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  1. AW: Was suchst du in Madagaskar?

    Und es wurde anders. Er war den ganzen langen Tag mit Gunter unterwegs, während ich mit Rondro die Termine ab arbeitete. Mittags mit Sebastian durch die Hitze lief und Einkäufe machte, um nachmittags wieder mit Rondro die Ämter zu besuchen. Alles gestaltete sich mühselig. Viele Verspätungen und immer wieder mussten Termine verschoben werden.
    In Deutschland heißt es die "Anstandsviertelstunde". Hier wartete man aus Höflichkeit eine Stunde. Keiner verstand, dass wir nach einer halben Stunde oder gar einer Stunde Verspätung leicht säuerlich wurden.

    Von Jan keine Spur. Abends kam er, duschte, zog sich um und verschwand.
    Sebastian und ich saßen oft am Meer und hörten dem Wasser zu, die Palmen flüsterten und der Mond grinste uns fett an. Eine leichte Brise kam vom Meer und Trommelklänge drangen zu uns von irgendwo her. Ich war dankbar dafür. Das war ein Geschenk.

    Während dessen ging der Krampf um die Gründung der Firma weiter. Es gab hier keinen "Fred", der die Firma gründen konnte. "Chambre de Commerce" hatte zugesagt, dies für uns zu erledigen. Diese Einrichtung entspricht unserer Industrie- und Handelskammer. Chambre de Commerce Majunga hatte sogar ein Freundschaftsabkommen mit der Industrie- und Handelskammer Hamburg. Man staune.
    Die Ämtergänge wurden fast zur Routine. Eine beglaubigte Kopie hier, ein Formular dort.
    Der Gesellschaftervertrag wurde von uns geschrieben und bei Chambre de Commerce abgegeben. Wir warteten auf eine Nachricht, aber die ließ auf sich warten. Erneutes Nachfragen brachte erneute Vertröstungen.

    Endlich mieteten wir die Räume für das Internetcafe "Antsika". Der Besitzer renovierte sie noch auf eigene Kosten. Nun hatten wir einen kommerziellen Mietvertrag und kamen einen großen Schritt bei der Gründung der Firma weiter. Aber andererseits liefen nun auch zusätzliche monatliche Kosten auf, Einnahmen waren dagegen noch lange nicht in Sicht. Wir übten uns in Nachsicht und Geduld.
    Fast täglich war ich mit Rondro unterwegs.

    Es war März 2003 an einem Montag Nachmittag. Rondro und ich wollten ein Bankkonto für die Firma eröffnen. Ich zog es dann aber vor, doch erstmal ein Postfach einzurichten.
    Die Banken unterschieden sich in den Konditionen minimal. Zahlte man Euros ein, bekam man nicht Euros raus. Ich durfte Devisen einführen aber mir nicht auszahlen lassen. Man bekam FMG (France Malagasy), die damalige Währung von Madagaskar. Selbstverständlich konnte ich ein Devisenkonto einrichten, allerdings war die Mindesteinlage 4000 Euro, aber verfügen durfte ich nur über die Summe, die darüber hinausging. Das hieß auch, hier war zwar eine Überweisung ins Ausland möglich, aber ich konnte mir keine Euros in Madagaskar (nicht einmal von meinem eigenen Konto) auszahlen lassen. Soweit dazu.
    Mit Rondro fuhr ich zu einer Bank, die sich auf Firmenkunden spezialisiert hatte. Wir traten ein. Ein modernes Großraumbüro, es erinnerte nur wenig an eine Bank. Ein Angestellter kam sofort auf uns zu und bat uns, Platz zu nehmen.

    Ich frage nach den Konditionen.
    Ja, die kann er uns nicht nennen.
    „Ich möchte wissen, was kosten Überweisungen?“
    “Nein, das kann ich ihnen leider nicht sagen.“
    “Hören Sie, ich möchte gern die Banken vergleichen können. Darum frage ich die Konditionen ab und dann vergleiche ich und suche mir die angenehmste heraus.“
    “Ich kann ihnen die Konditionen erst sagen, wenn sie hier Kunde sind. Dazu füllen Sie bitte dieses Formular aus.“
    “Ja, ich kenne doch ihre Preise gar nicht. Ich kaufe doch nicht die Katze im Sack!“
    Er lachte.
    “Ja, finde ich auch witzig. Möchten sie mir nun die Konditionen und Preise nennen, damit ich eventuell doch Kunde werde bei ihrer schönen Bank?“
    “Sie können gern einen Termin beim Direktor vereinbaren, ich darf die Preise leider nicht an Nicht-Kunden weitergeben.“
    “Nein, Danke. Vielen Dank. Veloma“ (Tschüß).
    Also eine Bank, deren Konditionen geheim waren, deren Direktor so viel Zeit hatte, den Kunden die Preise zu erläutern, die war mir dann doch etwas suspekt.

    Für das Internetcafe brauchten wir natürlich einen Internetanbieter. In Majunga gab es nur einen.
    Dieser bot eine Art Flatrate an, über Breitbandfunk. Wir entschieden uns für die Geschwindigkeit 32 kb bis 64 kb. Diese Flatrate sollte 650 Euro monatlich kosten.
    Das war der billigste Tarif. Die Geschwindigkeit 128-256 kb würde 1500 Euro kosten. Für eine Geschwindigkeit ähnlich DSL in Deutschland musste man schon monatlich satte 14.000 Euro auf den Tisch blättern.

    Mit Jan erreichte ich einen Status, den man "friedliche Koexistenz zweier Nervensysteme" nennen konnte. Nein, ich meine damit keine Ehe, nur einen normalen freundlichen Umgang miteinander. Das Miteinander war mir wichtig, denn uns verband ein gemeinsames Ziel, die Firma aufzubauen, ein Internetcafe zu eröffnen. Daran hielt ich fest.
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  2. AW: Was suchst du in Madagaskar?

    Wir lebten uns ein

    Die Ameisenplage sah man gelassener. Jeden Tag wurde der laute hässliche Kühlschrank ausgewaschen, weil diese kleinen Plagegeister selbst vor dem Inhalt des Kühlschranks kaum etwas abhielt. So laut wie der Kühlschrank war, so wenig kühlte er. Er stand im Wohnzimmer, denn die Küche war zu schmal und klein, es passt kein Schrank, kein Kühlschrank, kein Herd hinein.
    An das Duschen mit kaltem Wasser morgens gewöhnte man sich. Haare wusch man in der Mittagszeit, denn dann war das Leitungswasser so warm, dass es genau die richtige Temperatur hatte.
    Die Marktfrau grüßte, die Polizisten grüßten, man kannte einige Geschäfte. Es gab sogar einen Laden, in dem es Wurst gab, zwar sehr teuer, ziemlich geschmacklos, fade, aber doch eine willkommene Abwechslung.
    Das Obst schmeckte anders als in Deutschland. Bananen waren erheblich süßer, die Leetschies viel saftiger.
    Die Weintraubenzeit ging dem Ende zu. Ananas gab es das ganze Jahr über. Das Angebot von Gemüse war nicht so reichhaltig wie in Tana. Die grünen Bohnen, Weißkohl, Rotkohl, oder Spargel, selbst Erbsen, alles schmeckte anders als wir es kannten.

    Die Begegnungen der dritten Art hielten sich in Grenzen.
    Eine überdimensionale Kakerlake, sicher dem letzten Kinohorrorfilm entsprungen, trabte im Bad gemächlich hinter die Fliesen.
    Eine Handteller große Spinne lief im Flur Richtung Schlafzimmer. Noch drei Monate zuvor hätte ich schreiend das Haus verlassen.
    Ab und zu hatte man hier UFO’s, unbekannte Flugobjekte, in der Wohnung. Ich sah nur, dass sie fliegen konnten oder auch springen. Hatte keine Ahnung, was das war. Man traf sie in verschiedenen Größen. Dabei waren sie so schnell, da hatte ein Killer deutscher Stubenfliegen keine Chance, also Tür auf und raus treiben.

    Auch die Moskitos waren unheimlich robust, man schlug nach ihnen, aber sie flogen weiter.
    Ohne Moskitonetz konnte man nicht schlafen. Mit Moskitonetz auch nicht. Man bekam kaum Luft. Du fühlst dich wie unter einer Käseglocke. Die Hitze war auch nachts unerträglich.

    Auf der Terrasse lagen abends meist fünf Hunde. Frau Katze fühlte sich zwar wohl, doch wenn sie die Hunde vor der Tür sah, verzichtete sie auf ihren abendlichen Spaziergang und legte ohne Kehrtwendung respektvoll den Rückwärtsgang ein.

    Schnecken gab es auf dem Grundstück, mit Haus auf dem Rücken. Die waren ca. 10-15 cm lang und das Schneckenhaus ca. 8 cm hoch. Irgendwie war alles größer, obwohl hier Kernenergie ziemlich unbekannt war.
    Sebastian sagte mir eines Tages: „Wir wollten im Grünen leben. Also müssen wir auch akzeptieren, wenn wir Tierzeugs im Haus haben.“ Recht hatte er.
    Die Ameisen hatten ein Nest unter dem Dach, stellten wir fest. Ließen wir einen Krümel auf den Boden fallen, kam ein Ameisenkontrolltrupp, betrachtete den Krümel von allen Seiten. Wenige Sekunden später kam die erste Einheit von Transportameisen, bewacht von Armeeameisen. Sebastian taufte sie so, denn sie unterschieden sich von den anderen in ihrer Größe. Sie waren ca. 1 cm lang. Die Transportameisen begutachteten nun den Krümel, forderten weitere Truppen an und es ging ans Werk. Sie schafften den Krümel die Wand hinauf in Richtung Deckenverkleidung, wo ich ganze Ameisennester vermutete. Kurz vor der „Einfahrt“ saß schon ein Gekko und wartete. Worauf wartete er? Wollte er die Ameisen frühstücken? Nein, er schnappte ihnen den Krümel vor der Nase weg. So betrachtet, sorgten diese Plagegeister sogar für Ordnung.

    Grausam war schon das Ende einer Kakerlake. Ca. 6 cm lang ließ sie sich im Wohnzimmer nieder. Mit dem Besen kehrte ich sie raus, dabei landete sie auf der Terrasse auf dem Rücken. Einige Zeit später sah ich sie immer noch auf dem Rücken liegend zappeln, aber die Ameisen waren schon dabei sie auseinander zu nehmen. Einen Flügel hatten sie schon abgesägt und weg transportiert. Am anderen Flügel machten sie sich gerade zu schaffen. Sie lebte aber noch. Grausam. Aber so ist das Leben.

    Zum Einleben gehörte auch das Kochen am eigenen Herd. Kein Restaurantbesuch zum Mittag. Ein Grillkocher sollte gekauft werden. Mit Rondro fuhr ich in die Straße, wo diese zum Kauf angeboten wurden. Bei einem Händler blieben wir stehen.
    “Da siehst du den ganz rechts?“ fragte Rondro.
    “Ja, der breite?“
    “Ja, der ist gut, der ist stabil. So einen habe ich auch.“ meinte sie.
    “Was kostet das?“ fragte ich.
    “120.000 FMG“ Das war zu teuer. Ich schüttelte den Kopf und bot ihm „40.000 FMG“.
    Er lachte über meine Gestik und blieb bei „120.000“.
    „Rondro sag ihm bitte, das ist zu teuer. Das kriege ich bei einem anderen billiger.“
    Sie sagte ihm auf madagassisch einige Worte. Er lachte.
    “120.000 FMG“
    “Okay, 50.000 FMG.“ Er schüttelte den Kopf. Nein, das ist ihm zu wenig.
    “115.000 FMG“ Er kam mir entgegen, aber zu langsam.
    Ich ging auf 60.000 Fmg. Er auf 110.000 FMG. Irgendwann war ich bei 80.000 FMG angekommen, er bei 100.000. Nein, ich wollte nicht nachgeben. Wendete mich ab und sagte „Misoatra, Veloma.“ (Danke, Tschüß) und ging ein paar Schritte auf unser Auto zu. Da rief mich Rondro zurück. Als ich mich umdrehte, sah ich den Händler lachen und mit dem Kopf nicken.
    “80.000?“
    “Eka“ (Einverstanden)
    Der Kohlekocher war nun mein. Ich kochte wie beim Camping auf einem Grillkocher. Anfangs war es nur Suppe oder auch ein Steak, doch mit der Zeit kamen dann schon Kartoffeln mit Buletten oder Bratkartoffeln hinzu. Die Speisekarte wurde ständig erweitert, auch Eierkuchen bekam ich auf diesem Monstrum hin.
    Doch war Georgina nicht da, mühten wir uns ab, das Feuer im Kocher ohne Grillkohleanzünder zu entfachen.
    Und bei Regen ? Kein Problem für die Menschen hier. Mit Papier, Holzstöckchen und viel Fächeln bekamen sie das Teil an. Es war mühsam und dauerte ewig. Georgina entzündete die Kohlestücken selbst bei Regen und ohne Spiritus.

