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  1. AW: Was suchst du in Madagaskar?

    Der Juli 2003 in Deutschland war außergewöhnlich heiß, lasen wir im Internet. Hier in Majunga war tropischer Winter mit sehr erträglich Temperaturen und angenehmer Luftfeuchte.

    Unser Internetcafe entwickelte sich. Die Einnahmen gingen sprunghaft nach oben, waren aber noch nicht ausreichend, um alle Kosten zu decken. Dennoch sahen wir den Erfolg nicht nur in den Zahlen der Buchhaltung.
    Segler von Südafrika empfahlen uns weiter. In einem Hotel wurde einem Gast gesagt, er möge zu uns gehen mit seinen Fotos, wir hätten einen guten Service und würden ihm helfen können.
    "Da werden Sie geholfen" hätte Verona gesäuselt.
    Viel Anerkennung schlug uns entgegen und umso mehr strengten wir uns an und überlegten immer wieder, was wir noch verbessern konnten.

    Aus meinem zweiten Bausparvertrag floß Geld und ich bezahlte davon nicht nur den Lebensunterhalt, sondern investierte weiter in das Internetcafe. Die nächsten Monate waren gesichert.
    Frau Katze machte mir Sorgen. Sie nahm kein Futter mehr auf. Ich glaubte, es sei seelisch, da ich immer weniger Zeit für sie hatte und wartete ab. Als sie dann sogar das Trinken verweigerte, wurde ich unruhig und bemühte mich um sie, rannte jede freie Minute heim zu ihr.
    Eines Abends sah ich Flecken auf dem Boden, Urin mit Blut. Im Internet recherchierte ich, was es sein könnte und bekam Kontakt zu einem Schweizer Tierarzt. Ferndiagnosen sind schwer und unsicher, dennoch bestätigte er meinen Verdacht: Katzenseuche.
    Sie hatte alle Impfungen. Mit so einer Infektion hatte ich nicht gerechnet.
    Der Arzt gab mir Hinweise auf Medikamente und den benötigten Wirkstoff. Am folgenden Tag bestellte ich sie in der Apotheke.
    Ich war nicht nur besorgt, ich war erschrocken. Gedanken, ob es richtig war, sie mitzunehmen gingen mir immer wieder durch den Kopf. Tod und Abschied beschäftigten mich.

    Aus dem Tagesgeschehen klinkte ich mich aus und verbrachte meine Zeit bei ihr, trotz Jans Unverständnis.
    Zeitweise lag sie ganz normal auf meinem Schoß, ließ sich kraulen. Dann ganz plötzlich wand sie sich in Schmerzanfällen. Die kleinen erschrockenen Augen, weit aufgerissen sahen mich an.
    Ich war hilflos in diesen Momenten, ratlos und verzweifelt.

    Endlich, die Medizin ist angekommen. Zwei Tage lang hatte ich Hoffnung. Sie nahm Futter an und trank. Die Schmerzanfälle wurden weniger. Ich war so oft bei ihr, wie es möglich war. Auf einer Decke auf meinem Bett hatte ich ihr ein Lager eingerichtet. Sie war schwach, genoß meine Nähe und sogar ein Schnurren kam durch. Sie suchte meine Nähe und ich gab ihr soviel ich hatte.

    Am Abends des dritten Tages musste ich noch einmal ins Internetcafe. Gegen 17, 30 Uhr verließ ich das Haus und kehrte gegen 22.00 Uhr zurück.
    Sofort nach Betreten des Hauses suchte ich sie und fand sie tot, kalt, starr vor meinem Bett liegend.
    Ich rannte wieder aus dem Zimmer. Als könnte ich das Gesehene ungeschehen machen und den Film noch einmal abspulen. Ging wieder hinein. Sie lag noch immer da. So lief ich ratlos zwischen Wohnzimmer und Schlafzimmer hin und her.
    Als ich mich gefangen hatte, schaute ich sie mir an. Wie in aller Welt kam sie dorthin? Sie war zu schwach allein zu laufen. Ihr Körper hatte eine Wunde am Kopf, die mir Rätsel aufgab.
    Ich wusste nicht, was sie in den letzten Minuten erlebte. Es tat mir unendlich Leid, dass ich nicht bei ihr war, als sie ging.
    Im Wohnzimmer fand ich Spuren eines Kampfes. Bluttropfen markierten den Weg ins Schlafzimmer. Ich hatte einen schlimmen Verdacht, aber dies änderte nichts an der Situation, dass sie nun gegangen war.
    Ich fuhr mit dem Transporter zurück ins Internetcafe zu Jan in der Hoffnung, er würde mir helfen. Wohin mit dem toten Tier? Vergraben ging nicht, wir hatten keine Schaufel. In eine Kiste und diese Nacht erst einmal draußen abstellen, dieser Gedanke grauste mir. Nachts streunten allerlei Tiere umher auf der Suche nach Nahrung.
    Jan kam widerstrebend mit ins Haus, hatte ich ihn doch gerade beim Chat mit "Anna" unterbrochen.
    Als er sie liegen sah, meinte er teilnahmslos „Du musst sie einpacken.“
    „Ich habe in meinem Leben noch nie ein totes Tier angefasst, Jan“ Nun lief ich wieder verzweifelt zwischen Frau Katze im Schlafzimmer und Jan im Wohnzimmer hin und her.
    Ich wurde hysterisch, weinte laut und klagte minutenlang. Schließlich überwand ich mich und fasste sie an.
    Dieser kalte schwere Kadaver, der starr und steif war, hatte nichts mehr mit dem weichen, schmiegsamen und warmen Körper zu tun. Ich stand unter Schock.
    Was ich liebte hatte sich verwandelt in einen Gegenstand ohne jedes Leben.
    Ich legte sie in ihre Decke und steckte sie zusammen damit in einen großen Müllbeutel, den wir noch aus Deutschland hatten. Immer wieder rede ich selbst auf mich ein, dass es nur ihr toter Körper ist und nicht Frau Katze. Irgendwann konnte ich ihr sogar die Augen schließen.
    Immer wieder wollte ich sie streicheln, jedes mal wieder traf mich das Entsetzen über diese kalte Starre.
    Endlich war es getan. Nun ging ich zurück ins Wohnzimmer.
    „Ich kann sowieso nichts mehr tun...“ meinte Jan. Er nahm den Transporter und fuhr zurück.
    Als er verschwunden war, merkte ich, dass er sich heimlich die letzte Cola aus dem Kühlschrank gegriffen hatte. Feiner Mensch!

    Sebastian kam. Ich erzählte ihm unter Tränen, was sich ereignet hatte. Er sah sie sich noch einmal an, soweit es die "Verpackung“ zuließ. Auch er rätselte über die Kopfverletzung. Wir beschlossen uns am nächsten Morgen bei Tageslicht noch einmal alles genauer anzusehen.
    Jetzt jedoch mussten wir den Kadaver "entsorgen".
    Bei diesen Temperaturen dürfte es nicht lange dauern, bis der Verwesungsprozeß einsetzte und Insekten sich angezogen fühlten.
    Wir beschlossen eine Seebestattung, da mangels Schaufel, die Erdbestattung ausfiel.
    Also nahm Sebastian den Beutel und wir zogen zu Fuß los, Richtung Meer.
    Ein Taxifahrer brachte uns zu einer Stelle, die wir als günstig erachteten. Die Strömung würde sie hinaus tragen.
    Da standen wir mitten in der Nacht auf einer kleinen Brücke am Meer und konnten uns nicht trennen. Immer wieder liefen wir hin und her. Tränen liefen, wir lagen uns in den Armen. Sebastian zitterte. Wir waren verzweifelt und mussten doch tun, was getan werden musste.
    Dann endlich ließ er sie über die Brüstung fallen.
    Ein dumpfer Aufprall; dann tauchte sie ins schwarze Nass. Die Strömung riss sie hinaus ins Meer. Ich setzte mich an den Straßenrand und zündete eine Zigarette an. Saß auf einem Stein und dachte an die Zeit mit Frau Katze. Sebastian war aufgeregt und verarbeitete seine Gefühle, in dem er ununterbrochen redete. Wir waren beide verwirrt, lagen uns wieder in den Armen und weinten. Ich weiß nicht mehr, wer da wen trösten wollte. Dieses Erlebnis wühlte uns auf, verband uns.

    Plötzlich hielt neben uns ein Taxi. Cecil, Sebastians Freundin, winkte fröhlich und rief, wir sollen einsteigen, sie sei auf dem Weg ins „San Antonio“. Wir schauten uns kurz an und stiegen ein. Ein Bier konnten wir jetzt gut vertragen, vielleicht würden wir danach ruhiger sein.
    Aber diese Partyatmosphäre war nicht das richtige Klima für uns und so fuhren wir nach einem Bier heim.

    In dieser Nacht nahm ich auf meine Weise Abschied, steckte Kerzen an, betete für sie, schaute mir Fotos an, redete mit ihr, als wäre sie noch da und bat sie, wie auch immer, wieder zu kommen. Ich bat sie um Vergebung, dass ich nicht bei ihr war, sie nicht beschützen konnte.

    Von diesem Tage an, war das Heimkommen ein anderes, keine Frau Katze, die wartete. Schon auf dem Weg nach Haus vermisste ich sie. Das Erwachen am Morgen war ein anderes.
    Sie war nicht mehr da. Immer wieder dachte ich an sie und es brauchte lange, sich daran zu gewöhnen.
    Doch ich hielt mich immer weniger im Haus auf. Bald kochte ich in der Küche des Internetcafes und ging nur noch zum Schlafen ins Haus.
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  2. AW: Was suchst du in Madagaskar?

    Sebastian und ich gingen am Abend eines anstrengenden Tages immer öfter in ein Lokal namens "Le Boule". Die schnelle, freundliche Bedienung und das gute Essen überzeugten. An den Wochenenden spielte oft eine Band live und Gäste versuchten sich mit den sehr beliebten Karaoke-einlagen.
    An solch einem Abend gab mir der Kellner einen Zettel. Er meinte, es sei eine Nachricht von einem anderen Gast: "Wenn wir eines Tages auf der gleichen Straße unterwegs wären, würde Gott mich mit Glück segnen". Eine wunderbare Art, sich jemandem zu nähern. Doch leider war ich so gar nicht zugänglich und gedanklich völlig mit anderen Dingen beschäftigt.
    Lange überlegte ich, wie ich etwas antworten könne, ohne den Mann mit einer Ablehnung zu beleidigen oder vor den Kopf zu stoßen.
    Ich antworte ihm: "Wir wissen nicht, welche Wege Gott für uns vorbereitet, es liegt nicht in unserer Hand."
    Trotz meiner abweisenden Antwort, zauberte dieser Zettel ein Lächeln. Ich trug ihn lange Zeit in meiner Tasche mit mir. Das tat einfach gut.

    Drei Wochen später kam ich eines Morgens ins Internetcafe. Jan war noch in seinem Zimmer. Ich suchte eine CD, die er für einen Kunden brennen wollte. Also klopfte ich an seinem Zimmer. Ich höre Stimmen, die Mädchen tuschelten und Georgina hielt gespannt in der Küche inne, als wollte sie die Ereignisse nicht verpassen, die nun gleich geschehen würden. Er machte die Tür nicht auf; ich klopfte noch einmal. Er öffnete, sah verkatert aus und ich fragte ihn, ob er allein sei. Er verneinte. Im Hintergrund sah ich ein junges Mädchen, das aus dem Bett hüpfte. Jan schloß die Tür ab. Ich wurde wütend, sehr wütend.
    Kannte er keine Rücksicht? Konnte er mir solche Situationen nicht ersparen? Es gab doch einschlägige Hotels. Im Internetcafe waren Kunden, Angestellte. Dieses Thema hatten wir doch schon einmal.
    Ich klopfte wieder an die Tür, trat daran und verstauchte mir den Zeh.
    Er öffnete nicht, doch ich hörte, wie er die andere Tür zur Straßenseite öffnete. Ich lief aus dem Internetcafe, um das Haus herum und sah, wie er diese "Dame" verabschiedete.
    Er zahlte.
    Zurück im Kundenraum ging ich wieder zu seiner Tür und er öffnete nun. Ich machte ihm eine Szene und ich schrie ihm ins Gesicht. Und nicht nur das. Ich war wütend, dass er so junge Mädchen benutzte, wie Matratzen.
    Ich konnte nun nicht zur Tagesordnung übergehen und arbeiten. Auf dem überdachten Innenhof liess mich in einen Sessel fallen und spürte meinen Gefühlen nach.
    Spürte die Wut, hielte inne, fühlte meine Verletztheit, sah die Situation, spürte meine Traurigkeit.
    Doch weinen konnte ich nicht mehr.

    Es ist gut die Wut zu spüren, wenn wir sie heute nicht spüren, werden wir uns ihr morgen stellen müssen. Es ist gut, die Wut heraus zu lassen, sie ist ein Gefühl.
    Wenn wir unsere Gefühle wahrnehmen, statt sie zu verleugnen oder herunterzuspielen, heilen wir uns und bewegen uns auf eine bessere Zukunft zu. Die eigenen Gefühle wahrzunehmen, annehmen, bedeutet, sie los zu lassen. Keine Mauern errichten, sondern das Zentrum des eigenen Kummers berühren.

