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  1. AW: Was suchst du in Madagaskar?

    Schon zwei Tage später erhielten wir die Information, das Schiff sei schon in Majunga angekommen. Das veranlasste uns, sofort umzuplanen. Wir kauften Tickets für Jan und Sebastian für das Taxi Brousse (den Überlandbus) nach Mahajanga.
    Sehr früh am Morgen fuhren sie ab. Ich blieb allein mit Frau Katze in Tana. Die Papiere für den Zoll lagen noch immer beim Finanzministerium.

    Die Abmeldebestätigungen brachte er natürlich nicht mit, er hatte ja keine Zeit und überhaupt, es war zu kurzfristig dafür. Er war ja nur drei Wochen in Deutschland. Ich schrieb an meine Freundin in Berlin und bat um Hilfe. Cindy besorgte die Abmeldebescheinigungen, scannte sie bei einem Bekannten ein und mailte sie mir zu, schickte sie dann auch noch als Original per UPS an Torsten.

    Inzwischen war ich fast täglich beim Finanzministerium, um die Unterlagen schneller zu bekommen. Fanja und ich riefen täglich die Stelle an, die Auskunft über das Schiff geben konnte. Meine deutsche Ungeduld musste ich ablegen.

    Eines Abends, ich war schon im Hotelzimmer, bekam ich eine SMS von Jan aus Majunga. Ich sollte meinen Sohn versorgen. Jan wollte mit ihm nichts mehr zu tun haben. Ich rief ihn an. Sebastian war am Telefon. Jan gab ihm kein Geld, sie hatten sich gestritten. Ich redete auf Basti ein, dann mit Jan und konnte den Streit schlichten.
    Die beiden hatten oft Streit miteinander. Wenn ich anrief, um mal die Stimme zu hören, maulte Jan über meinen Sohn, aber es fiel kein Wort darüber, dass er mich vermisste oder etwas in der Art.
    Ich war wieder allein.
    An manchen Abenden beschloss ich, nicht nach Majunga zu gehen, sondern in Tana zu bleiben. Dann plante ich eine Zukunft ohne ihn. Doch wenn der Morgen graute, tat ich wieder das, was ich als meine Pflicht ansah: die Papiere besorgen.

    Das Hotel war ein Familienbetrieb. Vereinzelt nur kamen Gäste. Abends war ich oft der einzige Gast, der zu Abend aß. Das dauerte natürlich. Es war schon eine seltsame Atmosphäre in dieser Gaststube. Die dunklen Möbel, der massive Tresen. Man könnte dort einen Kriminalfilm drehen. Alles war abends ruhig. Das Haus wie ausgestorben. Ab 20.00 Uhr war nur noch eine Nachtwache anwesend, die aber in einem Zimmer neben der Rezeption schlief.
    Auf der Theke stand ein kleiner Fernseher mit Zimmerantenne. Das Bild war schlimm. Man konnte nur wenige Minuten zuschauen, dann flimmerten die Augen. Es erinnerte mich an die Anfänge der Fernsehsender in Deutschland. Viel Schnee auf dem Bild und ein schnarrender Ton. Ich ging die massive knarrende Holztreppe hinauf in mein Zimmer. Was sollte ich an solchen Abenden machen?
    Ich schrieb ich am Unternehmenskonzept und stellte erste wage Berechnungen an. Mit 6 Rechnern würde es schwierig werden, aber es war zu schaffen.

    In den darauf folgenden Tagen ließ ich das Konzept von einer Unternehmensberatung prüfen. Es passte, die Kosten hatte ich realistisch eingeschätzt und ich war nun für die kommenden Schritte optimistischer.

    Irgendwann kam eine Mail von Gunter. Er schrieb, er würde ohne Einreisevisum kommen. Die Botschaft in Berlin hätte ihm immer das falsche Visum geschickt und er würde am Flugplatz bei der Einreise Hilfe brauchen. Da ich mit Fanja ohnehin jeden Tag unterwegs war, bat ich sie mitzukommen, um Gunter zu helfen.

    Und in der Tat, er hatte große Probleme, war ja klar. Man wollte ihm ein Touristenvisum geben, doch dann müsste er in drei Monaten das Land verlassen. Diese Art Visum war nicht verlängerbar.
    Ich freute mich schon diebisch auf das Theater, wenn Gunter seinen Transporter durch den Zoll holen will, schließlich kanntet er ja das Land seit zehn Jahren, wie er immer wieder betonte…
    Es war eben ein Unterschied, ob ich ein Land bereise, um Urlaub zu machen oder einreise, um eine Firma zu gründen. Diesen Unterschied sollte er jetzt kennen lernen.

    Gunters Flieger landete. Endlich sahen wir eine große Traube von Menschen aufgeregt durcheinander reden am Office für das Visum. Dieser Menschenauflauf konnte nur bedeuten, Gunter ist da. Ich schickte Fanja hinter die Absperrung. Normalerweise hatten wir dorthin keinen Zutritt. Doch da Fanja eine Touristenagentur hatte, zeigte sie einem Beamten ihren Ausweis und durfte passieren, um ihrem „Kunden“ Gunter aus der Misere zu helfen.
    Es dauert etwa vier nervöse Zigaretten bis Fanja wieder auftauchte. Sie musste gleich wieder zu Gunter, man wollte ihm kein Visum geben. Sie mussten nun zu einem Direktor der Polizei auf dem Flugplatz, ein Beamter der Einwanderungsbehörde sollte aus der Stadt hinzu kommen.
    Sie wollte mich vorwarnen, es würde länger dauern.
    Und es dauerte.
    Nach einigen Stunden Beine-in-den-Bauch-stehen kam sie mit Gunter.
    Alle waren aufgeregt.
    “Am besten wir fahren erstmal ins Hotel. Ich bin total durstig. Dort können wir alles besprechen. Fanja, komm, wir nehmen ein Taxi.“
    Gunter erzählte, dass er nun ein 72-Stunden Visum bekommen hatte. Am Montag musste er in die Stadt zum Ministerium und es umschreiben lassen auf ein Investorenvisum.
    Er war der schlimmste Fall. Immer passierte ihm so etwas. Dabei konnte er nichts dafür.
    Jedem erzählte er die Story fünfmal, selbst dem Nachtwächter, ob er es hören wollte oder nicht.
    Ich hatte bald die Nase voll und ging ihm aus dem Weg. Er trank mir zu viel und hatte ständig Schnorrer an seinen Fersen, für die er bezahlte. Seine Geschichten kannte ich ohnehin schon.
    Er kam schließlich seit zehn Jahren nach Madagaskar in den Urlaub und kannte sich hier aus.

    Ein paar Tage später zeigte ich dem großen "Auskenner", wo man am besten Geld tauschte, wie man handelt, wo man was am besten kaufen konnte und wo welche Ämter waren.

    In dieser Zeit lernte ich auch einige Deutsche kennen, die schon lange in Tana lebten. Von den meisten bekam ich den Eindruck: "Mein Haus - mein Auto - mein Konto"...
    Man sagte mir, dass man schon einige mit großen Plänen kommen sah, die dann nach einem halben Jahr aufgegeben haben.
    Na toll! Das waren genau die Worte, die Mut machten.

    Ich bekam viele Telefonnummern und immer mit dem Versprechen, "wenn es mal brennt - kannst du mich anrufen!" Na immerhin, man konnte ja nie wissen, aber ich wusste, es würde wirklich heiß brennen müssen, um zu diesen Rufnummern zu greifen...

    Gunter sagte mir, „sie schließen Wetten ab, ob wir es schaffen, Fuß zu fassen.“ Er jammerte, dass sie die Wette gewinnen würden. Ich glaube, die Sache mit der Wette war sein größtes Problem.
    Und wie ich später erfuhr, hatten sie tatsächlich eine Wette abgeschlossen.
    Die Quote hätte mich interessiert. Doch damals beeindruckte es mich überhaupt nicht.
    Im Gegenteil, ich war von dieser Scheinheiligkeit und Arroganz angewidert.

    Es war ein Dienstag morgen, ich saß in der Eisdiele „Liglo“ in der Rue d´ Independance, als zwei Deutsche an meinen Tisch kamen. Da ich mit Fanja verabredet war, fiel das Gespräch nur kurz aus. Einer von ihnen sagte „Das ist sehr mutig, was ihr vorhabt.“ Ich hatte genug von diesen Schwarzmalern und entgegnete mit einem Lächeln „Ach, ich finde nicht, dass es mutig ist. Jeder Fallschirmspringer riskiert sein Leben. Wir riskieren eine Niederlage, nicht mehr, nicht weniger. Und das riskiert jeder, der sein Leben verändert.“
    “Es ist sehr schwer in Madagaskar Fuß zu fassen.“ Begann er wieder. Meine Zeit wurde knapp, ich musste los und verabschiedete mich mit den Worten: „Bange machen gilt nicht, das haben schon ganz andere versucht.“
    Ich wendete mich gerade ab zum Gehen, als das Handy läutete. Jan rief an.
    „Hallo? Ja? Jan?“
    „Ja, ich komme hier nicht weiter!“ Sein Ton klang verzweifelt.
    „Warum?“
    „Keiner versteht hier englisch. Wir suchen eine Wohnung oder ein Haus, aber wir können mit keinem reden.“
    „Dann frag im Hotel nach, die werden schon jemanden kennen, der englisch sprechen kann.“ “Das habe ich schon, da ist nur der Portier, der englisch spricht. Den habe ich gefragt: Der kennt keinen.“
    “Jan, es wird Reiseveranstalter geben, die Dolmetscher kennen. Oder frage bei Air France oder Air Madagaskar nach. Oder ich weiß auch nicht…“
    “Wir laufen hier jeden Tag durch die Hitze und sehen viele Häuser, die leer stehen, aber wir brauchen jemanden, der fragen kann, wer der Besitzer ist und mit ihm einen Termin ausmacht.“ “Ich spreche mal mit Fanja, vielleicht kennt die jemanden in Mahajanga, der helfen kann.“
    Mann oh Mann. Es gibt immer Möglichkeiten und Menschen, die weiterhelfen.
    Und ich war überzeugt, in den Hotels und in den Reiseagenturen kannten die Mitarbeiter bestimmt jemanden, der als Reiseführer Geld verdiente und der auch dolmetschen konnte.
    Als ich dann Fanja traf, fragte ich sie. Doch sie schaute mich ratlos an.
    „Die Post!“ rief sie plötzlich.
    „Die Post?“
    „Ja, die haben ein Telefonbuch, wir können Telefonnummern von Reiseagenturen in Majunga heraus suchen und dort anrufen, nachfragen und voila! Werden wir etwas finden.“
    „Gute Idee.“ Es gab tatsächlich ein Telefonbuch, kaum zu glauben! Und sogar erst fünf Jahre alt.

    Eine halbe Stunde später saßen wir beide auf Plastikstühlen in einer Poststelle. Wir hatten das Telefonbuch bekommen und schrieben Telefonnummern heraus. Es war das einzige Exemplar dieser Einrichtung und immer wenn ein Kunde kam und das Buch gebraucht wurde, müssten wir warten. Acht Telefonnummern fischten wir heraus. Fanja nahm mein Handy und begann diese Einrichtungen anzurufen.
    Ich wartete.
    Wir hatten kein Glück. Zweieinhalb Stunden umsonst auf der Post verbracht. Niedergeschlagen saßen wir auf der Treppe vor der Post. Ich steckte mir eine Zigarette an. Wie sollte ich Jan helfen?
    „Ich habs!“ rief Fanja. „Das Goetheinstitut!“
    „Das Goetheinstitut? Gibt es in Mahajanga eine Zweigstelle?“
    „Nein, aber die wissen, wo Deutsch unterrichtet wird und können sicher jemanden nennen, der in Majunga Deutsch gelernt hat. Aber wir müssen uns beeilen, sonst treffen wir heute niemanden mehr an. “
    Die Sonne stand schon tief, als wir die Post verliessen, um zum Goetheinstitut zu gehen. Gott sei dank ging es dieses Mal die Treppen abwärts. Fanja lief genauso schnell wie ich. Wir überholten die Passanten und waren fünf Minuten später am Goetheinstitut.
    Ich wartete.
    Dann endlich kam Fanja heraus und schwenkte triumphierend einen Zettel. Sie hatte den Namen und die Telefonnummer einer Deutschlehrerin in Majunga.
    Wir jubelten laut und umarmten uns. Ich gab die Informationen freudig an Jan weiter.
    Einige Stunden später rief er zurück.
    “Die Telefonnummer ist falsch.“ Oh Mann!
    “Sie ist Lehrerin am Gymnasium. Du hast den Namen. Dann nimm ein Taxi, fahre zum Gymnasium und frage nach ihr.“
    Er befolgte meinen Rat und von da an war erstmal Ruhe an dieser Front.
    Als Dankeschön lud ich Fanja zum Essen ins „Glacier“ ein. Immer öfter war ich dort zu erreichen. Man konnte nicht nur sehr gut essen, sondern es war der Treffpunkt von einigen Deutschen. Auch Gunter war ständig anwesend, natürlich nicht ohne Bier.
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  2. AW: Was suchst du in Madagaskar?

