Neulich.
Ein Radiosender fordert die Zuhoerer auf, anzurufen und die Lieder zu verlangen, welche man sich fuer die eigene Beerdigung wuenscht. Was geht im Zuhoerer vor, ehe er die Nummer tippt? Und in dem Moment, da das Lied erklingt? Was geht im Sender vor, der das vermutlich fuer eine seiner genialen Ideen haelt? Zeigt das unsicheren Umgang mit dem Tod oder banalisierenden, wo letztlich alles doch nur die naechste grosse Feier ist? Dann lieber die direkte Variante: Business as usual steht seit Wochen auf dem Leuchtschild an einem Friedhof, gemeint ist die aufgehobene Sperrung einer Strasse, gemeint sind die vorbeifahrenden Autofahrer, aber es blinkt zugleich einladend ueber dem Friedhofstor. Fahren und sterben Sie bitte wie ueblich. Kein Draengeln noetig. Jeder kommt dran. Und tun Sie nicht so, als koennten Sie sich selbst oder ihren Freund musikalisch mit Traenenfluss vorbetrauern, ersparen Sie sich und anderen Ihre Sentimentalitaeten. Wo kommen wir denn da hin, geradewegs zur naechsten Absperrung, Einbahnstrasse, Umkehr nicht moeglich, im Halse steckengeblieben.
Vielleicht war es ja auch nur der versteckte Aufruf an Freunde, die Ohren besonders zu spitzen, welch Freude, solche Freunde zu haben, und sich die gespielten Lieder fleissig zu notieren, fuer den Fall der Faelle. Wenn man in die eigene Grube faellt, die allerletzte, die man sich immerhin nicht selbst zu graben braucht, das erledigen andere, die nicht im Sender mit den genialen Ideen arbeiten, business as usual, und das gewuenschte Lied klingt wie tausend Spatenstiche und ueberhaupt nicht wie California Dreaming.
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Thema: Neues aus Absurdistan
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24.11.2009, 19:26Inaktiver User
Neues aus Absurdistan
Geändert von Inaktiver User (24.11.2009 um 19:42 Uhr) Grund: Fummelwahn
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24.11.2009, 20:00
AW: Neues aus Absurdistan
kürzlich:
Ein "sensibler" Mann überreichte einer neuen Führungskraft, die nach ihrer Ankunft noch nicht einmal ihre Jacke ausgezogen hatte, ein Foto mit den Worten:"Sieht die Dir nicht ähnlich?"
Auf dem Foto eine Frau, wartend an einer BUSHALTEstelle. Direkt neben ihr das Halteschild "Parkfriedhof".
Das nenne ich ´mal "Teamgeist".
(Die Frau auf dem Foto sah der Angesprochenen wirklich verblüffend ähnlich.)
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Etwas her, aber unvergessen:
Ich suchte nach einem Begriff und kam über Umleitung auf eine Site, da gab es keine Beerdingung, nein, das Angebot, sich zu Lebzeiten einfrieren zu lassen.
Einfrieren: für die bessere Jobchance - später.
Einfrieren: für die Heilung bislang weniger bekannter Krankheiten
Einfrieren für..... .
Ich musste kein Geld bezahlen, fühlte mich beim Lesen schon fast eingefroren.
Lebendige Grüsse!
HappynessGeändert von Happyness (24.11.2009 um 20:07 Uhr) Grund: wichtiges Detail vergessen
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26.11.2009, 14:20Inaktiver User
AW: Neues aus Absurdistan
Gestern Nacht.
Das Trockeneinfaedeln von grossen Dampffrachtern in kleine Haefen wird von spazierengefuehrten Kindern und deren Gaehnen gesteuert. Gaehnen und Einfaedeln sind aufeinander abgestimmt.
Das las ich im Traum meinem staunenden Sohn aus einem Lexikon vor.
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16.12.2009, 13:28Inaktiver User
AW: Neues aus Absurdistan
Morgen.
