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  1. Avatar von KHelga
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    AW: Was suchst du in Madagaskar?

    @derdrei

    ICH lese es mit Spannung und werde mir zu gegebener Zeit auch sofort das Buch kaufen.

    FG von Helga

    „Nehmen sie die Menschen wie sie sind, denn andere gibt es nicht“
    Konrad Adenauer

  2. Inaktiver User

    Was suchst du in Madagaskar?

    Ich lese auch mit, bin allerdings erst ab der Mitte "dabei" und muß mir bei Gelegenheit noch den Anfang der Geschichte vorknöpfen.


    Wenn eine Geschichte spannend oder gut erzählt ist, lese ich das auch gern am Bildschirm. Okay: ich habe meinen Bildschirm meistens abends gemütlich auf der Couch auf dem Schoß - das macht vielleicht auch was aus!

  3. Avatar von KHelga
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    AW: Was suchst du in Madagaskar?

    Hallöchen Bunte Kuh,

    vor allem, es ist eine WAHRE Geschichte.

    FG von Helga

    „Nehmen sie die Menschen wie sie sind, denn andere gibt es nicht“
    Konrad Adenauer


  4. Registriert seit
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    AW: Was suchst du in Madagaskar?

    Mein Zwischenruf war kein Qualitätsurteil. Nach einem guten Lektorat und auf Papier würde ich die Geschichte auch lesen.

    Warum melden sich die Leute nie? Ich glaube, Teccla freut sich bestimmt über dieses Lob.

  5. AW: Was suchst du in Madagaskar?

    Der Januar zeigte sich schwierig. Es kamen kaum Kunden. Ratlos sahen wir in den leeren Kundenraum. Rondro sagte, das sei normal, die Leute haben über die Feiertage viel Geld ausgegeben. Da ist geschäftsmäßig der Januar ein schlechter Monat.
    Aha, saure Gurkenzeit.

    Das Weihnachtspaket kam an. Ich stellte den verspäteten Weihnachtsbaum auf und freute mich über ein neues Handy. Allerdings nicht lange. Es wurde kurze Zeit später im Kundenraum gestohlen.

    Die Hitze steigerte sich ins Unerträgliche. Die Luftfeuchte von 90 % ließ jede Bewegung zur Arbeit werden. Man erwachte im eigenen Saft und ein Lüftchen am Meer, ein bisschen Wind war eine Wohltat. Wir merkten es auch der Kundschaft an, entweder kamen sie früh am Morgen oder nach Sonnenuntergang.

    Die neuen Klimaanlagen in den Zimmern liefen Tag und Nacht auf Hochtouren. Doch der Kundenraum kühlte sich kaum ab.

    Ich erkältete mich und steckte mich bei Rondro an. Eine Virusgrippe ging um. Sie dauerte etwa eine Woche, doch war sie heftig. Ich wachte eines Morgens auf, konnte mich nicht bewegen, bestand nur aus Schmerz und dachte, "So nun ist es soweit, das war’s." Das Fieber stieg. Ich spürte die ansteigende Hitze und hatte in einer Nacht ca. 4 Fieberschübe. Jan rief den Arzt. Nach einer Spritze und einigen Tabletten ging es mir nach 2 Tagen wieder besser. Ich war noch wacklig auf den Beinen, aber von Tag zu Tag ging es besser.

    Jan benötigte neue Sandalen. Meine Bemühung in Majunga Sandaletten oder Badelatschen in der Grösse 46 zu bekommen verlief fruchtlos.
    Es ist ein kleines Volk. Das jemand so große Füße hat und die Größe 46 braucht, war für Madagassen unvorstellbar. So erntete ich auf meine Nachfrage bei den vielen Schuhverkäufern auf den Märkten Unverständnis, staunende Gesichter und Gelächter. Na, das war doch schön zur Heiterkeit beizutragen. Jan lief nun weiterhin barfuß.

    Die Entscheidung von Allianz Francaise wurde auf den 20.1. 2004 festgelegt. Wir wurden eingeladen, unser Konzept dort zu präsentieren. Jan und Rondro gingen hin, ich fühlte mich noch nicht fit genug.

    Allen Ernstes fragten die Teilnehmer der Kommission, die über die Ausschreibung entscheiden sollten, welche Sicherheit wir geben könnten, dass das Konzept aufgeht. Jan erzählte, dass er sich über solche und ähnliche Fragen sehr gewundert hat, lag doch das finanzielle Risiko auf unserer Seite. Doch er konnte sie überzeugen.

    Jeden zweiten Abend saßen wir mit Freunden beim Franzosen gegenüber und erzählten Geschichten, hörten Schicksale von anderen hier lebenden Deutschen oder Franzosen, hörten Erlebnisse aus Afrika, Marokko, Italien, Spanien und Asien.
    Ich entdeckte bei dieser Gelegenheit, dass Pastise mit Cola nicht nur nach Lakritze riecht, sondern auch fast so würzig schmeckt.

    Per Internet lernte ich einen potentiellen Investor kennen. Alles ging sehr schnell. Wir redeten eine Nacht lang per Chat und es gingen Mails hin und her. Dann waren wir uns einig. Er bekam 40%. Das war ein großer Anteil, aber er kam auch mit einem entsorechend großen Kapital in die Firma. Allianz Francais - sollten wir die Zusage bekommen- konnte damit finanziert werden.

    Alles kommt ins Lot. Alles kommt zur rechten Zeit.
    Ich wusste, dass alle meine Wünsche in Erfüllung gehen würden, in diesem Jahr.
    Ich wusste auch, dass ich weitere Proben zu bestehen hatte, aber ich war zuversichtlich, dass mich auch diese Prüfungen weiterbringen würden.

    Unser neuer Investor, Fred, erwies sich als sehr zuverlässig, sehr interessiert und ich freute mich über seine Anteilnahme. Er war allgegenwärtig und jedes Ereignis wurde ihm sofort berichtet.

    Er transferierte Geld. Wir kauften drei Rechner, Pentium 4. Was Gutes. Endlich hatten wir wieder 8 Rechner. So viele PCs sollten bereits ab Oktober laufen. In Deutschland standen noch 3 PC mit Monitor und Sebastian sollte 2 Notebooks mitbringen, die ich bei Ebay ersteigert hatte.

    Wir haben nun mehr Rechner, aber immer noch eine furchtbar schlechte Verbindung, ja langsam scheint es, dass die Verbindung immer langsamer wird. Ich redete gegenüber dem Chef der Filiale in Mahajanga über meinen Verdacht, dass jemand manipuliert, damit wir eine so schlechte Verbindung haben. Unser Tarif wurde höher auf gleichmäßig 64 kb gestellt. Nun war die Verbindung wirklich gut. Teilweise hatten wir sogar 128 kb.
    (Der Vertrag sah die Geschwindigkeit von 32-64 kb vor, wir hatten jedoch all die Monate eine Geschwindigkeit zwischen 9 und 17 kb zu verzeichnen.)

    Ein Freund sagte eines Abends zu mir, lass uns mal nachsehen, es wird erzählt, ein Zyklon komme von Nosy Be in Richtung Majunga runter. Wir schauten bei wetter-online.com nach und sahen uns die Satellitenbilder an, stellten fest, dass der Zyklon nicht von Nosy Be kam, sondern von Afrika und genau über Majunga an Land gehen würde.
    Diese Grafik war erschreckend, aber uns war nicht klar, wie schnell der Zyklon hier sein sollte.

    In dieser Nacht blieb ich auf und ging erst am Morgen ins Bett. Als ich mittags erwachte, sagte Jan, die Internetverbindung sei unterbrochen. Ich erzählte von dem Zyklon und sagte ihm, wir müssen nachmittags Vorräte einkaufen. Aber dazu kam es nicht mehr.

    Nach 15.00 Uhr fuhr er los, um einzukaufen, doch alle Geschäfte hatten bereits geschlossen.
    Das Wetter verschlechterte sich zusehends. Kein Mensch war mehr auf den Straßen zu sehen, selbst die Obdachlosen hatten einen Unterschlupf gefunden. Der Regen vermischte sich mit heftigem Sturm. Die Sichtweite lag unter 10 Meter.

    Wir sehen dem Sturm zu, hörten Teile vom Dach poltern, die knapp neben unserem Transporter aufschlugen. Die Schiffe, die sich im Hafen aneinander rieben, erzeugten unheimliche Laute. Die Boote fuhren aus, damit hatten sie auf See eine größere Chance. Sah ganz danach aus, dass der Zyklon schon vor der Tür stand.