    Unsere Georgina, Perle des Haushalts, hatte nun gelernt, wozu man Weichspüler nimmt, dass man Geschirr nicht mit kaltem Wasser abwäscht, und auch dass man es anschließend abtrocknet. Als sie aber begann, die Gläser abzutrocknen, verschwand ich dann doch lieber aus der Küche. Die Nerven, ihr dabei zu zusehen, hatte ich nicht mehr.
    Aber Georgina liebte das Bügeleisen. Sie bügelte einfach alles, von der Socke bis zum Bettlaken, mit einer Hingabe die filmreif war.
    Sie bügelte sogar Sachen, die man nicht bügeln durfte, dann kam ihr erstaunter, ungläubiger Blick, wenn Fetzen von der ehemaligen Bluse am Bügeleisen klebten.
    Was wir ihr schlecht ausreden konnten, war die Bügelfalte in den Jeans oder sogar im Rock. Ein Karomuster von Bügelfalten. Als mich Rondro aufklärte, dass das hier schick war, bemerkte ich es auch. Ein Karomuster von Bügelfalten in geraden Röcken zeigte wohl, man besaß ein Bügeleisen.

    Wir waren nun mal Georginas Vahaza's (Ausländer) und sie konnte uns doch nicht ohne Bügelfalte herum laufen lassen, nein das ging nun wirklich nicht.
    Ich musste schon verdammt schnell sein, vor ihr bestimmte Wäschestücke von der Leine zu nehmen, um sie vor ihrer Bügelleidenschaft zu retten.
    Ja, sie war schon sehr fleißig. Hatte sie Langeweile, griff sie auch mal zu Kleidung, die gesondert hing, weil sie eigentlich zur Chemischen Reinigung in Tana sollte.
    „Warum gibt Madam sie nicht in die Wäsche? Hat sie bestimmt vergessen, also ab damit in die Waschschüssel...“
    Nun ja auf diese Weise wurden ein Kostüm, ein Hosenanzug und zwei Kleider Opfer ihres Arbeitseifers. Ich kam heim und sah schon von Weitem Kleidung auf der Wäscheleine, die man nicht waschen darf.
    Schreikrampf sinnlos. Woher sollte sie wissen, dass es Stoffe gibt, die man nicht einfach ins Wasser stecken darf?

    Es war Regenzeit, 90% Luftfeuchte, da trocknete nichts. Trotz Hitze schimmelte selbst der Koffer oder die Lederhose. Georgina klopfte beherzt den Schimmel ab, als sei es nur Staub und verstand nicht, warum ich darauf drang, alles peinlichst ab zu waschen, mit heißem Wasser und Desinfektionsmittel. Dass man von Schimmel schlimme Krankheiten bekommen kann, ließ ich ihr von Rondro übersetzen. Sie glaubte es nicht wirklich, aber erfüllte mir den Wunsch und sorgte gelegentlich für Schimmelfreiheit.
    Klimageräte gab es zu kaufen, allerdings ohne Entfeuchtungsfunktion. So etwas kannte man hier nicht. Viele Häuser waren feucht auch durch die Nähe zum Meer. Nasse Wände mit Schimmelbildung. Es gab aber keinen professionellen Trockenbau. Farbe drüber, fertig.

    “Rondro, stell dir vor! In Tana haben wir uns Häuser angesehen. In einem Haus war seltsames weißes Pulver auf dem Fußboden gestreut. Auf Nachfrage erklärte die Besitzerin damals, es sei DDT, das setzt man ein gegen Flöhe usw. DDT bekommt man hier in kleinen Tütchen am Straßenrand zu kaufen. DDT ist in Deutschland verboten, weil es ein hochwirksames Gift ist. Es steht unter strengster Kontrolle! Den Menschen hier ist die Gefahr nicht bewusst.“
    Rondro lachte „ Ja, ich weiß das. Einmal im Jahr kommt eine staatliche Kommission in jedes Haus und streut dieses Pulver gegen Ungeziefer. Man muss es geschehen lassen, oder Bußgeld zahlen.“
    “Na dann ziehen wir doch das Bußgeld vor...“
    Rondro lachte „Ja, ich zahle auch lieber.“
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  3. AW: Was suchst du in Madagaskar?

    Wir gewöhnten uns ein. Allerdings gab es Eigenarten in der Kosmetik, mit denen ich mich nicht anfreunden konnte.
    Wenn Frau hier eine Schönheitsmaske, oder Vitaminmaske für die Gesichtshaut auflegte, verbarrikadierte sie sich nicht zu hause, um die Nachbarn nicht zu schocken. Nein, hier ging Frau mit festgeklebter dick aufgetragener Schönheitsmaske genauso auf die Straße, in die Bank oder zum Einkauf. Sogar in die Gaststätte zum Essen ging Frau mit dieser hellen verschmierten Kruste im Gesicht. Die Augen fein freigehalten.
    Dieser Anblick war ebenso gewöhnungsbedürftig, wie die Eigenart ein bestimmtes Fett in die Haare zu reiben, damit es glatt wird und hält. Es hielt meist so gut, dass die Haare weder natürlich im Wind wehten, noch sonstige Bewegungen mitmachten. Diese Haartracht sah dann einfach stumpf aus und roch übel. Die Haare waren zwar glatt, aber ähnelten mehr einem Deckel aus Pappe, als schönem natürlichem Haar.
    Die Frauen hatten hier ein anderes Schönheitsideal als in Europa. Schick waren möglichst glatte Haare. Und je heller die Haut, desto angesehener war man.
    Fanja in Tana wollte kaum glauben als ich ihr erzählte, was Frauen in Deutschland für eine Dauerwelle ausgeben, nur um ein paar Locken auf dem Kopf zu haben und wie viele Menschen jede Woche ins Solarium laufen, da eine gebräunte Hautfarbe ein Markenzeichen für Pflege, Fitness und Körperkult geworden ist.
    Ja, ja, die Menschen wollen immer das, was sie nicht haben.

    Wir lebten uns ein, das heißt auch, wir sahen die vielen kleinen Momente, die Freude bereiteten.
    Beim Gemüsekauf auf dem Markt gingen wir immer zum gleichen Stand. Eine mollige lustige Frau bediente dort. Ihre Kinder packten das Gekaufte in die Tasche. Sie wussten schon, wenn sie uns sahen, was wir bevorzugten. Ein Spaß war das Bezahlen. Sebastian gab ihr erst das Geld, wenn sie versuchte, den Preis auf Deutsch zu sagen. Alle lachten, auch die Marktfrauen von den anderen Ständen in der Markthalle.

    Ich genoß es sehr mit dem Auto durch die Stadt zum Einkauf zu fahren und diese Freiheit zu spüren. Es war einfach schön: Sonne auf dem Tank, blauer Himmel, überall nette Leute ein buntes Gewühl.

    In Tsara Mandroso, einem Stadtteil von Majunga, da tobte das Leben. Unzählige kleine Händler, Läden, Verkaufsstände, viele Menschen, in afrikanischer, modischer, oder moslemischer Kleidung, bunt, grell, viel Haut oder sittsam.
    Hier in das menschliche Gewühl eintauchen, da pulsierte das Leben. Was konnte es Schöneres geben? Es roch nach allerlei exotischen Gewürzen, nach Meer, Fisch und nach brennender Grillkohle, gerösteten Nüssen und gebratenen Fleischspießen.
    Das war mein Mahajanga.

    Beim Fahren musste man höllisch aufpassen. Radfahrer und Pousse Pousse fuhren achtlos auf der Straße, ohne Rückspiegel, ohne Licht. Fußgänger liefen kreuz und quer.
    Einfach Hupen und durch.
    „Rondro! Warum passen sie nicht auf? Das Gesundheitswesen ist doch nun wirklich nicht so gut und die Gefahr eines Unfalls sehr hoch.“
    Sie lachte. „Die Leute sagen, die Autos haben Angst vor den Füßgängern.“
    So gesehen stimmte das auch, denn ich fuhr sehr vorsichtig und mehr als aufmerksam.

    In der Stadt wurde nur 20kmh gefahren, am Stadtrand 40 kmh, aber teilweise waren die Straßen ohnehin in einem Zustand, der keine andere Geschwindigkeit zuließ, wollte man sich nicht den Unterboden wegreißen.
    Allerdings gab es auch keine Geschwindigkeitskontrollen. „Alkoholtest“ war hier ein Fremdwort und entsprechend gefährlich war es auch abends auf den Straßen. War man unsicher an der Kreuzung, wer zuerst fahren durfe, dann hatte das größere Auto den Vorrang oder wer zuerst hupte. Trotzdem gab es immer wieder Polizeikontrollen in der Stadt.

    Jan und Gunter wurden zwei Mal kontrolliert. Das erste Mal waren es gleich drei Polizistinnen, die meinten: „Wenn das Auto frisch aus dem Zoll kommt, muss es ordentlich begossen werden.“ Das hieß, sie bekamen Geld.
    Das zweite Mal wurden sie "erwischt", als Jan eine Einbahnstraße verkehrt herum befuhr, also wieder löhnen. Der Clou dabei aber war, dass es kaum Straßenverkehrsschilder gab, auch nicht bei Einbahnstraßen. Man konnte nur raten, ob man in einer Einbahnstraße war.

    Ich wurde auch schon angehalten. Einmal hatte ich Glück, Rondro war dabei. Sie konnte die Diskussion um meine Fahrerlaubnis, die sie nicht (deutsch) lesen konnten, beenden.
    War ich allein im Auto unterwegs, sprach ich stur deutsch und sie gaben irgendwann entnervt auf.
    Mit der Zeit kannten wir die Polizisten in der Stadt. Wir wussten, wann und wo sie standen. Sie hingegen kannten den Opel schon und hielten uns nur noch an, wenn sie etwas Geld zum Trinken brauchten.
    An der Kreuzung vor dem großen Markt stand meistens ein Polizist. Er gab mir die Vorfahrt, grüßte und ich lachte.

    Nun lebten wir hier und lebten uns ein. Um den verwilderten Garten ein schöneres Gesicht zu geben, hatten wir noch keine Zeit. Doch es kamen immer wieder Jungs, die nach Arbeit fragten oder sich anboten die Wiese zu schneiden. Okay, warum nicht ?
    So begannen eines Tages zwei junge Männer das Gras zu mähen, mit einer Handsichel, so groß, wie ein Küchenmesser. Nach einem Tag waren sie fertig. Unglaublich.
    Ich hätte mich nicht gewundert, wenn sie die Schere vorgeholt und damit noch einmal nach gebessert hätten.

    Gunter war wieder einmal nach Tana gefahren, um Dokumente für den Zoll zu besorgen. Jan war seltsamerweise sehr oft zu Hause und immer öfter legte er sich ins Bett. Wollte nicht gestört werden.
    Eines Abends klagte er über Schmerzen. Er konnte weder sitzen noch liegen. Er beichtete mir, dass er schon seit einer Woche diese Schmerzen hatte. Nun war es dick geschwollen. Er hatte mittlerweile so starke Schmerzen, dass er weder sitzen noch liegen konnte. Wieder nahm ich mein Kräuterbuch zur Hilfe. Ich hatte Tee, der helfen konnte. Ein Arzt wäre besser gewesen, aber er scheute sich. Also bekam er nun jeden Tag Tee, Zuspruch und Kühlung.
    Im Internet recherchierte ich, was es sein konnte, was er sich da zugezogen hatte. Es passte, die Nacht, in der er nicht heimkam, lag etwa fünf Wochen zurück...

    Na, da hat wohl der "da oben" für Strafe gesorgt, dachte ich mir und übernahm nun zur Lauferei zu den Ämtern, den Einkäufen, das Kochen, auch noch die Pflege des Kranken und legte mir ein dickes Fell gegen sein Gejammer und Gestöhne zu.
    Diese Krankheit zog sich über viele Wochen hin. Eine ärztliche Behandlung wäre dringend ratsam gewesen. Doch er blieb stur bei seiner Meinung: „Kein Arzt.“
    Meine Mutti sagte immer: "Gottes Mühlen mahlen langsam, aber sie mahlen."
    Es tat mir leid, ihn mit Schmerzen zu sehen. Ich gab mir alle Mühe und war besorgt um ihn. Doch andererseits sah ich es als ausgleichende Gerechtigkeit an und belastete mein Gemüt nicht damit.

    Als er sich nach Genesung von dieser Krankheit mir nähern wollte, gab es einen riesigen Krach. Unter anderen Umständen hätte ich uns eine Chance gegeben, denn die Gefühle für ihn polterten in ihrer Kiste und wollten heraus. Aber nachdem was passiert war...
    „Du schläfst ohne Kondom mit den Nutten in einem Dritte Welt Land, wirst krank, gehst nicht zum Arzt. Du lässt keinen Test machen und nun willst du mich anstecken? Spinnst du? Vergiß es gleich wieder! Du kannst gern ausgehen, aber mich lass in Ruhe! Ich habe keine Lust deinetwegen krank zu werden! Du bist verantwortungslos und egoistisch! Das hat nichts mit Liebe zu tun, Jan!“
    Er riss die Augen auf und schwieg.
    Er achtete auch weiterhin nicht auf Sicherheit. Aber dieser Punkt zwischen uns war für alle Zeit geklärt. Diese Entscheidung hatte er selbst getroffen.

