Liebe Leute,
Kinder lieben Tiere meist und wünschen sich nichts mehr als selber ein Haustier zu haben. Wer könnte es ihnen verdenken, es ist ja auch wirklich schön, wenn Kinder mit Tieren aufwachsen, wenn sie Verantwortung übernehmen, wenn sie Fürsorge walten lassen und Rücksicht nehmen müssen, wenn sie lernen, was es heißt, für ein schwächeres Wesen zu sorgen. Sieht man die Freundschaftsbande, die zwischen Tier und Mensch entstehen können, dann spricht auch gerade das dafür, dass Kinder unbedingt mit Tieren aufwachsen sollten - sie können so immens viel lernen.
Und was könnte da geeigneter sein für den "Einstieg" in die Haustierhaltung als ein Kaninchen? Kaninchen sind klein, man kann sie im Käfig halten, sie sind nicht laut und da sie ja eh meistens im Käfig sind, machen sie auch nicht viel Dreck oder zerstören viel, außerdem scheinen sie ja ganz zufrieden mit ihrem Schicksal zu sein, sie beklagen sich ja nicht lautstark und ihre Fütterung ist denkbar einfach, Vitakraft macht es ja möglich. Ist plausibel, nicht wahr?
Nein, es ist nicht plausibel, auch wenn es tragischerweise seit mehreren Jahrzehnten, seit das Kaninchen als Haustier (und nicht nur zur Nahrungsbeschaffung) Einzug hielt, so gehandhabt wird!
Kaninchen sind als "Kinder-Tiere" denkbar ungeeignet. Es mag Ausnahmen geben, wo Kinder sich gut um ihre Kaninchen kümmern, aber die Erfahrung zeigt, dass Kinder sehr schnell das Interesse an Kaninchen verlieren, wenn sie erstmal da sind. Woran mag das wohl liegen?
• Kaninchen sind dämmerungsaktiv, tagsüber dösen sie meist, erst am Abend werden sie aktiv und machen dann auch Lärm. Sie verhalten sich konträr zum Tagesablauf eines Kindes, welches in der Nacht schlafen möchte / muss.
• Kaninchen sind nicht immer verschmust, sehr oft lehnen sie Berührungen ab, möchten das nicht. Hochheben lassen sich Kaninchen als die Fluchttiere, die sie nun einmal sind, schon gar nicht gerne. Sie könnten im Notfall nicht flüchten und das versetzt sie in Panik auf dem Arm, sie wehren und winden sich dagegen und könnten dadurch runterfallen, was sehr schnell zu Verletzungen führt. Im "besten Fall" erstarren sie vor Angst auf dem Arm; von Genuss ist da keine Spur.
• Kaninchen haben keine Lautsprache, es sind weitgehend "stumme" Tiere. Eine Interaktion mit dem Kind ist dadurch kaum gegeben, zumal sie halt tagsüber nicht sehr aktiv sind.
• Kaninchen, die allein im Käfig gehalten werden, werden oft "aggressiv", verteidigen dann ihren Käfig und starten Angriffe auf jede Hand, die in den Käfig greift. Sie sind verhaltensgestört.
4 Gründe, die dafür sprechen, dass Kinder sehr schnell das Interesse am Kaninchen verlieren. Ein Kaninchen für das Kind anzuschaffen führt fast immer dazu, dass das Kaninchen nach kurzer Zeit im Tierheim landet oder sein restliches Leben abgeschoben in irgendeiner Nische im Käfig fristen muss. Das hat es nicht verdient.
Bitte, wenn eure Kinder sich ein Kaninchen wünschen, dann überlegt euch, ob IHR - die Eltern - von Kaninchen fasziniert seid, ob IHR unbedingt Kaninchen halten möchtet, ob IHR für die nächsten rd. 10 Jahre die Verantwortung für Kaninchen übernehmen möchtet, ob IHR die nächsten Jahre für die Säuberung, Fütterung und Beschäftigung zuständig sein möchtet … denn aller Erfahrung nach wird das Kind sehr schnell das Interesse am Kaninchen verlieren.