    Im „Glacier“ war es auch, wo ich Mario und David kennenlernte.
    David hatte halblanges Haar und macht keinen sonderlich vertrauenswürdigen Eindruck. Er sagte mir, dass man einen Transiteur braucht, um die Autos aus dem Zoll zu holen. Jan sollte sich nach einem umschauen, aber der Beste sei Tonton, der Onkel seiner Frau.
    Ich hatte von David den Eindruck, dass sich seine Geschäfte stark am Rande der Legalität bewegten und dieser erste Eindruck von ihm war nicht der Beste.
    Er war mit einer Madagassin verheiratet, hatte wohl früher ein eigenes Hotel und sei bei Tierschmuggel erwischt worden. Er erzählte mir, er hatte alles verloren und nun machte er eben Geschäfte, hatte Ausreiseverbot, weil ein Verfahren seit einigen Jahren gegen ihn lief.

    Diese madagassische Familie hatte David voll im Griff, erklärte mir Mario, denn sie haben David geholfen, als er am Ende war und nun kassierten sie bei jedem Geschäft mit ab. „Sobald David Geld hat, hält die Familie die Hand auf. Mach mit ihm keine Geschäfte und gib ihm kein Geld.“ warnte mich Mario.
    Mit Mario verband mich Berlin. Er kam aus Kreuzberg. Auch er erzählte mir seine Geschichte.

    Mario war mit seiner Frau und seinen Kindern in Afrika mit dem Wohnmobil unterwegs und sie hatten in Afrika mehrere Jahre zugebracht, eines Tages musste es Madagaskar sein. Sie gingen nach Madagaskar und hatten den Traum autark auf dem Land zu leben, Selbstversorger und Bauern zu sein, sie wollten eine Schule bauen für Kinder.
    Mario war sehr dünn, hatte die langen blonden Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden und die Hosen und Hemden waren nicht nur kunterbunt, auch etliche Nummern zu groß.
    Er erzählte sympathisch und locker und wir lachten über seine Geschichten. Vieles hatte Hand und Fuß, was er sagte und für einiges bekam ich einen neuen Blickwinkel. Er war früher Sozialarbeiter und Sozialpädagoge. Sein Hobby war die Astrologie. Lernte er jemanden kennen, fragte er zuerst nach dem Geburtsdatum. Ein Thema, über das wir immer wieder diskutierten.
    Sein Traum bekam in Madagaskar Gegenwind und sein Geld ging zu ende. Seine Frau flog nach Deutschland um zu arbeiten, Geld zu schicken, damit er die Existenz weiter aufbauen konnte. Er sagte, sie blieb immer länger in Deutschland. Bald hatte er den Eindruck, dass sie in Madagaskar nur noch Urlaub machte und ihr Leben in Deutschland lief. Er bemerkte auch, dass sie aus der Wohngemeinschaft ausgezogen sei, in Berlin eine eigene Wohnung hatte und dort wohl nicht allein lebte. Er sagte mr „Als sie dann zurück kam, gab es einen Riesenkrach. Ich stellte sie vor die Wahl: entweder - oder! Sie entschied sich für "oder" und flog zurück. Seitdem bin ich allein mit meiner Wirtschafterin, einer älteren Madagassin.“
    Sein Grundstück sei mitten in der Pampa, weit und breit nichts als Natur und ich würde mich wundern, wie ruhig er lebt, wenn ich käme. Ja, er erzählte fast sein ganzes Leben und ich sagte ihm, dass Jan auf mich wartet - in Majunga...

    Wenige Tage später kam von Jan die Nachricht, das Schiff sei nun wirklich eingetroffen. Jan nahm mit Tonton Kontakt auf. Die Autos musste man bewachen lassen. Jan durfte selbst nicht in den Hafen, aber Tonton orderte ein paar Leute, die aufpassten.
    Nun brauchten wir dringender als zuvor die Unterlagen vom Finanzministerium in Tana für den Zoll in Mahajanga, auf die ich schon so lange wartete.

    Diese Tage im Hotel waren so öde und zogen sich dermaßen hin. Ich wartete auf die Papiere für den Zoll, hatte jeden zweiten Tag die Hoffnung, endlich den ersehnten Stempel zu bekommen, um abreisen zu können - in Richtung Majunga.
    Ich sehnte mich so sehr nach einem eigenen zu Hause. Abends heimkommen...das wär’s doch! Ich fühlte mich wie in einer Warteschleife. Es passierte nichts und was passierte war zu langsam. Das war wie das Fahren mit angezogener Handbremse. Ich wartete darauf, dass der Knoten platzte und es endlich los ging.

    ..und das Meer scheint endlos...

    Am Abend im Hotelzimmer war es wie an jedem Abend ruhig, einsam. Langsam erinnerte mich dieser Ort an das Gasthaus im Spessart. Alles ist dunkel, nur die Notbeleuchtung brannte. Im Zimmer war ein trübes Licht. Alles war totenstill. Kein Auto, keine Nachbarn, keine Stimmen von Angestellten oder Gästen. Nur das Knacken der Holzverkleidung, ab und zu das Lachen eines Gekkos. Ich lag wach auf dem Bett und meine Gedanken drehten sich um Erlebtes, um Träume, um Jan.
    Immer wieder um Jan.
    Im Nachtschrank lag eine kleine Ausgabe der Bibel. Atheistisch erzogen, war ich noch nie mit der Bibel so direkt in Berührung gekommen. Eine Schulfreundin habe ich oft in die Kirche begleitet. Viele Dinge waren mir bekannt, gehörten zum Allgemeinwissen, doch gelesen hatte ich die Bibel noch nicht. Als ich sie in die Hand nahm, dachte ich an die verschiedenen Ausgaben der Bibel, die mein Vater sein eigen nannte. Warum war ich nie auf die Idee gekommen, sie zu lesen?
    Die nächsten Abende verbrachte ich nun mit dem Studium der Bibel. Ich las sie nicht nur einmal. Einen Abschnitt nach dem anderen nahm ich mir vor und dachte darüber nach. Fand viele Aussagen und Lektionen, die übertragbar waren und als Lebenshilfe gesehen werden konnten. Gern hätte ich mich mit jemandem darüber ausgetauscht. Doch in war allein, allein mit meinen Gedanken, Erfahrungen, Erkenntnissen und meinem höheren Selbst.
    Ich hatte mich früher mit verschiedenen Religionen auseinander gesetzt. Nun fand ich mehr an Weisheit, als ich vermutet hatte. Meine Gedanken wurden zu Gesprächen. Wenn ER mich hierher führte, es zuließ, dass ich hierher kommen durfte, dann würde ER mir auch helfen.
    Im Neuen Testament stand geschrieben, du sollst dir die Dinge bestellen. Du sollst bitten, dann wird dir gegeben. Nun, dann wollte ich das auch tun.
    Mit Fanja sprach ich über einige meiner Gedanken.
    Sie erzählt mir dabei, daß es einen Pfarrer, Papa Pedro, gab. Er hat ca. 20.000 Obdachlose aus der Stadt geholt, ihnen Land gegeben und ermöglicht, ein neues Leben zu führen. Er hatte sie zu sich aufs Land geholt, sie haben Arbeit, Essen, ein Dach über dem Kopf, die Kinder können zur Schule gehen. Diesen zu unterstützen, das würde sich lohnen. Fanja sagte, er hat eine charismatische Ausstrahlung. Ich wollte ihn unbedingt irgendwann kennen lernen.
    Ich begann nun täglich zu beten. Meine Gespräche mit IHM gaben mir das Gefühl, nicht allein zu sein, gaben mir Vertrauen und Zuversicht.

    Jeden Tag aufs Neue fuhr ich in diese Stadt, die von weitem so schön aussah und langsam zu einer Hassliebe wurde. Immer wieder Termine. Täglich führte mich mein Weg ins Internetcafe.
    Ich musste meine Mails abschicken, wenn es denn die Internetverbindung zuließ.
    Im Internetcafe platzten mir regelmäßig die Nerven. Meine deutsche Ungeduld und Erwartungshaltung prallten auf die madagassische Gelassenheit.
    Das kannst du dir nicht vorstellen, erst wartest du fünf Minuten bis sich eine Seite öffnet, dann wartest du wieder fünf Minuten bis du eingeloggt bist. Dann dauert es weitere zehn Minuten bis deine Mails erscheinen, dann weitere fünf Minuten bis sich eine Mail öffnet. Nach weiteren fünf Minuten öffnet sich die Seite, um antworten zu können. Aber nur wenn du Glück hast, denn zwischendurch war einfach mal die Verbindung weg und du bist offline. Das war besonders prickelnd, wenn du gerade die Mail abschicken willst. Dir geht der Hut hoch. Aber entweder deine Nerven halten durch, oder du kriegst keine Mail abgeschickt. Ich sage dir, das stärkt!
    Was ich lernen musste war Geduld und Gelassenheit. Aber der Lernprozess war schwierig. Hier tickten die Uhren etwas anders.
    In Deutschland hieß es: Zeit ist Geld. Wenn ich den Spruch interpretiere mit „Vergeudest du deine Zeit, vergeudest du dein Geld.“ So müsste es hier heißen: „Vergeudest du deine Zeit für Geld, vergeudest du dein Leben.“
    Um die innere Ruhe zu bewahren, sagte ich mir, okay, es sollte nicht sein, dass ich diese Mail jetzt abschicke. Wenn etwas nicht funktionierte, dann versuchte ich am nächsten Tag noch einmal.
    Ich versuchte nicht mehr mit dem Kopf durch die Wand zu gehen. Ich versuchte, mich weniger aufzuregen und daran zu glauben, dass alles seinen Sinn hat.
    Auch der Mobilfunk konnte eine Geduldsprobe sein. Jan versuchte mich anzurufen. Ich hörte ihn, er hörte mich nicht. Oder er hörte mich, ich hörte ihn nicht, oder es kam eine nette Stimme, die sagte, "Sorry, wir haben Netzprobleme" Das war aber normal.
    Toll! Und alles kostete Geld. In Null Komma Nix waren deine Einheiten verbraucht.
    Wenn man endlich den anderen verstand, dann sagte man ganz schnell, was zu sagen war, bevor die Verbindung wieder abbrach. Oder man schickte den Rest noch per SMS hinterher. Doch auch hier war nicht gesagt, dass sie ankam. Stand im Übertragungsbericht "in Arbeit", dann dauerte es entweder wenige Minuten bis ein "übertragen" kam, oder man konnte es abhaken.

    Ich probierte eine SMS an meine Freundin in Deutschland zu schicken. Keine Reaktion. War sie nicht angekommen? Eine SMS an Ben wurde von ihm sofort beantwortet. Er konnte meine SMS empfangen und ich die seine. Ich fand heraus, dass es nicht nur vom Mobilfunknetz abhängig war, ob die SMS ihren Empfänger erreichten, sondern auch von anderen, mir unbekannten Faktoren. Nicht jeder Nummernblock eines Netzes war auserwählt mit Madagaskar kommunizieren zu können.
    Mich interessierten die Preise für den Versand von SMS nach Deutschland. Mit Fanja suchte ich einen Shop des Mobilfunkanbieters auf. Sie übersetzte meine Frage nach dem Preis.
    Der Verkaufsberater schaute mich ungläubig an. Hatte ich etwas falsch gemacht?
    War diese Frage ein Fehler?
    Fanja diskutierte heftig mit ihm. Immer wieder seltsame Blicke in meine Richtung. Ich wurde unsicher und fragte Fanja, wo das Problem war. Sie sagte mir, er glaube nicht, dass ich SMS nach Deutschland verschickt hätte, das sei technisch nicht möglich.
    Aha, wenn es technisch nicht möglich war, dann war es vielleicht auch technisch nicht möglich, diese SMS zu berechnen.
    Wir standen im Laden, ich versuchte Fanja zu bewegen, mit mir dieses Geschäft zu verlassen, denn eine weitere Unterhaltung war nicht notwendig.
    In diesem Moment klingelte das Telefon. Wir verabschiedeten uns von dem Verkäufer. Vor dem Geschäft hielt ich ein Ohr zu, um Jan verstehen zu können. Er berichtete mir, er hätte zwei Eckhäuser ausgesucht und sei unterwegs, um herauszufinden, wer der Besitzer ist und ob man diese mieten kann.
    Er wollte einen Termin vereinbaren für die Besichtigung und Verhandlung um den Mietpreis. So etwas konnte Wochen dauern, aber ich hoffte, wir würden das schneller bewältigen. Die kommerzielle Mietvertrag für die Firma war die Grundvoraussetzung für die Firmengründung. Die Firmengründung war wiederum die Voraussetzung für die nächste Visaverlängerung.
    Und wieder setzte ich mich unter Zeitdruck. Noch hatte ich nicht die Ruhe, abwarten zu können.
    Ich hätte den Zoll auch in Tana abwickeln und mit den fertigen Papieren nach Majunga fahren können. In Tana sollte es günstiger sein und einfacher, wurde mir gesagt. Doch es hieß auch, der Zoll Majunga würde diese Art nicht mögen, deshalb würde man mit Schikanen rechnen müssen.
    Mit Schikanen muss man immer und überall rechnen. Ich bekam viele Geschichten erzählt.
    Von Torsten, von anderen Deutschen, von David und Mario. Alles glaubte ich auch nicht, doch an jeder Geschichte könnte ein Körnchen Wahrheit sein. Ich wurde vorsichtig, versuchte Fehler zu vermeiden, soweit es mir möglich erschien. Warnungen und Ratschläge schlug ich nicht in den Wind, sondern versuchte sie zu beachten und versuche auch meine Erwartungshaltungen und Denkmuster zu korrigieren.

