versuchte ihm die Situation vom Hafen zu erklären, dass so etwas vorkommen kann, dass man solche Dinge klären und damit aus der Welt schaffen kann. Weglaufen ist keine Lösung. Ich wollte ihn dazu bewegen, zu bleiben. Nein, er war zu. Er wollte nicht. Zu groß war der Ärger über Jans Verhalten. Alle Mühe meinerseits war vergebens. Er ging.

    Dieser arbeitsreiche Monat ging zu Ende. Das „Antsika“ war geschlossen. Traurig sah der große Kundenraum aus, als wäre das Leben weiter gezogen und hätte diesen Ort verlassen.

    Das „Antsika“ blieb für immer geschlossen. Auch nach einem halben Jahr, waren die Baumaßnahmen des Vermieters nicht beendet, wurde keine neue Antenne montiert und die monatliche Miete in voller Höhe belastete uns. Im November des gleichen Jahres kündigte ich den Mietvertrag, ließ die Räume noch einmal streichen und zwang den Vermieter, die Kündigung ohne weitere Kündigungsfrist, anzunehmen. Die eingezahlte Kaution bekam ich nicht zurück. Auf einen Gerichtsprozess verzichteten wir, denn ein Anwalt wäre kostspieliger gewesen.

    Loslassen. Immer wieder im Leben geht es um dieses Thema.
    Freunde loslassen, Orte loslassen, Pläne, Konzepte loslassen.
    Umorientieren.
    Ziele loslassen, neu überdenken. Neu Wege gehen.
    Locker bleiben. Nicht verkrampfen.
    Ängsten keine Chance geben.
    Weitergehen.
    Weitergehen mit Zuversicht und Vertrauen.
    Vertrauen in uns, in unsere Kraft,
    aber auch Vertrauen, dass dieser Weg genau der ist,
    der vorgesehen ist.

    Die Antenne am alten Internetcafe wurde abgebaut und nach immerhin einer Woche hatten wir im neuen Internetcafe die erwartete Internetverbindung. Ein neuer Anfang war gemacht.
    Immer wieder kamen Kunden vom alten „Antsika“.
    Eine Tafel an der Außenseite des Hauses, die von der Schließung und der bevorstehenden Renovierung verkündete, gab den Hinweis auf das neue Internetcafe bei Allianz Francaise.

    Eines Abends räumten wir Tische und Stühle zusammen, das Fußballspiel war vorbei, die Gäste gegangen. Ein Trupp Jugendlicher zog an der Terrasse vorbei, offensichtlich angetrunken. Einer von ihnen schrie uns etwas zu. Die anderen redeten auf ihn ein und hielten ihn sichtlich zurück. Unser Personal rief ihm aufgeregt und erbost etwas zu. Ich verstand, was da vor ging. Sebastian übersetzte den Rest. Er hatte uns beschimpft, er dachte wir gehören zu Allianz Francaise und wir seien Franzosen. Er hasste Franzosen.

    Das gab uns zu denken. Wir sprachen in den nächsten Tagen immer wieder über dieses Erlebnis und beschlossen uns als „Deutsch“ offensichtlicher zu präsentieren. Auf den Rechnern wurden Hintergrundbilder mit Fotos von Berlin installiert.
    An die Wände hängten wir große Bilder mit Motiven aus Deutschland. Ein Bild zeigte Köln bei Nacht im 80x30 cm Format.

    Bald sprach sich herum, dass die „Deutschen bei Allianz Francaise“ ein schickes modernes Internetcafe eröffnet hatten. Viele Kunden machten Fotos.
    Selbst die Vertreter von verschiedenen Internetanbietern ließen es sich nicht nehmen, Fotos zu machen von der Ausstattung. Auch der Preis wurde akzeptiert. Wir hatten einen guten Start, auch ohne Werbung. Einige Stammkunden folgten uns, andere neue Stammkunden kamen hinzu.

    Manchmal ist der kleinste Hügel mühselig. Wir klagen und schwerfällig ziehen wir weiter. Dann wieder passieren Dinge und wir rennen über ein Gebirge.
    Kein Umsehen, kein Blick zurück.
    Keine Frage nach der Kraft, nach Ausdauer.
    Keine Frage, wie hoch ist der Berg.
    Wir überrennen jedes Hindernis.
    Hoppla, war das ein Stolperstein?
    Die Energie ist einmal ausgebrochen und sie fließt wie aus einer unsichtbaren, nicht versiegenden Quelle.

