Hallo zusammen,
mich treibt eine Frage um, auf die ich keine schlüssige Antworten im Netz finden kann.
Ich versuch, es so informativ wie möglich zu machen.
Vor fast auf den Tag genau einem Jahr habe ich nach längerer Arbeitssuche bei meinem jetzigen Arbeitgeber eine Stelle als Aushilfe auf Stundenbasis (15 h/Woche) angetreten. Diese Stelle war zunächst bis zum 31.12.2019 befristet. Ich habe sehr schnell gemerkt, dass mir sowohl die Arbeit an sich als auch die Atmosphäre am Arbeitsplatz unheimlich gut gefällt und meinen Chef, mit dem ich mich sehr gut verstehe, wissen lassen, dass ich gerne auch ab dem 01.01.2020 weiter dort arbeiten würde, wenn es irgendwie möglich ist.
Ich habe dabei gehofft, vielleicht noch eine Verlängerung um drei Monate zu bekommen, wenn auch nur auf 450€ Basis. Ich habe eine Verlängerung bis zum 30.09. bekommen, wobei meine Stunden von 15 auf 19 pro Woche aufgestockt wurden. In den folgenden Monaten habe ich auch mal komplexere Projekte bekommen und mich mit großem Enthusiasmus reingestürzt, was dann auch mit entsprechend guten Ergebnissen einherging. In der ganzen Zeit habe ich meinem Chef immer wieder klar gemacht, dass ich mir sehr gut vorstellen kann, fest im Unternehmen zu arbeiten. Dazu muss ich sagen, dass die Abteilung, in der ich arbeite, sehr spärlich besetzt war, das Team bestand nur aus drei Festangestellten und mir, und mein Chef sowie ein Kollege an einem anderen Standort chronisch überlastet waren und mit ihrem Arbeitsvolumen eigentlich kaum zurande kamen. Auch andere Kollegen, mit denen ich immer wieder eng zusammengearbeitet habe, haben sich stark gemacht für mich.
Und schließlich hat es sich gelohnt: Am 07.09. habe ich einen Arbeitsvertrag unterschrieben für eine unbefristete Vollzeitstelle (ab dem 01.10., ohne Probezeit!) mit einem wirklich guten Gehalt, tollen Zusatzleistungen und Perspektiven für meine berufliche und persönliche Weiterentwicklung. Zu meinem Hintergrund muss ich kurz sagen, dass ich aufgrund psychischer Erkrankung einen recht bruchhaften Lebenslauf habe mit einem abgebrochenen Studium (ein zweites habe ich aber beendet) und mehreren Lücken durch Arbeitslosigkeit. Gleichzeitig bin ich aber durchaus hochqualifiziert und habe neben dem Masterabschluss aus meinem zweiten Studium mehrere anerkannte Weiterbildungen unter anderem im Bereich Projektmanagement absolviert. Obwohl ich als Geisteswissenschaftlerin in einer naturwissenschaftlich orientierten Abteilung des Unternehmens arbeite, habe ich mich inhaltlich in mein Aufgabenfeld hineingefuchst und, wie gesagt, auch sehr gute Ergebnisse geliefert. Mit dem Abschluss dieses Arbeitsvertrags war ich auf Wolke 7, ich hätte nun zum ersten Mal in meinem Leben einen "richtigen" Job mit einer Bezahlung, von der ich auch leben kann.
Hätte.
Denn eine Woche nach Unterzeichnung des Vertrags, also diese Woche Montag, rief mich mein Chef in sein Büro und teilte mir mit, dass es auf der obersten Managementebene (die ist in GB und hat nicht viel mit uns in DE zu tun) wohl Missverständnisse gegeben habe und eine Vollzeitstelle nicht im Budget drin sei (Randnotiz: das Unternehmen ist mit sehr guten Resultaten durch Corona gekommen). Man könne mir aber einen Teilzeitvertrag anbieten mit denselben Konditionen wie der ursprüngliche Vertrag, nur halt weniger Stunden und zwei Dritteln des Vollzeitgehalts. Ich habe natürlich ja gesagt, denn einkommensmäßig stehe ich damit immer noch besser da als jetzt (vor allem bin ich damit nach Jahren endlich raus aus Hartz 4), der Unterschied zur Vollzeitstelle beträgt aber netto satte 500€ im Monat.