    Das Klima schien nun endgültig vergiftet. Die Kommunikation reduzierte sich auf das Notwendigste. Diese negative Energie lähmte nicht nur mich, auch die Kunden kamen nicht mehr in dem Masse, wie vorher.

    Ich frage Rondro nach einem Schamanen. Sie kannte keinen, wollte sich aber umhören. Nach einigen Tagen hatte sie einen Tipp erhalten und wir fuhren los, um ihn zu treffen.
    Doch das Haus, wo er wohnen sollte, sah verlassen aus. Im Nachbarhaus erschien eine junge Frau und teilte uns mit, dass der Schamane sehr alt war und die Stadt schon vor zwei Jahren verlassen hatte, um bei seiner Familie zu leben. Sie kannte aber einen Schamanen, er sei der Beste der ganzen Region und sie habe am nächsten Tag einen Termin bei ihm. Sie würde uns gern den Weg zeigen.
    Rondro und ich stiegen in den Transporter und waren aufgeregt.
    „Das ist kein Zufall, Rondro!“ sagte ich ihr.
    „Ja, das ist erstaunlich. Nicht nur, dass wir eine Frau getroffen haben, die einen Schamanen kennt, sondern, dass sie auch noch einen Termin bei ihm hat.“
    „Das ist ein Hinweis, Rondro. Ich bin mir ganz sicher. Du wirst sehen, er wird helfen können.“
    „Wir können sie morgen abholen, dann fahren wir mit ihr zusammen dorthin.“
    „Ja, das machen wir. Ich freu mich schon.“

    Am nächsten Morgen fuhren wir wieder zu diesem Haus, holten die junge Frau ab und machten uns auf zum Schamanen. Der Weg führte stadtauswärts. Wir verliessen die Straße und fuhren einen Weg entlang quer Feld ein. Es war eine Piste. Über Wurzelwerk und Wiese fuhr ich mit dem VWT2. Stellenweise kam ich kaum durch die Büsche und hatte Angst um die Außenspiegel.
    „Soll ich das Auto nicht lieber hier irgendwo abstellen? Ich komme kaum noch durch.“
    „Nein, das brauchst du nicht. Du kannst weiter fahren.“
    „Rondro, der Weg wird immer schwieriger.“
    „Nein, sie sagt, dass viele Leute mit dem Auto zum Schamanen kommen.“
    Endlich sah ich die Hütte von Weitem und parkte unter einem Baum. Es saßen bereits mehr als zwanzig Personen davor und warteten. Immer wieder kamen Menschen und setzten sich dazu.
    Die junge Frau erzählte, dass der Vater ihres Kindes sie verlassen hatte und nun holt der Schamane ihn zurück. Auf meine Frage, ob er das kann, lachte sie und sagte, "Ja sicher, er ist ja schon zurück, aber er soll mich heiraten."
    Der Platz auf dem die Hütte stand, strahlte eine Kraft aus, die man schlecht beschreiben kann. Es schien, als wäre der Schamane selbst nicht mehr notwendig. Der Ort selbst gab Kraft und das Warten war mehr Meditation als Geduldsprobe.
    Ich war mit meinen Gedanken in mich versunken, nahm die leisen Stimmen wahr, das Lachen und sah um mich herum nur Natur. Der Blick fiel auf das ausgetrocknete Flussbett, die Palmen und die Sonne, die sich langsam hinter dem Hügel verabschieden wollte. Die Bäume flüsterten. In den diamanten funkelnden Blättern tummelten sich kleine Naturgeister. Als würden die Grillen und Vögel mit ihrem Gesang einen Schutzwall um diesen Platz zaubern, der keine Störung zuließ. Ich wurde so ruhig. Alles hier war friedlich, leise und leicht. Ein Ort, an dem die Seele auftankte. Ein Ort, der inneren Heilung.
    Endlich waren wir an der Reihe. Vor der Hütte zogen wir die Schuhe aus und setzten uns zum Schamanen auf die Matte. Er hieß Hassan, war Ende 30 und strahlte eine Kraft und Freude aus, die man selten im Leben sieht.
    Ich hatte viele Fragen und er legte die Münzen. Seine Legeweise erinnerte an Geomantie. Er legte die Münzen jedoch nicht in vier Reihen, wie ich es aus Deutschland kannte, sondern er legte sieben Reihen untereinander, dabei entstanden vier oder fünf Figuren. Er gab mit einer festen Überzeugung die Antworten. Gab mir sowohl Mittel zum Schutz, als auch Mittel zum Schutz des Internetcafes gegen Unglück und Böses. Ich bat um ein harmonisches Arbeitsklima und gute Geschäfte.
    Als wir gingen, war ich voller Zuversicht und wusste, dass ich von nun an, sehr oft zu ihm kommen würde. Wir fuhren zurück und waren von diesem Erlebnis sehr beeindruckt.
    Als wir im Internetcafe ankamen, waren wir verblüfft. Der Kundenraum war voller Kundschaft. Als Jan uns kommen sah, sprang er auf, lachte uns an, erzählte Neuigkeiten und ging wieder seiner Arbeit nach - mit einem Lächeln.
    Wir schauten uns an und sagten fast einstimmig: "Hassan" und lachten laut los.
    Der Zauber des Schamanen wirkte. Das Klima verbesserte sich wieder spürbar. War ich doch ein Harmoniemensch und brauchte Frieden, um leben und arbeiten zu können.
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  3. AW: Was suchst du in Madagaskar?

    Es war August 2003, als gegenüber dem Internetcafe ein Franzose ein kleines Lokal eröffnete. Primitiv gemacht. Ein kleiner Verkaufkiosk, ein paar Holzstühle und Tische und eine Musikanlage. Doch seine gute Laune, sein Lachen und seine liebe Art zogen nicht nur Gäste an, uns auch.

    Beim täglichen Stromausfall regten wir uns nicht mehr auf. Nahmen es gelassen, sahen es als Gelegenheit zum Franzosen zu gehen und auf seinen Holzbänken bei Kerzenlicht auf die Rückkehr des Stroms zu warten. Er borgte uns seine Gitarre. Jan spielte Lieder und wir sangen dazu. Fast jeden Abend holte ich die Gitarre und Jan spielte oder wir gingen zu ihm hinüber.

    Ein großes Ärgernis war regelmäßig die Internetgeschwindigkeit, die nur sekundenweise im vertragsgemäßen Bereich lag. Teilweise standen Kunden auf und gingen, weil es zu lange dauerte, eine Webseite zu öffnen. Ich kannte den Ärger darüber aus meiner Ankunftszeit in Tana. Wir waren fast täglich beim Internetanbieter und beschwerten uns, doch es trat keinerlei Änderung ein, die Vertröstungen wirkten nicht mehr. Das ständige „Online-Offline“ Spiel kostete uns Kunden und damit Einnahmen, die wir so nötig brauchten.

    Noch vor unserem Abflug nach Madagascar hatte ich Kontakt zu einem Anbieter für Satellitentechnik. Ich schrieb ihn erneut an und bat um ein Angebot über eine Satellitenanlage für unser Internetcafe. Der Kontakt lebte wieder auf und vertiefte sich.
    Wir könnten eine Internetgeschwindigkeit haben, um ein Vielfaches schneller als bisher und kostete monatlich gerade mal halb so viel. Allerdings würden wir dazu eine Genehmigung brauchen.
    Die zuständige Behörde trug den Namen OMERT. Unsere schriftliche Anfrage wurde nie beantwortet.
    Überhaupt schien es mit Antwortbriefen in Madagaskar schlecht bestellt zu sein. Schriftliche Anfragen wurden, so schien es mir damals, generell ignoriert.

    Doch eines Tages erschienen im Internetcafe sechs Leute von OMERT, der Aufsichtsbehörde für Telekommunikation. Sie fragten, was wir hier machen, bei welchem Anbieter wir den Vertrag abgeschlossen hätten. Erkundigten sich auch, ob wir Telefonie per Internet anbieten. Schauten sich die Antenne an und gingen wieder. Wir bekamen ein Protokoll.
    War das die Reaktion auf meinen Antrag?
    Meine Frage an einen der Herren von OMERT betreffend Satellitenanlage wurde mit dem kurzen Hinweis, wir mögen es schriftlich einreichen, abgeschmettert.
    Aha.
    Wir gingen daraufhin etwas beunruhigt zum Internetanbieter und erkundigten uns, was das zu bedeuten hatte. Alain, der Chef des Büros saß am Schreibtisch. Er freute sich immer, wenn jemand kam. Ja, er freute sich generell, egal, ob es Ärger gab. Alain lachte immer.
    Wir erzählten von dem Besuch der Behörde aus Tana. Alain wusste von nichts. Er fragte, ob wir Telefonie über Internet anbieten. Nein, das gehörte nicht zu unserem Service. Er meinte, es gäbe ein Gerücht in der Stadt. Man erzählte, dass wir diesen Dienst anbieten würden und dies sei nun mal nicht ohne weiteres erlaubt. Man müsse dafür eine Genehmigung von OMERT haben, hatte man diese nicht, kamen diese Herren und schließen mal eben den Laden.
    Aha, dann sind wir wohl so eben der Schließung entgangen.
    Alain meinte, es kann nur sein, dass jemand aus welchem Grund auch immer, Neid sei ein durchaus mögliches Motiv, OMERT einen Tipp gegeben hatte, wir würden Telefonie anbieten und damit der hiesigen Telekomgesellschaft gesetzwidrig Konkurrenz machen.

    Aha, da wir die Idee, Telefonie über Internet anzubieten jede Woche wenigstens drei mal von Gunter erzählt bekamen, konnte ich mir denken, wem wir sowohl das Gerücht in der Stadt also auch demzufolge diesen ominösen Besuch von OMERT zu verdanken hatten.
    Wie ich einige Monate später erfuhr gab es nur die Möglichkeit, selbst Internetprovider zu werden. Doch damit ging man die Verpflichtung ein, auch Internet der breiten Masse anzubieten. Nutzte man diese Lizenz jedoch nur für den Eigenbedarf, so wurde das Geschäft geschlossen. Also war dieser Weg auch nicht der richtige.
    Wir schrieben unzählige Reklamationen an den Internetprovider und drohten mit Anwalt. Wir kämpften um die Vertragserfüllung. Die Leistungen wurden jedoch monatlich voll berechnet, ob wir tagelang keine Verbindung hatten, war wohl egal. Wir reduzierten die Rechnungen, um so Gehör zu finden und eine Klärung herbei zu führen. Ohne Ergebnis.
    „Neid als mögliches Motiv?“ Ging mir durch den Kopf. Unser Internetcafe sah schon recht gut aus, stellte ich fest, als wir wieder im Geschäft ankamen.
    Aber eines fehlte noch zur gemütlichen Atmosphäre: Pflanzen! So zog ich am nächsten Tag mit Rondro los, handelte und kaufte schließlich einige Pflanzen. Diese bekam ich in verrosteten Blecheimern. Wir verpackten sie provisorisch mit Plastiktüten und ich ging auf die Suche nach Übertöpfen. Es gab auch solche, jedoch aus gegossenem Beton. Machte nichts, Farbe wurde gekauft und angepinselt. So sah es dann schon wieder ein kleines Stückchen besser aus und die Sache mit dem Neid überließ ich dem Schamanen Hassan.

    Die Eigenart „Neid“ war in Madagaskar immer wieder ein Problem.
    Wenn in Deutschland der Nachbar ein größeres Auto hat, versuchte man noch mehr Geld zu erarbeiten, strengte sich noch mehr an, um den Nachbarn zu übertrumpfen.
    Doch hier reagierte der neidische Mensch radikaler. Er steckte das Auto des Nachbarn an. Fertig.
    So wurde uns erzählt, ging es schon einigen Geschäftsleuten, die, nach Meinung anderer, zu erfolgreich waren.

    Ein anderes Problem, über das ich mit keinem Menschen reden konnte, beschäftigte mich in dieser Zeit.
    Wenn ich nachts heimging, sobald ich in den Weg einbog zum Haus, durch den unbeleuchteten tropischen Garten ging, überkam mich ein Grausen, dass sich mir die Nackenhaare aufstellten. Gänsehaut und das Gefühl, hier ist etwas Böses, ließ mich schneller gehen. Sobald ich die Treppe zum Haus hinauf kam, hatte ich es hinter mir gelassen. Doch jeden Abend bevor ich den Heimweg antrat, dachte ich mit Schaudern an dieses Stück des Weges.

    Also fuhr ich mit Rondro zum Schamanen und befragte ihn. Er sagte mir „Jemand hat etwas gemacht, damit du weg gehst und möglichst das Land verlässt.“
    Ich glaubte ihm ungesehen, denn die Menschen, besonders hier an der Küste, lebten mit magischen Ritualen. Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde, als man sehen kann. Hier waren Magie und Rituale ein Bestandteil des normalen Alltags.