    Dessen ungeachtet genoss ich die Lebensfreude pur. Täglich gab es einen fantastischen Sonnenuntergang, morgens herrlichen Sonnenschein, Palmen, gute Laune und Sommer, Meer und Küste inklusive.
    Was wollte ich mehr?

    Ich hatte nun einen Sinn für Frieden, für jenen unerschütterlichen inneren Frieden, der nicht von äußeren Umständen abhängt.
    So viel Chaos auch herrschen mochte, so viele Dinge passierten, so viele Gefühle durch mich hindurch rauschten, mich zerrissen oder gänzlich ein nahmen, es wäre ein Irrtum zu glauben, wenn dies oder jenes anders wäre, würde ich glücklich sein. Wenn dieses oder jenes Problem gelöst sei, wäre ich wieder eins mit mir. Es wäre Illusion.
    Ich war jetzt friedlich. Ich war jetzt glücklich. Und ich ließ meiner Freude freien Lauf.
    Ein Freund erinnerte mich in dieser Zeit an die Worte: "Der Weg ist das Ziel."
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  4. AW: Was suchst du in Madagaskar?

    Firmengründung - April 2003

    Gunter weilte noch immer in Tana. Während dessen hatten wir in Mahajanga endlich den beglaubigten Gesellschaftervertrag erhalten. Die Firma bestand nun immerhin auf dem Papier. Jan war Geschäftsführer.
    Aus dem einfachen Grund: Er konnte die verschiedenen Charaktere gut vereinen. Ich konnte mir nicht vorstellen, mich mit Gunter über wichtige Themen auseinander zusetzen. Auch Sebastian war gleichwertiges Mitglied und Anteilseigner.
    Der Beauftragte vom "Chambre de Commerce" hatte es nach zwei Monaten Vertröstung, mit viel Druck von unserer Seite, geschafft, wenigstens dies zu realisieren. Doch das war erst ein kleiner Schritt zur Firmengründung. Auf unserer „Anleitung zur Firmengründung“ war die Dauer für diesen Punkt der Firmengründung mit einem halben Tag angegeben. Wir beschlossen, uns nicht mehr auf "Chambre de Commerce" zu verlassen und nahmen die Firmengründung selbst in die Hand.
    Die Voraussetzung, das Internetcafe eröffnen zu können, war die Gewerbeerlaubnis "Carte Professionell".
    Wir zahlten die "Taxe professionell" so etwas wie Gewerbesteuer. Diese wurde witziger weise auf der Grundlage der Miete des Firmensitzes berechnet, aber beginnen durften wir noch nicht.

    „Aber wieso wird Jan Geschäftsführer?“ fragte Rondro erstaunt, als sie die Statute in den Händen hielt. Ich erklärte ihr, dass der Grund Gunter sei, mit dem ich mich nicht auseinander setzen wollte.
    Doch ich spürte in mir etwas anderes.
    Instinktiv erkannte ich, dass Jans Selbstbewusstsein im Keller war. Vielleicht fühlte er sich durch meine Aktivität zurück gedrängt und zog sich zurück. Selbst wenn er keine große Hilfe war, so ließ ich ihm doch immer das letzte Wort und wollte, dass er entscheidet. Er tat es zwar nicht, aber ich hatte ihn auf einen Sockel gestellt. Er musste doch irgendwann erkennen, dass ich die ganze Arbeit auch für ihn auf mich nahm. Er musste doch irgendwann erkennen, was er an mir hatte. Unbewusst machte ich ihm diese Position zum Geschenk. Weil ich ihn liebte.
    Er sollte sein Selbstwertgefühl aus dem Keller holen, nicht mehr bei anderen nach Bestätigung suchen und erkennen, dass es besser war, an einem Strang zu ziehen. Mit mir gemeinsam.
    An die Konsequenzen für mich, dachte ich nicht.

    Es war Anfang April an einem Montagnachmittag. Mit Rondro und zahlreichen Papieren fuhr ich zum Block. So nannte man hier das Verwaltungsgebäude in Mahajanga, eine Art Kreisverwaltung. Es stand am Rande der City auf einer Anhöhe. Man hatte von dort eine schöne Sicht über die Bucht. Ich wartete im Auto auf dem Parkplatz. Es war sehr heiß. Ich sah auf eine Hütte die am Rand des Parkplatzes stand. Ein paar Kinder spielten davor. Sie sahen mich im Auto, kamen schüchtern und lachend heran. „Bonjour Vahaza“
    „Bonjour“ grüßte ich lachend zurück. Meine Zigaretten waren alle. Es würde noch eine Weile dauern bis Rondro zurückkommt. Also stieg ich aus und ging zu einer kleine Epicerie, die in 20 m Entfernung stand. Kaufte eine Schachtel Boston und ein Päckchen Kekse. Als ich zum Auto zurück kam, standen sie noch immer ehrfürchtig in zwei Meter Abstand, schauten und lachten zu mir herüber. Ich streckte ihnen das Paket Kekse hin. Es dauerte einige Minuten bis sich der Ältere traute, näher zu kommen, um die Kekse zu nehmen. Sie teilten sie unter einander auf.
    Mein Blick fiel auf eine Baumgruppe. Das Sonnenlicht spielte mit den Blättern. Es funkelte in den Zweigen als gelte es einen Schönheitswettbewerb zu gewinnen. Ich dachte bei mir, wenn es Elfen und Naturgeister gibt, dann waren sie gerade jetzt dort zum Tanz versammelt.
    Meine Träumerei wurde jäh unterbrochen und von der Wirklichkeit eingeholt. Rondro kam zum Auto.
    „Angela, es gibt ein Problem.“
    „Ja? Welches?“
    „Der Beamte, der die Carte Professionell ausstellt und die Erlaubnis zur Eröffnung des Geschäftes gibt, erkennt euer Visum nicht an.“
    „Wieso?“
    „Es ist kein richtiges Visum, sagt er, es ist eine Bestätigung, dass die Visumverlängerung beantragt ist.“
    „Richtig. Und solange das Visum, dass in Tana ausgestellt wird, nicht fertig ist, solange gilt diese Carte Recepise als Visum.“
    „Nein, es ist kein Visum. Er will erst das Visum und dann gibt er euch die Carte professionell.“
    „Und nun?“
    „Er will es prüfen und wir sollen nächste Woche noch einmal kommen.“
    Als ich davon Jan berichtete, sagte er „Dann war wohl die Eröffnung zum 15.04. ein Aprilscherz.“
    „Vielleicht klappt es ja zum 01.05.“ meinte Sebastian.
    „Die Maler in den Geschäftsräumen sind auch noch nicht fertig. Wir können sowieso noch nicht rein und einrichten.“ stellte ich fest.
    „Hat der Patron (Vermieter) nicht auch zugesagt, die Außenfassade zu streichen? Das ist wirklich notwendig. Es sieht einfach grauenhaft aus.“
    „Ja, Sebastian, hat er, zumindest in Höhe des erstens Stockwerks.“
    „Was ist mit den bestellten Möbeln?“ fragte Jan.
    „Ich will morgen Vormittag mit Rondro hinfahren und nachfragen, morgen sollen sie fertig sein.“
    „Na da bin ich ja gespannt, wie die aussehen.“
    „Jan, ich auch! Die technischen Zeichnungen waren sicher zu viel für ihn.“

    Am nächsten Morgen fuhr ich mit Rondro zum Tischler. Er hatte seinen Verkaufsstand an der Straße. Seine Möbel wurden auf einem weiten Platz präsentiert. Die ersten bestellten Möbel waren fertig. Er hatte uns nun drei Wochen hingehalten.
    Seine Frau zeigte mir drei Stühle und einen Tisch, die er angefertigt hatte.
    Ich stand fassungslos davor. Konnte nicht glauben, was ich sah.
    Hässlich war gar kein Ausdruck.
    Das sollte ein Stuhl sein?
    „Für so etwas zahle ich nicht.“
    Die Frau begann zu zetern. Menschen liefen zusammen. Sie lachten. Sie lachten über die Möbel, über die Aufregung und schüttelten den Kopf. Ich sagte der Frau, „Das sind Stühle für ein Zebu, aber nicht für ein Internetcafe.“ Nach einer halben Stunde Diskussion, erklärte sie sich bereit, dass ihr Mann die Stühle noch einmal bearbeitet und aus den Baumstämmen wirkliche Stuhlbeine fertigt.
    „Rondro, das hat keinen Zweck. Wir brauchen einen anderen Tischler.“
    „Ja ich kenne einen.“
    „Dann lass uns hinfahren.“

    Der zweite Tischler, ein Inder, hatte sogar ein Lineal, eine eigene Werkstatt und konnte anscheinend auch technische Zeichnungen lesen. Ich war voller Hoffnung, noch die gewünschten Möbel zu bekommen.
    Einige Tage später holte ich die nach gebesserten Stühle und den Tisch ab. Jan und Sebastian waren sprachlos.
    So was kann man doch nicht in ein Geschäft stellen.
    „Wie sehen die denn aus!“
    „Ha, da hättest du sie mal original sehen sollen. Jetzt sind die Stuhlbeine und Lehnen nur noch halb so dick.“
    „Hattest du nicht noch einen anderen Tischler beauftragt?“ fragt Jan.
    „Ja, das habe ich. Den habe ich auch besucht heute. Doch der hat die Arbeit noch nicht einmal begonnen. Hat uns vertröstet.“
    „Wir brauchen eine Zwischenlösung. Wenn die Möbel später fertig werden, dann können wir sie immer noch austauschen.“
    „Die Eröffnung zum 15.4. wird sowieso nichts, vielleicht zum 01.5.?“ bemerkte Sebastian.
    „Wir müssen improvisieren. Es nutzt alles nichts. Mit den Möbeln wird uns schon etwas einfallen. Hier beruht alles auf Improvisation.“
    „Was hast du heute noch für Termine?“ fragte Sebastian.
    „Heute Nachmittag muss ich mit Rondro wieder zum Block und zur Präfektur. Der Behördenkram nimmt kein Ende. Ist ein Problem gelöst, stehen wir vor dem Nächsten.“

    Es ist kein Berg, den wir erklimmen wollen, es ist ein Gebirge, dachte ich. Einen ganzen Teil des Weges hatten wir geschafft und mit jeder Klippe, die wir hinter uns ließen, wuchs unsere Stärke. „Meinst du, wir eröffnen überhaupt irgendwann?“ zweifelte Jan.
    "Natürlich! Wir haben es soweit geschafft, das kann nicht umsonst gewesen sein."

    Als ich am Nachmittag mit Rondro an der Präfektur parkte, begrüßten uns zwei Mädchen. Es waren ehemalige Schülerinnen. Sie nutzten die Gelegenheit und fragten nach einem Job.
    Unsere Firma bestand zwar, aber die Geschäftseröffnung ließ auf sich warten. Wir brauchten Mitarbeiter, die später die Kunden betreuen würden. Also lud ich die beiden ein zu einem Gespräch.
    Jan, Sebastian und Gunter stimmten zu und sie wurden eingestellt.
    Gastelle und Fabrice, die eine 19 und die andere war 25 Jahre alt. Beide waren sehr nett und sprachen englisch. Sie gaben bei der Einstellung an, sie hätten Informatik studiert.
    Bei näherer Betrachtung hieß das: sie saßen schon einmal an einem PC und konnten einen Text in Word schreiben, kannten sich auch ein bisschen in Excel aus. Von Internet, Ausdrucken und Einscannen hatten sie keine Ahnung. Wir bemühten uns, sie am PC fit zu machen.
    Nun hatten wir jeden Tag die Mädels im Haus zum Unterricht. Während Jan sie anlernte am PC, ging meine Rennerei um die nötigen Papiere weiter.