    Ich kenne zwei dieser Quellen: Freude und Liebe.
    Wie heißen deine Quellen?

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  9. AW: Was suchst du in Madagaskar?

    Die Fußballeuropameisterschaft war ein Erfolg. Improvisiert und chaotisch, aber gut.
    Fortan hatten wir Interessenten und Stammkunden. Wir begannen auf der Terrasse organisierter zu arbeiten. Es wurden frisch gepresste Fruchtsäfte verkauft. Fruchtsäfte bekam man hier zwar überall, aber diese waren mit Leitungswasser verdünnt. Wir boten sie pur an. Vitamine pur. Milchshakes und die ersten Cocktails wurden ausprobiert und angeboten.
    Jean Yves entdeckte seine Begabung als Barkeeper. Mit Vorliebe bereitete er Cocktails zu oder andere Mixgetränke.

    In der Küche wurde eine Arbeitsfläche gemauert und gefliest, Spüle und Warmwasserboiler eingebaut. Dies alles erfolgte nachts, um den laufenden Betrieb nicht zu stören. Rado, ein neuer Mitarbeiter, und ich verbrachten zwei Wochen Nacht für Nacht im Geschäft, um die Arbeiten zu überwachen. Nach diesen zwei Wochen war ich kaum noch ansprechbar. Tagsüber Geschäft, Termine und eine Mütze voll Schlaf im Abriss reifen Haus, nachts die Handwerker in den Geschäftsräumen.

    Nicht nur das Terrassencafe erfreute sich großer Beliebtheit, auch das Internetcafé war von Beginn an voll.

    Bei Jean Yves stand ein Familienfest an. Er fragte, ob wir kommen können und Fotos machen. Er bat um Urlaub. Keine Frage, dass wir die Einladung annehmen würden und zumindest einen Besuch einplanten. Sein ältester Sohn, sieben Jahre alt, feierte das Fest der Beschneidung.
    Jan und Sebastian fuhren dann auch an einem Samstagnachmittags zu Jean Yves. Von weitem glaubten sie noch, ein öffentliches Dorffest sei zufällig auch in der Nähe. Doch je näher sie kamen, merkten sie, dass dies alles Gäste waren, die zum Fest von Jean Yves gekommen waren.
    Ca. 400 Personen feierten ausgelassen vier Tage und Nächte die Beschneidung des Jungen.
    Sebastian fragte Jena Yves: „Wer ist das alles?“
    Er sagte: „Familie“
    „Und du kennst alle?“
    „Ja“.
    Sie reisten aus dem ganzen Land an. Sebastian machte Fotos. Jean Yves war sehr stolz, dass sein „Patron“ gekommen war. Tänze wurden vorgeführt. Solche Familienfeste waren ein absoluter Höhepunkt. Viele Familien verschuldeten sich dadurch auf Jahre.
    Wir erfuhren, dass der Vater das Stückchen Haut, das seinem Sohn bei der Beschneidung entfernt wird, essen muss. Wir sahen uns an und schüttelten uns.
    Eine andere Tradition war es, das Stück Bauchnabel, welches dem Neugeborenen irgendwann abfällt, aufzubewahren. Es wurde verpackt und aufgehoben.
    Jean Yves zeigte stolz sein Stück Nabelschnur. Durch die Jahre verschrumpelt und unansehnlich geworden, bewahrte er es, wie ein kostbares Kleinod, auf.
    Uns befremden diese Bräuche.
    Andere Länder, andere Sitten.

    Die Papiere für den LKW waren noch nicht fertig. Das Inventar hatten wir, doch der LKW befand sich noch im Hafen. Wir wechselten den Transiteur und nach mehr als zwei weiteren Wochen bekamen wir den LKW aus dem Zoll.

    Während der Mittagszeit kamen nur wenige Kunden. Diese Zeit genoss ich auf der Terrasse. Die Ruhe bei traumhaftem Wetter ließ die Gedanken spazieren gehen. Es war herrlich, bei leichtem Wind von der See und im Schatten der Bäume einen kalten Drink zu schlürfen. Herrlich.