Nach dem Gespräch war ich erstmal wie weggetreten, bis dann am Dienstagabend in einem Telefonat mit meiner Mutter die Schleusen aufgingen und ich im Grunde zusammengebrochen bin. Ich weiß, dass sich das erstmal sehr dramatisch anhört, aber für mich ist mit dieser Vollzeitstelle ein jahrelanger Traum in Erfüllung gegangen: Ich habe den Mietvertrag für eine neue Wohnung unterschrieben, damit ich endlich mal aus meiner WG, in der ich weitgehend als billige Putzkraft ausgenutzt werde, rauskomme; ich hätte mir nach und nach neue Möbel kaufen oder einfach mal Klamotten shoppen können, ohne jeden Cent doppelt und dreifach umzudrehen. Ich hätte in Urlaub gehen und meinen Studienkredit in größeren Raten abbezahlen können.
Der Traum ist nun geplatzt. Die neue Wohnung kostet mich pro Monat ca. 150€ mehr als das WG Zimmer, den Studienkredit muss ich anfangen abzubezahlen, sonst wachsen mir allein die Zinsen über den Kopf. Unterm Strich werde ich unter diesen Umständen weniger Geld zum Leben übrig haben als bislang als Aushilfe auf Stundenbasis mit Hartz 4 zum Aufstocken. Letztlich werde ich mir eine 450€ Stelle suchen müssen, um über die Runden zu kommen.
Bitte versteht mich nicht falsch: Natürlich ist auch die Teilzeitstelle eine sehr viel bessere Option als meine Stelle jetzt und ich bin sehr dankbar, dass ich überhaupt eine Chance dieser Art bekommen habe. Aber der finanzielle Dämpfer zum einen und vielmehr noch der Vertrauensbruch und die Demütigung, den Vollzeitvertrag zurückgeben zu müssen, damit er vernichtet werden kann, nachdem ich ja auch schon - nach Absprache mit meinem Chef und der HR - einzelne Kollegen informiert hatte, dass ich ab Oktober in Vollzeit da sein werde, das macht mir das Herz schwer und ich bin hin- und hergerissen, wie ich mich verhalten soll.
Zum einen Frage ich mich (und Euch): Ist das denn rechtlich überhaupt zulässig? Also grundsätzlich ist ja nicht mal eine Kündigung erfolgt, mir wurde einfach gesagt, ich solle den ursprünglichen, von allen Seiten unterschriebenen Vertrag mitbringen, damit er vernichtet werden und ich den neuen Vertrag unterschreiben kann (ist noch nicht passiert). Mein jetziger Vertrag als Aushilfe auf Stundenbasis sieht eine eine Kündigungsfrist von vier Wochen vor, der neue von drei Monaten. Greift bei mir schon der gesetzliche Kündigungsschutz, auch wenn die Stelle ab Oktober einen anderen Charakter hat als die jetzige? Ich hätte einerseits solche Lust, mir einen Anwalt zu nehmen und die Vollzeitstelle rechtlich zu erzwingen.
Andererseits will ich ja endlich auch mal Fuß fassen im Arbeitsleben, ein regelmäßiges Einkommen und einen richtigen Job mit Perspektiven und Entwicklungsmöglichkeiten haben. Mein Chef meinte, dass meine Stelle auf jeden Fall eine Vollzeitstelle werden soll in der Zukunft; außerdem möchte er mich langfristig für eine Managmentposition in der Abteilung trainieren. Meinem Chef selbst glaube ich auch, dass er das wirklich meint. Die Schuld an der ganzen Situation liegt definitiv nicht bei ihm, das weiß ich. Allerdings frage ich mich nach dem ganzen Vertragsfiasko, worauf ich überhaupt noch vertrauen kann.
Wie würdet Ihr Euch in meiner Situation verhalten? Rechtliche Maßnahmen prüfen? Situation akzeptieren und das beste draus machen? Teilzeitvertrag unterschreiben, aber noch bestimmte Konditionen aushandeln (Steigerung des Gehalts/der wöchentlichen Stunden zu bestimmtem Zeitpunkt, in bestimmten Schritten, etc.)? Unterschreiben und was anderes suchen?