    „Na ? Was grübelst du?“ fragte mich Sebastian, als ich mit einer Tasse Kaffee in Gedanken versunken im Wohnzimmer saß.
    “Ach, Sebastian. Ich mache mir Sorgen. Wir müssen unbedingt bald eröffnen. Das Geld hat drastisch abgenommen. Überall müssen wir zahlen und haben keine Einnahmen. Die Miete für die Geschäftsräume ist heftig. 4 Mio Fmg, das sind ca. 800 Euro jeden Monat. Wir zahlen Löhne für Angestellte. Und werden nur blockiert.“
    „Ja, ist schwierig. Die wollen vielleicht gar keine Investoren.“
    „Wer weiß.“
    „Warst du noch mal bei dem Tischler?“
    „Ach der,“ winkte ich ab „der hat immer noch nicht angefangen und lässt sich neuerdings verleugnen, wenn wir kommen. Ich habe Rattanmöbel bestellt, die sind Ende der Woche fertig. Dann haben wir ein paar Sitzgelegenheiten, wie wir es wollten. Für die Wartefläche am Eingang macht sich das ganz gut.“
    „Hast du den Patron mal angerufen? Ich war heute dort, die Maler sind immer noch nicht fertig.“ schaltete sich Jan ein.
    “Der Patron ist seit Wochen nicht in Majunga, telefonisch nicht erreichbar. Wir haben ihm mal wieder einen Spruch auf der Mailbox hinterlassen.“
    „Solange die Malerarbeiten nicht abgeschlossen sind und wir keine Schlüssel haben, können wir nicht mit dem Einrichten beginnen.“ Jan machte ein bedenkliches Gesicht. Auch Sebastian schaute nun sorgenvoll.
    „Was wird, wenn das Geld nicht reicht?“ fragte er.
    „Wir müssen die Autos verkaufen. Der Transporter sollte sowieso verkauft werden. Wir müssen mehr Werbung machen. Unsere Zettel verteilen mit dem Verkaufsangebot. Vielleicht sollten wir die Autos öfter dort parken, wo potentielle Käufer verkehren, an Tankstellen, an der Taxi-Brousse Station, vor Hotels und Restaurants. Die Zettel, dass sie zum Verkauf stehen, sind ja dran. Vielleicht meldet sich jemand.“
    „Es ist zurzeit schwierig, denn es gibt zu viele Autos hier zum Verkauf.“
    „Ja, stimmt. Rondro hat erzählt, dass der Hafen von Tulear dicht ist und nun alle Schiffe nach Majunga umgeleitet werden. Deshalb gibt es hier eine richtige Autoschwemme. Und damit sinkt die Nachfrage. Ganz logisch.“
    „Vielleicht müssen wir mit den Autos nach Tana und sie dort anbieten.“ meinte Jan.
    „Das wird dann der nächste Schritt sein, wenn es nicht anders geht. Aber Tana? Das sind 600 km Strecke, die nicht leicht zu befahren ist und lass mal unterwegs eine Panne sein oder ähnliches. Du kennst dich nicht aus, kannst dich nicht verständlich ausdrücken. Und Tana selbst ist ziemlich teuer. Da kommen wieder Hotelkosten auf uns zu usw.!“
    Wir schauten uns an. Keiner hatte eine Lösung. Jan ging wieder an seinen Computer, Sebastian in sein Zimmer und ich steckte mir eine Zigarette an. Existenzsorgen setzten den Nerven zu.
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  5. AW: Was suchst du in Madagaskar?

    Am nächsten Morgen hatten wir ein Meeting angesetzt, um alle Probleme zu besprechen. Auch Gunter war dabei. Er war zwei Tage zuvor aus Tana zurück gekehrt. Die Mädchen saßen an unseren Computern im Wohnzimmer. Wir hatten am großen Esstisch Platz genommen.
    Plötzlich schweiften wir ab von den vielen Hindernissen, „wenn“ und „aber“ und malten uns aus, wie wir die Eröffnung gestalten wollten. Wir diskutierten, welche Werbung, welches Angebot. Eine Party. Wen wollten wir einladen?
    “Am besten ist es, wenn wir die Leute einladen, die Rang und Namen haben.“ sagte Gunter.
    “Ich wäre dafür diejenigen einzuladen, die uns bisher geholfen haben, wie zum Beispiel Tonton.“ “Ja, Tonton muss dazu.“ stimmte Jan zu.
    “Wir machen ein kaltes Buffet und lassen an diesem Tag kostenlos im Internet surfen.“
    “Und Musik wird draußen gespielt, damit die Leute neugierig werden.“ sagte Gunter.
    “Ja, das ist ne gute Idee.“ Sebastian war begeistert.
    “Am Besten wir schreiben eine Liste, wen wir persönlich einladen und schicken dann Briefe raus.“
    “Die Leute vom Internetanbieter müssen auch kommen.“
    “Ja, das ist wichtig für eine gute Zusammenarbeit in Zukunft.“
    “Vielleicht machen wir eine Eröffnungswoche mit halben Preisen, sozusagen ´Schnüffelangebote´“ überlegte Jan.
    Gunters Handy klingelte. Er ging nach draußen. Wir unterbrachen unsere Diskussion und warteten. Als er nicht wieder kam, sahen wir uns an.
    Was war los? Was hatte er?
    Jan ging hinaus auf die Terrasse. Sebastian und ich warteten gespannt. Jan kam allein wieder und meinte:
    “Gunter hat gerade einen Anruf aus Deutschland bekommen. Seine Mutter ist gestorben.“
    “Schitt.“ Sagte ich „und er kann nicht dort sein, hat sich nicht verabschieden können. Das ist hart.“ Betroffen sahen wir uns an.
    Ich ging hinaus zu ihm. Er hatte Tränen in den Augen.
    Nein, das war wirklich hart. Soweit weg zu sein. In solchen Augenblicken braucht man die Familie, die Geschwister, den Vater.
    Ich dachte an meine Familie, Andreas, meinen Vater, Geschwister und an meine Freunde. So eine Nachricht konnte jederzeit kommen. Keiner von uns wusste, ob wir die Lieben in der Heimat wieder sehen werden.
    Wir brachen die Besprechung ab. Gunter fuhr mit Jan los. Sebastian und ich blieben zurück. Wir schickten die Mädchen in die Mittagspause.

    Gunter tat uns leid, doch von nun an gab es für ihn einen Grund mehr im "Tobani" zu sitzen und zu trinken.
    Wir hingegen dachten: „Er braucht Zeit“ und ließen ihn in den kommenden Tagen in Ruhe. Gingen wieder zur Tagesordnung über. Eines abends sagte ich zu Jan “Gunter sitzt wieder im 'Tobani'. Ich denke, wir sollten uns um ihn kümmern.“
    “Nein, der will allein sein. Du würdest ihm jetzt nur auf die Nerven gehen.“
    “Das kannst du doch nicht wissen. Man kann ihn doch einfach fragen, vielleicht braucht er uns gerade jetzt.“
    “Na gut, ich gehe nachher mal zu ihm“ sagte Jan widerwillig.
    Jeder geht mit der Trauer anders um. Solche Situationen sind schwierig. Ich dachte mir, man kann denjenigen fragen, was er braucht. Als meine Mutter starb, war ich froh über die Nähe meiner Freunde. Doch Jan wollte davon nichts wissen.
    Jahre später sagte mir Gunter, er hätte uns gebraucht...

    Ich sah Gunter in den nächsten Tagen im „Tobani“ sitzen, vor ihm ein Bier, neben ihm Nutten oder Jan oder beides. In einer Mittagspause sprach ich Jan darauf an. Es gab Streit. Er meinte, ich würde ihn beobachten.
    „Du, ich habe Besseres zu tun, als dich zu beobachten. Aber ich wusste nicht, dass ich die Augen schließen muss, wenn ich am 'Tobani' vorbei gehe! Das passt gut, ich will sowieso mal mit dir reden!“
    „Du bist doch nur eifersüchtig!“
    “Ich? Eifersüchtig? Auf was? Auf das Bier? Auf Gunter? Auf die Nutten? Auf was bitteschön sollte ich eifersüchtig sein? Gott, was ist aus dir geworden? Wo ist nur der Jan, mit dem ich hierher kam?“
    „Erst lockst du mich hierher und dann klammerst du mich fest.“
    „Wie bitte? ICH LOCKE dich hierher? War es nicht dein Entschluss mitzukommen? Habe ich dich in Ketten gelegt und her geschleppt? Bist du nicht erwachsen genug, um selbst zu entscheiden? Und ICH klammer dich fest? Aha. Wie mache ich das? Du hättest doch in Berlin bleiben können. Ach, die liebe Anna!“ gab ich höhnisch zurück. „Große Liebe! Alles klar!“ schimpfte ich laut. “Aber wir müssen uns unterhalten!“
    „Bitte, du bestimmst doch eh alles.“
    „Ja, tut mir leid, wenn andere nicht sagen können, wo es lang geht, dann übernehme ich eben das Ruder.“ Zischte ich ihn an.
    „Es geht um Geld. Unser Geld geht dem Ende zu und Einnahmen sind nicht in Sicht.“ Begann ich das eigentliche Thema „Ich war ja dafür, die Anteile an der Firma dem eingebrachten Geld entsprechend aufzuteilen. So ist das üblich. Aber du hast ja durchgesetzt, dass alles in einen Topf kommt und alle den gleichen Anteil erhalten.“
    „Welchen Anteil hat denn Sebastian eingebracht?“
    „Sebastian hat die Hälfte meines Geldes eingebracht und 10.000 Euro sind mehr als 400 Euro von Gunter oder? Der ganze Spaß hier hat uns bis jetzt 15.000 Euro gekostet.“
    „Ja, mein Geld.“
    „Hallo? Geht's noch? Nur weil wir Dein Konto gemeinsam nutzten, ist es noch lange nicht dein Geld! Gunter hat bisher ca. 400 Euro investiert. Mehr nicht und erhält 25%. Ist das fair?“
    „Er hatte 10.000 Euro und lässt sich noch einmal Geld aus Deutschland schicken.“
    „Na super! Die 10.000 Euro hat er verballert für seinen Suff und die Nutten. Und das Geld, was jetzt kommen soll, das gibt er nicht in die Firma, das bleibt liegen für seine Musikkneipe. Sagte er.“
    „Das werden wir ja sehen. Er hält zur Firma.“
    „Ja, das werden wir sehen. Na immerhin hat er einen ziemlich kontinuierlichen Tagesablauf. Man weiß immer, wo man ich findet.“
    „Hexe“ zischte Jan.
    „Oh, ich fühle mich geehrt!“ fauchte ich zurück, warf den Kopf in den Nacken und verließ das Zimmer.

    Gunter investierte natürlich nichts in die Firma, sondern mehr in die Abende, an denen er mit Jan um die Häuser zog. Wir ließen später Geld aus meiner Lebensversicherung aus Deutschland transferieren.

    Es war die Zeit des Übergangs zum tropischen Winter. Tagsüber war es noch sehr warm, nie unter 30 Grad, abends angenehm kühl und frisch. Es regnete selten. Jeden Tag Sonne, mindestens acht Stunden, und strahlend blauer Himmel. Allerdings begann ich ab 26° zu frösteln und holte die Jacke raus.
    Eines Morgens begegneten mir auf meinem Weg einige Touristen, die mit hochsommerlicher Bekleidung schwitzten und trieften, während ich im Pullover und langen Hosen ihnen entgegen kam.
    Auch das war ein Anpassungsprozess. Nachts legte ich das Betttuch zur Seite und holte ein normales Federbett vor. Durch die ständigen hohen Temperaturen reagierten wir stark schon auf wenige Grade Unterschied.

    Jan war stark erkältet. Ich steckte mich an. Wir husteten um die Wette und das Fieber saugte an der Kraft, die wir doch so sehr brauchten.
    Die Tage verbrachte ich nach wie vor bei irgendwelchen Ämtern. Es war einfach Wahnsinn und erinnerte mich so manches Mal an Asterix und Obelix und ihrem Passierschein A38 im „Haus, das verrückt macht“. Bürokratie in Reinkultur.

    Ein Beispiel:
    Gunter hatte seinen Versicherungsschein für das Motorrad verloren.
    Ich fuhr mit Rondro zur Versicherung, um eine Kopie ausstellen zu lassen. Zuerst schrieb der gute Mann in Zeitlupe einen Zettel. Damit fuhren wir zur Polizei. Dort bekam man ein Formular, das musste man dann zwei mal kopieren lassen, ausfüllen (mit Angabe von Vater und Mutter), dazu Passbild und Kopie vom Reisepass. Das heißt, zum Copyshop fahren, um das Formular zu kopieren, dann Gunter suchen, um das Formular auszufüllen mit Angabe von Vater und Mutter, seinen Reisepass mitnehmen und Gott sei Dank hatte er ein paar Passfotos zur Hand, anschließend noch einmal zum Copyshop fahren, wegen der Kopie des Reisepasses. Wieder zurück zur Polizei, alles abgeben und dort einen Stempel holen, natürlich nicht ohne Dankeschön. Denn normalerweise dauerte das bis zu drei Tage. Nun zurück zur Versicherung, und endlich bekamen wir dort eine Kopie des Versicherungsvertrages.

    Auch im Haus gab es Anlass zum Ärger.
    Georgina entwickelte eine neue Eigenschaft.
    Sie nahm.
    Was man ihr zum Waschen gab, landete nicht immer in der Waschschüssel, konnte auch sein, sie nahm es einfach mit.
    Mit Verdruss stellte ich fest, dass die Wäscheberge kleiner wurden. Dinge fehlten. Allerdings entwickelte sich parallel zu dieser Eigenschaft "Nimm" auch eine Art "Vergesslichkeit".
    Sprach man sie an, auf Dinge, die gestern noch da waren, so hatte sie diese nie gesehen und konnte sich daran nicht erinnern.
    Alles im Haus schien sie als Geschenk zu betrachten. Sie verwechselte anscheinend auch "Mein" und "Dein".
    Ein wirksames Gegenmittel hatte ich nicht. Da würde auch kein Tee helfen. Wir mussten ihre neuen Eigenschaften ausgleichen, indem wir nun verstärkt Obacht gaben und ihrer Vergesslichkeit etwas nach halfen.
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  6. AW: Was suchst du in Madagaskar?

    An einem Sonntagmorgen im April 2003 hatte Frau Katze einen Vogel gefangen. Sie kam durch das offene Schlafzimmerfenster geflogen, mit dem Vogel im Maul und verhedderte sich in der Gardine. Sie hing nun da, strampelte und verwickelte sich immer mehr. Sie konnte nicht mal jammern, denn sie hatte ja den Mund voll. Von dem Lärm aufgewacht, wollte ich schnell aus dem Moskitonetz raus, aus dem Bett springen und ihr helfen. Das Bett krachte zusammen.
    Ein schwungvoller Morgen.