    An einem Freitag, ich wartete bei einer Tasse Kaffee auf Fanja, erzählte mir ein Deutscher
    „Das ist hier so üblich. Jeder kleine Beamte hat Vollmachten und erlaubt sich Dinge. Haben sie keine Lust deine Akte zu suchen, sagen sie, sie brauchen alle Unterlagen noch einmal, oder sie schicken dich noch hier hin und dorthin. Wenn du jemanden fragst, sagt er dir, 'so etwas braucht man gar nicht, geh wieder hin und sage das'. Oder sie wissen nicht Bescheid, was sie mit dir machen sollen, dann heißt es erstmal 'komm morgen wieder' ...'ach das ist noch nicht bearbeitet, komme übermorgen wieder.' Du sitzt manchmal wegen einem Stempel die ganze Woche auf irgendeinem Amt rum.“ Er ließ anscheinend seinem Frust freien Lauf.
    “Ja,“ sagte ich und dachte an die Unterlagen für den Zoll. „ein Hoch der deutschen Bürokratie!“
    “Das Witzige ist aber,“ plauderte er weiter „als 'vazaha' (Ausländer) gehst du einfach rein, du wartest nicht, wie die Einheimischen. Sie trauen sich nicht, vor dir rein zu gehen. Sie lassen dich vor und schauen dich ehrfurchtsvoll an.“
    “Rassismus verkehrt.“ sagte ich Kopf schüttelnd. Die Unterhaltung wurde abrupt unterbrochen. Das Handy klingelte. Jan rief an.
    “Ich habe ein Haus in Aussicht,“ sagte er aufgeregt, „aber es sieht innen katastrophal aus. Man müsste viel Geld rein stecken, Wände raus reißen usw., damit etwas Wohnliches draus wird.“ “Oje, das kann ja 'ne Hütte sein...“
    “Nein, so schlimm ist es nicht. Zum Mieten gibt es nur Häuser von Moslemen. Das heißt, die Häuser müssen koscher bleiben, also kein Ausschank von Alkohol, keine laute Musik usw. geeignet bestenfalls für 'ne Teestube. Die Aussichten für eine Musikbar mit Internetcafe sind also nicht besonders gut.“
    Das hört sich nicht gut an.
    “Jan, ich hatte dir geschrieben, dass ich dringend eine Kopie der Fahrzeugpapiere brauche. Du wolltest sie faxen. Hast du es versucht?“
    “Ich wollte sie auch faxen. Ich stand mit Rondro, der Deutschlehrerin, in der Post und versuchte den Beamten dort klar zu machen, dass ich ins Internet faxen will, auf einen deutschen Server, damit du es als Mail bekommst und ausdrucken kannst.“ Das begriffen sie nicht, stritten herum, wegen dem Tarif. Der wurde nach Land berechnet. Sie wunderten sich, was das für eine Vorwahl sei und diskutierten mit Jan, diese Vorwahl sei nicht Deutschland, die gäbe es nicht. Er gab dann irgendwann auf.
    „Ich schicke die Kopien per Kurier an Torsten. Die Adresse habe ich ja.“
    Wenige Tage später übergab mir Torsten die Papiere. Wunderbar! Endlich hatte ich alle Unterlagen zusammen.
    Wieder einmal ging ich mit Fanja zum Finanzministerium, direkt zu dem Beamten, bei dem wir das Dossier abgegeben hatten. Der Mann meinte, wir müssten auf den Transporter 118 % Zoll bezahlen, weil dieser noch nicht lange genug in unserem Besitz war. Ich machte einen Riesenaufstand. Er zeigte mir Gesetze und wollte nun auch noch den Opel mit Zoll belasten.
    Fanja versuchte mich zu beruhigen, während ich ihm erklären wollte, dass ich von der madagassischen Botschaft andere Auskünfte bekommen hatte. Doch es interessierte ihn nicht. Er schaute mich nicht an. Ich wertete dieses Verhalten als Ignoranz. Es machte mich wütend.
    Erst ein Jahr später erfuhr ich, dass dieses Verhalten von Respekt zeugte. Ein Schüler schaut dem Lehrer nicht in die Augen, er sieht an ihm vorbei. Damit zeigt er seinen Respekt.
    Da stand ich nun mit meinem deutschen Verständnis der Dinge und regte mich auf. Ich schimpfte auf deutsch, dass einerseits der madagassische Präsident nach Deutschland kommt, um Investoren zu werben und einem andererseits Schwierigkeiten bereitet werden, die ihres gleichen suchen. Die drei Beamten in diesem Büro verstanden mich nicht. Sie sahen einander an und lachten. Ich war wütend und hilflos.
    Ein junger Mann, der unserem Gesprächspartner direkt gegenüber saß, verstand mich jedoch. Er gab Fanja ein Zeichen.
    Wir verließen das Büro. Er leitete uns durch das Haus zu einem anderen Büro. Er stellte uns einem Beamten vor, der der Chef sein sollte. Dieser wollte nun alle Unterlagen dort behalten einschließlich meines Reisepasses. Ich sagte „Nein, ich lasse meinen Pass nicht hier.“
    Er schickte uns wieder in ein anderes Büro, auch hier die Entscheidung, dass ALLE Unterlagen dort bleiben sollten.
    Als Ausländer war ich jedoch verpflichtet, meinen Pass immer bei mir zu haben, sonst käme ich schnell mal für drei Tage in Haft. So etwas war schon einigen Ausländern passiert.
    Also wieder Protest von mir.
    Lautes Diskutieren.
    Fanja, offensichtlich ratlos, redete auf mich ein. Ich blieb stur und griff dann einfach nach den Unterlagen und meinem Reisepass. Ich steckte alles ein und begründete es
    „Am Wochenende ist sowieso keiner hier. Keiner arbeitet am Samstag oder Sonntag. Jetzt ist Freitagnachmittag. Der Chef, der es bearbeiten und abstempeln soll, ist schon im Wochenende, also reicht es, wenn ich die Unterlagen Montag früh wieder abgebe. Und dann bekommen sie auch den Reisepass wieder von mir.“
    “Aber das geht nicht Angela. Das ist nicht üblich!“
    “Nein, Fanja, nicht mit mir! Ich bin allein in Tana und kann die Sprache nicht. Komme ich in eine Kontrolle ohne Papiere, ist keiner da, der weiß, wo ich bin oder der mich suchen würde. Bis da einer merkt, dass ich in Haft bin, weil ich ohne Papiere gelaufen bin. Nein, mache ich nicht. Das Risiko gehe ich nicht ein.“
    Unter den verblüfften Blicken steckte ich meine Unterlagen kurzer Hand in die Tasche. Dann setzte eine heftige madagassische lautstarke Diskussion ein.
    Fanja war fix und fertig und sehr wütend auf mich, weil ich so frech gehandelt hatte. Die Beamten haben ihr große Vorwürfe gemacht. Mir war das egal. Es waren schließlich madagassische Gesetze, an die ich mich hielt.

    Wenn mir die Nerven platzten in einer der Amtsstuben, dann nutzte das gar nichts. Man schaute mich verwundert an und verstand diese Reaktion nicht. Manche lachten amüsiert. Andere schüttelten den Kopf. Aber es brachte rein gar nichts. Es konnte sogar passieren, dass man dich noch etwas länger warten ließ.
    Die deutsche Genauigkeit und Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit von Terminangaben und die deutsche Ungeduld mussten wir hier ablegen. Mit dieser Erwartungshaltung und Einstellung kam ich nicht weiter, ich zerrieb nur meine Nerven. Also lieber Zähne knirrschend lächeln und abwarten.
    Alles eine Sache der Geduld und die hatte ich nun gar nicht. Vielleicht war das die Lektion, die ich lernen sollte.
    Fatal war die deutsche Einstellung, dass auf die Frage, wann etwas abgeholt werden kann, eine klare konkrete Antwort erwartet wurde.
    In Madagaskar war man zu höflich, um zu sagen, dass es länger dauert. So wurde man alle zwei Tage auf ein Neues vertröstet. Man gab lieber falsche Auskünfte, als zugeben zu müssen, es nicht zu wissen, eine Absage zu erteilen oder gar eine negative Auskunft. Man wollte nicht das Gesicht verlieren. Ich habe gehört, in asiatischen Ländern sei es ähnlich.

    An diesem Freitagnachmittag, nach dieser Aufregung lud ich Fanja ein, auf ein kaltes Getränk, um das erhitzte Gemüt abzukühlen. Man sah sehr selten einen Madagassen wütend oder derart emotional. Alles war nicht ihre Schuld und ich wollte ihre Stimmung wieder aufheitern. Wir plauderten, worüber Frauen sich so austauschen...Thema Nummer Eins: die Männer.
    Wir stellten fest, dass die verheirateten Männer in Madagaskar auf die gleiche Art und Weise den Kontakt knüpften wie in Deutschland auch: „Meine Frau versteht mich nicht“. Wir lachten bei dieser Feststellung herzlich. Fanja sagte: „Die Frauen sind hier schlimm dran, wenn sie heiraten. Die Männer gehen fremd, sind ja Männer...Frauen dürfen das nicht, sind ja Frauen. Auch Scheidung ist eine Schande. Eine Scheidung als Frau ruiniert dich beruflich und gesellschaftlich.“
    “Weißt du,“ sagte sie eindringlich „die Frauen schlucken die Untreue aus Liebe. Sie haben auch Angst vor einem Leben ohne Mann, denn ein Mann im Haus bedeutet: versorgt sein.“
    Ich sagte ihr „Mein Jan würde mich nie betrügen.“
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  3. AW: Was suchst du in Madagaskar?

    Am Montag trafen wir uns auf ein Neues im Ministerium. Der Pförtner kannte mich schon und grüßte lächelnd, als wir die Eingangshalle betraten. Wir bekamen einen Termin beim Generaldirektor dieses Ressorts.

    Wir warteten in dem langen dunklen Flur des Hauses auf einer Holzbank vor seinem Sekretariat. Fanja und ich beteten zusammen murmelnd ein Vater-unser. Sie auf madagassisch, ich auf deutsch. Sie meinte, zu zweit hilft es mehr. Wir wünschten uns, dieser Herr möge nett sein und mir helfen, endlich den Stempel für den Zoll zu bekommen.
    Doch an diesem Tag war er nicht anwesend.
    Die Sekretärin kam zu uns und gab uns einen neuen Termin.

    Zwei Tage später saß ich mit Fanja wieder vor diesem Büro. Dieses Mal durften wir eintreten.
    Ich redete mit Engelszungen, von unserem Entschluss, in Madagaskar zu investieren, Arbeitsplätze zu schaffen und die Dringlichkeit der Unterlagen. Trug die Bitte vor, eine Ausnahme zu bekommen und den Transporter mit unserem Hab und Gut zollfrei einführen zu dürfen. Fanja übersetzte Satz für Satz. Ich hatte Zeit mich umzusehen. Sein Büro war moderner eingerichtet. Auf dem Regal standen Kruzifixe und Madonna-Bilder. Er selbst wirkte sehr offen und sympathisch. Unser Beten hatte also geholfen. Ich war aufgeregt.
    Er hörte sich alles aufmerksam an. Fanja endete ihren Monolog. Er stellte ihr noch ein paar Fragen. Dann zückte er seinen Stift und schrieb auf die Akte „All duty free“. Fanja und ich schauten uns an. Wir begannen zu strahlen und die Freude begann sich ganz zaghaft aus geduckter Haltung aufzurichten.
    Wir verabschiedeten uns. Zu meiner Verblüffung wünschte er mir in einwandfreiem Deutsch alles Gute für unser Vorhaben.
    Als wir die Bürotür hinter uns schlossen, begriffen wir erst, dass es sehr gut für uns gelaufen war. Die Freude war groß, wir würden keinen Zoll bezahlen müssen.
    Das war unser Tag. Wir fühlten uns wie Sieger. Lachend tauschten wir bei einer kalten Cola unsere Eindrücke aus.

    Nun hieß es abermals „Abwarten“. Wir hatten zwar das „Okay, zollfrei“, aber nun musste das Dossier noch den üblichen Amtsweg gehen.

    Fanja sagte, der Direktor ist von der neuen Regierung eingesetzt. Es würde den anderen Beamten nicht schmecken, dass er ihnen diese Entscheidung vorsetzte. Wir müssten sicher noch eine Weile warten, bis alle Beamte ihren Stempel darunter gesetzt haben.

    An einem Montag fuhren Gunter und ich, zum Ministerium. Er wegen seinem Visum, ich wegen der Zollpapiere.
    Am Vormittag kam er zurück und meinte "Alles okay, ich kann am Nachmittag mein Visum abholen. Ich brauche nur noch die Unterlagen vom Geschäft".
    Tja, er nahm dann das Konzept mit, denn das Geschäft selbst existierte ja noch nicht.
    Nachmittags trafen wir uns wieder. Ich hatte das übliche "Nein, ist noch nicht fertig, eventuell morgen oder übermorgen", er schäumte vor Wut.
    Er war vier Stunden im Ministerium und bekam nur ein Touristenvisum für vier Wochen, denn er könnte ja ein Terrorist sein.
    Ich hatte das Gefühl, da gab es eine große Angst, Entscheidungen zu treffen und damit wurde vieles behindert, was man nicht kannte oder nicht verstand.