Wie sie dastehen und sich selbst besehen und die kommenden Urlaube vergleichen, die Straende von Antigua mit den Bergen von Gstaad, und den Mund bewegen, dezentes Rot, randbewusst, dazu einen kleinen Finger im Takt, der gleich ueber das Kopfhaar des Kindes streichen wird, und das Kind an sich heranzieht, wenn es zum Tor herausquillt wie die anderen Kinder, eine Kindermasse in Uniform, und wie vorsichtig loest jeder sein Stueck aus der Masse heraus, chirurgisch fast, man moechte das richtige erwischen und es soll nichts kaputtgehen, es wird noch gebraucht, es muss noch nach Eton oder wenigstens auf St Paul's, mein Sohn, das ist mein Sohn, nicht Dein Sohn, er wird ansichgepresst und dann zurechtgerueckt wie die Huete, die sie noch vor hundert Jahren getragen haetten, wo heute die blondierten Straehnchen in die Hoehe ragen, von weitem ein kuenstlich erblondeter Strahlenkranz, obwohl dieses Jahr ausnahmsweise keine Heiligenscheine verliehen werden, die waren leider aus, und werden auch naechstes Jahr vor Ferienbeginn wieder aus sein, alle aufgekauft und ausverkauft, den Schein fuer das geduldigste Laecheln, das unterdrueckteste Wort, den nicht gerammten Ellebogen, die groesste untergemogelte Falschheit, ich hab sie alle weggeschnappt, gierig wie ein Fischmaul, ich konnte mich nicht halten und war auf einmal so hungrig, so Blauwalhungrig, und wahrscheinlich sieht man es mir an, die ganzen gefressenen Heiligenscheine, nein, ich bin nicht wieder schwanger, danke der Nachfrage, aber im Grunde haben sie sich bereits abgewandt, da war keine Frage, nur das Bedauern des fehlenden Kranzes, fuer den strammsten Kuchen, die glitzerndste Karte, das aufmerksamste Laecheln, den goldenen Seitenhieb, und das Bedauern klackert an ihnen herab wie unter ihnen die Absaetze, waehrend sich die Jungen befreien und zum Auto huepfen, dem Gelaendewagen, der gleich in die Vorstadt rollt, waehrend ich meinen letzten Frisoergang verfluche, naechstes Mal wieder bruenett.Geändert von Inaktiver User (16.12.2009 um 13:59 Uhr) Grund: Fummelwahn
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04.01.2010, 11:08Inaktiver User
AW: Neues aus Absurdistan
Flucht ist ein legitimes Mittel der Fortbewegung (zit. frei nach Gillian Beer)
Sie rast, waescht, saugt nach jedem Schritt, hantiert, stoehnt ohne ein Wort darueber zu verlieren, laesst ihr Gesicht sprechen, die Gegend um den Mund herum, ein eisiges Laecheln (den Schneemassen draussen und rutschigen Boeden verwandt), wenn wir ihr die Last abnehmen oder wenigstens schmaelern wollen, und ein Zischen und doch auch ein paar Worte, Nein, lasst mal, sie geht zu Tisch, um fast nichts zu essen von dem, was sie stundenlang gekocht hat und am dritten Tag dann ein Satz, der sie mir erhellt, den sie blind vor Wut ausstoesst, weil nicht alle Zutaten besorgt wurden, eine Verzweiflung und Vorwurfsschleuder wuetet in der Kueche, aber alles heruntergepresst, Zitronensaft, der nach innen laeuft, in alle Ritzen, herzkammernah, und der uns jetzt schon die Bissen im Magen umdreht und sie unerreichbar macht fuer Abmilderungen oder einen Kompromiss. Ein Satz zur Erinnerung, empoert an uns Beschwichtigende gerichtet, die wir auch vom Mars haetten kommen koennen oder vom Mond, von dorther jedenfalls, wo man solche, auf sie allein zurechtgeschnittene Katastrophen nicht kennt und der noetig war, um zu fuehlen, wie das ist, bei meinen Eltern zu sein:
"Es geht nicht darum, dass es schmeckt oder alle satt werden; es geht darum, dass das Rezept stimmt."Geändert von Inaktiver User (04.01.2010 um 11:19 Uhr) Grund: Praezisierung
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07.02.2010, 16:41Inaktiver User
AW: Neues aus Absurdistan
Kleine Kette
Ein Bauarbeiter auf waghalsigem Klettergeruest in Dachstuhlnaehe waehnt sich unbeobachtet, laesst die Hose herunter und pinkelt los. Die Spritzer spritzen in die Tiefe (was sollen sie auch anderes tun?), eine verstohlen hinaufblickende Fussgaengerin springt aus Angst vor den falschen Regentropfen zur Seite, stoesst laut an einen Metallstab, der Bauarbeiter sieht hinab ueber den Rand seiner immer noch hinuntergelassenen Hose, schaemt sich (es gibt auch sehr Empfindsame unter den Bauarbeitern) und springt den Spritzern nach. Natuerlich faellt er dabei auf die Frau und erschlaegt sie.


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