    So geweckt, lohnte sich kein Weiterschlafen mehr. Jan bereitete das Frühstück vor. Es fehlten nur noch Baguette und etwas Wurst, Käse.
    “Fährst du zum Bäcker, dann mache ich noch den Kaffee?“
    “Ja klar.“
    “Warte, ich komme mit!“ rief Sebastian.
    Die Fahrt ging zum „Eckladen“. Der Verkäufer war klein, fett und unfreundlich, aber es war der einzige Laden weit und breit, der am Sonntag geöffnet hatte und bei dem es auch hin und wieder Wurst gab.

    Wir kamen aus dem Geschäft, hatten alles eingekauft und stiegen ins Auto, um zum Bäcker zu fahren.
    “Schau mal, wo kommen die denn her?“ sagte Sebastian und zeigte auf zwei Polizisten auf der anderen Straßenseite.
    “Oh nein, sag nichts Basti, die haben mir noch gefehlt! Schaut weg, Jungs! Nein, nicht hierher. Zu spät! Schitt, sie kommen.“ stöhnte ich.

    Die zwei Polizisten näherten sich dem Opel bevor ich starten konnte.
    Kurzer Gruß an die Mütze. Sie wollten die Papiere sehen. Ich drückte einem von ihnen den Stapel an Dokumenten in die Hand. Alles musste man mitführen, die Dokumente vom Zoll, Fahrzeugbrief usw.
    Als er eine bestimmte Seite aufschlug, rechnete ich in Gedanken nach, wie lange es her war, da wir den Opel aus dem Zoll bekamen.
    Wir durften vier Wochen mit dem Auto herum fahren, ohne ihn mit einem neuen madagassischen Kennzeichen anzumelden. Die Versicherung hatten wir abgeschlossen, doch angemeldet war er noch nicht.
    Mir wurde übel, die Zeit war mit Sicherheit schon um. Genau das stellte der Polizist auch fest. Er besprach sich kurz mit seinem Kollegen, machte eine ernsthaft böse Miene und erzählte etwas auf Französisch.
    “Sebastian, was will der? Ich habe nichts verstanden.“
    “Man die sprechen mit Dialekt. Aber der sagte, wir müssen mit zum Kommissariat.“
    “Ja und das Frühstück? Jan wartet auf uns. Wenn wir jetzt erst zum Kommissariat fahren, dann kriege ich hinterher kein Brot mehr. Ich habe Hunger! Es ist Sonntag, Mensch. Später hat alles zu!“
    “Du kannst doch jetzt nicht an das Frühstück denken!“
    “Doch ich habe Hunger!“
    “Er sagt, sie fahren mit.“
    “Wir haben aber keine Rücksitze.“ überlegte ich.
    “Macht doch nichts“ grinste Sebastian. Ich schaute ihn an, erriet seine Gedanken und lachte auch. Dann stieg ich aus, um den Polizisten die hintere Autotür zu öffnen.
    Sie sahen, dass das Auto keine Rücksitze hatte, sondern nur eine Ladefläche und krochen trotzdem hinein. Die Ladefläche war zum Fahrersitz durch ein Gitter abgeteilt. Die Polizisten hockten hinten auf der Ladefläche und hielte sich am Gitter fest, wie Affen im Käfig.

    Ich musste immer wieder in den Rückspiegel schauen, das Bild war zu lächerlich. Sebastian grinste die ganze Zeit und sah Gott sei dank aus dem Fenster. Hätten wir uns angesehen, hätten wir laut los geprustet.
    “Hier geht’s aber nicht zum Kommissariat. Du musst weiter geradeaus fahren.“
    “Hier geht’s aber zum Bäcker.“
    “Das kannst du nicht machen, das gibt Ärger.“
    “Weißt du welchen Ärger wir haben, wenn wir ohne Baguette nach hause kommen? Außerdem habe ich Hunger!“ gab ich zurück. Ich bog also ab in Richtung Bäcker.
    Die Beamten sahen das auch und begannen laut zu knurren. „Uhhhh! Uuuuhhh!“
    Jetzt feixte Sebastian lauter und sein unterdrücktes Lachen klang wie ein Gluckern. Ich hielt unterdessen beim Bäcker.
    Die Terrasse vor dem Bäcker war voller Gäste, die dort frühstückten oder Kaffee tranken. Alles schaute auf uns. Die Polizisten knurrten immer noch, nur jetzt viel lauter.
    Ich stieg aus, sah sie an und sagte „Nona!“(Hunger)
    Jetzt diskutierten sie und beruhigten sich.

    Mit den Baguettes auf dem Arm ging ich wieder zum Opel, stieg ein und fuhr mit ihnen zum Polizeirevier. Ich musste eine Gebühr bezahlen, aber ich bekam einen Stempel in die Papiere für weitere vier Wochen.
    Auf dem Revier erzählten die beiden Beamten dieses Erlebnis ihren zwei Kollegen. Ein Gelächter begann. Wir lachten mit. Die Personalien wurden noch überprüft und wir konnten wieder gehen.
    Auf der Heimfahrt konnten wir uns kaum beruhigen.
    “Das solltest du dir mal in Deutschland erlauben!“
    “Ja siehste, so was gibt’s eben nur hier“ lachte ich Basti an.
    Wir lachten noch lange über das Bild der hockenden Polizisten im Heckteil des Opels...
    Schade, dass wir keinen Fotoapparat dabei hatten

    Der Opel war zwar nun für die kommenden Wochen polizeilich angemeldet, doch er musste zum madagassischen TÜV (ja so etwas gibt es), damit die Anmeldungsprozedur losgehen konnte.
    Das Auto brauchte Versicherung und TÜV.
    „Aber den bekommt so ziemlich jeder, der ein 'Dankeschön' in die Unterlagen packt.“ sagte uns ein Deutscher. Um diesen TÜV zu bekommen, musste man zuerst zur "Technical Visit" und das Auto identifizieren lassen, dazu bekam man Formulare, die wurden ausgefüllt.
    Wir hatten Termin bei der Technical Visit. Vor dem Büro warteten viele Menschen. Endlich waren wir an der Reihe.
    Tonton war nicht da. Er würde alles korrekt ablaufen lassen. Doch der Dienst habende Beamte schaute missmutig auf unsere Papiere und ging mit uns zu den Fahrzeugen. Sie mussten identifiziert werden. Man suchte die Fahrgestellnummer und schließlich auch die Motornummer.
    Großes Problem. Der VW-Transporter hatte keine Motornummer. Der Opel hatte zwar eine, aber diese war im deutschen Fahrzeugbrief nicht aufgeführt. Diskussion hin und her. Am Nachmittag sollten wir wieder kommen. Endlich erhielten wir die Formulare für die Verwaltung.
    Am folgenden Tag fuhr ich mit Rondro zum Verwaltung (Block), um alle Unterlagen einzureichen, Zollpapiere usw. alles in 3-facher Ausfertigung, mit Ausweiskopie usw. usw.
    Die Bearbeitung der Papiere brauchte Zeit. Alle zwei Tage fuhren wir zum Block und fragten nach. Nach drei Wochen sagte man uns, dass sich inzwischen die Vorschriften geändert hatten und man brauchte noch ein anderes Formular. Also alles noch einmal abgeben. Es machte ja so einen Spaß!
    In der Zwischenzeit fuhren wir wieder mit dem Taxi, denn alle Unterlagen für die Autos befanden sich zur Bearbeitung im Block.

    An so manchem Abend blieb Jan zu hause, dann wieder wurde ein Streit provoziert, inszeniert und Mann ging aus. Eines Abends sagte er zu mir:
    „Stell dir vor, keine von den Mädchen will was von mir. Die sagen alle, ich habe eine Madam.“
    Ich sah ihn groß an. Was erwartete er von mir? Sollte ich ihn bedauern?
    „Ohh, du Armer!“ sagte ich spöttisch.
    Einige Tage später erklärte er mir, er brauche Ruhe. In diesem Haus würde es ihn erdrücken, er könnte nicht atmen. Er hätte keine Ruhe. Das Haus würde ihn krank machen.
    Aha.
    Er richtete sich in dem anderen Zimmer im künftigen Internetcafe ein Arbeitszimmer ein.
    Ich dachte, wenn er ein separates Zimmer braucht, ist das okay. Ein bisschen Distanz würde uns beiden gut tun. Doch dieses Zimmer im Internetcafe wurde nun immer mehr sein Domizil.
    Er kam erst mitten in der Nacht oder gar nicht heim. Dann sagte er, er habe bei Gunter gesessen, erzählt und getrunken.
    Sagte er zu mir: „Ich gehe in mein Zimmer zum Arbeiten...“, dann sahen wir ihn im "Tobani" beim Trinken oder im Blues-Rock Cafe beim Billardspielen.
    Nach einigen Tagen schon brachte ich ihm die restlichen Sachen in sein neues Heim.

    Im ewigen Sommer fiel es nicht auf, wie die Jahreszeiten vorbei zogen. Es war April. In Deutschland begrüßte man den Frühling. Das Osterfest stand vor der Tür.
    Georgina überraschte mich, in dem sie eine große Vase mit bunten Blumen ins Wohnzimmer stellte. Meine Freude darüber animierte sie, nun jeden Tag für einen frischen Strauß zu sorgen.

    Ostern wurde hier gefeiert, wie in Deutschland Silvester. Es wurden Böller abgefeuert. An der Uferpromenade herrschte am Ostersamstag der Ausnahmezustand. Es wurde richtig ausgiebig gefeiert.
    Sebastian traf sich mit Freunden und war unterwegs...
    Es war Feiertag.
    Jan war nicht da, denn er kam nur noch zum Arbeiten, um die Mädchen anzulernen. Hatten die Mädchen Feierabend, war auch er verschwunden. Auch Georgina hatte frei. Ich saß allein, mit meinem Osterstrauß in der Ecke und den Blumen auf dem Tisch.
    „Es ist ein Tag, wie jeder andere.“ sagte ich mir. Nun musste ich mich daran gewöhnen, wieder allein zu sein.
    Doch es schlich sich die Sehnsucht ein, nach Freunden, Familie und Gesellschaft.
    Es war ein Alleinsein, dass ich nicht wollte. An diesem Osterfest hätte ich gern Menschen um mich herum gehabt. Liebe Menschen, die mir nahe stehen. Ich fühlte mich wie auf einem Abstellgleis.

    „Wenn wir alle Rätsel des Lebens entschlüsseln und alle Kräfte entwirren, die die Welt durchströmen, wenn wir den Sinn aller Geschehnisse deuten könnten, wenn wir alle Kämpfe, Zwangslagen und Sehnsüchte der Menschheit ermessen könnten, würden wir feststellen, dass nichts außerhalb seiner Zeit zustande kommt. Alles geschieht zu einem vorbestimmten Augenblick.“ (Joseph R. Sizoo)

    Schon im Mai 2003, in einer Zeit, in der nichts richtig voran ging, überlegten wir uns ein Hilfeprojekt für Kinder. Wir fuhren mit Rondro zu verschiedenen Stellen des Bildungswesens um Unterstützung zu bekommen. Doch wollten wir mit Schulen arbeiten, dann musste die Genehmigung dafür vom Bürgermeister vorliegen.
    Endlich hatte ich einen Termin im Rathaus. Der Bürgermeister war nicht da. Sein Vize empfing uns.
    „Alles ganz toll. Prima Ideen habt ihr. Man wird es dem Bürgermeister vorlegen, wenn er wieder da ist und euch informieren.“
    Das wars.
    Auf erneutes Nachfragen sagte man uns, wir sollten die Wahlen im Oktober abwarten. Der Bürgermeister sei noch von der „alten Partei“ und würde nichts mehr in dieser Richtung unternehmen, denn er rechnete nicht mit seiner Wiederwahl.
    Schade.
    Alle Mühe vergebens.

    Nun schrieben wir mittlerweile Mai und das Drama um die Eröffnung des Internetcafes ging weiter.
    Die Carte Professionell musste für den Geschäftsführer vorliegen, damit wir das Geschäft eröffnen konnten. Jan sollte sie bekommen, erhielt aber nur eine Bestätigung seiner Nachfrage. Damit konnten wir nicht arbeiten.
    Nun versuchten wir über Bekannte in der Verwaltung etwas zu erreichen.
    Endlich einen Termin mit dem Vizegouverneur, der versprach zu helfen. Aber er war viel beschäftigt. Wieder tagelanges Warten. Inzwischen hieß es, dass wir diese Bestätigung nach Tana zur Visumstelle schicken sollten. Ohne Visumverlängerung gäbe es keine Carte Professionell (Gewerbeerlaubnis).
    Also zuerst die Visumverlängerung, dann die Carte Professionell.
    Der Vizegouverneur sagte: „Das ist Quatsch, erst die Carte Professionell- dann die Visumverlängerung.“ Das war auch meine Meinung. Also fragten wir nach.
    Wir machten erneut einen Termin bei dem Beamten, der uns blockierte. Dieser bestand auf seiner Meinung: Erst eine Visumverlängerung aus Tana.
    Hier biß sich die Katze in den Schwanz. Wer hatte nun Recht? Der Vizegouverneur oder der Beamte in der Verwaltung? Und egal, wer Recht hatte, wer hatte mehr zu sagen?