    Am Dienstagnachmittag fuhr ich noch einmal zum Ministerium. Fanja sagte mir, ich solle nicht mit in das Büro gehen. Es sei besser, wenn sie als Madagassin allein hinein geht.
    So wartete ich beim Pförtner. Bekam einen Stuhl hinter der Theke und begrüßte alle Mitarbeiter des Ministeriums, als würde ich dort arbeiten.

    Endlich!
    Fanja kam. Sie schwenkte strahlend ein Bündel Papiere vor sich her.
    “Ich hab sie! Fertig! Ich hab sie! Alles fertig!“ rief sie mir entgegen.
    Der Blick auf die Uhr sagte 15.45 Uhr. In einer Viertelstunde war ich mit Torsten verabredet. Das nächste Taxi Brousse (Überlandbus) nach Mahajanga fuhr am Abend, aber ob das noch klappen würde?
    Die Unterlagen musste ich nun eiligst Jan zu faxen, aber das war nicht so einfach, wie sich das anhört.
    Man rief erstmal an, fragte nach einer Faxnummer (aber anrufen von einer Telefonzelle, denn von der Post aus, wo das Fax steht, konnte man nicht telefonieren). Vor Telefonzellen standen immer Schlangen, man brauchte dort auch ein klitzekleines bisschen Geduld.
    Anschließend versuchten wir zu faxen, ging nicht.
    Besetzt.
    Wieder zurück zur Telefonzelle.
    Warten.
    Anrufen. „Bitte eine andere Faxnummer.“
    Aha, sie hatten keine andere, „Bitte den Anschluss freihalten, wir versuchen zu faxen“.
    Zurück zur Post, zum Faxgerät.
    Endlich nach weiteren 15 Minuten ging das Fax durch.

    Torsten rief an, er wartete schon am Treffpunkt. Er hatte noch einen Koffer von uns. Die Zeit wurde knapp, wenn ich an diesem Tag noch abreisen wollte.
    Wir fuhren zur Taxi Brousse Station um ein Ticket zu kaufen nach Majunga. Dort angekommen, erfuhren wir, es fährt an diesem Tag nur noch ein Bus nach Majunga.

    Der Fahrer wartete noch auf Fahrgäste. Er hatte noch Plätze frei. Er würde aber nicht bis zum Abend warten. Eigentlich fährt er 17.00 Uhr ab, aber er wollte noch warten, bis die restlichen Plätze verkauft waren. Keiner konnte sagen, wann er nun wirklich abfahren würde.
    Okay, wir verhandelten. Ich kaufte zwei Tickets für den Beifahrerplatz und für den Umweg. Das kostete extra.

    Der Bus fuhr uns - vollbesetzt und mit viel Gepäck auf dem Dach - zu Torsten. Er verschwand in der Seitenstraße und holte den Koffer. Ich saß im Bus. Wir warteten.
    Nach etwa 10 Minuten kam Torsten mit dem Koffer. Endlich konnte es weitergehen in Richtung Hotel. Wir fuhren am Geschäft vorbei, wo es Katzenfutter gab. Ich schrie „Stop“.
    Der Bus hielt. Ich stieg aus und kaufte Katzenfutter.
    Keine murrenden Fahrgäste. Keine Beschwerde.
    Der Bus fuhr mit uns weiter zu meinem Hotel und parkte auf dem Hotelparkplatz.
    Derweil rannte ich auf mein Zimmer, packte Koffer, verstaute die Katze, bezahlte die Hotelrechnung. Es dauerte, obwohl ich mich beeilte.
    Hatte ich nichts vergessen?
    Das Personal vom Hotel staunte über den Überlandbus auf dem Parkplatz.
    Alles lachte. Auch die Fahrgäste vom voll beladenen Überlandreisebus.

    Ich verabschiedete mich von Torsten und Gunter. Mit schlechtem Gewissen nahm ich nun auf dem Beifahrersitz Platz.
    So viele Fahrgäste im Bus und ich hielt sie mehr als eine Stunde auf. Doch niemand reagierte verärgert. In Deutschland wäre diese Situation undenkbar gewesen.
    Alle lachten und amüsierten sich über diese Aktion. Nun konnte es losgehen.
    Auf ging's nach Majunga.
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    Aus rechtlichen Gründen: Orte und Personen -Alles frei erfunden...

  4. AW: Was suchst du in Madagaskar?

    Als wir aus Antananarivo raus fuhren, war es schon dunkel. Die sternenklare Nacht animierte mich, gedanklich die letzten Tage und Wochen Revue passieren zu lassen.
    Endlich ging es los, zu Jan, zu Sebastian.
    Wir fuhren durch die Nacht. Es ging durch das Hochland. Viele enge Kurven und schwer passierbare Stellen. Ich war froh nicht viel sehen zu können.
    Der Fahrer fuhr schnell, etwas waghalsig, aber ich hatte dennoch ein Gefühl von Sicherheit.
    In brennzlichen Situationen schloss ich heldenhaft die Augen. Mehr als einmal hing der Reifen in der Kurve über dem Abgrund.

    Aus dem Autoradio klang laut madagassische Musik. Die Fahrgäste hinter mir sangen mit. Der Empfang des Radiosenders wurde schlechter. Der Fahrer machte das Radio aus. Die Frauen und Männer im Bus sangen nun ohne Begleitmusik ihre Lieder. Der Gesang wurde immer wieder vom Lachen unterbrochen.
    Ich fühlte mich irre gut aufgehoben und genoss dieses warme Gefühl, als wäre ich aufgenommen in einer Familie.
    Ein Alptraum lag hinter mir. Ich atmete auf. Die nächste Etappe hatte begonnen.
    Egal, was in Majunga auf mich wartete, dieser Augenblick war schön und diese Fahrt ein Erlebnis.

    In einer Ortschaft hielten wir. Es wurde getankt und die Gelegenheit genutzt, um etwas zu essen und die Beine zu vertreten. Ich stieg nur aus, um eine Zigarette zu rauchen, setzte mich dann wieder in den Bus und nahm Frau Katze kurz aus der Tasche. Sie schaute sich neugierig um. Das Näschen versuchte die neue Umgebung, die Gerüche zu erkunden. Doch schon ging die Fahrt weiter und sie saß wieder in ihrer Reisetasche auf meinem Schoss.
    Damals wusste ich nicht, dass es Unglück bringen soll, wenn man eine Katze im Bus mit sich führt.
    Ich konnte sogar stellenweise einschlafen. Immer wieder musste der Bus halten.
    Straßenkontrollen.
    Männer in Militäranzügen leuchteten mit Taschenlampen ins Fahrzeuginnere. Der Fahrer musste die Papiere vorzeigen. Manchmal folgte er den Männern in ein kleines Häuschen. Nach einigen Minuten kam er wieder, stieg ein und es ging weiter.

    Es war gegen 2 Uhr nachts, als ich nach der Wasserflasche in meiner Tasche griff. Mein Hals war ausgetrocknet. Frau Katze schlief in der Reisetasche. Die Fahrt würde 12 Stunden dauern, hatte Torsten gesagt.
    Anstrengend.
    Ich wusste nicht mehr, wie ich sitzen sollte. Viel Beinfreiheit hatte ich nicht. Zu viele Taschen waren um mich herum gestapelt. Der Koffer lag hinten auf den Rücksitzen.
    Gelangweilt sah ich zum Fahrer neben mir. Er sah sympathisch aus und strahlte viel Ruhe und Sicherheit aus.
    Doch im Moment schien ihn etwas zu beunruhigen. Ständig schaute er in die Rückspiegel. Uns folgte ein großes Auto. Den Scheinwerfern nach zu urteilen, war es ein größerer Jeep.
    Fuhren wir um die Wette?
    Das Fahrzeug hinter uns hatte den Blinker gesetzt.
    Unser Fahrer ließ kein Überholen zu. Wir fuhren im Zickzack und verhinderten den Überholvorgang.
    Warum?
    Eine Brücke, die sehr provisorisch und instabil aussah, lockere Metallplanken lagen auf Holzbalken, zwang uns auf Schritttempo abzubremsen. Das Fahrzeug hinter uns bremste auch ab und hatte Mühe den kurzen Abstand zu halten. Am Ende der Brücke angekommen, beschleunigte unser Fahrer, als gelte es den Weltrekord zu überbieten. Die Fahrgäste wurden wach. Auch sie bemerkten die Unruhe des Fahrers, schauten sich immer wieder um und verfolgten das Rennen.
    Wir wurden im Bus hin und her geworfen. Ein Kind weinte. Es ging mit hohem Tempo in die Kurven. Wir hielten uns fest. Gepäck polterte. Der Fahrer ließ sich nicht beirren.
    Er sagte etwas, was ich nicht verstand. Es war sicherlich eine Erklärung für sein Handeln.
    Die Mitreisenden waren still und schauten sich nach dem Verfolger um.
    Wir gewannen Abstand.
    Die Lichtkegel der Scheinwerfer des nachfolgenden Autos wurden kleiner.
    Wir kamen in ein Dorf. Am Rand der Straße waren einige Fahrzeuge geparkt. Wir scherten in eine Parklücke ein. Nun sagte der Fahrer leise etwas zu den Fahrgästen.
    Er hielt an, machte das Licht und den Motor aus.
    Alle waren still.
    Das Kind hatte sich beruhigt. Die Mutter redete leise auf den kleinen Jungen ein.
    Das Fahrzeug, ein großer bulliger Jeep fuhr an uns vorbei.
    Noch immer bedrückende Stille im Bus.
    Einige Minuten vergingen.
    Der Fahrer öffnete seine Tür, die Fahrgäste konnten nun aussteigen. Vertraten sich die Beine. Als sie wieder einstiegen, wurde dieses Erlebnis diskutiert.
    Ein Gespräch mit dem Fahrer schien alle zu erleichtern. Es wurde wieder gelacht. Die Stimmung war gelöst.
    Ich erfuhr später, dass der Fahrer durch seine Aufmerksamkeit und umsichtiges Handeln einen Überfall auf unseren Bus verhindert hatte.
    Es gab im Hochland bewaffnete Banden, die die Fahrgäste ausraubten. Wie früher in Deutschland die Postkutschenüberfälle. Nur dass man hier russische Kalaschnikows verwendete. Diese Männer fackelten nicht lange, die hatten nichts zu verlieren und waren dementsprechend gefährlich. Von nun an fuhr ich immer mit dieser Buslinie, wenn mich mein Weg nach Tana führen sollte.

    Bald lag das Hochland hinter uns. Die Ebenen zogen sich hin. Endlich graute der Morgen. Der Sonnenaufgang strahlte Zuversicht aus: Alles wird gut.

    Wir fuhren vorbei an vielen kleinen afrikanischen Dörfern. Hütten aus Bambus mit Palmendächern. Hühner liefen herum. Die Frauen fegten vor den Hütten und trugen dabei afrikanische Lamba´s um den Körper gewickelt. Vor den Hütten wurde der Holzkohleofen angemacht. Kinder saßen davor und wedelten mit einem Stück Pappe, um das Feuer schneller zu entfachen.
    Die Szene mutete an, wie aus einem Film. Wir überholten Bauern, die ihre Zebus die Straße entlang trieben. Ich genoss die Landschaft und den anbrechenden Tag.
    Das Autoradio spielte leise madagassische Lieder. Die Fahrgäste rekelten sich, zupfen die Kleidung zurecht. Tüten knisterten, etwas Kuchen und ein Schluck Saft ersetzten das Frühstück.
    Kurz vor Majunga sah ich über der Ebene einen riesigen, fetten Regenbogen.
    Ein gutes Omen?

    Ich hatte Zeit, meine Papiere anzuschauen, die ich für den Zoll bekommen habe.
    Mir stockte der Atem.
    Nein, das durfte nicht wahr sein. Immer wieder sah ich die Zeilen an. Nun werden wir für den Transporter doch Zoll bezahlen müssen.
    Die Beamten hatten einfach eine neue Vorgangsnummer angelegt und die Anweisung des Generaldirektors, „all duty free“, ignoriert und negiert. Nun würden wir ca. 2000 Euro Zoll zahlen müssen.
    Aber jetzt Einspruch einzulegen war zu spät, das Schiff war da. Jan wartete auf die Papiere und ich saß im Bus nach Majunga. Seufzend legte ich die Papiere zur Seite.
    Hoffentlich gab es mit Jan keinen Streit. Fanja und ich, hatten doch nun wirklich alles unternommen, was möglich war.
    Traurig war ich. Alles Mühen und Beten war umsonst.

    Die Landschaft zog an mir vorbei. Nein, ich wollte an die Zukunft denken und ich freute mich auf Strand, Palmen, Haus und Firma.
    Es wurde Zeit.

    Die Szenerie wechselte. Die kleinen Städte und Dörfer, die wir passierten, wurden belebter. Menschen waren auf dem Weg zur Arbeit, zur Schule, zum Feld oder zum Markt.
    Wir fuhren nach Majunga rein.