    Wir hatten keine Vorräte und der Strom war auch unterbrochen.
    Ich suchte Kerzen und stellte sie auf. Ratlosigkeit, Angst und das Wissen mitten im Geschehen zu sein, beruhigte nicht gerade. Wir hatten so etwas noch nie erlebt. Es traf uns unvorbereitet.

    Nach der Mittagspause kamen unsere Mädchen nicht. Georgina versuchte verzweifelt den Grill an zu machen.
    Jan fuhr mit dem Transporter los. Er wollte zu unseren Freunden. Die hatten Konserven da, auch Milch und könnten bestimmt irgendwo auch Zigaretten auftreiben.
    Nach wenigen Minuten kam er zurück. Es war kein Durchkommen die Straßen waren abgesperrt, Stromleitungen lagen in großen Pfützen. Bäume waren umgestürzt.
    Er stellt das Auto ab, zog sich eine wetterfeste Jacke an und wollte zu Fuß zum Haus.

    Georgina war bei mir und blieb über Nacht. Sie wollte bei dem Wetter nicht nach Hause. Es stürzten Bäume um und Steine flogen durch die Gegend. An den Hafenanlagen beobachteten wir, wie der Sturm die Dächer anhob.
    Gegenüber beim Franzosen stand ein Auto, Männer gingen zum Kiosk. Ich sah, wie ein Mann etwas zum Auto brachte. Anscheinend war jemand dort, eine Chance, Zigaretten, Kaffee und ein paar Flaschen Wasser zu bekommen.
    Ich schickte Georgina hinüber, einkaufen. Sie bekam nichts. Von weitem rief sie mir zu, dass sie nichts bekommen hat. Durch ihr lautes Rufen sahen ihr die Männer nach, erkannten mich in der Tür, winkten Georgina zurück. Nun bekam sie alles. Aha, ein Madagasse hätte also nichts kaufen können.

    Es wurde dunkel. Jan war noch nicht zurück. Ich machte mir keine Sorgen, ich hatte kein schlechtes Gefühl. .
    Wir trugen den Grill in die Küche, machten Bratkartoffeln und aßen beide. Wer weiß schon, wann wir die nächste Mahlzeit bekommen würden.
    Ich sah dem Sturm draußen zu. Immer wieder schepperte es, erschreckten wir uns.
    Gut, dass Georgina blieb. Ich hatte Angst. Doch es war auch spannend. Immer wieder ging ich die Räume ab, ob irgendwo Wasser eindrang. Alles war dicht. Gott sei Dank.

    Draußen sahen wir einen Mann in einer Abfalltonne wühlen. Er suchte nach Essen und steckte sich immer wieder irgendwelche Reste aus der stinkenden Tonne in den Mund.
    Ich sagte Georgina, sie soll ihm das alte Brot geben. Ich hob trockene Bagettes auf, um daraus Paniermehl zu reiben. Einige Bagettes waren noch weich. Georgina rief den Mann heran und gab ihm einige Brote. Er nahm sie erstaunt und entfernte sich. Er hatte Mühe von der Stelle zu kommen.

    Endlich, Jan stand plötzlich klatschnass in der Tür. Es war 21.30 Uhr. An das laute Tosen des Sturmes draußen gewöhnte man sich. Es war so laut, dass wir uns teilweise anschreien mussten. Immer wieder erschrecktes Aufhorchen, wenn es am Dach rumpelte. Wird es halten? Unser Wellblechdach mit den alten Autoreifen sah nicht sehr vertrauenwürdig aus...
    Jan erzählte stolz, er habe Zigaretten, auch einige Konserven bekommen. Er erzählte von den Straßen. Am Seeufer sollen Steine der Uferbefestigung auf die Strasse geschleudert sein. Alles war abgesperrt. Er sagte, es sei gefährlich draußen.

    Am nächsten Morgen sahen wir das ganze Ausmaß. Wir hatten Glück. In unserer Gegend war kaum was passiert. Die Innenstadt glich einem Chaos, überall abgeknickte, umgefallene Strommasten, die Kabel hingen quer über die Straße. Links und rechts türmten sich grüne Berge aus Ästen, Palmenwedel, Pflanzen, ganzen Büschen. Werbeschilder waren umgeweht, Häuser ohne Dächer. Viele Straßen durch den Regen nicht passierbar.

    Das Wasser war abgestellt. Wir organisierten Eau Vive (Selterwasser). Ich stellte Eimer auf, um Regenwasser aufzufangen. Georgina ging heim. Nun hatten wir das Vergnügen selbst den Grill an machen zu müssen. Die Grillkohle war nass geworden, denn das Dach vom Schuppen war nicht dicht. Wir brühten uns Kaffee und waren froh, dass wir relativ sicher und trocken saßen.

    Es dauerte noch zwei weitere Tage bis das Wasser wieder angestellt wurde. Es wurde Zeit, wir haben gestunken und sparten Wasser an allen Ecken. Das Regenwasser diente der Toilettenspülung und dem notdürftigen Waschen. Das Selterwasser wurde zum Kochen genutzt. Drei weitere Tage, also insgesamt sechs Tage vergingen bis wir wieder Strom hatten.
    Jeden Tag sahen wir, welche Straßen schon wieder Strom hatten.

    Wir besuchten David und seine Familie. Der Garten, in dem wir Silvester so ausgelassen gefeiert hatten, glich einer Schutthalde. Alle Bäume umgeknickt, es sah aus, als hätte ein Riese darin herum getrampelt und wild alles heraus gerupft. Das Dach vom Haus der Großmutter war abgetragen. Sie hatte aber Glück im Unglück, der 8 m hohe Baum fiel seitlich, nicht auf das Haus. Sie selbst war zu dieser Zeit bei David. Wir fuhren heim. Haus für Haus wurde wieder an die Stromversorgung angeschlossen.
    Die Leute arbeiteten Tag und Nacht, um die Stromversorgung wieder herzustellen. Auch die Straßen wurden schnell geräumt. Die Bevölkerung war aufgerufen zu helfen und sie erschienen zahlreich zu den Räumungsarbeiten.

    Am Rande der Stadt rutschte noch im Nachhinein, durch die Auswirkungen des Zyklons, eine Fabrik zusammen. Es gab mehr als 20 Verletzte und 3 Tote.

    Die Taxi Brousse (Überlandbusse) Fahrer erzählten, dass die Straßen außerhalb der Stadt nicht passierbar waren. Da ganze Straßen weggerissen wurden. Die Leute mussten die Fahrt unterbrechen, bis zum Bauch durch Wasser laufen und am anderen Ufer in einen anderen Überlandbus einsteigen.

    Ungeduldig warteten wir auf Wasser, auf Strom. Endlich. Es gab wieder Wasser. Wir konnten wieder duschen. Ich konnte endlich wieder richtig abwaschen. Es gab viel zu tun.
    Georgina war wieder da und wischte die Räume. Es war viel Dreck und Staub herein gewedelt.
    Dann endlich kam auch der Strom wieder. Wir freuten uns und waren dankbar nicht mehr im Dunkeln herum tapsen zu müssen. Wie gut es doch ist, Wasser und Strom zu haben!

    Jan schaltete einen Rechner an. Wir waren online. Die Antenne hatte den Sturm gut überstanden. Ich ging online, rief meine Mails ab. Las hier und da, war aber zu müde, um zu antworten.
    Doch am nächsten Tag war es dafür zu spät. Der Internetprovider hatte begonnen zu reparieren. Wir waren offline. Eine ganze weitere Woche hatten wir keine Verbindung, also auch keine Einnahmen.
    Wir waren von der Außenwelt abgeschnitten. Das Handy hatte kein Netz.

    Die Geschäfte öffneten erst spärlich, denn ohne Strom wurde zu viel geklaut, Kontrolle war kaum möglich. Die Besitzer der Ladengeschäfte waren auch mehr damit beschäftigt, die Dächer zu reparieren und Schäden an den Häusern zu beseitigen. Noch immer regnete es in Strömen.