    Rondro rief in Tana an und fragte nach dem Visum. Die Dame am Telefon sagte ihr: „Das dauert normalerweise länger."
    „Wieso? Wie lange denn?“
    „Fünf bis sechs Monate“
    „Waaas?“ rief ich.
    „Angela“ sagte Rondro „sie sagte 'normalerweise', das bedeutet mit etwas 'Motivation' würde es schneller gehen ... Die will Geld sehen, was machen wir nun?“ Nun platzte mir der Kragen.
    „Ich will eine Audienz beim Gouverneur.“
    Rondro sah mich groß an, aber fuhr sofort mit mir zur Verwaltung.
    Doch auch hier, im Vorzimmer des Gouverneurs, hieß es, erst ein Formular ausfüllen, einen Antrag stellen.
    Eigentlich nichts Besonderes, doch ich brach zusammen, saß auf der Treppe im Verwaltungsgebäude. Die Tränen liefen und ich sagte leise immer wieder, "Ich schmeiße alles hin und gehe zurück. Ich kann nicht mehr ... Ich will nicht mehr. Ihr habt gewonnen!"
    Rondro stand neben mir und war ratlos. Sie sah den Vizegouverneur, erzählte ihm alles. Der wiederum rief den Präfekten, den Obersten der Polizeibehörde, winkte ihn heran. Die Drei unterhielten sich.

    Ich saß noch immer da, schluchzte und wühlte nach einem Taschentuch. Irgendwann beruhigte ich mich.
    Die erstaunten Blicke der vorbei gehenden Menschen, kümmerten mich nicht. Ohne nach Rondro zu sehen, verließ ich das Gebäude. Auf dem Parkplatz zündete ich mir eine Zigarette an und wartete auf sie.
    Mein Entschluß stand fest: Das war's.

    Bis hierher und nicht weiter.
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  7. AW: Was suchst du in Madagaskar?

    Als Rondro zu mir auf den Parkplatz kam, berichtete sie mir aufgeregt, wir sollen zum Präfekten kommen, er wird uns mit einer Visumverlängerung über 3 Monate (pro forma) helfen. Und zum nächsten Termin mit dem "Blocker-Beamten" soll der Vizegouverneur mitkommen, damit dieser Beamte keine weiteren Schwierigkeiten machen wird.
    Auf dem Heimweg vom Verwaltungsgebäude kam mir ein Spruch in den Sinn, den meine Mutti immer sagte: "Immer wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her"

    Wer muss nicht mit Rückschlägen fertig werden? Da glaubten wir, den richtigen Weg zu gehen, hatten Vertrauen und doch ging nichts voran. Türen waren verschlossen.
    Dieser Weg führte mich hierher. War es eine Sackgasse?
    Hatte mein Glück mich verlassen? In welche Richtung ging es weiter? Wohin sollte ich jetzt gehen? Immer neue Hindernisse bauten sich auf. Doch jedes Mal, wenn ich aufgeben wollte, begegnete mir ein Mensch, der half. Passierte etwas oder traf ein Ereignis ein, das mir neue Hoffnung gab.
    Ich hatte das Gefühl, jemand leitet mich durch ein Parcours aus Hindernissen. Immer wenn ich nicht mehr aufstehen wollte, reichte er mir die Hand und öffnete eine andere Tür.

    Der Druck wurde größer. Unser Geld würde nicht reichen. Wir hatten über die ganze Zeit trotzdem Miete für die Geschäftsräume zu zahlen. Die Autos waren noch immer nicht verkauft. Viele Leute sahen sich die Fahrzeuge an, interessierten sich, doch zum Verkauf kam es nicht.
    Ich war überzeugt, es war einfach nur wichtig, die kommenden Wochen zu überstehen. Wenn endlich die Autos verkauft werden, hätten wir Land in Sicht und könnten wieder durch atmen. Ich spürte auch die Gewissheit, alles wird gut.

    Sebastian und ich hatten kein Geld. Von Gunter und Jan bekamen wir nichts.
    Morgens wachten wir auf und hatten Hunger.
    Meine täglichen Zigaretten teilte ich mir ein. Wir schlugen uns durch. Mit Brochette’s (kleine Fleischspieße) wurde man auch satt und eine Cola teilten wir uns. Ein Baguette kostete nur 1000 FMG (ca. 15 Cent).
    Außerdem war es lustig unter Madagassen auf Holzbänken zu sitzen und zu essen. Es schmeckte. Und sie lachten mit uns, wenn wir unsere paar madagassischen Wörter an den Mann brachten. Ich war ein Sprachgenie, konnte ich doch mit vier Sprachen in einem Satz um Zigaretten bitten. Ein Kauderwelsch aus Englisch – Deutsch – Französisch - Madagassisch, aber sie verstanden mich. Nicht zu letzt weil ich auf die Zigaretten zeigte.

    Saßen wir mit den Familien zusammen am Holztisch auf der Straße, konnten wir beobachten, wie die Alten verehrt wurden.
    Man griff erst zu, wenn der Älteste zugelangt hatte. Es war nicht nur Anstand. Es war nicht nur, weil "man es eben so macht". Nein, es war Respekt und Hochachtung. Erhob ein alter Mensch das Wort, schwiegen die anderen. Gespräche verstummten. Es gab weniger alte Menschen als in Deutschland, doch diese wurden respektiert und geachtet.
    Ich fragte Rondro, „Warum?“ Sie sah mich erstaunt an und meinte: "Es sind meine Vorfahren, meine Ahnen. Ich würde meine Wurzeln treten."
    "Ich würde meine Wurzeln treten" über diese einfachen, unbeholfenen Worte musste ich lange nachdenken. Ich sah vor meinem inneren Auge die Pflegestation meines Vaters. Ich sah die Rentner in Deutschland und die Reportagen aus Altenheimen, die Bundestagsdebatten zur Rentenproblematik. „Ich würde meine Wurzeln treten."

    Respekt und Hochachtung wurde nicht nur durch höfliches Verhalten gezeigt, auch die Körpersprache musste man verstehen lernen. Einige Beispiele, die man hier als "Weißer" täglich beobachten konnte.
    Ging jemand an dir vorbei, so zog er im Gehen die Körperhälfte, die dir zugewandt war, herunter, als würde er etwas aufheben wollen. Der Arm zeigte nach unten, die Hand war dabei flach ausgestreckt, mit der Außenseite zu dir.
    Oder es gab dir jemand etwas, der dir Respekt zollt. So reichte er es mit der rechten Hand, wobei die linke an seinen rechten Arm greift. Es sah aus, als würde die linke Hand den rechten Arm stützen wollen, als wäre das, was er dir geben wollte, sehr schwer.
    In Deutschland sagten wir, wenn man mit jemandem spricht, er dir nicht in die Augen schaut, es sei ein Hinweis auf Falschheit. Hier war es ein Ausdruck von Hochachtung, wenn dein Gegenüber den Blick senkte und dir im Gespräch nicht in die Augen schaute, dir nicht ins Gesicht sah.

    Ein anderes Indiz für Respekt war das Verkreuzen der Arme. Sie standen vor dir, die Arme verschränkt. Wir würden diese Haltung als Zeichen sehen "Ich bin verschlossen." Nein, hier war es die Haltung eines Kindes gegenüber dem Lehrer, anerzogene Grundhaltung. Auch bei Erwachsenen gegenüber einer Respektsperson konnte man dies sehr häufig beobachten.
    Ein weiterer Unterschied war der Händedruck. In Deutschland gilt es als dynamisch und selbstsicher, einen festen Händedruck zu haben. Hier war es unhöflich und respektlos.

    Ich löste meine angesparten Bausparverträge auf. Doch das Geld ließ auf sich warten. Meiner Freundin schickte ich die Unterlagen, um den Lohnsteuerjahresausgleich beim deutschen Finanzamt abzugeben. Cindy schickte mir Geld nach Madagaskar, streckte mir etwas vor. Sebastian und ich konnten aufatmen.

    Endlich kamen ernsthafte Interessenten für den Opel. Dieses Auto wollten wir eigentlich selbst fahren. Aber für die Transporter fand sich kein Käufer. Also verhandelten wir um den Opel. Es war lustig mit den Leuten, sehr nette Madagassen. Das Handeln machte mir Spaß. Anfangsangebot waren 14 Mio FMG, mehr als 16 Mio FMG wollten sie auf keinen Fall bezahlen. Ich erlangte den Preis von 18 Mio FMG und war zufrieden. Nun musste ich lernen den VW T2 zu fahren und ein zu parken.
    Der Autokauf zog sich über eine Woche hin. Die Kaufverträge mussten beim Rathaus beglaubigt werden. Wieder unzählige Papiere auch vom TÜV und der Zulassungsstelle.
    Der Mann vom TÜV übersah den "Schein", den Jan in die Papiere gelegt hatte und machte Schwierigkeiten ohne Ende. Der Opel hatte "frischen" deutschen TÜV. Aber er bemängelte die Bremsen.
    Dazu muss man erläutern, wie der Bremstest in Madagaskar aussah:
    Auf der Straße fuhr man ein Stück und musste dann bremsen. Dabei erkannte der Fachmann die den Zustand der Bremsen.
    Jan war am Durchdrehen. Computerbelege vom Bremstest in Deutschland kannte man hier nicht und zeigten keine Wirkung.

    Dieser Beamte wurde zwei Jahre später wegen Korruption verurteilt und musste eine Haftstrafe von einigen Jahren antreten. Die neue Regierung setzte Zeichen.

    Ich musste Abschied nehmen vom Opel. So viele schöne Erinnerungen. An die Avus, an Berlin, an Jan, an Deutschland.
    Gunter sagte treffend: „Besser du nimmst vom Opel Abschied, als dass wir von Madagaskar Abschied nehmen müssen.“
    Stimmte auch wieder.

    Vor der Übergabe fuhr ich den Opel noch mal in die "Waschanlage": Fünf Arbeiter, die putzten. Der Opel wurde richtig schön sauber und lachte mich strahlend an.
    Die Autokäufer brachte das Geld. Rondro hatte die vom Rathaus beglaubigten Kaufverträge. Es wurde ernst. Vor mir lagen 18.000.000 FMG (ca. 2600 Euro). Ich zählte nach und brachte den Stapel kurzer Hand in ein anderes Zimmer. Versteckte es im Katzenkorb. Man konnte ja nie wissen.
    Als alle gegangen waren. Gab es einen kurzen Wortwechsel mit Jan. Er baute die Musikanlage ab und den Fernseher und fuhr wutentbrannt mit dem VW-Transporter davon. Sebastian und ich fuhren mit dem Taxi ans Meer in ein Beachlokal zum Essen.
    Wir trafen dort Gunter. Die Stimmung war gelöst, es wurde viel gelacht.
    Sebastian und ich gingen hinunter zum Wasser, um zu sehen, wie warm es war. Eine Welle erwischte uns. Wir wurden pitschnass.
    Ich fühlte mich irgendwie erleichtert, von Traurigkeit keine Spur.
    Vielleicht musste das alles erst passieren, damit es endlich losgehen konnte. Ich denke, wir wurden geführt und das zu unserem Besten.

    Zeiten, in denen nichts richtig voran geht, können Phasen des Kraft tankens sein, aber ebenso kann es sein, dass erst bestimmte Dinge passieren müssen oder bestimmte Situationen einer Klärung bedürfen, bevor "die Handbremse gelöst und der erste Gang eingelegt wird".

    Mit Jan wurde nur noch geschäftlich geredet, nicht mehr privat. Tagsüber, wenn die Mädels da waren, tat er so, als sei alles in bester Ordnung. Selbst Rondro wußte nicht, dass er schon lange nicht mehr bei mir wohnte.

    "Es ist schon okay, es tut gleichmäßig weh. Es ist Sonnenzeit. Und der Mensch heißt Mensch, weil er irrt und weil er kämpft, und weil er hofft und liebt, weil er mitfühlt und vergibt, und weil er lacht, und weil er lebt, du fehlst..." (Herbert Grönemeyer)
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  8. AW: Was suchst du in Madagaskar?

    Eines Morgens schauten wir aus dem Fenster und Sebastian sagte: "Oh Gott schon wieder dieser eklige Sonnenschein und die Palmen und das Meer. Ich will endlich mal wieder richtig schönen grauen Nieselregen. Ist ja nicht auszuhalten, immer diese gute Laune!" Wir lachten, begannen mit dem Frühstück und Georgina sang in der Küche.

    Doch so schön der Tag begann, er brachte nicht das, was er versprach. Mein Computer ging kaputt. Der Lüfter verabschiedete sich und die CPU ebenso. Das Ersatzteil hätte in Deutschland nicht viel gekostet, aber 2003 bekam man es hier einfach nicht. Das bedeutete für uns, wir würden mit fünf Rechnern im Internetcafe starten, nicht mit sechs, wie geplant.