    Außerhalb der Stadt konnte man am Samstag schon mal die Trommeln einer Toumbasitzung hören. Bei diesen Treffen nahm ein Medium Kontakt zu den Toten auf, um bestimmte Wünsche zu forcieren.

    Du merktest nur, dass bestimmte "Zufälle" passierten und sich häuften und du sagtest dir immer wieder "das geht nicht mit rechten Dingen zu" und je öfter du dies gesagt hast, um so wahrscheinlicher war es, dass da jemand "nachgeholfen" hat.
    Ob man daran glaubte oder nicht, das spielte keine Rolle.
    Hassan, der Schamane gab mir ein Gegenmittel und meinte: „Wenn es nicht reicht, kommst du wieder. Denn es kann sein, dass derjenige 'nicht locker lässt' und sein Ziel weiterhin verfolgt.“

    Die Geschichten, die ich zu diesem Thema gehört und auch selbst erlebt hatte, würden ein Buch füllen. Laut Niccolo Machiavelli soll man einen Krieg mit gleichen Mitteln führen, also ging ich, als bekennender Feigling, zum Schamanen und ließ mich beschützen. Leider putzte meine Georgina sehr gut und so musste man diese Krümel immer wieder "nachlegen", die ähnlich einem Kraftfeld, das negative Einflüsse fern hält, einen Bann legten gegen das "unbekannte Böse".

    Komischerweise kamen fortan sowohl der Vermieter als auch Alain, der Chef des örtlichen Internetproviders, nur noch ungern in die Räume des Internetcafés. Sie möchten in ihren Räumen reden, hieß es.
    Ich zwang sie zu den Terminen in unser Geschäft zu kommen. Sie hatten es dann sehr eilig und alle Gespräche verliefen zu meiner Zufriedenheit.

    Mir wurde später erzählt, dass eine Frau nach dem mysteriösen Tod ihres Mannes und den verschiedensten seltsamen Ereignissen einen Schamanen auf ihr Grundstück holte, um ihn zu befragen, ob Voodoo (hier sagt man „Kri-kri“) eine Ursache sein konnte.
    Er fand auf dem Grundstück einige Voodoopuppen vergraben. Die Nachbarin der Frau rief den Schamanen auch auf ihr Grundstück und meinte, er könne ja auch mal bei ihr nachsehen, wenn er denn schon mal da sei, denn seit ihrer Ankunft und dem Kauf des Grundstückes hätte sie nur Schwierigkeiten und Probleme. Er fand mehr als 20 Hinweise auf Rituale und "Kri-kri".
    Wenn man hier lebte, sollte man dieses Thema durchaus ernst nehmen.

    Ich traf bei einem meiner Besuche bei Hassan, dem Schamanen, einen Franzosen, vom Sehen kannte ich ihn. Bis dahin dachte ich immer, die einzige Weiße zu sein, die die Fähigkeit des Schamanen in Anspruch nahm. Er erzählte, er hatte durch eine Madagassin alles verloren und nun hat er eine neue Freundin, möchte sich aber von dieser nicht manipulieren lassen und die Mittel des Schamanen halfen, ihren "Zauber" zu bannen.

    Es waren solche banalen Schwierigkeiten, denen man sich plötzlich ausgeliefert sah. Du hattest einen wichtigen Termin. Plötzlich sprang dein Auto nicht an. Ohne ersichtlichen Grund. Du bist um das Auto gesprungen, alles war in Ordnung, aber es startete einfach nicht. Dir gingen alle Eventualitäten durch den Kopf, Wackelkontakte usw. Nichts. Ein Fachmann wurde geholt, auch er war ratlos. Verärgert nimmst du ein Taxi, kommst zu spät oder sagst den Termin ab. Stunden später sprang das Auto wieder an.

    Der Kundenraum war voll. Drei Kunden, die einen großen Druckauftrag gaben. Der Drucker tat’s nicht. Nein, kein Virus, keine falsche Verbindung, keine erkennbare Ursache. Die Kunden gingen enttäuscht. Der Drucker ging wieder.

    Es kamen sechs Kunden auf einmal. Plötzlich gingen die Computer aus. Ließen sich nicht mehr anschalten. Du prüfst die Stromkabel, alles okay. Die Kunden waren genauso erstaunt wie du und gingen irgendwann. Kaum waren sie weg, gingen die Computer wieder an.
    Du hattest den ganzen Tag eine super gute Verbindung. Doch war der Raum voller Kunden, waren alle Computer plötzlich offline. Wir riefen Alain vom Internetprovider an. „Nein, kann nicht sein. Hier ist alles okay, ihr müsst Verbindung haben.“ Sagte er. Waren die Kunden verärgert gegangen, war die Internetverbindung wieder da.
    Na Dankeschön auch. So ließe sich die Aufzählung fortsetzen.
    Dinge passierten, die man sich nicht erklären konnte, die aber alle in eine Richtung deuteten: Verlust und Schaden.

    Ich erzählte meiner Freundin Cindy in Berlin davon. Sie lachte mich nicht aus, meinte aber, ich sollte mir mehr Freizeit gönnen. Wenn man es nicht live erlebt, ist es halt schwer zu glauben.

    Ein Schamane kann mit einem Foto sehr viel bewirken. Ein Grund, weshalb sich hier viele Leute nicht oder nur von ihnen bekannten Personen fotografieren ließen. Da konnte der Tourist schon mal in Schwierigkeiten kommen, wenn er einen Einheimischen ungefragt ablichten wollte.
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  4. AW: Was suchst du in Madagaskar?

    Die Mittel für meinen Weg zum Haus wirkten, aber nicht sehr lange. Ich ging immer seltener heim zum Schlafen, lieber lag ich auf der unbequemen Couch im Internetcafe in der Warteecke.
    Als ich dann doch nach einigen schlaflosen, Moskito-gequälten Nächten heim ging zum Schlafen, heulten die Hunde den Mond an. Das ganze Konzert zog sich etwa zwei Stunden hin. Ich hatte den Eindruck, nun war dies der letzte Heuler. Weit gefehlt. Ein Hund vom Nachbargrundstück begann sein jämmerliches Gebell und wieder stimmten alle anderen mit ein. An Schlaf war nicht zu denken.
    Kaum eingenickt, wurde ich gegen 4.00 Uhr erneut aus dem Schlaf gerissen. Ein Fahrzeug hielt auf dem Grundstück, natürlich nicht ohne noch einmal Gas zu geben. Eine ganze Schar Kinder musste angekommen sein. Sicher traf sich gerade die ganze Stadt auf unserem Grundstück, solchen Lärm konnten nur 80.000 Menschen verursachen.
    Nach einer halben Stunde war etwas Ruhe eingekehrt. Mir fielen die Augen zu. Doch dann, wieder jäh aus dem Schlaf gerissen, gegen 4.30 Uhr begann eine Schar Kinder vor dem Schlafzimmerfenster zu spielen, zu toben, zu lärmen. Anscheinend fanden gerade die Olympischen Spiele vor meinem Fenster statt. Ich versuchte die Meldungen der Ohren zu ignorieren, um dem Schlaf eine Chance zu geben. Dieser Versuch missglückte. Langsam wurde ich sauer. Nach einer weiteren halben Stunde mit diesem ohrenbetäubenden Lärm schrie ich sinnvoller Weise laut auf Deutsch "Ruhe". Was normalerweise keiner in Madagaskar verstehen würde. Nach einer offensichtlichen Schrecksekunde, wurde dann der Massensport doch etwas leiser fortgeführt.
    Ich bin sehr kinderlieb, aber sportliche Veranstaltungen vor meinem Schlafzimmer morgens 4.30 Uhr lagen doch außerhalb meiner Toleranzgrenze.

    In den folgenden Nächten, die noch immer unerträglich warm waren, zog ich die Couch im Internetcafe trotz Moskitos vor.
    Jan schlief in seinem Zimmer oder war ausgegangen. Sebastian war im Haus und ich versuchte auf dieser schmalen Bambuscouch Schlaf zu finden. Moskitos freuten sich auf mein Blut und ich fand keine Ruhe. Also stand ich wieder auf, setzte mich an den Computer und surfte im Internet.
    Ich fand wieder Kontakt zu Sven, einem Freund. Er begann zur "Madagaskar-Sammelstelle" zu werden. Alle Dinge, die ich per Internet in Deutschland organisierte oder kaufte, wurden an Sven geschickt und er sorgte für den Versand nach Madagaskar.
    Er sammelte auch Computer und fehlende Ersatzteile, um sie zu uns zu schicken.
    Allerdings stellte sich schnell heraus, dass er kein großes Versandgenie war. Denn die Post von Madagaskar konnte so manchen Härtetest der Stiftung Warentest in den Schatten stellen. Die Computer kamen teilweise als Trümmer an und die schlechte Verpackung tat ihr Übriges.

    In der Poststation wurde ich eines Tages Zeuge eines solchen Härtetests. Zwei Arbeiter trugen einen Karton mit einer Banderole "Vorsicht Glas". Sie ließen ihn fallen. Es klirrte. Sie lachten. Sie ließen sie ihn noch einmal fallen und noch einmal gab es Grund zur Heiterkeit.

    Hassan, der Schamane sagte mir immer wieder fast auf den Tag genau, wann die Pakete eintreffen würden und behielt jedes Mal Recht. Auch wenn ein Paket noch gar nicht abgeschickt war, er wusste es.
    So sagte mir Hassan im September: „Die Pakete werden kommen.“
    „Wann?“
    „Noch diese Woche.“
    Am Freitagnachmittag kam ich von Rondro von einem Termin und mir fielen Hassans Worte ein.
    "Es ist Freitagnachmittag. Der Schamane sagte, bis Ende dieser Woche kommt das Paket an, dann muss er sich aber beeilen."
    Kaum hatte ich den Satz beendet, kam ein Mitarbeiter der Post auf uns zu gestürmt und rief „Ein Paket aus Deutschland ist da! Sie müssen sich beeilen,denn der Zollbeamte hat gleich Feierabend. Er wartet auf euch.“
    Die Mitarbeiter der Post kannten mich schon. Als der Zollbeamte in einem der Pakete ein Päckchen Kaffee hervor kramte, nahm ich es ihm aus der Hand und küsste das Päckchen. Alle lachten. Ich sagte: "Jungs, macht mich glücklich und gebt mir mein Paket." Rondro übersetzte es wörtlich. Alle lachten mit mir. Ich gab mein obligatorisches "Cadeau" (Geschenk) als Dankeschön und der Zollbeamte war zufrieden. Sie gaben mir mein Paket, kramten noch ein paar deutsche Worte hervor und freuten sich, dass ich sie verstand.

    Am Abend des gleichen Tages saß ich wieder einmal wegen Schlaflosigkeit am Computer. Plötzlich funkte es in einer Stromverteilerdose und es begann brenzlich zu riechen. Ich hatte Angst, es könnte zu einem Elektrobrand kommen und wollte nicht heimgehen. Ich war beunruhigt. So etwas wie eine Sicherung, oder Sicherungskasten gab es nicht.
    Am anderen Morgen sprach ich mit dem Vermieter, woraufhin er einen Handwerker holte. Das Universalgenie, öffnete sämtliche Verteilerdosen außer dieser einen, zerrte alle Kabel heraus und ließ dann die gesamte Stromversorgung zusammenbrechen. Er versprach am nächsten Morgen zu kommen und zu reparieren.
    Der nächste Tag war ein Sonntag und natürlich passiert nichts. Wir waren ein Wochenende ohne Strom und natürlich ohne Einnahmen. Doch das interessierte keinen.

    Am Montag holte Rondro einen Elektriker, der die Reparatur vornehmen sollte.
    „Ich habe den Vermieter getroffen.“ berichtete sie. „Der Patron ist mit diesem Handwerker nicht einverstanden. Er ist ihm zu teuer.“
    „Weiß der Elektriker, was ein Sicherungskasten ist?“
    „Ja, ich habe ihn gefragt. Er hat einen neuen mitgebracht.“
    „Dann ist es mir egal, was der Patron sagt. Dann zahlen wir das selbst. Ich habe Angst, dass mir hier alles abbrennt.“
    Wir bekamen nun einen modernen niegelnagelneuen Sicherungskasten.

    Das "Universalgenie" kam und sah sich diesen neuen Kasten staunend an. Ich stellte mich davor und achtete darauf, dass er sich den Stromleitungen nur mit max. einem Meter Abstand näherte. Sein Talent für Chaos hatte ich ja bereits kennen gelernt.

    Ich bemerkte, wie ich mehr und mehr das Heute lebte und gelassener wurde. Viele Kleinigkeiten regten mich nicht mehr auf. Ich begegnete ihnen mit Gelassenheit.
    Ich hatte Vertrauen und Glauben. Dies gab mir Kraft und vor allen Dingen Zuversicht und Gewissheit, dass „alles gut wird“.
    Wir fahren auf unserer Straße, haben die Freiheit ab zu biegen oder weiter zu fahren. Doch das Tempolimit und die Hinweisschilder gibt ein anderer vor…
    Und ich bin dankbar. Dankbar für das Erlebte, für die Erfahrungen, die ich machen durfte. Dankbar für die kleinen Dinge, die so wunderbar sind und die wir gern übersehen.
    Anstatt über ein Problem oder einen Umstand zu klagen und zu murren, sollten wir dankbar sein.