    Es gab kein Brot. Konserven und Fastfood wie in Deutschland gab es nicht. Alles wurde frisch gekocht. Der Markt bot einen traurigen Anblick. Obst und Gemüse waren rar, die Versorgung funktionierte nicht. Es kam keine Lieferung an. Obst war ohnehin nach einem Zyklon mit Vorsicht zu genießen. Wir haben uns sagen lassen, dass der Regen die Abwasserkanäle überflutet und der Unrat das Wasser verseucht. Also war die Gefahr von Krankheit und Epidemie sehr groß.

    Aber das Erfreuliche war, auch nach dem Zyklon hielt der Internetprovider sein Versprechen auf eine schnelle Verbindung. Der Kampf schien zu Ende zu sein. Eine Genehmigung für eine Satellitenanlage war nicht mehr notwendig. Hatten wir wirklich gewonnen, nach einem Jahr Kampf um Vertragserfüllung?

    Der Beginn des Jahres bescherte uns ein neues Abenteuer. Eigentlich war nun unser Bedarf an solchen Erlebnissen gedeckt, doch es sollte nicht bei diesem einem Abenteuer bleiben.
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  6. AW: Was suchst du in Madagaskar?

    Wir hatten nun eine Woche nach dem Zyklon wieder Strom, waren aber noch immer offline. Täglich kamen unsere Angestellten, um zu sehen, ob wir wieder zur normalen Tagesordnung übergehen können. Doch es dauerte noch eine weitere Woche.

    Da wir den zahlreichen Kunden, immer wieder sagen mussten: „Nein; noch keine Verbindung“, gaben sie wohl irgendwann auf.
    Als wir dann endlich wieder Internetverbindung hatten, kamen keine Kunden. Es lief sehr, sehr langsam an. Wieder ein Monat mit zu wenig Umsatz. Doch die Fixkosten fragten nicht nach Zyklon und Naturkatastrophe, die wollten bezahlt werden.

    Eines Tages war ich mit Rondro in der Bank und warte darauf, endlich den Kontoauszug (DIN A4 Format) zu bekommen, als mich ein junger Madagasse ansprach. Er hatte ein so offenes Lächeln, sehr sympathisch. Ich fragte Rondro, was er will. Sie sagte, er sucht Arbeit. Ich konnte gar nicht "Nein" sagen, bei diesem Lächeln.
    Sagte ihm, er möge in den nächsten Tagen mal im Internetcafé vorbei schauen, ich überlege mir etwas, wir werden sehen.
    Ich hatte vor, Ihn zu testen, und wenn er gut arbeitet und mitdenkt, sich bemüht, dann würden wir auch für ihn Arbeit finden, spätestens wenn wir das Projekt bei Allianz Francaise bekommen.
    Er kam auch wirklich am nächsten Tag schüchtern und zurückhaltend ins Internetcafe und stellte sich vor. Rondro sagte mir, sie kenne die Familie. Sein Bruder war ihr Schüler. „Die Jungs sind in Ordnung und gut erzogen.“ Ich vereinbarte zunächst, dass er Aufträge bekommt und auftragsbezogen bezahlt wird und dann würden wir weiter sehen.
    So hatte er, in Vorbereitung auf Allianz Francais zu recherchieren, wo in der Stadt gibt es einen Getränkegroßhandel, welche Getränke, zu welchen Preisen.
    Nach zwei Tagen kam er mit den Ergebnissen. Sorgfältig handgeschrieben, Tabellen mit Lineal gezogen und seitenlange Analysen. Er gab sich viel Mühe und egal, was wir ihm auf trugen, er fuhr mit seinem Fahrrad die Stadt ab. Damit hatte er mich überzeugt.
    Eines Nachmittags, als er wieder zur Berichterstattung kam, begrüßte er uns mit einem freudestrahlenden "Good Morning". Wir lachten los. Er lernte nun jeden Tag ein paar Worte englisch, später auch deutsch.
    Jena-Yves ging einkaufen, fuhr Getränke kaufen; ging zur Hand, wo er konnte. Wir stellten ihn mit Festvertrag und sozialer Absicherung zum nächsten Monat ein.

    Der Direktor von Allianz Francais teilte uns mit, dass das Präsidium entschieden hatte, dass wir den Mietvertrag für den Raum (Internetcafé), sowie Küche und Terrasse bekommen werden. Unser Konzept hatte sie überzeugt. Nun begann die Planung und Vorbereitung.

    Mit Fred, unserem Investor vereinbarten wir; dass wir über Internet einkaufen, er die Rechnungen gleich bezahlt. Denn von Madagaskar aus, Euros zu überweisen, war etwas schwierig. Wir stellten eine Liste zusammen, was alles benötigt wurde und begannen mit der Auswahl und dem Einkauf. Sven erklärte sich bereit, die Artikel in Empfang zu nehmen und zu lagern, er habe Platz.

    Freunde, die in Madagaskar weilten, holten einen LKW aus dem Zoll. Mit dieser Fracht kam auch ein Schreibtisch für mich an, sowie einige Konserven mit Spargel, Rotkraut, Fleisch usw. Der Tag war gekommen und wir luden alles ab. Der Tisch musste neu lackiert werden, so ramponiert sah er aus.

    Mit den Konserven schickte Sven auch einige Salamis. Wir starteten zu einem fröhlichen Gruppenessen. Frisches Brot, Salami und Schweinefleisch im eigenen Saft. Lecker. Wie lange hatten wir auf diesen Schmaus schon verzichtet. Alle ließen es sich schmecken. Am nächsten Tag gab es Gulasch mit Rotkohl. Ein Traum. Es stimmt: Ein gutes Essen hält Leib und Seele zusammen!
    Und noch besser schmeckt es, wenn du für deine Freunde kochst und sechs Leute um den Tisch sitzen und diese seltene Mahlzeit genießen.

    Beim Franzosen gegenüber, in dem kleinen Hafenlokal, lernten wir Volker kennen. Ein deutscher Architekt, der sich in eine Madagassin verliebt hatte. Er verbrachte in Majunga seinen Urlaub und in wenigen Tagen musste er zurück. Wir saßen fröhlich beisammen und plauderten über Gott und die Welt. Er war so verliebt, spielte mit dem Gedanken, für immer nach Madagaskar zu kommen und seine Zelte in Deutschland abzubrechen.
    Ich war sehr skeptisch. Und war gespannt, ob meine Vermutungen Bestätigung finden würden. Volker war immerhin 55 und nicht mehr taufrisch. Seine Freundin, ein junges, hübsches Ding, sah nicht älter aus als 20. Und Tatsache: am nächsten Abend erzählte er stolz, dass sie ihn bereits der Familie vorgestellt habe und gönnerhaft fügte er hinzu, dass ein Onkel von ihr sehr krank sei und eine Operation bräuchte, für die kein Geld vorhanden sei. Er habe sich natürlich, auf ihren Vorschlag hin, angeboten, diese OP zu zahlen. Ich dachte bei mir, schon wieder ein "Blinder" - klar zahlst du, Volker, du wirst immer zahlen, bis du nichts mehr hast. Aber ich sagte nichts. Er war so verliebt, blind, er hätte mir kein Wort geglaubt.

    Eines Abends saß ich am Rechner, als es im Hof plötzlich laut polterte. Ich ging hinaus, um nachzusehen. Eine kleine Katze war vom Baum gefallen. Sie schaffte es nicht, wieder hinauf zu klettern. Ich wollte sie locken, doch sie versteckte sich hinter einem Blech, das beim letzten Zyklon auf dem Hof gelandet war. Dann müssen wir eben morgen bei Tageslicht mal nachsehen, dachte ich und ging wieder an den Rechner.
    Als ich später noch einmal auf den Hof ging, sah ich sie auf einem der Korbsessel sitzen. So etwas Dünnes hatte ich bis dahin nur im Biologieunterricht gesehen, jedoch ohne Fell. Sie hatte Fieber, eine blutige Nase vom Schnupfen und ein dreckiges, räudiges Fell.
    Als ich mich ihr näherte, bemerkte ich, dass sie zu schwach war, den Kopf zu heben. So stellte ich ihr etwas zum Fressen und ein Becher Milch auf den Sessel. Ich dachte nicht, dass sie die Nacht überleben würde.

    Am nächsten Morgen waren die Behälter leer. Ich sah dieses Bild des Jammers. Schätzungsweise war sie 5-6 Monate alt. Noch sehr klein. Keine Stimme zum Miauen. Es war ein Kater. Ich taufte ihn "Willi". Sein jämmerliches Fauchen hätte nicht mal eine Maus erschrecken können. 3 Tage dachte ich jeden Abend, lebend würde ich ihn nicht wieder sehen. Er bekam nun auch noch Durchfall. Georgina rannte den ganzen Tag seinen Klecksen mit dem Lappen hinterher. Er hieß ab sofort "Stinke-Willi".