    Um im Internet zu surfen, musste ich natürlich warten bis das Geschäft geschlossen war, denn die Computerplätze waren fast immer besetzt.
    Jan nahm wenig Rücksicht. Selbst wenn man ihn mahnte, dass Kunden warteten, räumte er nur widerwillig den Platz. Er beschäftigte sich täglich mit Online-Spielen.
    Zur Mittagszeit oder am Abend rief er Jean-Yves oder Rado, die ihm von einem Restaurant ein Menü holen sollten. Sein Ruf „Rado! Einmal Steak mit Scheisse!“ kannten die Mitarbeiter und ich schämte mich.
    Dieses „Steak mit Scheiße“ kostete so viel, wie unsere Angestellten am Tag verdienten. Sie konnten sich diese „Scheisse“ nicht leisten.
    Im Widerspruch zu diesem Verhalten begann er, sein Äußeres zu vernachlässigen. Ständig hörte ich Kritik über ihn. „Kannst du dich nicht mal kämmen?“ war nur eine der fast täglichen Fragen. Selbst den Angestellten fiel es auf. Für einen Geschäftsführer war sein Verhalten einfach nur peinlich.

    Dennoch ging dieser Monat mit Zufriedenheit zu Ende. Wir hatten mal wieder gezaubert. Aus dem Nichts entstanden Veranstaltungen. Den LKW konnten wir endlich aus dem Zoll holen. Die abendlichen Sportübertragungen auf der Terrasse gehörten nun schon zum normalen Leben an der Uferpromenade. Nach diesem Gewaltakt an Arbeit waren wir ausgepowert. Sehnsucht nach Urlaub und Erholung machte sich breit.

    Doch der nächste Höhepunkt stand schon vor der Tür.
    Die Olympiade in Athen.

    Immer öfter arbeitete ich nachts durch. Sei es wegen der Gestaltung einer Webseite oder der Recherche im Internet. Es war mir nur nachts möglich, am Rechner ungestört zu arbeiten. Die Tage waren gefüllt mit Terminen bei den Ämtern wegen Genehmigungen und Formalitäten, mit dem Dienst in der Küche oder anderen Terminen.

    Wir wechselten uns ab. Mein Leben bestand nur noch aus Terrasse, Küche und Internetcafé. Geschlafen wurde vormittags, wenn Jan die Aufsicht auf der Terrasse für ein paar Stunden allein übernahm..

    Erfahrungen und Schmerzen lassen uns vorsichtiger werden. Wichtig ist, dass wir uns nicht verschließen, offen bleiben für das Leben, für das Neue.
    Bei aller Geschäftigkeit gab es immer häufiger Momente, in denen ich reflektierte. „Was geht in mir vor? Was sagt mein Herz?“
    Jan spielte noch immer eine große Rolle in meinem Leben.
    Liebte ich ihn noch?
    Hatte ich ihm verziehen?
    Ich fühlte mich verantwortlich. Ich sorgte weiterhin für ihn, sein Essen, seine Wäsche, seine Launen. Um seine Nächte kümmerte er sich selbst.

    Bei aller Vertrautheit, bei allem Verständnis und Verzeihen, bei allen Gemeinsamkeiten und Zusammenhalten, der Traum mit ihm gehörte der Vergangenheit an. Er stand neben mir und war doch Galaxien von mir entfernt. Die Vorstellung, mit ihm den Rest meines Lebens zu verbringen, löste keine Glücksmomente mehr aus, kein Schmunzeln stellte sich ein, kein Herz hüpfte. Eine Zukunft mit ihm in Zweisamkeit, eine Beziehung konnte ich mir nicht mehr vorstellen. Ich hatte losgelassen. Doch er war für mich Partner im täglichen Kampf, Freund und Vertrauter.

    In unserem Haus standen alle Möbel vom alten Internetcafe, viele Kisten. Dieses Haus war alles andere, als gemütlich. Dort wollte ich nicht bleiben, nicht in der kommenden Regenzeit. Seit dem letzten Zyklon hatte ich den Eindruck, dass es zerfällt. Breite Risse in den Wänden, um Fenster und Türen, die Stellen an der Decke, die herab zu fallen drohten und letztendlich die Enge mahnte zur Suche nach einem anderen Haus.