Und wenn IHR - die Eltern - unbedingt Kaninchen halten möchtet, dann bedenkt weiter: Kaninchen sind GRUPPENTIERE, in Einzelhaltung sind sie zutiefst unglücklich, es widerstrebt ihrer Art zu leben, sie müssen MINDESTENS in Paarhaltung leben. Meerschweinchen sind KEIN Partnerersatz, sie sprechen komplett unterschiedliche Sprachen, sie verstehen einander nicht; im besten Fall entsteht da lediglich eine Zwangsgemeinschaft, aber sie sind gemeinsam einsam, das haben weder Kaninchen noch Meerschweinchen verdient. Auch Menschen sind kein adäquater Ersatz, denn Menschen werden keine stundenlange Fellpflege betreiben, sie werden nicht stundenlang kuscheln, sie werden nicht ums Futter streiten, sie werden keine Rangfolge ausfechten, Menschen sind keine Kaninchen und damit kein Partnerersatz!
Weiter bedenkt bitte, dass Kaninchen ein hochempfindliches Verdauungssystem haben, welches die artgerechte Ernährung recht umständlich macht. Getreidehaltiges Trockenfutter ist grundverkehrt, es schadet dem Magen-Darm-Trakt, sorgt für ungenügenden Zahnabrieb und schafft damit Zahnprobleme, die sich auch gern in eitrigen Abszessen ausdrücken. Die Tierarztkosten können horrend werden, denn Kaninchen sind sehr empfindlich. Außerdem ist es sehr schwierig einen guten Tierarzt zu finden, da die meisten sich nur mit Katzen und Hunden auskennen. Kleintiere werden bisher noch in der Ausbildung sehr vernachlässigt.
Zudem brauchen Kaninchen Platz - Käfighaltung ist nun wirklich nicht artgerecht. Kaninchen sind keine Katzen, haben aber einen ähnlichen Bewegungsdrang, der, wenn er nicht ermöglicht wird, zu Verhaltensstörungen wie Aggressivität, Panik, Territorialverhalten führt. Jedes Kaninchen ist individuell zu betrachten, aber als Faustformel kann man davon ausgehen, dass bei Innenhaltung pro Tier mindestens 2 qm reine Grundfläche (also keine Ebenen) zur Verfügung stehen sollten, da es mindestens zwei Tiere sein müssen, also 4 qm Fläche, die STÄNDIG zur Verfügung stehen sollten. Sehr aktive Kaninchen brauchen auch mehr Fläche. Zudem muss natürlich noch mehrstündiger Auslauf im Rest der Wohnung gewährt werden, damit die Tiere auch mal wirklich rennen und Haken schlagen können, damit sie mal was anderes sehen, schnuppern, berühren können, damit Abwechslung geboten wird.
Bei Außenhaltung geht man als grobe Faustformel von 3 qm pro Tier aus, da dort in der Regel ja kein weiterer Auslauf gewährt wird. Außerdem muss das Außengehege sehr gut gegen Fressfeinde und Einbruchs- bzw. Ausbruchsversuche gesichert sein, also seitlich, nach oben und auch nach unten hin - die meisten Kaninchen buddeln sehr gerne und auch sehr tief, ein nicht ordentlich nach unten gesicherter Boden führt dazu, dass sie sich Gänge graben und in die gefährliche Freiheit entschwinden. So ein Gehege ist eine recht teure Angelegenheit.
Sollen die Kaninchen in der Wohnung gehalten werden, muss man sich darüber klar werden, dass die Wohnung "kaninchensicher" gemacht werden muss, also wirklich alle Kabel verstecken, alle giftigen Pflanzen weit nach oben stellen - und man muss sich bewusst machen, dass Kaninchen zwar keine Nagetiere sind, dennoch sehr gern alles annagen, was nicht niet- und nagelfest ist, also auch Tapeten, Sofas, sonstige Möbel, Teppiche, herumliegende Kleidung … NICHTS ist vor ihnen sicher, wenn auch nur der Hauch einer Chance besteht, dass sie drankommen können.
Die meisten Kaninchen werden stubenrein - was sich allerdings in den meisten Fällen nur auf die Pinkelei bezieht. Die "Böbbel" (Kotabsatz in Form von meist trockenen, harten Kügelchen) werden dagegen gerne großzügig verteilt, können aber auch leicht aufgefegt werden. Und man wundert sich, wo diese Massen von Böbbeln herkommen …
Außerdem wechseln Kaninchen gern mal die Rangfolge, vor allem im Frühling werden sie wuschig. Das führt dann dazu, dass vermehrt Kämpfe ausgefochten werden, dass gut harmonisierende Paare sich plötzlich ankeifen und reichlich Fell fliegt; damit muss man umgehen können, sonst gehen einem sehr schnell die Nerven durch.