    Die letzte Kontrolle. Ich wurde unsanft geweckt.
    “Passport“.
    Ein Leuchten der Taschenlampe auf das Dokument, dann auf mein Gesicht. Ich kniff die Augen zu, war geblendet.
    Alles okay.
    Die Fahrt ging weiter.

    Gegen 7.00 Uhr in der Früh kamen wir an. Für 600 Kilometer waren wir 12 Stunden mit dem Bus unterwegs. Das Gepäck wurde ausgeladen. Zerlumpte Jungs standen auf dem Bus und warfen die Pakete und Koffer hinunter. Die Reisenden warteten geduldig bis ihr Gepäck abgeladen war.
    Ich schaute mich um.
    Viele Verkaufsstände, breite Straßen, blauer Himmel und Sonnenschein. Rechts und links Palmen. Sattes Grün, kräftige Farben. Taxifahrer buhlten um die Gunst der Fahrgäste.

    Ein Taxi brachte mich, Tüten, Taschen, Katze und Koffer zum Hotel.
    Die Begrüßung an der Tür fiel knapp aus. Ein Moslem im Kaftan sagte mir: "No rooms free".
    Auf Englisch machte ich klar, dass ich zu Jan und Sebastian gehörte und konnte aufs Zimmer.
    Jan war nicht da. Sebastian schlief noch. Ich stand noch in der Dusche, da kam Jan.
    Er war überrascht. So früh hatte er mich wohl nicht erwartet.
    Ich fragte nicht, wo er war.

    Wir hatten uns mehr als drei Wochen nicht gesehen, doch die Begrüßung war eher sachlich.
    Kein Lächeln, kein Scherz, keine Herzlichkeit. Er war mir fremd. Ich spürte seine Distanz. Das tat weh.

    Er berichtete kurz, was er bisher erreicht hatte. Er war nett, aber eben nur nett.
    Wir versuchten Tonton zu erreichen, doch ohne Erfolg,.er war noch nicht im Büro. Also gingen wir ins „Pakiza“, ein Restaurant, um zu frühstücken. Der heiße Kaffee tat mir gut. Ich konnte nicht viel essen. Ich war noch immer müde.
    Die Luft war warm und versprach einen heißen schwülen Tag. Es roch nach Fisch und Meer.
    Die Kellner im Restaurant kannten Jan und erfüllten seine Extrawünsche.
    Sebastian kam dazu. Er sah übernächtigt aus. Doch er freute sich, mich zu sehen.
    Endlich ein Lachen. Mein Basti hatte mich vermisst.

    Jan und ich brachen auf, um noch einmal ins Büro von Tonton zu gehen. Sebastian blieb noch sitzen. Er genoss sein Frühstück.
    Tonton war noch immer nicht da. Jan lief mit mir durch die Stadt, er wollte mir alles zeigen. Hin und wieder deutete er auf ein Haus und erklärte, welche Räume dort frei waren.

    Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte, aber ich fühlte mich wie eine Fremde. Unser Zauber war vorbei. Unser Lachen gestorben. Jan gab sich alle Mühe, mich nett zu behandeln, doch es war kein Herz dabei. Meine Antennen suchten nach Liebe in seinen Worten und Gesten. Selbst diese Freundlichkeit tat weh. Es wäre mir lieber gewesen, er hätte mich angeschrien. Aber diese nette Kälte ließ mich erstarren. Ich wandelte neben ihm her, wie in einem Traum. Alles schien unwirklich. Ich funktionierte.

    Wir liefen zum Meer. Der Weg war weit, doch ich war so sehr in meinen Gedanken, dass ich die Entfernung nicht bemerkte. In einer kleinen Beach-Bar setzten wir uns. Sehr romantisch hätte es sein können, mit dem richtigen Gegenüber ...
    Ich wollte reden und wissen, was los war, was passiert war, was werden sollte.
    Jede Frage klang für ihn wie ein Vorwurf. Meine Angst hörte er nicht.
    Schwupps hatten wir Krach.

    Um dieser Stimmung zu entfliehen, lief ich ein paar Stufen zum Strand hinunter. Es war Ebbe. Ich zog meine Sandalen aus und lief durch den Sand, suchte nach Muscheln. Es war so schön hier zu sein.
    Eine seltsame Mischung aus Glück und Traurigkeit machte sich breit. Dann bemerkte ich Jan, er lief zwanzig Meter hinter mir. Er rief meinen Namen, aber ich drehte mich nicht um.
    Ich ging allein weiter, spürte den Sand zwischen den Zehen und lief im flachen Wasser. Spielte mit den Wellen, breitete schließlich meine Arme aus, als wollte ich die Welt in den Arm nehmen und drehte mich im Kreis. Hob mein Gesicht zur Sonne. Spürte die Wärme auf meiner Haut.
    'Gott, ist das schön!'dachte ich 'Ich bin da. Endlich ! Ich bin da!'
    Die Sonne brannte heiß und das Meer schien endlos.
    Ich erlebte die Vision aus meinem Traum in Deutschland.
    Dieses Bild brachte mich hierher.
    Ein Kreis hatte sich geschlossen.
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  5. AW: Was suchst du in Madagaskar?

    Von einer, die auszog, Geduld zu lernen...

    Stunden später saßen wir beim Mittagstisch. Jan und Sebastian erzählten von den Häusern, die sie angesehen hatten. Sebastian schwärmte von einem Haus, das ihm besonders gefiel..
    “Okay, dann sehen wir es uns an.“
    “So einfach geht das nicht. Wir brauchen die Deutschlehrerin. Am besten wir fahren zu ihr und fragen, wann sie Zeit hat.“ sagte Jan.

    Als wir endlich in dem madagassischen Viertel vor ihrer Tür standen, war sie nicht zu Hause. Ihre kleine Schwester öffnete uns, erklärte auf Englisch, dass sie ihr den Treffpunkt ausrichten würde.
    Dieses Viertel bestand aus vielen kleinen einfachen Häuschen, die wohl weniger als zwei Räume hatten. Alles sah baufällig aus und herunter gekommen. Links führt ein stinkender Abwassergraben vorbei. In den kleinen Vorgärten Plätzen und Nischen zwischen Häusern, Hütten und Marktständen wuchsen üppige tropische Pflanzen. Umrahmt wurde der Anblick von hohen Palmenhainen. Die Luft war heiß und der Schweiß trieb aus allen Poren. Treibhausklima. Ohne sich zu bewegen, war die Kleidung schnell durchnässt von Schweiß.
    Am Nachmittag trafen wir, wie verabredet, Rondro, die Deutschlehrerin, sie war zurückhaltend. Sagte nicht viel, aber übersetzte. In einem Taxi fuhren wir zum Maklerbüro. Der Makler war ein großer breiter Mann, der viel lachte und seine wenigen verbliebenen Zähne zeigte. Ein schmieriger Typ.
    Das Haus, das wir mieten wollten, war vergeben. In dieser Gegend wurde auch so schnell nichts frei, sagte der Makler. Schade, Sebastian hätte sich gefreut.
    Alfred, der Makler, zeigte uns noch einige Wohnungen.
    Nach mehreren Stunden Besichtigungstour sagte ich: "Nein, er versteht nicht, was ich unter Wohnung verstehe. Bezugsfertig ist für mich etwas anderes". Alfred machte nun einen letzten Versuch, und das Haus war akzeptabel.

    Inzwischen hatte es angefangen zu regnen. Wir patschten durch aufgeweichte Straßen. Das Haus lag auf einem Grundstück, dass sehr begrünt war. In einem wilden Garten standen Palmen, tropischen Pflanzen und blühende Bäume. Das Haus hatte vier Räume, wurde renoviert, hatte aber keine Glasscheiben in den Fenstern, keine Ventilatoren, keine Steckdose im Bad, kein warmes Wasser. Die Zimmerdecke war mit Leinen bespannt. Die Türen waren weder dicht noch einbruchssicher. Der Wäscheplatz nicht abgegrenzt und das Grundstück offen, es gab keinen Zaun. Es gab auch keine elektrischen Sicherungen.
    Egal, es war gut gelegen, nur fünf Minuten zu Fuß zur City und das Meer direkt vor der Tür. Wir mieteten es für 250 Euro (durch die Kursentwicklung waren es später nur knapp 80 Euro). Von der Terrasse aus konnte man die See rauschen hören und stellen weise auch zwischen den Blättern der Kokospalmen und exotischen rot und gelb blühenden Pflanzen sehen. Das Grundstück war groß. Hunde, Katzen und Hühner lebten einträglich neben einander.
    Wir verabredeten einen Termin, um den Mietvertrag abzuschließen.

    Mit Rondro ging ich am nächsten Abend zur Vermieterin. Sie hatte zwei kleine Mädchen. Das Haus war einfach aber gemütlich eingerichtet. Mir fielen Spitzendeckchen auf, Sofakissen und Schwere massive Holzmöbel. Die „gute Stube“ hatte neben dem Sofa, Couchtisch auch einen großen schweren Esstisch mit sechs Stühlen. Alles sah gut bürgerlich aus. Für meine Begriffe zu sehr nach Omas Wohnstube.
    Wir besprachen den Mietvertrag. Ich freute mich über die nette Nachbarschaft und auf ein eigenes Heim. Vielleicht kam nun wieder etwas Normalität in unser Leben.

    Noch bevor wir aus dem Hotel aus-checkten, erwischte mich die Malaria. Ich lag mit Fieberschüben im Bett und bekam wenig mit. Jan und Sebastian tauchten ab und zu auf, verschwanden wieder. Jan ließ mir das Handy am Bett. Irgendwann rief er an. Ich träumte gerade von meinem Elternhaus.
    Meine Mutter, die vier Jahre zuvor verstorben war, wollte das Haus verlassen. Mein Vater war auch da. Ich wollte mit meiner Mutter mitgehen, doch sie wollte allein zur Tür hinaus.
    Mein Klagen „Mutti nimm mich mit“ weinte ich nun im Halbschlaf ins Telefon.
    Jan fragte:“ Was ist denn los?“
    „Mutti will ohne mich gehen. Sie dreht sich nicht mal um. Sie soll mich mitnehmen“ wimmerte ich. „Ich komme, du hast Fieber, das ist nur ein Traum. Ich komme sofort.“

    Wenige Minuten später war Jan an meinem Bett. Er redete auf mich ein und beruhigte mich.
    Ich kann mich noch erinnern, wie nass geschwitzt, kraftlos ich dahin dämmerte und ihn nur schemenhaft wahr nahm.
    Am anderen Tag checkten wir aus dem Hotel aus. Jan räumte das Hotelzimmer. Mit dem Taxi fuhren wir in unser neues Heim. Ich wurde sofort ins Schlafzimmer verfrachtet. Jan hatte Möbel, Betten, Tisch und Stühle gekauft.
    Da lag ich in dem Bett, schaute durch das offene Fenster nach draußen und sah nur kräftiges Grün, hörte Vögel zwitschern und die Sonne lugte durch die Blätter herein. Das war wirklich schön. Doch ich lag im eigenen Saft und schlief vor Schwäche immer wieder ein.
    Jan war ständig mit Gunter unterwegs. Er kam selten zu mir herein. Er kümmerte sich weiter um die Zollpapiere.
    Mein Fieber kam in Schüben. Ich hatte kein Zeitgefühl mehr und verbrachte diese Tage in einer Art Trance. Zwischen Realität und Traum konnte ich nicht unterscheiden. Öffnete ich die Augen, sah ich Menschen vor mir, die in der Kindheit eine Rolle spielten oder schon lange verstorben waren. So schloss mal mein Vater die Fenster, weil sich die Gardine auf bäumte.
    Doch mein Fenster hatte keine Flügel, die man schließen konnte...
    Mein Vater war zu dieser Zeit 8700 km entfernt in einem Pflegeheim.
    Wenn ich die Zimmerdecke anschaute, so bewegte sich der gespannte Stoff und vermittelte den Eindruck, etwas würde dahinter tanzen.
    Irgendwann standen alle drei, Jan, Gunter und Sebastian vor meinem Bett und schauten mich komisch an. Dann sagte Gunter „Ich denke, es ist besser einen Arzt zu rufen. Wir können doch mal losfahren und fragen. Hier soll in der Nähe eine Ärztin sein. Die kann doch mal herkommen.“
    “Na dann fahren wir los.“ sagten sie und weg waren sie. Ich schlief wieder ein.
    Kurze Zeit später standen sie erneut vor meinem Bett.
    “Angela, die Ärztin haben wir gefunden“ sagte Gunter, „sie wird gleich hier sein.“
    Ich schlief wieder ein.
    Jemand schlug mir leicht ins Gesicht, ich erwachte. Sie war da. Eine kleine untersetzte Person. Nettes Gesicht, sehr freundlich. Sie sprach mich auf Englisch an. Ich bekam eine Spritze und verschiedene Medikamente. Die Spritze selbst war eine steril verpackte Einwegspritze. Das fand ich gut.
    Hatte ich doch gelesen, dass in Afrika viele Infektionen mit dem AIDS-Virus durch unsaubere Injektionsnadeln zustande kommen.
    Erst nach einigen Spritzen ging es mir besser und ich rappelte mich wieder auf. Mein Kreislauf kam nur langsam in Schwung. Das ungewohnte Klima machte mir zu schaffen. Ein böser Husten quälte mich noch die folgenden Wochen.
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  6. AW: Was suchst du in Madagaskar?