An alle, die bis hierher gelesen haben: God bless you, ich weiß, das ist ein halber Roman, aber die ganze Situation lastet mir sehr schwer auf dem Herzen und es hat schon gut getan, das einfach mal nieder zu schreiben.
Danke schonmal an alle, die jetzt auch noch antworten!![]()
Antworten
Ergebnis 1 bis 10 von 44
-
18.09.2020, 17:48
Kann mein Arbeitgeber vom Arbeitsvertrag zurücktreten? Vorsicht: Lang!
-
18.09.2020, 17:58Inaktiver User
AW: Kann mein Arbeitgeber vom Arbeitsvertrag zurücktreten? Vorsicht: Lang!
Wie sicher bist Du Dir bei dem Chef?
Ich habe durchaus auch schon erlebt, dass der, der die schlechte Nachricht verkünden musste, laut und klar alles aufgezählt hat, was besser nicht zu tun sei (Anwaltsbesuch......). Die Intention war sehr eindeutig, dass der, den die schlechte Nachricht traf, ganz genau wusse, wie er sich wehren konnte.
Das hat Dein Chef nun nicht getan.
Mal angenommen, Du wehrst Dich erfolgreich (falls das rechtlich geht, ich bin kein Jurist), verlierst Du dann die Unterstützung Deines Chefs?
Ich hatte das Problem übrigens einmal andersherum: Ich wollte einen zugesagten, aber nicht unterschriebenen Arbeitsvertrag nicht antreten und fand zu meinem Entsetzen heraus, dass allein die Zusage für mich bindend gewesen wäre, hätte der zukünftige Chef mich darauf festnageln wollen.
Laienhaft stelle ich mir vor, dass das andersherum auch so sein muss, und Du hast ja sogar schon eine Unterschrift auf dem Vertrag.
Generell: Gehe zu einem Anwalt - leihe Dir das Geld dafür, falls möglich.
-
18.09.2020, 17:59
AW: Kann mein Arbeitgeber vom Arbeitsvertrag zurücktreten? Vorsicht: Lang!
Es scheint ja so zu sein, dass du aufgrund deiner Erwerbsbiografie Schwierigkeiten bei der Arbeitssuche hast, jetzt scheinst du in diesem Unternehmen eine gute Chance zu haben. Wenn du in diesem Unternehmen mittelfristig was reißen willst, würde ich jetzt auf Rechtsmittel verzichten.
-
18.09.2020, 18:06
AW: Kann mein Arbeitgeber vom Arbeitsvertrag zurücktreten? Vorsicht: Lang!
Das würde ich wahrscheinlich auch.
Nicht dort was riskieren, wo es gerade (zum ersten Mal) gut läuft.
Trotz der Enttäuschung und des Vertrauensverlusts.
Teilzeit ist erst mal ein großer Schritt weiter und eine Sicherheit im Vergleich zu vorher.
Notfalls in ein anderes WG Zimmer gehen.
-
18.09.2020, 18:09Inaktiver User
AW: Kann mein Arbeitgeber vom Arbeitsvertrag zurücktreten? Vorsicht: Lang!
Ich denke, dass Du ganz gut bei der Sache wegkommst.
Auch wenn Du einer Vernichtung des ursprünglichen Vertrages und Abschluss eines Teilzeitvertrages nicht zugestimmt und auf Erfüllung gepocht hättest, was wäre dann wohl passiert? Die hätten Dich vermutlich gleich im ersten Monat in der Probezeit entlassen.
Was würde es bringen, ein Fass aufzumachen? Raus wärst Du dann ganz sicher, und zwar dauerhaft, denn auch Dein Chef könnte sagen: Ich kann nichts dafür, und sie weiß das; aber ich muss es ausbaden, wie soll ich dieser Mitarbeiterin da noch vertrauen können?
So sitzt Ihr beide im selben Boot, habt die gleichen Ziele und könnt das Beste daraus machen.
Dich wegbewerben kannst Du immer noch.
-
18.09.2020, 18:18Inaktiver User
-
18.09.2020, 18:19
AW: Kann mein Arbeitgeber vom Arbeitsvertrag zurücktreten? Vorsicht: Lang!