    Fordert mich ein Widerstand dazu auf, ihn zu überwinden, bin ich dankbar für den Wind. Denn ich brauche ihn, um fliegen zu lernen.
    An einem Montag kam Rondro ganz aufgeregt. Sie erzählte heiter: „Stelle dir vor, am Wochenende hat es gebrannt. Einige Häuser sind niedergebrannt.“
    „Aber das Gouverneursamt hat doch eine Feuerwehr. Ich sehe sie jeden Tag. Ganz neu. Wird jeden Morgen geputzt. Ca. 40 Jungs stehen dann daneben und machen ihre Übungen.“
    „Ja, diese Feuerwehr kam auch, aber es gab keine Hydranten und man konnte keine Wasserquelle anschließen. In Tsaramandroso ist das Meer zu weit weg.“ lachte sie.
    Ich schüttelte den Kopf. So etwas müssten die Verantwortlichen doch vorher wissen.
    „So eine schöne Feuerwehr.“
    „Ja“, lachte Rondro „sehr schön. ... Aber alle Häuser sind abgebrannt.“
    „Schade die ganzen Übungen umsonst.“ Ich dachte an die leidtragenden Familien, staunte über die Gedankenlosigkeit der Verwaltung und konnte mir ein Grinsen dennoch nicht verkneifen.
    Es erinnerte mich irgendwie an die Schildbürgergeschichten.
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  5. AW: Was suchst du in Madagaskar?

    Sebastian und ich kamen mit Rondro nachmittags von einem Termin im Rathaus. Der Tag neigte sich dem Ende. Die Seeuferpromenade füllte sich langsam aber stetig mit Menschen. Die Sonne begann den Ersten Akt ihres abendlichen Farbenspiels. Sebastian, der sich immer mehr für die Sprache Französisch interessierte aber auch begann madagassisch zu sprechen, befragte Rondro über die Anwendung bestimmter Ausdrücke und Verben in beiden Sprachen. Wir kamen am Baobab vorbei.
    Der "Dicke Baobab" von Majunga soll ca. 600 Jahre alt sein. Er ist das Wahrzeichen der Stadt. Wenn samstags geheiratet wurde, dann fanden sich die Brautpaare am Baobab ein, für das Erinnerungsfoto oder das Familienfoto. Ebenso sah man stolze Eltern und Absolventen der Universität mit ihrer Robe und dem Zeugnis in der Hand für ein Erinnerungsfoto am Baobab posieren. Zu besonderen Anlässen z.B. Ostern wurde der Baobab geschmückt mit vielen bunten Lichterketten. Witzig war nur, dass diese mit Ton ausgestattet waren. Ging man zu Ostern am Baobab vorbei, hörte man die Melodien von "Jingle bells" oder "I’m dreaming of a white chrismas.."
    Der Baobab gilt als heilig. Das heißt, steht man am Baobab und fässt ihn an, so muss man die Wahrheit sprechen, sonst erzürnt man Gott. Ein Lügendetektor aus der Natur.
    Es geht die Sage um, dass Gott als er die Erde erschuf, den Baobab als schönsten Baum modellierte. Gross war er und wunderschön, eine erhabene Majästet unter den Bäumen. Tausende von Blüten zierten ihn in einer Farbenpracht, die einzigartig war. Gott war zufrieden mit seinem Werk und stolz auf diesen Baum. Da begann der Baum sich zu beschweren, er sei zu hoch, die Vögel können dem Menschen keine Lieder singen in seinem Geäst. Und überhaupt, Gott solle sich mehr Mühe geben. Da wurde Gott zornig und zog den Baum samt Wurzel aus, schleuderte ihn kopfüber auf die Erde. Auf dass er mit der Wurzel gen Himmel ragt für alle Zeiten. Daher sieht er so seltsam aus.

    „Rondro, ich habe in einem Reiseführer gelesen, dass es verschiedene Dinge gibt, die fady sind.“ "Fady" heißt „verboten“. In Deutschland würde man sagen, "das macht man nicht".
    Rondro lachte, überlegte und erzählte dann weiter: „Du darfst nicht mit dem Finger auf etwas in weiter Ferne zeigen, schon gar nicht auf Gräber oder Orte, an denen Tote ruhen. Man kann auf einen Menschen zeigen, aber nicht in die Landschaft. Denn man könnte unbeabsichtigt auf ein Grab zeigen, das würde die Ehre der Toten verletzen.“
    Wir lachten, denn bei uns ist es geradezu umgekehrt. Man darf in die Landschaft mit dem Finger zeigen, aber nicht auf Personen.
    Mir fiel plötzlich ein, dass meine Vermieterin bald Geburtstag hatte.
    „Rondro, was schenke ich ihr? Blumen oder ein schönes Parfüm?“
    „Es ist schwer ein Geschenk auszusuchen. Madagassen untereinander schenken sich kein Parfüm. Denn mit Parfüm kann ein Schamane sehr viel beeinflussen. Als Weißer aber, traut man dir dieses Wissen nicht zu. Du kannst deiner Vermieterin beruhigt Parfüm schenken, sie wird es annehmen. Auch Blumen schenkt man nicht, die wachsen hier an jeder Ecke.“
    Stimmt, dachte ich mir. Im Haus sah man selten frische Blumen. Stoffblumen halten länger und waren sehr beliebt.

    Die Sonne war untergegangen. Wir setzten uns auf eine Bank an der Promenade und Rondro plauderte weiter. Ich nutzte die Gelegenheit, sie über eine Entdeckung zu befragen.
    „Sag mal, Rondro, was ich dich fragen wollte. Ich saß neulich auf der Bank und musste auf meinen Kontoauszug warten. Ich saß also mit einigen Madagassen in der Runde. Schaute in Gedanken versunken auf den Boden vor mir. Mein Blick schweifte über die Füße der mit mir Wartenden. Da fiel mir etwas auf. Es gibt eine Fußform, die ich bis dahin nie zuvor gesehen habe. Normalerweise steht die Zehenreihe schräg zum Fuß, soll heißen, der "große Onkel" ist der äußerste Punkt. Die Anordnung ist also konisch. Es heißt ja auch Fuß-spitze, oder?“
    Sebastian lachte. Ich streckte zur Demonstration meinen Fuß vor und erklärte: “Hmmm, aber diese Füße von einigen Madagassen sind völlig gerade, als hätte jemand die Zehenreihe mit Lineal gezogen und die Zehen dran geklebt. Sieht sehr seltsam aus. Und ich denke darüber nach, wie man damit wohl in einen normalen Schuh reinkommt.“ Sebastian begann zu kichern. Rondro lächelte, sie wusste wo von ich rede.
    „Es sind hauptsächlich Zakalafas mit solchen Füßen. Es gibt verschiedene Volksstämme in Madagascar.“
    „Ja, das habe ich gelesen. Ich kenne bisher die Merinas und die Zakalafas.“

    Die Merinas lebten im Hochland. Sie galten als wissbegierig, mit schneller Auffassungsgabe und sehr zielstrebig. Zakalafas fand man hier an der Westküste zu Afrika. Sie waren langsam, ich hätte gesagt "latschig", dunkler in der Hautfarbe und an den Gesichtszügen sah man es auch. Diese waren breiter und kantiger. Sicher gab es auch intelligente Zakalafas, aber in der Regel konnte man sie eher in unteren Positionen finden. Das Begreifen fiel ihnen schwerer, dafür lebten viele von ihnen noch das ursprüngliche, afrikanische Leben.
    „Es gibt noch die Attandruis“ sagte Rondro.
    „Ach das habe ich auch gehört, die leben im Süden, ja?“
    „Ja ist nur ein kleiner Volksstamm, aber sie haben ihre eigenen Gesetze und leben noch sehr traditionell. Man sagt Attandrui sind die besten Nachtwächter. Sie sehen und hören in der Dunkelheit sehr gut. Außerdem macht ein Attendrui unerschrocken von der Machete Gebrauch, wenn Gefahr droht.“
    „Mit der Machete? Das ist brutal. Wie sehen sie aus?“
    „Sie sind hochgewachsen, lang und dünn und sehr dunkel.“ Sagte sie.
    „Ich habe langsam Hunger. Lasst uns heim gehen.“
    „Wir können beim Franzosen gegenüber ein paar Brochette essen.“
    „Nein, tut mir leid, ich werde schon zuhause erwartet. Schläfst du noch im Haus?“ fragte sie.

    Ein Schlüsselerlebnis verdarb mir die Freude am Haus. Trotz Moskitonetz wachte ich im Bett mit dem Kopf in einer Armee von Ameisen auf. Es war mir unbegreiflich, da das Bett von der Wand abgerückt stand, wie die kleinen Plagegeister mir diesen Schreck einjagen konnten. Aber nach dem zweiten Erlebnis dieser Art, gab ich auf.

    „Nein, ich bin in Gunters ehemaliges Zimmer gezogen. Wir sehen uns dann morgen wieder Rondro.“ Sie verabschiedete sich. Sebastian und ich gingen weiter zum Internetcafe.

    Von Sven kam ein Paket mit zwei Rechnern, wieder mal kaputt und Zuwachs für den Computerfriedhof im Hof. Er scheint nicht zu wissen, dass wir bei "Uraltrechnern" noch mehr Probleme haben wegen der Ersatzteilbeschaffung und auch keinen Schrott im Internetcafe benutzen. Aber ich musste mich nicht ärgern, denn sie kamen ohnehin kaputt an. Den Rest hatte ihnen wohl die madagassische Post gegeben. Schade nur um die hohen Versandgebühren.
    Die gut gemeinte Bemühung von Sven half nicht wirklich. Wir schlugen uns weiterhin mit dem Problem herum: zu wenige Computer, um alle Kosten decken und auch den Lebensunterhalt davon finanzieren zu können.

    Auch mit dem Visum kamen wir nicht weiter. Es lag weiterhin in Tana zur Bearbeitung. Die Gewerbeerlaubnis befristet ausgestellt, war abgelaufen und täglich drohte die Schließung des Geschäftes durch behördliche Stellen.

    Wir arbeiteten den ganzen Tag im „Antsika“ und drehten jeden France Malagache zweimal um. Immer wieder kam es zu Diskussionen, ob diese oder jene Ausgabe wirklich erforderlich war. Kaufte Sebastian für sich eine Packung „Pringles“, reagiert Jan säuerlich.

    Diese Situation war nicht nur nervenaufreibend, sondern auch entmutigend. Ich kam nicht weiter, weder mit der Carte Professionell noch mit der noch mit der Einhaltung des Vertrages durch den Internetanbieter. Dazu kamen die ständigen Baumaßnahmen des Vermieters. Kaum, dass wir eingezogen waren, baute er am Haus um und aus.
    Dreck und Staub schadeten den Geräten ebenso wie die ständigen Überspannungen oder Stromausfälle.

    Ich war fertig und frustriert. Wir kämpften und bemühten uns, gaben unser Bestes und mussten mit ansehen, wie nach und nach alles kaputt ging und die Einnahmen die Kosten nicht deckten.
    Nach einem Wutausbruch in dem Büro des Internetanbieters wegen der ständigen „Online-Offline-Spiele“ bzw. dem Ratespiel „Wer ist langsamer als wir“, schrie ich Alain an: „Ich werde mich beschweren! Ich schreibe an den Präsidenten, an seinen deutschen Berater. Ihr macht uns kaputt mit eurer Schlamperei. Wir haben Einnahmeausfälle, ihr triebt uns in die Pleite!“
    Er lachte amüsiert und antwortete „Und wenn der Präsident persönlich kommt, es interessiert mich nicht.“ Ich verließ den Laden und war fix und fertig. Wutausbrüche nutzten nichts, das wusste ich. Sie zeigten mir meine Hilflosigkeit. Ich konnte nichts tun.
    Oder doch?

    Ich schrieb nun an viele Stellen mit der Bitte um Hilfe, so auch unter anderem an einen deutschen Berater des Präsidenten von Madagaskar, die deutsche Botschaft, dem Minister für Telekommunikation, an OMERT und DTS und einige andere.
    Auf meine Mails bekam ich kaum Feedback. Ich fühlte mich allein. Unterstützung konnten wir also nicht erwarten. Es interessierte niemanden, ob du dein Geld verlierst oder ob du genug zum Leben hast, ob du Arbeitsplätze schaffst. Das war auch ein Teil der persönlichen Freiheit.

    Wir berieten, wie wir den Schaden eindämmen könnten, der immer mehr um sich griff.