    Nun lebten wir in einem leeren Haus. Unsere Sachen lagerten noch immer im Transporter, der im Hafen auf die Freigabe durch den Zoll wartete.
    Jan hatte zwar die Möbel gekauft, doch es fehlte an fast allem. Wir hatten kein Geschirr, nichts für den normalen Alltag. Wir gingen noch immer ins Restaurant zum Essen. Es war ungemütlich und kahl in allen Räumen.
    Es wurde Zeit, dass wir unsere Autos aus dem Hafen holen konnten. Darum kümmerte sich der viel beschäftigte Tonton. Mit ihm hatten wir ein Treffen der anderen Art.

    Als wir an einem Mittwochnachmittag in seinem Büro zum verabredeten Zeitpunkt auftauchten, ging es zunächst noch um fehlende Unterlagen.
    „Ihr müsst gegen 17.00 Uhr noch einmal wiederkommen. Ich habe noch keine Zeit für euch. Vielleicht können wir dann mal zum Hafen fahren.“ meinte Tonton und sah mit seiner halb von der Nase gerutschten Brille zu uns auf.
    Also warteten Rondro und ich gegen 17.00 Uhr vor seinem Büro. Langsam ging der Tag zur Neige, die Sonne wollte sich verabschieden. Noch hatte er keine Zeit.
    Wir warteten.
    Endlich kam er. Mit den Worten “Wir fahren zum Hafen.“ stieg er in sein Auto und wir folgten ihm.
    Ich war gespannt und aufgeregt. Vielleicht würde ich unsere Autos sehen?
    Weit gefehlt.
    Wir fuhren um die Ecke und hielten.
    Es setzte sich ein Mann zu uns ins Auto. Er wurde uns als Mitarbeiter vom hiesigen Zoll vorgestellt. Es begann eine Diskussionen um die Papiere. Den internationalen Zulassungsschein für den VW Transporter erkannten sie nicht an. Sie würden so ein Dokument nicht kennen, also konnte es in Madagaskar gültig sein.
    Fertig.
    Hin und Her. Dann die Feststellung:
    “Großes Problem. Das Auto hat keine Papiere.“
    “Aber doch! Es hat Papiere! Sogar extra für den Export nach Madagaskar.“
    “Nein, solche Dokumente kennen wir hier nicht, also sind sie in Madagaskar nicht gültig. Darum hat das Auto keine gültigen Dokumente.“
    “Rondro! Das kann nicht wahr sein! Darauf steht INTERNATIONAL, das heißt WELTWEIT! Also ist es auch in Madagaskar gültig.“
    “Nein, das wird nicht anerkannt.“
    Ich konnte es nicht fassen. Was sollte das? Warum diese Schwierigkeiten?
    Nach einigen Minuten schien sich das große Problem geklärt zu haben. Es war plötzlich keine Rede mehr vom internationalen Fahrzeugschein.
    Uns wurde gesagt, dass wir noch einige Dokumente brauchen und morgen früh komplett abgeben sollten.
    Als Hinweis bekamen wir noch mit auf den Weg, dem Menschen vom Zoll für seine Güte entsprechend "zu danken".
    Keine Korruption mehr unter der neuen Regierung? ..aha..

    Gunter´s Papiere waren aus Deutschland angekommen. Auch er hatte sein Umzugsgut in einem Kleintransporter auf die Reise geschickt. Nun fuhr er nach Tana, um sein Umzugsgut beim Finanzministerium als „personell effect“ anzumelden.
    Hin und wieder rief er aus Tana an, klagte sein Leid und war dabei selten nüchtern. Jan reagierte auf sein Lallen am Telefon, ziemlich ärgerlich.

    Am Bootshafen entdeckte Jan Räume, die sich gut für ein Internetcafé eignen würden. Der Besitzer war zu dieser Zeit in Tana. Die Mietverhandlungen konnten wir jedoch erst nach Rückkehr des Besitzers führen.
    Diese Räume waren sehr groß, hatten Stuck an den Wänden, ein exotisches Flair, das sich schwer beschreiben lässt. Da es einem Moslem gehörte, musste es koscher bleiben.
    Das hieß: kein Alkohol, kein Schweinefleisch, keine laute Musik ab 20 Uhr.
    Es war ein riesoger Saal, zwei große Zimmer mit separater Dusche und Toilette, eine weitere Dusche mit Toilette (wahrscheinlich für das Personal) und auch eine große Küche und ein Abstellraum sowie ein kleiner, überdachter Innenhof, wo man herrlich draußen sitzen konnte. Alle Fußböden waren gefliest. Nur die Wände mussten gestrichen werden.
    Von außen machte dieses Haus ein furchtbar herunter gekommenen Eindruck. Man konnte sich nicht vorstellen, dass es innen einen kleinen Juwel beherbergte.

    Der moslemische Einfluss war gerade im Hafenviertel zu spüren. Die Architektur der Häuser gefiel mir. Die zweite Etage überdachte, auf Säulen getragen, fast den Fußgängerweg. Man lief im Schatten. Die Wände hatten ein Lochmuster, dahinter waren meist Durchgänge oder eine Veranda. Ab und zu sah man einen alten Kolonialbau, meist ziemlich herunter gekommen.
    Ich mochte diese Stadt. Immer wenn ich unterwegs war, genoss ich das satte Leben.
    Es war heiß, staubig und gewöhnungsbedürftig. Die Luft roch nach Meer und Salz. Wenig Verkehr, weniger Stress und Menschen. Auch der Lärm hielt sich in Grenzen. Überall standen Palmen, blühende Bäume und Pflanzenkübel. Es war verhältnismäßig sauber und es gab keine stinkenden Ecken. Man wurde nicht angebettelt.
    Überall standen Pousse Pousse-Fahrer. In einem Gefährt ähnlich einer Rickscha zogen sie den Fahrgast hinter sich her. Einige liefen sehr schnell. Meist waren sie barfüßig. Sie lachten auch bei einem "Nein".
    Die Menschen, die draußen unter freiem Himmel schliefen, sagten dir abends beim Vorbeigehen "Bon Nuit".
    Es sprach sich schnell herum, dass wir Deutsche waren. Ging ich einkaufen, versuchte selbst die Marktfrau "Guten Tag" zu sagen. Ein Taxifahrer verabschiedete sich, nachdem er lange überlegt hatte und nach deutschen Worten suchte, mit einem strahlenden "Deutschmark". Sebastian und ich stiegen aus und lachten laut.
    So gingen wir abends auf der Uferpromenade entlang und neben dem "Salut" oder "Bon soir" hörte man plötzlich ein "Guten Abend".
    Stop! Das war doch deutsch! Du drehst dich um, der andere drehte sich auch um. Und jemand lachte dich an.

    Es gab viele Inder und Iraner in der Stadt. Sie waren sehr reich und nicht gerade sehr beliebt bei den Madagassen. Ihnen gehörte fast das ganze Hafenviertel.
    Majunga schien die einzige Stadt der Welt zu sein, in der es keine typischen Hafenkneipen gab. Dafür gab es viele Moscheen und die traditionellen Gewänder mischten das Straßenbild exotisch auf.

    Für das Taxi zahlte man nur 5000 FMG. Man musste nicht handeln, egal, wohin man wollte. Einige kleine Geschäfte hatte ich auch gesehen. Also man musste erst mal schauen, was man wo zu kaufen bekam. Was dann noch fehlte, würden wir uns aus Tana besorgen müssen.

    Schon nach wenigen Tagen mochte ich diese Häuser mit dem indischen, orientalischen Einfluss. Ich mochte die Seeuferpromenade und das Gefühl des "Fremdseins" verging sehr schnell.
    Nach kurzer Zeit schon spürte ich: 'Hier möchte ich zu hause sein, hier kann ich Wurzeln schlagen.'
    Es waren nicht nur die ewig blühenden Gärten und Bäume, die lachenden Menschen, die Straßen, das Meer. Es war eine Mischung von all dem, was mein Herz auf blühen ließ.

    Aber noch stand uns ein weiter Weg bevor.
    Wir hatten noch immer nicht unsere Autos. Wir hatten noch immer nicht unsere Sachen und wussten weder in welchem Zustand die Autos, noch ob alle Sachen angekommen waren.
    Das Einzige was half, war, die Sorgen, die "wenn’s" und "aber" los zu lassen, abzulegen, und zu akzeptieren, dass alles seine Zeit braucht, so wie ein Samenkorn in der Erde.
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  7. AW: Was suchst du in Madagaskar?

    Es war Februar 2003. Diese Tage verbrachten wir weiterhin vorzugsweise beim Zoll, auf den Ämtern wegen der nächsten Visumverlängerung, auf der Suche nach einem "Fred", der die Firma gründen sollte.

    Und du kannst dir vorstellen, wie es ist: Bei all dem Stress, Nervenbelastung, Druck und Panik, musste ich aufpassen, was ich sage, damit es keinen Stress mit dem Partner gab. Ich ging auf Glas.

    Jan war nett zu mir. Doch das war er. Er machte morgens Kaffee. Das musste als Gemeinsamkeit reichen. Unternehmungen, Gespräche, Träume und Lachen fielen aus.
    Ich war unzufrieden mit der Situation, mit der Beziehung. Mir fiel keine Lösung ein. Aufgeben wollte ich nicht. Und alle Wünsche vertagte ich auf später.
    Ich sah mich selbst funktionieren, Dinge tun, die getan werden mussten und hatte den Wunsch, dass jemand das Licht anmachte, damit ich einen Ausweg sehen konnte.

    Nun schwächelte Jan mit Fieberschüben, verweigerte aber den Arzt.
    “Jan, bleib liegen, ich mache die Ämtergänge mit Rondro allein. Du hast Fieber. Ich werde nachher die Ärztin rufen.“
    “Nein, ich will keinen Arzt.“
    “Warum nicht? Sie hat mir auch geholfen.“
    “Ach die verschreibt mir Bananen.“
    “Nur weil sie zu mir meinte, ich soll verstärkt Bananen essen? Das ist jetzt nicht dein Ernst!“
    “Nein, ich will keinen Arzt. Lass mich einfach hier liegen. Ich muss nur schlafen. Hast du was gegen Kopfschmerzen?“
    “Ich schau mal nach, ich müsste auch noch was gegen Fieber haben.“
    Die Reiseapotheke war ausreichend und brachte ihn wieder auf die Beine.

    Gunter war aus Tana zurück. Er spielte nun wieder den "Auskenner".
    Täglich saß er im „Tobani“, einem Straßenlokal, in dem viele Mädchen vom horizontalen Gewerbe verkehrten oder er zog mit Jan durch die Stadt.
    Jan und ich waren nur noch getrennt unterwegs.

    Eines Abends redete er von Beziehung, aber das waren nur Worte. Plötzlich platzte alles aus mir heraus, als hätte er ein Ventil geöffnet. Ich war außer mir.
    “Sag mal, was bin ich für dich? Deine Mutter? Kann mich kümmern, wenn du krank bist, kann mich um deine Klamotten kümmern. Ich kann mich um den Zoll und den ganzen Papierkram kümmern, aber für alles steh ich allein da. Du bist ja mit Gunter unterwegs. Hast du mal gefragt, was ich den ganzen Tag mache? Hast du mal gefragt, ob ich schon was gegessen habe? Ob ich zufrieden bin? Ob ich dich vermisse? Hast du dir mal überlegt, was hier mit uns passiert? Was bin ich für dich? Das fünfte Rad am Wagen? Dein Versorgungszentrum? Was in aller Welt bin ich für dich?“ Erschrocken sah er mich an “Darüber muss ich nachdenken.“
    “Ja, das mach mal!“
    Er ging ins Bett. Ich saß auf der Terrasse auf einem Holzstuhl und bejammerte mich selbst. Die milde Wärme der Nacht, die greifbare Milchstrasse am Himmel und das Flüstern der Palmen konnte ich nicht sehen. Ich hatte an diesem Abend keinen Blick für die Schönheit des Augenblicks.

    Letztendlich war ich allein. Liebe, Sex und Zärtlichkeit lagen seit unserer Abreise aus Deutschland im Tiefkühlfach. Ich wusste nicht mehr, wer dieser Mensch an meiner Seite war.
    Was sollte ich tun?
    Zurück nach Deutschland?
    Allein in Madagaskar bleiben?
    Gunter vergiften?
    Jan gefangen nehmen und unter Drogen setzen? Ihn zu einem Optiker schleppen, damit er den Durchblick bekamt?
    Zu einem Voodoo-Mann gehen und ihn verzaubern lassen?
    Oder einfach kiffen und zugucken?
    Alles keine wirklichen Lösungen. Ich beschloss, mich nicht von meinem Ziel abbringen zu lassen. Ich vertraute darauf, dass alles seinen Sinn hatte.

    Am nächsten Tag sagte er zu mir „Ich hab´s mir überlegt.“
    “Was hast du dir überlegt?“
    “Was du für mich bist.“
    “Und?“ fragte ich gereizt.
    “Meine große Liebe.“
    Ungläubig sah ich ihn an. Nein, das glaubte ich nicht.
    ...und immer wieder gab es Streit.

