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    Muss mich vom Hund trennen



    Liebe Leserinnen und Leser,


    wenn ich darf, möchte ich mich einfach etwas ausweinen. Es geht mir schlecht.

    Über Jahre hatten unsere Töchter (inzwischen 14, 12 und 9 Jahre alt) immer wieder den Wunsch nach einem Hund geäussert. Ich (ohne vorherige Hundeerfahrung) konnte mir das auch ganz gut vorstellen, wollte aber, dass der Hund ein "Familienprojekt" ist und nicht bloss eine Augenblickslaune; ich wollte, dass sich alle - im Rahmen ihrer Möglichkeiten - engagieren. Mein Mann stand der Sache eher neutral gegenüber; in seiner Kindheit hatte ein Dackel in seiner Familie gelebt ("der war einfach da und kam mit").

    Vor rund 1,5 Jahren haben wir einen kleinen Dackel aus dem Tierheim adoptiert, er (pardon, ich schreibe jetzt einfach "er" oder "der Hund" - natürlich hat er auch einen Namen und einige Kosenamen) war damals 4 Jahre alt, aktiver Jagdhund gewesen und von seinem früheren Besitzer ausgesetzt worden, nachdem er in ein Auto gerannt war und ein Bein gebrochen hatte.

    Im Tierheim wurde er wieder buchstäblich "auf die Beine gebracht"; wir haben die Operation mit finanziert (es gab noch andere Interessenten für den Hund, aber mit bezahlen wollte sonst keiner). Die Mitarbeiter im Tierheim hatten uns gesagt, dass sich der Dackel "nicht so gut" mit anderen Rüden verstünde - er war alleine in einer Box gewesen (das erfuhren wir aber erst viel später, auf Nachfrage). Vielleicht sagten sie es nicht sehr laut (weil sie ja froh waren, dass jemand die Operation mit finanzierte), vielleicht wollten wir auch nicht genau hören, dass wir dabei waren, uns einen nicht ganz einfachen Hund nach Hause zu holen. Wahrscheinlich beides.

    Der Hund kam also nach Hause - ich hatte alles vorbereitet, sehr viel gelesen und auch mit den Kindern besprochen, dass ein Hund kein Spielzeug ist, sondern ein Familienmitglied, dass er 15 Jahre und älter werden kann, dass wir ihn nie aufgeben dürfen (hier schreibe ich bewusst "ich", weil mein Mann auch hier wieder eher neutral war).

    Innerhalb weniger Wochen war der Hund wieder körperlich fit. Aber die Kinder hatten praktisch kein Interesse mehr am Hund. Er war halt nicht so verschmust, wie sie sich das vorgestellt hatten; sein grosses Hobby (Bällen hinterherrennen) teilten sie überhaupt nicht; andere Spiele (Verstecken, Spurensuche) liefen ein paar mal, dann nicht mehr. Gemeinsames Gassi-Gehen kam kaum in Frage, weil der Hund sehr an der Leine riss und tatsächlich anderen (ebenfalls agitierten) Hunden gegenüber aggressiv war (Leinenbeissen, Angriffsversuche). Die rund 2 Stunden Rausgehen pro Tag lagen damit zu praktisch 100% bei mir - das fand ich aber OK, weil ich gerne rausgehe und der Hund zum Joggen mitkam.

    Aber auch die inhäusigen Aufgaben - Pflege, Füttern - landeten (trotz Aufgabenplan) weitgehend bei mir; und - was ich am traurigsten fand - die Kinder streichelten den Hund auch wenig, wenn sie von der Schule kamen, und spontanes Kinder-Hunde-Spiel, das gab es praktisch gar nicht. Typische Szene: alle drei oben im zweiten Stock am Spielen, Lesen und Musikhören, Hund liegt derweil im Körbchen im Erdgeschoss. Ich habe ihnen sehr oft gesagt, dass es so nicht gehen kann; dass ich nicht noch mehr tun kann, und dass ich irgendwann ein neues Zuhause für den Hund suchen müsste, falls es nicht besser würde bei uns.