    Jan schimpfte, da Willi wirklich fürchterliche Gerüche verbreitete und der ganze Hof danach stank. Ich sagte Jan „Wenn du Durchfall hast, dann jagen wir dich auch nicht davon. Und nur weil Willi mal 3 Tage stinkt, werde ich ihn nicht aufgeben.“
    Rondro berichtete, dass in ihrer Nachbarschaft ein Tierarzt zu Besuch sei. Ich bat sie; ihn zu kontaktieren. Er kam sofort mit und untersuchte Stinke-Willi. Er nahm ihn mit, um ihn zu beobachten. Ich sagte ihm, wenn er was Ernsthaftes, Tödliches hat, soll er ihn einschläfern. Ich wollte nicht noch einmal ein Tier verenden sehen. Ansonsten war ich bereit den Stinke-Willi aufzupäppeln.
    Nach zwei Tagen brachte er ihn wieder. Er sagte, Willi hatte Würmer, sei nur unterernährt. Er hat ihm eine Spritze gegeben und Vitamine. „Er wird wieder.“ Nach zwei Tagen waren sowohl der Durchfall überstanden als auch das Fieber. Die Nase heilte auch langsam ab.
    Vom vielen Futtern bekam er einen Kugelbauch. Ein Bild für Götter: O-Beine, viel zu große Ohren, spinnendürre Beine und dieser Kugelbauch.
    Er hieß nun Willi-Kugelbauch. Willi folgte mir bald auf Schritt und Tritt. Besonders den Weg zum Kühlschrank konnte er sich gut merken.
    Georgina kochte ihm Fisch. Er genoss es sichtlich, verwöhnt zu werden und bestand morgens beim Frühstück auf seine Mahlzeit. Doch seine Stimme klang noch immer eher wie ein Mäuschen.
    Wir konnten beobachten, wie er von Tag zu Tag kräftiger, lebhafter und sauberer wurde. Er begann sich zu putzen. Da entdeckte ich erst, dass er getigert ist, wie meine Frau Katze es war und sehr viel Weiß im Fell hatte. Vorher war er nur ein kleines, graues dreckiges Knäuel.
    Verspielt wie kleine Kater nun mal sind, war das ganze Internetcafe interessant für ihn. Überall Kabel und Dinge zum Spielen, Rumbalgen und Zerren.
    Sein Kugelbauch ging in eine fast normale Figur über, bald hieß er „Willi Tunichtgut“. Diesen Namen behielt er, denn Dummheiten waren seine Spezialität.

    Alle, die Frau Katze kannten, sagten mir, er sehe ihr ähnlich. Nun wie auch immer, von unserem Baum zu fallen war wohl das Beste, was ihm passieren konnte.
    Mein Herz hatte er ohnehin im Sturm erobert.

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  7. AW: Was suchst du in Madagaskar?

    Als nach einem Regenguss wieder einmal die Grillkohle nass war, konnte ich Jan überzeugen, einen Gaskocher zu kaufen. Ich kochte nun lieber und dies in der Küche und nicht mehr auf dem Hof.

    Sebastians Heimkehr kündigte sich an. Er wollte sein Ticket verlängern, was aber nicht möglich war. So sollte ihn Torsten an einem Mittwochabend in Tana vom Flieger abholen. Ich fieberte der Ankunft entgegen. Immer wieder schaute ich auf die Uhr und wartete auf die Nachricht, dass er angekommen sei. Doch stattdessen kam die SMS, dass Sebastian nicht im Flieger war und auch nicht auf der Passagierliste stehen würde.
    Was nun? An meinen Exmann Bernd die SMS, ob Sebastian nach Paris abgeflogen war. Von Sebastians Freund kam die Email, dass sein Abflug in Berlin zwei Stunden verspätet erfolgte.
    Wo ist er? Noch in Berlin? In Paris? Ist er zurück nach Berlin geflogen, weil er den Flieger nach Tana verpasst hat? Oder hockte er noch in Paris auf dem Flugplatz? Dann hatte er schlechte Karten, denn am nächsten Tag ging kein Flieger von Paris nach Tana.
    Ungewissheit. SMS von meiner Freundin Cindy und von Sven, ob er schon eingetroffen sei. Alle Freunde in Deutschland bemühten die Servicetelefone von Air France und Lufthansa. Sie versuchten herauszufinden, wo er abgeblieben war. Ich war die Nachrichtenzentrale. Bekam ich einen Hinweis per Mail oder SMS, gab ich die Info an alle anderen sofort weiter.
    Endlich eine Mail von Sebastian, er war in einem Hotel in Paris und wird am nächsten Tag weiter fliegen nach Reunion und von dort aus weiter nach Tana. Beruhigung trat ein.

    Am nächsten Tag schrieb er von einem Internetcafe in Reunion aus, dass er den Flieger durch die Verspätung von Lufthansa verpasst hatte. Er ging zum Schalter von Lufthansa und verlangte von ihnen, sich um ihn zu kümmern, da sie an seinem Problem schuld seien. Die Dame am Schalter wollte ihn abwimmeln. Er verlangte den Chef zu sprechen und warf ihm dann vor, Lufthansa habe ihren Vertrag nicht erfüllt, deshalb haben sie sich zu kümmern.
    Nach langem Hin und Her stellte man ihm ein Hotelzimmer zur Verfügung und veranlasste den Flug über Reunion am folgenden Tag. Ich war stolz auf ihn. 19 Jahre und er wußte sich zu helfen, konnte sich durchsetzen und künftig würde ich ruhiger reagieren. Ich war mir sicher, ohne seine Erfahrungen und Erlebnisse in Madagaskar hätte er dieses Selbstbewusstsein nicht an den Tag gelegt.

    Am Donnerstagabend dann kam endlich die erlösende SMS von Torsten, „Sebastian ist in Tana gut angekommen.“ Am Freitagabend rief Sebastian an, er hatte keinen Flug nach Majunga bekommen, er wird erst am Samstagvormittag kommen. Ich versprach, ihn abzuholen.

    An diesem Freitagabend, Jan war schon im Bett, roch es plötzlich brenzlig. Ich vermutete, dass der Geruch aus dem Aschenbecher kam, wollte ihn ausschütten gehen und sah schockiert das am Hof angrenzende Haus in Flammen stehen. Ich lief zu Jan, wollte ihn wecken.
    „Es brennt, es brennt!“ Er fragte, wo. Ich sagte es ihm. Er meinte „Ach so“ drehte sich um und schlief weiter. Inzwischen schlugen die Flammen aus dem Dach. Die Nachbarn schrien und Panik war zu hören Kinder weinten. Im brennenden Haus wurde wohl noch etwas ausgeräumt. Im Erdgeschoss hatte ein Franzose ein Reifengeschäft.
    Die Nachbarn über uns kippten von oben Wasser so weit sie konnten. Denn beide Häuser verband eine kleine Dachterrasse.
    Brennende Teile flogen auf unseren Hof. Ich malte mir aus, was passieren würde, wenn das Feuer übergreift. Der Strom fiel aus. Ich stand im Dunkeln.
    Jan war nun doch aufgestanden und beruhigte mich. „So schnell greift das Feuer nicht über. Bewahre die Ruhe. Es bleibt immer noch Zeit, die Technik abzubauen und raus zu schaffen.“ Wir überlegten, wohin damit, wenn es so kommt. Wir einigten uns auf den VW-Transporter, der draußen vor der Tür stand.
    Es klopfte wild am Eingang. Die Nachbarn! Mein Gott; warum verstehe ich die Sprache nicht!
    Plötzlich stürmen zwei Kunden rein, Moslems, die in der Nachbarschaft wohnten und gestikulierten aufgeregt. Ich zeigte Ihnen den Hof. Willi saß erschrocken auf einem Sessel. Der Baum, von dem er einmal gefallen war, drohte in Brand zu geraten.
    Einer der Männer blieb bei mir. Wir nahmen einen Schlauch von der Klimaanlage aus einem der Zimmer und er hielt den Baum nass. Dann ging er mit mir in die Küche, trug die Gasflasche raus in Sicherheit und Jan stellte die Sicherung für den Strom ab.
    Unser Helfer hielt mit dem kleinen dünnen Schlauch den Baum nass. Ich füllte den Wassereimer. Jedes brennende Teil, das auf unseren Hof stürzte, übergoss ich sofort mit Wasser. Es war ziemlich gefährlich. Große Teile kamen geflogen und wir warnten uns gegenseitig.
    Dann endlich die Sirene einer Feuerwehr. Noch eine. „Gott sei Dank, es gibt Feuerwehren in Majunga!“

    Willi holte ich vom Hof, brachte ihn in ein Zimmer. Er verhielt sich ruhig und blieb auf dem Sessel sitzen, auf den ich ihn setzte.
    Die Feuerwehr spritzte von oben, dem Stockwerk über uns und von der Straßenseite aus. Durch den Druck fielen immer wieder brennende Teile vom Dach, den Fenstern usw.