    Sebastian hatte seine Musikanlage im Wohnzimmer aufgebaut. Wann immer ich allein war, hörte ich laut Musik. Ich hatte ja nur noch drei CD's, die ich mein eigen nannte. So entging mir auch das klopfen, als Rondro erschien. Sie brachte endlich die Visumverlängerung für drei Monate. Nun würde uns der „Blockade-Beamte“ die Carte professionell ausstellen müssen.
    Rondro berichtete, der Präfekt hätte gesagt, wenn es weiterhin Probleme gäbe, dann sollten wir uns an ihn wenden. Das hörte sich gut an.
    Sie meinte, er hat von unserem sozialen Projekt gehört und er möchte unbedingt, dass wir es schaffen.

    Eines Tages fuhr ich mit Jan im VW zum Internetcafe. Wir wollten die Räume noch einmal ausmessen. Da sagte er zu mir „Ich werde jetzt extrem geizig.“
    „Oh toll, dann trinkst du mir ja meinen Kaffee nicht mehr weg, sondern nur noch abgekochtes Wasser aus der Leitung.“ gab ich höhnisch zurück.
    "Ich achte auch drauf, dass meine Familie sparsam lebt und nicht die dicken Hamburger isst." „Das kannst du gern tun, aber wir sind nun nicht mehr deine Familie.“
    „Ich habe da aber noch einen Gutschein für eine Schmusestunde.“
    „Der Gutschein ist schon uralt und verfallen.“ Gab ich zurück.
    „Nein, je älter der Gutschein ist, desto länger ist er gültig.“ Meinte er.
    "Für oberflächliche Dinge habe ich keine Zeit"
    Wusch. Abfuhr.
    Ich sah ihn von der Seite an und sehnte mich nach ihm, doch so einfach war es nicht.

    Aus Tana erhielten wir einen Anruf. Wir würden die Visa für zwei Jahre bekommen. Allerdings koste es pro Person 1.000.000 FMG, das waren dann mal eben 3.000.000 Mio FMG (ca. 430 Euro) für uns drei. Der Preis sei üblich, so hieß es. Ja okay, wenn das der Preis ist? Doch zwei Tage später erreichte uns wiederum ein Anruf aus Tana. Die Dame erklärte uns, der Preis habe sich erhöht. Nun sollten wir pro Person 1,25 Mio FMG bezahlen. Wie konnte das sein?
    Wir hatten nur eine Erklärung, da wollen einige Herrschaften mit verdienen.
    Da ist Korruption im Spiel. Nach einer kurzen Beratung entschieden wir uns, dieses Angebot dankend abzulehnen.
    Wir gingen den offiziellen Weg. Es musste möglich sein, auch auf normalen Wege die Visa Frist gemäß zu erhalten.
    Es war der 21. Mai 2003. Sebastian hatte Geburtstag und ich hoffte, dass er eine schöne kleine Feier bekommt. Ich wollte ihm eine Kleinigkeit schenken und ging mit ihm einkaufen. In Tsaramandroso fanden wir einen Straßenhändler, der Parfüms von BOSS, Lagerfeld usw. verkaufte. Sicherlich waren diese Duftwasser verdünnt, denn der Geruch hielt nicht lange an, doch immerhin gab uns der Duft einen Hauch von Luxus und Zivilisation.
    Mit dem Koch vom San Antonio, Stefan, hatte ich abgesprochen, dass er einen Geburtstagstisch für uns herrichtet. Es sollte Gulasch geben.
    Ein befreundeter Franzose Jean und seine Freundin kamen. Gunter und Jan kamen auch. Jan hatte wenige Tage zuvor einen Wortwechsel mit Sebastian und zog den ganzen Abend über ein mürrisches Gesicht.
    Jean sprach perfektes English und Sebastian genoß die Unterhaltung mit ihm sichtlich. Jean schenkte Sebastian einen Silberreif für das Handgelenk. Diese Armreifen wären das Symbol, dass er nun ein Mann sei, erklärte er uns.

    Später erfuhr ich, dass die Madagassen diese Armreife tragen, da dieser Armschmuck den Meeresgott wohlgesinnt stimmt und so vor dem Wasser schützt.
    Während der angeregten Unterhaltung bemerkten wir, dass draußen auf See ein Kriegsschiff vor Anker lag.
    „Vielleicht ist es nur Küstenschutz“ sagte ich.
    „Nein, diese Schiffsform kenne ich.“ meinte Sebastian.
    „Ist ein Marineschiff, ganz eindeutig.“ Stimmte auch Jan zu.
    „Was wollen die hier? Madagaskar hat eine Marine mit eigenen Schiffen?“ fragte ich.
    „Nein.“ sagte Jean „Das ist ein französisches Schiff. Kann sein, sie überwachen nur. Auf den Komoren sollen französische Legionäre sein, die darauf warten, dass es los geht.“
    „Ähm, was soll losgehen?“
    „Die Regierung ablösen.“
    „Um Gottes Willen! Bloß nicht!“
    „Wer weiß“ sinnierte Jean.
    „Und was machen wir, wenn so was doch passiert?“
    „Die Botschaft bringt euch raus.“
    „Ich will aber gar nicht raus. Ich habe keinem was getan, warum sollte ich Angst haben?“
    „Wenn es Krawalle gibt, ist es egal, ob du was getan hast. Du bist weiß, das reicht.“
    „Und dann? Die Botschaft ist in Tana. Wenn hier wirklich etwas passiert. Tana ist weit weg.“
    „Ihr müsst deutsch reden. Immer deutsch reden, damit sie sehen, ihr seid keine Franzosen. Und ihr müsst dann sofort zu einer offiziellen Vertretung. Am besten eine Schweizer oder französische offizielle Organisation. Die bringen euch in Sicherheit.“
    „Na toll! Ich will mir so was nicht mal im Albtraum vorstellen!“
    „Nein, ich glaube ja auch nicht, dass so was passiert, aber für den Ernstfall wisst ihr Bescheid.“
    Es wurde viele erzählt, gelacht. Ein netter Abend. Sebastian war positiv überrascht, sprach aber abends über seine Enttäuschung, dass Jan nicht gratuliert hatte.

    Es war der 01.06.2003. Wir hatten endlich die Carte Professionell und durften damit offiziell eröffnen. Allerdings war diese Carte Professionell befristet auf drei Monate, ab Antragsdatum, also gültig bis zum 31.07.2003. Endlich konnte es losgehen!

    Gunter und Jan kauften Stoff für ein Transparent sowie Farbe dazu. Ich bemalte es mit den Schriftzügen der Firma und den Öffnungszeiten.
    Endlich ging es ans Einrichten.
    Die Computer wurden aufgestellt, das Netzwerk wurde eingerichtet.
    Das Personal im Internet eingewiesen.
    Glücklicherweise kauften Jan und Gunter bei einem Straßenhändler billig Tische und Stühle ein. Sie waren aus Holz und sahen ziemlich alt und ramponiert aus. Aber es musste auch so gehen.
    Es fand keine Einweihungsparty statt. Keine große Feier.
    Kein Geld. Schnell eröffnen.
    Lautsprecher mit Musik wurden auf die Straße gerichtet und wir warteten auf Kunden.
    Ich entwarf Werbeplakate, teilte sie in vielen Shops und Hotels aus.
    Mit Rondro sprach ich die Pousse - Pousse Fahrer an. Sie fuhren mit unseren selbst gemalten Werbeplakaten wochenlang durch die Stadt. Auch Handzettel entwarf ich und verteilte sie. Drückte sie den Leuten in die Hand oder klemmte sie an Autoscheiben.

    Gunter ließ sich auch einige geben, verteilte insgesamt drei Stück in seinen Stammlokalen. Sebastian versuchte das Netzwerk zu optimieren, schrieb ein Abrechnungsprogramm für die Kasse.
    Jan saß vor dem PC und chattete bis in die Nacht mit "Anna".
    Ich lernte auch das zu akzeptieren.
    Es tat weh. Immer noch.
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  9. AW: Was suchst du in Madagaskar?

    Vorsichtig kamen die ersten Kunden. Informierten sich und gingen wieder. Ich fragte irritiert Gastelle, „Warum gehen die alle wieder? Ist es zu teuer?“
    „Nein, das ist so üblich, man ‚kauft’ nicht sofort. Man informiert sich und kommt irgendwann wieder, um dann die Dienste oder den Service in Anspruch zu nehmen.“
    Endlich der erste Kunde. Wir freuten uns und nahmen auch freudig zur Kenntnis, dass die Kunden, die einmal da waren, wieder kamen. Binnen kurzer Zeit kannten wir einige Kunden schon. Wir bekamen eine Stammkundschaft.
    Kunden grüßten auf der Straße.

    Allerdings reichten die Einnahmen noch nicht für alle Rechnungen.
    Normalerweise plant man die ersten Monate mit Verlust ein, denn um in die Gewinnzone zu kommen, braucht es etwas Zeit.
    Zeit ist Geld - ein Spruch, den hier keiner verstand. Denn Geld hatten nur wenige, aber Zeit hatten alle.
    Unser Klientel gestaltete sich vielschichtig. Sowohl reiche Madagassen, Touristen, Studenten, die einen Sondertarif bekamen, Moslems, Jugendliche und auch junge Mädchen, die mit ihrem Freund in Europa chatteten.

    Am Abend oder am Wochenende kam auch mal die ganze Familie, Kinder hübsch fein gemacht, saßen artig an Papas Seite, während er die Mails abrief. Mama hatte das Baby auf dem Arm und Oma saß im bequemen Sessel, schaute sich Musikvideos an und wartete geduldig.
    Solche Momente freuten mich sehr, denn es zeigte, dass unser Konzept aufging.
    Viel Platz, ganz gemütlich, modernes Equipment und eine lockere Atmosphäre, eine kalte Coca trinken und dazu als i-Punkt: nettes, freundliches Personal. Es wurde angenommen und die Zahlen gaben uns Recht.

    Der Internetprovider, der uns im März noch zusagte, die Internetgeschwindigkeit von 32 kb bis 64 kb zu garantieren, lernte uns nun von der hartnäckigen Seite kennen. Permanent war die Internetverbindung zu langsam. Fast jeden Tag ging jemand von uns zum Büro des Internetproviders und beschwerte sich. Die gelächelte Auskunft: "Wir reparieren!" beruhigte uns nicht wirklich.
    Es lag dicker Ärger in der Luft. Als sie dann meinten, sie müssten uns die Monate März bis Juni voll berechnen, obwohl wir in diesem Zeitraum weder einen Vertrag, noch Internetverbindung hatten, gab es Krach. Jan zerriss im Büro des Internetanbieters den Antrag.

    Mit der Installation der Antenne sei der Vertrag erfüllt, sagte man uns. Von dem Tage an, müsse man auch die monatlich Gebühren in Höhe von immerhin 650 Euro bezahlen.
    Nach langem hin und her entschloß ich mich, mit Rondro in die Geschäftsstelle zu gehen. Alain, der Bürochef war für einige Tage nach Tana gefahren. Sein Kollege, der Techniker, war nicht ohne Einfluss. In Alains Abwesenheit spielte er gern den Boss. Er war mir nicht sonderlich sympathisch. Seine Hautfarbe war fast schwarz. Er zog ein Bein nach. Doch sein süffisantes Lächeln ließ in meinem Inneren regelmäßig zentnerweise Antipathie aufkommen. Dennoch schaffte ich es, ihm zu schmeicheln.
    „Rondo sage ihm bitte: Er als Experte hat doch Einfluss. Wir können doch nicht wissen, dass mit Installation der Antenne zugleich der Vertrag als erfüllt angesehen wird. Wir haben auf den Vertrag gewartet, hatten weder Zugangsdaten noch Passwörter. Wir sind doch ‚nur’ Europäer, die die afrikanischen Geflogenheiten erst kennen lernen müssen. Er kann das doch sicher verstehen.“ Er lächelte. „Und ein Mann in seiner Position kann uns doch bestimmt helfen.“
    Es wirkte. Er setzte sich mit seinem Vorgesetzten in Tana in Verbindung. Es wurde ein neuer Vertrag abgeschlossen mit Datum Ende Mai. Na bitte, ging doch.

    Wir hatten jeden Tag geöffnet, von 8.00 bis 22.00 Uhr, auch an den Wochenenden. Das war hart für uns. Keine Freizeit, kaum Zeit, um etwas zu essen. Die Mädels hatten viele Fragen und unsere Anwesenheit war zwingend erforderlich. Egal, ob der Kunde etwas ausgedruckt, eingescannt, abgespeichert, zum Download haben oder einfach nur einen eigenen Email Account anlegen wollte, wir halfen.
    An den Wochenenden zu öffnen, war gewagt. Keiner in der Stadt hatte diese Öffnungszeiten und hielt sich auch noch daran. Doch es wurden zusehend mehr Kunden, auch am Samstag oder Sonntag, die ins Internetcafe kamen.
    An den Geschäften sah man hier selten Schilder mit Öffnungszeiten. Aber selbst wenn diese Informationen zu gegeben wurden, hieß das noch nicht, dass man sie auch einhielt.