    Der Hund schloss sich immer mehr mir an, er wurde immer exklusiver (was zu weiteren Klagen der Kinder führte: "Der Hund mag uns nicht"). Familiär gerieten wir in einen Teufelskreis: weil die Kinder sich nicht um den Hund kümmerten, verbrachte ich mehr Zeit mit ihm; weil ich mehr Zeit mit ihm verbrachte, hatte ich weniger Zeit für sie (und immer mehr innere Distanz - ich war sehr enttäuscht von ihnen und bin es noch)....- mein Mann, mit dem ich ansonsten ein gutes und offenes Verhältnis habe, wurde beim Thema "Hund" immer gereizter und verschlossener. Der Hund - ein sehr sensibles Kerlchen - zog sich auch zurück, um dafür draussen immer wilder zu werden. Dann kam die Zeit mit Hundeschule (Einzelunterricht, Gruppenunterricht), Maulkorb, Halti, Hundesitter,.... - auch hier nur wenig Erfolg. Ich ging nur noch früh morgens und spätabends mit dem Hund raus. Und wenn er dann doch wieder wild rumgebellt und in die Leine gebissen hat, dann habe ich ihn schon mal angeschrieen. Unglaubliche Wut, die sich angestaut hatte.

    Vor ein paar Wochen, nunmehr ziemlich desparat, habe ich mich einer Freundin anvertraut (hunde- und auch dackelerfahren, mit einer ca. 11jährigen, inzwischen recht kranken Hündin/Border-Collie-Mix). Von ihr kam dann der Vorschlag, ob ich gerne wollte, dass unser Hund zu ihnen käme. Sie selbst und ihr Mann sind von Anfang an grosse Fans unseres Hundes gewesen, weil er lebhaft ist, wach, agil, energiegeladen, originell, sehr anhänglich, lieb mit Kindern. Sie denken, dass unser Hund ein guter Kamerad für ihre alte Hündin sein könnte, auch ein Spielkamerad für ihren fünfjährigen (ebenfalls hunde- und ballbegeisterten) Sohn (natürlich unter Aufsicht...). Ausserdem wohnen Hunde in der direkten Umgebung (anders als bei uns). Vorige Woche war ich einen Tag bei ihnen, zusammen mit unserem Hund - und es war ein sehr schöner Tag, inklusive Kontaktaufnahme mit den Hunde-Nachbarn. Unser Dackel war so ausgeglichen, wie ich ihn noch nie gesehen habe. Dieses Wochenende wird unser Hund ein langes "Probewochenende" bei ihnen verbringen, und wenn es gut läuft, gleich bei ihnen bleiben.

    Ich glaube, dass dies eine gute Lösung ist: Da stehen beide (!), Er und Sie, hinter dem Projekt, unser Hund hätte andere Hunde-Kameraden und erfahrene Rudelführer - anders als bei uns, und ich vertraue unseren Freunden. Unser Dackel hätte es dort besser als hier. Und ich spüre, dass wir familiär derart in Schieflage gekommen sind, dass wir dringend einen neuen Anfang brauchen. Ich jedenfalls.

    Mein Mann findet einen Umzug des Hundes auch eine gute Idee. Und die Kinder schauten zwar betroffen, kämpften dann aber überhaupt nicht darum, mich umzustimmen (wenn es um eine Stunde Extra-Fernsehen geht, sind sie engagierter). Der Katzenjammer kommt wahrscheinlich später.

    In zwei Tagen ist es nun so weit.

    Ich bin einerseits erleichtert, glaube, dass es besser wird - besonders für ihn -, aber ich mache mir auch riesige Vorwürfe, dass ich im Tierheim hätte genauer hinhören müssen (die Operation hätten wir ja trotzdem mitfinanzieren können), dass wir - als Hundeanfänger - diesen Ex-Jagdhund niemals hätten aufnehmen dürften, dass ich vielleicht doch nicht alles probiert habe, damit es klappen kann, dass ich dem Hund sehr viel zumute - ihn trifft ja keine Schuld -; und natürlich werde ich den Hund, trotz allem, vermissen, denn ich habe ihn sehr gerne.

    Tut einfach weh....


    Danke fürs Lesen


    Eure Sonnengold


    PS: Wenn es für Euch geht, bitte keine Vorwürfe, die mache ich mir alle schon selbst.