    Um den Stromschwankungen entgegen zu treten, kauften wir USV-Geräte für jeden Computer, diese fingen nicht nur die Schwankungen auf, sie ermöglichten auch bei Stromausfall, dass die Rechner noch 10-20 Minuten online waren. Die Kunden konnten ihre Mail noch absenden oder speichern und das System konnte ohne Datenverlust runter gefahren werden.

    Nach einigen Wochen kam wieder eine Vertretung von OMERT, der Aufsichtsbehörde für Telekommunikation, mit sechs Vertretern aus Tana. Dieses Mal waren sie sehr mit unserem Problem beschäftigt, prüften die Geschwindigkeit, sagten, es liegt an der technischen Ausstattung für den Breitbandfunk und stellten fest, dass die Geschwindigkeit nicht vertragsgemäß war. Immerhin hatten wir es nun schriftlich in einem Protokoll von OMERT, dass DTS den Vertrag nicht einhielt. Aber es änderte sich nichts an der bedenklichen Situation.
    Doch offensichtlich zeigten meine Briefe Wirkung. Denn ohne Grund bemühten sich die Herren aus Tana nicht hierher.
    Nach einem Moment der Hoffnung auf Hilfe, folgte in den nächsten Wochen die Ernüchterung. Es wurde nichts getan. Alle Versprechungen blieben nur Worte. Mit diesem Besuch hatten sie scheinbar ihrer Pflicht genüge getan, denn trotz Zusagen, war dies die einzige Aktion von OMERT. War dies ein Alibi-Protokoll?

    Monate später erfuhr ich, dass meine Briefe mit der Bitte um Hilfe in Tana am deutschen Stammtisch ein Thema war, dass offensichtlich sehr zur Heiterkeit beitrug.
    An diesem Stammtisch sind auch immer mal wieder Mitarbeiter der deutschen Botschaft anwesend.
    Die Frage, wer sich dort indiskret verhielt und Informationen preis gab, wollte ich nicht stellen. Mir genügte die Tatsache, dass man sich gut amüsierte, jedoch keinerlei Unterstützung kam.
    Die Wette, ob wir es schaffen würden, schien noch nicht beendet.

    Wir installierten Computerspiele auf den Rechnern. Waren wir offline, boten wir den Jugendlichen Computerspiele an. Wir begannen CD’s zu brennen mit Fotos für Kunden. Wir ließen uns viel einfallen, um die Einnahmeverluste zu reduzieren. Und die Maßnahmen hatten Erfolg. Die Einnahmen stiegen wieder gegenüber dem Vormonat. Wir entwickelten uns trotz allem aufwärts, obwohl die Saison mit Touristen vorbei war.

    Aus Tana kam die Nachricht, dass für das Zwei- Jahres Visum erheblich mehr zu zahlen sei als gedacht. Nun, unsere Priorität lag mittlerweile im Geschäft, und das brauchte Computer und USV Geräte mehr, als ein Papier mit Stempel. So zahlten wir erstmal nur für das Visum und verschoben die Zahlung für die Carte Residence, die für die Verlängerung der Carte Professionell notwendig war. Ich setzte auf Risiko und auch auf die Schlampigkeit der Behörden. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt kein Geld, um alle notwendigen Stempel und Anträge zu bezahlen.

    (36)
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  6. AW: Was suchst du in Madagaskar?

    Um die Umsätze weiter anzukurbeln, beteiligten wir unsere Mitarbeiter am Erfolg des Geschäftes. Sie bekamen nun Provision auf den Umsatz in ihrer Arbeitszeit und erhielten damit die Möglichkeit durch eigene Arbeit und Engagement den Geldbeutel etwas aufzufüllen.
    Diese Maßnahme war für alle noch ungewohnt, doch schon bald vermerkten wir einen deutlichen Anstieg der Einnahmen.

    Wir stellten eine neue Mitarbeiterin ein, Heri. Sie kam nur am Wochenende und entlastete unsere Mädels. Nach den ersten zwei Sonntagen kam ihr Mann und bat um ein Gespräch. Er war Belgier, nuschelte und sein Deutsch konnte ich kaum verstehen. Ein kleiner älterer Mann, seine Augen und Nase, das ganze Gesicht erinnerte mich an einen "Kasperl" aus einem Puppenspiel. Er stellte sich vor und sagte uns, wir sollen aufpassen, denn wir werden betrogen, von unseren Mädchen. Sie rechnen falsch ab, nehmen dem Kunden den richtigen Betrag ab, aber schreiben andere Angaben auf und das Das Geld fließt zum Teil nicht in die Kasse sondern in die Tasche der Mädchen. Besonders Rosalie sei auffällig. Er wollte nicht, dass seine Frau von den Mädchen gemobbt wird. Sie traute sich nicht, es mir zu sagen.

    Damit hatten wir nicht gerechnet. Wir diskutierten und waren uns einig, wir müssen der Sache nachgehen und überprüfen, ob es der Wahrheit entspricht.
    Da wir verschiedene Tarife hatten, nutzte ein Computerprogramm sehr wenig, denn die "Schwachstelle" lag darin, ob sie einen Normaltarif als Studententarif eingaben und die Differenz in die eigene Tasche steckten, einen Kunden gar nicht oder „privat“ abrechneten. Ein Computerprogramm kann nicht unterscheiden welcher Tarif der Richtige für den Kunden ist.

    Nun gewarnt, saßen wir im Kundenraum und schrieben die Zeiten und Kunden heimlich auf. Wir protokollierten drei Tage mit.
    Das Ergebnis war erschreckend. Einerseits auf den Monat gerechnet, ergab sich ein sehr einträglicher Nebenverdienst für die Mädchen, andererseits ein erheblicher Verlust für uns.
    Wir rätselten, wie wir die Stromrechnung und die Miete bezahlen und die Girls lachten über ein nettes "Zubrot".
    Wir konnten aber nicht ganz auf sie verzichten. Es war nicht leicht, kurzfristig Angestellte zu finden, die englisch sprechen und entsprechende Vorkenntnisse besaßen.
    Heri wurde krank. Nun verblieben uns noch Gastelle, Vero und Rosali. Vero war außen vor. Sie griff nicht in die Kasse. Sie rechnete exakt ab. Rosalie griff unverschämt zu, Gastelle wenig, aber regelmäßig.
    Wir baten beide zum Gespräch und sagten den beiden diebischen Elstern, dass diejenige, die in der kommenden Woche besser arbeitet, bleiben kann, wir geben ihnen eine Chance.
    Mit dieser Maßnahme wollten wir Zeit gewinnen, um uns nach anderem Personal umzusehen. Allerdings stellten wir die Organisation sofort um. Es ging kein Bargeld mehr durch die Hände der Mädchen.
    Nun mussten wir allerdings selbst Dienst schieben und konnten keine Minute mehr das Internetcafe verlassen. Einer musste immer da sein.

    Es gab hier Madagassen, die ihre Angestellten im Laden einschlossen, während sie Besorgungen machten. Und wenn die Angestellten dann gingen, war die Taschenkontrolle eine Selbstverständlichkeit.
    Als wir von dem Vorfall bei Bekannten berichteten, hörten wir überall: „Oh Gott, bloß kein Geld und keine Kasse den Madagassen überlassen.“ Hm, das konnte doch nicht die Regel sein.
    Ein anderer erzählte uns, dass er weiß, dass in seinem Geschäft täglich gestohlen wird, aber er habe keine Zeit zur Kontrolle. Er habe noch einen Nebenerwerb und der würde das wieder ausgleichen. Diese Aussagen stimmten uns nachdenklich.

    Die menschliche Enttäuschung war größer, als der Ärger um den Verlust der Einnahmen. Ich mag kein Misstrauen und Zweifel.
    Während Gastelle sofort die Wende um 180° hinlegte, mit guten Leistungen glänzte, kehrt Rosalie ihre schnippische Art hervor. Sie wurde entlassen. Mit ihrer Schwester Christin kam sie noch einmal wieder und begann eine wilde Schreierei im Geschäft. Erst als ich mit der Polizei drohte, gingen sie endlich.
    Da ich von Gunter wusste, dass Christin an Thoumbasitzungen teilnahm, war mein nächster Gang zum Schamanen, um Schutz zu bitten.
    Bei Thoumbasitzungen werden die Toten angerufen und ich wollte den Wirkungen ihrer Verwünschungen vorbeugen.
    Seltsamer Weise war Heri seit der Entlassung Rosalies schwer erkrankt. Sie wurde nach Tana in eine Klinik geflogen. Keiner konnte sagen, was sie hat. Ihr Mann kam und holte den restlichen Lohn. Ich riet ihm, mit ihr den Schamanen aufzusuchen, denn der zeitliche Zusammenhang zu den Ereignissen im Internetcafe mit Rosalie, war zu deutlich.
    Er befolgte meinen Rat und zwei Wochen später war Heri auf dem Wege der Genesung.

    Der Auftritt von Christin und Rosalie war sehr ungewöhnlich, denn das Aggressionspotential war in Madagascar sehr gering. Ich hörte zwar Schauermärchen über Ereignisse in Tana und Tamatave, jedoch waren selbst diese Berichte nicht vergleichbar mit der "normalen" Kriminalität und Aggression im deutschen Alltag.
    Hier war es undenkbar, dass eine Rauferei in einer Gaststätte entsteht, weil jemand einen anderen Gast anrempelt oder dass jemand ohne Grund zusammengeschlagen oder abgestochen wird.
    Ja Streitigkeiten zwischen Mann und Frau auf der Straße waren ein Ereignis, das die Umstehenden gern neugierig und lachend verfolgten, denn dies würde in den nächsten Tagen Stadtgespräch sein.
    Auch im Straßenverkehr gab es selten aggressive Fahrweisen oder Verhalten, das auf Aggressionen schließen ließen. Nein, es ist keine Insel der Glückseligen, aber vielleicht die Insel, der Lachenden.

    Während des Regierungswechsels 2002 kam es zu einer Blockade in Majunga, die mit einem einzigen Schuss beendet wurde. Ein Armeegeschütz feuerte einen einzigen Schuss über die Köpfe der Ratsiraka-Anhänger ab, so wurde berichtet. Und die Soldaten ergriffen die Flucht. Es gab hier keine Untergrundbewegung, keine Rebellen.
    Fanja berichtete mir, dass in der Zeit des Regierungswechsel 2002, der "Krise", das ganze Land morgens um 9.00 Uhr gebetet hat, es möge nicht zum Bürgerkrieg kommen. Einem Krieg, in dem der Vater die Waffe auf den eigenen Sohn richtet. In allen Kirchen, Institutionen, öffentlichen Gebäuden, Schulen, Firmen, ja selbst in den Häusern und Hütten wurde zur gleichen Zeit gebetet.
    Es kam damals zu Demonstrationen auf der Rue d’ Independance in Tana, die blutig vom damaligen Regierungsoberhaupt beendet wurden. Man schoss wahllos in die Menge. Es gab viele Tote. Solche Vorkommnisse wären vielleicht in einem anderen Land, Anlass zu einem Bürgerkrieg gewesen. Nicht so in Madagascar.
    Das erinnerte mich an eine Parole aus den 80-er Jahren: „Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin.“ In Madagascar könnte man sagen: „Stell dir vor, es ist Krieg und alle gehen heim.“

    Da die Kunden immer wieder lange auf einen freien Platz warteten, aber andererseits unsere Einnahmen nicht ausreichten, kauften wir einen Rechner hier vor Ort und konnten nun wieder 6 Rechner anbieten.
    Sebastian bastelte aus Svens Uraltrechnern einen brauchbaren zusammen, der sehr verbeult und ramponiert aus sah, aber als "Sven1" auf seine alten Tage gute Dienste leistete.

    Allianz Francais war eine Einrichtung, die Weiterbildung und eine Bibliothek in Majunga betrieb.
    Dort wurden Kurse für Aus- und Weiterbildung angeboten. Das Haus stand direkt an der Uferpromenade und hatte eine wunderschöne große Terrasse.
    Dazu muss man sagen, dass die Uferpromenade eine vergleichbare Lage hat wie der Kudamm in Berlin. Jeder der Majunga besucht, flaniert auch diese Strasse entlang. Zudem war an der Uferpromenade nur ein Restaurant zu finden, das von 12-14 Uhr und von 19-22 Uhr geöffnet hatte.
    Immer wenn ich am Gebäude der Allianz Francaise vorbei ging und das war fast täglich, dachte ich mir, das wäre eine tolle Lage. Aber dieser Gedanke war aussichtslos, denn man konnte sich nicht in einem öffentlichen Gebäude ein mieten.
    Als eines Tages der Direktor von Allianz Francaise zu uns kam und erzählte, dass es eine Ausschreibung gibt, an der wir uns beteiligen können, war es für uns keine Frage. Die Einrichtung wollte einen Raum vermieten werden, in dem ein Internetcafe eröffnen soll, außerdem sollte die Terrasse bewirtschaftet werden. Alles zusammen zu einem günstigen Preis.