    Wir hatten voll zu tun. Mittlerweile kam das Löschwasser durch die Küchendecke und auch im Hof regnete es von der Decke.
    Die Feuerwehrleute hangelten von der Dachterrasse auf den Baum, um besser ran zu kommen, kletterten dann zu uns herunter, nahmen sich eine Zigarette und liefen durch das Internetcafe wieder nach oben. Wir hatten zu tun und das Feuer kam ewig nicht unter Kontrolle. Der Wind ließ es immer wieder aufflammen. Ab und zu gab es kleine Explosionen. Brennende Teile flogen durch die Luft.
    Es züngelte aus den Fenstern, vom Dachstuhl und die Flammen schlugen hinauf in den nachtschwarzen Himmel.
    Draußen auf der Straße standen zwar viele Schaulustige, aber ebenso viele Leute liefen mit Wassereimern und halfen, wo sie konnten.
    Endlich morgens gegen 4.00 Uhr war der Brand gelöscht. Die Feuerwehr ließ ein paar Leute da und eine Feuerwehr, um sicher zu gehen, dass es nicht noch einmal aufflammt.
    Wir luden unseren Helfer ein auf ein Glas Bier beim Franzosen gegenüber. Das hatten wir uns verdient. Todmüde fiel ich ins Bett.

    Am Samstagvormittag holte ich Sebastian vom Flughafen ab. Überglücklich nahm ich meinen Sohn in die Arme. Endlich war er wieder da.

    Ein aufregender Monat ging zu Ende. Nach dem stürmischen Januar nun dieser Februar. Scheint so, als wäre dieses 2004 für jede Überraschung gut...

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  8. AW: Was suchst du in Madagaskar?

    In den letzten Monaten konnten wir mit den Einnahmen die Kosten nicht decken. Kein Wunder bei den Ausfällen durch Zyklon, Brand und Stromsperren.

    Serge trat in unsere Firma ein. Serge war 22 Jahre alt und hatte Deutsch studiert. Wir waren froh über seine Mitarbeit und hatten nun neben Gastelle eine weitere große Unterstützung.
    Areta und Marie waren schon einige Wochen dabei, jedoch noch in der Probezeit. Das Personal musste im Hinblick auf Allianz Francais weiteren Zuwachs erfahren.

    Den neuen Schreibtisch lackiert ich neu. Wir räumten mal wieder um, kauften noch einige handgemalte Bilder und waren mit dem Ergebnis zufrieden. Jan legte die Lichterkette vom Weihnachtsbaum quer durch den Raum. Ein bisschen kitschig, aber den Kunden gefiel es.

    Über Internet kauften wir notwendige Dinge für das neue Projekt bei Allianz Francais ein. Auch ein LKW Mercedes Benz 814 wurde in Deutschland gekauft. In diesen LKW sollten alle Sachen eingeladen werden, nach Antwerpen zum Schiff gehen.
    Den LKW holte Sven ab und stellte ihn an seinem Wohnort ab. Nun musste jemand von uns nach Deutschland, um den Transport zu organisieren.

    Eigentlich könnte Sven alles in den LKW laden und nach Madagaskar schicken, aber angesichts seiner Verpackungskünste, gelangten wir zu der Meinung, es doch selbst in die Hand zu nehmen.

    Sebastian wäre gern noch einmal nach Deutschland geflogen, aber sich um diese Dinge zu kümmern, traute er sich nicht zu. Jan war der Meinung, ich hätte kein Vertrauen zu ihm und lehnte es ab.
    Heute weiss ich, dass er andere Pläne hatte, die ich ihm aber unbewusst durchkreuzte.

    Also plante ich den Flug nach Deutschland. Mein Exmann Ben war bereit, mir mal wieder helfend unter die Arme zu greifen und ich freute mich auf vier Wochen Urlaub in Deutschland.

    Geplant war, dass Ben und ich die restlichen Sachen einkaufen, zu Sven nach Aachen fahren, den LKW beladen und ihn anschließend nach Antwerpen fahren, zum Hafen. Danach hätte ich dann ca. 2 Wochen Zeit, Freunde und Familie zu besuchen. Ben nahm extra Urlaub. Ich freute mich auf eine schöne entspannte Zeit.

    Ich hatte noch viel zu tun vor dem Abflug. Wir erkundigten uns nach einem Flug nach Tana und anschließend nach Berlin über Paris, aber wir buchten noch nicht.

    Am 28.03. würde das Schiff Antwerpen verlassen. Bis zum 25.03. musste also der LKW in Antwerpen sein.
    Am Montag, dem 08.03.2004 wollten wir dann den Flug buchen, doch dazu kam es nicht mehr.

    Am 07.03.2004 war es wolkig und trüb, sehr ungewöhnlich für Majunga. Auch am 08.03. klarte es nicht auf. Im Gegenteil. Sah ich hinüber zum Hafen, kam mir die Szenerie sehr bekannt vor.
    Die Internetverbindung brach ab. Ab Mittag wurde die Stadt erneut von einem Zyklon heimgesucht, aber dieser zweite hatte sehr viel mehr Power und Zerstörungswut, als sein Vorgänger. Wir fanden später ein Satellitenbild des Zyklons Gafilo.

    Einen Tag und eine Nacht lang wütete er. Strom und Wasser waren abgestellt. Dieses Mal hatten wir Selterwasser in Reserve, auch genug Lebensmittel und nicht zu vergessen: der Gasherd ersparte den Ärger mit der nassen Grillkohle.
    Doch durch den Wasserschaden, den die Feuerwehr in der Brandnacht verursacht hatte, konnte man sich in der Küche nur mit Schirm aufhalten. Es regnete nicht nur durch, das Wasser lief von der Küche und dem Hof in den Kundenraum, wo auf dem Fußboden die Computer standen. Ich war dieses Mal ständig mit aufwischen beschäftigt.
    Das Wasser konnte ich nicht so schnell wegschöpfen, wie es nachfloss.
    In der Küche spülte das Wasser die weiße Farbe von der Decke. Ich deckte alles mit einer Folie ab. Und trotzdem wurde gekocht, so gut es ging. Ich stand sogar mit dem Regenschirm in der Küche und brühte Kaffee auf.

    Marie, eine Angestellte, erschien am Nachmittag plötzlich pudelnass und jubilierte, dass sie durchgekommen war. Wir schickten sie wieder nach hause. Auch Georgina ging dieses Mal heim. Sebastian erlebte nun den ersten Zyklon. Ich musste ihn davon abhalten, raus zu gehen. Wieder rieben die Rümpfe der Schiffe an einander. Es polterte und tobte draußen.

    Am nächsten Tag, legte sich der Sturm, er war weiter gezogen in Richtung Hochland. Die Auswirkungen waren verheerend.
    Die Seeuferpromenade, die schönste Straße von Majunga war völlig zerstört. Die Steine der Uferbefestigung wurden alle samt auf die Straße geschleudert. Ein Bild des Schreckens. Niemand kam zu Tode. Nur Sachschaden, doch die Stadt glich einem Chaos. Häuser ohne Dächer. Verwüstung wohin man sah.
    Hatte der letzte Zyklon noch so manchen alten Baum abgeknickt, riss dieser Zyklon Gafilo noch den Baumstumpf heraus. Die Satellitenschüsseln von mehreren Metern Durchmesser, sahen aus, wie zerknüllte Tüten.
    Doch ich war froh, dass wir keinen großen Schaden erlitten hatten und trotz allem sicher aufgehoben waren.