  2. gesperrt

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    AW: Muss mich vom Hund trennen

    schade, da isses mal wieder gerade SO gelaufen wie man es ganz sicher nicht wollte. Deine "liebe Familie" sollten sich schämen und nicht du.Ich finde du hast das prima gelöst und hör auf dir nen Kobb zu machen.Ich glaube wenns bei uns so gelaufen wäre ich hätte denen nen mords Terz gemacht und die Rübe......ok, *runterfährt*

  3. Inaktiver User

    AW: Muss mich vom Hund trennen

    Liebe Sonnengold,

    bei der Überschrift und am Anfang des Lesens dachte ich, daß es wieder eine dieser richtig traurigen Geschichten wird.

    Für Dich tut es mir wirklich leid, man spürt Deine Zuneigung zu dem kleinen Kerlchen,
    aber insgesamt betrachtet (wenn er denn hoffentlich glücklich wird bei Deinen Freunden) liest sich Deine Lösung vor allem als "im Sinne des Hundes" und somit gut.

    Was ich deutlich herauslese und gut verstehen kann ist die Enttäuschung über Deine Kinder,
    gerade weil Du ja vor Anschaffung des Hundes all diese Fallstricke angesprochen hast und Dich auf ihre Versprechen verlassen hast.

    Anscheinend ist Deine Familie keine Hunde-Familie- Du hast es versucht und weißt es nun besser.

    Ich drücke Dir und dem kleinen Kerl die Daumen, daß er nun ein passendes Zuhause findet,

    alles Gute
    Sternenfliegerin

  4. Inaktiver User

    AW: Muss mich vom Hund trennen

    Ja, das ist wirklich blöd gelaufen, ABER: Ihr hab doch eine wirklich super Lösung gefunden! Ganz offenbar geht es eurem Hund bei euren Freunden sehr viel besser, also mach dir keine Vorwürfe, denn er landet ja nicht im Tierheim.

    Mit deiner Familie würde ich aber aber auf jeden Fall mal ein paar deutliche Worte zum Thema Verantwortung übernehmen sprechen, dafür sind alle schon alt genug.

  5. VIP

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    AW: Muss mich vom Hund trennen

    Liebe sonnengold,


    Sehr traurig, aber solche Dinge passieren manchmal. Tierschutzhunde werden manchmal nicht mit der vollen Information abgegeben. Als Anfänger sucht man sich dann vielleicht zu spät Hilfe und/oder gerät an Hundeschulen/Trainer, die - vorsichtig gesagt - nicht auf der Höhe der Zeit sind (Halti, aversive Methoden).
    Und manchmal gibt es auch Hunde, die sehr schwierig geworden sind und nicht in jeder Situation leben können.

    [[Ich habe selbst eine Auslandshündin, der niemals in der Stadt leben könnte, da sie Angst vor Menschen, Geräuschen und vielen anderen Dingen hat. Ich hab´s nach 4 Jahren auch noch nicht "hingekriegt", obwohl sie als Welpe kam und meine beiden alten Hunde sie gut aufgenommen haben. Sie wird nie so sein, wie alle anderen Hunde, die ich hatte bzw. früher meine Eltern. Und das trotz langer Hunderfahrung.]]

    Wahrscheinlich fühlt sich der Hund bei Deiner Freundin tatsächlich wohler, weil ihm das Leben dort mehr entgegenkommt und er wahrscheinlich auch Aufgaben bekommt. Etwas, das ihn fordert und sein Hirn auslastet. Gerade als Ex-Jagdhund braucht er etwas zu tun.

    Das Versagen liegt weniger bei Dir/Euch als bei dem Tierheim, wie mir scheint. Ich finde es gut, dass Du den Vorschlag Deiner Freundin annimmst.
    Thank you for observing all safety precautions.

    (aus Dark Star von John Carpenter)


    Moderation in den Foren Diagnose Krebs, Depressionen, Umgangsformen und Rund ums Tier,
    sonst normale Userin

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    AW: Muss mich vom Hund trennen

    Ich wäre auch sehr sehr enttäuscht von meinen Kindern gewesen. Oft ist es aber so - Kinder wünschen sich unbedingt einen Hund, und zum Schluss liegt die ganze Arbeit und Verantwortung an den Eltern bzw. wie bei Euch, bei der Mutter.

    Es tut sicher weh den Hund abzugeben. Aber ich denke es ist die beste Lösung. Du hast alles versucht, alles gegeben und es gibt trotzdem Probleme, mit dem Hund und mit der Familie.