    Ich entwarf ein Konzept: Internetcafe in dem kleinen Raum, Eiscafe tagsüber auf der Terrasse und abends eine Sport- und Musikbar. Sportveranstaltungen auf einer Großbildleinwand live übertragen oder aber Musikkonzerte. Und dies alles in gehobenem Ambiente zu vertretbaren Preisen, das sollte es sein.
    Ich erstellte eine Fotomontage, aus Fotos, vom jetzigen Zustand und wie es eingerichtet aussehen könnte. Wir gaben unser Konzept ab. Es beeindruckte die Mitarbeiter dort. Ein Gremium wird später die Entscheidung endgültig fällen.

    Ich hoffte und glaubte, dass sich auch die Finanzierung eines solchen Projektes bis dahin regeln würde.
    Alles kommt zur rechten Zeit.
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  7. AW: Was suchst du in Madagaskar?

    Bei Allianz Francais wurde umgebaut, der Termin zur Entscheidung über die Vergabe der Räume, zog sich hin.
    Wenn hier jemand einen Termin nannte zum Ende des Monats, konnte man getrost noch einen Monat dazu rechnen. Es lag am Material oder Werkzeug oder an der Hitze. Wer konnte das schon so genau sagen?

    Die Madagassen sind Künstler im Improvisieren. Ein Lumpen wurde genommen anstatt eines Pinsels. Ein Stein ersetzte den Hammer.

    Auf einer Straße sah ich den Beginn von Straßenarbeiten. Drei Madagassen begannen mit einem normalen Hammer die Teerdecke aufzuklopfen. Geht nicht? Nach einer Woche sah man schon Erfolge!

    Die Straßen und Fußgängerwege waren ein Kapitel für sich. Über Schlaglöcher muss man ja nicht mehr reden. Wer hier freiwillig 20 Km/h fuhr, der sagt auch nichts mehr zu den Straßen im Osten Deutschlands.
    Aber hier hatte man Löcher sogar auf dem Fußgängerweg. Mitten auf dem Weg 2m tiefe Löcher. Nicht gekennzeichnet, nicht abgesperrt. Abends nicht beleuchtet. Ratsam war es, nach Einbruch der Dunkelheit nur dort zu laufen, wo es etwas beleuchtet war. Jeder dunkle Schatten auf dem Weg könnte genauso gut ein Loch in der Straße sein.
    Mit dem Auto nachmittags oder abends durch die vollen Straßen zu fahren, war sehr anstrengend, denn Pousse Pousse Fahrer, Radfahrer, Fußgänger kreuzten immer wieder deinen Weg und gaben nicht Acht. Rückspiegel oder Beleuchtungen im Dunkeln gab es nicht.

    Ich hatte Werbeartikel von einer Firma im Gepäck für Kinder. Reflektoren in Form eines Teddybären, die man an einer Jacke befestigen konnte. Ich fragte meine Mädchen, ob sie Kinder in der Familie haben. Nein, aber sie würden gern so einen Reflektor für sich selbst haben. Für was? Na, am Fahrrad oder an der Handtasche. Aha. Warum nicht ?

    Das Krankenhaus hier in Majunga konnten wir von innen bewundern, als Gunter sich eine Bänderzerrung zu zog. Es war ein trauriger Anblick. Mir schien, es fehlte an allem. Verbandsmaterial ebenso wie Spritzen, technische Geräte, Wissen und Hygiene.
    Das Bein wurde geröntgt. Es wurde weder etwas abgedeckt oder sonst irgendwelche Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Sind ja nur Strahlen, die kann man nicht sehen.
    Die Apparaturen erinnerten an die 60-er Jahre. Hygiene war ohnehin ein Fremdwort hier und das bei der Hitze.
    Das Universitätskrankenhaus der Stadt Mahajanga versorgt die gesamte Region Boeni, das heisst eine Fläche von 153 788 km2.
    Das entspricht der Grösse von ZWEIMAL BAYERN.
    Es bietet 350 Betten.
    Die 291 Mitarbeiter des Krankenhauses bewältigten im Jahr 2004: 15506 Aufnahmen, 84533 Tage Krankenhausaufenthalt
    792 Geburten, 2673 chirurgische Eingriffe.

    Meine Erkenntnis aus diesem Erlebnis: bei Operation sofort nach Reunion (die Nachbarinsel, gehört zu Frankreich, also zu Europa) oder nach Deutschland. Hier keinesfalls eine OP.
    Lieber Gott verschone mich!
    Wenn ich daran denke, was in Deutschland alles weggeworfen wird, weil es zu alt oder unansehnlich ist. Ich habe gehört, dass in den deutschen Krankenhäusern viele Hilfsmaterialien ständig aussortiert werden, damit veraltete Dinge nicht mehr verwendet werden.

    Die Kinderstation. Nun.
    Eines Tages kam in unser Internetcafe eine Kundin, eine deutsche Ärztin. Sie war auf einer Rundreise durch Madagaskar. Ich half ihr, die Mails abzurufen. Sie wollte vom Krankenhaus erzählen, was sie gesehen hat. Sie weinte nur. Ich konnte kaum verstehen, was sie sagte.
    „…und die Kinder…" weitere Worte gingen im Schluchzen unter.

    Ich hatte im Internet Firmen angeschrieben, die medizinische Einrichtungen ausstatten mit Geräten und gebeten, sie mögen veraltete Geräte nicht wegwerfen. Sie mögen mir schreiben, wenn sie etwas haben, wir organisieren die Abholung oder den Versand. Es kam keine Reaktion. Auch Ärzte reagierten nicht.

    Jeder, der das Wort "Madagaskar" hört, denkt an das Lied, "Wir lagen vor Madagaskar und hatten die Pest an Bord".
    Das könnte man auch heute noch singen. Denn es gibt sie hier noch, die Pest. Auch Lepra gibt es hier noch.
    Mir schien, bei all den Aktionen "Brot für Afrika" usw. wurde Madagaskar vergessen.

    Ich habe bereits erwähnt, dass 60% der Bevölkerung Analphabeten waren. Woher sollten sie wissen, wie man Ansteckung vermeidet, wie man sich schützen kann, welche Tiere Krankheiten übertragen.

    Auch Aids ist ein Thema. Allerdings habe ich auf einer Webseite gelesen, dass in Afrika Aids weniger durch Ansteckung verbreitet wird, mehr durch die hygienischen Verhältnisse in den medizinischen Einrichtungen. Seit ich das Krankenhaus gesehen habe, glaube ich das.

    Eine Hilfsorganisation kam nach Majunga, so wurde mir von Rondro berichtet. Sie wollten eine Aufklärungskampagne starten, gegen Aids. Sie wollten anregen, Kondome zu verwenden. Sie gaben auf. Es gab wenig Interesse für ihre Vorträge.
    Was in dieser Zeit in der Bevölkerung diskutiert wurde, war, dass diese künstlichen Dinger krank machen werden, denn Chemie, das kann nicht gut sein.
    Unwissenheit.

    Die GTZ hatte sich etwas einfallen lassen. Eine Art Puppentheater klärte auf.
    Mittlerweile war das Thema AIDS jedem bekannt und Kondome wurden nicht mehr abgelehnt.

    Im madagassischen TV konnte man neuerdings Werbefilmchen sehen, die als Zeichentrickfilm zeigen, wie ein junges Paar ein Kind erwartet und weil sie Gemüse essen und auch Obst, bekommen sie ein gesundes Kind.
    Toll. Die Sendung mit der Maus.
    Dieser Spot würde in Deutschland dem Niveau eines Films für das Vorschulalter entsprechen.

    Die Madagassen ernährten sich zu einseitig. Es gab jeden Tag Reis, Reis und Reis. Dazu Fisch oder Zebufleisch, wenn man es sich leisten konnte. Sie waren der Meinung, Reis enthalte alles, was der Mensch braucht.

    Wir unterhielten und diskutierten oft über diese Probleme. Meiner Meinung nach, half einfache Aufklärung, Wissen und Kontakte ins Ausland, eine bewusste gesunde Ernährung und normale Hygiene zu fördern.

    Da die Kinder die Zukunft eines Landes sind, galt mein Interesse den Kindern, der kommenden Generation. Ich hatte die Idee, Kontakte zu fördern.
    Das heißt, für Kinder über das Internet Mailfreundschaften zu organisieren, vielleicht Städtepartnerschaften oder zumindest Schulen, die Kontakte finden, um diese Mauern der Ausgegrenztheit zu überwinden.

    Die Kinder in Madagaskar lernen in den Schulen französisch. Ich könnte mir vorstellen, dass es deutschen Schülern eine Hilfe in diesem Fach wäre, eine Mail -oder Brieffreundschaft zu führen. Schulen könnten alte Französisch - Lehrbücher schicken und sicher würden beide Seiten von diesem Kontakt profitieren.

    Doch all meine Bemühungen blieben fruchtlos. In Deutschland schien man Angst zu haben, jemand könnte etwas wollen, wo doch der Etat der deutschen Schulen schon so schmal ist.
    Oder lag es an solchen Dingen wie Ignoranz und Gleichgültigkeit?
    Der Ausspruch: "Wissen ist Macht". Kann erweitert werden: "Wissen kann Leben erhalten".

    Apotheken gab es hier jede Menge. Die Medikamente waren für uns billig, für die Madagassen unerschwinglich. Meine Behandlung damals gegen die Malaria hatte 130.000 FMG gekostet. Das war der halbe Monatslohn von Georgina.
    Aspirin kostete umgerechnet 2 Euro, doch für einen Madagassen war das ein Tageslohn.
    Die Miete einer Steinhütte mit Wellblechdach kostete ca. 100.000 FMG. Da blieb nicht viel zum Leben, wenn dann auch noch kleine Mäuler zu stopfen sind.
    Die Holzkrücken, Gehhilfen, für Gunter hatten 140.000 FMG gekostet, dazu die Behandlung. Insgesamt waren es ca. 300.000 FMG. Das war mehr als Georgina im Monat verdiente.
    Sie wäre bei einem Unfall natürlich abgesichert gewesen, da sie bei uns versichert war. Aber wäre sie arbeitslos oder nicht versichert (das wird nicht von allen Arbeitgebern geleistet) wäre sie zum Schamanen gegangen, der mit Kräutern und Naturmedizin helfen kann.

    Der Oktober 2003 war ein Monat, der vielleicht weniger Aufregung brachte, mehr Zuversicht, mehr Freude über das Erreichte, aber auch mehr Gewissheit, dass wir auf dem "richtigen" Weg sind.

    Meine Spaziergänge ans Meer gaben mir immer wieder Momente des Erstaunt Seins über die Farbenpracht und Dramatik, mit der die Sonne sich vom Tag verabschiedete.
    An manchen Abenden hatte ich das Gefühl, ich sei zum ersten Mal hier. Ich lächelte und nahm wie zum ersten Mal die Schönheit der Umgebung in mich auf.

    Ich hatte in den zurückliegenden Wochen nur noch Computer, Anträge, Formulare und sich vor uns auftürmende Arbeit gesehen. Ich war umgeben gewesen von Schönheit, hatte mich aber so daran gewöhnt, dass ich sie nicht einmal mehr bemerkte.

    "Es ist erstaunlich, welche Bedeutung ein Stück Himmel haben kann." (Shel Silverstein)

    Im Haus wohnte noch Sebastian. Ich hatte keine Ambitionen mehr, es gemütlich herzurichten.
    Im Internetcafé zog der Alltag ein. Der Kampf um Vertragserfüllung mit dem Internetprovider ging weiter, die Stromausfälle nervten und vieles wurde Routine.

    Die Ausschreibung um die Räume bei Allianz Francaise bot Stoff für neue Träume.
    Wenn wir beim Franzosen saßen, malten wir uns aus, wie es eingerichtet sein würde, welche Veranstaltungen, wie es organisiert werden könnte.
    Neue Aufbruchsstimmung machte sich breit.

    In einer schönen Mondnacht schaute ich zum Himmel. Die Galaxien waren überwältigend und schienen zum Greifen nah. Spürte die ruhige gleichmäßige Bewegung der Planeten, des Mondes, der Sterne, des Universums. Ich war mit all dem verbunden. Ich gehorchte einem Rhythmus, der tiefer reicht und verlässlich ist.
    "And god is on your side"
    ("The sparrows and the nightingales” Wolfsheim)
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  8. AW: Was suchst du in Madagaskar?

    Sebastian stellte im rechten Auge eine Veränderung fest. Er klagte über Schmerzen und verschlechtertes Sehen. Ich bekam es mit der Angst zu tun. Wir recherchierten im Internet. Da war überall der Hinweis sofortige Untersuchung beim Augenarzt, im schlechtesten Fall droht die Ablösung der Netzhaut.
    Ich nahm Kontakt zu seinem Vater auf und bat ihn, den Flug nach Deutschland zu finanzieren.
    Eile war geboten. Es dauerte.
    Ich machte Druck. Und wie ich Druck machte. Wie eine Löwin kämpfte ich für mein Junges.
    Endlich, er schickte das Geld. Wir buchten einen Flug und er flog für 3 Monate nach Deutschland.
    Sebastians Freund bot ihm an, bei ihm zu wohnen. Denn Sebastian wollte in Berlin zum Arzt nicht in der Provinz bei seinem Vater. Meine Freundin hatte in Berlin die Ärzte und Termine zusammengetragen und organisiert.
    Das Krisenmanagement funktionierte.