Solltet ihr nach sorgfältiger Abwägung euch dennoch für Kaninchen entschließen: Meinen herzlichen Glückwunsch, ihr holt euch damit bezaubernde, neugierige, interessante Geschöpfe, die - vor allem bei Gruppenhaltung - in ihrem Sozialverhalten äußerst faszinierend sind. Es sind liebenswerte Charakterköpfe![]()
Mein letzter dringender Appell: Die Tierheime und Kaninchenschutzorganisationen quellen über von entsorgten Nottieren, oft ehemalige Kinderzimmertiere, die nach Ostern oder Weihnachten entsorgt wurden, als das Interesse des Kindes nachließ. Bitte kauft keine viel zu früh der Mutter entrissenen Jungtiere aus Zoohandlungen oder vom Züchter, unterstützt nicht die weitere Züchterei von Kaninchen, es gibt genügend arme Nasen, die dringend auf ein neues Zuhause warten. Bei älteren Tieren hat man viele Vorteile, die Jungtiere zudem einfach nicht bieten: Oft schon gesichertes Sozialverhalten, relative Stubenreinheit, ruhigeres Verhalten, geringerer Zerstörungsdrang, man kann mehr über den Charakter aussagen und zudem bindet man sich nicht auf eine soooo lange Zeit …
Falls ihr Fragen zu Kaninchen haben solltet, stehe ich als Ansprechpartner sehr gerne zur Verfügung. Ich bin aktives Mitglied im Kaninchenschutz e. V. und habe derzeit selber vier, demnächst fünf Kaninchen in einer Gruppe. Sollte ich mal Fragen - vor allem aus dem medizinischen Bereich - nicht beantworten können, so leite ich etwaige Fragen gerne weiter, in meinem Verein sind genügend kompetente und engagierte Mitglieder :o)
Antworten
Ergebnis 1 bis 10 von 26
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10.04.2007, 11:44Inaktiver User
Kaninchen sind keine "Kinder-Tiere"
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10.04.2007, 11:56Inaktiver User
AW: Kaninchen sind keine "Kinder-Tiere"
Danke Poison, für dieses Posting!
Ich hab selbst zwei von diesen tollen und intelligenten Wackelnasen und bekomme Bauchschmerzen, wenn ich sehe, wie Kaninchen in viel zu engen Käfigen und allein gehalten werden!
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10.04.2007, 15:46Inaktiver User
AW: Kaninchen sind keine "Kinder-Tiere"
Schau mal einer an, Med, hätte ich ja nicht gedacht, dass Du ein Wackelnasenfan bist
... kein Wunder, dass Du meine "Babies" bei den ErEs so bezaubernd fandest *ggg*
:o)
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10.04.2007, 16:03
AW: Kaninchen sind keine "Kinder-Tiere"
Hi Poison!
Ich hatte inges. bisher 3 Kaninchen und kann nur bestätigen, dass man sie unter keinen Umständen nur im Käfig halten kann.
Sie brauchen soviel Auslauf und kauen für ihr Leben gern an Kabeln und Kunststoff.
Ich kann auch nicht bestätigen, dass sie genügsame, ruhige Genossen sind.
Meine haben täglich einen Krach gemacht und dabei fast den ganzen Käfig auseinander genommen, wenn ich sie nicht täglich ca. 5 Stunden lang rausließ.
Sonst sind sie echt putzig, auf dem Bauernhof oder so...
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10.04.2007, 16:10Inaktiver User
AW: Kaninchen sind keine "Kinder-Tiere"
Eine Haltung ganz ohne Käfig ist nicht nur möglich, sondern auch erstrebenswert ... man MUSS sie nicht einsperren.
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10.04.2007, 21:09
AW: Kaninchen sind keine "Kinder-Tiere"
Für die Kaninchen, die wir vor Jahren mal hatten, hatten wir damals ein eigenes Zimmer, welches wir aber (nach dem Tod der Kaninchen) aus Kostengründen weitervermieten mussten.
Zitat von loewenpranke84
Als wir dann wieder Kaninchen zu uns nahmen, dachten wir zuerst auch, dass es reicht, wenn die Kaninchen von 7 Uhr morgens bis Mittags und dann nochmal von 15 Uhr bis 23 oder 24 Uhr rumlaufen ... also immer ca 12/13 Stunden pro Tag.
Als wir dann jetzt ein Kaninchen aus dem TH zu uns nahmen, mussten wir der TH-Frau versprechen die Kaninchen den ganzen Tag über draußen zu lassen. Wenn wir schlafen oder nicht zuhause sind, dann zwar nur im dreiviertelten Zimmer, aber der Käfig bleibt grundsätzlich immer offen.