    Nachts schliefen wir auf einer Matratze auf dem Boden des Internetcafes bei Alliance Francaise. Morgens, bevor das Personal kam, wurde die Matratze weg geräumt. Zum Duschen gingen wir ins Haus. Die Waschmaschine konnte ich dort nicht anschließen. Es war kein Platz. Geduscht wurde kalt. Kein warmes Wasser im ganzen Haus. Unter der Zimmerdecke bildeten sich Beulen, dort nisteten Termiten.
    Ameisen vom Boden bis zur Decke. Von den Spinnen und Kakerlaken ganz zu schweigen.
    Die Decke im Wohnzimmer wurde seit dem letzten Zyklon schwarz. Dort bildete sich Schimmel.
    Vielleicht, so dachte ich mir, könnte man das Haus auch ausbauen. Eine gute Lage hat es ja, aber zunächst ging ich auf Suche nach einem anderen Domizil.

    Die Sehnsucht nach einem schönen Zuhause kam auf.
    Ein Schlafzimmer, ein Wohnzimmer, nicht nur eine Stelle, wo die Matratze liegt und Räume, in denen sich die Kisten stapelten, und die Angst, wenn es regnete, wo man denn dieses Mal die Schüsseln aufstellen musste.
    Von Insekten zerfressene Bücher und vor sich faulende Sachen.
    Ich sah mir Häuser an, suchte mit einem Makler nach einem neuen Heim. Jede Woche hatte ich nun Termine für Hausbesichtigungen. Doch entweder waren die Angebote in ähnlichem Zustand wie unser Haus, oder zu weit weg und abgelegen oder zu teuer.

    Den LKW zu verkaufen erwies sich als schwierig. Es kamen viele Interessenten. Sie wollten jedoch den LKW zur Hälfte des Preises, um ihn dann in Tana teuer zu verkaufen.

    Eines Tages wurde Jan von der Polizei angehalten, das Nummernschild des LKW würde nicht stimmen. Aha? Ja, tatsächlich, niemandem war es aufgefallen, nicht einmal dem Zoll.
    Der LKW trug noch immer die Überführungskennzeichen aus Deutschland, die aber nicht in den Zollpapieren angegeben waren. Jan versprach, die Sache in Ordnung zu bringen.
    Nun, wir brachten es in Ordnung. Jean Yves besorgte neue Blechschilder und malte das richtige Kennzeichen einfach auf. Fertig.
    Problem erledigt.

    Die Olympiade in Athen sorgte jeden Abend für ein volles Haus und für unpassierbare Gehwege vor der Terrasse. Wir hatten allabendlich volles Programm und der Umsatz war gut.
    Viel zu tun, viel Erfolg.

    Eines Abends, ich saß am Computer in der Küche, holte mich Gina, unsere Bedienung aufgeregt nach draußen. In einer Disziplin hatte unsere Mannschaft gewonnen. Die Siegerehrung begann.
    Unser Personal stand an der Seite und strahlte mich an.
    Ich war total gerührt.
    Die deutsche Nationalhymne wurde gespielt. Am Ende begannen unsere Leute laut Beifall zu klatschen. Auch alle Gäste klatschten Beifall. Einige standen sogar auf.
    Ein seltsames Gefühl, so weit von Deutschland entfernt zu sein. Nicht mehr dort leben zu wollen und doch, wenn die Nationalhymne erklingt, ist man stolz, traurig, gerührt, andächtig und bekommt Heimweh.
    Warum?
    Nationalstolz? Auf was? Warum?
    Ich werde immer deutsch sein, auch wenn ich Deutschland verlassen habe und ich in diesem Land nicht mehr leben möchte.
    Vielleicht weil dort so viele leben, die mir wichtig sind, meine Kindheit dort so schön war?
    Nein, es ist mehr. Es sind meine Wurzeln.
    Ein Teil meines Herzens liegt dort, in den Wäldern, in den Wiesen, im Morgentau auf dem Gras, in den Nebelschleiern, im frischen Schnee und in den hell erleuchteten warmen Stuben.
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  10. AW: Was suchst du in Madagaskar?