    Ein Sturm ist ein Sturm, nicht mehr und nicht weniger. Und auch im Leben treffen uns solche Stürme, mal kündigen sie sich vorher an, mal schlagen sie unverhofft zu. Doch wir wissen, solche Katastrophen gehen vorüber und wenn wir danach ins Freie treten, empfinden wir die Sonne und den blauen Himmel und das Glück darüber viel intensiver.

    Wieder waren wir drei Tage ohne Wasser und weitere drei Tage ohne Strom. Doch Internet hatten wir eine weitere Woche nicht, also insgesamt wieder zwei Wochen ohne Internetverbindung.
    Nicht nur uns traf es.

    Die Bank war auch bei unserem Internetprovider Kunde und ebenso das Reisebüro von Air France. Ich konnte weder Geld abheben, noch Kontoauszüge holen, noch den Flug buchen. Nichts ging.

    Wie wir später erfuhren, war in dem Unwetter ein Schiff unterwegs von den Komorischen Inseln nach Majunga. Es kam bis zum Hafen, durfte aber nicht einfahren. Die Anweisung hieß "NO", so drehte es wieder raus aufs Meer. Es ging unter. Hunderte Menschen fanden den Tod. Sie wurden an Land gespült. Die Leichen sollen in der Sonne schon gestunken haben, als die Familien ihre toten Angehörigen dort suchten.
    Kein THW, kein Rettungsdienst, kein Rotes Kreuz hat diese Toten geborgen. Die Familien mussten ihre Söhne, Eltern, Kinder, Geschwister selbst heraus suchen und zur Beerdigung bringen.
    Das war so hart, wie die Natur selbst.

    Jan machte mangels Internetverbindung, aus der Not eine Tugend. Er installierte auf zwei Rechner Spiele. Da wir Strom hatten, boten wir den Kindern und Jugendlichen, Spiele am Computer an. Es wurde angenommen. So hatten wir wenigstens ein paar kleinere Einkünfte.

    In unserer Straße rutschte als Spätauswirkung ein Haus in sich zusammen. Einfach so. Besorgt sahen wir uns unser Haus an, konnten aber keine gravierenden Risse im Mauerwerk feststellen.

    Auswirkungen des letzten Zyklons konnten auch wir spüren. Unsere Internetverbindung war wieder im Keller. Die Freude über den anscheinend gewonnenen Kampf mit dem Internetprovider, um Erfüllung des Vertrages war wohl verfrüht. Es würde weiterhin eine Herausforderung bleiben.
    Auch nach dem Zyklon hatten wir mit Stromausfällen zu kämpfen. Es war zum Verzweifeln.

    Sobald die Internetverbindung wieder funktionierte, buchte ich den Flug nach Tana mit Anschluss nach Paris. Sven buchte den Anschlussflug von Paris nach Berlin, von Deutschland aus. Hätte ich den Flug von Paris nach Berlin, in Majunga gebucht, hätte ich mehr als 600 Euro für diesen Kurzstreckenflug zahlen müssen.

    Nach drei Tagen stand ich mit gepackten Koffern da und wartete auf Rondro. Noch eine Tasse Kaffee, es war noch Zeit.
    Plötzlich stand Rondro schon in der Tür. Sie hatte einen Anruf bekommen von Air Madagascar, zwei Stunden vor dem Abflug, dass dieser Flug ersatzlos gestrichen war.
    Ja und nun?

    Den Flieger nach Paris würde ich nun auch nicht bekommen.
    „Auf was kann man sich hier überhaupt verlassen“, schimpfte ich in mich hinein. Besann mich sehr schnell, denn es hat alles seinen Sinn. Die Mitarbeiter bei Air France konnten auch nichts dafür. Wir gingen also zum Reisebüro. Wir wollten umbuchen, da ich in Tana den Flieger nach Paris nicht bekommen würde. Ich hatte Glück. Wir bekamen eine zweite Chance, ein paar Tage später.

    Ich könnte es noch immer schaffen, den LKW fristgerecht nach Antwerpen zu schaffen. Ich benachrichtigte Sven, dass er das Ticket Paris-Berlin umbuchen musste.

    Da passierte es.
    Am Montagmorgen, ich schlief noch, kam Jan herein gestürzt, ob ich meine Handtasche weg gelegt habe. Ich verneinte, „Sie liegt in der Küche.“
    Die Handtasche war weg, samt Reisepass und Geld.

    Georgina sagte, der Müllmann war es. Der Müllmann stritt es ab.
    Gegen Georgina sprach, dass sie das Internetcafe verlassen hatte, und erst als sie wieder kam, fragte, wo meine Tasche sei. Abgesehen davon, dass sie noch nie gefragt hatte, ob ich meine Tasche wo anders hingelegt habe.
    Sie hatte Gelegenheit, die Tasche nach draußen zu bringen. Sie sagte, sie habe die Tasche aus der Küche genommen und sie in den Kundenraum gelegt.
    Das war der Punkt, der mich veranlasste, sie kurzer Hand zu entlassen. Sie hatte tausendmal meine Sachen versteckt und tausendmal gesagt bekommen, dass sie die Dinge dort liegen lassen soll, wo ich sie hinlege. Ob sie die Tasche genommen hatte oder nicht, sie hatte sie vom privaten Bereich in den öffentlichen Kundenraum geschleppt und das führte zum Verlust.

    Nun konnte ich das Geschäft nicht ohne Putzfrau lassen. Wir kauften für die private Wäsche eine Waschmaschine.
    Gastelle brachte eine Bekannte mit. Sie sollte in Zukunft halbtags von 6.00 Uhr bis 12.00 Uhr im Geschäft putzen. Lanto war scheu und es entstand nicht dieser persönliche Kontakt, wie mit Georgina, aber es musste trotzdem weiter gehen.

    Nun stand ich da. In zwei Tagen ging mein Flug und mein Reisepass war weg, samt Visum!
    Rondro ging sofort zur Gendarmerie und holte ein Formular, das wir ausfüllten. Ich bekam das Protokoll über den Verlust der Tasche und der Papiere beglaubigt. Ich hatte noch Kopien vom Reisepass und vom Visum im Pass. Ein Mitarbeiter im Innenministerium sagte mir, wir brauchen diese Kopien nur von der Gendarmerie beglaubigen lassen, dann könne ich ohne weiteres ausreisen. Auch würde das Innenministerium die Kopie beglaubigen, dass gibt es keine Probleme.
    Nun gut, ich verließ mich auf die Aussagen. Schließlich arbeitete er im Ministerium und sollte es eigentlich wissen.

    Jean-Yves, den wir letzten Monat eingestellt hatten gab sich alle Mühe. Jan meinte, er könnte uns hilfreicher sein, wenn er die Fahrerlaubnis hätte. Also sagte ich Jean-Yves, er soll sich erkundigen, welche Unterlagen man für die Fahrschule braucht. Er kam und gab uns die Liste der Dokumente. Dann sagte ich ihm, er soll diese Dokumente für sich selbst besorgen. Ein breites Lachen überzog sein Gesicht. Innerhalb von zwei Stunden hatte er alles zusammen. Ich schickte ihn los, sich bei der Fahrschule anmelden. Er freute sich und war glücklich. Ich machte einen Scherz und sagte: "Wenn wir pleite gehen, dann kannst du wenigstens noch Taxi fahren." Erschrocken sah er mich an und sagte: "Oh nein, das wird nicht passieren. Meine Familie betet jeden Tag für Sie, Madam."

    Heute ist Jean-Yves Taxifahrer...

    Ich bereitete nun erneut meinen Abflug vor und am Mittwoch morgen in aller Frühe holte mich Rondro ab, sie begleitete mich zum Flugplatz. Der Flieger war ziemlich klein. Die Passagiere stiegen ein. Ich beobachtete, wie der erste Herr sich in den Sitz fallen ließ und begann zu beten. Der nächste setzte sich und griff zunächst nach zwei Kotztüten. „Na das kann ja heiter werden“, dachte ich und sprach in Gedanken ein Vaterunser.

    Aber der Start, der Flug und die Landung waren sauber und super gut. Ich schaute die ganze Zeit aus dem Fenster, sah das Hochland.
    Es sieht von oben aus, wie ein Riffelblech. Versteinerte Wellen der Unendlichkeit. Auf den Spitzen führten Straßen und Wege entlang. Wie Adern führten sie in die kleinen Täler, zu den versteckten Dörfern.