Hallo Sasainmz - ich wäre zunächst auch vorsichtig mit rechtlichen Schritten. Denn Du musst bzw. möchtest ja gerne lange dort arbeiten, und das mit einem guten Gefühl. Dass das jetzt natürlich schon einen Dämpfer bekommen hat, kann ich nachvollziehen.
Ich würde nochmals mit Deinem direkten Chef sprechen und mit ihm bereden, wie er seine Planung in einem Vertrag so aufnehmen kann, dass es sowohl für Dich als auch seinen Vorgesetzten passt. Wäre es für Dich gangbar, wenn Du ihm vorschlägst, die Anhebung auf Vollzeit jetzt schon im Vertrag zu fixieren? Sprich - Frau Sasa wird zum 01.10. mit 30 Stunden/Woche angestellt, zum 01.03.21 erhöht sich die Wochenarbeitszeit auf 40 Stunden/Woche, das Gehalt wird entsprechend angepasst.
Gibt es einen Betriebsrat im Unternehmen? Ich würde sagen, Deine bisherige Anstellung wird angerechnet, sprich, die Wartezeit, in der die Kündigung leicht erfolgen könnte, ist letztes Jahr schon abgelaufen. Das hieße, sie müssten Dir kündigen - in diesem Fall wäre es vermutlich eine Änderungskündigung, solltest Du Dich weigern, zu unterschreiben. Mit Betriebsrat, je nach Kaliber, entsprechend schwieriger.
Mitbringen würde ich den alten Vertrag erst, wenn Ihr eine Lösung habt und die neue Lösung von allen Seiten unterschrieben ist.
P. S. Wer hat den aktuellen Arbeitsvertrag unterschrieben? Nur Vertreter aus der Firma in D oder auch ein Vertreter aus UK? Nur aus Neugierde
-
18.09.2020, 18:22
AW: Kann mein Arbeitgeber vom Arbeitsvertrag zurücktreten? Vorsicht: Lang!
*gelöscht*
-
18.09.2020, 18:22Inaktiver User
AW: Kann mein Arbeitgeber vom Arbeitsvertrag zurücktreten? Vorsicht: Lang!
Deswegen Anwalt - Dein Chef muss gar nicht erfahren, dass Du einen Anwalt konsultierst, aber Du weißt dann besser über Deine Möglichkeiten Bescheid.
-
18.09.2020, 18:24
AW: Kann mein Arbeitgeber vom Arbeitsvertrag zurücktreten? Vorsicht: Lang!
Danke für Deine Antwort!
Ich bin mir ziemlich sicher bei meinem Chef, dass er die Vollzeitstelle für mich will, alleine zu seiner eigenen Entlastung, aber im Gesamtkontext nicht die Macht hat, die Entscheidung des obersten Managements beeinflussen zu können, das hat er auch selbst so gesagt.
Er ist ein wenig ein Zwitterwesen im Unternehmen, einerseits Teamlead in Zentraleuropa im regelmäßigen Austausch mit dem Management, andererseits ist er auch Betriebsrat. Ich kann ihm natürlich nicht in den Kopf schauen, aber ich sags mal so: Er ist viel zu verpeilt, um ein durchtriebener Mensch zu sein, und er hat als Betriebsrat durchaus eine stark ausgesprägte soziale bzw. menschliche Seite, er ist kein Zahlenfanatiker. Da wir nur kurz gesprochen haben - er ist immer irgendwie auf dem Sprung - kam das Thema, wie ich mich ggf. wehren könnte, nicht auf. Ich traue ihm aber schon zu, die Möglichkeiten zu kennen, sie mir auf Nachfrage zu nennen und mir auch eine ehrliche Einschätzung geben zu können, welche Erfolg ich damit haben könnte oder auch nicht.
Und Geld für einen Anwalt muss man sich auch mit wenig Geld nicht leihen, es gibt kostenlose Einmalberatungen in meiner Stadt bzw. für größere Angelegenheiten dann auch, wie überall, Prozesskostenhilfe. Ich denke, ich würde erstmal die Einmalberatung in Anspruch nehmen, wenn ich den Rechtsweg in Erwägung ziehen werde.



Zitieren