Und siehe da: die Kaninchen halten sich seitdem nur noch im Käfig auf, wenn sie Pipi machen oder fressen/trinken (wobei sie das "draußen" auch könnten) oder wenn irgendetwas sie erschreckt. Sie bewegen sich wesentlich mehr als zu der Zeit als sie nur Teilzeit draußen waren (und das war ja im Vergleich zu vielen anderen Kaninchenhaltern schon recht viel) und sind wesentlich selbstbewusster den Katzen gegenüber geworden und neugieriger und zutraulicher und abenteuerlustiger und kletterfreudiger und.....
Ich kann Poison nur zustimmen: Auf keinen Fall mehr einsperren!
Unser Wohnzimmer sieht zwar manchmal sehr lustig aus aber man kann das Chaos durchaus gut bewältigen. Für Leute, für die soviel Dreck (einige Köttel, Stroh, Heu, Buddelkisteninhalt, Äste etc)im Zimmer nix ist, für die sind dann wohl Kaninchen nicht die passenden Tiere.
Nur in einem Punkt muss ich Poison mal widersprechen: Es gibt auch sehr viele Kaninchen, die es lieben gestreichelt zu werden.
(Aber das hast du ja auch nicht total ausgeschlossen!) Unser Männchen zB hat mich vorgestern solange angestarrt bis ich ihn, weil ich mir nicht erklären konnte, was er damit sagen will, auf den Arm genommen habe. Und dann war ich selbst überrascht: er hat fast wie eine Katze mit mir gekuschelt und mich abgeleckt. Und immer wieder mit seiner Nase meine angestupst.
Und wenn jemand Tierärzte sucht, die sich auf Kaninchen spezialisiert haben, dann solltet ihr einfach mal im Tierheim oder beim Tierschutz nachfragen - die wissen das wohl.
Liebe Grüße
Heike
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10.04.2007, 21:17Inaktiver User
AW: Kaninchen sind keine "Kinder-Tiere"
Ja sonnenjuwel, viele lieben es gestreichelt und gekrault zu werden und viele mögen es gar nicht - von meinen vier Tieren liebt es eines, eines hält geduldig still und zwei andere sind meistens der Meinung, das tut nun nicht Not

Aber ansonsten:
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10.04.2007, 22:18Inaktiver User
AW: Kaninchen sind keine "Kinder-Tiere"
Poison, vielen, vielen Dank für das tolle Posting!!!
Dem ist nichts hinzuzufügen und ich hoffe, daß es ganz, ganz viele lesen werden, BEVOR sie sich Kaninchen anschaffen.
DANKE, daß Du Dich so für diese wunderbaren Tiere einsetzt!!
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10.04.2007, 22:26Inaktiver User
AW: Kaninchen sind keine "Kinder-Tiere"
Meinen ersten Zwerghasen hatte ich neun Jahre, den zweiten hatte ich zehn Jahre.
Ohne die Hilfe meiner Mutter, ich bekam das erste Häschen mit 8 Jahren, hätte ich es nicht geschafft.
Die Häschen waren in unserem Haus freilaufend und nur nachts für ein paar Stunden im Käfig. Im Sommer durften sie über die Terassentür mit uns in den Garten. Unser Haus trägt noch immer Spuren, die Türen wurden angeknabbert, wenn sie nicht richtig geschlossen waren und sie in den anderen Raum wollten. Tapeten sind inzwischen erneuert. Viele Kabel wurden durchgebissen... Sie waren aber stubenrein und gingen immer brav in den offenen Käfig.
Ausserdem waren es echte Kuschler. Mir hat es sehr viel gegeben die Kerlchen zu haben.
LG Schleifchen
Aber für jeden definitiv nicht geeignet.
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10.04.2007, 22:54
AW: Kaninchen sind keine "Kinder-Tiere"
Hallo Poison...man muß Dir danken für diesen Post...Ich selbst habe eher einene ganzen Zoo "großer" Tiere...habe mich aber ständig mit den Müttern in der Bekanntschaft gezankt, wenn es um "Häschen und Meerschweinchen für die lieben - weiß Gott nicht immer rücksichtsvollen Kleinen" ging...leider mit mäßigem Erfolg...muß brechen, wenn ich seh, wie Tiere zum Lebendspielzeug...bitte jederzeit zur Hand degradiert werden...leider kann ein Kaninchen oder Meerschweinchen nicht so nachdrücklich wie mein 70-kg-Hund zum Ausdruck bringen, daß es das Scheiße findet...


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