    Als ich in Tana ankam, waren es dort nur 24 Grad. Ich holte die dicke Jacke hervor. Ich fror wie verrückt. Fanja hatte versprochen, mich abzuholen. Sie verspätete sich wie immer, an diesem Tag sogar um eine Stunde.
    Sie hatte inzwischen geheiratet und war sehr viel schlanker geworden. Seit einem Jahr standen wir nur telefonisch oder per Mail in Verbindung. Nun endlich sahen wir uns wieder.
    Zum Abend verabredete mich mit Fanja. Sie sollte für alle Fälle dabei sein, falls es doch Probleme wegen dem Pass am Flughafen geben würde.
    Im "Glacier" traf ich Torsten. Kaufte noch Geschenke ein. Fanja hatte das Schachspiel für Fred besorgt und ein kleineres für Ben, meinen Exmann. Er hatte bald Geburtstag. Ich hatte Zeit und vertrödelte den Tag mit Torsten. Ging zum deutschen Stammtisch, traf Leute und lernte neue kennen.

    Am Abend fuhr ich mit Fanja zum Flugplatz. Ich wurde nicht durchgelassen. Der Beamte schob mich einfach zur Seite, er bestand auf einen Ersatzpass.
    Das kann nicht sein. Ich stand fassungslos da. Die Reisenden zogen an mir vorbei durch den Check-in. Der Beamte schob mich immer wieder zurück. Alle Erklärungsversuche von Fanja schlugen fehl. Die Papiere, von denen der Mitarbeiter des Ministeriums behauptet hatte, sie würden ausreichen, nahm er nicht mal in die Hand, schreckte davor zurück wie der Teufel vor dem Weihwasser.
    Der Flieger hob ohne mich ab. Ich war schockiert, fassungslos, wie vor den Kopf geschlagen.

    Ich würde den LKW nicht rechtzeitig nach Antwerpen bringen können. Nicht nur dieser Flug ging ohne mich, auch das Schiff wird ohne den LKW abfahren. Selbst wenn ich umbuchen könnte, würden wir nicht im Juni eröffnen können. Ohne die Sachen im LKW gäbe es kein neues Internetcafe und Terassencafe bei Allianz Francais. Was nun?

    Versagen darfst du, aber niemals aufgeben. (Mary Crowley)

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  9. AW: Was suchst du in Madagaskar?

    Dritter Anlauf nach Deutschland zu fliegen.
    Der Versuch nach Paris zu fliegen, schlug fehl. Meine Dokumente von der Prefektur, beglaubigt vom Ministerium, wurden nicht anerkannt. Ich stand neben dem Check-in und war fassungslos. Der Flieger hob ohne mich ab.

    Fanja und ich gingen hinaus in die Nacht, es war nach 23.00 Uhr. Wir erfuhren, wo der Diensthabende von Air France saß.
    Wir erklärten die Situation, er sagte, kein Problem, ich soll einen Pass besorgen und dann einfach umbuchen, er hätte einen Vermerk gemacht und damit wäre es kein Problem, ein neues Flugticket zu bekommen.

    Ich schickte Ben eine SMS. Ich brauchte dringend Geld, da ich kein Geld hatte für die Umbuchungsgebühr. Ich hatte so viel madagassisches Geld nicht mehr, dachte ich doch, ich würde ohne weiteren Aufenthalt weiter fliegen. Da Jan mein Scheckbuch für alle Eventualitäten bekommen hatte, kam ich hier nicht an mein Konto. Schneller ging es mit dem Transfer aus Deutschland über Western Union, als innerhalb von Madagaskar.

    Ich war völlig durch den Wind. Fuhr zum Hotel und ging schlafen. Für den nächsten Tag war ich mit Fanja verabredet. Wir fuhren zur Botschaft, um den Ersatzpass zu beantragen. Fanja kam wieder zu spät, ich stand frierend am Treffpunkt. Doch war ich dankbar, dass sie sich die Zeit nahm. In der Botschaft wurde ich freundlich begrüßt, es ging ziemlich schnell. Wir mussten Passbilder machen lassen. Fanja kannte ein Geschäft, in dem man auf die Passbilder warten konnte.
    Endlich waren wir an der Reihe. Ich war gestresst und wollte nur endlich Passbilder haben. Fanja bot mir einen Lippenstift an und etwas Schminke. Ich lehnte ab. Alles, was ich wollte, waren ein paar Passbilder. Als ich auf dem Stuhl Platz nahm, sah ich mein Spiegelbild. "Fanja, gib mir doch den Lippenstift!" Sie lachte und reichte mir ihre Utensilien.

    Endlich waren die Passbilder fertig. Zurück zur Botschaft. Unterlagen abgeben. Die SMS von Ben kam, er hatte Geld abgeschickt mit Western Union, teilte mir Codewort und Nummer mit.
    Also führte uns der nächste Weg zu einer Filiale von Western Union, um das Geld abzuholen. Anschließend musste ich die Euros tauschen, denn ich musste das Hotel und die Umbuchungsgebühr bezahlen.

    Dann fuhren wir zur nächsten Air France Vertretung. Es war mittlerweile Freitagmittag. Am Samstag war hier in Madagaskar Feiertag, da ging nichts. Die Dame von Air France meinte; sie könne das Ticket nicht zurück kaufen, ich müsse zurück nach Majunga und dort umbuchen.
    Ich schaltete auf "stur" und sagte ihr unmissverständlich: „ohne Ticket gehe ich hier nicht raus.“ Fanja versuchte zu vermitteln. Mein Verhalten war ihr sichtlich peinlich. Sie versuchte mich zu überreden zum verantwortlichen Direktor, der in irgendeinem Verwaltungsgebäude sitzen sollte, zu gehen und ihm die Sachlage zu erklären.
    Ich sah nur die Zeit weg rennen. Dieser Herr würde mir kein Ticket ausstellen. Er würde mich auch wieder zu einem Schalter schicken, doch inzwischen wäre der Freitag um, dann könnte ich erst am Montag buchen, für weiß der Geier welchen Termin.
    Ich blieb stur sitzen. Der Laden schloss über Mittag und ich saß noch immer da. Die Dame wurde leicht unruhig. Sie wollte zur Mittagspause. Ich auch, aber nicht ohne mein Ticket. Schließlich stellte sie es aus. Für den Flug Sonntagabend ab Tana. Ich würde Montagvormittag in Paris ankommen. Die Umbuchungsgebühr konnte ich, Gott sei Dank, bezahlen und wir verließen nach mehr als zwei nervenaufreibenden Stunden die Filiale mit dem neuen Flugticket. Wir gingen erstmal essen und beredeten das Erlebte und das Kommende.

    Wenn du im Recht bist, kannst du es dir leisten Ruhe zu bewahren. Wenn du im Unrecht bist, kannst du es dir nicht leisten, sie zu verlieren. (Mahatma Gandhi)

    Nach einer kurzen Pause holten wir den grünen Ersatzpass bei der Botschaft ab. Ich musste ins Internetcafe, um Sven zu schreiben; wann ich nun endgültig in Paris ankommen würde. Er musste nun zum dritten Mal umbuchen und das Ticket am Schalter hinterlegen lassen. Ich wollte dann am Samstag noch einmal die Mails abrufen. Auch meiner Freundin gab ich Bescheid, dass ich nicht im Flieger sitzen werde und ich mich freuen würde, wenn sie mich am Montagnachmittag in Berlin-Tegel abholt.

    Abends traf ich am Stammtisch einige Deutsche und verbrachte mit ihnen die halbe Nacht in einer Bar mit ein paar Australier und einem Amerikaner.

    Als ich am Samstag im Internetcafe nach Mails schaute, hatte Sven die Buchungsnummer für den Flug Paris - Berlin mitgeteilt.
    Der nächste Tag würde es bringen, ob ich nach Deutschland fliege. Wenn es dieses Mal nicht klappen sollte, beim immerhin dritten Anlauf, nahm ich mir vor, wieder zurück zu fliegen nach Majunga. Dann sollte es eben nicht sein, dann sollte fliegen wer will. Ich nicht. Mein Gefühl sagte mir, ich habe alles getan, was getan werden konnte. Nun wird es geschehen oder auch nicht.