    Ich kämpfte um jede Minute, um mit ihm zusammen zu sein. Doch diese Minuten waren gezählt und nicht wirklich privat. Es ging entweder um Probleme oder um Gunter, was ja eigentlich das Gleiche war.
    In Deutschland, unter normalen Umständen, hätte ich diese Beziehung längst beendet. Aber nun sah ich mich gefangen und verstrickt. Hielt an der Vorstellung fest, dass wir zusammen ein Geschäft gründen und zusammen diesen Traum leben werden. Auch fühlte ich mich verantwortlich für ihn. Ich liebte ihn und sehnte mich. Doch dieses Gefühl tat weh, also wurde es in eine Kiste eingesperrt und verborgen.
    Ich fand keinen Weg aus dieser Situation. Flüchtete in Arbeit und immer wieder ans Meer. So vergingen die Tage, die so viel Kraft zehrten.

    Als ich eines Tages mit Rondro nach hause kam, sah ich von Weitem schon den Makler mit einer Frau warten. Er fragte, ob ich schon jemanden hätte, der das Haus putzt und die Wäsche sauber hält.
    Nein, hatte ich nicht.
    Er stellte mir Georgina vor, sie war etwas älter, hatte wenige Zähne, aber einen Goldzahn.
    Sie würde gern für uns arbeiten. Sie hatte vier Kinder und nach einigen Minuten Beratung wurde sie eingestellt. Von Torsten wusste ich, wie viel ungefähr eine Hausangestellte verdiente. Wir einigten uns und ich hatte nun eine Putzfrau. Georgina sprach nur madagassisch. Wir verstanden uns mit Händen und Füßen.
    Sie bekam von uns 250.000 FMG im Monat, das waren damals etwas mehr als 35 Euro. Zu dieser Zeit war das für eine Putzfrau ein Spitzenlohn.
    „Ich muss nie wieder putzen!“ jubelte ich. Nur das Singen musste ich ihr noch abgewöhnen. Das war wirklich purer Schmerz in den Ohren. Es glich einem sopranen Jammern.
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  8. AW: Was suchst du in Madagaskar?

    Valentinstag 2003
    Es war Freitag der 14.2.2003. Valentinstag. Jan kam aufgeregt nach hause.
    „Tonton hat gesagt, wir kriegen vielleicht heute noch unsere Autos aus dem Zoll.“
    “Das wäre ja klasse!“
    “Nach dem Mittag müssen wir hin. Dann ist Visite. Das heißt, die Autos werden geöffnet, der Zoll ist anwesend und sieht sich die Ladung an.“
    “Und wir können dabei sein?“
    “Ja müssen wir sogar. Danach können wir sie raus fahren. Wir bekommen heute Vormittag noch die Rechnung vom Verladen und für den Zoll. Die muss bezahlt sein. Sagt Tonton.“
    “Ich gehe mit Rondro los, sie hat mir gesagt, sie weiß, wo man das einzahlen muss.“

    Ich kam mit Rondro in das Büro: Die Kollegen dort wollten gerade zur Mittagspause gehen.
    „Ach, Mensch, dann wird das heute wieder nichts mit den Autos.“ Sagte ich enttäuscht.
    „Warte mal. Ich kenne den einen Mitarbeiter.“
    Rondro sprach mit einem der Beamten. Er hielt mir ein deutsches Zertifikat unter die Nase. Da er es nicht kannte, bat er um Auskunft.
    Ob wir ihm helfen würden? Ja klar, wenn er mir helfen würde, das Geld einzuzahlen. Wir halfen dem netten Menschen das Dokument zu übersetzen. Er stellte uns die Quittung für die Bezahlung aus.
    Es war Mittag. Ein Wettlauf mit der Zeit.
    Über Mittag ging nichts. Siesta. Bis 15.00 Uhr war die Stadt wie ausgestorben. Alle Geschäfte und Ämter waren geschlossen.
    Nach dem Mittag gingen wir mit Rondro zu Tonton, legten ihm strahlend die Papiere hin. Wieder wurden wir vertröstet. „Fragt in einer Stunde noch mal nach“ hieß es.
    Endlich! Wir fuhren aufgeregt zum Hafen. Tonton wartete schon mit einigen Männern. Wir liefen durch riesige Hallen. Da standen unsere Autos. Ein Gefühl der Freude durchströmte mich.
    Nach etwa einer Stunde waren alle Formalitäten erledigt. Wir hatten die Freigabe und durften die Autos aus dem Hafen fahren.
    Ja, hätten wir gern, doch wir konnten nicht. Die Motoren von beiden Autos sprangen nicht an. Die Batterien waren leer. Wir brauchten Starterhilfe.
    Wie wir später erfuhren, machten die Arbeiter in den Hallen vom Hafen die Leuchten der Autos an, Tag und Nacht, damit die Batterien leer sind, wenn die Autos abgeholt wurden. Man brauchte beim Ausfahren die Starterhilfe und diese bekam man auch, natürlich gegen Bargeld. Das war ein einträgliches Nebengeschäft für die Arbeiter dort.

    Ja, wir waren froh, diese Hürde hinter uns zu haben.
    Der Opel war verbeult, die Motorhaube ließ sich nicht mehr richtig schließen. Die Stoßstange war auch verbeult. Dreckig wie nach einer Schlammschlacht. Vielleicht kamen die Autos nicht per Schiff, sondern mit der Ralley "Paris-Dakar". Das Radio war noch drin. Aber das Auto wurde durchwühlt und vieles war verschwunden. Einen genauen Überblick bekam ich erst nach dem Auspacken.

    Der VW-Transporter war genauso dreckig, auch verbeult und wurde aber im Laderaum nicht durchwühlt. Nur im Fahrerteil hatte das Radio einen Liebhaber gefunden. Es wurde herausgerissen und damit die ganze Elektrik zerstört. Es ging kein Licht, keine Hupe usw.
    Trotzdem Freude pur.
    Glücklich fuhren wir die Autos nach hause.

    Es wurde ausgeladen, Kisten geschleppt und ein Stückchen Heimat ausgepackt.
    Es fehlte sämtliches Werkzeug, sämtliche CDs, sowohl Musik als auch Computerprogramme, alle Fotoalben mit Erinnerungen an Kindheit, Eltern und meine Kinder.
    Das tat weh, denn es war sinnlos!
    “Was will ein Madagasse mit solchen Fotoalben?“ schimpfte ich.
    “Ach die hängen sich die Fotos in die Hütte.“ sagte Gunter.
    “Was will er mit deutscher Musik oder deutschen Computerprogrammen?“ fragte Sebastian.
    “CD `s hängen sie ins Auto an den Rückspiegel.“
    “Wenn ich einen erwische, der eine CD von mir am Spiegel hängen hat!“ drohte Basti.
    Die Computerprogramme, DVD’s und CD’s stellten einen erheblichen materiellen Verlust dar.
    Der Verlust der Fotoalben machte mir klar, dass wir alles an Erinnerung in uns tragen, was notwendig ist.

    Doch es tat so gut, wieder einige Dinge um sich zu haben, ein bisschen "zu hause" auszupacken. Ein frischer Kaffe aus der Kaffeemaschine, die Computer, die Musikanlage, Bettwäsche, usw., ganz banale Dinge. Die Freude war groß, als ich ein Paket Kaffee "Jacobs Krönung" fand.
    “He es gibt deutschen Kaffee... hmm und wie das riecht! ... Richtiger Kaffee!“ freute ich mich.
    Mario sagte mir später: „Erst wenn du deinen deutschen Kaffee für madagassischen Kaffee stehen lässt, bist du wirklich angekommen.“ Damals konnte ich mir das nicht vorstellen. Heute stimme ich ihm zu.

    Am Abend gingen wir mit dem Zollbeamten und dem Transiteur essen, als Dankeschön, dass sie unsere Autos bewachen ließen und alles geklappt hat.
    Wir gingen ins "San Antonio", eine Bar direkt am Meer gelegen und mit viel Liebe aufgebaut.
    Man konnte dort sehr lecker essen und das Feeling an diesem Ort war außergewöhnlich.
    Ruhe, Frieden, das Rauschen der Wellen, der leichte Wind . Gutes Essen und ein Glas Rotwein ließ die Anstrengungen der Tage vergessen. Ich hatte das Gefühl, alle Last fiel von mir ab. Fühlte mich frei. Alles wird gut.
    Rondro war dabei. Sie übersetzte und wir konnten uns mit den beiden Gästen unterhalten. Tonton tanzte gern Tango, erzählte er. Auch, dass er ein Familienmensch sei und gern am Wochenende für seine Familie kocht. Wir lernten den Menschen Tonton kennen und dieser war überaus sympathisch.
    Meine Gedanken gingen zu den Räumen, die wir anmieten wollten. Die Vorstellung hatte immer das gleiche Bild. Ich betrete den großen Saal, links und rechts stehen Computer und ganz hinten begrüßt mich Jan. Wir würden es schaffen, dachte ich lächelnd, nippte ich vom Rotwein und wendete mich wieder dem Gespräch der anderen zu.

    An manchen Abenden dachte ich an meine Wohnung, die ich aufgegeben hatte. Vermisste Andreas, meine Freunde, Berlin. Das bequeme Leben.
    War es das wert?
    Ich wusste es nicht. War ich doch noch am Anfang der Reise.
    Andererseits, wenn ich morgens über die Uferpromenade in die Stadt ging, im Vorbeigehen zum Meer schaute, sah die Küste, die Sonne am blauen Himmel, das satte Grün, die Palmen, dann dachte ich, dass es einfach wunderbar war, hier zu sein.
    Kein Urlaub. Ich lebte hier!
    Trotz allem hatte ich hier mehr Momente der Freude, des Lachens und des Glücks an einem Tag, als in Deutschland in einem Monat.
    Keine Frage also, dass solche Augenblicke der Wehmut zwar Berechtigung hatten, auch durchlebt werden mussten, aber keine Chance hatten, mein Leben zu bestimmen.
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  9. AW: Was suchst du in Madagaskar?

    In den kommenden Tagen war Jan überaus nett und gut gelaunt. Ich registrierte kleine nette Gesten, ein Lächeln, eine Albernheit. Optimistisch ging ich darauf ein.
    Alles wird gut, dachte ich mir.
    Es war vielleicht nur Existenzangst oder Ungewissheit, Angst, ob wir es schaffen.
    Ich war nun voller Zuversicht, dass unsere Beziehung die Probe bestanden hatte und wir unsere Kräfte vereint einsetzen würden. Gemeinsam geht alles besser. Wenn wir uns nicht gegenseitig belasten, sondern helfen, würden wir diese Krise bald vergessen haben.

    Es war Ende Februar 2003.
    Am Morgen nach einer zärtlichen Nacht, in der die Liebe uns verführte. In der sie uns zuflüsterte, sie sei noch immer da.
    An diesem Morgen, an dem ich freudestrahlend aufstand, Kaffee aufsetzte und lächelnd Vorbereitungen für den Tag traf.
    An diesem Morgen suchte ich nach einer leeren Diskette. Nichts ahnend setzte ich mich an den Rechner, schaute auf diverse Disketten, ob ich die darauf abgespeicherten Dateien löschen könnte. Eine der Disketten schien geeignet zu sein. Es war nur eine kleine Datei enthalten. Ich öffnete sie und mein Herz begann zu rasen.
    Meine Welt wankte.

    Es war eine Mail an eine „Anna“ in Berlin. Jan bedankte sich für die Zeit „bei und mit ihr“. Er gestand ihr seine Gefühle. Er wäre gern geblieben. Doch er war sich nicht sicher, ob sie eine Zukunft hätten. Immer wieder las ich diese Zeilen, versuchte mich zu konzentrieren. Versuchte zu begreifen, was ich da lese.
    Mein Herz klopfte mir im Hals.
    Was waren seine Worte überhaupt wert?
    Konnte ich mich noch auf diesen Mann verlassen?
    Wo lebte ich? Mit wem lebte ich?
    In welchem Film war ich hier gelandet?
    War ich die ganze Zeit blind?
    Welches Spiel spielte er?
    Ich konnte mich nicht konzentrieren, war nicht in der Lage, Antworten zu finden.
    Ich zitterte. Ein Gefühl, als würde ich in einen Abgrund stürzen. Etwas zog mir die Beine weg. Freier Fall.
    In diesem Augenblick kam Jan herein. Ich beobachtete ihn, seine Gestik, Mimik.
    Konnte ich ihm vertrauen?
    Wer war er?