    Endlich brachte uns Rondro, unsere Dolmetscherin, die Papiere. Die Gewerbeerlaubnis wurde verlängert. Viel Geld hatte es gekostet, viele Nerven, viel Geduld. Wir konnten nun aufatmen.

    Auf der Terrasse planten wir den Bau des Pavillons, der später die Bar beherbergen sollte. Aus Palisanderholz und mit stabiler Bauweise sollte er auch einem Zyklon trotzen.
    Mit Alliance Francaise hatten wir eine Besprechung.
    Wir hatten viele Wünsche auf Veränderung. Für die Erlaubnis zum Ausschank von Alkohol benötigten wir das „Okay“ des Vermieters, ebenso für den Bau des Pavillons, dem weiteren Ausbau der Räume. Einige Teile der Brüstung sollten mit einer Holzverkleidung versehen werden und so Teil der Bar werden. Dürfen wir Speisen anbieten, wie sieht unser Veranstaltungsplan aus, können wir ihn mit den Veranstaltungen im hause von Alliance Francaise abstimmen? Wir bekamen „grünes Licht“ für die Realisierung vieler Pläne. Doch der Alkoholausschank wurde begrenzt auf die Ausgabe von Bier. Speisen durften wir nicht wirklich anbieten, denn wir hatten die Auflage, keine Geruchsbelästigung durch das Zubereiten der Speisen entstehen zu lassen. Doch mit der Gestaltung der Terrasse und dem weiteren Ausbau der Küche konnten wir beginnen.

    Zwei deutsche Touristen besuchten uns. Wir kamen ins Gespräch, verbrachten gemeinsame Abende, verstanden uns und es wurde viel gelacht. Sie kochten in unserer Küche Frikassee und luden uns ein. Beide waren auf der Durchreise, wollten nach Mitsinso.
    Die Frage, ob Sebastian mitkommen möchte, verneinte er zunächst. In letzter Sekunde sagte er jedoch zu und fuhr spontan mit.

    Nach drei Tagen hielt ein Taxi vor der Terrasse. Sebastian stieg aus. Er sah aus wie ein Weltenbummler. Das Hemd war mir nicht bekannt, das Tuch, lässig um den Hals geschlungen, auch nicht. Dreckig, verschwitzt und glücklich erzählte er von seinen Erlebnissen.
    Die ganze Strapaze, um dort überhaupt anzukommen, der Weg mit der Fähre, dem Taxi Brousse, mit dem Zebukarren und mit einer Piroge, hatte sich gelohnt.
    Er sagte „weißt du, ich habe Natur gesehen, die Millionen Menschen, nie sehen werden, Millionen können davon nur träumen. So unberührt und wunderschön. Wenn ein Dinosaurier vorbei gekommen wäre, es hätte mich nicht gewundert. Eine Landschaft, wie eine Filmkulisse. Es war überhaupt wie ein Film. Ich hatte das Gefühl, ich bin gar nicht da, ich träume das nur alles, als würde es an mir vorbeiziehen, wie ein Traum. Niemals hätte ich gedacht, dass es so etwas Wundervolles gibt.“
    Dann berichtete er von den Menschen, die ihm begegneten, einem Boxkampf auf dem Dorfplatz und den Pannen auf der Rückfahrt. Seine Augen strahlten und ich wünschte mir diese Augen noch sehr oft so glücklich zu sehen.

    Es war Ende August und nach der Olympiade nahmen die Ferien ein Ende, hier in Madagaskar, wie in Europa auch. Die Touristen wurden weniger. Wir spürten es an den Besuchern. Es wurden weniger. Weniger Gäste, weniger Umsatz.

    Der Pavillon war bereits im Bau. Ich hatte eine technische Zeichnung angefertigt. Ein Franzose hatte den Auftrag übernommen. Jan äußerte Wünsche hier und da, doch umsetzen musste ich es. Sag ihm dies, sag ihm jenes. „So geht das nicht, gestern kam der Franzose angetrunken zur Arbeit, heute kam er nur 2 Stunden und verschwand wieder...sprich mit ihm, so geht das nicht. Dann ist der Pavillon nächstes Jahr noch nicht fertig. Er hatte zugesagt innerhalb eines Monats die Arbeiten abgeschlossen zu haben...“
    Immer wieder musste ich mich mit dem Auftragnehmer auseinander setzen. Es ging nicht immer friedlich ab. Manches mal zog er beleidigt von dannen. Wenn er Geld brauchte, kam er und verlangte einen Vorschuss. Es war schwierig die Arbeit voran zu treiben.