    Er wird es dort gut und einen Spielkameraden haben
    Gruss
    Meagan

  7. Inaktiver User

    AW: Muss mich vom Hund trennen

    Hallo Sonnengold,

    das, was dir passiert ist, geschieht ja relativ häufig: da werden Arbeitsrassen als unkomplizierter Spielgefährte und Begleiter ins Haus geholt und sobald sich herausstellt, dass sich unter der niedlichen Fassade richtig viel PS befinden, die entsprechende Anforderungen an den Halter stellen, gibt es große Probleme.

    Ich denke, dass deine Entscheidung vernünftig ist, den Hund an Menschen zu vermitteln, die über entsprechende Erfahrung verfügen und ihm ein Leben bieten können, das seinen Ansprüchen gerecht wird. Du hast ja bereits beobachten können, dass dein Hund sich in Obhut der potentiellen neuen Besitzer positiv verändert hat. Da bewahrheitet sich (leider) die alte Binsenweisheit, dass das Problem fast immer am anderen Ende der Leine liegt.

    Wesentlich ist aber nicht, was in der Vergangenheit falsch gelaufen ist, sondern dass du die Situation jetzt richtig einschätzt und Konsequenzen im Sinne des Tieres daraus ziehst. Ich hoffe für den Hund, dass der neue Platz für ihn nach den vorangegangenen Zwischenstationen, die keinem Hund besonders gut tun, nun seine Endstation wird. Ich würde übrigens davon absehen, den Hund nach der Übergabe zu besuchen. Das mag zwar menschliche Bedürfnisse erfüllen, lässt für den Hund die Trennungssituation (die er ja nun zum zweiten Mal durchlebt) immer wieder neu aufleben.

    Viele Grüße
    Rezeptfrei

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    AW: Muss mich vom Hund trennen

    Hallo Sonnengold, Du brauchst Dir doch keine Vorwürfe zu machen. Du hast alles getan was Dir möglich war.
    Und das Beste ist doch, dass Dein Hund in eine Familie kommt die ihn mag.
    Es wäre für Dich doch am einfachsten gewesen den Hund wieder ins Tierheim zu geben, was leider in so einem Fall sehr oft geschieht. Du hast Dich doch so gut um das Tier gekümmert.
    Sei froh, auch wenn Du ihn vermisst, es ist das Beste für Deinen Hund.
    Und besuchen kannst Du ihn auch.
    LG mariarosa
    Piccolino 05.2003-04.07.14 für immer in meinem Herzen
    Gina1997-2015

    ANDRA TUTTO BENE


    Bellevue di Monaco

  9. gesperrt

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    AW: Muss mich vom Hund trennen

    Wirklich blöd gelaufen, dass deine Kinder gar keine Bindung zu dem Hund entwickeln konnten, weil er ihnen nicht so ganz gepasst hat. Aber so sind Kinder nun mal oft. Sprunghaft.
    Jedoch nimmt das Ganze ja scheinbar noch ein gutes Ende. Dem Hund wird es sicherlich sehr gut gehen :-)

  10. Moderation

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    AW: Muss mich vom Hund trennen

    Du hast dir alle Mühe gegeben und auch wenn die Sache nicht optimal gelaufen ist, für den Hund gibt es jetzt ein Happy End.

    Es wäre wünschenswert, dass möglichst viele, die sich einen Hund wünschen deine Geschichte lesen und daraus etwas lernen.


    Es war nicht gut einen Jagdhund zum Familienhund machen zu wollen, da hätte das Tierheim besser informieren müssen und auch jeder zukünftige Hundebesitzer sollte sich da umfassend informieren. Hinsichtlich der Kinder ist es leider so gelaufen, wiei so oft und ab da hast du alles richtig gemacht und dir alle erdenkliche Mühe gegeben.


    Und für den Hund ist es insofern gut gelaufen, als dass er jetzt in erfahrene Hände und in eine besser geeignete Umgebung kommt und zur Hundeliebe gehört eben auch, ihn los lassen und in bessere Hände geben.


    Daher meinen Glückwunsch, dass du das tust.
    Freiheit ist, wenn jeder sich auf seine Art zum Deppen machen kann.

    .... und das demnächst auf www.befriendsonline.net/


    Profilbild © edwardbgordon
    Moderation:
    "Rund um den Job", "Mietforum" und "Selbstständige, Freiberufler & Co"

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