    Jeder neue Tag hat zwei Griffe, wir können ihn am Griff der Ängstlichkeit oder am Griff der Zuversicht anpacken. (Henry Ward Beecher)

    Endlich! Geschafft! Ich saß Sonntagabend planmäßig im Flieger nach Paris. Ich schlief sehr viel und am frühen Morgen konnte ich die Landschaften von Nordafrika sehen, das Mittelmeer und die Cote d’Azur. Ich hatte einen Fensterplatz und genoss die sich abwechselnden Landschaften weit unter uns.

    Der Flugplatz in Paris war nicht mehr so Furcht einflößend, wie beim ersten Mal. Ich fand mich gut zurecht. Das Gepäck war auch vollständig da. Das Flugticket war hinterlegt, alles klappte gut. In Berlin Tegel angekommen. Ich fror bei 14 Grad wie ein Schneider, war aber froh, dass Bärbel mich abholte. Ihre ersten Worte bei der Begrüßung: „Du stinkst.“ Ich lachte laut, denn außer Seife kannte ich keine zivilisierten Gerüche mehr.

    Wir fuhren mit dem Bus zu ihr. Eine herrliche warme Dusche, alle Parfüme ausprobiert und Cremes und gemütlich ging der Tag mit einem Glas Wein zu Ende.

    Es war ein eigenartiges Gefühl wieder in das Berliner Leben einzutauchen. Es war ein Gefühl, als würde ich die Zeit zurück drehen in ein anderes Leben, als wäre ich bereits Jahrzehnte nicht mehr in dieser Welt. Alles war vertraut und doch fremd. Bekannt, aber nicht mehr Teil meines Lebens.
    Ich hatte keine Reue, kein Bedauern, nicht mehr hier zu leben. Ich dachte nur an meinen Auftrag, an das Inventar, das mit dem LKW nach Mahajanga transportiert werden musste.
    Und keinen Tag länger wollte ich bleiben.
    Ich hatte mir Urlaub vorgenommen und Freunde besuchen?
    Nunja, vielleicht, aber eigentlich zog es mich zurück, nach hause.

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  10. AW: Was suchst du in Madagaskar?

    Am kommenden Tag in der Früh, ich hatte Kaffee gemacht, blätterte in einem Katalog, klingelte Ben. Wir fuhren los.
    Vorbei an Wäldern, am Frühlingserwachen. An das Tempo auf deutschen Autobahnen musste ich mich wieder gewöhnen. An der Kasse in den Geschäften rutschte mir immer wieder ein: " Merci" oder ein "Misoatra" heraus. Oder anstatt ein "Verzeihung, entschuldigen Sie bitte" hatte ich das "Azafady" parat und überlegte angestrengt nach den deutschen Wörtern. Es war mir peinlich. Ben amüsierte sich.

    Endlich angekommen. Meine Heimatstadt. Es hatte sich vieles verändert. Straßen, die es früher nicht gab. Ständig fragte ich, wo wir jetzt sind und wo diese Straße hinführt.

    Am Abend ging ich online und im Chat teilte Sven mir mit, dass bei ihm eingebrochen wurde. Zufällig kam er an diesem Tag erst gegen 22.00 Uhr nach hause und zufällig war auch sein Freund Fitty, der in der Wohnung ein und aus ging, auch erst gegen 22.00 Uhr zu haus. Rein zufällig genau dann, wenn ich komme, um die Sachen abzuholen.
    Es fehlten 4 Flachbildschirme und der Beamer (Wert 2.500 Euro). Ein erheblicher Verlust. Ben meldete Bedenken an. Ich hatte Angst, dass diese Einbrecher noch einmal kommen würden, wenn sie nun gesehen hatten, was bei Sven alles herum stand, das halbe Inventar für ein Terrassencafe.
    Also sagte ich ihm, dass wir unseren anfänglichen Plan ändern und den LKW und die Sachen so schnell wie möglich abholen. Es war der 30.03. und am 31.03. feierte Ben Geburtstag. Also planten wir die Fahrt nach Aachen (600 km) für den 01.04.2004. Ich hatte keine Ruhe mehr und bat Sven, das Haus abends nicht zu verlassen, damit es nicht noch größere Verluste gibt.
    Da Sven sagte, die Polizei sei dort um Spuren aufzunehmen, unterbrach er den Chat. Kurze Zeit später meldete er sich zurück und berichtete, er habe Anzeige erstattet.
    Ich fragte nach der Protokollnummer seiner Anzeige und ob er versichert sei. Nein, er hatte keine Versicherung. Die Protokollnummer hatte er nicht, er würde sie am anderen Tag bekommen. Seltsam.

    Geschockt unterrichtete ich Fred von der Geschichte. Wir telefonierten lange. Immer wieder kreisten Svens Worte in meinen Gedanken umher. Irgendwas stimmte da nicht. Ein seltsames Gefühl machte sich breit, ohne Argumente, nur ein Gefühl sagte mir, ich glaube ihm nicht.

    Am nächsten Tag hatte Ben Geburtstag. Ich telefonierte mit der Polizei in Aachen und wollte die Protokollnummer herausfinden. Wollte auch sicher gehen, dass Svens Geschichte der Wahrheit entsprach. Fragte mich durch zu dem bearbeitenden Beamten. Von nun an stand ich mit der Kripo in Aachen ständig in Kontakt. Ein Krimi hatte begonnen.

    Meine Frage, ob eingebrochen wurde, wurde nicht beantwortet und blieb zunächst im Raum stehen. Stattdessen wurde ich zu Einzelheiten und Hintergründen des Sachverhaltes befragt.
    Fred telefonierte selbst mit Sven und meinte, er hört sich vertrauenswürdig an. Die Skepsis blieb. Unsere Fahrt nach Aachen sahen wir als dringend notwendig an. Wir wollten uns selbst ein Bild machen, von Sven, dem Einbruch und letztlich auch von der Vertrauenswürdigkeit.

    Lehrt eure Kinder die Wahrheit, aber bereitet sie auf eine Welt voller Lügen vor. (Werner Mitsch)

    An diesem Tag führte mich mein Weg zur Pass- und Meldestelle. Ich wollte einen neuen Reisepass beantragen, denn der Ersatzpass war nur eine Woche gültig. Mir wurde gesagt, ohne festen Wohnsitz in Deutschland, sei man für mich nicht zuständig. Ein Telefonat mit dem auswärtigen Amt brachte die Erkenntnis, dass ich meinen Reisepass bei der deutschen Botschaft in Madagaskar hätte bekommen müssen. Diese haben mir jedoch nur einen Ersatzpass für Touristen ausgestellt. Ja, da waren sie wieder meine Problemchen.

    Nun, die deutsche Botschaft in Tana musste erst dem Meldeamt eine Erklärung schicken, dass diese einen Pass ausstellen darf. Ich schrieb nicht nur der deutschen Botschaft eine Mail, auch allen Freunden in Tana, die Mitarbeiter der Botschaft kannten. Die Erfahrung sagte mir, dass die Botschaft damals die Mails nicht so regelmäßig ab rief. Mit einer Antwort konnte man nach zwei Wochen rechnen. Daher schickte ich auch Fanja zur Botschaft. Nun hieß es abwarten.

    Am Abend waren Ben und ich bei Freunden eingeladen und feierten den Geburtstag. Es war ein ausgelassener Abend, doch so richtig freuen konnte ich mich nicht. Die Stimmung war überschattet. Immer wieder wurde ich nach dem Leben in Madagaskar gefragt. Diskussionen zur politischen Lage in Deutschland und wirtschaftlichen Entscheidungen waren die Themen. Ich spürte Fremdheit. Die alten, so vertrauten Freunde waren nicht mehr Teil meines Lebens. Ich gehörte nicht mehr dazu. Uns trennten Welten.
    Da war ein Jammern und Klagen. Sie sahen nicht, wie reich sie sind. Da gab es Probleme, die keine waren. Da gab es auch Spaß und Lachen, aber die Lebensanschauung war eine andere.
    Da meinte man, wissend zu sein, weil man mal irgendwo im Urlaub war. Vorurteile, Urteile, Intoleranz und Unkenntnis. Und ich saß dabei und war unfähig, meine Gedanken und Erlebnisse in kurze Sätze zu fassen. So wand ich verschiedene Fragen mit Humor ab. Doch ich sah meine Sprachlosigkeit. Und schwieg mit einem Lächeln.

    Wollte ich in Deutschland einige Wochen entspannen, so sah ich nun einer spannungsreichen Zeit entgegen.

    Mit einigem Geschick kann man sich aus den Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, eine Treppe bauen. (Robert Lembke)

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