    Als ich Sebastian zum Flug brachte, der ihn nach Tana bringen sollte, liefen mir die Tränen. Ich hatte das Gefühl, ihn nie wieder zu sehen und rechnete damit, dass er in Deutschland bleiben würde. Ich spürte wie sehr er zu meinem Leben gehörte, wie sehr ich ihn brauchte und seine Gegenwart wichtig war.

    Gunter, der in den letzten Monaten nur sporadisch vorbei kam, begann nun jeden Morgen zu kommen, bis Mittag im Hof zu sitzen oder am Rechner, zum 33.mal den Emailaccount nach Post zu checken und ansonsten Löcher in die Luft zu starren.
    Ich wunderte mich sehr. Bald erfuhr ich, dass er überall erzählte, er würde zur Arbeit fahren, wenn er zu uns kam.
    Aha.
    Am Nachmittag war er wieder verschwunden, dann saß er nach wie vor in einem Lokal beim Bier. Als die ersten Kunden kamen und fragten, ob wir "für Gunter in seinem Internetcafe" arbeiten, begann ich an seinem Verstand zu zweifeln. Was in aller Welt erzählt dieser Mensch den Leuten?

    Eigentlich tat er mir leid, er hatte sein ganzes Geld in irgendwelchen Lokalen gelassen, war mittlerweile auch bei seiner Wirtin rausgeflogen. Er wohnte mit Christoph, einem Franzosen, zusammen, denn Christoph schwächelte, war ständig krank, aber bezahlte die Miete.

    Ich investierte weiter in die Firma, war aber nicht gewillt, Gunters Leben zu finanzieren. Zumal es noch immer darum ging, aus den roten Zahlen zu kommen. Der November war der erste Monat, den wir mit einem so guten Umsatz begannen, dass wir die Kosten decken würden.
    Ich hätte ihn nicht hängen lassen, doch er begann Forderungen zu stellen. Es interessierte ihn nicht, wie es um die Rechnungen bestellt war. Er forderte.
    Geld, dass ich unplanmäßig einnahm, gab ich Gunter, er tat mir eben leid.
    Als er dann aber bereits eine Woche später Freunden erzählte, wir würden ihn verhungern lassen und er würde seinen rechtmäßigen Anteil nicht bekommen, fand ich es doch etwas daneben. Dies entsprach so nicht der Realität, solange er noch Geld hatte für sein Bier, konnte er nicht am Verhungern sein.
    Ein Recht hatte er nur auf eine Gewinnauszahlung, doch die war nicht in Sicht.
    Gunter selbst ließ sich nicht mehr sehen.

    Ich reagierte sehr verärgert. Ein Gewitter zog herauf...
    Trotzdem diskutierten wir, was man tun könnte.
    Da Gunter im Internetcafe einen Computer stehen hatte und einige Bilder, Lampen usw. von ihm waren, schlug Jan vor, dass wir ihm einen Nutzungsvertrag geben und er für die Nutzung dieser Sachen monatlich einen finanziellen Zuschuss bekommen soll. Das wäre okay gewesen.

    Gestern noch willigte er ein, am nächsten Tage kam er, ein kurzer Wortwechsel, das Gewitter brach herein und er trug seine Sachen raus.
    Nun standen wir da, wieder mit 4 PCs, kahlen Wänden und einer ungeklärten Rechtslage mit Gunter.

    Jan wollte zwar von Gunter nichts mehr wissen. Aber er sah sich nicht stark genug, diesen Rückschlag hinzunehmen. Er kündigte an, den Transporter zu verkaufen und davon zurück nach Deutschland zu gehen. Er meinte, nun sei alles kaputt und es gäbe kein Internetcafe mehr.

    Dieser Tag, war der erste in der Geschichte des Internetcafes, an dem wir geschlossen hatten und es war ein trauriger Tag. Ratlosigkeit auf meiner Seite, Mutlosigkeit auf der Seite von Jan.

    Noch am gleichen Tag ging ich los und kaufte drei riesige Bilder, handgemalt von Madagassen, um die traurigen kahlen Wände neu zu gestalten. Und wüsste ich, dass morgen die Welt untergeht, würde ich noch heute einen Baum pflanzen.
    Ich dachte nicht an Aufgeben. Wenn Jan seinen Plan wahr machten würde, dann wollte ich allein bleiben, ohne Sebastian, ohne Jan. Irgendwie würde ich es schon schaffen. Notfalls eben allein.

    Wir hatten eine Firma aufgebaut, wenn auch noch klein. Wir hatten Angestellte und ich war nicht willens alles fallen zu lassen, nur weil jemand einem Sturm nicht widersteht.

    Am nächsten Tag hatten sich die Wolken schon verzogen. Wir machten weiter, mit 4 Computer und einem verbeulten Sven-Schrott-Rechner, der aber noch halbwegs lief.

    Der Internetprovider kündigte seinen Besuch an. Es kamen vier Leute aus Tana und zwei Vertreter der Filiale in Majunga zu uns. Man wollte den Fehler finden, warum wir so eine schlechte Verbindung haben. Man schloss zunächst einen anderen Rechner an, extra mitgebracht. Keine Veränderung.
    Man wechselte die Box zwischen Antenne und Rooter. Keine Veränderung. Man wechselte den Rooter aus gegen einen Linuxserver. Keine Veränderung.
    Doch plötzlich siehe da, wie aus heiterem Himmel Punkt 18.00 Uhr - eine super gute Verbindung.
    Ich freute mich und DTS meinte, das Problem sei gelöst.
    „Ja im Moment hat es den Anschein, doch ich möchte es über einige Tage hin beobachten, denn schon zu oft dachten wir, nun wäre es okay und dann Stunden später dasselbe Dilemma.“
    „Das geht nicht, dass wir den Server da lassen, denn es sind Daten drauf. Wir werden aber wiederkommen.“
    Nun, sie wechselten den Linuxserver wieder gegen den Rooter aus.
    Und ? Ein Wunder! Die gleiche Geschwindigkeit noch immer. Super gut, mit unserer eigenen Technik.
    Doch das Wunder hielt nicht lange an. Schon am nächsten Tage gegen 8.00 Uhr, pünktlich zur Öffnungszeit war die Verbindung wieder genauso im Keller wie zuvor. Der Internetprovider ließ sich nicht mehr sehen.
    Ein nettes Theaterstück.

    Das Visum von Jan und mir war für die nächsten zwei Jahre fertig. Sebastian brauchte seinen Reisepass für seinen Flug nach Deutschland. Sein Visum konnte erst nach seiner Rückkehr in den Paß eingetragen werden Ich vermisste Sebastian sehr.

    Die Carte Residence für die Verlängerung der Carte Professionell (Gewerbeerlaubnis) war noch immer nicht fertig. Ich konnte das Geld nicht aufbringen. Es musste warten, bis meine Rückzahlung vom Finanzamt kam.

    Allianz Francaise hatte die Entscheidung über die Vermietung der Räume auf Dezember verschoben.
    Der November verging wie im Fluge. Der Tiefschlag, den uns Gunter versetzt hatte, war heftig und schlug uns in der Entwicklung weit zurück.

    „Und jede Nacht, wenn du nicht schlafen kannst
    und die Armee des Wahnsinns bei dir klopft,
    wenn du dann durchdrehst ist’s erlaubt,
    doch wer hat dir den Mut geraubt?
    Wenn du jetzt aufgibst,
    wirst du's nie verstehn,
    du bist zu weit um umzudrehn.
    Vor dir der Berg, du glaubst, du schaffst es nicht,
    doch dreh dich um und sieh wie weit du bist.
    Im Tal der Tränen liegt auch Gold,
    komm lass es zu, dass du es holst...“
    (Rosenstolz)

    Ganz gleich, was uns widerfährt, wir müssen uns wieder aufrappeln.
    Ungeachtet der Beschränkungen und Behinderungen, ungeachtet dessen, was wir nicht haben können, sind wir doch in der Lage, unsere Ziele zu erreichen und dabei einigen Spaß zu haben. Wir stoßen den Deckel von der Kiste, strecken den Kopf ins Freie, lassen den Blick schweifen.
    Und was sehen wir? Die Welt ist ein wunderbarer, erstaunlicher Ort.

    Ich erkannte, wie gesegnet und glücklich ich war.
    Die Angst verwandeln wir in eine Leiter, die uns aus der Kiste des Zweifelns und der Unsicherheit führt. Wir werfen einen Blick auf die Hindernisse und fangen an, sie nach und nach zu beseitigen. Ich setzte meine Reise fort, an deren Ende ich um viele Erfahrungen reicher sein sollte.

    Durch solche unerwarteten Prüfungen erfuhr ich die magische Wirkung der zwei Wörter:
    Ich kann!

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    (39)
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  9. AW: Was suchst du in Madagaskar?

    Sebastian schrieb aus Deutschland, er hatte sein Auge untersuchen lassen, es sei nicht so schlimm wie vermutet. Er schämte sich fast, dass wir es so dringlich dargestellt haben.
    Ich antwortete, das ist eine sehr gute Nachricht. Besser ist doch, er schreibt mir "falscher Alarm" als "zu spät, es wird operiert".
    Ich setzte alles daran, ihm ein gutes Gefühl zu geben, er sollte die Zeit in Deutschland genießen, Zeit mit seinen Freunden und bei der Familie, anstatt sich solche Gedanken zu machen.

    Endlich war es soweit, das Finanzamt hatte den Lohnsteuerjahresausgleich fertig und zahlte auf das Konto meiner Freundin ein.

    Ich ließ mir etwas transferieren und kaufte in Deutschland mehrere Rechner mit Monitor, Computertische und Bilder, Tischlampen. Dinge, die wir vor Gunter’s Auszug auch im Internetcafe hatten. Ich wollte, dass es bald wieder so schön aussah wie vorher. Nein, nicht genauso schön, besser noch als vorher!
    Jedem wollte ich zeigen: Nein wir geben nicht auf, ganz im Gegenteil!
    Doch das Gerücht in der Stadt, wir würden schließen, hielt sich hartnäckig.
    Die Kundenzahl ging weiter zurück.
    Alles kommt zur rechten Zeit.

    Auf unsere Investorsuche per Internet meldeten sich zwei Leute, die in das neue Projekt bei Allaince Framcaise investieren wollten. Doch sie wurden nicht konkret.

    Meine Webseite kam gut an. Mit konkreten Umsatzzahlen, Statistiken und dem erläuterten neuen Projekt, die zu erwartenden Erträge, hoffte ich einen Investor zu finden.
    Allianz Francaise ließ auch im Dezember nichts von sich hören. Jan meinte „Das wird nichts.“

    Ich ging zu Hassan. Er sagte mir:“Du wirst ein neues Projekt starten und damit erfolgreich sein. Du wirst drei Investoren finden. Aber erst im neuen Jahr. Mit dem Internetprovider wird es eine Lösung geben, aber auch erst Anfang des Jahres. Das Weihnachtspaket wird erst nach Weihnachten kommen.“

    Ich bestellte bei der Blumenfrau am Markt einen Adventskranz. Zuvor zeigte ich Rondro im Internet, was ein Adventskranz ist. Sie sollte es der Blumenfrau erklären.
    Wie handelten einen Preis aus und zwei Tage später holte ich ihn ab. Er war riesig! Aber wunderschön. Da es keine dicken Kerzen zu kaufen gab, brannte in der Mitte fast jeden Nachmittag der Vorweihnachtszeit ein Meer von Lichter.

    Zum Nikolaustag bastelte ich aus farbigem Karton kleine Schlappen. Sie wurden gefüllt mit allerlei Süßigkeiten. Ein kleiner Geldschein dazu und ein Schleifchen drum herum . Jede Angestellte bekam einen Nikolausschlappen und freute sich über diese deutsche Tradition.

    Bei Ebay kaufte ich ein, ließ es von meinem Geld durch Cindy bezahlen und zu Sven schicken. Bei 90% aller Transaktionen klappte das sehr gut.

    Sven schickte ein Paket mit Weihnachtsdekoration, doch es kam nicht an. Erst Anfang Januar konnte ich den Weihnachtsbaum aufstellen, wie Hassan es voraus sagte.

    Der Dezember gestaltete sich schwierig; es war Regenzeit, die Hitze unerträglich. Wir hatten noch immer keine Klimaanlage. Die Luft stand in den Räumen und der Schweiß rannte.

    Der Dezember war auch der Monat der Feiertage. Die Kunden wurden weniger, man spürte, dass sie zu ihren Familien reisten.
    Auch zu Weihnachten bekamen unsere Angestellten ein kleines Präsent.
    Doch das größte Geschenk machte ich mit selbst. Ich verbrachte Weihnachten, wie es schon lange mein Wunsch war, in einem Kloster am Rande der Stadt.