    Unser Beispiel machte Schule. Schon nach einem halben Jahr, hatten viele Geschäfte und auch Internetcafes am Wochenende geöffnet. Auch die Geschäftszeit bis 22.00 Uhr wurde übernommen, denn der Erfolg gab uns Recht.

    Einige Autoritäten der Stadt kamen ins Internetcafe, ein örtlicher Fernsehsender machte Aufnahmen und berichtete. Mitarbeiter von TV und Rundfunk gehörten bald zu unseren Stammkunden.

    Bereits eine Woche nach der Eröffnung setzte sich Gunter hin und erzählte uns allen Ernstes, wir müssten bald "dicht machen". „Es lohnt sich nicht und überhaupt, wenn ich schon meine Musikbar eröffnet hätte...“ für die er weder Räume, noch Lizenz, noch irgendeinen Plan hatte, dann „...ja dann könnte ich euch unterstützen, aber das dauert noch und deshalb ist dieses Internetcafe zum Scheitern verurteilt.“ Wir sahen uns erstaunt an und ließen ihn reden. Leider erzählte er es nicht nur uns, sondern verkündete es jedem in der Stadt.
    Gunter schaute öfter mal vorbei, um die neuesten Nachrichten zu verbreiten. Ansonsten saß er weiterhin seine Zeit im "Tobani" ab. Hatte ich eine Aufgabe für ihn, da er ja etwas französisch sprach, hatte er es plötzlich eilig und irgendwo einen Termin.

    Manche Menschen tragen die Negativität in sich. Sie sehen alles schwarz. Alles ist schlecht, alles ist zum Scheitern verurteilt. Eine wandelnde Mixtur aus Selbstmitleid, Wut und Gereiztheit. Unfähig Chancen zu sehen, Initiative zu ergreifen, sind alle Pläne nur Luftblasen, hohle Worte. Die Taten bleiben aus.
    Wir können ihnen nicht helfen, indem wir in ihre Dunkelheit hinab steigen.
    Negative Energie hat einen starken Einfluss. Ich habe zeitweise das Gefühl, dass mir durch solche Menschen Kraft abgesaugt wird. Es ist schwer die positive Energie und Ausgeglichenheit zu bewahren.
    Gunters Meinung konnte ich nicht ändern, alles Reden brachte nichts. Am nächsten Morgen spulte er seinen Monolog in gleicher Form ab. Ich konnte ihm auch nicht helfen, die Dinge in einem anderen Licht zu betrachten. Ich konnte nur aufpassen, dass er mit seiner Negativität unseren Optimismus nicht zerstörte.
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  10. AW: Was suchst du in Madagaskar?

    Sebastian hatte das Netzwerk eingerichtet und es funktionierte sehr gut.
    Jan war launisch und wenn wir ins Internetcafe kamen, wussten wir vorher nie, was uns erwartete. Hatte er Baguette gekauft oder war er zornig wegen irgendeiner Kleinigkeit?
    An einem Sonntag morgen verspäteten wir uns um zehn Minuten. Es war kein Taxi zu bekommen, wir gingen zu Fuß. Wir kamen 8.10 Uhr ins Internetcafe und fanden Jan außer sich.
    „Was habt ihr für eine Arbeitsmoral! Das interessiert Euch wohl alles nicht!“ Er schimpfte laut und wüteet herum. Zu guter letzt verkündete er, er schließe hiermit die Firma und begann die Rechner einfach abzubauen.
    Ich konnte so ein Verhalten weder verstehen noch nachvollziehen. Ich versuchte zu beruhigen, doch ich kam damit nicht weiter. Erst als ich ihm Widerstand entgegensetzte und ihm zu verstehen gab, dass er weder Anlass dazu, noch das Recht hatte für solch einen Schritt, denn wir sind vier, die das entscheiden, hielt er inne.
    In diesem Moment kam ein Kunde, schaute verwirrt auf die abgebauten Rechner und fragte kleinlaut, ob er seinen eigenen mitgebrachten Laptop anschließen dürfe. Natürlich doch.
    Jan fing sich wieder und baute alles wieder auf. Solche Situationen erlebten wir dreimal. Erst als wir begannen, ihn damit zu necken, ob er denn schon den Schraubenzieher zum Abbauen für das Wochenende bereit gelegt habe und wir am Sonntag ausschlafen könnten, wenn er das Internetcafe doch sowieso schließen wollte, endeten diese Wutausbrüche.

    Doch das Mobbing ging weiter. Hätte ich solch ein Arbeitsklima in einer Firma in Deutschland, ich hätte gekündigt. Aber hier, in dieser Situation war ich nicht unschlüssig und unsicher, ich war stur. Ich WOLLTE mir diesen Traum nicht kaputt machen lassen, nicht nach all dem was wir bereits hinter uns hatten.
    Die Gefühle bei der Arbeit sind ebenso wichtig, wie die Emotionen in allen anderen Lebensbereichen. Gefühle sind Gefühle - und wo immer sie uns begegnen, fördert die Auseinandersetzung mit ihnen den inneren Fortschritt.
    Manchmal fragte ich mich, wo meine Schmerzgrenze lag, ob da überhaupt eine war. Ich hatte mich nicht als masochistisch in Erinnerung. Aber dann wurde mir klar, dass diese Gedanken unsinnig waren.
    Denn so lange ich auf mich aufpasste, meine innere Mitte immer wieder fand, mir Gutes tat, Freude und Spaß am Leben hatte, hatte ich auch die Kraft diesen Weg weiter zu gehen.
    Es war wichtig in meiner Freude zu sein. Und ein Schuss Selbstironie ließ mich lachend wieder aufstehen.

    Sebastian und ich hatten noch immer kein Geld und wir hangelten uns durch. Wir ernährten uns wieder von Baguette und Brochette. Endlich wurde einer der zwei Bausparverträge aufgelöst und es floß über Cindy ein kleiner finanzieller Segen, der es mir ermöglichte weiter zu investieren und vor allen Dingen durchzuhalten.

    Es war ein Dienstagmorgen. Ich kam ins Internetcafe „Antsika“. Die Atmosphäre war außergewöhnlich. Es war ruhig, aber seltsam ruhig. Die Mädels tuschelten und Georgina, die nun tagsüber im Internetcafe putzte und nur noch an zwei Nachmittagen der Woche ins Haus ging, wollte mir aufgeregt etwas erzählen und zeigte immer wieder auf die Tür von Jans Zimmer.
    Er selbst saß an einem PC und zeigte sich teilnahmslos. Ich suchte einen Vorwand, um in sein Zimmer zu gehen. Ich wußte nicht, was mich erwartet, aber ich platzte einfach rein und traute meinen Augen nicht. Da saß auf einem Sessel ein Mädchen, ganz offensichtlich vom horizontalen Gewerbe. Sie hatte es sich bequem gemacht, schien sich zu hause zu fühlen. Sie kannte sich aus, es schien nicht ihr erster Besuch zu sein.
    Ich ging zurück in den Kundenraum und fragte Jan, was das soll. Er zuckte mit den Schultern. Seine Welt war in Ordnung.
    „Jan, du wohnst hier kostenlos. Wenn du auf diese Art und Weise dein Leben gestalten willst, dann suche dir eine andere Bleibe.“ Und laut fügte ich hinzu „Das ist hier ein Firmensitz und kein Bordell!“
    In Sekundenschnelle stieg mein Adrenalin und die Enttäuschung, Frust, Wut , Zorn, alle Gefühle, die ich in diesen Wochen immer wieder unterdrückte, zurückhielt, ballten sich zusammen. Zurück in seinem Zimmer ergriff ich die Dame am Arm und zog sie durch die Tür hinaus, durch den Kundenraum und verabschiedete sie energisch auf die Straße.

    Als dieses innere Gewitter sich legte, saß ich auf einem Sessel auf dem kleinen überdachten Innhof. Die Wunde kam zum Vorschein, sie war größer, als ich vermutet hätte und sie heilte nicht. Nein. Sie blutete aus einer Tiefe, die mich sprachlos machte.
    Es war richtig und wichtig diese Wunde zu spüren. Den Finger auf die verletzte Stelle zu legen und zu fühlen: Ja genau da tut es weh. Nur so würde ich Heilung erfahren können.

    Okay, ich hatte mich, mein Ego durchgesetzt, aber ich erkannte meine Machtlosigkeit einmal mehr. Ich war verletzt. Das innere Kind kniete nieder und weinte.
    Das kleine Mädchen in mir, das so gern lachte, wurde scheu und zog sich zurück.
    Das Gute an solchen Tagen war, auch sie gingen vorüber.

    Doch die Wut, die mich so plötzlich überfallen hatte, schockierte mich. Die Wut ist ein beängstigendes und machtvolles Gefühl. Sie macht deutlich auf Grenzen aufmerksam, die ich ziehen sollte.
    Einmal mehr spürte ich in mir eine Kraft, die so unerbittlich war, die Unsicherheit und Rückzug oder Aufgeben niemals zuließ.
    „Was uns nicht umbringt, macht uns stark.“
    Diese Kraft war nicht jene sanfte, die aus der inneren Zufriedenheit strömte, es war eine andere Art Power, ein geballte Kraft, die mich größer werden, die mich über mich hinauswachsen ließ.
    Es war die Kraft aus meinem Willen heraus. Mein Wille, mir hier ein Leben aufzubauen, eine Firma aufzubauen und diesen Weg ungeachtet der Hindernisse und Widerstände zu gehen.

    Ein freudige Erlebnisse im Juni waren einige Pakete aus Deutschland. Eine Freundin schickt mir Tee und Kräuter, sowie Samen. Am gleichen Tag kamen auch das Päckchen mit dem Ersatzteil für meinen PC, sowie das Geburtstagspaket von meinem Exmann Ben für Sebastian.

    Du bezahltest für ein Paket 50.000 FMG. Normalerweise. Auf der Quittung standen jeweils 25.000 FMG.
    In Deutschland würdest du nun dein Paket frisch fröhlich unter den Arm nehmen und gehen, nicht so in Madagaskar. Denn jetzt kam der Zollbeamte. Er schnitt mit einem Messer das Paket auf und schaute sich alles an, wurschtelte es danach wieder rein und wenn du Glück hattest, musstest du zwar nichts bezahlen, „aber ein Cadeau (franz. Geschenk) sollte man schon geben“, wurde mir gesagt, denn "kleine Geschenke erhalten die Freundschaft".
    Sebastian war frustriert und wütend, dass ein Fremder, auch wenn er vom Zoll war, in seinem Geburtstagspaket herum wühlte. Das sind doch die Augenblicke, die man normalerweise zu hause genießt. Das Paket öffnen und neugierig freudig auspacken...
    Als wir dann samt Pakete zu hause angelangt waren, legte sich auch seine Verärgerung und wir freuten uns über die vielen nützlichen und unnützen Kleinigkeiten aus der Heimat.

    In den neuen Geschäftsräumen wurden wir sehr schnell mit einem Problem vertraut, dass wir im Haus noch nicht kannten. Die Stromschwankungen und -ausfälle.
    Die hiesige Stromgesellschaft JIRAMA schaffte es nicht, eine kontinuierliche Stromversorgung zu liefern. Die fast täglichen Stromausfälle von fünf Minuten bis hin zu mehreren Stunden machten uns zu schaffen. Unter den extremen Stromschwankungen leideten die technischen Geräte.
    Jemand erklärte uns, dass immer ein Stadtteil abgestellt wurde, damit der Rest der Stadt mit Strom versorgt werden konnte. Es gäbe sogar einen richtigen Plan für diese Maßnahme. Man könne ihn bei JIRAMA einsehen.
    Mit Rondro ging ich dann auch zu JIRAMA, um diesen besagten Plan zu bekommen. Dort erhielten wir die Auskunft, dass es einen solchen Plan nicht gäbe. Diese Ausfälle seien nur Wartungsarbeiten, ganz routinemäßig.
    Aha. Routinemäßig.
    Aber wenn es wieder einmal zu Wartungsarbeiten kommen würde, dann sei man bereit, einen Mitarbeiter zu uns zu schicken, der uns über den bevorstehenden Stromausfall informieren würde. Diese Geschichte sorgte fortan als eine beliebte Anekdote für Lacher.
    Nur die Realität war nicht so witzig.
    Die Stromschwankungen waren derart heftig, dass immer wieder technische Geräte den Geist auf gaben und so der kontinuierliche Geschäftsbetrieb erheblich gestört wurde.

    Wir waren stolz auf unser Internetcafe "Antsika".
    Während bei uns die Kunden mittlerweile die Sitzecken füllten, weil sie auf einen freien PC - Platz warteten (manche warten über eine Stunde) , stand der Besitzer eines anderen Internetcafes (ca. 50 m entfernt) vor der Tür und wartete auf Kundschaft.

    Wir befanden uns auf einer Reise ins Abenteuer. Es sollten Ereignisse eintreten, die wir zu diesem Zeitpunkt nicht absehen konnten, gute und schlechte. So sehr wie ich die schmerzhaften Ereignisse akzeptieren und loslassen musste, so sollte ich auch solche guten Momente genießen und mich daran erfreuen. Und dies tat ich auch, ganz bewusst.
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