    Das Datum der Mail war zwei Wochen her. Fieberhaft versuchte ich mich zu erinnern, wann er mir sagte, ich sei seine große Liebe. Aber spielte das noch eine Rolle?
    „Ist der Kaffee schon fertig?“ fragte er gut gelaunt.
    “Ja, ich hole ihn, Moment.“ Der Weg in die Küche war eine Flucht.
    Ich wusste nicht, was ich sagen, was ich denken sollte. Er tat so unschuldig.
    “Jan, ich habe eine Diskette gefunden“ begann ich und reichte ihm die Tasse mit dem frisch gekochten Kaffee. „Darauf ist eine Mail an eine Anna.“
    Jan sagte nichts. Er zündete sich eine Zigarette an. Ich wartete. Als er weiterhin schwieg, begann ich wieder.
    Eine kluge Frau hätte sicherlich ganz anders gehandelt. Sie hätte diesen Vorfall zwar als Hinweis gesehen. Mit diesem Hintergrund war sein ganzes Verhalten in den vergangenen Monaten erklärbar. Ich hätte schweigen und die Nacht als neuen Anfang betrachten sollen. Immerhin hatte er dieser „Anna“ den Abschied erteilt.
    Doch es bohrte in mir. Nicht der Umstand, Gefühle zu einer anderen Frau aufgebaut zu haben, war das Problem. Die Heimlichkeit und die menschliche Enttäuschung, der Vertrauensmissbrauch und die Unehrlichkeit ließen mir keine Ruhe. Er hatte nicht das Vertrauen zu mir, dass ich mit dem Problem normal, sachlich umgehen könnte.
    Hätte er nicht sagen können „Ich habe eine andere Frau kennen gelernt und muss heraus finden, was ich will und zu wem ich gehöre.“ ? Ich hätte ihm die Zeit gegeben und hätte seine Reaktionen verstanden. Stattdessen habe ich mich wochenlang zerfleischt, woran es liegt, dass wir uns nicht mehr verstanden.
    Ich hatte Ehrlichkeit erwartet, auch wenn diese unangenehm gewesen wäre. Ich konnte mit Ehrlichkeit besser umgehen als mit Hinterlist und Betrug.
    „Was soll das? Ich warte hier in Tana auf dich und du amüsierst dich in Berlin. Was ist mit dieser Anna?“ polterte ich los.
    “Was suchst du in meinen Disketten herum?“ versuchte er den Ball mir zu zu werfen.
    “Entschuldige, es stand nicht dran, dass es DEINE Diskette ist. Ich habe eine leere gesucht, um Fotos abzuspeichern.“ Er trieb ein falsches Spiel und ich soll mich rechtfertigen?
    “Jan, was ist mit dieser Anna? Was läuft da?“
    “Das ist nur Träumerei.“
    “Bitte? Träumerei? Oh, ich bin sehr wach!“ Wieso stand er nicht dazu? Warum sagte er nicht, was wirklich geschehen war? Jeder kann sich mal verlieben. Das passiert.
    Es kam kein wirkliches Gespräch zustande. Die Unterhaltung wurde gestört, Georgina kam zum Putzen.
    Doch meine Gedanken konnte ich nicht abstellen. Es ratterte in meinem Hirn wie in einem Rechenzentrum.
    Was war in der Nacht, in der er in Berlin war, ich in Tana so weinte und das Gefühl hatte, etwas zerbricht gerade? War es diese Nacht? Habe ich es gespürt über tausende Kilometer hinweg?
    Er sagte mir, er möchte, dass wir wieder zusammen finden. Ich sei seine große Liebe.
    Ich sprach von Vertrauen.
    Kann man Vertrauen nachbestellen, wenn der Vorrat gegen Null geht?

    Wir hatten an diesem Punkt, die Möglichkeit neu zu beginnen, reinen Tisch zu machen. Doch weder er noch ich, fanden die richtigen Worte. Wir redeten aneinander vorbei.
    Ich fühlte mich belogen. Er fühlte sich unverstanden und abgelehnt.

    Nun begann meine Reise eine andere Dimension anzunehmen. Sie führte mich nicht nur nach Madagaskar und in ein neues Leben. Ich setzte mich mit mir auseinander, meinem Weg.
    Ich sah die Berge, die wir erklommen und die Kämpfe, die wir ausgefochten haben, die kleinen Eitelkeiten und den Schmerz, der gefühlt werden wollte.
    All das gehörte dazu, das nennt sich "Leben"!
    Ich sah aber auch die Erkenntnis aus allem. Immer wieder wurde mir das Thema „Loslassen“ präsentiert.
    Welche Kraft doch im Loslassen liegt. Den Besitz loslassen, materielle Verluste akzeptieren, Menschen loslassen, Gefühle loslassen.
    Ja, ich würde auch meine Gefühle zu ihm loslassen können ... irgendwann.
    Doch im Moment spürte ich Enttäuschung und Traurigkeit und die konnte ich, verdammt noch mal, nicht so einfach loslassen!
    Immer wieder drehte sich das Gedankenkarussel.
    Hatte er sich plötzlich verliebt? Bestand das Verhältnis schon als wir noch in Deutschland waren?
    Warum redete er nicht darüber? So etwas kann doch passieren.
    Aber dann muss er doch dazu stehen und wie passte sein Verhalten in dieses Bild?
    Warum dann seine Worte von Liebe und Beziehung? Wie passte die letzte Nacht in diese Szenerie? War es nur Verlangen nach einer Frau, was ich für Liebe hielt? Beliebig austauschbar?

    Der Arbeitstag hatte begonnen. Rondro erschien pünktlich. Wir hatten Termine. Keine Zeit für private Sorgen und Gedanken. Eine gute Gelegenheit zur Flucht. Flucht aus dieser Situation.
    Ich verdrängte all die Fragen, stellte sie in eine Ecke, wie einen alten Schirm.
    Jan nutzte den anbrechenden Tag auch. Er fuhr zu Gunter. Ich sah ihn nicht einmal zum Mittag. Er war für mich nicht erreichbar. Ging mir aus dem Weg. Er hatte so viel zu tun.

    Ich spürte in den freien Minuten meinen Kummer und sah keinen Ausweg. Konnte nichts essen und wand mich doch dem Leben zu. Dem Leben im Süden, am Meer, wie es mein Traum war.
    Hierher wollte ich, hier leben und nun sollte ich mich auch daran erfreuen.

    Täglich erfüllte ich meine Aufgaben, die sich uns stellten. Wie eine Distel legte ich mir Stacheln zu, weinte in mich hinein.
    Doch wenn ich nach vorn schaute, dann fühlte ich Kraft und Zuversicht. Jetzt endlich war ich fähig, diese Wut umzuwandeln in Energie. Ich lernte jeden Tag ein wenig mehr die Lektion „Loslassen“. Doch die große Prüfung sollte später kommen.

    Nach einigen Tagen konnte ich die Sonne wieder sehen, auch wenn es nicht "mein Tag" war.
    Ich sah die Schönheit, auch wenn Gefühle da waren, die mich zerreißen wollten.
    Da saß ich am Meer, hörte die Brandung, spürte den leichten Wind im Haar und war ganz ruhig. Meine Seele ließ ich wie ein kleines Kind weinen und sah zu, wie die Sonne die verletzte Stelle streichelte und den Schmerz weg pustete. Ich wurde frei, streifte Fesseln ab, verlor an Last.
    Die kleinen verbissenen alltäglichen Kämpfe mit Jan konnte ich ertragen und weilte doch in meiner inneren Mitte.
    Bei aller Aufregung, Hektik und Existenzangst konnte ich innehalten und mich darauf besinnen, dass die Stürme des Lebens zwar heftig sind, aber ebenso vorüber gehen, wie ein warmer Sonnentag. Und ich fand immer öfter den Frieden und das Glück in mir selbst.
    „Nach meiner Erfahrung besteht das wesentliche Merkmal des wahren Glücks in innerem Frieden.“ (Dalai Lama)

    Meine Freundin fragte in einer Mail, ob ich es schon bereut hätte.
    Ich antwortete ihr: „Nein, auf keinen Fall.“
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  10. AW: Was suchst du in Madagaskar?

    Aua!

    Nun war ich in einem Land, das mir Küste, Meer und Sonne bot, dazu Menschen die mir offen entgegen kamen, weder mürrisch noch misstrauisch, offen wie Kinder.
    Für ein Lächeln bedankte ich mich mit einem Lächeln. Und ich gab viele Lächel-Einheiten zurück, denn ich bekam viele.
    Einfach so.
    Das waren kleine Geschenke, jeden Tag! Hängende Mundwinkel sah man sehr selten. Unverbindliche nette kurze Gespräche gab es immer wieder. Dies alles war in Deutschland leider selten. So selten, dass man Artikel über ein Lächeln schrieb.

    Da ging ich mit einem Mann bis ans Ende der Welt und dann vergaß er, wer ich war.
    Nun gut, doch ich stellte mir vor, ich würde in eine andere Dimension gehen und sähe mein Leben aus einer anderen Perspektive. Ich würde die Situation erkennen und auch, dass ich keinen Grund hatte, mein Glück abzuweisen oder nicht zu genießen, nur weil nicht alles perfekt war und nach meinen Wünschen verlief, nur weil ein Mensch, aus welchen Gründen auch immer, sich nicht verhielt, wie ich es erwartete.

    Eines Abends fragte Jan, ob ich etwas dagegen hätte, wenn er auf ein Glas Bier ausgehen würde. Warum sollte ich? Ich war ohnehin allein, ob er mir gegenüber saß oder nicht. So stylte er sich und verließ das Haus.
    Als ich das erste Mal auf die Uhr sah, war es 1.00 Uhr. Vielleicht war er mit Gunter im „San Antonio“, dort ging es ab 0.00 Uhr erst richtig los mit Musik und Tanz.
    Also kein Problem. Ab 2.30 Uhr wurde ich unruhig. Er kam nicht heim.

    Die Wunde platzte wieder auf. Schlafen gehen war sinnlos. Wie ein Tiger in Gefangenschaft, lief ich durch das Haus.
    Die Resignation kämpfte gegen den Willen, nicht aufzugeben.
    Ich sträubte mich, wollte diese Lektion nicht lernen.
    Endzeitgedanken und Mutlosigkeit kämpften gegen Durchhalten und Hoffnung. Erinnerungen mischten sich ein und die Wut duellierte sich mit der Nachsicht. Die Vernunft sagte: „Das wird nichts, gib ihn auf.“ Das Herz saß beleidigt in der Ecke und heulte. Die Liebe sagte: „Wenn du einen Menschen liebst, darfst du ihn nicht hindern, sich dennoch weiter zu entwickeln. Auch er ist nicht vollkommen. Auch er muss seine Erfahrungen machen...“
    Der Hohn lachte über die Situation und die Ironie schüttelte den Kopf.
    Verzweiflung pur.
    War es die Müdigkeit, die Sinnlosigkeit meiner Gedanken oder einfach Resignation?
    Ich ließ diese Gedanken los, wehrte mich nicht mehr, beruhigte mich. Erreichte sogar eine Ruhe, als wäre nichts gewesen. War ich gestorben? Nein, ich gab auf. Ich akzeptierte. Ich begriff und konnte den Schmerz gehen lassen.
    Gegen 4.00 Uhr, wenn die Putzkolonnen anrückten und die Straßen fegten, man dieses eintönige „Schhhhht Schhhht“ ihrer Strohbesen hörte und der Muezzin auf dem Minarett der Moschee in Mahajanga Be die Gläubigen zum Gebet rief, ging ich duschen, bereitete mechanisch den Tag vor.
    Ich spürte Hunger und lief in Richtung „Pakiza“ zum Frühstück.

    Nein, der Kummer war nicht ausgestanden, aber er war vergraben, zur Seite gelegt in die hinterste Ecke meines Herzens. Dort lauerte er und wartete darauf seinen Schmerz wie einen Pfeil, erfolgreich abschießen zu können. Es tat weh, aber ich wollte diesen Schmerz nicht zu lassen.
    Die Tränen der Nacht änderten nichts. Ich akzeptierte die Realität. Ich lernte, diese Situation zu akzeptieren. Einfach nur akzeptieren.
    „Nein, ich lasse mich nicht unterkriegen, ich stehe das durch.“ Dieser Gedanke rüttelte mich auf und mobilisierte alle Reserven. „Ich bin nicht so weit gegangen, um nun zu kapitulieren.“
    Kurz vor dem „Pakiza“ traf ich ihn. Es sah alles nach einem schlechten Gewissen aus.
    “Kommst du mit heim, einen Kaffee trinken?“ hörte ich mich leise fragen.
    “Ja, Kaffee ist gut.“

    Es war kein Alkohol im Spiel, in dieser Nacht. Er sah übermüdet aus, frisch geduscht. Anscheinend kam er aus einem Hotel. Ich konnte auch keine Anzeichen von Restalkohol erkennen. Beim Kaffee trinken versprach er mir, nun würde alles anders ...

    "Missgeschicke sind wie Messer. Sie dienen oder sie verletzen uns, je nachdem, ob wir sie an der Klinge oder am Griff anfassen." (James Russell Lowell)
    So manche Katastrophe überrollt uns wie ein Güterzug. Es bleibt uns überlassen, wie wir mit den jeweiligen Konsequenzen fertig werden. Nach einer Tragödie können wir uns hinlegen und aufgeben - oder im Gegenteil, Trauerarbeit leisten, aufstehen und weiter gehen.
    Die Trauer verschluckte ich, wie den Knoten im Hals. Sie fraß mich von nun an von innen her auf.
    Etwas ver-zehrte mich, ich nahm mehr als 17 Kilo in kürzester Zeit ab.
    Auch die nahe liegende Konsequenz, die Beziehung endgültig zu beenden, zog ich nicht. Ich dachte nur an die Firma und stürzte mich in die Arbeit.
    'Wenn das Geschäft aufgebaut ist, wird er sich besinnen', so glaubte ich.
    Ein folgenschwerer Fehler.

    Vorher
    wusste ich nicht
    wie es sich anfühlt
    wenn das eigene Herz
    versteinert
    es geht von außen nach innen
    es betrifft nur das Herz
    deshalb
    spüre ich in den Füßen
    messerscharf
    wie die tödliche Kälte aufsteigt
    von unten
    nach oben
    (Roswitha Hofmann)
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