    Jan schenkte weiterhin Alkohol aus, auch Cocktails und harte Sachen. Wir hatten die Auflage tagsüber, wenn in den Räumen des Hauses noch unterrichtet wird, die Musik auf Zimmerlautstärke zu stellen. Doch Jan konnte sich nicht disziplinieren. Er riss bereits am Nachmittag die Anlage auf, dass es weithin zu hören war. Beschwerden der Lehrer und Angestellten ignorierte er grinsend. Es schien ihm Spaß zu bereiten, den Vermieter zu provozieren.
    Sobald ich bemerkte, dass er die Vereinbarungen brach, die Musik zu laut war, griff ich ein. Jan reagierte auf mein Einschreiten kindisch, als hätte ich ihm den Teddy weg genommen.


    Die Küche sollte weiter ausgebaut werden. Doch dazu fehlte noch der Verkaufserlös vom LKW.
    Aufkommenden Existenzängsten wollte ich keine Chance geben. Wir hatten es bisher geschafft, wir würden es auch jetzt schaffen. Die Regenzeit würde sicherlich hart werden. Um alles noch vor der Regenzeit um- und ausbauen zu können, um genug Polster zu haben und ein neues Haus zu finden, musste zuvor der LKW verkauft werden. Der Pavillon war bereits im Bau. Die Küche konnte weiter ausgebaut werden. Fanja in Tana bot ihre Hilfe an. Der Verkauf des LKW war das dringende Thema in dieser Zeit und immer wieder sagten wir „Ja, das machen wir, wenn der Lkw verkauft ist..“ Egal, um welche Idee besprochen wurde, sobald es auch um Ausgaben ging, tauchte dieser Satz auf. Wir kamen nicht weiter. Das Geld fehlte.
    Wir standen mal wieder in der Warteschleife, in den Startlöchern. Es ging nicht voran. Hindernisse schlugen quer. Der Entsafter gab den Geist auf. Der Drucker wollte nicht mehr. Ein Kabel vom Emplay ging kaputt.

    Der Internetanbieter, eröffnete ein eigenes Internetcafé in unserer Nähe und bot die Internetverbindung in der ersten Woche kostenlos an, danach zum halben Preis. Das machte sich in unserer Kasse bemerkbar. Wir hatten zu kämpfen.
    Dazu kam, dass wir immer wieder offline waren.
    Geschäftsschädigend gruben sie ihren eigenen Kunden, das Wasser ab. Ich war erbost und wußte aber auch, dass man in Madagaskar solcher Willkür ausgeliefert war. Wir konnten uns gegen den zunehmenden Konkurrenzdruck nur wehren, durch guten Service und ein modernes Equipment. Unsere Preise behielten wir bei und nach ca. zwei Wochen waren die Kunden fast wieder alle da.


    Saß ich auf der Terrasse, schaute auf das Meer, die Wellen spiegelten die Sonne wider, funkelten wie tausend Diamanten, sah drüben auf der anderen Seite die Landzunge Katsepi, den Leuchtturm, dann wusste ich, dass nichts umsonst war und aufgeben keine Alternative war. Wir hatten ein Gebirge überquert, warum sollten wir wegen einiger kleiner Berge kehrt machen?
    Das Warten machte nervös, okay, aber wir wussten, dass es irgendwann weitergeht, dass sich die Lösungen abzeichnen würden, sobald die Zeit dafür gekommen war.
    Alles hat seinen Sinn. Auch die Zeit des Übergangs, die Zeit des Wartens.
    Schwere Zeiten fördern den Zusammenhalt. Wir waren ein Team geworden. Wir sprachen uns ab, wir trösteten uns. Wenn einer schimpfte und maulte, beruhigten ihn die anderen.

    Privates lag nach wie vor auf Eis.
    Jemand fragte mich, was mir zum Glück noch fehlt.
    Ich antwortete nicht, aber in Gedanken sagte ich: „ein Auftaugerät..“

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