    Ich hatte Rondro zu einem Kloster geschickt, um zu fragen, ob ich kommen darf. Diese hatten über Weihnachten sehr viele Gäste aus ihrem Orden und empfahlen ein anderes Kloster. Dort zeigten sich die Schwestern hoch erfreut über mein Anliegen. Als Rondro kam und mir die Nachricht brachte, war dies mein schönstes Geschenk.

    Aufgeregt machte ich mich am Morgen meines Geburtstages, Heiligabend, auf den Weg zum Kloster. Schwester Elian hieß mich "Herzlich Willkommen".
    Ich bekam ein süßes kleines Zimmer. Vor mir der Blick auf einen wunderschönen Garten, neben dem Zimmer ein kleines Gebetszimmer. Nun war ich allein mit mir.

    Am Abend ging ich zur Messe. Der Gottesdienst zog sich hin. Die Atmosphäre, die Gesänge und Lieder berührten mich, auch wenn ich die Sprache nicht verstand.

    Hier in Madagaskar spiegelten selbst die Kirchenlieder die Lebensfreude wider. Der Gesang war fröhlich, mehrstimmig und man spürte die Liebe, die Sonne und die Freude.
    Als ich das Lied " Stille Nacht, heilige Nacht" erkannte, rollten die Tränen. Erinnerungen an Kindheit, Geburtstag daheim, Eltern und Deutschland kamen.
    Ich war ergriffen. Eine Mischung aus Trauer, Glück und Andacht. Das Herz ging auf und wie sollte es dann anders sein, da waren nicht nur seelige Momente, da kamen auch die traurigen zu Worte.
    Die Trauer um meine Eltern vermischten sich mit den Erinnerungen an die Kindheit, an meine Söhne, die so fern waren und die ich so sehr vermisste. Ob sie an mich dachten?

    Nur zum Essen kam ich in Kontakt mit einem anderen Menschen.
    Die Schwestern hatten einen fest geregelten Tagesablauf. Man sah sie nicht. Sie durften keinen Kontakt zur Außenwelt haben. Beim Gottesdienst saßen sie hinter einem Gitter, das hinter einem Vorhang verborgen war. Ich hörte sie jede Stunde in der Kapelle singen und beten.
    Nur wenige Schwestern genossen das Privileg mit außenstehenden Kontakt zu haben, zwischen den Welten zu pendeln.

    Ich schrieb meine Gedanken nieder, las in der Bibel und dachte über das Leben, mein Leben, nach. Suchte den roten Faden auf meinem Weg und nach Erkenntnissen aus den Erfahrungen, nach den Lektionen, die ich gelernt hatte und die noch zu lernen sind.
    Immer wieder Einkehr und Meditation. Die Ruhe und die Besinnung. Die innere Ruhe, die innere Besinnung. Diese Tage waren ein großes Geschenk.

    In mein Tagebuch schrieb ich in dieser Zeit:
    „Ich bin müde. Teilweise fühle ich mich überfordert. Manchmal habe ich das Gefühl, die schwere Zeit dauert ewig.

    Ich denke nicht nur, dass es schwer war, es war tatsächlich schwer. Ich wurde auf die Probe gestellt, examiniert, erneut geprüft, ob ich die Lektion auch gelernt habe.

    Meine Überzeugungen und mein Glaube, haben die Feuerprobe bestanden. Ich habe zunächst geglaubt, dann gezweifelt, und mich noch einmal bemüht, meinen Glauben zu vertiefen.

    Ich musste glauben, auch wenn ich nicht sehen konnte und mir nicht vorstellen konnte, was ich da glauben sollte. Menschen in meiner Umgebung wollten mich davon überzeugen, nicht an das zu glauben, was ich hoffte, glauben zu können.

    Ich hatte Widersacher. Ich habe die Stelle, an der ich jetzt stehe, nicht mit der vollen Unterstützung und Hilfe anderer erreicht. Ich musste schwer arbeiten, mich gegen Widerstände in meiner Umgebung durchsetzen. Manchmal wurde ich durch meinen Zorn motiviert, manchmal war es Angst.

    Die Dinge liefen schief - mehr Probleme tauchten auf, als ich erwartet hatte. Hindernisse, Frustration und Ärgernisse begleiteten mich auf meinem Weg. Ich konnte den Gang der Ereignisse nicht beeinflussen. Vieles kam überraschend, manches davon war ganz und gar nicht in meinem Sinn.

    Und doch war es gut. Ein Teil von mir, mein tiefstes Inneres, das die Wahrheit kennt, hat das die ganze Zeit gespürt, auch wenn mein Verstand mir einflößte, die Dinge seien nicht in Ordnung, sondern durcheinander, es gäbe keinen Plan und keinen Sinn, Gott habe mich vergessen.

    Es ist soviel passiert, und alle Begebenheiten - auch schmerzliche, besorgniserregende und völlig überraschende - stehen in Beziehung zueinander. Ich fange an, das zu sehen und zu spüren.

    Es ist nicht leicht, Beziehungen zu beenden oder die Grenze einer Beziehung zu verändern. Das erfordert Mut und Glauben. Es erfordert die Bereitschaft, Sorge zu tragen für sich selbst und manchmal auch den Willen, eine gewisse Zeit allein zu sein.

    Wir fangen nie ganz von vorn an. Wir entwickeln uns nach einer genau bemessenen Abfolge von Lektionen. Wir sind dadurch mit bestimmten Menschen zusammen - in der Familie, in der Liebe, in der Freundschaft, im Beruf. Wenn wir die Lektionen gemeistert haben, trennen wir uns und gehen weiter. Wir werden uns bald an einem neuen Ort befinden, wo wir neue Lektionen mit neuen Menschen lernen.
    Nein, nicht alle Lektionen sind schmerzlich. Wir erreichen eine Stufe, auf der wir nicht durch Schmerz, sondern durch Freude und Liebe lernen.

    Ich habe mir nie erträumt, dass die Dinge sich so entwickeln könnten. Aber es geschah. Nun erfahre ich das Geheimnis - es war bestimmt, so zu geschehen. Und es ist gut so, besser als ich erwartet habe.

    Ich habe auch nicht geglaubt, dass es so lange dauern würde. Aber es dauerte so lange. Ich habe Geduld gelernt. Ich dachte nie, dass ich soviel Geduld aufbringen würde, aber nun weiß ich, dass ich Geduld habe.

    Ich wurde geführt. Es gab viele Augenblicke, in denen ich mich vergessen glaubte, in denen ich überzeugt war, verlassen zu sein. Heute weiß ich, dass ich geleitet wurde.

    Nun kommen die Dinge ins Lot. Ich habe diese schwierige Etappe meiner Reise fast geschafft. Die Lektion ist beinahe vollendet - die Lektion gegen die ich angekämpft habe, der ich Widerstand entgegengesetzt habe und von der ich überzeugt war, sie nicht lernen zu können.

    Ja, ich habe diese Lektion beinahe gemeistert.
    Ich wurde von Grund auf geändert. Ich habe mich auf eine andere Ebene begeben, eine höhere, eine bessere Ebene.
    Ich habe einen Berg bestiegen. Es war nicht leicht, doch Bergsteigen ist nie leicht. Jetzt habe ich den Gipfel fast erreicht. Ich straffe meine Schultern, atme tief durch. Ich gehe mit Zuversicht und Frieden weiter.

    Der Kampf war nicht umsonst; für jeden Kampf auf dieser Reise gibt es einen Höhepunkt und einen Belohnung. Ich ernte schon während meiner Reise Frieden, Freude und Segen. Darüber freue ich mich. Ich bin froh, dass ich in der Lage bin, dies zu erkennen und wahrzunehmen.

    Es werden noch mehr Berge zu besteigen sein. Doch jetzt weiß ich, was ich dabei zu tun habe.
    Egal, was mir begegnen wird auf meinem weiteren Weg. Ich habe wertvolle Helfer gefunden: friedliche Gelassenheit, Glauben, Geduld, das Suchen nach Erkenntnis und das Wissen um die Kraft des Loslassens.“

    Nach zwei Tagen kam, wie verabredet Rondro mit einem Taxi um mich abzuholen.
    Zum Abschied wurde ich in einen Raum geführt, durch ein Gitter getrennt, konnte ich alle Schwestern sehen und begrüßen. Sie waren alle gekommen, auch die ältesten. Das war eine große Ehre, die nicht jedem zu Teil wird.

    Die Welle der Sympathie, die mir entgegen schlug, warf mich glatt um und ich hatte Mühe, die Tränen zurückzuhalten.
    Sie fragten, ob das Gitter mich nicht stört. Ich antwortete, dass die Liebe keine Gitter kennt. Und dieses Gitter beschränkt nicht unsere Verbundenheit und unsere Herzen.
    Als ich mich von den Schwestern verabschiedete, konnte ich meinen Dank kaum in Worte fassen, doch ich musste es gar nicht, sie verstanden es.

    Im Internetcafe erwartete mich eine lustige Runde, Freunde waren da... und Jan. Doch bei meinem Erscheinen trat plötzlich Ruhe ein. Sie sahen mich forschend an. War etwas passiert? Ein Blick in den Spiegel: Nein, ich hatte keinen Heiligenschein auf dem Kopf, auch sonst sah alles normal aus.
    Ist die Tatsache, dass jemand sich über Weihnachten in ein Kloster zurückzieht, so ungewöhnlich und abnorm?

    Nach einigen Stunden legte sich der ehrfürchtige Blick. Sie erzählten lustige Geschichten, es wurde viel gelacht, doch spürte ich noch einige Tage eine sonderbare Distanz, die zwischen uns stand und die ich mir nicht erklären konnte.

    Innerlich spürte ich eine derart tiefe Ruhe und Frieden, wie ich es schwer beschreiben kann. Ich ruhte in mir. Die Kraft war eine andere, sanfte, aus dem Wissen um mich, um mein Leben und meinem Glauben. Ich spürte das Glück in mir, in meinem Herzen, in meiner Seele. Ich war so friedlich glücklich, ruhte in mir, wie nie zuvor in meinem Leben.

    Silvester hatten wir natürlich geöffnet und wie konnte es anders sein, ein Kunde blieb und blieb und blieb. Wir waren bei einem Freund eingeladen. Seine madagassisce Familie hatte alles vorbereitet und wartete. Unsere Freunde, Jan und ich warteten, dass der Kunde endlich geht. Es war bereits nach 22.30 Uhr. „Also wenn er sich bis 22.45 Uhr nicht erhebt, dann mache ich die Tür zu, diesen Wink versteht er dann schon.“ meinte ich mit Blick auf den Kunden. Denn unsere regulären Öffnungszeiten waren bereits seit einer halben Stunde vorüber. Unsere Angestellten bereits gegangen.
    Als hätte er es gehört, stand er 22.45 Uhr auf, zahlte, bedankte sich und ging.

    Wir fuhren mit dem Transporter zur madagassischen Familie von David. Ringsum madagassische Hütten, Palmen, tropischer Garten, in der Mitte ein kleiner Platz, mit Tischen und Stühlen. Alle Nachbarn waren gekommen um gemeinsam zu feiern, ein kleines Büffet hielt Getränke und Speisen bereit. Die Freude war groß, dass wir doch noch kamen. Es wurde für uns extra "Dire Straits" aufgelegt. Es wurde getanzt, unterhalten und gelacht. Ich tanzte und feierte ausgelassen.

    Die Großmutter von David hatte leckeren Kokoslikör gemacht. Sie hatte am gleichen Tag Geburtstag, wie ich. Ihr versprach ich, den nächsten Geburtstag mit ihr gemeinsam zu feiern.
    Doch daraus wurde nichts. Das nächste Treffen mit ihr war ganz anderer Art.

    Dieses Jahr, das so hart an die Grenzen meiner Belastbarkeit ging, wollte ich erleichtert verabschieden, das Kommende würde auch hart sein, aber dieses letzte Jahr sollte endlich hinter mir liegen!

    Voller Freude, dieses Jahr geschafft zu haben, Freude über das Erreichte und Freude auf das neue Jahr, auf die neuen Herausforderungen, auf die nächsten Stationen. Freude hier zu sein, Freude über dieses Zusammensein mit Freunden.
    Es ist gut ein Ziel zu haben, doch die Reise selbst ist das Abenteuer.

    Was hatte ich dieses Jahr 2003 alles erlebt. Ich war dankbar für all diese Erlebnisse und Erfahrungen, sowie für die Menschen, die in mein Leben getreten waren. Ich war dankbar für die Erfolge, aber auch für die gewöhnlichen Augenblicke.

    „Vor allem hatte ich gelernt, was im Leben wirklich wichtig ist und was nicht. Das Wichtige war oft eine Handvoll Wasser, manchmal eine geschützte Stelle für das Biwak, ein Buch, ein Gespräch.“ (Reinhold Messner)

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  10. Registriert seit
    30.12.2007
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    80

    AW: Was suchst du in Madagaskar?

    Liest sich das hier jemand durch?

    Verzeih mir, aber ich lese mir im Internet keine Romane durch, mögen sie noch so gut sein.

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